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In Jesus habe ich alles, was ich brauche!

Predigtserie zum Kolosserbrief, Teil 2/6
10.07.2016Kolosser 2,6-15
SERIE - Teil 2 / 6Predigtserie zum Kolosserbrief
Was bedeutet es, wirklich in Jesus zu leben? Dieser Text zeigt: In Jesus hast du alles, was du brauchst – für Vergebung, Kraft und ein erfülltes Leben. Warum sind Regeln und coole Tricks oft nur Ablenkung von ihm? Wie hilft dir der Glaube, im Alltag wirklich zu wachsen? Und was macht das Kreuz zum ultimativen Sieg über Schuld und Angst? Bist du bereit, Jesus den ersten Platz in deinem Leben zu geben?

Einführung in das Thema: Die Größe Jesu erkennen

Wir sind heute Morgen wieder im Kolosserbrief unterwegs und kommen in Kapitel 2, Vers 6 an. Paulus möchte den Kolossern in diesem Text die Augen dafür öffnen, wie groß Jesus ist. Sie sollen begreifen, dass sie nicht länger an anderen Stellen suchen müssen. Ihr habt es gesungen: In Jesus habe ich alles, was ich brauche.

Zunächst lesen wir diesen Text, Kolosser 2, ab Vers 6, und ich lese bis Vers 15:

„Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in ihm, gewurzelt und auferbaut in ihm und gefestigt im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, indem ihr überreich seid in Danksagung. Seht zu, dass euch niemand einfängt durch die Philosophie und Lehren, durch Betrug nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid in ihm zur Fülle gebracht. Er ist das Haupt jeder Gewalt und jeder Macht. In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschehen ist, sondern im Ausziehen des fleischlichen Leibes, in der Beschneidung des Christus. Mit ihm seid ihr begraben in der Taufe, in ihm auch mit auferweckt, durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat. Und auch ihr, die ihr tot wart in den Vergehungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, hat er mit lebendig gemacht – mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat. Er hat den Schuldschein gegen uns gelöscht, der in Satzungen bestand und gegen uns war, und ihn aus unserer Mitte fortgeschafft, indem er ihn ans Kreuz nagelte. Er hat die Gewalten und Mächte völlig entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. In ihm hat er den Triumph über sie gehalten.“

Ihr merkt, das ist ein relativ dichter Text. Eine Gliederung für diesen Text habe ich nicht hinbekommen, aber einen Leitsatz. Dieser Leitsatz lautet: In Jesus habe ich alles, was ich brauche. Ihr habt es schon geahnt nach diesem Lied.

Grundlegende biblische Prinzipien und ihre praktische Umsetzung

Das ist typisch für Paulus: Er spricht zunächst über biblische Grundlagen und zeigt anschließend, wie man diese im Alltag umsetzen kann. Er fragt sozusagen: Was mache ich jetzt mit dieser biblischen Grundlage? Wie setze ich das in meinem Alltag um? Wie lebe ich das, was ich gelernt habe?

So macht Paulus es auch in unserem Text. Ich habe Vers 6 gelesen. Dort beginnt er mit dem, wie ihr Christus empfangen habt – es geht also um die biblischen Grundlagen, wie ihr sie auch hinter mir sehen könnt. Dann geht Paulus über unseren Text hinaus. Das seht ihr jetzt nicht mehr auf der Wand, aber in Vers 16 sagt er: „So richte euch nun niemand.“ Das ist seine Schlussfolgerung aus der Grundlage dieses Textes, über den wir heute Morgen hier sprechen.

Nach meiner Überzeugung schreibt Paulus unsere heutigen Verse, weil die Kolosser gemerkt haben: Ich schaffe es nicht, so zu leben, wie die Bibel es mir zeigt. Ich bemühe mich zu lieben, aber oft merke ich, wenn ich ehrlich bin, dass es doch meistens um mich selbst geht. Ich bemühe mich, dem anderen wirklich von Herzen etwas zu gönnen, aber wenn ich ehrlich bin, dann merke ich, dass noch viel Neid in meinem Leben ist.

Ich will mich nicht vom Reichtum bestimmen lassen, ich will mich nicht von Schönheit bestimmen lassen, ich will mich nicht vom Spaß bestimmen lassen, wie mein nichtchristliches Umfeld. Aber leider sind diese Dinge mir oft sehr wichtig, manchmal sogar wichtiger als Gottes Plan für mein Leben.

Das war das Dilemma, in dem die Kolosser standen. Sie suchten nun Hilfe, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Doch das Problem war: Sie suchten diese Hilfe an der falschen Stelle.

Leben in Christus als Antwort auf das Dilemma

Bevor Paulus mit den Gläubigen darüber spricht, wo sie suchen sollen, bringt er in Vers 6 und 7 zunächst einen grundlegenden Gedanken vor. Er sagt dort: „Wie ihr den Herrn Jesus empfangen habt, so lebt in ihm“ oder „wandelt in ihm“, je nachdem, wie man es übersetzt.

Ich habe den Herrn Jesus empfangen, als ich ihn in mein Leben eingeladen habe. In dem Moment habe ich gesagt: Herr Jesus, ich möchte, dass du ab heute der Herr in meinem Leben bist. Ich habe den Herrn Jesus empfangen, als ich ihm meine Lebensschuld bekannt habe und deutlich gemacht habe, dass ich seine Vergebung brauche.

Was habe ich in diesem Moment geleistet? Nichts, außer dass ich Gottes großes Vergebungsgeschenk angenommen habe. Paulus formuliert das noch einmal in Epheser 2,8: „Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben.“ Und er betont: „Und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühmt.“

Ich glaube, das ist ein Satz, den wir gerne unterschreiben. Natürlich wissen wir, dass wir nichts tun können, um das Heil zu erlangen. Aber wenn es dann darum geht, mit Jesus zu leben, werden wir sehr schnell von unserem vielleicht auch deutschen Leistungsdenken eingeholt.

Ich habe in einem Buch von Thomas Harry gelesen, dass er dort schreibt: „Wir als freikirchliche Christen sind von einer Lebenshaltung geprägt, die den reformatorischen Grundsatz ‚allein aus Gnade‘ über Bord wirft. Wir halten zwar mit Überzeugung daran fest, dass wir nichts zu unserer Erlösung beitragen mussten. Jetzt aber, wo wir sie haben, sollten wir etwas Anständiges tun. Wir müssen Gott beweisen, dass er die Richtigen erlöst hat, nämlich diejenigen, die sich mit aller Kraft im Leben wie im Glauben einsetzen.“

Ich habe gedacht, dieser Satz hat etwas Wahres. So formulieren wir es vielleicht nicht direkt, aber ich denke, dass wir oft so denken. Deshalb muss Paulus uns daran erinnern: „Er lebt mit dem Herrn Jesus.“

Wie ihr ihn empfangen habt – das ist ein Vergleich. Auf der einen Seite habe ich ihn so empfangen, auf der anderen Seite soll ich mit ihm leben. Das bedeutet natürlich, dass Heiligung ein Veränderungsprozess ist. Aber wenn ich mit Jesus unterwegs bin, kann ich Heiligung nicht aus eigener Kraft schaffen.

Die gute Nachricht ist: Ich muss das auch gar nicht. Gott möchte mich verändern. Meine Aufgabe ist es, gehorsam zu sein, mit offenen Händen dazustehen und damit zu rechnen, dass der Herr Jesus in mir Veränderung bewirken kann. Nur er kann es schaffen, dass mein Leben dem Herrn Jesus ähnlicher wird.

Die zentrale Rolle von Jesus im Glaubensleben

Das Schlüsselwort in diesem Abschnitt ist „in ihm“ beziehungsweise „mit ihm“. Es kommt in diesen zehn Versen neunmal vor. Ihr könnt das nach dem Gottesdienst gerne nachzählen.

Es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen, was ich in Jesus alles habe. Zum Beispiel bin ich in ihm gerechtgesprochen. Ich bin ein Erbe des Himmels, der Jesus in mir erlebt. Paulus sagt: „Ich habe es euch gelehrt“, so steht es hier an der Wand. Ihr müsst in Jesus eure Wurzeln haben und euer Leben auf Jesus aufbauen. Dann werdet ihr auch nicht so schnell von Irrlehren weggeblasen, weil ihr im Glauben gefestigt seid, wie es hier heißt.

In Jesus habe ich wirklich alles, was ich brauche. Paulus betont hier noch einmal, dass ihr eigentlich vor Dankbarkeit nur so platzen und überfließen müsstet. Öffnet die Augen für das, was ihr alles in Jesus bekommen habt. Dann sucht ihr nicht mehr an anderen Quellen.

Das war das Problem der Kolosser. Sie hatten sich nicht mehr bewusst gemacht, was sie in Jesus hatten. Deshalb standen sie in der Gefahr, von Jesus weggeführt zu werden. Sie hatten nicht begriffen: In Jesus habe ich alles, was ich brauche. Deshalb brauche ich auch nicht mehr an anderen Orten zu suchen.

Die Gefahr falscher Lehren und Philosophien

In ihrem Umfeld waren Leute mit solchen „Packungen“ unterwegs. Jetzt zahlen sich die Plätze vorne aus, denn so kann man noch erkennen, was daraufsteht. Das ist also der achte Vers, und dort geht es um Philosophie.

Leute mit diesen „Packungen“ waren wie mit einem Köder unterwegs und sagten: „Putz, putz, putz, nun beiß doch mal an! Guck mal, ganz lecker, musst du unbedingt probiert haben.“ Da die Kolosser jedoch nicht wussten, was sie in Jesus hatten, haben sie ein bisschen gerochen und gesagt: „Ja, das riecht richtig gut, also das sollte man wirklich mal probiert haben.“

Wenn Paulus hier von Philosophie spricht, dann glaube ich nicht, dass er Philosophie per se, also grundsätzlich, meint. Ihr habt ja am letzten Sonntag gehört, dass er selbst die Philosophen auf dem Areopag in Athen zitiert – und nicht nur dort. Im Titusbrief zitiert er zum Beispiel Polybius, baut auf dessen Zitat einiges auf. Paulus musste diese Philosophen also gekannt und gelesen haben, und er ging auch mit ihnen um.

Das finden wir auch im christlichen Bereich. Ihr kennt alle die Wette von Blaise Pascal, das ist ein philosophischer Gedanke. Wenn ihr C.S. Lewis gelesen habt, wisst ihr, dass er philosophisch denkt, dabei aber Christ ist. Paulus geht es hier vor allem darum, dass er sich von dieser Art der Philosophie, um die es hier geht, nicht einfangen lassen will.

Denn diese Art von Philosophie ist auf Lehrbetrug gegründet. Wir wissen natürlich nicht genau, welche Lehren Paulus hier meint, aber wahrscheinlich haben die Kolosser sich von dieser Philosophie Erkenntnis erhofft, wie sie besser für Gott leben können. Die Lehren sahen von außen toll aus, sie hörten sich stimmig an, standen aber im Gegensatz zu Gottes Gedanken.

Das ist ähnlich wie bei der Biologie: Wenn du Biologie studierst, staunst du über Gottes Größe in der Schöpfung. Aber zur Biologie gehört auch die Evolutionstheorie. Wenn du die studierst, merkst du zuerst, dass sie unlogisch ist. Und zweitens, und das ist das Wichtige, widerspricht sie ganz klar dem Wort Gottes.

Auch hier würde Paulus sagen: Lass dich von dieser Art Biologie nicht einfangen – so wie er hier sagt: Lass dich von dieser Philosophie nicht einfangen. Wenn du diese Philosophie anschaust, würdest du sagen: „Hey, da ist ja gar nichts drin. Das ist ja eine Mogelpackung. Sieht zwar super aus von außen, aber drin ist nicht das, was versprochen wurde.“

Dann machst du es wie ein guter deutscher Verbraucher: Du drehst die Packung um und schaust, was überhaupt im Inhaltsverzeichnis steht. Paulus beschreibt die Rückseite dieser Verpackung. Er sagt, da sind zwei Dinge drin: Zum einen die Überlieferung.

Wir erinnern uns an den Herrn Jesus, der in Matthäus 15, Vers 3 sagt: „Die Schriftgelehrten folgen der Überlieferung der Ältesten und übertreten dabei das Gebot Gottes.“ Es geht also um religiöse Gebote, die Gott gar nicht will.

Zum anderen gibt es noch die sogenannten „Elemente der Welt“, die in Vers 20 auftauchen. Es ist immer gut, eine Bibel dabei zu haben, dann sieht man nicht nur, was auf dem Beamer steht, sondern auch später Vers 20. Dort sind die Elemente eine Grundlage für einen Regelkatalog. Du wirst dort lesen: „Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht.“

Die Antwort auf meine Unfähigkeit, Gott zu dienen und ihn zu lieben, wird hier also mit Regeln beantwortet. Du musst bestimmte Regeln halten, dann wird das schon funktionieren. So sind wir Menschen gestrickt, vielleicht ganz besonders wir Deutsche. Wir lieben Regelkataloge.

Als ich bei der Bundeswehr war, weiß ich noch, dass immer jemand sagte: „Dafür muss es doch eine Vorschrift geben!“ – und wenn es keine gab, war das ein Problem. So sind wir oft gestrickt. Das gibt uns Sicherheit und hilft uns auch, uns mit anderen zu vergleichen, die schlechter sind als wir. Das ist immer wichtig – dass die anderen schlechter sind.

Aber Gott will eine Beziehung zu uns, keinen Regelkatalog. Er will, dass wir das, was wir tun, aus Liebe zu ihm tun – und nicht, weil wir eine Liste abarbeiten. Er will nicht, dass wir uns anstrengen, um uns selbst zu beweisen, wie gut wir sind. Das können wir relativ gut.

Paulus sagt, diese Prinzipien hier – so sieht ihr es – sind nicht Christus-gemäß. Das bedeutet, diese Prinzipien passen nicht zum Herrn Jesus. Ich könnte es auch anders formulieren: Das ist Irrlehre.

Irrlehre führt immer in die Irre. Deswegen heißt sie so. Das bedeutet, ich verliere die geistliche Orientierung. Wenn dich jemand in die Irre führt, stehst du plötzlich an einem Punkt und weißt gar nicht mehr, wo du bist.

Mir ist das schon ein paar Mal so gegangen. Das ist ein ziemlich doofes Gefühl. Damals gab es noch Karten, kein GPS. Du hast eine Karte in der Hand, denkst: „Wow, die sieht richtig bunt aus!“ – aber keine Ahnung, wo ich hier bin auf dieser Karte, gar kein Bezug. Dahin führt mich letztendlich eine Irrlehre.

Irrlehre fällt immer auf fruchtbaren Boden, wenn ich Gottes Wort nicht kenne. Logisch. Dann lasse ich mir ein X für ein U vormachen. Jemand sagt: „Das hier ist eben der und der Buchstabe.“ Vielleicht steht es irgendwo in der Bibel, mag ja sein. Ich falle auch ziemlich schnell auf Irrlehre herein, wenn ich Antworten auf Probleme neben Jesus suche.

Die Kolosser sind ein gutes Beispiel dafür. Ich denke da zum Beispiel an den Gedanken: „Was ich jetzt brauche, um richtig Power in meinem geistlichen Leben zu haben, ist das Feuer des Geistes. Wenn das auf mich fällt, habe ich geistliche Energie und kann den Nachschubbremser einschalten.“

Das ist Irrlehre, denn der biblische Weg ist: Ich lasse mich von Jesus Tag für Tag verändern. Das ist ein Prozess, kein Ereignis. Diesen Prozess beschreibt Paulus in Galater 5, wenn er sagt: Hier wird Frucht des Geistes in deinem Leben sichtbar.

Der Herr Jesus sagt einmal von seinem Geist: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Er fokussiert den Blick auf sich.

Irrlehre kann in meinem Leben auch wachsen, wenn ich ein Defizit empfinde und diesen Hunger nicht bei Jesus stille. Wenn in eine Gemeinde Irrlehre eindringt, dann ist es – ich weiß nicht, ob ich mich zu sehr aus dem Fenster lehne – ich glaube, es ist immer so, dass ein empfundenes Defizit da ist. Dieses Defizit versucht man dann woanders zu stillen.

Irrlehre greift auch dann, wenn ich mich bewusst dem Wort Gottes verschließe und sage: „Ich habe das wohl erkannt, aber ich will das nicht tun.“ Dann sagt Paulus in 2. Thessalonicher 2, Vers 11: „Gott gibt ihnen eine Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben.“ Das ist ein sehr guter Boden für Irrlehre.

Wenn ich es nochmal zusammenfasse: Das Evangelium stellt immer Jesus ins Zentrum – so wie Paulus das hier in diesem Text macht. Irrlehre macht immer etwas anderes zum Zentrum. Plötzlich ist da ein Zentrum neben Jesus.

Deshalb ist Verführung weitaus gefährlicher als Verfolgung. Ich las den Satz: „Verfolgung eint die Gemeinde. Kommt Druck von außen, kann man kleine Streitigkeiten endlich mal begraben, weil man richtigen Druck bekommt. Verführung spaltet Gemeinde. Verfolgung lässt das Echte hervortreten, Verführung lässt das Unechte triumphieren.“

Ich glaube, das ist wahr. Deshalb will Paulus durch seine Zeilen hier zu Jesus hinführen. Interessant finde ich, dass er sich nicht Vers für Vers über die Verführungen auslässt – das würden wir jetzt machen, Newsletter über Newsletter schreiben, was da alles falsch ist. Das macht Paulus nicht, weil es nicht weiterbringt.

Er sagt in Vers 9: „In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ Wenn du den Herrn Jesus siehst, dann siehst du, wie Gott ist. Ich habe mir das mal so vorgestellt: Ich habe hier eine Schale mit Wasser. Was Paulus hier im Grunde sagt, ist: Diese Schale ist der Herr Jesus, und in ihm ist die Fülle der Gottheit, also Gott leibhaftig drin.

Da das Leben des Herrn Jesus so transparent ist, siehst du hundertprozentig in seinem Gesicht Gott selbst. Du siehst – so sagt der Hebräerbrief – seinen Charakter. Du siehst Gottes Charakter, wenn du das Leben des Herrn Jesus anschaust.

Das gleiche Prinzip gilt auch für mich. Paulus sagt hier: Auch du bist in Christus. Bei mir sieht es vielleicht anders aus, ich sehe so aus, wie ich aussehe, aber ich bin in Jesus. Das ist die Tatsache, die Gott schafft.

Das heißt, ich komme hier im Grunde genommen rein, nur sieht man, wenn man mich sieht, nicht unbedingt den Herrn Jesus. Aber das ist, was der Herr Jesus sagt in Johannes 15, Vers 4, wo er sagt: „Bleibt in mir.“ Das ist so entscheidend wichtig.

Jetzt kommt ein Prozess, und dieser Prozess heißt, dass Gott mein Leben verändert. Er verändert mein Leben, indem er einfach den Lack abkratzt. Wenn er den Lack von meiner Flasche abkratzt, kannst du immer mehr ihn selbst erkennen.

Das ist ein lebenslanger Prozess. Ja, der Lack ist ab – da sind wir vorsichtig, da muss ja der Lack irgendwie draufbleiben, damit die Leute denken: „Hey, da ist ein besonders Heiliger oder so.“ Aber ich bin in Christus, das ist, was Gott getan hat. Das sind Heilstatsachen.

Ich habe vor längerer Zeit euch mal 1. Korinther 1,30 zitiert. Paulus sagt den Korinthern: „Aus ihm aber kommt es, dass ihr in Christus seid.“ Also aus Gott kommt es, dass er diese Flasche dort hineingetan hat.

Merkt, da laufen Dimensionen zusammen, die wir gar nicht so begreifen können. Aber vielleicht können wir es uns so vorstellen, dass der Herr Jesus bei meiner Wiedergeburt in mich hineingekommen ist. Je mehr ich Gott an meinem Lack kratzen lasse, desto mehr wird der Herr Jesus in meinem Leben sichtbar.

Die Leute sehen dann nicht mehr mich, sondern sie sehen ihn. Meine Aufgabe ist es, zur Seite zu treten. Meine Aufgabe ist es, Gott sein Werk tun zu lassen.

Johannes der Täufer formuliert es mal sehr schön, wenn er sagt: „Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.“ Man könnte auch sagen: Der Herr Jesus in mir muss sichtbarer werden, ich muss unsichtbarer werden.

Paulus sagt dasselbe mit anderen Worten, nur in Römer 6, Vers 19. Dort sagt er: „Stellt Gott eure Glieder zur Verfügung zur Heiligkeit.“ Also stellt euch dem Herrn Jesus zur Verfügung, damit er sein Leben durch euch leben kann und sein Leben in euch sichtbar wird.

Das heißt praktisch, dass ich sage: „Jesus, dem Max kann ich nicht freundlich begegnen, aber ich danke dir, dass du in mir freundlich bist. Jetzt rechne ich mit dir und gehe auf ihn zu.“ Ich stelle also meine Glieder ihm zur Verfügung. Den Rest muss der Herr selbst tun.

Das sind Momente, die mich meinen Stolz kosten. Da wird am Lack gekratzt. Aber es geht nicht darum, dass am Lack gekratzt wird, sondern darum, dass da etwas sichtbar wird hinter diesem Lack – dass da jemand anders lebt, als ich es normalerweise tun würde.

So wird das Leben des Herrn Jesus auf diese Art und Weise in meinem Alltag sichtbar.

Die Fülle des Lebens in Jesus

Was bedeutet das für mein Leben? Ich bin in Jesus zur Fülle gebracht – das ist, was Paulus hier sagt. Schon der alttestamentliche Schreiber sagt: Wenn ich nur dich habe, dann frage ich nichts mehr nach Himmel und Erde. Hätte er im Neuen Testament gelebt, hätte er verstanden: Herr Jesus, wenn ich nur dich habe, dann brauche ich nichts anderes mehr.

Deshalb ist es so wichtig, dass ich mich damit beschäftige, welche Grundlagen Gott in meinem Leben geschaffen hat und was er in meinem Leben getan hat. Sonst kann ich das Leben, das ich habe, nicht wirklich leben.

Die Kolosser waren nicht nur unterwegs mit ihrer Philosophie, also um Erkenntnis zu sammeln und vielleicht besser für Jesus leben zu können. Ihnen ging es natürlich auch um die Kraft, die sie brauchten, um in ihrem Alltag anders leben zu können.

Wir wissen nicht genau, wovon Paulus redet, wenn er hier von Mächten und Kräften in Vers 10 spricht. Aber eins ist klar: Paulus zeigt, dass Jesus größer ist als jede Gewalt und Macht. Gewalt und Macht werden hier negativ verstanden, denn in Vers 15 steht: Diese Mächte sind besiegt. Wäre es positiv gemeint, würde Vers 15 überhaupt keinen Sinn ergeben.

Ich weiß nicht, was hier im Hintergrund steht. Vielleicht haben die Kolosser sich wirklich an Geistesmächte gehängt, entweder weil sie von diesen Mächten Kraft für ihr Leben erhofft haben oder weil sie sich komplett geistlich verlaufen hatten. Sie haben sich also auf Dinge eingelassen, bei denen man von außen sagen würde: Mensch, ihr lieben Kolosser, was macht ihr da eigentlich? Sie wollten überirdische Mächte erleben, die aber nichts mehr mit dem Evangelium zu tun hatten.

Hier macht Paulus auch deutlich: In Jesus habe ich alles, was ich brauche. Er ist stärker als jede Macht dieser Welt. Deshalb brauche ich an seiner Seite keine Angst zu haben. Ich darf die wirksame Kraft Gottes glauben – so lesen wir es in Vers 12. Glaubt an die wirksame Kraft Gottes!

Diese Kraft, so begründet Paulus, hat den Herrn Jesus von den Toten auferweckt. Sie ist auch in der Lage, mein Leben so umzugestalten, dass sein Leben in meinem Alltag sichtbar wird. Dazu muss ich mich nicht an Gewalten und Mächte hängen, denn in Jesus habe ich alles, was ich brauche.

Die Bedeutung von Beschneidung und Taufe als Symbole des Lebens in Christus

Ab Vers 11 zeigt Paulus durch zwei Vergleiche und eine Illustration noch einmal, dass er in Jesus wirklich alles hat, was er zum Leben mit ihm braucht – und auch für ein Sterben in Hoffnung. Diese Hoffnung kann nur der erleben, der mit Jesus unterwegs ist.

Die beiden Vergleiche sind Beschneidung und Taufe. Danach folgt eine Illustration: der Schuldschein. Illustration deshalb, weil ich mir vorstellen muss, dass dieser Schuldschein nicht wirklich irgendwo hängt.

Zunächst redet Paulus in Vers 11 über die Beschneidung. Wenn ich in Jesus bin, ist es egal, ob ich äußerlich beschnitten bin oder nicht. Wichtig ist, sagt Paulus, dass ich innerlich beschnitten bin. Und das geschieht nicht mit einem Skalpell. Die Beschneidung bedeutet hier, dass Gott mein Fleisch weggeschnitten hat. Mit „Fleisch“ meint die Bibel meine sündige Natur, die mich beherrscht hat.

Wenn ich also in Jesus bin, hat diese sündige Natur in meinem Leben nicht mehr die Macht, mich zu beherrschen. Ich muss nicht mehr das tun, „wozu meine Lust mich reizt“. Diejenigen, die heute Morgen im Jakobusbrief dabei waren, erinnern sich: Dort laufen die beiden Texte ineinander.

Mir gefällt die Aussage von Coritin Bohm, die einmal gesagt hat: „In Jesus zu sein heißt, aus sich selbst heraus zu sein.“ Das stimmt. In Jesus zu sein heißt, in der Fülle zu leben und seinen Durst nicht mehr an den abgestandenen Wassern dieser Welt stillen zu wollen.

In Jesus zu sein heißt auch, zu wissen: Ich habe Frieden mit Gott. Ich habe eine Freude, die da ist, auch wenn die Umstände schwierig sind. Und ich habe eine Hoffnung, die es in dieser Welt kein zweites Mal gibt. Denn ich werde die Ewigkeit mit dem Herrn Jesus verbringen. Das sind Zukunftsaussichten, für die es sich wirklich lohnt zu leben.

Wenn ich begriffen habe, was ich in Jesus alles habe, dann können auch die Angebote meines nichtchristlichen Umfeldes mich nicht mehr so sehr reizen. Wenn du richtig hungrig bist und an McDonald's vorbeiläufst, ist die Versuchung vielleicht größer, dort einen Megaburger zu essen. Wenn du aber aus einem guten Restaurant kommst, beeindruckt dich die Fast-Food-Speisekarte nicht mehr so sehr.

Wenn ich satt bin, werde ich meinen Hunger nicht irgendwo fast-food-mäßig stillen. Das ist es, was Paulus deutlich machen will: Leute, ihr habt so viel in Jesus. Warum sucht ihr dann mit irgendwelchen Kräften an anderer Stelle?

Paulus wechselt den Vergleich und geht ins Neue Testament. Er nimmt die Frauen mit ins Boot, denn Beschneidung ist äußerlich eher eine männliche Handlung. Ab Vers 12 spricht er über die Taufe. Er erinnert daran: Wenn du unter Wasser gedrückt wirst – bei der Taufe – hast du deutlich gemacht, dass du tot bist für die Sünde.

Wenn du aus dem Wasser auftauchst, wird deutlich, dass Jesus in dir lebt. Vielleicht denkst du: „Das hat er doch eben schon gesagt, oder?“ So ist es im wirklichen Leben. Man versucht, dieselben Dinge mit verschiedenen Vergleichen zu erklären. Der eine versteht es bei dem einen Vergleich besser, der andere bei dem anderen. So macht Paulus das auch hier. Er bringt einen zweiten Vergleich mit der gleichen Grundaussage, der gleichen Wahrheit.

In Vers 13 stellt Paulus fest: „Ihr wart tot in euren Vergehungen und eurem unbeschnittenen Fleisch.“ Hier geht es noch einmal um die Trennung von Gott und um die Unfähigkeit, das Leben, das Jesus in mir schaffen möchte, im Alltag zu leben. Aber auch hier ist die Antwort wieder: In Jesus habe ich alles, was ich brauche.

Zunächst fokussiert Paulus auf die Trennung. Er sagt: Diese Trennung zwischen Gott und mir hat der Herr Jesus aufgehoben. Er hat eine Beziehung zu Gott wieder möglich gemacht. Diese Trennung ließ mich hoffnungslos dastehen, weil das Fest im Himmel ohne mich stattfindet und ich kein Ticket habe – und mir dieses Ticket auch nicht erarbeiten kann, egal wie sehr ich mich anstrenge.

Paulus sagt: Diese Trennung besteht, weil es einen Schuldschein gibt, eine Rechnung, die ich bezahlen muss. Für eine einzige Sünde ist die Strafe die Trennung von Gott. Wenn ich ab dem Tag meines fünften Lebensjahres – das ist für viele von uns schon eine Weile her – zweimal pro Tag gegen Gottes Wort, also gegen die Satzungen, von denen Paulus hier spricht, sündige, und ich sollte achtzig Jahre alt werden, dann stehen auf meinem Schuldschein 54.000 Sünden. Denn nur zweimal pro Tag gegen Gottes Satzungen zu leben, ergibt diese Zahl.

Paulus sagt weiter, dass Jesus den Schuldschein, der gegen uns stand, aus der Mitte getan hat. Er hat ihn buchstäblich an das Kreuz genagelt. Denn Gott hat seinen Sohn für meine Schuld ans Kreuz genagelt. Jesus hat meine Schuld auf sich genommen, er hat meine Sünde zu seiner Sünde gemacht und dafür die Strafe getragen.

Er hat die Trennung von Gott durchlebt, die ich, wenn ich zu Jesus gehöre, niemals durchleben werde. Der Hebräerbrief sagt einmal, Jesus habe aus Gottes Gnade für alle den Tod geschmeckt. Ich werde ihn in dem Sinne nicht mehr schmecken – im Sinne von ewiger Trennung von Gott. Auch wenn ich noch körperlich sterbe, wenn ich Gottes Vergebung angenommen habe, werde ich diese Finsternis nicht mehr erleben, weil es keinen Schuldschein mehr gibt.

Als Jesus vor den Toren Jerusalems an diesem Kreuz starb, wurde durch seinen Tod deutlich, was Paulus hier sagt: Alle Mächte und Gewalten sind besiegt. Diese Mächte konnten ihn nicht im Tod halten, weil er selbst nicht gesündigt hat.

Wenn du das Forum Romanum besuchst, wirst du sehen: Dort gibt es drei Triumphbögen. Mittendrin steht der Triumphbogen von Titus, wie er über die Juden gesiegt hat. Diese Triumphbögen sprechen von vergangenen Siegen. Sie wurden errichtet, um deutlich zu machen: Hier ist ein Sieg durch uns, die Römer, passiert.

Das Kreuz von Golgatha, so sagt Paulus hier, ist der Triumphbogen Gottes. Es ist der größte aller Siege, die je auf dieser Erde geschehen sind. Wisst ihr, was das Beste ist? Dieser Sieg ist nicht nur Vergangenheit. Wenn ich vor dem Bogen des Titus stehe, weiß ich: Okay, das ist damals passiert, hat aber für heute keine Relevanz mehr.

Der Triumphbogen Gottes hat eine ganz große Relevanz. Jesus hat die Gewalten und Mächte völlig entwaffnet. Damit darf ich heute in meinem Alltag rechnen. Früher mussten die Verlierer hinter den Siegern hinterher trotten. Wenn es einen Sieg gab und eine Feier, um deutlich zu machen: Der Feind ist besiegt, er ist wehrlos.

Ich habe manchmal den Eindruck, bei manchen Sünden habe ich es mit Mächten zu tun, weil ich massiv bedrängt werde. Deshalb vergiss das nie: Der Feind Gottes ist besiegt. Er kann noch einzelne Gefechte gewinnen, aber er hat den Krieg schon jetzt verloren. Seine Niederlage steht fest.

Wenn Jesus kommt, ist Satans Macht gebrochen. Du bist frei und kannst der Sünde widerstehen, weil du auf der Seite des Stärkeren stehst. 1. Johannes 3,8 sagt: „Der Sohn Gottes ist offenbar geworden, damit er die Werke des Teufels zerstöre“ – auch in deinem Leben.

Damit darfst du rechnen: Er ist der Sieger. In Jesus habe ich alles, was ich brauche – darum ging es heute Morgen.

Zusammenfassung und Schlussgedanken

In Jesus hast du alles, was du brauchst – sowohl im Hinblick auf dein Heil als auch auf deine Heiligung. Dieser Grundsatz bleibt derselbe.

Gott schenkt dir seine Gnade dazu. Gnade bedeutet, dass Gott dir das gibt, was du nicht verdient hast und dir auch nicht verdienen kannst, egal wie sehr du dich anstrengst.

Ein zweiter Grundgedanke heute Morgen war, dass Paulus sagt: Fall nicht auf Irrlehren herein, die dich von Jesus wegführen und dich orientierungslos durchs Leben treiben lassen. Häng dich nicht an leere Philosophien, die dir erzählen, dass du durch Regeln eine bessere Beziehung zu Jesus bekommst oder durch fragwürdige Kräfte, bei denen du irgendwelche Mächte erlebst.

Nein, sagt er, in Jesus wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Und das Beste daran ist: Ich bin in Jesus zur Fülle gebracht. Mehr brauche ich nicht und mehr will ich auch nicht. Denn das Kreuz ist der Triumphbogen Gottes, der durch alle Zeiten hindurch Gottes Sieg über meine Schuld, aber auch Gottes Sieg über meine Unfähigkeit verkündet.

Deshalb will ich mir das immer wieder bewusst machen: In Jesus habe ich alles, was ich brauche. Amen.