Ich habe heute an Psalm 106 gedacht. Psalm 106 ist etwas länger als die Psalmen, die wir in den vergangenen Tagen betrachtet haben.
Ich habe diesen Psalm mit dem Titel „Der Blick in den Rückspiegel – lerne aus deiner Vergangenheit, lebe vom Ziel her“ überschrieben.
Zu Beginn möchte ich diesen Psalm lesen.
Einführung in den Psalm und Lobpreis Gottes
Halleluja, preist den Herrn, denn er ist gut, denn seine Gnade währt ewig.
Wer wird alle die Machttaten des Herrn erzählen und seinen Ruhm verkünden? Glücklich sind die, die das Recht bewahren und jederzeit Gerechtigkeit üben.
Gedenke, mein Herr, in deiner Zuneigung an dein Volk. Suche mich heim mit deiner Hilfe, damit ich das Glück deiner Auserwählten sehe, mich an der Freude deiner Nation erfreue und mich mit deinem Erbteil rühme.
Erinnerung an die Verfehlungen Israels und Gottes Rettung
Wir haben gesündigt, ebenso wie unsere Väter. Wir haben Unrecht getan und gottlos gehandelt.
Unsere Väter in Ägypten erkannten deine Wunder nicht. Sie gedachten nicht der Vielzahl deiner Gnadenerweise. Am Meer, am Schilfmeer, waren sie widerspenstig.
Doch Gott rettete sie um seines Namens willen und um seine Macht zu zeigen. Er bedrohte das Schilfmeer, und es wurde trocken. So ließ er sie durch die Fluten gehen wie durch eine Wüste.
Er befreite sie aus der Hand dessen, der sie hasste. Er erlöste sie aus der Hand des Feindes, und das Wasser bedeckte ihre Verfolger. Keiner von ihnen blieb übrig.
Daraufhin glaubten sie seinem Wort und sangen sein Lob. Doch schnell vergaßen sie seine Taten und warteten nicht auf seinen Rat.
Sie gierten voller Begierde in der Wüste und versuchten Gott in der Einöde. Da erfüllte er ihre Bitte, aber er sandte Schwindsucht in ihre Seele.
Sie wurden eifersüchtig auf Mose im Lager und auf Aaron, den Heiligen des Herrn. Die Erde tat sich auf, verschlang Dathan und bedeckte die Rotte Abirams.
Ein Feuer brannte unter ihrer Rotte, und eine Flamme verzehrte die Gottlosen.
Abfall durch Götzendienst und Gottes Eingreifen
Sie machten ein Kalb am Horeb und beugten sich vor einem gegossenen Bild. Sie vertauschten ihre Herrlichkeit mit dem Bild eines Stieres, der Gras frisst. Dabei vergaßen sie Gott, der sie rettete und große Dinge in Ägypten getan hatte, Wunder im Land Hams.
Furchtbares geschah am Schilfmeer. Gott gedachte, sie auszurotten. Wäre Mose nicht eingetreten, wäre Mose nicht sein Erwählter gewesen, der in die Bresche trat, um seinen Grimm vom Verderben abzuwenden.
Sie verschmähten das köstliche Land und glaubten nicht seinem Wort. Sie murrten in ihren Zelten und hörten nicht auf die Stimme des Herrn. Daraufhin erhob er seine Hand gegen sie, um sie in der Wüste niederzuschlagen. Er wollte ihre Nachkommenschaft unter den Nationen zu Fall bringen und sie in die Länder zerstreuen.
Sie hängten sich an Baal-Peor und aßen Schlachtopfer der Toten. So erbitterten sie ihn durch ihre Taten, und eine Plage brach unter ihnen aus. Da stand Pinhas auf und übte Gericht. Der Plage wurde Einhalt geboten.
Dies wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet von Generation zu Generation bis in Ewigkeit. Doch sie erzürnten ihn am Wasser von Meriba. Es erging Mose übel wegen ihnen, denn sie reizten seinen Geist, sodass er unbedacht mit seinen Lippen redete.
Vermischung mit fremden Völkern und Gottes Strafe
Sie vertilgten die Völker nicht, die der Herr ihnen genannt hatte. Stattdessen vermischten sie sich mit den Nationen und lernten ihre Werke kennen. Sie dienten ihren Götzen, die ihnen zum Fallstrick wurden. Außerdem opferten sie ihre Söhne und Töchter den Dämonen und vergossen unschuldiges Blut – das Blut ihrer eigenen Kinder, die sie den Götzen Kanaans darbrachten.
So wurde das Land durch diese Blutschuld entweiht. Sie verunreinigten sich durch ihre Werke und begingen Hurerei durch ihre Taten. Daraufhin entbrannte der Zorn des Herrn gegen sein Volk, und er verabscheute sein Eigentum.
Er gab sie in die Hand der Nationen, und die, die sie hassten, herrschten über sie. Ihre Feinde bedrängten sie, und sie wurden unter ihrer Hand gebeugt. Doch oft rettete er sie.
Trotzdem blieben sie widerspenstig in ihren Plänen und verfielen wegen ihrer Ungerechtigkeit. Doch als er ihr Elend sah und ihr Schreien hörte, gedachte er um ihretwillen seines Bundes. In der Fülle seiner Gnade reute es ihn.
Er ließ sie Erbarmen finden bei allen, die sie gefangen weggeführt hatten.
Gebet um Rettung und Lobpreis Gottes
Rette uns, Herr, unser Gott, und sammle uns aus den Nationen, damit wir deinen heiligen Namen preisen und uns deines Lobes rühmen können.
Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Alle Völker sollen Amen sagen, Halleluja!
Die Bedeutung der Geschichte Israels für heute
Ich weiß nicht, ob ihr im Geschichtsunterricht in der Schule aufgepasst habt. Normalerweise sollte man aus der Geschichte lernen. Wenn ich mich jedoch an den Geschichtsunterricht erinnere, dann wurden die Deutschen dort immer nur als Helden dargestellt. Zusammenhänge wurden uns nicht erklärt.
Ich denke, dieses Lied ist etwas, das man sich eigentlich für jedes Land und jede Nation wünschen würde. Der Psalmdichter schreibt diesen Psalm, um das Volk daran zu erinnern, was Gott getan hat. Man könnte sagen, dass in diesen 48 Versen eine Reihe von Erinnerungen an die Wüstenwanderung enthalten ist, die das Volk damals gemacht hat.
Er schreibt damit an die Kinder Israels, an das Volk, damit sie daraus lernen. Das geht sowohl aus den Anfangsteilen als auch aus den letzten Versen hervor.
Im Neuen Testament finden wir etwas Ähnliches, wenn auch in viel kürzerer Form. In 1. Korinther 10 führt Paulus etliche Dinge aus diesem Leben an. Offenbar hatte er beim Schreiben des ersten Korintherbriefes Psalm 106 zur Hand.
Paulus zitiert Ereignisse aus dem Alten Testament, aus der Geschichte des Volkes Israel. Er sagt, dass diese Geschichten zu unserer Belehrung aufgeschrieben wurden. Psalm 106 ist also nicht nur für die Israeliten geschrieben, damit sie an ihr eigenes Volk denken, sondern auch für uns.
Viele Menschen, darunter auch manche Christen, sagen, sie können mit dem Alten Testament nichts anfangen. Ich finde das Alte Testament jedoch äußerst spannend. Wie jemand einmal sagte: Das Alte Testament ist das Bilderbuch des Neuen Testaments. Die Grundsätze, die uns das Neue Testament vermittelt, werden uns bildhaft durch Ereignisse des Alten Testaments erklärt.
Das finden wir in vielen Briefen des Neuen Testaments, in denen daran erinnert wird. Letzte Woche bei der Malachi-Konferenz haben wir uns mit dem Judasbrief beschäftigt. Auch dort wird daran erinnert, was das Volk Israel erlebt hat, damit wir daraus lernen.
Das Alte Testament ist also für uns geschrieben, damit wir aus den Fehlern der Israeliten lernen. Dabei ist mir aufgefallen, dass in diesem Psalm insgesamt sieben Gefahren aufgezählt werden. Es werden Ereignisse aus der Wüstenwanderung dargestellt, die vor uns liegen.
Wir werden uns gleich mit diesen Gefahren beschäftigen.
Einleitung des Psalms und Dankbarkeit trotz Versagen
Interessant finde ich zunächst die Eingangsverse. Man könnte vielleicht sagen, dass bis Vers sechs sozusagen die Einleitung dieses Psalms ist.
Der Psalmdichter fasst es so zusammen: Wenn er darüber nachdenkt und das Volk betrachtet, merkt er, Herr, dass du es lieb hast, an es denkst und es führst. Er schaut dieses Volk an und nennt es das Glück deiner Auserwählten. Er will sich freuen an der Freude deiner Nation, also Gottes Volk Israel.
Er rühmt sich mit deinem Erbteil, obwohl dieses Volk in der Geschichte viel verkehrt gemacht hat. Trotzdem sagt er, dass er dankbar ist, zu diesem Volk zu gehören.
Man kann das sehr leicht auf das Neue Testament anwenden. Viele von euch gehören zu einer Gemeinde vor Ort. Sicherlich ist keine unserer Gemeinden, zu denen wir gehen, perfekt. Es gibt immer wieder Geschwister, die alle Fehler finden – nicht nur das Haar in der Suppe, sondern auch dort, wo man sonst nichts findet. Sie klagen über die Gemeinde.
Hier führt der Psalmdichter ein Fehlverhalten nach dem anderen von seinem Volk an. Und trotzdem sagt er, dass wir zu beneiden sind. In allem merkt er, dass Gott trotz allem Versagen des Volkes zu seinem Volk steht.
Ist euch aufgefallen, dass manchmal steht, er rettete sie, und es wird nicht erwähnt, dass sie Buße getan haben? Stattdessen steht zum Beispiel in Vers 8: „Er rettete sie um seines Namens willen, um seine Macht kundzutun.“
Manchmal denke ich, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dass Gott vergibt, auch wenn ich nicht wirklich tiefe Buße empfinde – einfach, weil er uns lieb hat. Das ist schon erstaunlich.
Es kommt ja immer wieder vor, wie sie ihn gereizt haben, und Gott vergibt immer wieder. Wie viele Fehler haben sie getan, und wie oft haben sie ihn gereizt und erzürnt? In Vers 43 heißt es: „Oft rettete er sie.“
Das macht mir Gott so groß. Nicht umsonst sagt später Psalm 136 – den hatten wir eigentlich für morgen Vormittag vorgesehen –, dass er gnädig und barmherzig ist. Das steht dort 26 Mal. Das ist sozusagen der Refrain dieses Psalms.
Offensichtlich wurde dieser Psalm immer gesungen: Der Vorsänger sang eine Zeile vor, und das Volk antwortete immer mit „Denn seine Gnade währt ewig.“ Auch dort wird die Geschichte des Volkes gezeigt, und zwischen jedem Satz steht: „Seine Gnade währt ewig.“
Ich muss sagen, je älter man wird, desto mehr merkt man das auch im eigenen Leben. Nicht wir sind es, die vieles geschafft haben, sondern seine Gnade währt ewig.
Wenn das auch nicht im Refrain hier bei diesen Versen immer wiederholt wird, so merkt man doch, dass Gott sich um sein Volk kümmert – wegen seiner Gnade und wegen seiner Liebe.
Die sieben Gefahren in der Geschichte Israels
Ich sagte, in diesem Psalm werden sieben verschiedene Gefahren aufgezeigt. In den Versen sieben bis dreizehn wird die Angst vor dem Feind beschrieben.
Wir haben gelesen: Unsere Väter in Ägypten begriffen nicht deine Wunder, sie gedachten nicht der Menge deiner Gnadenerweise. Sie waren widerspenstig am Meer, am Schilfmeer.
Was hatten sie gerade vorher erlebt? Sie hatten miterlebt, wie Gott durch die zehn Plagen das Volk Ägypten gestraft hatte. Das ist schon beeindruckend, wenn man sich die zehn Plagen anschaut und sieht, wie Gott einen Unterschied macht zwischen Israel und dem Volk der Ägypter. Diese Wunder kann man kaum beschreiben. Wenn es heißt, dass im ganzen Land Ägypten Finsternis herrschte, war in den Häusern der Israeliten Licht. Ohne Stromaggregat oder Sonnenkollektoren lässt sich das nicht erklären. Wir merken: Gott macht einen Unterschied.
Wie viele Wunder haben sie bei diesen zehn Plagen erlebt! Doch dann sind sie am Meer, am Schilfmeer, und hier steht, sie sind widerspenstig. Sie murren gegen Gott, sie murren gegen Mose – und das war schon eine schwierige Situation damals. Ich denke, wir kennen die Geschichte.
Wenn man das so liest, hat man den Eindruck, Gott hat sie geblufft. Er sagt: „Geht aus Ägypten!“ Sie ziehen voller Freude los, merken aber offensichtlich gar nicht, dass Gott ihnen gesagt hat, jetzt nicht den kürzesten Weg zu nehmen, sondern erst einmal einen Umweg zu machen. Er führt sie nach Süden. Der Weg hätte sie in die Wüste nach Oberägypten geführt, aber sie mussten ja über das Rote Meer. Dann sagt Gott in Pi-hachirot: „Stopp, zurück!“ Offensichtlich hat das Volk das noch gar nicht richtig begriffen.
Gott begründet das Mose und sagt, er möchte, dass der Pharao meint, die Israeliten verirren sich. Er lässt sie also einen Umweg laufen. Man muss sich das vorstellen: Zwei Millionen Menschen! Dann führt Gott sie an das Ufer des Roten Meeres. Wenn man sich das auf der Karte anschaut, merkt man, dass dort Berge drumherum sind. Auf der einen Seite ist das Meer. Plötzlich sehen sie am Horizont eine Staubwolke – der Pharao kommt mit seinem Heer hinter ihnen her. Er ist auf den Trick Gottes hereingefallen und denkt, die verirren sich, wissen nicht Bescheid, haben kein Navi. Also sind sie in einer Sackgasse – die kriegen wir!
Als den Israeliten das bewusst wird, schreien sie zu Mose: „Hast du uns deshalb rausgeführt, dass wir hier sterben?“ Zunächst lesen wir keine Reaktion von Mose, aber offensichtlich hat auch Mose sich aufgeregt und an Gott gewandt. Mose sagt: „Was schreist du zu mir?“ Gott sagt zu ihm: „Mose, was schreist du zu mir? Steh und sieh die Rettung Gottes.“
Dann zeigt Gott ihnen, wie sich die Wolkensäule zwischen das Volk und die Ägypter stellt. Die Ägypter können nicht weiter. Hinter der Wolke öffnet Gott das Rote Meer. Die Wissenschaftler rätseln bis heute, wie das möglich war. Die einen sagen, es sei gar nicht möglich, die anderen meinen, das Wasser war nur so niedrig, dass sie durchkamen. Aber es steht ausdrücklich: trockenen Fußes. Also muss es etwas anderes gewesen sein.
Die Bibel beschreibt, wie Gott das gemacht hat: Er schickt einen kräftigen Ostwind. Was heißt das? Als die Kinder Israel durch das Meer auf die andere Seite gehen, haben sie Gegenwind. Der Fluchtweg ging nach Osten, und Gott schickt den Sturm, der das Meer auf die Seite treibt.
Wir lernen auch daraus: Selbst wenn Gott hilft, geht es nicht immer ganz einfach. Gegen den Sturm, der das Wasser zur Seite treibt, müssen sie durch das Meer gehen. Da hat garantiert keiner während der Wanderung geschlafen. Sie mussten kämpfen – nicht gegen die Ägypter, aber gegen den Wind.
Als alle auf der anderen Seite sind, nimmt Gott den Wind zurück. Das Wasser kommt wieder und begräbt alle Ägypter. Was für ein Wunder! Wie heißt es hier? Er rettete sie um seines Namens willen, um seine Macht kundzutun. Er bedrohte das Schilfmeer, und es wurde trocken. Er ließ sie durch die Fluten gehen wie durch eine Wüste. Da war nicht einmal der Boden feucht, sie machten sich nicht einmal die Schuhe nass.
Er rettete sie aus der Hand dessen, der sie hasste. Er erlöste sie aus der Hand des Feindes, und das Wasser bedeckte ihre Bedränger – nicht einer von ihnen blieb übrig. Erst da glauben sie seinem Wort. Sie singen dann dieses wunderbare Befreiungslied auf der anderen Seite des Meeres.
Man könnte fragen: Warum macht Gott so etwas? Ich glaube, er will ihnen deutlich machen: Sie wollten ja während der Wüstenwanderung ein paar Mal wieder zurück nach Ägypten. Gott konnte sagen: „Hey, da gibt es keine Brücke.“ So wie es in diesem Lied von Sadhu Sundar Singh heißt: „Niemals zurück, niemals zurück.“
Wir merken, Gott befreit sie von der Angst vor dem Feind. Das zeigt sich auch an ihrer Reaktion. In Vers zwölf heißt es: Sie glaubten seinen Worten, sie sangen sein Lob. Wahrscheinlich hat Mose gedacht: „So, jetzt können wir losmarschieren. Jetzt sind sie wirklich frei, und jetzt geht’s vorwärts.“ Und schon geht es bei ihnen weiter.
Begierde und Unzufriedenheit in der Wüste
Verse 14 bis 15: Sie gierten nach Fleisch und trauerten den Fleischstöpfen Ägyptens nach. Ich glaube nicht, dass das Essen in Ägypten für die Israeliten so gut war wie hier in Savlstein. Dennoch sehnten sie sich nach den Fleischstöpfen Ägyptens und gierten voller Begierde danach.
Habt ihr in der Bibel schon einmal nachgeschaut, wie kurz diese Sehnsucht nach dem Durchzug durch das Rote Meer war? Bereits drei Tage später geschah das. Stellt euch vor, uns geht es manchmal ähnlich: Sonntags in der Predigt geht es uns wunderbar, und wir fühlen uns fast wie im Himmel. Doch am Mittwoch ist der reinste Durchhänger.
Früher kam mir die Woche immer wie eine Hängebrücke vor, von Sonntag bis Sonntag. Dann war ich froh, dass in der Mitte noch einmal ein Ständer war: die Bibelstunde. Man sagt ja oft: Sonntags sind wir im Himmel, und montags schon wieder in der Hölle. Wie lange hält so etwas, den Segen des Sonntags?
Sie gieren nach Fleisch, und es ist erschreckend, wie Gott darauf antwortet. Er erfüllt ihre Bitte, aber er sandte Schwindsucht in ihre Seele. Das finde ich einen sehr drastischen Ausdruck. Manche Geschwister meinen, sie könnten Gott um alles bitten, und er schenkt ihnen alles. Sie freuen sich, dass sie von Gott so reich gesegnet sind.
Hier steht jedoch eine große Gefahr: Wenn ich Wohlleben begehre, gibt es oft Magerkeit in unseren Herzen. Offenbar merken wir das gar nicht, und oft bemerken es auch unsere Geschwister nicht. Wir lächeln immer noch so schön christlich – das haben wir gelernt –, doch nur wir selbst merken, dass wir Hunger bekommen, Magerkeit in der Seele.
Die Folge davon ist in den Versen 16 und 18 zu sehen: Neid gegen Mose und gegen Aaron. Hier wird ein Aufstand zitiert, der geschichtlich etwas später stattfindet. Der Schreiber des Psalms scheint deutlich machen zu wollen, dass die Folge, wenn Gott uns einfach unsere Bitten erfüllt, sein kann, dass wir nicht mehr richtig urteilen können.
Sie wurden eifersüchtig auf Mose im Lager, auf Aaron, den Heiligen des Herrn. Wahrscheinlich kennen wir die Geschichte von der Rotte Koras, Abiram und Dathan und wie Gott eingreift. Das ist ein gewaltiges Gericht, ähnlich wie im Neuen Testament in Apostelgeschichte 6, als Gott Ananias und Saphira auf der Stelle tot umfallen lässt.
Hier öffnet Gott die Erde, und diese drei Männer mit ihren Familien werden bei lebendigem Leib verschlungen. Ein Feuer brannte unter ihrer Rotte, eine Flamme verzehrte die Gottlosen. Und doch ist selbst in diesem Gericht Gottes Gnade zu sehen.
Wenn wir diesen Abschnitt im Alten Testament lesen, in 4. Mose 16, steht dort ausdrücklich: „Aber die Söhne Koras starben nicht.“ Gott macht keine Sippenhaft. Die Söhne Koras bleiben am Leben. Wenn wir die Psalmen durchsehen, merken wir, dass zwölf Psalmen von den Söhnen Koras stammen.
Der Vater wurde also hier gerichtet, weil er neidisch auf Mose und Aaron war. Gott hatte den Vater weggerafft, aber die Söhne blieben am Leben. Wenn wir uns die Psalmen der Söhne Koras im Buch der Psalmen ansehen, merken wir, dass sie aus der Vergangenheit ihrer Familie gelernt haben.
Es gibt kaum Psalmen wie die der Söhne Koras, die den Tempel beziehungsweise die Stiftshütte und die Gegenwart Gottes preisen. Offensichtlich haben sie begriffen, dass das, was ihr Vater getan hat, falsch war, und ihr Herz hängt an Gott.
Es lohnt sich, diese Psalmen unter diesem Aspekt einmal anzuschauen. Das empfinde ich oft auch als Gnade: Dass Gott auch Menschen aus schwierigen Verhältnissen, bei denen wir sagen würden, sie seien geprägt durch die Generationen davor, durchaus gebrauchen kann, um ihn zu verherrlichen.
Falsche Götter und Mose als Fürsprecher
Die nächsten Verse von 19 bis 23 zeigen uns die Gefahr auf, dass sie falsche Idole hatten. Sie machten ein Kalb am Horeb und beugten sich vor einem gegossenen Bild. Sie vertauschten ihre Herrlichkeit mit dem Bild eines Stieres, der Gras frisst. Dabei vergaßen sie Gott, der sie rettete und große Dinge getan hatte: Wunder in Ägypten und Furchtbares am Schilfmeer im Land Hams.
Sie hatten also falsche Idole, Götzenbilder machten sie sich – das goldene Kalb. Davon lesen wir in 2. Mose 32. Kaum hatten Gott ihnen die zehn Gebote gegeben, übertraten sie sie schon. Es ist dramatisch, wenn man die Begebenheit in 2. Mose 32 liest und erfährt, wie es in Vers 23 heißt: Gott gedachte, sie auszurotten, wäre nicht Mose, sein Erwählter, gewesen.
Mose trat in die Bresche vor Gott, um seinen Grimm vom Verderben abzuwenden. Wenn man die Geschichte in 2. Mose 32 liest, hat man fast den Eindruck, als würde sich Gott durch Mose überreden lassen. Das passt eigentlich nicht, oder? Gott sagt zu Mose: „Nimm dein Zelt, schlag es außerhalb des Lagers auf. Ich werde dieses Volk vernichten und dich zu einer großen Nation machen.“ Mose hätte stolz sein können.
Aber was wäre gewesen, wenn Gott das getan hätte? Er hätte seine Verheißung nicht wahrgemacht. Mose war nicht aus dem Stamm Juda, aus dem später der Messias kommen sollte, sondern aus dem Stamm Levi. Offensichtlich merkt Mose, dass Gott keinen guten Vorschlag macht. Es hätte ihn in seiner Ehre kitzeln können, doch hier steht, dass Mose in die Bresche tritt.
Mose sagt zu Gott: Wenn du das tust, werden die Völker sagen, Gott habe es nicht geschafft, seine Verheißungen wahrzumachen. Gott würdest unglaubwürdig, wenn er das tun würde. Ich bin überzeugt, dass Gott das im Voraus wusste. Offensichtlich wollte er Mose prüfen: Wie stehst du zu den Verheißungen, die ich gegeben habe? Bist du bereit, alles über den Haufen zu werfen? Fühlst du dich besser als dieses Volk?
Ich finde es enorm, dass Gott so tut, als ob er sich von Mose überreden lässt. Natürlich wusste Gott das vorher, denn seine Verheißungen sind unberührbar. Er hatte Abraham, Isaak und Jakob versprochen, dass sein Volk wieder ins Land zurückkehren würde – und nicht nur der Stamm Levi.
Der Schreiber des Psalms will den Israeliten deutlich machen, wie dramatisch damals alles auf des Messers Schneide stand.
Unglaube und Murren gegen Gottes Führung
Die nächsten Verse, die Verse 24 bis 27, zeigen uns den Unglauben des Volkes. Sie verschmähten das köstliche Land und glaubten nicht dem Wort Gottes. Sie murrten in ihren Zelten und hörten nicht auf die Stimme des Herrn.
Daraufhin erhob Gott seine Hand gegen sie, um sie in der Wüste niederzuschlagen. Er wollte ihre Nachkommenschaft unter den Nationen zu Fall bringen und sie in die Länder zerstreuen.
Damals kamen die zwölf Kundschafter zurück und berichteten. Zehn von ihnen sagten zum Volk: „Das geht nicht, wir schaffen das nicht.“ Sie hörten nicht auf die Stimme Gottes, der ihnen doch versprochen hatte, dass sie in das Land kommen würden. Nur Josua und Kaleb glaubten der Stimme Gottes. Gott belohnte sie dafür.
Ich habe bereits erwähnt, dass Gott hier das Urteil spricht: Alle, die sich aufgelehnt haben, werden in der Wüste sterben.
Man merkt an diesem Psalm, dass die Kinder Israels aus ihren Fehlern nicht lernen. Als Gott sagt: „Schluss, ihr macht jetzt den Umweg von vierzig Jahren durch die Wüste“, versuchen sie trotzdem, sich aufzuraffen und sagen: „Nein, wir wollen jetzt doch gehen.“ Doch Gott sagt: „Nein, ich habe euch das gesagt.“ Sie tun es trotzdem und werden geschlagen.
Wie oft ist es in unserem Leben so, dass wir meinen, eine späte Reue könne einen falschen Weg vielleicht abkürzen. Doch sie hören weiterhin nicht auf Gott.
Abfall an Bal Peor und Gottes Gericht durch Pinas
Verse 28 bis 30
Sie hängen sich an den Bal Peor, dem Götzen der Midianiter. Sie aßen Schlachtopfer der Toten und erbitterten dadurch Gott durch ihre Taten. Eine Plage brach unter ihnen aus.
Die Vorgeschichte war folgende: William, der vom König der Moabiter gerufen worden war, um das Volk zu vernichten und zu verfluchen, hat dies nicht getan. Stattdessen erklärte er heimlich dem König, dass er das Volk besiegen könne, indem er sie zu einem großen Fest einlädt. Er veranstaltete ein Götzenfest und lud die Israeliten ein. Diese berauschten sich und trieben Unsittlichkeit.
Dieses Geschehen wird hier beschrieben. Da stand Pinhas auf und übte Gericht, wodurch die Plage gestoppt wurde. Die Israeliten hatten ganz öffentlich gesündigt. Ein Fürst des Hauses Israel war offen mit einer fremden Frau in sein Zelt gegangen und hatte mit ihr geschlafen – vor den Augen des ganzen Volkes. Pinhas, ein Sohn Aarons, nahm sein Schwert, schlug die beiden und handelte damit gerecht. Gott rechnete es ihm positiv an. Diese Tat wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet, von Generation zu Generation bis in Ewigkeit.
Und doch taten sie keine Buße und rebellierten weiter (Verse 32 bis 33).
Man könnte viele Beispiele anführen. Hier wird das Geschehen am Wasser von Meriba erwähnt, wo Mose ungehorsam war. Der Psalmdichter macht deutlich, dass Mose sich hinreißen ließ; sie reizten seinen Geist, sodass er unbedacht mit seinen Lippen sprach. Es ist erschreckend, wie oft sie gegen Gott aufbegehrt haben.
Auch die weiteren Verse zeigen, dass sie die Völker nicht vertilgten, die der Herr ihnen genannt hatte, als sie ins Land eingezogen sind. Sie vermischten sich mit den Nationen, lernten ihre Werke, dienten ihren Götzen und wurden ihnen zum Fallstrick.
Überall dort, wo das Volk Gottes sich nicht klar gegen falsche Lehren, Unglauben und Sünde abgrenzt, hat das Folgen für das Volk Gottes. Es ist erstaunlich, dass Gott trotz allem immer wieder mit seinem Volk neu beginnt.
Die Zusammenfassung finden wir dann bei Vers 43-44. Oft rettete er sie, obwohl sie widerspenstig in ihren Plänen waren und wegen ihrer Ungerechtigkeit verkamen. Doch er sah ihr Elend, als er ihr Schreien hörte, und gedachte um ihretwillen seines Bundes. Es reute ihn in der Fülle seiner Gnade, und er ließ sie Erbarmen finden bei allen, die sie gefangen weggeführt hatten.
Wir merken: Gott hat Erbarmen, nicht weil dieses Volk Buße getan hat. Später wird gesagt: Israel, ich habe dich geliebt, nicht weil du besser warst als andere, sondern wegen meiner Liebe zu dir. Jeder, der im Eigentum des Herrn ist und auf sein Leben zurückblickt, wird das bestätigen können.
Er hat uns nicht getan nach unseren Sünden. Wo wären wir, wenn Gott mit uns so handeln würde? Bis heute gäbe es nicht das Volk Israel. Was für ein Wunder ist es, dass es Israel immer noch gibt! Durch alle Jahrtausende hindurch ist an dem Volk Israel die Gnade und Liebe Gottes zu erkennen. Er rettete sie immer nur aus Gnade.
Das will dieser Psalm den Israeliten deutlich machen. Paulus sagt etwas Ähnliches im 1. Korinther 10, indem er einige dieser Dinge aufführt. Er zeigt die gleichen Gefahren für uns auf, die damals bestanden: Angst vor dem Feind, Begierde, Neid, falsche Idole, Unglaube, moralisches Aufbegehren. Die Art unserer Fehltritte ist nicht anders als damals beim Volk Israel.
Nun könnte man fragen: Warum gibt es Wüstenzeiten? Warum gibt es solche Zeiten? Warum bewahrt uns Gott nicht vor all diesen Gefahren? Er könnte doch eigentlich immer einen schützenden Zaun um uns machen.
Oft denken wir auch: Wenn wir gefährdete Jugendliche aufnehmen, zum Beispiel solche, die drogenabhängig waren, setzen wir sie in eine trockene Umgebung. Wir denken, das hilft. Doch wie oft geschieht es, dass sie, wenn sie ausziehen, einen alten Kumpel treffen und wieder abstürzen?
Vor ein paar Wochen ist ein Junge, der zwei Jahre in der gefährdeten Hilfe war, wieder abgehauen. Er hatte vorher gesagt: „Hier ziehe ich nie mehr weg, hier ist es so gut, hier bin ich bewahrt.“ Wir wissen nicht, was passiert ist, ob er einen alten Kumpel getroffen hat. Er hat sich noch nicht wieder gemeldet.
Zwar ist es häufig so, dass sie sich irgendwann wieder melden – auch wenn es Jahre später ist. Ich denke an einen der ersten, der damals bei unserem Hausvater eingezogen war, bevor wir die gefährdete Hilfe hatten. Es ist über fünfundzwanzig Jahre her. Auch er hatte sich bekehrt, war dann aber wieder abgestürzt. Die Spur verlor sich. Zwanzig Jahre später schrieb er eine Mail an Martin, den Hausvater:
„Martin, ich lebe noch, ich habe viele Umwege gemacht, aber der Herr hat mich eingeholt. Jetzt bin ich trocken, gehe den Weg mit dem Herrn und gehe nach München in eine Gemeinde. Ich wollte euch einfach sagen, es ist gut, dass es euch gibt.“
Darauf kann man nur hoffen, dass späte Einsicht kommt. Und das macht einen froh.
Vor vier Wochen war ich oben in Neumünster zur norddeutschen Glaubenskonferenz. Nach der Stunde kam ein junger Mann auf mich zu. Ich guckte ihn zweimal an und sagte: „Andre?“ Auch er war bei uns. Er strahlte mich an und sagte: „Ja, der Herr hat mich nicht losgelassen. Ich bin jetzt hier oben in der gefährdeten Hilfe in Basbeck bei Kiel. Es geht mir gut. Grüß die Lieben zu Hause.“
Dann ist man dankbar, dass der Arm des Herrn länger ist als unser Arm. Das ist schön zu wissen.
Vielleicht hast du auch Sorge um Angehörige und weißt nicht, wie du ihnen helfen kannst. Du wünschst dir, sie würden zur Einsicht kommen. Wir dürfen beten: Der Arm des Herrn ist nicht zu kurz, um zu retten.
Ich möchte Mut machen.
Wüstenzeiten als Prüfungen und Gottes Gegenwart
Ja, es gibt Wüstenzeiten. Sie dienen dazu, dass wir zur Selbsterkenntnis kommen und geprüft werden. Trotzdem erleben wir auch in diesen Zeiten Gottes Segen.
Wie leicht ist es bei uns, genauso wie bei den Kindern Israels damals. Sie hatten jeden Tag eine sichtbare Erinnerung: Gott ist bei uns. Die Wolkensäule stand immer über der Stiftshütte. Sobald sie hinsahen, konnten sie erkennen: Gott ist da.
Wie ist das bei uns? Wir wissen, dass Gott verheißen hat: „Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich in der Mitte.“ Er hat auch verheißen: „Ich bin in der Gemeinde.“ Aber wir gewöhnen uns daran. Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns das bewusst machen. Selbst in der Gegenwart Gottes kann das Glaubensleben zur Gewohnheit werden.
Vielleicht noch eine Anmerkung: Es geht bei der Geschichte Israels nicht um das ewige Verlorengehen. Wenn uns diese Dinge vorgestellt werden und wir gewarnt werden, dann geht es nicht darum, dass wir verloren gehen. Damals bei Israel war es so, dass diejenigen, die sündigten und in der Wüste starben, nicht ins verheißene Land kamen. Das ist natürlich im Neuen Testament anders.
Aber wir können schon sagen: Wenn wir ungehorsam gegenüber Gottes Wort sind, verlieren wir die Segnungen, die Gott für uns hat. Wir können die Segnungen Gottes nicht genießen, die er uns geben möchte.
Auf der anderen Seite müssen wir auch sehen, dass geistliche Vorrechte, die wir genießen, wenn wir zur Gemeinde gehen, wenn wir vielleicht gläubige Eltern haben oder in einer christlichen Umgebung leben, nicht den Sieg über Versuchungen garantieren. Wir sind genauso gefährdet wie andere auch.
Dieser Psalm ist sozusagen ein Geschichtsunterricht für Israel und für uns heute. Vielleicht nehmen wir das so mit: Lebst du noch in Ägypten? Lebst du in der Wüste? Oder lebst du dein Glaubensleben im Blick auf das verheißene Land?
Ich glaube, solch ein Psalm möchte uns Mut machen, vom Ziel her zu leben. Die Bibel sagt, unser Bürgertum ist in den Himmeln. Wenn uns das bewusst wird, dass wir auf dem Weg dahin sind, dann darf uns das Mut machen. Es darf uns die Kraft geben und den Blick schärfen, damit wir nicht in Versuchungen fallen.
Wir könnten es so ausdrücken: Solange Israel Gott diente, vertraute und gehorchte und das Ziel im Auge hatte, lebte es im Sieg. Und das gilt genauso für uns in unserem Glaubensleben.
Deshalb ist das, was die Bibel uns immer wieder sagt, auch an solchen alttestamentlichen Beispielen: Schau auf das Ziel, schau auf Gott, vertraue ihm und gehorche ihm, wenn du im Sieg leben willst. Amen.
