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Siegeszeichen des Lebens

24.03.1989Johannes 19,17-30

Die bewusste Annahme des Kreuzes durch Jesus

Wir lesen ja nach der Ordnung unserer Landeskirche in dieser Passionszeit die Leidensgeschichte nach dem Johannesevangelium und sind nun bei Johannes 19, Vers 17 bis Vers 30.

Sie nahmen Jesus, aber er trug sein Kreuz. Fällt Ihnen das auch sprachlich auf? Sie nahmen ihn – und er trug. Das macht Jesus bewusst und absichtlich. Er ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.

Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Es war sicher so, dass der Platz in der Mitte für den Rädelsführer Barabbas vorgesehen war. Sie wissen ja, dass „Bar“ auf Hebräisch und Aramäisch „Sohn“ heißt, der Bar, der Sohn des Abbas.

An dieser Stelle hängt nun Jesus, mittendrin zwischen den beiden anderen, die ja auch solche Aufrührer waren.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz. Es war geschrieben: „Jesus von Nazareth, der König der Juden.“ Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: „Schreib nicht ‚der König der Juden‘, sondern dass er gesagt hat: ‚Ich bin der König der Juden‘.“ Pilatus antwortete: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“

Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil. Dazu auch das Gewand, das war aber ungenäht, von oben angewebt in einem Stück.

Da sprachen sie untereinander: „Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll.“ So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.“ Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seine Mutters Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: „Frau, siehe, das ist dein Sohn.“ Danach spricht er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter.“ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet.“ Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie füllten einen Schwamm mit Essig, steckten ihn auf ein Isoppor und hielten es ihm an den Mund.

Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: „Es ist vollbracht!“ und neigte das Haupt und verschied.

Herr, mach uns deine Liebe und deinen Erlösungstag ganz groß! Amen!

Das Kreuz als Zeichen in der Natur und im Leben

Wenn es jetzt wieder Frühling wird, sind die Bergkletterer unterwegs. Sie steigen die steilen Felswände hinauf. Stundenlang klettern und klimmen sie. Wenn sie oben auf dem Gipfel ankommen, steht dort ein Kreuz. Was hat dieses Kreuz dort oben verloren?

Vielleicht denken manche, das sei Umweltverschandelung. Die schöne Natur wird dadurch gestört, und dann kommen Menschen und setzen ein religiöses Symbol auf den Berg. Andere sagen: „Lasst doch alles so, wie es vorher war!“ Wieder andere empfinden das Kreuz als deprimierend. Für sie erinnert es an Leiden oder an Friedhöfe.

Leiden ist immer unangenehm, und man möchte es verdrängen. Niemand will leiden. Die heimliche Angst ist, dass wir irgendwann im Leben durch Leid gehen müssen. Nein, das will ich nicht. Schmerzen sind das Schlimmste. Wenn man Schmerzen ertragen muss, möchte man das nicht. Weg mit dem Leiden, weg mit alten Erinnerungen!

Wir sind froh, wenn wir bei einem Krankenbesuch jemanden sehen, der ohne Hoffnung schwer geplagt ist, und wenn wir dann wieder gehen dürfen, die Tür schließen und das alles hinter uns lassen. Glücklich sind wir, dass wir dort nicht bleiben müssen. Hoffentlich trifft es mich nicht! Ans Leiden möchte ich gar nicht erinnert werden.

Dabei entstehen die meisten Glaubenszweifel gerade aus dem Leiden. Wie viele haben schon gefragt: Wo ist Gottes Liebe? Gerade dann, wenn es einem schlecht geht, fragt man: Wo ist Gott? Man denkt an die vielen, die verhungern, gefoltert und geplagt werden, ausgebeutet sind, in Kriegsgebieten leben, und an unschuldige Menschen, auf die Bomben fallen. Was ist los mit Gott? Wo ist Gott?

Doch mitten in das Leid dieser Welt ist das Kreuz gepflanzt. Ist es wirklich möglich, dass Christen so fragen und meinen, sie würden radikal fragen? Nein, sie fragen nur oberflächlich. Sie sollen unter dem Kreuz stehen und dann fragen: „Jetzt, lieber Gott, wie ist das mit deinem Kreuz? Wie ist das mit dem Leid?“ Und dann merken wir plötzlich, dass das einen Grund hat, wenn man Kreuze auf die Hügel pflanzt.

Man sagt: Höre, alles in der Welt ist Jesu Kreuz höher und größer als alles Elend, alle Tränen, die geweint werden, und alles Böse, das erlitten wird. Jesu Kreuz ist größer, denn Jesus ging dem Leiden auf den Grund.

Nicht nur, dass Menschen ihm Unrecht taten, ihn hassten, ihm widersprachen und ihn verhöhnten, war der Grund seines Leidens. Jesus hat ein für allemal dargestellt, dass das Schlimmste des Leidens meine Gottlosigkeit ist.

In allem Schweren, das ich erleide, habe ich keine Hoffnung bei Gott. Ich bin von ihm getrennt. Das sind meine Untaten, die ich bewusst getan habe. Die Welt liegt unter dem schrecklichen Fluch des Zornes Gottes. Es macht einen zornig, dass wir so dahin müssen – eine Welt, die im Elend liegt.

Dieses Elend ist am tiefsten darin, dass es Sündenleid ist. Zu der äußeren Not unseres zerfallenden Körpers und den Schmerzen kommt die große Not des inneren Angefochtenseins, der Ohnmacht, der Schwäche, das Nimmerglaubenkönnen.

Man spürt: Ich bin von Gott so unheimlich weit getrennt. Und da steht das Kreuz Jesu als das große, wunderbare Siegeszeichen. Das Siegeszeichen, dass Vergebung größer ist als alle Schuld der Welt.

Jesus ist gekommen, um Menschen zu suchen, die keine Hoffnung mehr haben. Er ist bei denen, die im Schatten des Todes sitzen. Er tröstet die Leidenden und richtet die Gedemütigten auf.

Das Kreuz ist kein Trauerzeichen. Es darf uns nicht traurig stimmen. Das Gegenteil ist richtig: Der Blick auf die Welt stimmt uns traurig. Schlagen Sie die Zeitung auf, und Sie sind bekümmert. Blicken Sie auf das Kreuz Jesu, und Sie haben neue Hoffnung für diese Welt.

Gott lässt diese Welt nicht einfach so dahingehen in ihrem Streit, in ihrem Unrecht, in ihrer Gottesferne. Er sucht sie und will sie erlösen, erretten, heimholen.

Das Kreuz ist ein Siegeszeichen. Über dem Kreuz leuchtet der Morgen der Auferstehung. Das wissen wir: Jesus, der Gekreuzigte, lebt. Er ist bei uns.

Besondere Akzente im Johannesevangelium zur Passion

Aber heute möchte ich über diesen Abschnitt im Johannesevangelium sprechen. Es ist immer interessant, wenn man die Evangelien nebeneinanderlegt. Sie erzählen die Ereignisse jeweils ein wenig anders. Dabei handelt es sich nicht um Widersprüche.

Das ist so, wie wenn jeder von uns etwas berichtet und es dabei leicht unterschiedlich darstellt. Die Dinge sind genau so geschehen, wie sie berichtet werden. Doch jeder von uns setzt andere Akzente und hebt verschiedene Besonderheiten hervor.

Ich möchte Ihnen drei Aspekte zeigen, die im Johannesevangelium besonders betont werden. Diese sind auch in den anderen Evangelien vorhanden, aber hier sind sie besonders hervorgehoben und deutlich gekennzeichnet.

Jesus trägt das Kreuz freiwillig

Das Erste: Jesus geht diesen Weg freiwillig. Jesus geht diesen Weg bewusst und freiwillig. Wir reden ja immer von Passion. Passion bedeutet so viel wie passiv, das heißt, etwas wird erduldet. Andere tun Jesus etwas an. Jesus wird geschlagen, Jesus wird verhöhnt, Jesus wird gekreuzigt – er erleidet dies.

Johannes macht dennoch ganz besonders darauf aufmerksam: Sie nahmen ihn, und Jesus trug sein Kreuz. Jesus macht nicht nur das, was andere mit ihm tun, sondern er nimmt es freiwillig und bewusst auf sich. Es fällt uns auf, dass Johannes gerade das in seinem Gedächtnis festgehalten hat. Er war ja Augenzeuge der Kreuzigung. Wie Jesus schon vorher gesagt hat, nimmt Jesus sein Leben nicht einfach nur hin, sondern er gibt es freiwillig her.

Er nimmt dieses Leiden bewusst und gezielt auf sich und will es tun. Nur an einer Stelle hat Jesus kurz gezögert, und das war in Gethsemane. Aber auch dort nur im Gebet: „Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Er muss nicht gedrängt werden, sondern er nimmt das Leiden, das wir Menschen so scheuen, freiwillig auf sich.

Nicht nur erduldet er schweigend, sondern er erfüllt auch die Weisungen aus Jesaja 53. Er geht bewusst hinein und wählt die ganze Leidenszeit bewusst. Warum tut Jesus das? Johannes will damit herausstellen, dass Jesus der große, hohe Priester ist. Sie haben ja schon gelesen, wie Priester im Tempel ihre Opfer darbringen: würdevoll und feierlich schreiten sie dahin, bringen das Rauchopfer dar oder das Opfertier zum Altar.

Johannes will sagen: So nimmt Jesus den Kreuzesbalken auf, diesen Balken, an dem die ganze Verhöhnung hängt – der Zorn der Menschen, die Gehässigkeit und die Bosheit, die sichtbar wurden. Jesus nimmt das wie ein Priester auf seinen Rücken und geht ganz bewusst diese Schritte hinaus. Simon von Kyrene hilft ihm zwar tragen, doch das ändert nichts daran, dass Jesus es bewusst und willig tut.

Warum tut er das? Um uns zu versöhnen, um unsere Schuld zu tragen und uns Vergebung zuzusprechen. Damit unsere Schuld getragen ist. Im Johannesevangelium wird das besonders hervorgehoben. Was in allen Leidensberichten vorkommt, wird hier noch einmal sichtbar: Jesus, der hohe Priester, trägt die Schuld. Siehe, das ist Gottes Lamm. Wo ist das Opfer, das Jesus trägt? Er selbst ist das Opfer. Er hat sich Gott dargegeben als Opfer zur Versöhnung der Sünden der Menschen.

Und wo ist der Altar? Draußen vor der Stadt. Johannes unterstreicht das noch einmal. Wahrscheinlich ist es genau die Stelle der Grabeskirche. Damals waren die Mauern Jerusalems genau dort. Es war nicht weit von der alten Mauer entfernt. Heute kann man sich das nicht mehr so vorstellen, wenn man an der Grabeskirche steht, weil sie von dem frommen Glanz umgeben ist, den die Liebe vieler Menschen und Verehrer Jesu dort angebracht hat.

Doch wir können uns durch die Arbeit der Archäologen gut vorstellen, dass dort dieser Hügel war – wahrscheinlich ein alter, verlassener Steinbruch. Die Menschen sagten dort draußen in der Wildnis: „Das ist eine Einöde, dort kann man Menschen hinrichten.“ Es war ein verlassener Ort, an dem niemand bei Nacht bleiben wollte. Ein unheimlicher Ort, an dem Menschen getötet wurden. Ein Ort für die Ausgestoßenen.

Dann schlossen die Bürger Jerusalems die Türen und sagten: „Jetzt feiern wir das Fest.“ Sie wuschen ihre Hände und meinten, jetzt hätten sie alles hinter sich. So, als würden sie rein in das Fest gehen. Draußen, an dem elendesten Ort der Welt, an der Schädelstätte Golgatha, bringt Jesus das Opfer dem ewigen Gott dar. Darum ruft er: „Es ist vollbracht! Es ist vollbracht!“

Das war Jesus so wichtig: die Versöhnung in diese Welt hineinzutragen, die Versöhnung mit Gott, damit Menschen Schuld vergeben bekommen und die Liebe Gottes wieder erfahren. Paulus nimmt das später wieder auf, wenn er das als das Wichtigste herausstellt und sagt: Wir wollen das allen Menschen sagen – lasst euch versöhnen mit Gott! Kommt heraus aus eurem Scheinleben, aus eurer äußeren Frömmigkeit, wo man nur die Hände wäscht, aber das Herz unter der Last zusammengebrochen ist.

Die Schuld der Unglückstaten und der Bosheiten zeichnet doch unser Leben. Vor einigen Wochen war ich in Burundi. Das bewegt mich jedes Mal, wenn man nach Afrika kommt. Noch auf dem Weg zum Flughafen sagte der Fahrer: „Da, auf diesem Feld, weiß man gar nicht, wie viele Tausende von Menschen hier begraben sind.“ Es waren erst kürzlich wieder Stammesunruhen, bei denen sich Menschen abgeschlachtet haben.

Ich sprach mit einem Kenner des Landes, der sagte: „Man kann zwanzig Jahre dort leben, und dann bricht bei diesen Menschen plötzlich etwas Irrationales aus. Niemand ahnt, dass eine Stunde vorher ein grausames Morden beginnt.“ Ein Land des Friedens, das kaum jemand kennt, ein liebliches, grünes Land im Herzen Afrikas.

Wir könnten das von Uganda, Südafrika, Mosambik, Angola oder vom Sudan sagen. Ist das nicht ein Bild für unsere Welt, in der wir leben? Für unser Land, unsere Häuser und Familien, wo plötzlich die dunkle Macht des Bösen uns packt? Dann entsteht Bosheit und Streit, und all die Unreinheit kommt in unser Herz.

Lasst euch versöhnen mit Gott! Jesus ist ans Kreuz gegangen, ganz bewusst und freiwillig, um unsere Schuld zu tragen. Damit wir frei leben können und heraustreten aus all den Bindungen des Teufels und der Sünde.

Alte Prophezeiungen erfüllen sich

Das Zweite, was mir auffällt, ist – und das stellen Johannes, aber auch die anderen Evangelisten besonders heraus – dass alte, merkwürdige Ankündigungen sich erfüllen.

Es ist ja eine wirklich kleine Szene, die da geschildert wird, und doch wird sie so ausführlich erzählt: Die Soldaten sitzen unter dem Kreuz und würfeln. Ist das eigentlich wichtig? Jesus vollbringt jetzt die Welterlösung, und man könnte meinen, es wäre im Evangelium nicht nötig, festzuhalten, was die Soldaten dann machen. Ob sie nun Zigarette rauchen, in der Zeitung lesen oder Würfel spielen – was hat das damit zu tun? Das ist doch nicht interessant. Warum steht das also im Evangelium?

Es wird sonst immer so knapp und präzise erzählt. Damals war es natürlich ein Brauch, dass die Henker sich den Restvollerbe teilen durften, der übrig blieb. Sie zogen den Delinquenten nackt aus und teilten die Kleider. Da war nicht viel – Unterwäsche, das Obergewand und die Sandalen. Die konnte man gut brauchen, um ein paar Pfennige zu verdienen. Den Rock wollten sie aber nicht zerteilen, also würfelten sie darum, wer zuerst drei Sechser würfelt, der bekommt ihn. So ging das eine Weile hin und her.

Warum wird das im Evangelium erzählt? Es geschah, damit sich erfülle, was alte Prophezeiungen ankündigten. Die römischen Legionäre hätten sich nie träumen lassen, dass sie im Heilsplan Gottes eine Rolle spielen.

Das ist ja immer unheimlich, und wir fragen oft: Sind wir alle eigentlich fremdgesteuert? Wenn doch alles von Gott vorherbestimmt ist, sind wir dann überhaupt verantwortlich für unser Tun? In der Passionsgeschichte wird das ja auch diskutiert: Ist Judas überhaupt für sein Tun verantwortlich?

Es ist interessant: Wir sind mit allem, was wir tun, voll verantwortlich. Denn wir tun es ja aus freiem Entschluss. Diese Soldaten haben das aus freiem Willen getan.

Nur ist es bemerkenswert, dass Gott selbst alle Bosheiten und das Unrecht, das wir tun, in seinen Heilsplan einbauen kann. Wir haben ja gestern bei unseren Bibeltagen gehört, dass Gott von Anbeginn der Welt einen Plan hat. Seine große Liebe sucht jeden Menschen und will das Leben erneuern. Und das Böse ist so stark von Gottes Liebe beherrscht, dass es Gott gar nicht aufhalten kann.

Darum ist es wichtig, dass diese Soldaten im Evangelium vorkommen. Es waren starke Männer, Elitetruppen, so wie alle römischen Legionäre. Selbst diese Männer, die nicht nach Gott fragten, nimmt Gott und gebraucht sie zur Ehre seines Namens, zum Bau seines Reiches.

Solches ist geschehen, damit sich erfülle, was die alte Prophezeiung aus Psalm 22 sagt.

Immer schade, dass man hier im Gottesdienst nicht all die Schriftstellen lesen kann, die zum Karfreitag gehören. Mich hat beeindruckt, wie der berühmte Nervenarzt Dr. Bayer aus Heidelberg einmal sagte, aus einer tiefenpsychologischen Schau: Das sei das Größte, was je ein Mensch an Leiden und Angst durchgemessen habe. Es gäbe in der Weltliteratur nichts wie Psalm 22.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – so beginnt er. Wie er umgeben und umringt ist, und die Knochen unter dem großen Druck der Seele leiden.

In diesem Psalm 22 heißt es: „Sie haben mich nackt ausgezogen, sie würfeln um meine Kleider.“ Sie haben das Los geworfen. Das ist eine prophetische Ankündigung dessen, was Jesus hier durchleiden muss.

Und was hat das für uns zu bedeuten? Dass das, was da geschieht, seine Mitte in dem großen Ziel hat, dein Leben neu zu machen und dir Versöhnung mit Gott anzubieten.

Wir dürfen das heute am Karfreitag hören und nicht stehenbleiben beim Klagen über all die Bosheit, die geschieht, sondern danken: Herr, das ist geschehen, damit wir Frieden hätten.

Dieser Karfreitag soll ein Freudentag, ein Siegestag sein. Mir hat er meine Schuld vergeben.

Unter dem Kreuz Jesu darf heute jede Sünde abgelegt werden, damit wir Menschen werden, die mit Gott gerecht leben und im Frieden sind.

Das Kreuz als Zeichen der Erlösung und Hoffnung

Jetzt sollte man auch einmal das Johannesevangelium lesen und darauf achten, wie sich ein bestimmtes Thema von den ersten Versen an durchzieht. Dort heißt es: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

In einer Nacht gab es einen Mann, der die Bibel kannte und sich ein wenig mit Jesus unterhielt. Jesus sagte zu ihm: „Pass mal auf, eins muss geschehen, so wie einst Mose in der Wüste eine ehrende Schlange aufgerichtet hat.“ Damals, als eine schreckliche Schlangenplage kam, schrien die Menschen in Todesangst. Diese Giftschlangen bissen sie, und sie versuchten, die Schlangen von ihrem Leib wegzureißen. Von hinten kam eine Schlange, von vorne eine andere, und von allen Seiten kämpften sie gegen die Gefahr.

Dann sagte Mose: „Schau dorthin, schau auf diese ehrende Schlange! Wer dorthin sieht, der ist gerettet. Die Schlangen werden von ihm lassen.“ Aber die Leute sagten: „Ich kann gar nicht hinsehen, ich muss doch zuerst die drohende Gefahr beseitigen.“ Mose entgegnete: „Nein, schau dorthin! Nur wer dorthin sieht, der hat das Leben.“

Jesus sagt: „So wird es noch einmal kommen. Der Menschensohn wird erhöht werden. Wer auf ihn schaut, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht.“

Wissen Sie, dass Christsein so einfach ist? So heißt auch das Thema des Gemeindetags im Neckarstadion: „Aufsehen zu Jesus“. Jesus als das Opfer für meine Sünden sehen, anerkennen und danken, das Leben haben und nicht mehr ins Gericht kommen. Wie wunderbar ist es, dass ich das heute annehmen darf!

Es gibt so viele verkrampfte Christen, die dauernd gegen all die Bosheiten kämpfen, die sie immer wieder spüren. So kommen sie nicht weiter. Sie zermartern sich. Andere grübeln ständig und kommen nicht zum Frieden. Nur wenn ich hinschaue auf sein Kreuz, kommt Frieden. Wie lange habe ich mühsam gerungen, gesäuft unter Sünde und Schmerz. Doch als ich mich ihm überließ, strömte sein Frieden in mein Herz.

Die alten Schriftankündigungen erfüllen sich, ja, sogar noch viel mehr als erwähnt, in der Passionsgeschichte. Zum Beispiel das mit dem Durst, das ist erwähnt, später auch das mit den Knochen, die nicht gebrochen wurden. Auch dass er seinen Mund nicht auftut, haben sie vorher schon bemerkt – allein in Jesaja 53.

All das geht auf das eine Ziel Gottes zu: dir Frieden zu geben. Die ganze Bibel ist verlässlich eine einzige Ankündigung für dich. Dir will Gott seinen Frieden geben. Du darfst ihn ergreifen und annehmen.

Die Bedeutung der Inschrift über dem Kreuz

Wir können natürlich noch viel mehr aus dieser Passionsgeschichte des Johannes herausholen. Ich würde sehr gern über den Teil sprechen, in dem Jesus Maria anspricht und Johannes eine ganz wichtige Berichterstattung von der Kreuzigung gibt.

Aber lassen Sie mich jetzt nur noch von der Tafel reden, von der umstrittenen Tafel. Auch hier ist interessant, dass die Evangelien das ja unterschiedlich aufgeschrieben haben. Manche haben schon gesagt, dass das daran liegt, dass dort ein paar kleine Worte wie „der Messias“ oder „einer“ fehlen oder nur „König von Israel“ steht, ohne das „der“. Man kann ja ganz genau in der Bibel nachsehen, ob das korrekt geschrieben ist.

Sie können es direkt zurückverfolgen: Johannes hat immer vom Aramäischen geschrieben, und da das Aramäische die Vokale nicht schreibt, gibt es da oft Unsicherheiten. Wahrscheinlich war auf der Tafel, man konnte ja nicht so viel schreiben, der aramäische Text etwas länger durch die Nebenworte. Der griechische und lateinische Text war etwas kürzer. Hochinteressant, wie exakt auch hier die Evangelisten berichtet haben.

Aber bei der Tafel entsetzen sich manche und sagen: „Nee, das darf man nicht so tun.“ Zuerst ist interessant, dass die Tafel in mehreren Sprachen geschrieben war. Sie kennen das aus dem Eisenbahnabteil, wie das mit dem „Sporgesi“ heißt, dass man sich da nicht zum Fenster hinauslehnen soll. Das ist immer in Französisch und Italienisch dort vermerkt, damit ja keiner seinen Kopf zu weit heraushebt.

Warum ist das dreisprachig über dem Kreuz Jesu? Ist das wichtig? Unwissend tut hier Pilatus etwas: Er deutet die große Weltbedeutung Jesu an, so dass es jeder wissen kann – für alle, für die ganze Welt ist das.

Aber nun gibt es noch mal Ärger, wenn die sagen, da fehlen die Gänsefüßchen. Wissen doch alle, dass man Gänsefüßchen setzen muss. Also, das darf man nicht so stehen lassen, sondern das ist ein Zitat von Jesus, das hat er selbst gesagt. Aber das darf man nicht so stehen lassen ohne Gänsefüßchen.

Pilatus war ein römischer Beamter und ein richtiger Jurist. Er sagt: „Nur nie zurücknehmen, was ich geschrieben habe.“ Das habe ich geschrieben und ich zeige nie Zeichen von Schwäche. Also das bleibt dran. Schön, dass das über dem Kreuz steht, ohne Gänsefüßchen: Jesus, der König der Juden. Und doch ist er zugleich der Heil der Welt.

Gut, dass sich jeder auch an Antisemitismus daran festbeißen kann, dass es „von den Juden“ kommt. Jesus war Jude, doch ist er der Heil der Welt. Er ruft: „Es ist vollbracht!“ Das große Werk, das Gott Jesus aufgetragen hat, ist vollendet. Schon vor seinem Sterben wusste Jesus, dass alles vollbracht war.

Was ist denn jetzt vollbracht? Dass kein Leid die Menschen mehr niederdrücken kann. Wissen Sie das? Sie können durchs finstere Tal gehen und sie fürchten kein Unglück, denn Jesus ist da.

Und wo Jesus ist, da ist sein Kreuz – und ein Sieg über Tod, Teufel und Hölle, was auch kommen mag. Jesus ist stärker als alle Versuchungen. Es ist vollbracht, er hat gesiegt, auch wenn es noch durch manche Tiefen hindurchgeht.

Die Zuversicht trotz Leid und Schmerz

Jetzt möchte ich doch noch einmal über das Leiden in dieser Welt sprechen. Wie schwer müssen die Kranken leiden? Wie viele hören das jetzt unter Schmerzen später auf der Kassette nach? Dann verstehen Sie: Gott ist für mich, wer kann jetzt noch gegen uns sein?

Stellen Sie das Kreuz Jesu über Ihre Leiden. Wissen Sie, ich falle nicht in bodenlose Tiefen, sondern Jesus hält mich. Nichts, nichts – weder das Hohe noch das Tiefe, weder das Gegenwärtige noch das Zukünftige – kann mich scheiden von der Liebe Gottes.

Und wenn du ins Wasser gehst, will ich bei dir sein, damit die Ströme dich nicht ersäufen. Das ist bestätigt im Kreuz Jesu. Niemand kann fallen, selbst ein solcher Schurke wie der, der an Jesus hing und das Leben wirklich nicht mehr verdient hatte, bekommt Leben und wird von Jesus gehalten. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Die Tafel über dem Kreuz macht das noch einmal deutlich: Heil an der Welt. So du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, denn ich bin bei dir, der Heilige, dein Heiland. Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Gehörst du ihm ganz? Ist der Gekreuzigte dein Heiland? Darauf müssen Sie ein fröhliches Amen sagen können. Amen.