Einleitung: Die Herausforderung des Glaubens im modernen Kontext
Nein, wirklich, das war jetzt eine geistliche Tour de France. Stattdessen werde ich mit lauter Forderungen eingedeckt: wie ich zu leben habe, was ich zu tun habe und was ich zu lassen habe.
Aber wenn ich dann mal Fragen habe – zum Beispiel: Warum soll ich das denn machen? Wo steht das in der Bibel? Und warum ist das sinnvoll? Warum will Gott das von mir? – dann heißt es nur: Ja, das musst du halt glauben, das ist so. Menschen können ihre Fragen nicht loswerden, es wird nur Druck ausgeübt. Ich kann schon verstehen, dass Menschen irgendwann sagen: Dann breche ich da aus. Ich kann nicht auf Dauer gegen meinen Verstand glauben, da wird man ja schizophren.
Es ist überhaupt eine Vorstellung, die unter Postevangelikalen ganz schwierig ist: dass Gott zornig wird, dass Gott straft. Gott verurteilt uns nicht, deshalb müssen wir auch nicht gerettet werden. Die Frage ist nur: Ist das das biblische Evangelium?
Damit willkommen beim Bibelfit-Dienst, wo wir versuchen, leicht verständlich tiefer in die Bibel einzusteigen, Jesus im modernen Alltag nachzufolgen und harte Fragen von Nichtchristen klar zu beantworten. Jeden Beitrag verschenke ich Übersichten, biblische Entscheidungshilfen, komplette Hörbücher und sogar Onlinekurse. Das gibt es alles gratis auf dieser Website.
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Ich freue mich sehr, heute Doktor Markus Tilze begrüßen zu dürfen. Viele kennen ihn von seiner geistreichen und scharfsinnigen Schriftstellertätigkeit. Tatsächlich ist er aber auch Lobpreismusiker. Zum Beispiel stammen eine ganze Reihe von Liedern aus „Feiert Jesus“ von ihm.
Er hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Entwicklung in Deutschland aufmerksam und sensibel beobachtet und wertet sie regelmäßig aus. Eines seiner absoluten Herzensthemen, das ihn tief betrifft, ist das, was wir vereinfacht mit dem Schlagwort postevangelikal zusammenfassen.
Also wollen Markus und ich uns jetzt darüber unterhalten: Was ist eigentlich postevangelikal? Wo liegt das Problem dabei? Und sind du und ich eigentlich auf dem Weg, postevangelikal zu werden? Würden wir das überhaupt merken? Fragen wir doch mal ihn.
Begriffsklärung: Was bedeutet postevangelikal?
Lieber Markus, ich starte mal direkt mit einer Frage an dich. Stell dir vor, wir sind schon eine Weile im Glauben unterwegs. Wir bemühen uns, bibelorientiert zu sein, und haben jetzt so eine ganz komische Idee im Kopf, nämlich dass wir uns vornehmen, in ein paar Monaten postevangelikal zu sein. Wie kommen wir am schnellsten von hier nach da? Mach uns doch mal einen Fahrplan.
Okay, sehr lustig, wie du die Frage stellst, denn ich glaube, normalerweise macht das niemand ganz bewusst. Menschen rutschen eher so hinein. Ich habe in den letzten Jahren viele Gespräche geführt und Begegnungen mit Postevangelikalen gehabt. Manche nennen sich selbst so, andere scheuen eher alle Selbstbezeichnungen und wollen ganz bewusst in keine Schublade gesteckt werden.
Diese Menschen bewegen sich theologisch in eine bestimmte Richtung. Es sind sehr unterschiedliche Entwicklungen, die dahin führen. Ich würde gerne am Ende noch einmal darauf zurückkommen, was die Auslöser dafür sind, dass Menschen, die ursprünglich auf der evangelikalen Spur waren, postevangelikal werden. Das hat ganz unterschiedliche Ursachen, die wir uns unbedingt anschauen sollten.
Ich würde aber vielleicht zuerst bei der Frage ansetzen: Wenn wir postevangelikal werden wollen, was heißt das eigentlich? Was bedeutet schon allein dieser Begriff „postevangelikal“? Da sind zwei Worte drin: „post“ und „evangelikal“.
Fangen wir mal mit „post“ an. Das ist lateinisch – ich hatte Latein noch in der Schule – und bedeutet ganz einfach „nach“. Also ist irgendetwas vorbei bei diesen Leuten. Und dann kommt der Begriff „evangelikal“. Das heißt, diese Menschen waren mal evangelikal, sie waren im evangelikalen Umfeld unterwegs. Ihre Frömmigkeit und ihre Theologie waren evangelikal geprägt.
Irgendetwas ist passiert, es hat sich etwas verändert. Sie sind jetzt nicht mehr so stark im evangelikalen Umfeld unterwegs. Vor allem aber haben sich ihre Theologie und ihre Frömmigkeit verändert.
Jetzt ist natürlich die große Frage: Was hat sich denn da verändert? Was ist anders geworden? Um das klären zu können, sollten wir vielleicht zuerst noch einmal einen Schritt zurückgehen und uns fragen: Was bedeutet denn eigentlich „evangelikal“?
Evangelikalismus: Vielfalt und gemeinsame Merkmale
Es ist gar nicht so einfach zu definieren, was eigentlich evangelikal bedeutet. Weltweit gibt es diese evangelikale Bewegung, die unglaublich vielfältig und bunt ist – so bunt, dass man sich manchmal fragt: Was verbindet diese Menschen überhaupt miteinander?
Sie haben eigentlich keine gemeinsamen historischen Wurzeln, keine gemeinsame Geschichte oder Tradition. Erst recht gibt es keine gemeinsame Liturgie oder Ähnliches. Es existiert keine gemeinsame Struktur und keine übergeordneten Autoritäten, die einen einheitlichen Kurs vorgeben könnten. Es gibt kein Lehramt, das das Sagen hätte.
Erstaunlich ist, dass trotz all dieser fehlenden Gemeinsamkeiten die evangelikale Bewegung heute weltweit die zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus ist. Keine religiöse Gruppe ist im letzten halben Jahrhundert dynamischer und schneller gewachsen als die Evangelikalen.
Ich finde, das ist ein sehr erstaunliches Phänomen: Wenn man all das nicht hat – keine Struktur, kein Lehramt, keine Steuerleute, die eine Richtung vorgeben –, und trotzdem ist diese Bewegung als solche erkennbar und unfassbar stark gewachsen, vor allem im letzten halben Jahrhundert.
Also, was macht denn eigentlich die Evangelikalen aus? Das ist wirklich die spannende Frage: Was verbindet dieses ganz bunte Völkchen der Evangelikalen? Darüber wird viel diskutiert.
Ein britischer Historiker namens David Bebbington hat trotz all dieser Vielfalt vier Merkmale identifiziert, die man seiner Einschätzung nach weltweit in allen evangelikalen Strömungen finden kann.
Diese vier Merkmale sind strukturell und von der Frömmigkeitsform her überall präsent, wenn man auf eine evangelikale Gruppe trifft. Ich nenne sie mal:
Das erste Merkmal ist die völlige Vertrauenswürdigkeit der Bibel als höchste Autorität.
Das zweite ist die Zentralität des Versöhnungswerks Jesu am Kreuz – das Kreuz steht im Mittelpunkt.
Das dritte Merkmal ist die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung, die für Evangelikale ganz wichtig ist.
Und das vierte ist der aktive Einsatz aller Gläubigen für die Verbreitung des Evangeliums.
Also: aktiver Einsatz, persönliche Bekehrung, Zentralität des Kreuzes und die Bibel als vertrauenswürdige, höchste Autorität.
Dieser Historiker sagt, dass man diese vier Punkte überall bei den Evangelikalen findet. Wenn man diese vier Merkmale entdeckt, ist man bei Evangelikalen gelandet.
Ich finde diese Beschreibung eigentlich ganz gut. Sicherlich könnte man noch andere Dinge nennen, aber wir können diese vier Merkmale verwenden. Wenn ein Wissenschaftler, ein Historiker, das so sagt, dann können wir uns darauf konzentrieren und vergleichen, was der Unterschied bei den Postevangelikalen ist – was sich bei diesen vier Punkten verändert hat.
Wäre es in Ordnung, wenn wir so vorgehen? Dass wir diese vier Punkte anschauen und dann vergleichen, was die Unterschiede bei den Postevangelikalen sind?
Gut, dann würde ich mal einsteigen.
Unterschiedliche Bibelverständnisse: Die erste Differenz
Der erste Punkt ist also die völlige Vertrauenswürdigkeit der Bibel als höchste Autorität. Dabei geht es um die Frage nach dem Bibelverständnis. Mit Bibelverständnis meine ich hier nicht die Frage, wie man bestimmte Texte auslegt. Vielmehr geht es grundsätzlich darum: Ich habe hier gerade die Bibel, was ist das eigentlich? Was ist das Wesen, was ist der Charakter dieses Buches? Was haben wir da in der Hand? Welche Qualität und welche Eigenschaften haben diese Texte in der Bibel ganz grundsätzlich?
Für Evangelikale ist klar: Diese Texte sind vollkommen vertrauenswürdig, weil alle diese Texte von Gott selbst inspiriert sind. Für Evangelikale sind diese Texte im echten Sinn Gottes Wort. Gott hat hier gesprochen. Wenn ich diese Texte lese, lese ich etwas, was Gott selbst gesprochen hat. Und dann ist ja klar: Wenn Gott spricht, haben wir das nicht zu kritisieren. Wir sollten daran möglichst auch nicht zweifeln. Denn wenn Gott spricht, kann eigentlich nur Glaube, Vertrauen und Gehorsam unsere Antwort sein. Wir Menschen sollten nicht so überheblich sein, Gott in Frage stellen oder widersprechen zu wollen.
Diese Aussage, dass wir Gott nicht überheblich gegenübertreten sollten, würden bestimmt auch viele Postevangelikale unterschreiben. Aber der Unterschied liegt eben in der Frage, inwieweit die Bibel und die Texte, die ich da drin finde, tatsächlich Gottes Worte sind. Da wird dann betont, dass diese Texte ja nicht einfach so vom Himmel gefallen sind. Sie wurden definitiv von Menschen geschrieben und haben einen langen Überlieferungsprozess hinter sich.
Evangelikale sagen: Ja, das stimmt, Menschen haben die Texte geschrieben. Man erkennt auch die speziellen Schreibstile und die speziellen Perspektiven dieser Autoren. Und ja, es gibt einen langen Überlieferungsprozess. Trotzdem sind wir überzeugt, dass wir uns heute noch darauf verlassen können, dass alle diese Texte ganz vom Heiligen Geist inspiriert sind. Evangelikale sagen: Diese Texte, die wir da finden, sind beides zugleich. Sie sind ganz Menschenwort, aber zugleich ganz Gotteswort. Jedes Wort in diesem Buch ist vom Heiligen Geist inspiriert. Paulus sagt: Theopneustos, vom Heiligen Geist durchhaucht, ganz und gar entsprechend der Wahrheit und der Heiligkeit Gottes.
Evangelikale sagen, der Heilige Geist hat beim Schreiben der Texte, bei der Auswahl der Texte und bei der Überlieferung darauf geachtet, dass alle diese Texte ganz dem Wesen und der Wahrheit Gottes entsprechen. Das ist die erste wichtige Überzeugung, bei der Postevangelikale immer weniger mitgehen können. Da schleichen sich zunehmend immer mehr Zweifel ein. Manchmal merkt man das gar nicht so schnell von außen.
Wenn Postevangelikale über die Bibel sprechen, kann sich das manchmal sehr ähnlich anhören. Da werden ganz ähnliche Begriffe verwendet, und man muss schon sehr genau hinhören und hinschauen, um die Unterschiede zu verstehen. Aber wenn man das macht, wenn man genau hinschaut, dann merkt man immer mehr: Eigentlich wird hier etwas ganz anderes, etwas ganz Unterschiedliches gemeint.
Ich möchte gerne eine typische Formulierung nennen. Der postevangelikale Theologe Siegfried Zimmer schreibt zum Beispiel: Der Satz „Die Bibel ist Gottes Wort“ meint, Gott kann und will durch die Bibel zu uns reden. Siegfried Zimmer betont vorher immer: Natürlich ist die Bibel Gottes Wort. Aber er sagt jetzt: Achtung, das meint bei mir nicht, dass diese Worte Gottes Wort sind, sondern Gott kann und will diese Texte benutzen, um punktuell durch diese Texte zu mir zu reden und sie individuell für mich zum Wort Gottes zu machen.
Er geht also davon aus, dass die Bibel Texte enthält, die eigentlich erst einmal ganz menschlich sind und fehlerhaft. Darüber spricht Siegfried Zimmer auch ausdrücklich: Die Texte haben hunderte Fehler, sagt er. Sie haben eine ganz begrenzte Perspektive, eben genau die Perspektive, die die Menschen der damaligen Zeit nur haben konnten. Aber Gott benutzt oder kann diese fehlerhaften Texte trotzdem benutzen, um sie individuell beim Lesen für uns zum Wort Gottes zu machen.
Ich denke, diese Erfahrung haben eigentlich alle Christen schon gemacht: Wir lesen die Bibel und merken plötzlich: Oh wow, das ist jetzt für mich heute ganz besonders wichtig. Da spricht Gott mich ganz persönlich an. Das ist eine Erfahrung, die kennen wir alle.
Aber für Evangelikale ist es nicht genug, dass Gott dieses Wunder tut durch den Heiligen Geist, dass ein Wort Gottes aus der Bibel mich ganz persönlich trifft. Evangelikale glauben nicht nur, dass der Heilige Geist wirkt, wenn ich in diesem Buch lese. Evangelikale glauben, dass der Heilige Geist auch schon gewirkt hat, als diese Leute damals dieses Buch geschrieben haben. Also bei der Entstehung der Texte war der Heilige Geist schon beteiligt, prägend und entscheidend – nicht erst, wenn ich diese Worte lese. Das ist der große Unterschied.
Ich möchte noch eine typische Formulierung vorlesen, in der das ganz deutlich wird, was da passiert. Die evangelische Kirche hat kürzlich einen Grundsatztext herausgebracht, dem viele Postevangelikale zugestimmt haben. Die Formulierung lautet:
„Die biblischen Texte werden gehört und ausgelegt als Gottes Wort im Menschenwort, das das endgültige Wort Gottes in Person und Wirken Jesu Christi bezeugt.“
Da muss man ganz genau hinhören. Es wird unterschieden: Es gibt ein endgültiges Wort Gottes. Das ist aber kein Text, sondern die Person Jesus Christus. Die Person Jesus Christus ist das endgültige Wort Gottes. Dann gibt es die biblischen Texte, die dieses endgültige Wort bezeugen. Sie sind ein Zeugnis vom Wort Gottes. Manche dieser Autoren waren ja auch sehr nah dran an Jesus, und entsprechend wichtig ist dieses Zeugnis. Aber es bleibt eben ein Zeugnis – und zwar ein menschliches Zeugnis.
Ein menschliches Zeugnis ist immer fehlerhaft. Es ist nie perfekt, sondern immer geprägt von der jeweiligen Kultur und der persönlichen Biografie eines Autors. Entsprechend kann man dieses Zeugnis zwar sehr wichtig, wertvoll und inspirierend finden, aber es bleibt kritisierbar. Es bleibt fehlerhaft und subjektiv, und man kann es deswegen auch kritisieren.
Hier sind wir am entscheidenden Knackpunkt: Es wird getrennt zwischen Offenbarung und Schrifttext. Auf der einen Seite steht die Offenbarung, das, was der Heilige Geist beim Lesen tun kann, und die Person Jesus Christus. Auf der anderen Seite steht der Text, der aber nicht selbst Offenbarung ist, sondern ein Zeugnis der Offenbarung. Manchmal heißt es auch, der Text enthält irgendwie Offenbarung. Das führt zu der schwierigen Frage: Was davon ist denn Offenbarung und was nicht? Das kann niemand mit Kriterien festlegen. Es bleibt immer subjektiv und kann nur persönlich entschieden werden.
Diese Texte können also kritisiert werden, weil nicht die Überzeugung besteht, dass Gott oder der Heilige Geist hinter jedem dieser Worte steht. Entsprechend haben diese Worte nicht die Autorität, die sie für Evangelikale haben. So ist erklärbar, warum Postevangelikale immer wieder zu Schlussfolgerungen kommen, die den Worten in der Bibel komplett entgegenstehen.
Das fällt besonders im Bereich der Sexualethik auf. Die Bibel ist sehr einheitlich und durchgängig bei der Aussage, dass praktizierte Sexualität nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau erlaubt ist. Das ist sonnenklar, wenn man das quer durch die Bibel liest.
Im postevangelikalen Umfeld verlässt man diese Sichtweise. Man meint, dass auch ganz anderes möglich wäre. Das ist letztlich nur verständlich vor dem Hintergrund, dass der biblische Text aus postevangelikaler Sicht nicht eins zu eins Gottes Wort ist und deshalb auch kritisierbar und zurückgewiesen werden kann. Man sagt: Wir haben heute andere Erkenntnisse, wir wissen heute mehr, als die Menschen damals wussten. Und da müssen wir mit der Zeit gehen. Deshalb können wir zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen.
Das ist ein tiefer und wichtiger Punkt, den Markus Till hier macht. Er freut sich, wenn mehr Menschen diesen Beitrag sehen. Dafür kann man die Glocke unten rechts unter dem Video drücken, damit der YouTube-Algorithmus das unterstützt. Vielen Dank an alle, die das machen. Das ist eine schöne Wertschätzung für die Arbeit von Markus Till und von uns.
Diese Problematik betrifft aber nicht nur die Sexualethik. Manche sagen, bei der Sexualethik seien Postevangelikale anders. Nein, wenn man genau hinschaut, betrifft es letztlich alle Fragen des Glaubens bis hinein in den allerinnersten Kern unseres Glaubens, die Kreuzestheologie.
Die Kreuzestheologie als zentrales Glaubensmerkmal
Da sind wir jetzt beim zweiten Punkt dessen, was Evangelikalismus ausmacht. Ich habe es ja gesagt: Für Evangelikale ist das Versöhnungswerk Jesu am Kreuz absolut zentral. Das ist keine Randfrage des Glaubens.
Ich muss da immer an den englischen Prediger Charles Haddon Spurgeon denken. Gegen Ende seines Lebens sagte er einmal: „Meine Theologie schrumpft immer mehr zusammen auf vier Worte: Jesus starb für mich.“ Ja, das ist in vier Worten ausgedrückt, so glaube ich, was er meinte. Jesus starb für mich, an meiner Stelle.
Ich habe gesündigt und hätte Strafe verdient, aber ich kann diese Strafe nicht bezahlen. Deshalb hat Jesus die Strafe stellvertretend auf sich genommen, damit ich frei ausgehe im Gericht. Er ist stellvertretend für mich am Kreuz gestorben, damit mir meine Schuld vergeben werden kann. Mein Schuldbrief hängt am Kreuz. Das bringt mir Versöhnung mit Gott, der mich als gerechter Richter eigentlich verurteilen müsste.
Nur durch dieses Versöhnungswerk Jesu am Kreuz kann ich Gott begegnen und ewig bei ihm leben. Das ist der innerste Kern unseres Glaubens, meines Glaubens auch. Damit will ich leben und sterben, mit dieser Überzeugung.
Zum Beispiel die Evangelische Allianz formuliert das auch ganz stark, wenn ich mal kurz hier zitieren darf: In der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz steht, dass Jesus Christus stellvertretend für alle Menschen gestorben ist. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch im Gottesgericht. Darum geht es. Das ist die Mitte unseres Glaubens.
An dieser zentralen Überzeugung hängt eigentlich alles. Sie ist unaufgebbar. Man kann sie nicht herausnehmen, ohne das ganze Glaubensgebäude zu entkernen. Aber es ist eben genau dieser Punkt, der bei Postevangelikalen zunehmend in Frage gestellt wird.
Ich möchte dazu gerne ein Zitat vorlesen, muss aber vorher kurz etwas erklären. Bei Postevangelikalen ist oft auch von progressiver Theologie die Rede. Was ist progressive Theologie? Das meint, dass Theologie immer wieder progressiv angepasst werden muss. Die Zeit schreitet voran, unsere Kultur und Gesellschaft entwickeln neue Überzeugungen. Deshalb glauben wir, dass auch die Theologie voranschreiten und immer wieder neue Überzeugungen entwickeln muss.
Und jetzt gibt es einen sehr bekannten postevangelikalen Vertreter, der zum Thema Kreuz Folgendes sagt. Ich möchte das kurz vorlesen: „Progressive deuten das Kreuz Jesu nicht im Sinne eines stellvertretenden Strafleidens. Progressiver Glaube ist nicht blutrünstig. Progressive orientieren sich an anderen Kreuzestheologien wie dem solidarischen Ansatz. Am Kreuz zeigt sich Gottes solidarische Feindesliebe, die auch dann nicht aufhört, wenn der Mensch zum Äußersten greift. Diese Liebe ist stärker als der Tod. Sie schafft neue Möglichkeiten, wo wir keine mehr sehen.“
Das ist eine ganz typische Formulierung. So ähnlich hört man das sehr häufig im progressiven, im postevangelikalen Umfeld. Es wird betont: Ja klar, Jesus vergibt seinen Feinden, er durchbricht diesen Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Er ist ein Vorbild für uns durch seine Feindesliebe und seine Gewaltfreiheit.
Aber das hat alles nichts damit zu tun, dass er da irgendwie ein stellvertretendes Opfer sterben würde, dass er stellvertretend vor uns stirbt, gleich gar nicht, um Gottes Strafe auf sich zu nehmen. Das ist eine Vorstellung, die unter Postevangelikalen ganz schwierig ist.
Dass Gott zornig wird, dass Gott straft – das kann man sich dort immer weniger vorstellen. Man geht davon aus: Gott ist doch die Liebe, er ist ein gnädiger Gott. So ein Gott kann doch nicht strafen, der kann doch nicht zornig sein. Und deswegen ist er ganz sicher nicht so zornig, dass da irgendjemand sterben muss. Das kann man sich einfach nicht vorstellen.
Wir haben es ja gehört in diesem Zitat: Bei uns ist Gott nicht blutrünstig, dass da irgendjemand sterben muss. Und da merken wir: Da haben wir einen ganz grundsätzlichen Unterschied zwischen postevangelikaler und progressiver Theologie und dem, was Evangelikalen ganz unverzichtbar wichtig ist.
In der postevangelikalen Theologie betont man die Liebe, die grenzenlose Gnade Gottes, aber man findet kaum noch Worte für das, was sich quer durch die Bibel zieht: dass Gott immer wieder auch ein zorniger Gott ist, dass er Gerechtigkeit schafft, dass er für Gerechtigkeit sorgt, dass er als Richter auftritt, dass er Menschen für ihre Sünden bestraft und dass wir deshalb verloren sind ohne das Erlösungswerk Jesu am Kreuz.
Das ist im Zentrum der evangelikalen Überzeugung enthalten. Und wenn man auf all das immer mehr verzichtet, dann führt das zwangsläufig letztlich zu einem anderen Evangelium. Ein anderes Evangelium sagt: Gott liebt uns, wir haben schwierige Umstände, Sorgen, Ängste, Krankheit, Ungerechtigkeit. Das raubt uns die Hoffnung und belastet unser Vertrauen auf Gott. Die Lösung ist deshalb: Wir brauchen Zuspruch und Ermutigung. Die gute Nachricht ist: Gott ist bedingungslos für dich, er ist voll auf deiner Seite und seine Liebe und Gnade für dich ist grenzenlos.
Das ist eher so ein Evangelium, das ich im postevangelikalen Umfeld sehr oft höre. Es klingt ja schön. Die Frage ist nur: Ist das das biblische Evangelium, das Paulus zum Beispiel im Römerbrief verkündet? Ich würde sagen: Nein, das ist es nicht.
Das biblische Evangelium geht anders. Es beginnt zwar mit der gleichen Botschaft: Gott liebt uns. Aber der Kern unserer Probleme sind nicht unsere Umstände. Die sind nicht außerhalb von uns. Das Herz unserer Probleme ist das Problem unseres Herzens, das hoffnungslos in Sünde verstrickt ist.
Unsere Sünde zerstört unser Leben, unsere Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott. Damit ziehen wir den Zorn Gottes auf uns. Denn Gott ist ein gerechter Richter, und er muss uns im Gericht verurteilen für das, was wir anderen Menschen antun. Würde er das nicht tun, wäre er nicht gerecht. Dann würde er selbst das Gesetz übertreten.
Die Lösung ist deshalb eben nicht einfach nur Zuspruch und Ermutigung. Die Lösung ist das Kreuz, an dem Jesus unsere Schuld auf sich nimmt. Mehr noch: Im Kreuz erkennen wir, dass unser Sündenproblem so groß ist, dass ein anderer für uns sterben muss.
Das holt uns runter vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit und bringt uns auf die Knie. Es bringt uns dazu, unseren alten, in Sünde verstrickten Menschen mit Christus am Kreuz in den Tod zu geben, damit durch den Heiligen Geist neues Leben in uns wachsen kann.
Dieses neue Leben braucht dann tatsächlich Zuspruch und Ermutigung. Aber wenn wir nicht mehr vorher über Buße, Umkehr und Erneuerung reden, dann haben wir das Entscheidende übergangen und vergessen. Dann haben wir nicht mehr dieses Evangelium, das wir im Neuen Testament finden. Dann haben wir ein harmloses Evangelium, ein Evangelium der billigen Gnade.
Das erregt zwar nirgends Anstoß, aber es hat auch keine Kraft mehr zur Erneuerung. Das ist einfach flach. Und dann ist es kein Wunder, wenn unsere Gottesdienste flach und oberflächlich werden. Wenn wir nicht mehr über Erlösung predigen, jubelt auch keiner mehr über seine Erlösung. Dann werden wir selbstzufrieden.
So ein Evangelium macht uns immun gegen den Ruf zur Umkehr, der bei Jesus ja immer im Zentrum seiner Botschaft stand. Und dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Gemeinden schrumpfen und schließlich zugrunde gehen.
Ich bin evangelisch, ich weiß, wovon ich rede, was da passiert. Und ich hoffe, Markus, du merkst, weshalb ich bei diesem Thema so eine Leidenschaft habe. Es geht einerseits um den Kern unseres Glaubens, und ich sehe ganz praktisch, wie sich diese Verschiebung im Evangelium auf Gemeindebau, Mission und Evangelisation auswirkt.
Deshalb werbe ich so dafür, dass wir an dieser Stelle sagen: Als Evangelikale können wir diesen Weg nicht mitgehen. Wir dürfen nicht abrutschen in ein anderes Evangelium, denn hier geht es buchstäblich um den innersten Kern unseres Glaubens.
Da darf ich ganz kurz einhaken: Wunderbar, wirklich wunderbar. Es gibt keinen Satz, den du gerade gesagt hast, dem ich nicht hätte zustimmen können – außer den Zitaten, vielleicht, das ist ein anderes Thema. Nein, wirklich, das war jetzt eine geistliche Tour de France.
Evangelikal sein in der Landeskirche und Gemeinschaft als Familie Gottes
Was ich ganz spannend finde, ist nur eine kurze Randnotiz: Du sagst, du bist evangelisch. Ich übersetze das jetzt mal so, dass du Mitglied einer evangelischen Landeskirche bist. Wenn ich dich richtig verstanden habe, würdest du dich sehr wohl als Evangelikaler bezeichnen.
Das heißt, und das ist ja etwas Tolles, du sagst, dass das nicht an eine bestimmte Konfession oder Gemeinde gebunden ist, sondern dass es Schnittmengen gibt. Du kannst als Evangelikaler sicherlich in dem einen Umfeld leichter sein als in einem anderen. Aber du kannst sehr wohl als Evangelikaler zum Beispiel in der evangelischen Landeskirche sein. Man muss nicht zwangsläufig eine Landeskirche verlassen.
Mein Herz ist primär, dass ich zu dieser großen einen Kirche Jesu gehöre. Das heißt, ich bin und weiß mich verbunden mit all denen, die Jesus von Herzen nachfolgen und neu geboren sind durch den Heiligen Geist. Sie sind meine Brüder und Schwestern, egal in welcher Kirche sie auch immer sind.
Ich finde die Gemeindemitgliedschaft in der Gemeinde ungeheuer wichtig. Ich habe die schöne Situation, dass ich mich vor Ort in der Gemeinde engagieren kann, und das ist eben eine evangelische Gemeinde. Aber mein Herz hängt nicht primär an der Institution, sondern an dieser Familie Gottes, die sich dadurch definiert, dass wir an Jesus hängen und Glieder an seinem Leib sind, weil er uns durch seinen Geist eingegliedert hat. Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Wie sich das dann konkretisiert, in welcher Institution, da braucht jeder persönliche Führung. Die Wege können sehr individuell und sehr verschieden sein.
Du siehst, hier geht es um die ganz großen Fragen. Eine Sache, die viele Leute verwirrt, ist, dass es große Unterschiede zwischen den einzelnen christlichen Gruppen gibt. Es gibt eine Menge Kleinigkeiten, viele oberflächliche Unterschiede, aber auch ein paar tiefere Themen.
Einige der größten und wichtigsten Unterschiede, die du wirklich kennen musst – ohne die du bald den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst – habe ich dir hier zusammengefasst in dieser Bibelfeld-Übersicht über die christlichen Glaubensrichtungen. Sie wird deutschlandweit heutzutage schon benutzt, in Bibelschulen, im Religionsunterricht und in der Gemeindebildung.
Du kannst sie dir gern kostenlos mitnehmen über den Link in der Videobeschreibung. Das ist der erste Link in der Videobeschreibung und kommt gratis für dich.
Die Notwendigkeit der Bekehrung als drittes Merkmal
Wichtig ist für mich allerdings, und damit sind wir jetzt beim dritten Grundmerkmal der Evangelikalen, dass wir nicht vom Evangelium abweichen und dass wir die Notwendigkeit der Bekehrung nicht aufgeben.
Das war ja der dritte Punkt: Evangelikale sagen, es geht darum, Jesus zu finden, zu ihm umzukehren und ihm zu folgen. Das heißt, dass wir unser Leben und unsere Entscheidungen an seinen Geboten ausrichten. Für Evangelikale ist das unbedingt notwendig.
Bei Postevangelikalen sieht das oft anders aus. Dort wird eher gesagt, es geht darum, sich selbst zu finden. Eine rettende Bekehrung sei nicht nötig, denn Gott sei ohnehin für alle Menschen da, er liebe alle Menschen und verurteile uns nicht. Deshalb müssten wir auch nicht gerettet werden.
Manche Postevangelikale sprechen zwar noch von Bekehrung, doch diese hat dann meist eine andere Bedeutung. Sie wird eher als Hinwendung zu anderen Menschen oder als achtsamer Umgang mit sich selbst verstanden. Diese Sichtweisen kennen wir aus unserer Gesellschaft sehr gut. Wir hören oft Sprüche wie: Folge deinem Herzen, sei mitmenschlich, sei solidarisch, arbeite für die Transformation unserer Gesellschaft. Das sind typische Aufrufe, die an unseren Willen appellieren. Viele davon sind nicht schlecht, manche sogar gut biblisch begründbar.
Die Bibel sagt aber zugleich: Nur solche moralischen Appelle werden am Ende nichts ändern, wenn unser Herz nicht erneuert wird. Für die Erneuerung unseres Herzens braucht es unbedingt eine bewusste Bekehrung. Dabei sage ich: Nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Ich werde kein besserer Mensch durch eigene Anstrengungen oder Leistungen, sondern allein aus Gnade und durch das Wirken des Heiligen Geistes in mir.
Das ist unverzichtbar. Dafür braucht es diese rettende Bekehrung, bei der ich meinen alten Menschen am Kreuz sterben lasse. Das drückt auch die Taufe aus: von neuem geboren zu werden. Für Evangelikale ist das unverzichtbar.
Das ist dann auch die Grundlage für das vierte Merkmal der Evangelikalen. Es geht um den aktiven Einsatz aller Gläubigen für die Verbreitung des Evangeliums. Evangelikale machen keine Unterscheidung zwischen Klerus und Laien, also zwischen denen, die aktiv mitarbeiten, und denen, die eher passiv dabei sind. Nein, Evangelikale sagen: Wir sind alle Botschafter an Christi Statt.
Diese Botschaft ist nicht beliebig. Seine Botschaft muss unsere Botschaft sein. Wir bemühen uns, dass unsere Botschaft und unser Leben das repräsentieren, was uns in der Bibel gelehrt wird.
Hier zeigt sich auch ein großer Unterschied zu Postevangelikalen. Deren Botschaft ist oft stärker von aktuellen Themen geprägt und bestimmt. Das wurde kürzlich beim evangelischen Kirchentag deutlich. Dort war die Abschlusspredigt geprägt von Aussagen wie: Wir sind alle die letzte Generation, Black Lives Always Matter, Gott ist queer, und wir schicken ein Schiff.
Das sind mehrere zeitgeistige, moralisch aufgeladene Appelle, die letztlich nichts mit dem biblischen Evangelium von der Erneuerung unseres Herzens durch das Kreuz und den Heiligen Geist zu tun haben.
Wenn wir diese zentrale Botschaft weglassen und stattdessen direkt mit moralischen Appellen ansetzen, um die Gesellschaft zu verändern, verpassen wir das Entscheidende. Die Bibel macht uns Mut, dass auch eine Gesellschaft transformiert werden kann. Sie sagt aber auch: Aktivismus und Umstürze helfen nicht. Wir müssen zum Herzen des Problems vordringen.
Und das Herz des Problems ist, wie ich schon sagte, das Problem unseres Herzens. Deshalb bestehen Evangelikale darauf, dass dies im Zentrum unserer Botschaft stehen muss.
So sehr wir uns auch um Diakonie und die Bewahrung der Schöpfung kümmern – das sind durchaus gute Themen – am meisten wird uns immer die Erneuerung der Herzen umtreiben. Denn wir glauben, dass dadurch tatsächlich nachhaltige Veränderungen möglich sind, auch in der Gesellschaft.
Wir haben viele Erweckungsbewegungen erlebt, die Gesellschaften nachhaltig verändert haben. Doch im Zentrum stand nie die Botschaft: Lasst uns alles verändern. Immer war die Botschaft: Komm zum Kreuz, werde neu am Kreuz.
Das hat Menschen verändert, Familien verändert, Gemeinschaften und sogar ganze Nationen positiv geprägt. Wir alle profitieren hier im Westen davon.
Deshalb werbe ich dafür, dass wir dabei bleiben und Verkünder dieses Evangeliums sind.
Ich hoffe, ich konnte einige zentrale Knackpunkte deutlich machen. Es gäbe natürlich noch mehr, aber ich möchte mich auf diese vier Punkte beschränken.
Ursachen für den postevangelikalen Weg
Die große Frage ist jetzt: Warum werden Menschen postevangelikal? Was sind die Auslöser dafür?
Ich habe bereits erwähnt, dass ich mit vielen Postevangelikalen persönlich gesprochen habe. Mir ist es wichtig zu betonen, dass diese Menschen sehr nette, kostbare, ehrliche und authentische Persönlichkeiten sind. Nichts liegt mir ferner, als sie zu verurteilen oder mich über sie zu stellen. Wir leben alle aus Gnade, und ich habe Freunde unter ihnen. Diese Menschen sind kostbar, und ich denke individuell oft: „Wow, ich weiß nicht, wie ich auf das reagiert hätte, was manche von ihnen erlebt haben.“ Deshalb würde ich niemanden persönlich verurteilen.
Ich habe von Menschen gehört, die schlimmen Machtmissbrauch in Gemeinden erlebt haben. Sie wurden von Leitern manipuliert, die persönliche Ziele verfolgten und Menschen an sich banden, statt an Jesus. Das ist natürlich völlig inakzeptabel und darf nicht sein.
Menschen merken, dass zwar ständig von der Liebe Gottes gesprochen wird, sie aber nichts von dieser Liebe spüren. In der Gemeinschaft ist keine Liebe spürbar, da kann etwas nicht stimmen. Stattdessen werden sie mit Forderungen überhäuft: wie sie zu leben haben, was sie tun oder lassen sollen. Wenn sie dann Fragen stellen, warum sie das tun sollen, wo es in der Bibel steht und warum Gott das will, heißt es oft nur: „Das musst du glauben, das ist so.“ Die Fragen werden nicht beantwortet, sondern es wird nur Druck ausgeübt.
Ich kann verstehen, dass Menschen irgendwann sagen: „Dann breche ich aus!“ Sie spüren, dass ihnen das nicht gut tut. Im Gegenteil, es macht sie fertig und verbiegt sie. Sie spüren keine Freiheit, keine Weite, keine Luft zum Atmen. Deshalb verstehe ich, dass Menschen ausbrechen und sagen: „Da muss sich etwas verändern.“
Dieses Motiv begegnet mir immer wieder. Es sollte auch uns Evangelikalen zu denken geben, weil es zeigt, dass bei uns etwas nicht in Ordnung ist. Wenn Gemeinschaften so drückend, bedrückend und gesetzlich sind, dass es nur um Regeln geht, ohne die Kraft des Heiligen Geistes und ohne beantwortete Fragen, dann ist das schwierig. Ich verstehe, dass Menschen diesen Weg zunehmend verlassen.
Ein zweiter Grund, warum viele Menschen postevangelikal werden, sind ihre Fragen. Viele haben zunehmend intellektuelle Anfragen an die Bibel. Sie sagen: „So wurde mir immer wieder gesagt, das ist Gottes Wort. Aber jetzt höre ich anderswo, dass es Widersprüche in diesem Buch gibt. Früher ist mir das nie aufgefallen, aber stimmt das nicht? Da sind doch veraltete Weltbilder, und es gibt brutale, kriegerische Gewalttexte. Das kann doch unmöglich Gottes Wille sein. Wer hat eigentlich bestimmt, welche Bücher zur Bibel gehören? War das nicht alles sehr menschlich und willkürlich? Wie soll ich da heute noch glauben, dass das das inspirierte Wort Gottes ist?“
Sie wollen intellektuell redlich glauben, können aber nicht dauerhaft gegen ihren Verstand glauben. Das wäre schizophren. Deshalb öffnen sie sich irgendwann für theologische Konstrukte, die diese Probleme scheinbar lösen. Leider lösen sich dabei oft gesunde biblische Glaubensgrundlagen auf.
Das tut mir sehr weh, weil es mir genauso geht. Ich könnte auch nicht gegen meinen Verstand glauben. Es begeistert mich, dass es auf diese Anfragen gute Antworten gibt. Wenn man ein wenig forscht, findet man Antworten, ohne die Wahrheit der Bibel aufgeben zu müssen. Viele Menschen stoßen jedoch nicht darauf, sondern nur auf Kritik. Irgendwann ziehen sie daraus ihre Konsequenzen.
Ein letzter Grund, warum ich merke, dass Menschen postevangelikal werden, ist der gesellschaftliche Druck und die gesellschaftlichen Verlockungen, die immer größer werden. Unsere Gesellschaft bewegt sich weg von den Maßstäben der Bibel, besonders im Bereich der Sexualethik.
Ich habe eine Jugendgruppe bei mir zu Hause, zusammen mit meiner Frau. Es ist bewegend, wie die Jugendlichen fast in Dauerschleife mit völlig anderen Vorstellungen bedrängt werden. Diese Vorstellungen kommen nicht nur anders daher, sondern mit einem hochmoralischen Anspruch: Wenn du dem nicht folgst, was wir sagen, diskriminierst du Menschen. Das sei lieblos.
Christen sollen andere Formen der Sexualität nicht in Frage stellen oder als Sünde bezeichnen. Wir wollen liebevoll sein und die Annahme und Liebe Gottes widerspiegeln. Deshalb verstehe ich, wenn Christen denken, sie müssten beim Christopher Street Day vorne mitlaufen, statt kritisch am Rand zu stehen. Es geht doch darum, tolerant und wertschätzend zu sein und Menschen liebevoll zu begegnen.
Dazu kommt, dass es für Menschen oft auch attraktiv wirkt. Man verliebt sich in jemanden, hat Lust, und alle leben einem vor, dass es völlig okay ist, mit dieser Person ins Bett zu gehen. Das wollen sie natürlich auch. Sie hören lieber die Predigt eines postevangelikalen Verkündigers, der sagt: „Ja, das ist auch okay.“ Das gefällt ihnen besser, als wenn Markus Voss und seine Frau sagen: „Nein, das ist nicht in Ordnung.“
Wir müssen ehrlich sein: Dieses Thema betrifft uns alle. Wir alle haben die Neigung, Sünde zu rechtfertigen. Niemand kann sich davon ausnehmen. Wenn viele Stimmen sagen, dass es nicht nur okay ist, sondern geradezu unmoralisch wäre, das anders zu sehen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass gerade junge Menschen, aber eigentlich Menschen jeden Alters, sich mitreißen lassen. Sie kehren sich vom historisch orthodoxen Weg ab, von Überzeugungen wie der, dass praktizierte Sexualität nur in die Ehe gehört.
Das ist für viele ein wesentlicher Grund, warum sie diesen Weg mitgehen. Zumal es heute manchmal knallharte Konsequenzen haben kann. Es kann Auswirkungen im Job haben, wenn man nicht mitmacht. Man kann im öffentlichen Shitstorm landen.
Ich habe einmal einen Pfarrer kennengelernt, der es wagte zu predigen, dass ausserehelicher Geschlechtsverkehr Sünde ist. Es gab einen riesigen öffentlichen Aufschrei. Er verlor seinen Job, und seine Familie wurde auseinandergerissen.
Deshalb verstehe ich, warum Menschen diesen Weg gehen. Umso wichtiger ist es heute, dass wir aufstehen und Menschen Orientierung geben. Wir müssen ihnen zeigen, warum es nicht antiintellektuell ist, der Bibel zu vertrauen. Es gibt gute Argumente und Antworten auf die Kritik und Anfragen, die es gibt.
Wir sollten aufzeigen, warum es heilsam und schön ist, den Geboten Gottes zu folgen. Warum uns das befreit und warum Christen zu allen Zeiten diesen gesunden, heilsamen Weg gegangen sind. Dafür wieder Werbung zu machen, ist heute so wichtig.
Dazu gehört natürlich auch, dass wir Gemeinschaften gründen und aufbauen, in denen Gottes Liebe und Annahme wirklich spürbar sind. Wo der Heilige Geist uns lebendig macht. Wo wir nicht nur die Gebote Gottes haben, sondern auch die Kraft, fröhlich in diesen Geboten zu leben.
Das ist so entscheidend. Dann werden Menschen auch nicht postevangelikal.
Zusammenfassung und Ausblick: Wie wird man postevangelikal?
Was für ein Schlusswort! Ich muss jetzt trotzdem noch einmal die Frage stellen – so zur Zusammenfassung und zum Mitschreiben zum Schluss, lieber Markus. Dabei geht es nicht darum, deine Leidenschaft abzubrechen, ganz im Gegenteil. Vielleicht kannst du sie noch ein letztes Mal entfachen.
Noch einmal ganz zurück zur ganz, ganz, ganz Ausgangsfrage: Du und ich, sagen wir mal, wir sind evangelikal nach der Definition, die du geboten hast – die ich übrigens fantastisch finde. Jetzt sagen wir mal, unser Ziel ist es, in einem halben Jahr postevangelikal zu sein. Was wären jetzt die konkreten Schritte, bei denen wir sagen müssen: So kommen wir am besten dahin?
Ein wichtiger Schritt wäre schon mal, dass wir anfangen, uns zu überlegen, mit welchen Quellen wir uns füttern. Lesen wir weiterhin in der Bibel? Verwurzeln wir uns in diesem Wort, sodass wir einen inneren Maßstab haben im Vergleich zu dem, was wir da draußen alles hören?
Ein nächster guter Schritt bei der Auswahl der Quellen, mit denen wir uns füttern, wäre, dass wir uns möglichst postevangelikal-progressive Quellen anhören. Es gibt Leute, die wirken sehr überzeugend. Ich habe auch mit einigen dieser Personen persönlich diskutiert. Das sind kluge, reflektierte Menschen. Damit sollten wir uns füttern und eher nicht mit so etwas wie Markus Voss und Bibelfit, das ist da nicht so förderlich.
Dann ist natürlich die Frage, mit welchen Menschen du dich umgibst. Umgibst du dich mit Menschen, die in Jesus verliebt sind und in Gottes Wort gegründet? Bist du auch transparent gegenüber diesen Menschen? Sprichst du mit ihnen über deine Fragen?
Wenn du postevangelikal werden willst, solltest du das nicht tun. Stattdessen solltest du anfangen, die Dinge mit dir selbst auszumachen. Folge lieber deinen inneren Antrieben und Impulsen, anstatt dich transparent zu machen und damit natürlich auch kritisierbar zu werden – das solltest du da nicht tun.
Folge lieber deinem Herzen, deinen inneren Impulsen, wohin sie dich auch führen. Lass dich von denen ermutigen, die dich in deinen Impulsen bestätigen. Lass es nicht zu, dass dich irgendwelche überkommenen Bibelstellenstapler in Frage stellen.
Dein Herz ist verlässlich und führt dich ganz bestimmt an einen guten Ort. Such dir stattdessen Leute, die dir immer auf die Schulter klopfen, die dich ermutigen und anfeuern. Dann kann ich dir mit großer Gewissheit sagen: Vielleicht geht es sogar schneller als ein halbes Jahr, und du bist ein Postevangelikaler.
