Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 255: Größer als der Größte.
Zweifel als Ausdruck eines lebendigen Glaubens
Die letzten beiden Episoden haben wir uns mit Johannes dem Täufer beschäftigt – genauer gesagt mit seinen Zweifeln. Es sind die Fragen, mit denen er seine Jünger zu Jesus schickt, die ihn in unseren Augen vielleicht etwas suspekt erscheinen lassen.
Das Denken vieler Christen läuft dann oft in etwa so: Wer Fragen hat, steht nicht fest im Glauben. Ich möchte zunächst zeigen, dass wir bei einem solchen Denken sehr vorsichtig sein müssen. Ja, ich würde sogar sagen: Wer fest im Glauben steht, hat Fragen.
Er hat Fragen, weil Gott in seinem Leben eine so wichtige Rolle spielt, dass er gar nicht anders kann, als die Fragen seines Lebens mit Gott zu besprechen und auf Gott zu beziehen. Nur wer eng mit Gott lebt und sein ganzes Leben mit ihm teilt, wird auch seinen eigenen Frust, sein Unverständnis und seine Ohnmacht mit Gott teilen.
Deshalb darf es uns nicht überraschen, dass Jesus Johannes den Täufer als den größten Propheten des Alten Bundes bezeichnet. Es sind tatsächlich diejenigen mit einer engen Beziehung zu Gott und einer großen Berufung, die im Umgang mit Gott persönliche Grenzen besonders schmerzlich erleben und sich dann mit ihren Fragen an ihn wenden.
Johannes der Täufer – mehr als ein Prophet
Aber lesen wir weiter in Lukas Kapitel 7, Verse 24 bis 28:
Als aber die Boten des Johannes weggegangen waren, fing Jesus an, zu den Volksmengen über Johannes zu reden. Er fragte: „Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen, anzuschauen? Ein Rohr, vom Wind hin und her bewegt? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen mit weichen Kleidern angetan? Siehe, die in herrlicher Kleidung und in Üppigkeit leben, sind an den königlichen Höfen. Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, sage ich euch, und mehr als einen Propheten. Dieser ist es, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.‘ Denn ich sage euch: Unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer als Johannes der Täufer; aber der Kleinste im Reich Gottes ist größer als er.“
Hier spricht Jesus zu den Menschen, die sich noch gut an die Zeit erinnern, als sie selbst in die jüdische Wüste gegangen waren, um Johannes zu sehen, auf seine Predigt zu hören und sich taufen zu lassen. Jesus fragt sie, was sie damals erwartet hatten, als sie in die Wüste hinausgingen.
„Habt ihr ein Rohr erwartet, das vom Wind hin und her bewegt wird?“ Damit meint er jemanden mit einem instabilen Charakter, der ständig seine Meinung ändert und seine Predigt an die Wünsche seiner Zuhörer anpasst. Wahrscheinlich nicht.
Oder habt ihr jemanden mit weichen Kleidern erwartet, der in Üppigkeit lebt? Nein, das auch nicht. Solche Personen findet man an einem Königshof.
Jeder wusste, dass Johannes der Typ des eisenharten, geradlinigen Bußpredigers war, der sich selbst nichts gönnte. Wer in die Wüste hinausging, um seine Predigt zu hören, der wusste vorher, was ihn erwarten würde.
Matthäus schreibt ebenfalls: „Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, sage ich euch, und mehr als einen Propheten. Dieser ist es, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.‘“ (Matthäus 11,7-10)
Die besondere Rolle Johannes’ im Heilsplan
Jetzt kommen wir der Sache langsam näher. Die Menschen sind in die Wüste gegangen, um einen Propheten zu sehen. Nach Jahrhunderten der Stille hatte Gott wieder angefangen zu reden. Johannes der Täufer war sein Sprachrohr. Er war mehr als ein Prophet im klassischen Sinne. Er hatte eine Aufgabe, die über das gewöhnliche Prophetenamt hinausging.
Wenn ein Prophet das Volk ermahnte, mit seinem Gott zu leben und es an das Gesetz sowie an Gottes Recht und Gerechtigkeit erinnerte, dann hatte Johannes zusätzlich noch den Dienst, den Weg für den Messias vorzubereiten.
Falls ihr nicht wisst, worum es geht, hört noch einmal in die Episoden 59 bis 67 hinein. Johannes der Täufer ist ein Prophet, so wie auch sein Vater es an dem Tag formulierte, als der kleine Johannes seinen Namen bekam: Lukas 1,76: „Und du, Kind, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden. Denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten.“
Johannes ist, wenn man so will, ein Prophet mit Sonderaufgaben. Er soll das Herz eines Volkes zur Buße bewegen, damit dieses Volk offen ist, ihrem Gott zu begegnen, wenn der Mensch wird. Er soll vor dem Angesicht des Herrn hergehen. Gott will kommen, sein Volk besuchen und Mensch werden, um Israel von seinen Sünden zu retten.
Aber er braucht jemanden, der seinen Auftritt vorbereitet. Einen, der das Volk aufrüttelt und wieder auf Spur bringt. Einen, der die tiefsitzende Religiosität und Selbstgerechtigkeit anspricht – also genau die Dinge, die verhindern können und leider auch verhindert haben, dass Israel die Chance auf Glaubensgerechtigkeit ergreift.
Gott schickt einen Bußprediger, weil Herzen erst eine ehrliche Umkehr zu Gott brauchen, bevor der Glaube an das Evangelium Menschen retten kann. So wie Jesus es selbst predigt: Markus 1,15: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahegekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“
Fragen als Zeichen einer lebendigen Beziehung zu Gott
Am Anfang hatte ich gesagt, wenn jemand Fragen hat, denken wir schnell, dass etwas mit seinem Glauben nicht stimmt. Wie gesagt, das Gegenteil ist der Fall.
Wenn du keine Fragen hast, ist das eher ein Zeichen dafür, dass du ein Leben führst, in dem Gott nur eine Nebenrolle spielt, aber nicht der Regisseur ist.
Deshalb kann Jesus über Johannes auch sagen (Matthäus 11,11): „Wahrlich, ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer. Der Kleinste aber im Reich der Himmel ist größer als er.“
Johannes der Täufer ist in Gottes Augen größer als Noah, Mose, David oder Jesaja. Er ist der Größte und hat den wichtigsten Auftrag.
Aber – und dieses „Aber“ ist total spannend – hier steht, der Kleinste im Reich der Himmel ist größer als er. Was meint Jesus damit?
Die Bedeutung des Reiches Gottes für die Größe im Glauben
Das Reich der Himmel
Lukas spricht vom Reich Gottes; die beiden Begriffe sind austauschbar. Das Reich der Himmel ist die Herrschaft Jesu über diese Welt. Diese Herrschaft beginnt am Kreuz auf Golgatha, wenn der König gekrönt wird.
Zu jedem Königreich gehören ein König und ein Volk. Das Volk des Reiches ist die Gemeinde – hier verstanden als die Summe all der Menschen, deren Glaube echt ist. Über die echten Christen sagt der Herr Jesus: Der kleinste im Reich der Himmel ist größer als Johannes der Täufer.
Warum ist das so? Wenn Größe hier mit der Aufgabe zu tun hat, die jemand bekommt, dann ist Johannes der Täufer ein Beispiel. Er ist der Größte im Alten Bund, weil er die wichtigste Aufgabe hatte, nämlich die Ankunft Gottes als Mensch auf der Erde vorzubereiten.
Wenn Größe im Kontext an die Aufgabe gebunden ist, die jemand hat, dann ist der kleinste im Reich Gottes deshalb größer als Johannes der Täufer. Denn jeder noch so vermeintlich unbedeutende Christ erfüllt eine Aufgabe, die viel wichtiger ist als die von Johannes dem Täufer.
Seine Botschaft lautete: "Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahegekommen." Unsere Botschaft lautet: "Tut Buße und glaubt an das Evangelium, denn das Reich Gottes ist da." Ich hoffe, ihr versteht den Unterschied.
Wer auf Johannes hört, bereitet sich auf die Begegnung mit dem Messias vor. Wer auf uns hört, begegnet dem Messias, wird von seinen Sünden gerettet, findet ewiges Leben und wird Teil des Reiches, in dem Jesus König ist und regiert.
Weil unsere Botschaft Menschen vor dem ewigen Tod rettet, ist deshalb der kleinste Christ mit dem Evangelium größer als Johannes der Täufer.
Praktische Anregungen zum Glaubensleben
Was könntest du jetzt tun? Du könntest nach dem Begriff Klagepsalm googeln, ein oder zwei davon durchlesen und dir überlegen, was diese Psalmen über die Beziehung des Psalmisten zu seinem Gott zum Ausdruck bringen.
Das war's für heute?
Ein guter Tipp fürs Leben: Bete am Anfang der Woche alle anstehenden Termine und Aufgaben der Folgewoche durch. Wenn du wissen willst, warum, lies Sprüche 16,3.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
