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Die Bibel - Gottes Wort

05.02.2022

Begrüßung und Eröffnung der Bibeltage

Einen wunderschönen guten Abend wünsche ich allen, die hier sind, und auch denen, die über unseren YouTube-Kanal zuschauen. Ich möchte euch alle ganz herzlich zu unseren Bibeltagen willkommen heißen.

Wir sind sehr froh, dass es jetzt klappen darf und dass der Herr hier wirklich Segen gibt. Die letzten zwei Jahre sind die Bibeltage leider ausgefallen oder mussten stark eingeschränkt werden wegen der Corona-Beschränkungen. Umso mehr freuen wir uns jetzt, dass wir wirklich hier versammelt sein und Bibeltage abhalten können.

Ich möchte auch ganz herzlich Karl-Heinz van Heyden begrüßen. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast und die Opferbereitschaft gezeigt hast, uns hier am Wort Gottes zu dienen.

Ich möchte zwei Verse lesen und diese Bibeltage unter diese Verse stellen. Sie stehen im Psalm 119, und zwar Vers 105: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ Ich denke, dass alle, die wir hier sind, das erlebt haben – dass dein Wort meines Fußes Leuchte ist. Doch es ist so, dass wir das noch nicht voll ausgereizt haben. Wir werden bis zu unserem Lebensende darauf lernen, und dieses Wort Gottes soll immer mehr Licht sein auf unserem Weg.

Dafür wollen wir auch beten, dass diese Bibeltage dazu dienen, dass das Wirklichkeit wird in unserem Leben.

Ein weiterer Vers, ebenfalls aus Psalm 119, ist Vers 140: „Dein Wort ist wohlgeläutert, und dein Knecht hat es lieb.“ Ich hoffe, dass wir spätestens am Sonntag sagen können, dass wir das Wort Gottes noch mehr lieb haben, als wir es vielleicht jetzt schon tun. „Dein Knecht hat es lieb“ – dass uns wirklich das Wort Gottes noch einmal ganz neuen Wert bekommt in unseren Augen.

Da denke ich, haben wir den richtigen Mann, der uns das wirklich anhand der Bibel aufzeigen kann und möchte. Dafür sind wir sehr dankbar.

Lasst uns zu Beginn aufstehen und gemeinsam beten, und dann wollen wir beginnen.

Eröffnungsgebet und Lied

Herr, großer himmlischer Vater, wir wollen dir danken, dass wir uns vor deinem Angesicht hier versammeln dürfen. Wir sind dankbar, dass wir uns dessen bewusst sein dürfen, Herr, dass wir vor deinem Gnadenthron erscheinen dürfen – und das nicht aus uns selbst heraus, sondern auf der Grundlage deines Sohnes, Jesus Christus. Er ist für uns gestorben und hat unsere Schuld am Kreuz bezahlt.

Das gibt uns die Freimütigkeit und den freien Zugang zu dir. Dafür wollen wir dir danken. Wir danken dir auch für dein Wort, das du uns geschenkt hast. Danke, dass es ein Licht auf unserem Weg ist, Herr. Danke, dass es unser Leben erhält und unseren Weg leitet. Danke, dass es davon zeugt, wer du bist und wer wir sind.

Wir danken dir, dass wir darin diese unendlich großen Wahrheiten finden dürfen, die unser Leben bereichern. Diese Wahrheiten tragen uns nicht nur hier in diesem Leben, sondern auch über das Leben hinaus bis in alle Ewigkeit. Dafür wollen wir dir danken, weil dein Wort wahr ist.

So wollen wir dich auch wirklich bitten, dass wir mit dem Psalmisten einstimmen können und dein Wort mehr lieben. Dazu bitten wir dich einfach, dass du Karl-Heinz wirklich dazu benutzt, ein Sprachrohr zu sein. Lass ihn deine Wahrheiten an uns weitergeben.

Wir bitten dich, dass du unsere Herzen öffnest. Lass uns nicht nur unseren Verstand mit Wissen füllen, sondern bereichere unser Herz. Lass unser Herz sich mehr zu dir hinneigen, damit deine Wahrheiten wirklich Fuß fassen in unserem Herzen. So dürfen wir unser Leben mehr danach ausrichten.

Danke, dass wir mit deinem Segen rechnen dürfen. So wollen wir auch diese ganzen Tage in deiner Anbefohlenheit leben. Herzlichen Dank dafür, Amen!

Ja, lasst uns noch zu Beginn das Lied gemeinsam singen, damit dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt. Und dann bitte ich dich, Karl-Heinz, nach vorne zu kommen.

Einführung in das Thema und Zeitreise ins Neue Testament

Liebe Geschwister, ich freue mich sehr, dass ich wieder einmal hier bei euch sein kann. Es ist schön, dass ich hinten etwas sehen kann. Mit der Technik sind wir zwar noch nicht ganz so weit, wie es gedacht war, aber ich denke, es gelingt ganz gut.

Ich möchte als Erstes eine Zeitreise machen, damit wir uns ein bisschen mit den Zeiten klarkommen und uns mit der Bibel, dem Neuen Testament, beschäftigen.

Es ist ja schon eigenartig, dieser Begriff Testament. Wenn jemand ein Testament macht, denkt man gewöhnlich an seinen Tod und daran, wer seinen Besitz einmal bekommt. Manche Menschen machen viele Testamente, widerrufen ein altes und machen ein neues, weil sie sich über einen späteren Erben geärgert haben. Gültig ist immer das letzte Testament, so ist das bei uns.

Dass wir diese beiden Teile der Bibel Altes Testament und Neues Testament nennen, hat damit nichts zu tun mit Testamenten, die wir machen, wenn wir alt geworden sind. Neues Testament ist also eine missglückte Übersetzung, könnte man sagen. Sie ist über zwei Ecken zu uns gekommen. Besser übersetzt hätte man es mit „Neuer Bund“. Das griechische Wort dafür ist Diathäke – der neue Bund, der alte Bund, der neue Bund. Ins Lateinische übersetzt heißt das Novum Testamentum, was nun Neues Testament bedeutet.

Es handelt sich dabei um einen Bericht, und das könnte man sich schon mal merken: Es ist der Bericht von einem neuen Handeln Gottes mit den Menschen durch Jesus Christus. Das ist das ganz Neue, ein neues Handeln Gottes. Es ist immer der gleiche Gott gewesen, es war niemals ein anderer, auch wenn manche das schwer verstehen wollen.

Wir sind im Moment noch nicht so weit, deshalb schlage ich vor, dass wir eine Zeitreise rückwärts machen und dabei immer fragen: Wo kommt das eigentlich her, was wir jetzt in unseren Bibeln haben? Wir fangen bei einer modernen Bibelübersetzung des Neuen Testaments an. Es ist in vielen Sprachen übersetzt, wie hier steht. Ich weiß gar nicht, ob das eine ganz aktuelle Zahl ist, das ändert sich immer wieder mal. Die ganze Bibel ist schon übersetzt in 704 Sprachen. Das sind noch lange nicht alle Sprachen der Welt, aber die anderen Sprachen werden von relativ kleinen Völkern gesprochen, die höchstens ein paar Hunderttausend Menschen haben, die dieselbe Sprache sprechen.

In 3.431 Sprachen gibt es mindestens ein Bibelbuch. Also auch bei diesen kleinen Völkern. Die Wycliffe-Bibelübersetzer oder so sind da ständig dran, weiterzuarbeiten. Allein im deutschsprachigen Bereich gibt es bis heute mehr als hundert verschiedene Übersetzungen, meine ist eine davon. Wie viele genau, weiß ich nicht, aber ich besitze eine Liste, die ich von irgendjemandem mal bekommen habe. Sie enthält immerhin schon siebzig Übersetzungen, die bekannt sind.

Wenn wir uns heute eine moderne Bibelübersetzung anschauen, finden wir einiges, was nicht zum Original gehört. Das sollte man zumindest mal gehört haben. Eigentlich weiß man das auch. Zum Beispiel sind das die Überschriften. Das sind Erklärungen, wie etwa der Philipperbrief entstanden ist. Zwischenüberschriften gibt es, aber alles steht nicht im Grundtext. Das müssen wir einfach wissen.

Und was haben wir noch? Verszahlen und Kapitelzahlen. Verszahlen sind erst nach der Reformation eingefügt worden, vorher gab es sie nicht, bestenfalls Kapitel. Das hat irgendein Erzbischof aus England erfunden, um uns das schnellere Zurechtfinden zu ermöglichen. Heute merkt jeder, wenn er die Bibel liest, dass von einem Kapitel zum anderen manchmal der letzte Vers eigentlich schon zum neuen Kapitel gehört, und das gilt auch bei den Versen.

Die Verse sollen also von irgendeinem französischen Buchdrucker erfunden worden sein. Böse Zungen behaupten, wenn sein Pferd stolperte, habe er einen Vers gemacht, also einen Vers in den griechischen Text hineingeschrieben. Die Basis für unsere heutigen Bibeln, also all diese zusätzlichen Sachen, dienen nur zur besseren Verständlichkeit und damit wir uns schneller zurechtfinden können. Sie sind keinesfalls inspiriert, sondern von Menschen hinzugefügt worden.

Die Basis für alle unsere modernen Übersetzungen ist ein sogenannter Grundtext. So sieht das zum Beispiel aus: eine moderne Ausgabe des Grundtextes. Davon gibt es verschiedene Ausgaben. Der bekannteste wissenschaftliche Text wurde von einem gewissen Nestle begonnen und von Ahland, einem gläubigen Mann, der mitgearbeitet hat. Das ist eine ungeheure Arbeit gewesen.

Was ihr seht, sind am Rand einfach Parallelstellen, und unten drunter ist der sogenannte Apparat. Ich werde es euch noch zeigen. Denn dieser wissenschaftliche Text, wie er so heißt, hat noch einen anderen, der fast genauso aussieht: den sogenannten Mehrheitstext von Hodges-Farstad. Auch der hat viele Fußnoten. In den Fußnoten steht immer, dass in einer anderen Handschrift dieses oder jenes Wort anders steht. Das Wort, das oben schon mal angedeutet ist, steht in einer anderen Handschrift anders.

Die wissenschaftliche Arbeit besteht darin, alle Handschriften, die man kriegen kann, miteinander zu vergleichen. Bei manchen merkt man, es ist bloß ein Schreibfehler beim Abschreiben. Ich weiß nicht, wie viele Fehler ich in einem Diktat finden würde, wenn ich euch einen Bibeltext diktieren würde, den ihr nicht gleich abschreiben könnt. So ist das.

Manche Handschriften sind durch Diktat entstanden. Früher waren die Kopiergeräte Menschen, Sklaven, die gut schreiben konnten. Manche Sklaven waren intelligenter als ihre Herren. Das war dann diktiert worden, und wir haben es vervielfältigt. So war das in ganz früher Zeit.

Eine der ältesten Grundtextausgaben stammt von Erasmus von Rotterdam (1469–1536). Er hat den Ruhm der Erstausgabe des griechischen Neuen Testaments davongetragen. Andere hatten schon früher angefangen und waren eher fertig, durften es aber nicht drucken lassen, weil die päpstliche Erlaubnis noch nicht da war.

Das ist die sogenannte komplutensische Polyglotte. Ein Bischof in Spanien, der mit einer Universität zu tun hatte, beauftragte die Erstellung. Polyglotte bedeutet, mehrere Texte nebeneinander geschrieben, also vielfältig. Diese Ausgabe des Neuen Testaments in griechischer Sprache war am 10. Januar 1514 gedruckt, durfte aber nicht verkauft werden.

 Am 1. März 1516 erschien das griechisch-lateinische Neue Testament des Erasmus und wurde zur großen Freude des Verlegers verkauft. Das ging damals sehr schnell. Die klügsten, gelehrtesten Leute der Zeit hatten daran mitgewirkt. Erasmus begann erst fünf Monate vor dem Druck mit der eigentlichen Arbeit.

Der Verleger Froben aus der Schweiz brachte Erasmus dazu, nicht nur das lateinische, sondern auch das griechische Neue Testament herauszugeben. Das Buch hatte auf der einen Seite den griechischen, auf der anderen den lateinischen Text. Erasmus wollte eine uralte lateinische Bibelausgabe verbessern und brauchte dazu einen genaueren Text als das Lateinische. Deshalb nahm er das Griechische.

Das war die Zeit, in der man zurück zu den Quellen kam, damals in der Reformationszeit. Viele Handschriften wurden entdeckt. Erasmus brachte ein gewaltiges Werk von tausend Druckseiten heraus.

Das Problem war, dass Erasmus nicht viele Handschriften hatte. Er besaß vielleicht fünf oder sechs, mit denen er den griechischen Text sorgfältig verglich. Eine der Handschriften war nicht einmal hundert Jahre alt und enthielt die Apostelgeschichte, die katholischen Briefe und die Paulusbriefe, allerdings nicht vollständig. An einigen Stellen, etwa in der Offenbarung, hatte er gar nichts. Dann übersetzte er kurzerhand das Lateinische rück ins Griechische. Das war nicht ideal, aber er war ein Spezialist mit viel Ahnung.

Wir haben heute viel mehr Handschriften. Zum Beispiel den Jesus-Papyrus, eine ziemlich alte Handschrift, die man erst in jüngerer Zeit aufgearbeitet hat. Sie lag lange unbemerkt in einer Bibliothek. Es gibt viele schwierige Fragen zur Einordnung und Datierung.

Ein weiterer wichtiger Fund ist der Codex Vaticanus, eine größere Handschrift mit mehr als 90 Prozent Übereinstimmung mit anderen Texten. Heute ist man sich ziemlich sicher, dass wir 98 Prozent des Originaltextes haben, dank der Fülle von Tausenden Handschriften.

Wir gehen jetzt noch weiter zurück und schauen uns den Handschriftenschatz heute an: fünf griechische Handschriften von Teilen oder dem ganzen Neuen Testament, neun Handschriften mit alten Übersetzungen, wie der gotischen Übersetzung von Ulfila oder syrischen und lateinischen Versionen.

Außerdem gibt es etwa 36 Zitate von Kirchenvätern. Diese führenden Männer in den Gemeinden zitierten die Bibel in ihren Briefen. Manche sagen, man könnte theoretisch aus den Zitaten der Kirchenväter das gesamte Neue Testament rekonstruieren.

Sicher ist: Der Text des Neuen Testaments kann nicht in Frage gestellt werden. Das ist saubere wissenschaftliche Arbeit, die jeder mit dem nötigen Hintergrundwissen überprüfen kann.

Einer der berühmten Textforscher war Tischendorf aus dem Vogtland. Er war ein gläubiger Mann und fand wichtige Manuskripte. Wenn wir noch ältere Manuskripte finden, ändert sich die Bibel dadurch nicht. Das kam erst in neuerer Zeit, dass manche verrückte Ideen hatten, etwa das Thomas-Evangelium, das erst etwa 300 bis 400 Jahre nach Christus entstanden ist und aus mehr oder weniger reiner Fantasie stammt.

Der Text des Neuen Testaments kann von niemandem, auch keinem Atheisten, in Frage gestellt werden, auch wenn sie den Inhalt ablehnen. Der Text steht.

Nun zur wissenschaftlichen Arbeit: Wie wird eigentlich vorgegangen? Erstens: Warum gehören gerade die Schriften zum Neuen Testament, die wir heute haben? Zweitens: Wie werden die Handschriften gesammelt und bewertet? Drittens: Was sagt das Neue Testament selbst über sich?

Wir suchen Textsammlungen, also Handschriften mit möglichst großen Teilen des Neuen Testaments. Es ist eine irre Arbeit, Abweichungen festzustellen und deren Ursachen zu klären. Warum weichen zwei Handschriften voneinander ab? Welche Fehler wurden übernommen?

Der Kodex Alexandrinus stammt aus dem fünften Jahrhundert. Er enthält den Schluss des Lukasevangeliums. Die älteste Handschrift, die Erasmus hatte, war aus dem zwölften Jahrhundert. Der Kodex Ephraemi ist ein Palimpsest aus dem fünften Jahrhundert, bei dem der Text des Neuen Testaments abgekratzt und übermalt wurde. Tischendorf konnte den darunterliegenden Text entziffern und herausgeben. Diese Texte wurden erst 1844 entdeckt.

Der berühmte Codex Sinaiticus stammt etwa aus dem Jahr 350 nach Christus. Er enthält alle 27 Bücher des Neuen Testaments und wurde 1844 von Tischendorf im Sinai-Kloster entdeckt. Er sollte eigentlich verbrannt werden, die Mönche hatten den Wert nicht erkannt.

Die Klöster waren damals oft die Schulen der Zeit und haben viel von unserer Kultur weitergegeben, aber nicht überall war das gleich. Noch 1975 wurden im Sinai-Kloster Blätter des Codex Sinaiticus gefunden.

Früher wurden die Schriften meist als Buchrollen verwendet, wie man sie aus Qumran kennt. Dort fand man eine Schriftrolle des Propheten Jesaja, mehr als sieben Meter lang. Jesus las in der Synagoge aus so einer Rolle vor.

Karsten Peter Thiede, ein Experte für Schriften, meint, dass die Christen bald nach dem Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn, begannen, Bücher in Kodexform zu verwenden – also zusammengeklebte Seiten, die man aufblättern konnte. Das war viel praktischer als Rollen.

Ungefähr aus dieser Zeit, um 340, stammt der Osterbrief von Athanasius, dem Bischof von Alexandria. 367 nach Christus schrieb er an seine Gemeinden in Nordafrika einen Brief mit einer Liste der zum Neuen Testament gehörenden Bücher. Das ist die älteste Liste, die wir besitzen und sie enthält genau die 27 Bücher, die wir heute im Neuen Testament haben. Er schrieb: „Dies sind die Quellen des Heils, gebt nicht zu, dass jemand von ihnen wegnehme oder hinzufüge.“

Die Handschriften und Listen zeigen uns, welche Bücher damals zum Neuen Testament gerechnet wurden. Dazu kommen die Zitate der Kirchenväter. Es gab nie ein Konzil, das über die Schriften entschieden hätte. Sie hatten fertige Listen und bestätigten sie nur noch.

Hieronymus war übrigens derjenige, der die älteste Standardübersetzung ins Lateinische gemacht hat. Er und Augustinus bestätigten die Liste und sie wurde bald offiziell von verschiedenen Synoden in Nordafrika anerkannt.

Interessanterweise gab es nie Streit wegen der Bücher. Ein theologischer Stuhlhofer sagte einmal, es sei eine Geschichte ohne Revolutionen: Das Wesentliche war von Beginn an gegeben, und die geringfügigen Änderungen geschahen so allmählich, dass sie niemandem auffielen.

Im zweiten Jahrhundert stand der Kanon schon in den Grundzügen fest, obwohl die genauen Grenzen später fixiert wurden. Es gab Schriften von vorübergehender Anerkennung, die in einigen Gemeinden öffentlich gelesen wurden. Das war immer ein Kennzeichen für eine heilige Schrift. Einige davon sind heute nicht im Neuen Testament, wie der Hirt des Hermas, die Apokalypse des Petrus oder die Lehre der zwölf Apostel, die sogenannte Didache.

Diese Schriften waren für die Gemeinden wichtig, etwa als Tauflehre oder Anleitung, wie man mit Reisebrüdern umgeht. Es gab auch Akten des Paulus, den Barnabasbrief und die Briefe des Klemens von Rom. Der erste Klemensbrief wurde nach Korinth geschrieben, um dortige Schwierigkeiten zu beheben. Die Korinther bestätigten, dass sie den Brief gelesen hatten und ihn akzeptierten.

Für die Kanonizität gab es Kriterien, die damals nie ausdrücklich formuliert wurden, aber so gehandhabt wurden. Die Schrift musste von einem Apostel oder einem Apostelschüler stammen, eine hohe Qualität besitzen, keine sachlichen Fehler enthalten, Autorität haben und ihre Wirksamkeit im Leben der Menschen beweisen.

Die Gemeinden verwarfen Schriften, die von ihrem Neuen Testament abweichende Lehren enthielten. Es ist kein Fall bekannt, dass ein wirklich apostolisches Buch als nichtkanonisch verworfen wurde.

Zum Schluss: Das Neue Testament nennt seine Verfasser mit Namen. Es gibt acht oder neun Verfasser: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Paulus, Petrus, Jakobus und Judas, ein leiblicher Halbbruder des Herrn. Beim Hebräerbrief ist der Verfasser unbekannt.

Diese Männer waren überzeugt, heilige Schriften zu schreiben. Paulus stellte etwa das Lukasevangelium dem Alten Testament gleich. Sie alle glaubten, von Gott geleitet zu sein.

 2. Petrus 1,21 sagt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben oder gedrängt vom Heiligen Geist.“

 2. Petrus 3,16 spricht von der ganzen Schrift als von Gottes Geist gegeben und erfüllt, Theopneustos.

Das können wir nicht beweisen, aber das sind die Aussagen des Neuen Testaments. Man kann zumindest erkennen, dass die Verfasser das glaubten. Das muss selbst ein liberaler Theologe zugeben.

Zusammenfassend: Das Neue Testament mit seinen 27 Büchern ist der Bericht von einem neuen Handeln Gottes mit den Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus, den Messias Israels. Seine Botschaft ist einfach: Jesus Christus starb wegen unserer Schuld, die jeder Mensch auf sich geladen hat. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.

Ich kann nur sagen: Auch zu Leuten, die Gott noch nicht kennen, habt den Mut, euch dieser Botschaft zu öffnen. Lest sie einmal, ihr werdet es merken. Gott wirkt durch seinen Geist.

Damit mache ich erst einmal Schluss. Wir haben eine kleine Pause verdient, fünf bis zehn Minuten. Vielleicht kann man auch ein bisschen Luft reinlassen. Macht das bitte. Ich muss inzwischen meine nächste Datei suchen.

Wir sehen uns in zehn bis fünfzehn Minuten. Vielleicht können wir kurz das Fenster öffnen, die Füße vertreten. Draußen kann man Getränke oder etwas zum Trinken nehmen und auch den Büchertisch besuchen. Nicht vergessen, schaut dort vorbei. Wir sind ja keine so große Herde hier.

Ich habe gehört, um 19.10 Uhr soll es weitergehen. Pause anfangen ist immer leicht, Pause beenden ist schon etwas schwieriger.

Ich habe euch vom Büchertisch noch einmal das Buch geholt, das die Sachen, über die ich gesprochen habe, näher beschreibt. Es heißt „Der Streit um den richtigen Urtext der Bibel“. Man sollte schon mal etwas davon gehört haben.

Es gibt auch einige Fanatiker, muss man sagen, die streiten sich zwischen Textus Receptus und Nestle-Ahland. Nestle-Ahland wird verteufelt, obwohl Ahland ein wirklich gläubiger Mann war und alles nachprüfbar ist.

Ich habe so lieb geschrieben, wie ich konnte. Man muss trotzdem manchmal auch etwas darstellen. Unsere Glaubensväter, zum Beispiel von Brüdergemeinden, haben immer auch wissenschaftliche Arbeiten geachtet. Wir waren zum Teil auch Universitätsprofessoren ganz am Anfang. Einer hat sogar eine hebräische Konkordanz herausgegeben. Die haben schon etwas verstanden von ihrem Fach und wie man damit arbeitet.

Vor allem kann man das ja nachprüfen. Es ist eine saubere, sachliche Arbeit, da spielen keine Irrlehren oder Ähnliches eine Rolle.

Für diesen Teil können wir uns mehr Zeit nehmen. Wenn der Beamer wiederkommt, könnt ihr das hier vorne sehen.

Es geht mir zuerst um die Entstehung der Originale, dann sprechen wir über die ersten Abschriften. Das wird einige Wiederholungen enthalten. Ihr könnt euch jederzeit melden, wenn eine Frage wichtig ist. Ich sage dann entweder, das kommt später, ich beantworte sie gleich oder ich sage, ich weiß es nicht.

Wir beginnen bei der Entstehung der Originale.

 2. Petrus 1,21 sagt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben oder gedrängt vom Heiligen Geist.“

Das heißt, es redeten Menschen. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen, sie wurde nicht in einem automatischen Schreibprozess gestaltet. Es redeten Menschen, die vom Heiligen Geist getragen wurden.

Das ist ein Gegensatz zum Koran, der angeblich fertig herabgesandt wurde, ohne menschlichen Autor. Das glaubt heute kaum jemand, aber bei den Muslimen wird das oft geglaubt. Das ist bei der Bibel ganz anders: Es waren immer Menschen.

Wie wurde das Reden Gottes durch Menschen Schrift? Petrus schreibt: „Von Gott her redeten Menschen.“ Wie wurde das Schrift?

Oft war die Erstform der Offenbarung schon schriftlich. Wenn ein Apostel einen Brief schrieb, etwa den Galater- oder Philemonbrief, oder eine Offenbarung empfing, sah er sie und schrieb sie auf. Manchmal wurde er während des Schreibens unterbrochen, Gott redete ihm praktisch ins Schreiben hinein.

Ähnlich war es bei den Propheten im Alten Testament. Jeremia predigte und schrieb auf, sein Geschriebenes wurde vernichtet, dann ließ er es erneut diktieren.

Paulus diktierte etwa den Römerbrief einem gewissen Terzius, dessen Namen wir kennen.

Das offenbarte Wort Gottes ist das, was niedergeschrieben wurde. Ähnlich bei Jeremia und Baruch, der ihm die Worte diktierte.

Manchmal wollte Gott, dass die biblischen Verfasser die Geschehnisse erst im Nachhinein aufschrieben, etwa Mose bei den ersten Kapiteln, oder die Evangelien. Die Apostelgeschichte beschreibt, wie Lukas arbeitete.

Propheten schrieben oft auch Geschichte auf. Alte Bücher, die heute nicht erhalten sind, wurden von Propheten verfasst.

Man sollte das Alte Testament lesen, um das Neue Testament richtig zu verstehen.

Zum Schreibmaterial: Gewöhnlich wurde Papyrus verwendet. Papyrus kam aus Ägypten, wurde aus den Stauden hergestellt und schon im dritten Jahrtausend vor Christus verwendet. Auch Abraham hätte damit schreiben können, wir wissen nicht, ob er schreiben konnte.

Papyrus konnte nur in trockener Umgebung überdauern, sonst verrottete es schnell.

Johannes schreibt im zweiten Brief: „Ich hätte euch noch viel zu sagen, will das aber nicht mit Papier (Chartes) und Tinte tun.“ Feder wurde aus Schilfrohr hergestellt, seit dem dritten Jahrhundert vor Christus auch aus Gänsefedern.

Seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus benutzte man auch Pergament, gegerbte Tierhäute, die teuer, aber haltbar waren. Seit dem vierten Jahrhundert nach Christus löste Pergament Papyrus ab.

Mönche kratzten Pergament ab und schrieben darüber, um Material zu sparen.

Bis heute schreibt das jüdische Gesetz die Tora auf Leder von reinen Tieren vor, was teuer ist.

In einer Höhle von Qumran, nahe dem Toten Meer, wurden viele Schriftrollen gefunden, darunter die Jesaja-Rolle aus Leder, 26 Zentimeter hoch und 7,34 Meter lang. Sie ist dünn, glatt und gut lesbar.

Papier kam erst im neunten Jahrhundert nach Christus nach Europa, die erste Papiermühle in Deutschland wurde 1389 gebaut.

In der ersten Phase der Niederschrift des Neuen Testaments wurde unter Leitung des Heiligen Geistes geschrieben, oft durch Diktat.

Nicht alle Paulusbriefe waren inspiriert. Von vier Korintherbriefen ist bekannt, dass einige nicht inspiriert waren, sondern seelsorgerliche Briefe.

Titus wurde von Paulus nach Korinth geschickt, um dort Ordnung zu schaffen. Der Titusbrief richtet sich an Kreta.

Die zweite Phase war der Austausch der Schriften. Paulus gab in Kolosser 4,16 die Anweisung, dass ein Brief in einer Gemeinde gelesen und in einer anderen Gemeinde ebenfalls vorgelesen werden soll.

Die Briefe wurden meist abgeschrieben und weitergegeben.

Andere Schriften waren von vornherein für einen größeren Empfängerkreis bestimmt, etwa der Epheserbrief oder die Offenbarung, die für sieben Gemeinden bestimmt war.

Die Gemeinden mussten Abschriften für den eigenen Gebrauch anfertigen.

Es gibt heute keine Originalschriften mehr. Vermutlich war das Gottes Wille, damit man sich nicht auf Reliquien konzentriert, sondern auf den Inhalt.

Nach dem Tod der Apostel wurden die Schriften immer wichtiger.

Paulus und Petrus verweisen in ihren letzten Briefen auf die Schriften, damit die Botschaft bewahrt wird.

Petrus schreibt, dass er die Erinnerung wachhalten will, solange er lebt, damit die Gemeinde auch nach seinem Tod an die Dinge erinnert.

Petrus erwähnt Paulus als einen Bruder, der viel Weisheit in diesen Fragen hat.

Paulusbriefe waren verbreitet und bekannt, auch Petrus kannte die Briefe des Paulus.

In den Gemeinden wurden die Schriften vorgelesen und erklärt. Das war wichtig für den Gottesdienst.

Paulus forderte Timotheus auf, auf das Vorlesen, Ermahnen und Lehren zu achten.

Die ältesten Briefe des Neuen Testaments sind der Jakobus- und der Galaterbrief.

Das Alte Testament gab es schon zweihundert Jahre vor Christus in griechischer Übersetzung. Es war die Bibel der ersten Christen.

Das Neue Testament spricht viel über das Alte Testament.

Die nachapostolischen Väter, führende Männer der Gemeinden, haben viel geschrieben und über die Entstehung der Evangelien berichtet.

Matthäus schrieb ursprünglich für Israel, vielleicht auf Hebräisch, später ins Griechische übersetzt.

Markus schrieb für römische Christen, Johannes für Gemeinden in Kleinasien.

Die Gemeinden tauschten die Schriften aus. Die Evangelien wurden nebeneinander abgeschrieben und mit Überschriften versehen, damit man sie unterscheiden konnte.

Um 95 schrieb die Gemeinde in Rom einen Brief an die Gemeinde in Korinth, den ersten Klemensbrief. Er zitiert Paulusbriefe und Evangelien und zeigt, dass diese Schriften damals schon verbreitet waren.

Um 148 nach Christus zitiert Justin, ein Märtyrer und nachapostolischer Vater, die Apostelschriften in seinen Berichten.

Ungefähr um 180 wurde der Kanon Muratori zusammengestellt, eine Liste der neutestamentlichen Schriften in lateinischer Sprache.

Diese Liste wurde 1740 in Mailand entdeckt und enthält die Evangelien, Apostelgeschichte und Paulusbriefe, aber auch Schriften, die heute abgelehnt werden.

Der Hirte Hermas wird als nichtapostolisch klassifiziert, durfte aber gelesen werden.

Die Liste enthält nicht alle heutigen Bücher, etwa fehlen der Hebräerbrief, die beiden Petrusbriefe und der Jakobusbrief.

Der Kanon wurde nie durch ein Konzil festgelegt, sondern die Gemeinden verwendeten die Bücher und bestätigten die Liste.

Marcion, ein Antisemit und Irrlehrer, stellte um 140 einen eigenen Kanon zusammen, der nur Lukas und zehn Paulusbriefe enthielt. Das führte zu heftigen Reaktionen und zur Festlegung des Kanons.

Der Osterbrief des Athanasius von 367 ist die älteste vollständige Liste der 27 neutestamentlichen Bücher.

Der Kanon wurde durch göttliche Fügung geformt und bewahrt.

Es gibt keine glaubwürdigen Bücher, die Anspruch erheben, heilige Schrift zu sein, außer denen im Kanon.

Sekten haben oft eigene Schriften, die sie als heilige Schrift ansehen, etwa das Buch Mormon oder die Schriften von Ellen G. White.

Wir können sicher sein, dass alle Schriften im Neuen Testament von Gott inspiriert sind.

Danke für eure Geduld. Es war eine harte Sache, aber ihr wolltet es ja.

Es gab nie einen Zeitpunkt, an dem eine übergeordnete Kirche festlegte, welche Bücher zum Wort Gottes gehören. Das geschah allmählich.

Der Brief des Athanasius wurde von Konzilien bestätigt und die Anerkennung breitete sich aus.

Beim Neuen Testament gibt es keine offenen Fragen mehr.

Ich darf noch auf den Büchertisch hinweisen. Dort gibt es Bibelbundschriften, Zeitschriften wie „Bibel und Gemeinde“ mit wichtigen Themen, die wir gründlich besprochen haben.

Ich war eine Zeit lang Schriftleiter dieser Zeitschrift und arbeite auch bei „Wort und Wissen“ mit.

Manche Bücher auf dem linken Tisch kosten etwas, bitte legt das Geld in die Plastikbüchse.

Es ist ein Vorrecht, eine Bibel in der Hand zu halten, von der ersten bis zur letzten Seite vollständig geschrieben.

Sie ist objektive Wahrheit, ein Licht auf unserem Weg, wenn wir sie benutzen.

Viele Menschen haben ihr Leben dafür gegeben, eine Bibel besitzen zu dürfen.

Vor zehn Jahren war ich in Rumänien, wo es verboten war, eine Bibel zu besitzen. Dort wurde mir dieses Vorrecht noch bewusster.

Wir dürfen dankbar sein für diesen Prozess, wie die Bibel entstanden ist.

Ich schließe mit einem Gebet:

Grosser Gott, wir danken dir, dass du uns deine Worte gegeben hast, Worte der Wahrheit. Sie sind eine objektive Quelle und ein verlässlicher Maßstab für unser Leben.

Danke, dass du über diese Schrift gewacht hast, über Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Danke, dass wir hier in Deutschland und im Westen die Bibel in ihrer Vollkommenheit in Händen halten dürfen.

Wir bitten dich, dass wir nicht nur darüber staunen, sondern sie täglich lesen und dass du uns heiligst durch dein Wort, das die Wahrheit ist.

Amen.

Ich lade herzlich für morgen um 16.00 Uhr wieder hier vor Ort oder auf unserem YouTube-Kanal ein.

Zum Abschluss singen wir gemeinsam das Lied „So sind deine Worte“ und ich freue mich, wenn wir uns morgen wiedersehen.

So sind deine Worte, jedes Lebens Worte zu mir,
wie ein Hammer, der zerschlägt,
wie ein Schwert, das trifft und in die Tiefe meiner Seele dringt,
wie ein Zuspruch, der mich trägt,
eine Stimme, die mich führt, Medizin für mein Leben,
Worte, du zu mir, wie ein Hauch aus deiner Welt,
so dass meinen Hunger stillt,
wie Wasser, das mich tränkt,
wie ein Versprechen, das man hält, das für alle Zeiten gilt.

Das ist das, was zu mir gehört.

Wissenschaftliche Grundlagen der Bibeltexte

Die Basis für alle unsere modernen Übersetzungen ist ein sogenannter Grundtext. So sieht zum Beispiel eine moderne Ausgabe dieses Grundtextes aus. Es gibt davon verschiedene Ausgaben. Der bekannteste wissenschaftliche Text wurde von einem gewissen Nestle begonnen und von Ahland, einem gläubigen Mann, mitbearbeitet. Das war eine enorme Arbeit.

Ich zeige euch gleich noch, wo das herkommt. Was ihr seht, sind am Rand einfach nur Parallelstellen. Unten darunter befindet sich etwas ganz Wichtiges: der sogenannte Apparat. Ich werde euch noch zeigen, warum dieser Apparat so wichtig ist.

Dieser wissenschaftliche Text, wie er genannt wird, hat noch einen anderen Text, der fast genauso aussieht. Das ist der sogenannte Mehrheitstext von Hodges-Farstad. Auch dieser Text enthält viele Fußnoten. In den Fußnoten steht immer, dass in einer anderen Handschrift oder in jener Handschrift ein bestimmtes Wort anders geschrieben wird.

Das Wort, das oben im Vers schon angedeutet wurde, steht in einer anderen Handschrift anders. Die wissenschaftliche Arbeit besteht also darin, alle verfügbaren Handschriften miteinander zu vergleichen. Bei manchen Unterschieden erkennt man, dass es nur ein Schreibfehler ist, der beim Abschreiben mit der Hand entstanden ist.

Ich weiß nicht, wie viele Fehler ich finden würde, wenn ich euch jetzt ein Diktat geben würde. Vielleicht diktiere ich euch einen Bibeltext, den ihr nicht sofort fehlerfrei abschreiben könnt. So ist das eben.

Manche Handschriften entstanden tatsächlich durch Diktat. Früher waren die Kopiergeräte Menschen – viele Sklaven, die sehr gut schreiben konnten. Manche dieser Sklaven waren sogar intelligenter als ihre Herren. Der Text wurde diktiert und dann vervielfältigt. So war das in ganz früher Zeit.

Historische Entwicklung der Textgrundlagen

Eine der ältesten Grundtextausgaben, die wir haben, stammt von einem gewissen Erasmus von Rotterdam, der etwa von 1469 bis 1536 lebte. So ungefähr könnte seine Ausgabe ausgesehen haben. Er erlangte den Ruhm, die Erstausgabe des griechischen Neuen Testaments herausgegeben zu haben.

Andere hatten schon viel früher als er mit der Arbeit begonnen und waren auch eher fertig. Sie durften es jedoch nicht drucken lassen, weil die päpstliche Erlaubnis noch nicht vorlag. Das ist die sogenannte Komplutensische Polyglotte. Diese wurde von einem Bischof in Spanien in Auftrag gegeben, der mit einer Universität zu tun hatte. Er beauftragte die Erstellung einer Polyglotte, also eines Buches, in dem mehrere Texte nebeneinander geschrieben sind, also vielfältig.

Die Ausgabe war schon lange fertig. Am 10. Januar 1514 lag die Ausgabe des Neuen Testaments in griechischer Sprache gedruckt vor. Sie war also bereits gedruckt, durfte aber nicht verkauft werden. So war das damals.

So sieht die Titelseite aus. Gehen wir weiter zu Erasmus von Rotterdam: Am 1. März 1516, also etwa zwei Jahre später, erschien das griechisch-lateinische Neue Testament des Erasmus. Die anderen waren zu diesem Zeitpunkt bereits fertig. Dieses Werk wurde zur großen Freude des Verlegers verkauft, und das ging damals sehr schnell.

Erasmus gehörte zu den klügsten und gelehrtesten Leuten seiner Zeit. Er hatte erst fünf Monate vor dem Druck mit der eigentlichen Arbeit an seinem Testament begonnen. Es war der Verleger Froben aus der Schweiz, der Erasmus dazu brachte, nicht nur das lateinische, sondern auch das griechische Neue Testament herauszugeben.

Das Buch war ein dickes Werk. Auf der einen Seite stand der griechische Text, auf der anderen Seite der lateinische Text. Sein Anliegen war es, eine uralte lateinische Bibelausgabe zu verbessern. Dazu brauchte er natürlich einen Text, der genauer war als die lateinische Version. Deshalb nahm er das Griechische.

Das war auch die Zeit, in der man in der Reformationszeit zurück zu den Quellen ging. Viele Handschriften wurden damals entdeckt. Erasmus brachte dieses gewaltige Werk von etwa tausend Druckseiten heraus.

Ich habe hier ein Bild davon, zunächst eine Einführung und ähnliches. Rechts seht ihr schon den lateinischen und den griechischen Text nebeneinander. Ich glaube, ich habe noch ein größeres Bild, mal sehen. Nein, also das Problem war: Erasmus hatte mit den Vorarbeiten schon in England begonnen. Europa war damals schon vernetzt, man reiste herum, das war kein Problem. Die Gelehrten konnten sich ohnehin verständigen, weil sie alle Lateinisch sprachen. Latein war die Gelehrtensprache, daher war das kein Hindernis.

Er arbeitete viel und brachte zahlreiche Verbesserungen für die ältere lateinische Bibelübersetzung ein. Allerdings verfügte er nicht über viele Handschriften. Eine der Handschriften, die Erasmus besaß – es gab zwar mehr – war nicht mal hundert Jahre alt. Sie enthielt die Apostelgeschichte, die katholischen Briefe und die Paulusbriefe, die allerdings auch nicht vollständig waren.

Ich habe versucht, herauszufinden, wie viele Handschriften damals überhaupt bekannt waren. Ich habe ein Buch mit auf dem Büchertisch, das genau dieses Problem behandelt. Es heißt „Das Streit um den Urtext“ (als Untertitel). Dort steht, dass ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig Handschriften bekannt waren. Diese lagen in verschiedenen Bibliotheken, bei Mönchen oder Universitäten.

Man hatte also keinen direkten Zugriff darauf. Es gab noch kein Internet, wo man sofort nachschauen konnte. Das war das Problem damals.

Hier seht ihr das Werk von Erasmus in einer größeren Ausgabe. Rechts steht der lateinische Text, links das Griechische. Das Griechische sollte eigentlich nur die Basis liefern, um die sehr alte lateinische Übersetzung zu korrigieren.

Eine Handschrift, die Erasmus besaß, war nicht einmal hundert Jahre alt. Sie enthielt die Apostelgeschichte, die katholischen Briefe und die Paulusbriefe, die allerdings nicht vollständig waren. Er hatte vielleicht fünf oder sechs Handschriften zur Verfügung, mit denen er den griechischen Text sorgfältig verglich und bearbeitete.

Es gab jedoch einige Verse, für die er keine griechischen Handschriften hatte, zum Beispiel in der Offenbarung. Dort übersetzte er kurzerhand das Lateinische zurück ins Griechische.

Das waren wirklich Spezialisten, die viel Ahnung von den Sprachen hatten und so etwas überhaupt machen konnten. Allerdings war es natürlich nicht ideal, dass er das so gemacht hat.

Handschriften und Textvergleich

Wir gehen mal einen Schritt weiter. Ach, ich habe sie nochmal aufgezählt: Hier haben wir eine Handschrift aus dem elften Jahrhundert, die Evangelien enthält. Dann gibt es eine aus dem zwölften Jahrhundert, ebenfalls nur die Evangelien. Außerdem eine aus dem zwölften Jahrhundert mit dem ganzen Neuen Testament außer der Offenbarung.

Dann hatte jemand eine Handschrift mit nur den Evangelien, ebenfalls aus dem zwölften Jahrhundert. Immerhin sind Apostelgeschichte und Briefe alle aus dem zwölften Jahrhundert, also etwa 1200 Jahre nach Christus. Das sind also alles Abschriften der Abschriften der Abschriften.

Dann gab es eine aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die Offenbarung, Apostelgeschichte und die Briefe enthält. Das Erstaunliche dabei ist, dass es also zwischen den wenigen Handschriften, die Erasmus zur Verfügung standen, nur ganz wenige Unterschiede gibt zu dem, was wir heute haben. Selbst bei den wenigen Handschriften, die damals bekannt waren, stimmt der Text weitgehend überein.

Heute haben wir sehr, sehr viel mehr Manuskripte. Ich glaube, ich habe euch da noch einiges hier, das ich euch zeigen kann. Zum Beispiel den Jesus-Papyrus. Das ist eine ziemlich alte Handschrift, von der man noch einiges lesen kann. Sie wurde von einem exzellenten Schriftenforscher entdeckt, der leider schon verstorben ist. Er kannte die Sprachen sehr gut und fand die Handschrift in einer Bibliothek, wo sie lange unbeachtet lag.

Man musste herausfinden, was vorne und was hinten stand, wo die Handschrift überhaupt hingehört und wie alt sie ist. Das sind viele schwierige Fragen, über die wir später noch sprechen können. Nur damit man sieht: Das ist der Jesus-Papyrus. Diese Handschrift wurde erst in neuester Zeit überhaupt aufgearbeitet, obwohl sie schon früher gefunden wurde.

Dazu gibt es ein ganzes Buch von Carsten Peter Zieder. Seine Bücher sind wirklich zu empfehlen. Er hat sogar ein Buch über Europa geschrieben, das einen christlichen Hintergrund hat – auch wenn heute vieles zerstört ist.

Okay, ich mache hier weiter, damit wir beim Thema bleiben. Das nächste ist der Codex Vaticanus. Hier gibt es eine Übereinstimmung von mehr als 90 Prozent mit anderen Handschriften. Das ist eine größere Handschrift, in der noch viel mehr Texte enthalten sind.

Heute weiß man, dass man behaupten kann, die wissenschaftlichen Texte, die man hat, stimmen fast alle wörtlich überein. Die Unterschiede sind sehr gering. Man ist sich ziemlich sicher, dass wir 98 Prozent des Originaltextes auf jeden Fall haben.

Das liegt an der Fülle der Handschriften, es sind ja Tausende. Wir müssen immer bedenken, dass wir jetzt rückwärts gehen – das ist das Schwierige an der Sache. Wir sind also bei den wissenschaftlichen Ausgaben. Diese gründen sich auf Handschriften, und diese Handschriften müssen verglichen und zusammengestellt werden. Das ist überhaupt keine Frage.

Überblick über die Handschriftensammlung

Jetzt gehen wir noch etwas zurück und betrachten den heutigen Handschriftenschatz.

Wir besitzen heute fünf griechische Handschriften, die Teile oder das ganze Neue Testament enthalten. Darüber hinaus gibt es neun Handschriften mit alten Übersetzungen. Diese stammen aus sehr früher Zeit, etwa aus der Zeit, als die Germanen evangelisiert wurden. Schon damals hat Ulfila eine Übersetzung ins Gotische angefertigt.

Solche alten Übersetzungen gab es auch noch früher, zum Beispiel ins Syrische. Später folgten Übersetzungen ins Lateinische. Es gab viele dieser frühen Übersetzungen, die im Laufe der Zeit durch komplexe Prozesse vereinheitlicht wurden.

Außerdem haben wir heute etwa 36 Zitate von Kirchenvätern. Diese waren führende Persönlichkeiten in verschiedenen Regionen. Meistens handelte es sich um Bischöfe oder Gelehrte, die an ihre Gemeinden geschrieben haben. In ihren Briefen zitierten sie häufig die Bibel.

Diese Zitate aus den Schriften der Kirchenväter sind eine wichtige Quelle. Manche behaupten, man könnte theoretisch – auch wenn es niemand versucht hat – allein anhand dieser Zitate das gesamte Neue Testament rekonstruieren. Das zeigt, wie vielfältig die Arbeit damals schon war.

Sicher ist Folgendes: Der Text des Neuen Testaments kann nicht in Frage gestellt werden. Dies ist das Ergebnis sauberer wissenschaftlicher Arbeit, die jeder mit dem nötigen Hintergrundwissen selbst überprüfen kann.

Natürlich erfordert das viel Wissen und Lernen. Aber es gibt keine einzige Handschrift, die man gefunden hat, die den Text grundsätzlich infrage stellt.

Bedeutende Textforscher und Funde

Einer der berühmten Textforscher war Tischendorf aus dem Vogtland, das ganz in unserer Nähe liegt, in Lengenfeld. Er war ein sehr gläubiger Mann. Ich werde euch noch zeigen, was er entdeckt hat. Er wollte wirklich beweisen, dass die Bibel sich durch das Finden älterer Manuskripte überhaupt nicht ändert.

Erst in der neueren Zeit kamen manche auf die verrückte Idee, dass zum Beispiel das Thomas-Evangelium das eigentliche Evangelium sei. Dieses Evangelium ist jedoch erst etwa drei- oder vierhundert Jahre nach Christus entstanden, vermutlich aus mehr oder weniger reiner Fantasie.

Der Text des Neuen Testaments kann von niemandem – auch nicht von Atheisten – in Frage gestellt werden, selbst wenn sie den Inhalt ablehnen. Der Text selbst steht fest, und das ist für uns erst einmal wichtig.

Nun noch ein bisschen zur wissenschaftlichen Arbeit: Wie geht sie eigentlich vor? Die erste Frage lautet, warum gerade die Schriften zum Neuen Testament gehören, die wir heute als Teil davon ansehen. Das werden wir uns im zweiten Teil noch ausführlicher anschauen.

Die zweite Frage betrifft die Sammlung der Handschriften: Wie fügen sich diese in das Neue Testament ein? Und was sagt das Neue Testament selbst über sich?

Diesen Vortrag habe ich manchmal auch im Rahmen von Evangelisationen gehalten, um genau das deutlich zu machen: Das müssen wir wissen.

Textsammlung und Textvergleich

Die erste Frage zu beantworten: Wir suchen uns jetzt die Textsammlungen, also die Handschriften mit Textsammlungen, die möglichst große Teile des Neuen Testaments enthalten. Das ist zum Beispiel—ach so, hier! Ihr seht ja noch mal, ich habe euch das schon gesagt. Ach so, ich muss ja hier eigentlich die Sammlung der Handschriften zeigen, den Textvergleich, die Feststellung der Abweichungen und die Feststellung der Ursachen dieser Abweichungen.

Ja, warum weichen zwei Handschriften voneinander ab? Welche Handschrift stammt von welcher? War derselbe Fehler auch in anderen Handschriften enthalten? Das ist eine enorme Arbeit, und sie ist noch nicht zu Ende.

Ich will es euch hier mal zeigen. Wir haben noch mal die wissenschaftliche Ausgabe. Ah ja, ich hatte hier schon mal diese Fragen: Was sagt das Neue Testament selbst dazu? Da haben wir hier den Kodex Alexandrinus. Das ist der Schluss vom Lukasevangelium. Wenn man näher heranschaut, stammt er aus dem fünften Jahrhundert, aus dem fünften.

Die älteste Handschrift, die Erasmus kannte, war aus dem zwölften Jahrhundert. Warte mal, kann man das hier sehen? Ja, also gut, ihr könnt es wahrscheinlich nicht erkennen. Es sind alles Großbuchstaben. Ihr seht, ohne Punkt und Komma, einfach hintereinander weggeschrieben.

Es gibt einen Kodex Ephraemi. Das ist eine ganz verrückte Sache. Tischendorf hat das als eine seiner ersten wissenschaftlichen Arbeiten bearbeitet. Dieser Kodex enthält alle Bücher des Neuen Testaments, außer zwei Briefen. Was wir hier sehen, nennt man einen Palimpsest rescriptus, und er stammt aus dem fünften Jahrhundert.

Das heißt, Papier oder Papyrus haben sie damals nicht verwendet, sondern Pergament. Und das war sehr teuer. Dann haben die Mönche, die etwas abschreiben wollten, die dunklere Schrift darüber geschrieben. Es ist einfach eine Kirchengeschichte.

Darunter steht der Text des Neuen Testaments. Dann haben die Mönche das Neue Testament abgekratzt, weil sie nichts damit anfangen konnten, und haben einfach etwas anderes darüber geschrieben. Tischendorf war der Erste, der es schaffte, den darunter stehenden Text, der noch ganz schwach zu erkennen war, überhaupt zu entziffern. Natürlich hat er ihn auch aufgeschrieben und wissenschaftlich herausgegeben. Das war seine erste große Leistung.

Übrigens wurden diese Texte erst 1844 entdeckt. Noch ein paar Blätter—nee, vielleicht ein bisschen früher, ich weiß es nicht genau—aber das hier wurde entdeckt. Das ist der berühmte Codex Sinaiticus, den habt ihr bestimmt schon mal gesehen. Er stammt ungefähr aus dem Jahr 350 nach Christus. Das Jahr kann man nicht genau festlegen.

Der Codex enthält alle 27 Bücher des Neuen Testaments. Er wurde erst von Tischendorf im Sinai-Kloster entdeckt, daher der Name Sinaiticus. Codex heißt übrigens Buch. Ein normales Buch wie wir es kennen.

Dieser Codex wurde 1844 von Tischendorf im Sinai-Kloster gefunden. Er sollte eigentlich verbrannt werden, die Mönche hatten den Wert nicht erkannt. Eine Zeit lang waren die Klöster tatsächlich das, was wir heute als Schulen verstehen. Dort wurden Menschen ausgebildet, und es waren kluge Leute dabei. Sie haben viel von unserer Kultur weitergegeben, im positiven Sinne. Aber das war nicht überall gleich.

Man hat immer noch ein paar Blätter im Sinai-Kloster gefunden, und zwar 1975, von diesem Kodex. Das ist also die älteste Handschrift, die bis heute gefunden wurde und das gesamte Neue Testament enthält.

Überlieferung und Buchform der Bibel

Es gibt Berichte aus der Geschichte, dass solche Bücher damals schon vielfach vollständig abgeschrieben wurden. Wir kommen darauf noch einmal zurück. In früherer Zeit hatten die Juden ja nicht solche Bücher, sondern nur Buchrollen, wie ihr wisst, aus verschiedenen Schriften.

Es fing eigentlich so an: Karsten Peter Thiele, den ich vorhin erwähnt habe, ist ein Experte für Schriften. Er meint, dass man damals begann, Bücher zu verwenden. Die Juden schrieben auf Papyrus oder anderem Material, das dann aneinandergereiht und zusammengeklebt wurde. So entstand eine lange Seite, die man zusammengerollt hat.

Als Jesus einmal in der Synagoge war, reichte man ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja. Man hat eine berühmte Rolle in Qumran gefunden, die heute noch ausgestellt wird. Sie ist mehr als sieben Meter lang. Jesus musste die Rolle aufrollen, auf der einen Seite aufrollen und auf der anderen wieder zurollen, bis er zu der bestimmten Stelle kam. Dort steht geschrieben, was er vorlas. So arbeiteten die Juden damals.

Karsten Peter Thiede meint, dass es mit dem Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn, begann. Jakobus hatte auch den Jakobusbrief geschrieben. Die Christen begannen damals, eine andere Form zu benutzen: die Kodexform. Dabei wurden die Seiten zusammengeklebt, aber nur an einer Seite, immer an derselben. So konnte man die Seiten aufblättern, was das Finden bestimmter Stellen viel schneller machte.

Ungefähr aus dieser Zeit, etwa um 340, stammt ein sogenannter Osterbrief von Athanasius, dem Bischof von Alexandria. Im Jahr 367 nach Christus schrieb er an seine Gemeinden in Nordafrika einen Brief, in dem er eine Liste der Bücher aufführte, die zum Neuen Testament gehören. Diese Liste ist die älteste, die wir besitzen, und sie entspricht genau unserer heutigen Liste mit 27 Büchern.

Athanasius schrieb darin: „Dies sind die Quellen des Heils, gebt nicht zu, dass jemand von ihnen wegnehme oder hinzufüge.“ Wie Athanasius ausgesehen hat, weiß man nicht genau. Die Ikonen, die wir von ihm kennen, sind später entstanden und wurden von jemandem erfunden.

Die Handschriften und Listen zeigen uns, welche Bücher damals zum Neuen Testament gerechnet wurden. Dazu kommen die Zitate der Kirchenväter. Es gab nie ein Konzil, das über die Schriften entschieden hätte, also welches Buch man annimmt und welches nicht. Stattdessen hatten die Christen bereits fertige Listen, die nur noch bestätigt wurden.

Hieronymus war übrigens derjenige, der die älteste Standardübersetzung ins Lateinische anfertigte. Ich hatte euch vorhin eine lateinische Bibelübersetzung gezeigt. Auch Hieronymus und Augustinus bestätigten diese Listen, und bald wurden sie offiziell von verschiedenen Synoden in Nordafrika anerkannt. Sie sprachen also nur offiziell aus, was von der Allgemeinheit bereits als kanonisch angesehen wurde.

Interessanterweise gab es nie Streit über diese Bücher. Ein theologischer Stuhlhofer hat einmal gesagt: „Die Geschichte ist so – ohne alle Revolutionen – das Wesentliche ist von Anfang an gegeben, und die geringfügigen Änderungen geschehen so allmählich, dass sie niemandem auffallen.“

Es gab zwar auch andere Schriften, auf die wir noch zurückkommen werden. Im zweiten Jahrhundert stand der Kanon also schon in den Grundzügen fest, auch wenn die genauen Grenzen später fixiert wurden. Es gab Schriften, die vorübergehend anerkannt wurden und in einigen Gemeinden öffentlich gelesen wurden. Das war immer ein Kennzeichen für eine heilige Schrift, vor allem, wenn sie regelmäßig gelesen wurde.

Einige dieser Schriften sind heute nicht im Neuen Testament enthalten. Die apostolischen Schriften waren für die Gemeinden jedoch klar. Dazu gehört zum Beispiel der Hirt des Hermas, den man heute im Internet auch auf Deutsch findet. Für mich persönlich ist das eine sehr allegorische Schrift, die ich schrecklich fand, aber damals wurde sie geschätzt. Sie drückt alles mit Bildern aus.

Es gab auch eine Apokalypse des Petrus, die Petrus selbst nie geschrieben hat. Zudem gab es die Lehre der zwölf Apostel, die sogenannte Didache. Diese ist nicht sehr lang und wird sogar heute noch im Religionsunterricht älterer Schüler gelesen. Sie enthält eine Art Tauflehre, also was jemand lernen sollte, bevor er getauft wird.

Nebenbei ist dort auch beschrieben, wie man mit Reisebrüdern umgehen soll. Das verrate ich aber nicht, da man das selbst herausfinden sollte.

Außerdem gab es die Akten des Paulus, den Barnabasbrief, den ersten und zweiten Klemensbrief. Klemens von Rom wird bereits vom Apostel Paulus erwähnt. Der erste Brief stammt wohl von ihm und wurde an die Korinther geschrieben, die ja oft Schwierigkeiten machten, wie wir aus den Korintherbriefen von Paulus wissen.

Klemens schrieb mindestens zwei Briefe, die die Korinther sich „in den Spiegel hätten stecken können“. Leider sind diese Briefe nicht überliefert. Der erste Klemensbrief handelt davon, dass die Korinther wieder einmal Unruhe gestiftet hatten. Die Jugend hatte kurzerhand die Ältesten abgesetzt, und es gab Schwierigkeiten in der Gemeinde.

Klemens, ein wirklich guter gläubiger Mann aus Rom, versuchte mit seinem Brief, die Korinther wieder zurechtzubringen. Und es ist auch geschehen. Es gibt einen Brief der Korinther, der überliefert ist, in dem sie schreiben, dass sie den Brief gelesen haben. Das bedeutet, dass sie ihn auch akzeptierten, wenn sie ihn immer wieder lasen.

Kriterien für die Kanonizität

Einige Kriterien für die sogenannte Kanonizität, also die Frage, wann eine Schrift zum Kanon gehört, wurden damals nie ausdrücklich formuliert. Dennoch haben die frühen Christen nach bestimmten Maßstäben entschieden. Wir können diese Kriterien nur rückblickend aus den Schriften der Kirchenväter und ähnlichen Quellen mühsam rekonstruieren. Dabei stützen wir uns auf Äußerungen über bestimmte Schriften, etwa von Aposteln oder über die Evangelien.

Das erste Kriterium war, dass die Schrift von einem Apostel oder einem Apostelschüler stammen musste. Das war das Mindeste. Ein Beispiel: Das Thomasevangelium entstand viel später und konnte unmöglich vom echten Thomas stammen. Heute gibt es manche, die mit solchen Schriften viel Aufsehen erregen.

Weiterhin mussten die Schriften eine sehr hohe Qualität besitzen. Dabei geht es nicht um Rechtschreibfehler, sondern darum, dass keine sachlichen Fehler enthalten sein durften, wie sie bei anderen Handschriften häufig vorkommen.

Zudem mussten die Schriften Autorität besitzen. Wenn man sie las, sollte man spüren, dass Gott zu einem spricht, dass der Heilige Geist wirkt. Sie mussten ihre Wirksamkeit im Leben von Menschen beweisen.

Ungefähr das waren die Kriterien. Das Phänomen des Kanons zeigt sich darin, dass die Gemeinden gerade jene Schriften ablehnten, die ihren Lehren, die vom Neuen Testament abwichen, entgegenstanden. Es gab damals schon fromme Schriften, zum Beispiel solche, die Bilderanbetung befürworteten. Diese Schriften wurden nicht angenommen. Nur diejenigen, die gegen die damals schon erkennbaren falschen Lehren in den Kirchen gerichtet waren, fanden Aufnahme.

Das ist ein bemerkenswertes Phänomen. Aus der Geschichte des Kanons ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein wirklich apostolisches Buch als nichtkanonisch verworfen wurde. Das hätte ja auch möglich sein können. Diese Tatsache ist also völlig klar.

Schlusswort und Ausblick

Ganz kurz noch zum Schluss: Entschuldigt, das ging jetzt ein bisschen im Galopp. Ihr dürft aber jederzeit Fragen stellen. Wenn wir das zweite Thema anfangen, werde ich auf jeden Fall noch gründlicher auf die Kanongeschichte eingehen.

Jetzt noch etwas Wichtiges: Was sagt das Neue Testament über sich selbst? Morgen werden wir noch darauf eingehen. Das Neue Testament sagt eine Menge über das Alte Testament. Es enthält sehr viele direkte Zitate und Aussagen über das Alte Testament. Aber wie kann das Neue Testament etwas über sich selbst aussagen? Das ist nicht so einfach zu finden, was auch logisch ist.

Zunächst stellen wir fest: Es nennt seine Verfasser mit Namen. In den heutigen Bibeln ist das sowieso klar. Im Matthäusevangelium zum Beispiel wird das deutlich. Das hängt auch damit zusammen – das erkläre ich euch später. Die Männer, die diese Schriften verfasst haben, waren überzeugt, heilige Schriften zu schreiben.

Diese Männer selbst – Paulus, Matthäus, Markus, Lukas – vor allem Lukas hat immer ein Vorwort geschrieben, in dem er erklärt, wie er gearbeitet hat und wie Gottes Geist ihn geführt hat. Das ist sehr interessant, wenn man sich die Einzelheiten anschaut.

Das Neue Testament hat acht oder neun Verfasser: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Paulus, Petrus, Jakobus und Judas (nicht der Verräter, sondern ein leiblicher Halbbruder des Herrn) sowie Jakobus, ebenfalls ein Halbbruder des Herrn. Beim Hebräerbrief kennen wir den Verfasser nicht.

Diese Männer waren überzeugt davon, heilige Schriften zu schreiben. In einzelnen Fällen stellten sie die Schriften ihrer Mitbrüder den Heiligen Schriften gleich. Paulus zum Beispiel setzt das Lukasevangelium dem Alten Testament gleich. Sie alle waren überzeugt – und darauf komme ich später noch ausführlicher zurück –, dass Gott sie bei der Niederschrift geleitet hat.

Was habe ich hier noch? Ach ja, Zweiter Petrus. Dort heißt es: „Wir haben uns keineswegs auf Mythen oder frei erfundene Geschichten gestützt, als wir euch von der Macht unseres Herrn Jesus Christus und seinem Wiederkommen erzählt haben. Nein, wir haben seine herrliche Größe mit eigenen Augen gesehen.“ (2. Petrus 1,16)

Diese Menschen, die das aufgeschrieben haben, wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, getragen oder getrieben – man kann es unterschiedlich übersetzen –, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte. Oder in 2. Petrus 3,16 heißt es: „Die ganze Schrift ist von Gottes Geist gegeben und von ihm erfüllt.“ Die ganze Schrift ist Theopneustos.

Das alles können wir nicht beweisen, aber das sind die Aussagen des Neuen Testaments. Man kann zumindest erkennen, dass die Verfasser das glaubten. Das muss also selbst ein liberaler Theologe zugeben. Allerdings glaubte ein solcher Theologe oft nicht, dass die Verfasser auch wirklich die Verfasser sind – außer bei ganz wenigen Paulusbriefen.

Ich fasse zusammen: Das Neue Testament umfasst 27 Bücher und berichtet von einem neuen Handeln Gottes mit den Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus, den Messias Israels. Seine Botschaft ist ganz einfach: Jesus Christus starb wegen unserer Schuld, wegen der Schuld, die jeder Mensch auf sich geladen hat. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.

Ich kann nur sagen – auch zu Leuten, die Gott noch nicht kennen: Habt den Mut, euch auf diese Botschaft einzulassen. Lest das einmal, ihr werdet es merken. Gott wirkt durch seinen Geist.

Hier mache ich erst einmal Punkt. Wir haben eine kleine Pause verdient. Fünf Minuten Pause sollten es sein, oder so ungefähr. Vielleicht auch zehn Minuten. Vielleicht kann man auch ein bisschen Luft reinlassen, oder? Macht das mal bitte.

Ich muss inzwischen meine nächste Datei suchen. Ach so, der Herr. Dann sehen wir uns in zehn bis fünfzehn Minuten wieder. Wir können vielleicht kurz das Fenster aufmachen, kurz die Füße vertreten. Draußen kann man, glaube ich, Getränke oder etwas zu trinken nehmen, auch den Büchertisch nicht vergessen. Schaut dort vorbei, dann bekommt ihr alles mit.

Hier in 15 Minuten geht es weiter. Wir sind ja keine große Herde hier. Also, liebe Leute: Ich habe gehört, um 19:10 Uhr soll es weitergehen. Pause anzufangen ist immer leicht, die Pause zu beenden ist schon etwas schwieriger.

Hinweise zum Büchertisch und weiterführende Literatur

Ich habe euch vom Büchertisch noch einmal das Buch geholt, das die Dinge, über die ich gesprochen habe, näher beschreibt. Es geht also um den Streit um den richtigen Urtext der Bibel. Man sollte schon einmal etwas davon gehört haben. Es gibt auch einige Fanatiker, muss man sagen, die sich zwischen dem Textus Receptus und Nestle-Aland streiten. Nestle-Aland wird verteufelt, obwohl Aland ein wirklich gläubiger Mann war, und man alles nachprüfen kann. Aber es ist unsinnig. Ich habe so lieb geschrieben, wie ich konnte. Trotzdem muss man manchmal auch etwas darstellen.

Unsere Glaubensväter, jetzt von den Brüdergemeinden, haben immer auch wissenschaftliches Arbeiten geachtet. Wir waren zum Teil ja auch Universitätsprofessoren ganz am Anfang. Einer hat sogar eine hebräische Konkordanz herausgegeben. Also sie haben schon etwas von ihrem Fach verstanden und wissen, wie man damit arbeitet. Vor allem kann man das ja nachprüfen. Es ist eine saubere, sachliche Arbeit, bei der keine Irrlehren oder Ähnliches eine Rolle spielen.

Für diesen Teil können wir uns ein bisschen mehr Zeit nehmen. Wenn der Beamer wiederkommt, könnt ihr das hier vorne sehen.

Es geht mir zuerst noch einmal um die Entstehung der Originale, dann sprechen wir über die ersten Abschriften. Das wird einige Wiederholungen enthalten, aber ihr könnt euch jederzeit melden, wenn eine Frage wichtig ist. Entweder sage ich, es kommt später noch, oder ich kann sie gleich beantworten. Manchmal kann ich es auch nicht beantworten, das sind die leichtesten Fragen für mich – dann sage ich einfach, ich weiß es nicht.

Also, wir beginnen bei der Entstehung der Originale. In 2. Petrus 1,21 heißt es: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben oder gedrängt vom Heiligen Geist.“ Das heißt also, es redeten Menschen. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen, sie wurde nicht in einem automatischen Schreibprozess oder Ähnlichem gestaltet. Es redeten Menschen, die vom Heiligen Geist getrieben und getragen wurden.

Das ist ein deutlicher Gegensatz zum Koran, der angeblich fertig herabgesandt wurde, ohne je einen menschlichen Autor zu haben. Das glaubt heute kaum noch jemand, aber bei den Muslimen wird es oft geglaubt. Also, das ist bei der Bibel ganz wesentlich anders: Es waren immer Menschen.

Wie wurde das Reden Gottes durch Menschen nun schriftlich festgehalten? Petrus schreibt ja: „Von Gott her redeten Menschen.“ Wie wurde das Schrift? Das wollen wir jetzt einfach mal nachverfolgen, basierend auf dem, was wir im Neuen Testament tatsächlich finden.

Oft war die Erstform der Offenbarung, also nicht des letzten Buchs der Bibel, sondern die erste Offenbarung Gottes, schon eine schriftliche Form. Wenn ein Apostel einen Brief schrieb – zum Beispiel den Galaterbrief oder den Philemonbrief – oder wenn ein Apostel eine Offenbarung empfing, sah er sie, schrieb sie aber anschließend auf. Einmal wurde er sogar während des Schreibens unterbrochen, da sagte Gott ihm praktisch rein ins Schreiben, was die Donner gesagt haben: „Schreibe nicht.“ Also Gott war dabei.

Ähnlich war es bei den meisten Propheten im Alten Testament. Sie haben gesprochen; bei Jeremia ist es offensichtlich: Er hat im Tempel gepredigt und hinterher aufgeschrieben. Das wurde vom König vernichtet, und er hat es noch einmal diktiert und aufschreiben lassen.

Das war auch so bei dem Apostel Paulus. Zum Beispiel hat er den Römerbrief diktiert, und zwar einem gewissen Terzius – wir haben sogar den Namen von ihm. Das offenbarte Wort Gottes ist also für uns das, was niedergeschrieben wurde. Ähnlich bei Jeremia und Baruch: Baruch hat ihm die von Gott empfangenen Worte diktiert.

Das ist die eine Sache. Eine andere ist, dass manchmal Gott wollte, dass die biblischen Verfasser die Geschehnisse erst im Nachhinein aufschreiben, zum Beispiel Mose. Er war bei den ersten Kapiteln überhaupt nicht dabei, als das Geschehen stattfand. Gleiches gilt für die Evangelien. Wir wissen aus Überlieferungen, auch kirchlichen Überlieferungen, wie die Evangelien entstanden sind, etwa Matthäus und Markus. Bei der Apostelgeschichte steht es im inspirierten Text direkt drin – ihr müsst das mal lesen, den Anfang der Apostelgeschichte – und vergleichen mit dem Anfang im Lukas-Evangelium. Da merkt man, dass es derselbe Mann war, der Lukas, und wie er gearbeitet hat.

Manchmal wollte Gott das so, gerade wenn Geschichte aufgeschrieben wurde. Die Propheten haben manchmal auch direkt Geschichte aufgeschrieben. Im Alten Testament liest man manchmal: „Das steht im Buch sowieso.“ Es wurde vieles aufgeschrieben bei den Königen; das sind Bücher, die heute nicht erhalten geblieben sind. Oft waren tatsächlich auch Propheten diejenigen, die dies aufgeschrieben haben. Einige prophetische Texte sind fast reine Geschichte, keine Weissagungen.

Ich weiß nicht, wie gut ihr euch im Alten Testament auskennt, aber man sollte es auch lesen. Zumindest, wenn man das Neue Testament richtig verstehen will, braucht man das Alte Testament.

Weiter zum Schreibmaterial: Gewöhnlich war es Papyrus. Papyrus kam aus Ägypten, wurde aus den Papyrusstauden hergestellt und schon im dritten Jahrtausend vor Christus in Ägypten verwendet. Später wurde es im gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Auch Abraham hätte damit schreiben können. Wir wissen nicht, ob Abraham schreiben konnte; wird irgendwo überliefert, dass er etwas geschrieben hat? Bei Mose ist es sicher, der wurde in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet.

Papyrus konnte allerdings nur überdauern, wenn es in einer Gegend mit sehr trockenem Klima aufbewahrt wurde; ansonsten verrottete es schnell.

Johannes schreibt in seinem zweiten Brief: „Ich hätte euch noch viel zu sagen, will das aber nicht mit Papier tun.“ Dort steht „chartes“, das heißt ein aus Papyrus bestehendes Blatt. Davon kommt das Wort „Karte“ heute.

Die Feder wurde aus einem Stück Rohr hergestellt, also Schilfrohr, das mit einem Messer angespitzt wurde. Seit dem dritten Jahrhundert vor Christus verwendete man auch Gänsefedern.

Schon seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus benutzte man Pergament, das sind enthaarte Tierhäute. Diese mussten natürlich entsprechend bearbeitet werden, waren aber oft sehr hell und dadurch gut lesbar. Es war haltbares Schreibmaterial. Seit dem vierten Jahrhundert nach Christus löste Pergament Papyrus ganz ab. Man schrieb dann nur noch auf solchen teuren Materialien.

Das erklärt auch das Verfahren, das ich vorhin erwähnt habe: das Abkratzen und Wiederüberschreiben.

Bis heute schreibt man die Tora, also die fünf Bücher Mose, für den Gebrauch im Gottesdienst auf Leder von reinen Tieren. Das hat natürlich seine Kosten: die Lederherstellung und das handschriftliche Schreiben sind teuer. Das geht heute schnell in fünfstellige Summen, wenn man so eine Schrift kaufen möchte, aber das ist es den Gläubigen wert.

In einer Höhle von Qumran, einer Siedlung in der Nähe des Toten Meers, hat man viele Schriftrollen gefunden, darunter die berühmte Jesaja-Rolle aus Leder. Sie ist 26 Zentimeter hoch und 7,34 Meter lang. Das Pergament war dünn, glatt und hell, und man konnte die Schrift mit dunkler Tinte gut lesen. Heute kann man sie noch lesen. Das ist einer der berühmtesten Funde im Israel Museum des Buches. Ich glaube, dort ist nicht einmal das Original ausgestellt, sondern eine Nachfertigung.

Papier kam erst im neunten Jahrhundert nach Christus auf. Die erste Papiermühle in Deutschland wurde 1389 errichtet. Wir waren also ziemlich spät dran.

Das war also das Schreibmaterial und die Inspiration auch durch das Schreiben.

Wenn Briefe geschrieben wurden, war Gott dabei. Nicht alle Briefe von Paulus waren auf diese Weise inspiriert. Wir wissen von vier Korintherbriefen; einer hieß der Tränenbrief, und ein anderer wird erwähnt, bevor der erste Korintherbrief geschrieben wurde. Diese Briefe waren offensichtlich nicht inspiriert. Sie waren seelsorgerliche Briefe, die auch etwas bewirkt haben, gerade der Tränenbrief.

Titus hat Paulus nach Korinth geschickt. Es war eine wilde Geschichte mit den Korinthern. Titus war ein kräftiger Typ, vor dem die Korinther Angst hatten, ihn aber gleichzeitig liebten. So konnte er mit den wilden Kretern einigermaßen klarkommen. Der Titusbrief ist nach Kreta gerichtet, und Paulus schreibt von einem schwierigen Völkchen. Ihr könnt selbst nachlesen, was er wörtlich schreibt.

Also: Die erste Phase der Niederschrift des Neuen Testaments war die Niederschrift unter Leitung des Heiligen Geistes. Bevor alle Einzelschriften des Neuen Testaments geschrieben waren, kam die zweite Phase: der Austausch dieser Schriften, also erste Kopien.

Hier ist interessant Kolosser 4,16: „Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so veranlasst, dass er auch in der Gemeinde der Laodizea gelesen werde, und dass auch ihr den aus Laodizea lest.“ Der Brief eines ihrer geistlichen Väter war natürlich ungeheuer bedeutsam. Paulus hatte die Gemeinde gegründet. Die Gemeinden bei Laodizea kenne ich nicht genau, aber bei Kolossä hatte er sie auch nicht gegründet. Die Briefe sollten ausgetauscht werden, und meistens fertigten sich die Gemeinden gleich eine Abschrift an. Ob dann die Abschrift weitergegeben wurde oder das Original, wissen wir nicht und ist auch egal. Aber da waren noch nicht alle Bücher geschrieben – die Offenbarung und die Johannesbriefe fehlten noch. Trotzdem sollte es schon Austausch zwischen den Gemeinden geben. Paulus hat also durch den Heiligen Geist festgelegt, dass das gemacht werden soll.

Andere Schriften im Neuen Testament waren von vornherein für einen größeren Empfängerkreis bestimmt, nicht bloß für eine bestimmte Gemeinde oder eine Einzelperson wie Philemon, sondern für mehrere Gemeinden. Zum Beispiel der Epheserbrief. Wahrscheinlich war das ein Rundschreiben an die kleinen asiatischen Gemeinden in der Gegend, wo später Johannes auch die Offenbarung geschrieben hat. Das hängt damit zusammen, dass das Wort „Ephesus“ in vielen wichtigen Handschriften fehlt. In euren Bibeln steht meistens „An die Gläubigen in Ephesus“, in meiner auch. Man kann das vergleichen; oft gibt es eine Anmerkung dazu.

Die Offenbarung war von vornherein für sieben Gemeinden bestimmt. Das ist interessant, wenn man über die Sendschreiben predigt. Es gab richtige Gemeinden, und wenn der Geist Gottes die Stärken und Schwächen der Gemeinden aufzählt, dann wüssten die anderen Gemeinden auch, was Gott ihnen sagen würde. Das war meistens nicht ganz schön – das Gute natürlich war gut, aber es gab auch immer kritische Sachen. So müsst ihr euch das bei den Sendschreiben vorstellen.

Der Galaterbrief war für alle entstandenen Gemeinden in Galatien bestimmt. Es gibt verschiedene Theorien, aber Galatien war damals ein römisches Gebiet. Dort hatte Paulus einige Gemeinden gegründet.

Es ist sicher anzunehmen, dass die Gläubigen, bevor sie das Original an andere Gemeinden weitergaben, sich eine Abschrift für den eigenen Gebrauch anfertigten oder umgekehrt das Original behielten und die Abschrift weitergaben.

Es gibt bis heute keine Originalschrift mehr. Ich denke, ich kann es nicht beweisen, aber ich vermute, dass das auch der Wille Gottes war. Wir hätten uns vor Reliquien überhaupt nicht mehr retten können. Die Leute hätten das Papier, den Papyrus oder worauf es auch geschrieben war, verehrt, anstatt sich um den Inhalt zu kümmern. Und das wollte Gott: den Inhalt.

Abschriften dienten dem Gebrauch in der eigenen Gemeinde. Nach dem Heimgang der meisten Apostel wurden die Schriften immer wichtiger. Paulus verwies in seinem letzten Brief auffallend deutlich auf die Schriften. Das ist eine wichtige Stelle im 2. Timotheusbrief. Auch Petrus hat das gemacht.

Der 2. Petrusbrief ist der letzte Brief von Petrus. Er schreibt: „Ich halte es für meine Pflicht, euch durch die Erinnerung wachzuhalten, solange ich lebe, denn ich weiß, dass mein Zelt hier auf der Erde bald abgebrochen wird. Das hat unser Herr Jesus Christus mir zu erkennen gegeben. Deshalb will ich dafür sorgen, dass ihr euch auch nach meinem Tod jederzeit an diese Dinge erinnern könnt.“ Die Apostel denken an ihren Heimgang. In beiden letzten Briefen verweisen sie auf die Schrift und schreiben noch einmal, damit ihr das behalten könnt – die Botschaft, die Gott ihnen aufgetragen hat.

Wichtig ist auch 2. Petrus 3,15: „Haltet die Geduld unseres Herrn für eine Chance zur Rettung. Genau das hat euch auch unser lieber Bruder Paulus geschrieben, den Gott in diesen Fragen viel Weisheit geschenkt hat.“ Das ist eine erstaunliche Aussage.

Wenn man viel Zeit hat, könnte man zusammentragen, was hier über Handschriften steht. Wer kannte die Paulusbriefe? Petrus, der den Petrusbrief geschrieben hat, kannte sie. Das kommt hier nicht direkt zum Ausdruck, aber später wird es gesagt. Wir können schließen: Die Briefe waren schon verbreitet.

Paulus hat keinen Brief an Petrus geschrieben, jedenfalls wissen wir von keinem. Aber Petrus kannte die Paulusbriefe. Das heißt, es gab einen ganz frühen Austausch. Petrus setzt voraus, dass die Empfänger seines Briefes die Paulusbriefe kennen. Es müssen also Abschriften von Paulus in diesem Gebiet kursiert sein.

In 1. Timotheus 4,13 schreibt Paulus zu Timotheus: „Bis ich komme, achte auf das Vorlesen, auf das Ermahnen, auf das Lehren.“ Das war wichtig. In den Gemeinden wurden die Texte vorgelesen. Manche sagen, deshalb durften die Texte nicht zu lang sein. Es konnte durchaus eine Stunde dauern, je nachdem. Dann ermahnten die Vorsteher die Geschwister und erklärten vielleicht noch etwas. So waren die Gottesdienste am Anfang.

Das gibt es heute noch in den Kirchen, etwa in der evangelischen Kirche. Dort steht man beim Lesen der Evangelien auf, als Achtung vor dem Evangelium. Wir stehen meistens beim Beten auf, aber beim Evangelium sagen einige: „Das sind die heiligen Worte der Schrift.“ Da könnte man durchaus aufstehen. Aber okay, wir können es nachlesen, das geht leichter, und wenn ihr das macht, ist es schön, wenn die Gemeinde das nicht vergisst.

Welche Schriften meinte Paulus bei Timotheus? Das waren wohl vor allem Briefe. Welche hatte Timotheus schon? Die ältesten Briefe des Neuen Testaments sind der Jakobusbrief und vielleicht der Galaterbrief, aber es war nicht viel, und Galatien ist ziemlich weit weg von Ephesus. Sicher hatten sie das Alte Testament. Das Alte Testament gab es schon zweihundert Jahre vor Christus in griechischer Sprache. Das Hebräische wurde sogar übersetzt. Das war die Bibel der ersten Christen in den ersten Jahrhunderten, weil sie die neutestamentlichen Schriften noch nicht hatten.

Nun predige mal über Christus aus dem Alten Testament! Natürlich Jesaja 53, aber was wisst ihr noch? Dann wird es meistens schon dünn. Messianische Texte findet man auch bei Zacharja und anderen Propheten. Man muss schon suchen und überlegen, wie man Christus predigen kann.

Die Apostelschriften waren ganz wichtig. Johannes sagt in der Offenbarung, dass die Schrift gelesen werden soll. Die regelmäßige gottesdienstliche Lesung war von Anfang an ein Kennzeichen für heilige Schriften.

Wie es weiterging, wissen wir im Neuen Testament nicht mehr. Interessant ist, dass schon so viel über die Entstehung im Neuen Testament steht. Anderes wissen wir aus den sogenannten nachapostolischen Vätern. Das waren führende Männer in den Gemeinden, die oft Kontakt zu mehreren Gemeinden hatten. Sie haben viel geschrieben und festgelegt, wie das mit den Evangelien war. Das habe ich vorhin nicht mehr erklärt.

Diese Väter haben aufgeschrieben, dass Matthäus ursprünglich für Israel schrieb, vielleicht sogar auf Hebräisch. Das können wir nicht ganz sicher sagen, aber es wurde später ins Griechische übersetzt. Ein hebräisches Original haben wir nicht.

Markus schrieb für die römischen Christen, weil er mit Petrus dort war. Johannes schrieb für Kleinasien. Bestimmte Indizien in den Evangelien unterstützen das. Das würde jetzt zu weit führen, um Einzelheiten zu erzählen. Ich finde das sehr interessant und habe deswegen in meiner Übersetzung immer eine kleine Einleitung vor jedes biblische Buch geschrieben, damit man die wichtigsten Dinge erfährt.

Die Gemeinden tauschten die Schriften aus. Die nächste Phase waren die ersten Abschriften von Schriftsammlungen. Sehr bald entstand in einer der Gemeinden, die Paulus gegründet hatte, der Wunsch, auch die anderen Schriften von Paulus zu besitzen und sich darum zu kümmern. Es gab ja Kontakte, reisende Brüder auch damals schon, und wenn man hörte: „Paulus hat auch an euch geschrieben“, fragte man: „Können wir diesen Brief abschreiben?“

Man wollte möglichst alle Briefe haben. Das konnte in Korinth oder Rom geschehen sein. Die ersten Schriftsammlungen waren die Paulusbriefe, die mit dem 1. Korintherbrief beginnen und mit dem Römerbrief enden. Bei den Korinthern war vielleicht eher das Motto „Der Esel nennt sich immer zuerst“, also vielleicht waren sie es, oder die Römer. Wir wissen nicht genau, wo das war, aber Gemeinden kümmerten sich darum.

Mit den Evangelien war es ähnlich. Die ersten Gläubigen überlieferten immer alle vier Evangelien. Um diese Zeit, als ganze Schriftsammlungen abgeschrieben wurden, hatte man die Evangelien nebeneinander: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Um sie unterscheiden zu können – bei Paulusbriefen ist das leicht, weil der Apostel Paulus schreibt, bei Petrus auch –, bei den Evangelien stand nichts dabei, wer sie geschrieben hatte.

Deshalb schrieb man die Überschriften oben drüber: „Kathamataion“ heißt das auf Griechisch, also „Nach Matthäus“. Wahrscheinlich schrieb man in der Gemeinde oben drüber: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Diese Überschriften haben wir nur durch Menschen, Gläubige, die die Schriften weitergaben. Man konnte sie sonst nicht unterscheiden und hätte alles durcheinandergebracht.

So entstanden die Überschriften der Evangelien.

Ich habe mir das noch aufgeschrieben, ich könnte es mal auf Griechisch mit deutschen Buchstaben vorlesen.

Die Gemeinde in Rom schrieb um 95 nach Christus einen Brief an die Gemeinde in Korinth. Er ist als erster Clemensbrief bekannt und ist die älteste christliche Schrift außerhalb des Neuen Testaments. In dieser Schrift zitiert Clemens, dessen Name Paulus irgendwo im Römerbrief erwähnt, aus 1. Korinther, Römerbrief, Matthäus und Hebräerbrief. Diese Schriften waren in der Gemeinde Rom also schon vorhanden, vielleicht sogar eine Sammlung aller Paulusbriefe und der Evangelien.

Um 148 nach Christus gab es einen gewissen Justin, der als Märtyrer starb. Er war einer der nachapostolischen Väter. Bei ihm finden wir Zitate aus den Apostelschriften und Evangelien. Er berichtet von Versammlungen der Gläubigen, bei denen die Urkunden der Apostel oder Evangelien vorgelesen wurden. Das war um 150 nach Christus schon Fakt. Man las sie zusammen mit den Büchern der Propheten, also dem Alten Testament. Nach der Vorlesung schloss der Vorsteher seine Ermahnungen an.

Wenige Jahrzehnte nach Vollendung der Offenbarung, um 96, besaß zwar noch nicht jede Gemeinde jedes Buch, aber man kümmerte sich darum. Jedes neutestamentliche Buch war durch einige der apostolischen Väter bereits bestätigt worden, die es als autorisierte Schrift zitiert hatten.

Nun kommen wir zum Kanon. Kanon hat hier nichts mit Musik zu tun, obwohl man es dort auch kennt. Das Wort Kanon kommt aus dem Hebräischen und bedeutet eine Messrute oder ein Rohr, also ein Maßstab. Der Prophet Ezechiel beschreibt so etwas, als ihm ein Stab gegeben wird, um den Tempel abzumessen. Im Neuen Testament wird es als Maßstab gebraucht, etwa in Galater 6,6.

Etwa zur Zeit des Kirchenvaters Athanasius bekam das Wort die Bedeutung, die wir heute kennen: eine Liste von Büchern, die göttliche Autorität besitzen. Das ist richtig im Sinne von Maßstab. Deswegen nennt man es Kanon.

Das Wort Kanon wird im Galaterbrief auch verwendet, aber nicht in dieser Bedeutung.

Nun gibt es also Listen von Büchern. Das sind nicht alle Abschriften, sondern erst einmal nur Listen, weil die Bücher überall verteilt waren. Nicht jede Gemeinde hatte jedes Buch. In manchen Gemeinden waren aber alle oder wesentliche Schriften bekannt, und man schrieb Listen auf.

Da gab es zum Beispiel den Kanon Marzions. Marzion war eine schillernde Figur, Sohn eines Bischofs von Pontus und Berufsschiffer. Wegen bestimmter gnostischer Ideen überwarf er sich mit seiner Heimatgemeinde und gründete eine Sekte. Er war ein glühender Antisemit und konnte viele Anhänger gewinnen, auch in Rom. Er unterstützte die Gemeinde in Rom mit einer großen Spende. Als die Gemeinde ihn ausschloss, zahlte sie ihm das Geld zurück, weil sie keine Spenden von ihm annehmen wollten.

Marzion wollte die urchristlichen Schriften vom jüdischen Geist reinigen. Deshalb stellte er eine Sammlung von Schriften für seine Anhänger zusammen, bestehend aus einem Lukas-Evangelium – Lukas war kein Jude, was hochinteressant ist, da ein Nichtjude den umfangreichsten Teil des Neuen Testaments schrieb und das von Anfang an anerkannt wurde – und der Apostelgeschichte.

Er akzeptierte nur das Lukas-Evangelium, allerdings in einer verstümmelten Form, bei der das jüdische Erbe herausgenommen wurde. Außerdem nahm er zehn Paulusbriefe auf, also keine jüdischen Schriften. So hatte er einen Kanon, eine Liste der inspirierten Bücher.

Er war ein Irrlehrer, aber er hat den Gemeinden einen Dienst getan, denn sie mussten nun festlegen, welche Schriften wirklich inspiriert sind und zum Kanon gehören. Es ging gar nicht anders, sonst hätte Marzion vielleicht gewonnen.

Es gab heftige Reaktionen, und alle Christen mussten wissen, auf welche Bücher sie sich wirklich verlassen konnten. Dass Marzion bestimmte Bücher verwarf, bedeutet indirekt, dass die anderen Bücher bekannt waren, also die anderen Evangelien. Das war schon in den Gemeinden verbreitet, nur für seine Truppe schnitt er sie ab.

Indirekt sehen wir also, dass die Schriften verbreitet waren. Man muss ein bisschen nachdenken.

Schon lange vor 140 nach Christus waren im ganzen Umkreis der damaligen Gemeinden die Sammlung der vier Evangelien und die dreizehn Paulusbriefe bekannt, neben den Schriften des Alten Testaments und mehreren anderen Schriften, wenn auch nicht in allen Gemeinden. Offenbarung, Apostelgeschichte, in manchen Teilen der Kirche auch der Hebräerbrief, 1. Petrusbrief, Jakobusbrief, Johannesbriefe und vielleicht die Apostellehre, die Didascalia, eine Art Taufbelehrung.

Marzion veranlasste die Verantwortlichen, öffentlich deutlich zu machen, auf welche Bücher sich die Christen berufen konnten.

Der Kanon Muratori entstand ungefähr vierzig Jahre später, um das Jahr 180. Er ist ein Beispiel für eine Liste der anerkannten Bücher. Sie wurde von einem unbekannten Verfasser aus der römischen Gemeinde zusammengestellt und in lateinischer Sprache verfasst.

1740 wurde diese Liste in der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand entdeckt und von dem Bibliothekar L. A. Muratori veröffentlicht. Deshalb heißt die Liste Kanon Muratori.

Die Liste beginnt mit Bemerkungen über das Markus-Evangelium, nennt Lukas als drittes Evangelium, was logisch macht, dass Matthäus das erste war. Die Liste ist nicht ganz vollständig.

Auf Johannes folgen die Apostelgeschichte und die dreizehn Paulusbriefe. Der Kanon enthält auch Schriften, die man ablehnt, zum Beispiel einen Brief an die Laodizea, der in der Liste noch drinsteht. Die Liste ist also umfangreicher als das Neue Testament und enthält auch Schriften, die auf den Namen des Paulus gefälscht sind.

Die Kirche hat diese damals nicht akzeptiert, einzelne vielleicht, aber man hat sie abgelehnt. Es ist kein Evangelium und keine heilige Schrift.

Jemand schrieb einmal: „Denn Galle mit Honig zu mischen geht nicht an.“ Man kann nicht, was nicht göttlich inspiriert ist, als heilige Schrift anerkennen. Das gilt bis heute.

Ein altes Zitat besagt: „Ferner werden die Briefe des Judas und zwei der oben erwähnten Johannesbriefe in der katholischen Kirche gehalten, ebenso die Weisheit, die von Freunden Salomos zu dessen Ehre geschrieben wurde. Auch von Offenbarungen nehmen wir nur die des Johannes und Petrus an, welche letztere einige von uns nicht in der Kirche verlesen wissen wollen.“ Das zeigt, dass öffentlich vorgelesene Schriften als heilige Schrift galten, und manche wollten das nicht mehr.

Im Kanon Muratori ist auch der Hirte Hermas enthalten. Hermas war ein Bruder des Bischofs Pius von Rom. Diese Schrift wird klar als nichtapostolisch klassifiziert. Sie darf gelesen werden, gehört aber nicht zu den apostolischen Schriften.

Wenn du so einen Bruder hast, der etwas geschrieben hat, lässt man das in der Gemeinde laufen. Aber es hat sich nicht durchgesetzt.

In der Liste fehlen der Hebräerbrief, die beiden Petrusbriefe und der Jakobusbrief. Es könnte sich bei dem fehlenden Brief auch um einen anderen handeln, aber ob es der war, ist unklar. Die meisten denken an den Epheserbrief.

Paulus schrieb einen Extrabrief an die Kolosser. Er wusste, dass der Epheserbrief herumläuft, und es könnte der gewesen sein, den man meinte.

Diese Liste wurde Jahrhunderte später gefunden. Wer sie verfasst hat und wie autorisiert er war, wissen wir nicht. Wir haben nur diese Liste und müssen uns Gedanken machen. Zu dieser Zeit, um 180 nach Christus, war offensichtlich noch nicht alles ganz klar.

Als Nächstes folgt der Kanon des Athanasius. Damit wurde der Schwebezustand beendet. Jede Gemeinde hatte die Freiheit, auch andere Schriften zu lesen, aber die apostolischen Schriften wollten sie zuerst lesen und haben sich darum bemüht, sie zu bekommen.

Je nachdem, wie groß die Gemeinde war und wie gute Beziehungen sie hatte, war das unterschiedlich. Das ist heute nicht anders.

Mit dem Osterbrief des Athanasius, dem neununddreißigsten Osterbrief des Bischofs von Alexandrien, endete diese Zeit. Alexandrien lag in Ägypten. Es gab damals blühende Gemeinden in Nordafrika, viele davon sind später durch muslimische Aktionen zerstört worden.

In diesem Brief heißt es: „Dies sind die Quellen des Heils, gebt nicht zu, dass irgendjemand von ihnen wegnehme oder hinzufüge.“ Das ist die älteste Liste.

Sie umfasst auch das Alte Testament. Bis auf zwei Abweichungen ist alles klar. Es gab Zusätze wie das Buch Baruch oder den Brief des Jeremia, die in manchen Apokryphen enthalten sind. Katholische Bibeln haben diese oft mit drin.

Das Buch Esther wurde weggelassen, könnt ihr euch denken, warum? Weil Gott und Gebet darin nicht erwähnt werden. Später wurde es anerkannt, vor allem von den Juden.

Die anerkannten Schriften wurden viel gelesen und zitiert. Zitate in den Schriften der Kirchenväter geben Aufschluss über diese Anerkennung.

Es tritt Überraschendes zutage: Alle Bücher, die schon im zweiten Jahrhundert gebraucht und zitiert wurden, gehören auch unserem heutigen Neuen Testament an und machen den größten Teil davon aus.

Es wurde sehr schnell ein hohes Maß an Übereinstimmung unter den Gemeinden erreicht. Die Gemeinden waren passiv und demütig. Sie fällten keine eigenwilligen Urteile über andere Bücher oder bestimmte Bücher, bei denen sie unsicher waren, ob sie zum Kanon gehören oder nicht.

Das ist interessant. Schon im zweiten Jahrhundert stand der Kanon in seinen Hauptschriften fest, obwohl die genauen Grenzen später fixiert wurden. Die mehr oder weniger fraglichen Bestandteile fallen gegenüber dem allgemein anerkannten Bestand kaum ins Gewicht.

Es gab auch Schriften von vorübergehender Kanonizität, die manchmal anerkannt, später aber verworfen wurden. Dazu gehören der Hirte Hermas, die Apokalypse des Petrus, die Lehre der zwölf Apostel, die Akten des Paulus, der Barnabasbrief, der erste und zweite Clemensbrief.

Verschiedene Kirchenväter stellten in einem langwierigen Ausleseprozess verschiedene Listen auf, die sich nur an wenigen Punkten unterschieden. Die Liste des Athanasius war die erste wirklich sinnvolle.

Man stellt sich oft vor, die Konzilien hätten den Kanon festgelegt. Nach allem, was wir wissen, war das niemals der Fall. Kein Buch wurde kanonisch, weil ein Konzil es so erklärte. Die Gemeinden verwendeten die Bücher bereits.

Man konnte zwar sagen, ein Buch sei keine apostolische Schrift oder enthalte Fehler, aber die Gemeinden hatten die Schriften schon anerkannt.

Die inspirierten Schriften besaßen von Anfang an göttliche Autorität. Menschen erkannten und anerkannten das.

Ein Autor schreibt: Man ist beeindruckt von der tiefen Stille, unter welcher die betrachtende Nachwelt den Kanon zustande bringt. Es ist eine Geschichte ohne Revolutionen. Das Wesentliche war von Beginn an gegeben. Geringfügige Änderungen geschahen allmählich, ohne dass es jemand bemerkte.

Daraus müssen wir Folgendes schließen: Mir ist das erst viel später aufgegangen, auch beim Alten Testament. Als Mose seine Bücher schrieb, gab es fast noch keine Psalmen, keine Prophetenschriften, keine Königsbücher. Menschen konnten schon damals die Schrift haben und wurden von Gott nach dem beurteilt, was sie hatten, nicht nach dem, was sie nicht hatten.

Genauso war es im Neuen Testament. Man konnte von Anfang an gerettet werden, auch durch mündliche Überlieferungen, die die Apostel verbreitet hatten und ihre Schüler kannten. Es war schon einiges schriftlich, aber noch nicht alles.

Man kann durch ein Evangelium gerettet werden. Es ist nichts Schlimmes, dass es so geschah, aber es ist schön, wenn wir irgendwann alles haben.

Die Schriften mussten ihre Kraft und Autorität beweisen und historisch sowie dogmatisch richtig sein.

Zum Schluss noch die Bedeutung des Kanons: Die Gemeinden wurden davor bewahrt, Schriften aufzunehmen, die abweichende Lehren enthielten. Ohne Kanon geht das nicht. Einen Kanon braucht man in jedem Fall.

Heilige Schriften standen von Anfang an in den Gemeinden, an die sie geschrieben wurden. Dann kamen die ersten kleinen Sammlungen. Ohne Maßstab fällt man auf jeden Irrlehrer herein. Der Kanon hat sich fast 2000 Jahre als verlässlicher Maßstab bewährt.

Die 27 Schriften des Neuen Testaments und der Geist Gottes, der heute redet, sind der Geist, der auch zu den Verfassern der Schrift redete und über die Kanonbildung wachte. Er bindet unseren Glauben und unser Leben an das, was Gott durch Jesus Christus offenbart hat.

Ob ich das in meinem Computer lese, in Papierform oder anders, das macht das Buch nicht heiliger. Man muss das Buch nicht küssen, um es zu verehren und wahrzunehmen, was darin steht.

Wie können wir heute sicher sein, dass alle Schriften, die drin sind, wirklich von Gott inspiriert sind? Es gibt keine anderen glaubwürdigen Bücher, die Anspruch auf Heilige Schrift erheben, also Anspruch auf Aufnahme in den Kanon.

Sekten haben das gemacht. Es ist ein typisches Kennzeichen für eine Sekte, dass neben der Heiligen Schrift noch andere Schriften mit fast gleicher Bedeutung existieren, wie das Buch Mormon oder die Schriften von Ellen G. White bei den Siebenten-Tags-Adventisten. Manche sind dem Evangelium nahe, aber wenn so etwas hochgehalten wird, ist etwas faul.

Die Menge der Belege zeigt, dass Gott den Auswahlprozess lenkte und den Gemeinden Übereinstimmung über die kanonischen Bücher schenkte. Wir sind überzeugt, dass keine notwendige kanonische Schrift fehlt.

Aus den Jahrhunderten ist kein Fall bekannt, in dem ein prophetisches oder apostolisches Buch als nichtkanonisch verworfen wurde.

Das ist ein Satz von Gerhard Meyer, der war Bischof in Süddeutschland und hat viele gute Bücher geschrieben. Er schreibt, wir müssen naheliegend schließen, dass auch der Kanon durch göttliche Fügung entstand, unter vielem Ringen der Glaubenden und gelegentlich der Nichtglaubenden.

Wir dürfen davon ausgehen und brauchen uns nicht zu genieren. Alles, was wir haben, prüfen wir daran, dann sind wir sicher an dem Kanon, der uns geschenkt ist.

Danke, dass ihr so viel Geduld mit mir hattet. Es war eine harte Sache, aber ihr wolltet es ja haben, da seid ihr selbst schuld.

Es war praktisch nicht so, dass eine übergeordnete Kirche zu einem Zeitpunkt festgelegt hat, welche Bücher zum Wort Gottes gehören. Im Brief des Athanasius, dem Osterbrief mit dem ersten Kanon, gab es schon Konzilien, die sich darüber unterhielten und es bestätigten, zunächst in Nordafrika und dann weiter.

Irgendwann musste man sagen: „Es ist gut so, das hat sich so gebildet.“ Das war nicht gleichzeitig, sondern über einige Jahre. Dann haben alle führenden Christen das bestätigt.

So hat sich die Anerkennung ausgebreitet. Beim Neuen Testament gibt es da eigentlich keine Fragen.

Hier will ich erst einmal schließen und übergebe wieder.

Ich darf noch auf den Büchertisch hinweisen. Auf dem rechten Büchertisch, an dem anderen Fenster, liegen Schriften, die ihr mitnehmen könnt, kostenfrei. Es sind Bibelbundschriften, zum Beispiel die Zeitschrift „Bibel und Gemeinde“. Dort sind wichtige Themen drin, die wir auch gründlich besprochen haben, wie „Der Vater der Lüge am Werk“ oder „Wollte Gott die Opfer für sich?“ oder „Ein Volk ist begeistert von der Bibel“. Das ist gründlicher als eine normale christliche Zeitschrift.

Ich kann sie empfehlen. Eine Zeit lang war ich Schriftleiter, jetzt habe ich einen Nachfolger, bin froh darüber, mache aber immer noch ein bisschen mit. Ich arbeite auch bei „Wort und Wissen“ mit und habe dort auch eine Zeitschrift. Manche Bücher sind vom Bibelbund, manche von „Wort und Wissen“, und der Rest ist von mir.

Auf dem linken Tisch steht der Preis drauf. Dort wäre es gut, wenn ihr das Geld in die Plastikbüchse legt. Danke.

Ich weiß nicht, wie es euch im Vortrag ging, aber ich hatte einen Gedanken: Was für ein Vorrecht, so eine Bibel in der Hand halten zu können – von der ersten bis zur letzten Seite vollständig geschrieben. Es ist objektive Wahrheit, ein Licht auf unserem Weg, auf deinem Weg, wenn du sie benutzt.

Ich dachte auch daran, wie viele Menschen ihr Leben dafür gelassen haben oder lassen mussten, nur weil sie eine Bibel besitzen. Es gibt Überlieferungen davon.

Mir fiel ein, als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal ins Jolt fuhr, in ein Gebiet in Rumänien, wo es verboten war, eine Bibel zu besitzen, weil katholische Priester das so verfügten. Umso mehr ist es ein Vorrecht, dass wir hier wirklich in Freiheit die Bibel in Händen halten dürfen.

Jeder hat Zugang dazu und kann sie kaufen, auch am Büchertisch, wenn noch keiner ein Buch hat. Das ist ein Grund zum Danken, auch für den ganzen Prozess, wie das entstanden ist. Dafür können wir danken, und ich danke euch, dass ihr mir das hier so aufgezeigt habt.

Ich denke, wir schließen mit Gebet. Wer kann, bitte aufstehen.

Großer Gott, wir wollen dir danken, dass du uns deine Worte gegeben hast, dass diese Worte Worte der Wahrheit sind, dass wir diese objektive Quelle haben, diesen Maßstab für unser Leben – Herr, diesen Maßstab, der wirklich bindend und verlässlich ist. Danke, dass wir dich darin erkennen dürfen, aber in deinem Licht auch uns Menschen.

Wir danken dir, Herr, dass du über dieses Buch gewacht hast, über die Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie es zustande gekommen ist. Wir danken dir für das Vorrecht, dass wir hier in Deutschland, im Westen, die Bibel in ihrer Vollkommenheit in Händen halten dürfen.

Herr, wir bitten dich, dass wir nicht nur darüber staunen, sondern sie auch täglich lesen, so wie du, Herr Jesus, im Johannes 17 gebetet hast, dass du uns heiligen möchtest durch dein Wort, und dein Wort ist die Wahrheit.

Dafür danken wir dir und beten dich an. Amen.

Ich lade herzlich für morgen ein, um 16:00 Uhr wieder hier vor Ort oder auf unserem YouTube-Kanal.

Bevor wir schließen, singen wir gemeinsam ein Lied: „So sind deine Worte.“

Ich freue mich, wenn wir uns morgen um 16:00 Uhr wiedersehen.

Beschafft: So sind deine Worte, jedes Lebens Worte zu mir,
wie ein Hammer, der zerschlägt,
wie ein Schwert, das treffen wird
und in die Tiefe meiner Seele dringt,
wie ein Zuspruch, der mich trägt,
eine Stimme, die mich führt,
Medizin wie Haar für mein Leben,
Worte, du zu mir,
wie ein Hauch aus deiner Welt,
so dass meinen Hunger stillt,
wie Wasser, das mich trocknet,
wie ein Versprechen, das man hält,
das für alle Zeiten gilt,
und das Milchchen, was gehört zu mir.

Schreibmaterial und Schriftkultur

Wir gehen weiter zum Thema Schreibmaterial.

Gewöhnlich wurde Papyrus verwendet. Papyrus stammt aus Ägypten und wurde aus den Papyrusstängeln hergestellt. Schon im dritten Jahrtausend vor Christus wurde es in Ägypten genutzt und später im gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Auch Abraham hätte damit schreiben können. Allerdings wissen wir nicht, ob Abraham tatsächlich schreiben konnte, und es gibt keine überlieferten Hinweise darauf, dass er etwas geschrieben hat.

Bei Mose ist es hingegen sicher, dass er schreiben konnte. Er wurde in der Weisheit der Ägypter unterrichtet. Papyrus konnte allerdings nur dann überdauern, wenn es in einer Gegend mit sehr trockenem Klima aufbewahrt wurde. Ansonsten verdarb es schnell.

Johannes schreibt in seinem zweiten Brief: "Ich hätte euch noch viel zu sagen, will das aber nicht mit Papier tun." Im Original steht dort "Chartes", was ein Blatt aus Papyrus bezeichnet. Daraus stammt auch das Wort "Karte".

Die Feder, mit der geschrieben wurde, bestand aus einem Stück Rohr, also Schilfrohr, das mit einem Messer angespitzt wurde. Seit dem dritten Jahrhundert vor Christus verwendete man auch Gänsefedern.

Schon seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus benutzte man außerdem Pergament. Das sind ungegerbte, entharte Tierhäute. Diese mussten entsprechend bearbeitet werden, waren aber oft sehr hell, sodass die Schrift gut lesbar war. Pergament war ein haltbares Schreibmaterial.

Ab dem vierten Jahrhundert nach Christus löste Pergament das Papyrus vollständig ab. Man schrieb dann nur noch auf solchen teuren Materialien. Das erklärt auch die Praxis, Texte abzuschaben und wieder neu zu beschreiben, um das teure Material mehrfach zu nutzen.

Bis heute schreibt man die Tora, also die fünf Bücher Mose, für den Gebrauch im Gottesdienst auf Leder von reinen Tieren. Das hat natürlich seinen Preis. Die Herstellung des Leders und das handschriftliche Abschreiben sind sehr aufwendig. Heutzutage liegen die Kosten dafür oft im fünfstelligen Bereich, wenn man solche Rollen kauft. Aber das ist den Gläubigen wertvoll.

In einer Höhle bei Qumran, einer Siedlung in der Nähe des Toten Meers, wurden viele Schriftrollen gefunden. Darunter ist auch die berühmte Jesaja-Rolle aus Leder. Sie ist 26 Zentimeter hoch und 7,34 Meter lang. Das Pergament war dünn, glatt und hell, sodass man die Schrift mit dunkler Tinte gut lesen konnte. Die Rolle ist heute noch lesbar und zählt zu den berühmtesten Funden im Israel Museum des Buches. Dort wird jedoch meist eine Nachbildung ausgestellt, nicht das Original.

Papier kam erst im neunten Jahrhundert nach Christus nach Europa. Die erste Papiermühle in Deutschland wurde 1389 gegründet. Damit waren wir in Europa relativ spät dran.

Das war ein Überblick über das Schreiben und die Inspiration durch das Schreiben.

Briefwechsel und Verbreitung der Schriften

Gleich zu Beginn, wenn Briefe geschrieben wurden, war Gott dabei. Allerdings waren nicht alle Briefe von Paulus auf diese Weise inspiriert. Wir wissen von vier Korintherbriefen. Einer davon wurde der Tränenbrief genannt. In einem anderen schreibt Paulus, dass er ihnen bereits in einem früheren Brief geschrieben habe. Das bedeutet, dass er vor dem ersten Korintherbrief schon mindestens einen Brief verfasst hatte.

Diese Briefe waren offensichtlich nicht inspiriert, aber sie waren nicht schlecht. Es handelte sich um seelsorgerliche Briefe, die auch Wirkung zeigten, besonders der Tränenbrief. Titus wurde von Paulus nach Korinth geschickt. Die Geschichte mit den Korinthern war immer schwierig. Titus war ein kräftiger Mann, vor dem die Korinther Respekt hatten, aber sie mochten ihn auch sehr. Das sollte nicht falsch verstanden werden. Titus konnte mit den wilden Kretern einigermaßen umgehen. Der Titusbrief ist an Kreta gerichtet, und Paulus schreibt über ein schwieriges Völkchen. Ihr könnt selbst nachlesen, was er dort wörtlich schreibt.

Das war also die erste Phase der Niederschrift des Neuen Testaments, die Niederschrift unter Leitung des Heiligen Geistes. Bevor alle Einzelschriften des Neuen Testaments geschrieben waren, begann schon die zweite Phase: der Austausch dieser Schriften.

In der ersten Phase wurden die Originale niedergeschrieben, entweder über Diktat mit einem Schreiber oder von Paulus selbst. Danach erfolgte der erste Austausch der Einzelschriften, also erste Kopien. Hier ist Kolosser 4,16 interessant. Paulus gab folgende Anweisung: „Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so veranlasst, dass er auch in der Gemeinde der Laodizea gelesen werde, und dass auch ihr den aus Laodizea lest.“

Der Brief eines ihrer geistlichen Väter war natürlich von großer Bedeutung. Paulus hatte die Gemeinde gegründet. Die Gemeinden bei Laodizea kenne ich jetzt nicht genau, aber bei Kolossä hatte er sie auch nicht gegründet. Wenn die Briefe ausgetauscht werden sollten, fertigten sie meist Abschriften an. Ob sie dann die Abschrift weitergaben oder das Original, wissen wir nicht, und es ist auch nicht entscheidend.

Zu diesem Zeitpunkt waren noch nicht alle Bücher geschrieben, die Offenbarung und die Johannesbriefe zum Beispiel noch nicht. Trotzdem sollte schon Austausch zwischen den Gemeinden stattfinden. Paulus hat also durch den Heiligen Geist festgelegt, dass das gemacht werden soll.

Andere Schriften im Neuen Testament waren von Anfang an für einen größeren Empfängerkreis bestimmt, nicht nur für eine bestimmte Gemeinde oder Einzelperson wie den Philemonbrief, sondern für mehrere Gemeinden. Zum Beispiel der Epheserbrief. Wahrscheinlich war das ein Rundschreiben an die kleinen asiatischen Gemeinden, etwa in der Gegend, wo später Johannes auch die Johannesbriefe schrieb.

Das hängt damit zusammen, dass das Wort „Ephesus“ in vielen wichtigen Handschriften fehlt. In euren Bibeln steht meist „An die Gläubigen in Ephesus“, in meiner auch. Dort findet man oft eine Anmerkung dazu. Die Offenbarung war von vornherein für sieben Gemeinden bestimmt. Das ist interessant, wenn man über die Sendschreiben predigt. Diese Gemeinden waren echte Gemeinden, und wenn der Geist Gottes ihre Stärken und Schwächen aufzählt, dann wussten die Nachbargemeinden auch, was Gott ihnen sagte. Das war oft nicht ganz schön, das Gute natürlich war gut, aber es gab auch immer kritische Punkte.

So müsst ihr euch die Sendschreiben vorstellen. Die Offenbarung war also dafür bestimmt. Der Galaterbrief war für alle entstandenen Gemeinden in Galatien. Damals war Galatien ein römisches Gebiet. Einige Gemeinden wurden von Paulus und seinen Mitarbeitern dort gegründet.

Es ist sicher anzunehmen, dass die Gläubigen, bevor sie das Original anderen Gemeinden weitergaben, sich eine Abschrift für den eigenen Gebrauch anfertigten oder umgekehrt das Original behielten und die Abschrift weitergaben. Es gibt bis heute keine Originalschrift mehr. Ich denke, ich kann es nicht beweisen, aber ich vermute, dass das auch Gottes Wille war. Wir hätten uns vor Reliquien kaum retten können. Die Leute hätten das Papier oder den Papyrus verehrt, anstatt sich um den Inhalt zu kümmern. Und Gott wollte, dass der Inhalt im Mittelpunkt steht.

So entstanden Abschriften für den Gebrauch in der eigenen Gemeinde. Nach dem Heimgang der meisten Apostel wurden die Schriften immer wichtiger. Paulus verwies in seinem letzten Brief auffallend deutlich auf die Schriften. Das ist eine wichtige Stelle im 2. Timotheusbrief.

Auch Petrus und Paulus haben das gemacht. Der 2. Petrusbrief ist der letzte Brief von Petrus. Er schreibt: „Ich halte es für meine Pflicht, euch durch die Erinnerung wachzuhalten, solange ich lebe, denn ich weiß, dass mein Zelt hier auf der Erde bald abgebrochen wird. Das hat unser Herr Jesus Christus mir zu erkennen gegeben. Deshalb will ich dafür sorgen, dass ihr euch auch nach meinem Tod jederzeit an diese Dinge erinnern könnt.“

Die Apostel denken also an ihren Heimgang. In beiden letzten Briefen verweisen sie auf die Schrift. Paulus hat es noch einmal geschrieben, damit ihr die Botschaft behaltet, die Gott ihm für euch aufgetragen hat.

Wichtig ist auch dieser Vers bei Petrus, 2. Petrus 3,15: „Und haltet die Geduld unseres Herrn für eine Chance zur Rettung. Genau das hat euch auch unser lieber Bruder Paulus geschrieben, dem Gott in diesen Fragen viel Weisheit geschenkt hat.“ Das ist eine erstaunliche Aussage.

Wenn man Zeit hätte, könnte man zusammentragen, was hier über Handschriften steht. Wer kannte die Paulusbriefe? Petrus zum Beispiel. Er erwähnt sie in seinem Brief. Das bedeutet, sie waren schon verbreitet. Paulus hat keinen Brief an Petrus geschrieben, jedenfalls wissen wir von keinem. Aber Petrus kannte die Paulusbriefe. Das zeigt einen frühen Austausch.

Petrus setzt voraus, dass auch die Empfänger seines Briefes die Paulusbriefe kennen. Es müssen also Abschriften von Paulus in diesem Gebiet kursiert sein. In 1. Timotheus 4,13 schreibt Paulus an Timotheus: „Bis ich komme, achte auf das Vorlesen, auf das Ermahnen, auf das Lehren.“ Das zeigt, dass es wichtig war, die Texte vorzulesen.

In den Gemeinden wurden die Texte vorgelesen. Manche sagen, die Briefe durften deshalb nicht zu lang sein. Es konnte durchaus eine Stunde dauern, je nachdem. Die Vorsteher ermahnten die Geschwister meist und erklärten vielleicht noch etwas. So gestalteten sich die Gottesdienste am Anfang.

Das gibt es heute noch in den Kirchen, zum Beispiel in der evangelischen Kirche. Dort steht man auf, wenn die Evangelien gelesen werden, als Zeichen der Achtung vor dem Evangelium. Beim Beten stehen wir meist auf, aber hier sagen ein oder mehrere Personen eigene Worte. Die Evangelientexte sind heilige Worte der Schrift. Man könnte also durchaus aufstehen. Aber es ist auch in Ordnung, sie einfach mitzulesen.

Welche Schriften meinte Paulus bei Timotheus? Das sind in erster Linie Briefe. Welche Briefe hatte Timotheus denn schon? Die ältesten Briefe des Neuen Testaments sind wahrscheinlich der Jakobusbrief und der Galaterbrief. Aber Galatien ist ziemlich weit entfernt von Ephesus, wo Timotheus war, also war das noch nicht so sicher.

Natürlich hatten sie das Alte Testament. Das Alte Testament gab es schon zweihundert Jahre vor Christus in griechischer Sprache. Das Hebräische wurde übersetzt, und diese griechische Bibel war die Bibel der ersten Christen in den ersten Jahrhunderten, weil sie die neutestamentlichen Schriften noch nicht hatten.

Nun predigte man über Christus aus dem Alten Testament. Sicher kennt ihr Jesaja 53. Aber was wisst ihr noch? Dann wird es meistens schon dünn. Es gibt messianische Texte, zum Beispiel in Zacharja, aber man muss schon suchen und überlegen, wie man Christus predigen kann.

Die Apostelschriften waren sehr wichtig. Johannes sagt in der Offenbarung, dass die Schrift gelesen werden soll. Die regelmäßige gottesdienstliche Lesung war von Anfang an ein Kennzeichen heiliger Schriften.

Wie es danach weiterging, wissen wir im Neuen Testament nicht mehr. Interessant ist, dass schon so viel über die Entstehung der Schriften im Neuen Testament steht.

Das andere wissen wir aus den sogenannten nachapostolischen Vätern. Das waren führende Männer in den Gemeinden, die oft Kontakt zu mehreren Gemeinden hatten. Sie schrieben viel und legten fest, wie es mit den Evangelien war.

Matthäus schrieb ursprünglich für Israel, also für die Israeliten, vielleicht sogar auf Hebräisch. Das ist möglich, aber nicht sicher. Später wurde das Evangelium ins Griechische übersetzt. Ein hebräisches Original haben wir nicht.

Markus schrieb für die Christen in Rom, weil er mit Petrus dort war. Johannes schrieb für Kleinasien. Bestimmte Hinweise in den Evangelien unterstützen das. Das würde zu weit führen, hier alle Einzelheiten zu erzählen.

Ich finde es immer sehr interessant. Deshalb habe ich in meiner Übersetzung vor jedes biblische Buch eine kleine Einleitung geschrieben, damit man die wichtigsten Dinge erfährt.

Die Gemeinden tauschten die Schriften dann entsprechend aus. Die nächste Phase waren die ersten Abschriften von Schriftsammlungen. Sehr bald entstand in einer der von Paulus gegründeten Gemeinden der Wunsch, auch die anderen Schriften von Paulus zu besitzen und sich darum zu kümmern.

Es gab ja Kontakte, reisende Brüder auch damals schon. Wenn man hörte: „Paulus hat auch an euch geschrieben, können wir diesen Brief abschreiben?“ wollte man möglichst alle Briefe haben.

Das konnte in Korinth oder in Rom geschehen sein. Die ersten Schriftsammlungen waren die Paulusbriefe. Sie beginnen mit dem 1. Korintherbrief und enden mit dem Römerbrief.

Bei den Korinthern war vielleicht das Motto: „Der Esel nennt sich immer zuerst.“ Vielleicht waren sie es, oder die Römer. Wir wissen nicht genau, wo das war. Aber Gemeinden kümmerten sich darum.

Mit den Evangelien war es ähnlich. Die ersten Gläubigen überlieferten immer alle vier Evangelien. Um diese Zeit, als schon ganze Schriftsammlungen abgeschrieben wurden, hatte man die Evangelien nebeneinander: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes.

Um sie unterscheiden zu können, schrieb man oben auf die Abschriften die Namen. Bei den Paulusbriefen ist das leicht, weil Paulus als Verfasser genannt wird. Bei den Evangelien steht nichts über den Verfasser.

Die Überschrift „Kathamataion“ bedeutet auf Griechisch „nach Matthäus“. Solche Überschriften wurden von den Abschreibern in den Gemeinden hinzugefügt, damit man sie nicht durcheinanderbringt.

So entstanden die Überschriften der Evangelien durch Menschen, die die Schriften weitergaben. Ohne diese Überschriften würde man alles durcheinanderbringen.

Die Gemeinde in Rom schrieb um 95 einen Brief an die Gemeinde in Korinth. Dieser ist als erster Clemensbrief bekannt. Er ist die älteste christliche Schrift außerhalb des Neuen Testaments.

In diesem Brief zitiert Clemens, dessen Name Paulus irgendwo erwähnt, wahrscheinlich im Römerbrief in einer langen Liste, aus 1. Korinther, aus dem Römerbrief, aus Matthäus und aus dem Hebräerbrief.

Diese Schriften waren ihm also bereits bekannt. Man könnte sagen, der Geist Gottes hat ihn daran erinnert. Das heißt, mindestens diese Schriften waren in der Gemeinde Rom vorhanden, vielleicht sogar eine Sammlung aller Paulusbriefe und der Evangelien.

Um 148 nach Christus lebte ein gewisser Justin, der als Märtyrer starb. Er war einer der nachapostolischen Väter. Bei ihm finden wir Zitate aus den Apostelschriften und den Evangelien.

Er berichtet von Versammlungen der Gläubigen, bei denen „die Urkunden der Apostel oder der Evangelien“ vorgelesen wurden. Das war zu seiner Zeit, um 150, schon üblich.

Man las sie zusammen mit den Büchern der Propheten, also dem Alten Testament. In jeder Versammlung schloss der Vorsteher nach der Vorlesung seine Ermahnungen an.

Wenige Jahrzehnte nach Vollendung der Offenbarung, also um 96, besaß zwar noch nicht jede Gemeinde jedes Buch, aber man kümmerte sich darum.

Jedes neutestamentliche Buch war durch einige der apostolischen Väter bereits bestätigt worden, die es als autorisierte Schrift zitiert haben.

Kanon und seine Bedeutung

Jetzt kommen wir zum Kanon. Kanon hat in diesem Fall nichts mit Musik zu tun, ich weiß nicht warum. Ein Kanon in der Musik, also wo man etwas immer wieder singt, warum das so genannt wurde – Kanon kommt aus dem Hebräischen und bedeutet ein Rohr oder eine Messrute. Eine Messrute ist vielleicht so lang, wie man greifen kann, oder ein Maßstab, könnte man auch sagen.

Der Prophet Ezechiel beschreibt so etwas. Ihm wird ein Stab gegeben, das ist so eine Messrute, um den Tempel abzumessen, den er gesehen hatte. In diesem Sinn wird es auch im Neuen Testament als Maßstab gebraucht, zum Beispiel in Galater 6,6.

Etwa zur Zeit des Kirchenvaters Athanasius bekam das Wort dann die Bedeutung, die wir heute kennen: eine Liste von Büchern, die göttliche Autorität besitzen. Und das ist richtig im Sinne von Maßstab. Deswegen nennt man das Kanon – es kommt also vom Maßstab. Das Wort Kanon selbst wird im Galaterbrief auch verwendet, hat dort aber nicht diese Bedeutung.

Jetzt gibt es also Listen von Büchern. Das sind nicht alle Abschriften, sondern erst einmal nur Listen, weil die Bücher überall verteilt waren. Nicht jede Gemeinde hatte jedes Buch. Aber in manchen Gemeinden waren alle Schriften oder wesentliche Schriften bekannt, und man hat sie aufgeschrieben.

Da gab es zum Beispiel den Kanon Marzions. Marcion war eine ziemlich schillernde Figur. Er war der Sohn eines Bischofs von Pontus und von Beruf Reeder, also jemand, der Schiffe herausschickt und Handel treibt. Wegen bestimmter gnostischer Ideen hat er sich mit seiner Heimatgemeinde überworfen und gründete dann eine Sekte. Er war ein glühender Antisemit und konnte viele Anhänger gewinnen, auch in Rom. Er unterstützte die Gemeinde in Rom übrigens mit einer großen Spende. Als die Gemeinde ihn ausschloss – sie waren da noch intakt –, hat sie ihm das ganze Geld zurückgezahlt, weil sie keine Spende von ihm annehmen wollten.

Was hat er gemacht? Marcion war also ein Antisemit, er konnte die Juden nicht leiden. Das war damals schon so, natürlich, die Juden waren ja zerstreut. Er wollte die urchristlichen Schriften vom jüdischen Geist reinigen. Das war seine Absicht. Deshalb stellte er eine Sammlung von Schriften für seine Anhänger zusammen. Diese bestand aus dem Lukasevangelium – Lukas war ja kein Jude, das ist übrigens hochinteressant –, und zwar dem umfangreichsten Teil des Neuen Testaments, das Lukas geschrieben hat. Dass ein Nichtjude überhaupt den größten Teil des Neuen Testaments schrieb und dass das von Anfang an anerkannt wurde, ist also ganz erstaunlich.

Marcion akzeptierte nur das Lukas-Evangelium, allerdings verstümmelt, denn das Jüdische wurde herausgenommen, einfach weggelassen. Er stellte also erst einmal die Liste zusammen und fügte zehn Paulusbriefe hinzu – also keine jüdischen Briefe oder Schriften. Nun hatte er einen Kanon, eine Liste, und behauptete, das seien die inspirierten Bücher.

Er war ein Irrlehrer, aber in gewisser Weise hat er der Gemeinde einen Dienst getan. Denn nun mussten die Gemeinden festlegen: Was sind denn nun die Schriften, die wirklich inspiriert sind, die wirklich zum Kanon gehören? Sie mussten solche Listen zusammenstellen. Es ging gar nicht anders. Sonst hätte Marcion vielleicht gewonnen.

Es gab also heftige Reaktionen, und alle Christen mussten wissen, auf welche Bücher sie sich wirklich verlassen konnten. Dass Marcion bestimmte Bücher verwarf, heißt mit anderen Worten: 140 nach Christus, also noch recht dicht am Neuen Testament, waren diese Bücher bekannt – die anderen Evangelien waren also schon verbreitet. Für seine Truppe schnitt er sie einfach ab. Das heißt, indirekt sehen wir, dass die Schriften doch verbreitet waren.

Hier muss man ein bisschen nachdenken und mitdenken, entschuldigt, aber es ist so. Schon geraume Zeit vor 140 waren im ganzen Umkreis der damaligen Gemeinden auf jeden Fall die Sammlung der vier Evangelien und die dreizehn Paulusbriefe bekannt, neben den Schriften des Alten Testaments und mehreren anderen Schriften. Aber nicht in allen Gemeinden waren Offenbarung, Apostelgeschichte, in einigen Teilen der Kirche auch der Hebräerbrief, der erste Petrusbrief, Jakobus und die Briefe des Johannes bekannt. Vielleicht sogar die Apostellehre, die Didache, die ich vorhin erwähnt habe – eine Art Taufbelehrung.

Gehen wir weiter. Ach so, ich habe vergessen, euch das zu zeigen. Marcion veranlasste die Verantwortlichen, öffentlich deutlich zu machen, auf welche Bücher sich die Christen berufen konnten. Es kommt der Kanon Muratori ungefähr vierzig Jahre später. Das ist ein Beispiel für eine Liste der anerkannten Bücher, die um das Jahr 180 zusammengestellt wurde von einem Verfasser, den wir nicht kennen, aus der römischen Gemeinde. Er erstellte ein Verzeichnis der neutestamentlichen Schriften in lateinischer Sprache.

Ein Bibliothekar entdeckte diese Liste sehr viel später, nämlich 1740, in der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand. Sie wurde vom Bibliothekar L. A. Muratori veröffentlicht. Deshalb heißt diese Liste Kanon Muratori.

Die Liste beginnt mit Bemerkungen über das Markus-Evangelium. Da hat jemand noch ein bisschen etwas dazu geschrieben, nicht nur, dass es das Evangelium war. Markus-Evangelium wird genannt, und Lukas als drittes Evangelium. Was war also das erste? Logischerweise Matthäus. Diese Liste ist allerdings nicht ganz vollständig erhalten.

Auf Johannes folgen Apostelgeschichte und die dreizehn Paulusbriefe. Dieser Kanon enthält aber auch Schriften, die man ablehnt, zum Beispiel einen Brief an die Laodizäer. Der steht in der Liste auch noch drin. Sie ist also umfangreicher als das heutige Neue Testament und enthält auch solche Schriften, die auf den Namen des Paulus gefälscht sind. Die Kirche hat diese damals nicht akzeptiert. Einzelne vielleicht schon, aber man hat sie nicht als heilige Schrift anerkannt.

In dem Sinne hat jemand einmal geschrieben, ich glaube, ich habe es hier aufgeschrieben: Denn Galle mit Honig zu mischen geht nicht an. Man kann nicht, was nicht göttlich inspiriert ist, als Heilige Schrift anerkennen. Das gilt bis heute.

Ein Zitat habe ich mir hier noch notiert: „Ferner werden die Briefe des Judas und zwei der oben erwähnten Johannesbriefe in der katholischen Kirche gehalten, ebenso die Weisheit, die von Freunden Salomos zu dessen Ehre geschrieben ist. Auch von Offenbarungen nehmen wir nur die des Johannes und des Petrus an, welche letztere einige von uns nicht in der Kirche verlesen wissen wollen.“ Das ist ein ganz altes Zitat, das deutlich macht: In der Gemeinde öffentlich vorgelesen zu werden, meint dann doch schon eine heilige Schrift, und bei manchen wollten sie das nicht mehr.

Im Kanon Muratori ist auch der Hirte Hermas enthalten. Der Hermas ist eine komische Geschichte. Er war ein Bruder des Bischofs Pius von Rom. Diese Schrift wird klar als nichtapostolisch klassifiziert. Sie darf gelesen werden, gehört aber nicht zu den apostolischen Schriften. Wenn du so einen Bruder hast, der etwas geschrieben hat, lässt man das in der eigenen Gemeinde doch laufen. Aber es hat sich nicht durchgesetzt.

Es fehlen in dieser Liste der Hebräerbrief, die beiden Petrusbriefe und der Jakobusbrief. Auf die Frage, welcher Brief gemeint sein könnte, denken die meisten an den Epheserbrief. Paulus hat für Kolossä einen Extrabrief geschrieben und wusste, dass der Epheserbrief herumläuft. Es könnte also dieser gewesen sein, vermuten die meisten Ausleger.

Gut, dass du fragst. Die Liste ist erst Jahrhunderte später gefunden worden. Irgendjemand hat sie einfach mal aus welchem Grund auch immer geschrieben. Wer das war und wie autorisiert er war, wissen wir nicht. Wir haben nur diese Liste und müssen uns Gedanken darüber machen. Mehr gibt es nicht.

Zu dieser Zeit war also offensichtlich noch nicht alles ganz klar, etwa um 180 nach Christus. Nun kommt der Kanon des Athanasius. Damit wird der Schwebezustand beendet. Jede Gemeinde hatte die Freiheit, auch andere Schriften zu lesen, aber sie wollten natürlich zuerst die apostolischen Schriften lesen. Sie kümmerten sich darum, diese zu bekommen. Je nachdem, wie groß die Gemeinde war und wie gute Beziehungen man zu anderen hatte – das ist heute auch nicht anders –, hatte man Zugang zu bestimmten Gemeinden, zu anderen weniger.

Mit dem Brief des Athanasius, dem neununddreißigsten Osterbrief des Bischofs von Alexandrien, endet diese Zeit. Alexandrien in Ägypten war damals ein Zentrum vieler blühender Gemeinden in Nordafrika. Leider sind diese später durch muslimische Aktionen zerstört worden. Noch war es nicht so weit, um 600 begann das erst mit Mohammed. Diese kriegerischen Aktionen breiteten sich damals aus, in der ersten Zeit jedenfalls. Es gab sehr viele Kriege, sogar mehr als bei den sogenannten Kreuzzügen. Aber das ist eine andere Geschichte, die man nicht so sehr thematisiert.

Mit diesem Brief endet die Zeit des Schwebezustands. Athanasius schreibt: „Dies sind die Quellen des Heils, gebt nicht zu, dass irgendjemand von ihnen etwas wegnehme oder hinzufüge.“ Das ist die älteste Liste. Sie umfasst auch das Alte Testament. Bis auf zwei Abweichungen ist alles klar. Es gab noch ein paar Zusätze, wie das Buch Baruch und den Brief des Jeremia, die in manchen apokryphen Schriften enthalten sind. Katholische Bibeln haben diese oft mit drin. Das Buch Esther wurde allerdings weggelassen – könnt ihr euch denken, warum? Weil Gott und Gebet darin nicht erwähnt werden. Später wurde es aber anerkannt, vor allem von den Juden.

Die anerkannten Schriften wurden viel gelesen und zitiert. Zitate in den Schriften der Kirchenväter geben Aufschluss über diese Anerkennung. Überraschenderweise gehören alle Bücher, die schon im zweiten Jahrhundert gebraucht und zitiert wurden, auch unserem heutigen Neuen Testament an und machen den allergrößten Teil davon aus. Es wurde sehr schnell ein hohes Maß an Übereinstimmung unter den Gemeinden erreicht.

Die Gemeinden waren passiv und demütig. Sie fällten keine eigenwilligen Urteile über andere Bücher oder über bestimmte Bücher, bei denen sie unsicher waren, ob sie zum Kanon gehören oder nicht. Das ist auch interessant.

Wir können also sagen: Schon im zweiten Jahrhundert stand der Kanon in seinen Hauptschriften fest, obwohl die genauen Grenzen erst später fixiert wurden. Gegenüber dem allgemein anerkannten Bestand der neutestamentlichen Schriften fallen die mehr oder weniger fraglichen Bestandteile kaum ins Gewicht.

Wenn ihr noch könnt, müssen wir uns hier noch durchkämpfen. Es gab auch Schriften von vorübergehender Kanonizität. Diese wurden manchmal anerkannt, später aber nicht mehr. Dazu gehören der Hirt des Hermas, die Apokalypse des Petrus, die Lehre der zwölf Apostel, die Akten des Paulus, der Barnabasbrief sowie der erste und zweite Clemensbrief.

Verschiedene Kirchenväter haben dann in einem langwierigen Ausleseprozess verschiedene Listen aufgestellt, die sich nur an ganz wenigen Punkten unterschieden. Die des Athanasius war die erste wirklich sinnvolle Liste.

Wir können nun noch einmal zur Kanonbildung schauen. Man stellt sich oft vor, die Konzilien hätten den Kanon festgelegt. Aber nach allem, was wir wissen, war das niemals der Fall. Kein Buch wurde kanonisch, weil ein Konzil das so festgelegt hat. Die Gemeinden hatten die Bücher ja alle verwendet.

Man konnte vielleicht sagen: „Das ist keine apostolische Schrift“ oder „Das hat Fehler“. Aber man konnte nur bestätigen, was die Gemeinden bereits aufgenommen hatten. Die inspirierten Schriften besaßen von Anfang an göttliche Autorität. Die Menschen erkannten und anerkannten das.

Ein Autor schreibt: Man ist beeindruckt von der tiefen Stille, unter welcher die betrachtende Nachwelt den Kanon zustande bringt. Es ist eine Geschichte ohne Revolutionen. Das Wesentliche ist von Beginn an gegeben. Die geringfügigen Änderungen geschahen allmählich, sodass niemand sie bemerkte.

Daraus müssen wir Folgendes schließen. Mir ist das erst viel später aufgegangen, auch beim Alten Testament, darüber sprechen wir morgen. Als Mose seine Bücher schrieb, gab es fast noch keine Psalmen, keine Prophetenschriften, keine Königsbücher. Das heißt, Menschen konnten die Schrift haben und wurden von Gott nach dem beurteilt, was sie hatten, nicht nach dem, was sie nicht hatten.

Genauso war es in neutestamentlicher Zeit. Man konnte von vornherein gerettet werden, auch durch mündliche Überlieferungen, die die Apostel verbreitet hatten. Ihre Schüler kannten sie auch noch. Dann war schon einiges schriftlich, aber noch nicht alles. Man konnte durch ein Evangelium gerettet werden. Das ist also nichts Schlimmes, dass das so geschah. Aber es ist natürlich schön, wenn wir irgendwann alles haben.

Kriterien habe ich eigentlich schon vorhin genannt. Ich gehe jetzt ganz schnell durch: Die Schriften mussten Kraft und Autorität beweisen. Sie mussten historisch und dogmatisch richtig sein.

Zum Schluss noch die Bedeutung des Kanons: Es ist bemerkenswert, dass die Gemeinden davor bewahrt wurden, Schriften aufzunehmen, die abweichende Lehren enthielten. Ohne Kanon ist das ein Problem. Einen Kanon braucht man in jedem Fall.

Heilige Schriften standen von Anfang an in den Gemeinden fest, an die sie geschrieben wurden. Dann kamen die ersten kleinen Sammlungen. Aber ohne Maßstab fällt man auf jeden Irrlehrer herein. Man braucht den Maßstab.

Das war wichtig, weil alle möglichen Visionäre plötzlich auftauchen konnten. Der Kanon hat sich fast 2000 Jahre als verlässlicher Maßstab bewährt: die 27 Schriften des Neuen Testaments. Der Geist Gottes, der heute redet, ist derselbe Geist, der zu den Verfassern der Schrift gesprochen hat und auch über die Kanonbildung gewacht hat.

Er bindet unseren Glauben und unser Leben an das, was Gott ein für allemal durch Jesus Christus offenbart hat – durch den Inhalt, egal ob ich das in meinem Computer lese, in Papierform oder sonstwie. Das macht das Buch nicht heiliger. Man muss es nicht küssen, um zu verehren, was darin steht.

Letzte Sache: Wie können wir heute sicher sein, dass alle Schriften, die drin sind, wirklich von Gott inspiriert sind? Es gibt keine anderen glaubwürdigen Bücher, die Anspruch erheben, heilige Schrift zu sein, also Anspruch auf Aufnahme in den Kanon. Bis jetzt gibt es keine.

Sekten haben das gemacht. Es ist ein typisches Kennzeichen für eine Sekte, neben der Heiligen Schrift noch andere Heilige Schriften zu haben, die fast dieselbe Bedeutung beanspruchen. Zum Beispiel das Buch Mormon – nicht dasselbe, aber ähnlich. Oder die Schriften von Ellen G. White, die bei den Siebenten-Tags-Adventisten ziemlich verbreitet sind. Manche sind ganz nah am Evangelium dran, das will ich gar nicht bestreiten. Aber wenn das so hoch gehalten wird, ist etwas faul.

Zweitens: Die Menge der Belege zeigt, dass Gott den Auswahlprozess lenkte und den Gemeinden Übereinstimmung über die kanonischen Bücher schenkte. Wir sind überzeugt, dass keine notwendige kanonische Schrift fehlt.

Aus den Jahrhunderten ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein prophetisches oder apostolisches Buch als nichtkanonisch verworfen wurde. Das ist ein Satz von Gerhard Meyer, der einmal Bischof in Süddeutschland war und viele gute Bücher geschrieben hat.

Er schreibt: Wir müssen also naheliegend schließen, dass auch der Kanon durch göttliche Fügung entstand – unter vielem Ringen der Glaubenden und gelegentlich auch der Nichtglaubenden (confessione hominum) bei Verwirrung der Menschen durch providentia dei, durch göttliche Fügung.

Ich habe nur die Kurzform aufgeschrieben. Ja, das ist es. Wir dürfen davon ausgehen. Wir brauchen uns nicht zu genieren. Alles, was wir haben und erleben, prüfen wir daran, dann sind wir sicher in dem Kanon, der uns geschenkt ist.

Danke, dass ihr so viel Geduld mit mir hattet. Es war eine harte Sache, aber ihr wolltet es ja haben, da seid ihr selber schuld.

Okay, bitte.

Ja, es war praktisch nicht so, dass eine übergeordnete Kirche zu einem Zeitpunkt festlegte, welche Bücher zum Wort Gottes gehören oder nicht. Im Brief des Athanasius, dem Osterbrief, in dem der erste Kanon enthalten ist, gab es schon Konzilien, die sich darüber unterhielten und die das bestätigten – zunächst in Nordafrika und dann immer weiter.

Sie sagten praktisch: „Okay, die Anerkennung hat sich ausgebreitet.“ Irgendwann muss es ja einen Zeitpunkt geben, an dem man nicht mehr sagt, der Kanon hat sich nur gebildet, sondern man muss sagen: „Der ist ja eindeutig da und da.“ Das war danach, nicht gleichzeitig. Man konnte sich ein paar Jahre Zeit lassen. Aber dann haben nacheinander alle führenden Christen das bestätigt: Ja, das ist es.

So hat sich diese Anerkennung ausgebreitet. Beim Neuen Testament gibt es eigentlich keine Fragen.

Gut, hier will ich erst einmal schließen und übergebe wieder.

Ich darf noch auf den Büchertisch hinweisen. Auf dem rechten Büchertisch, also am anderen Fenster, sind alle Schriften, die ihr mitnehmen könnt, kostenfrei. Es sind Bibelbundschriften, zum Beispiel die Zeitschrift „Bibel und Gemeinde“. Dort sind wichtige Themen drin, die wir auch einigermaßen gründlich besprochen haben: „Der Vater der Lüge am Werk“, „Wollte Gott die Opfer für sich?“, „Ein Volk ist begeistert von der Bibel“ – solche Aufsätze.

„Bibel und Gemeinde“ ist gründlicher als eine normale christliche Zeitschrift. Das kann ich empfehlen. Eine Zeit lang war ich Schriftleiter, jetzt habe ich meinen Nachfolger, bin froh darüber, ich mache aber immer noch ein bisschen mit. Ich arbeite auch bei „Wort und Wissen“ mit, habe auch eine Zeitschrift. Manche Bücher sind vom Bibelbund, wo ich meistens mitgearbeitet habe, manche von „Wort und Wissen“, wo ich nur lesen kann, und der Rest ist von mir.

So könnt ihr euch orientieren. Auf dem linken Tisch steht immerhin der Preis drauf. Es wäre gut, wenn ihr das Geld in die Plastikbüchse legt. Danke.

Ja, ich weiß nicht, wie es euch im Vortrag ging. Ich hatte so einen Gedanken: Was für ein Vorrecht, so eine Bibel in der Hand halten zu können – von der ersten bis zur letzten Seite vollständig geschrieben. Es ist objektive Wahrheit, ein Licht auf unserem Weg, ein Licht auf deinem Weg, wenn du es benutzt.

Ich habe auch daran gedacht, wie viele Menschen ihr Leben dafür gelassen haben oder lassen mussten, nur weil sie eine Bibel besitzen. Davon gibt es Überlieferungen.

Mir ist auch eingefallen, als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal zum Jolt gefahren bin, in ein Gebiet in Rumänien, wo es verboten war, eine Bibel zu besitzen, weil die katholischen Priester das so verfügt hatten. Umso mehr ist es ein Vorrecht, dass wir hier wirklich in Freiheit eine Bibel in Händen halten dürfen. Jeder hat Zugang dazu, kann sie kaufen – auch am Büchertisch, wenn noch niemand ein Buch hat.

Das ist ein Grund zum Danken – auch für den ganzen Prozess, wie das entstanden ist. Dafür können wir dankbar sein und auch, dass du uns das hier so aufgezeigt hast.

Ja, ich denke, wir schließen mit Gebet. Wer es möglich ist, kann bitte dazu aufstehen.

Schlussgebet und Einladung zum nächsten Treffen

Ja, großer Gott, wir wollen dir danken, dass du uns deine Worte gegeben hast. Diese Worte sind Worte der Wahrheit. Wir haben diese objektive Quelle, diesen Maßstab für unser Leben, Herr.

Dieser Maßstab ist wirklich bindend und verlässlich. Danke, dass wir darin dich erkennen dürfen, aber in deinem Licht eben auch uns Menschen.

Wir wollen dir danken, Herr, dass du über dieses Buch gewacht hast – über die Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie es einfach zustande gekommen ist. Wir danken dir für das Vorrecht, dass wir hier in Deutschland, hier im Westen, die Bibel in ihrer Vollkommenheit in Händen halten dürfen.

Herr, wir bitten dich, dass wir nicht nur darüber staunen, sondern das Wort auch wirklich täglich lesen. So wie du, Herr Jesus, es im Johannes 17 gebetet hast, möchtest du uns durch dein Wort heiligen. Dein Wort ist die Wahrheit. Dafür wollen wir dir danken und dich anbeten. Amen!

Ich lade ganz herzlich auch für morgen ein, um 16:00 Uhr, wieder hier vor Ort oder auf unserem YouTube-Kanal.

Bevor wir jetzt schließen, singen wir noch gemeinsam ein Lied: „So sind deine Worte“. Ich freue mich, wenn wir uns morgen um 16 Uhr wiedersehen.

So sind deine Worte: jedes Lebens Worte zu mir, wie ein Hammer, der zerschlägt, wie ein Schwert, das trifft und in die Tiefe meiner Seele dringt. Wie ein Zuspruch, der mich trägt, eine Stimme, die mich führt.

Medizin wie Haar für meides Leben, Worte, du zu mir wie ein Hauch aus deiner Welt, sodass meinen Hunger stillt und wie Wasser, das sie trocknet. Wie ein Versprechen, das man hält, das für alle Zeiten gilt und das Milchchen, was gehört zu mir.

Danke!

© 2024 by Karl-Heinz Vanheiden (Textstand 2024.08);

Hier kannst du den aktuellsten Textstand der NeÜ-Bibel in der Übersetzung von Karl-Heinz Vanheiden lesen.