Einleitung und Thema der Predigt
Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen!
Wir haben in der Passionszeit über die Gegenstände der Passion gesprochen und schließen die Reihe heute damit ab, dass wir vom Rock des Herrn Jesus reden.
In Johannes 19 heißt es: „Da sprachen die Kriegsknechte untereinander.“ Die Kriegsknechte, die Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, einem jeden Kriegsknecht einen Teil. Dazu gehörte auch der Rock, von dem wir sprechen wollen.
Der Rock aber war ungenäht, von oben an gewirkt, durch und durch. Da sprachen sie untereinander: „Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wessen er sein soll.“ Auf dass erfüllt werde die Schrift, die da sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über den Rock haben sie das Los geworfen.“
Verheilige uns in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit. Amen.
Persönliche Begegnung und Gedanken zur Bedeutung des Kreuzestodes
Als ich gestern meine Predigt vorbereitete, klingelte es an der Haustür. In meiner so großen Familie war sie inzwischen so zusammengeschrumpft, dass ich ganz allein war. Als ich die Tür öffnete, stand einer meiner Freunde davor, der regelmäßig zum Gottesdienst kommt. Ich merkte sofort, dass er vor Empörung förmlich zitterte.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte er. „Das habe ich eben da vorne im Laden gekauft. Ist das nicht laut? Hä, das ist richtig gut.“ Damit legte er mir eine illustrierte Zeitschrift auf den Tisch.
In dieser Zeitschrift wurde viel über das Turiner Grabtuch Jesu geschrieben. Es war voll von allerlei Unsinn. Außerdem ging es um den Papst und andere Themen, von denen ich kaum etwas verstand. Der Witz war, dass auf 48 Seiten nachgewiesen wurde, dass der Herr Jesus gar nicht tot war, als er vom Kreuz genommen wurde.
Ach, mein lieber Heiland, dachte ich, bisher haben die Leute immer nur deine Auferstehung angezweifelt, jetzt bestreiten sie sogar dein Sterben für uns. Dabei musste ich doch ein bisschen lachen. Ich will ehrlich sein: Ich hielt sie für Narren.
Es ist doch keine Frage, dass Jesus am Kreuz starb und rief: „Es ist vollbracht.“ Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht nicht darum, ob Jesus am Kreuz gestorben ist, sondern darum, ob dieser Kreuzestod Jesu unser Leben verändern kann. Uns das verspricht die Bibel. Sie sagt, dass wir durch seinen Tod errettet werden.
Ob dieser Kreuzestod Jesu für uns gilt, fällt mir immer mein Gendarm in Bayern ein.
Die Bedeutung des Kreuzestodes für den Einzelnen
Meine alten Freunde mögen verzeihen, wenn sie die Geschichte schon öfter gehört haben. Also: Der Gendarm in Bayern bekam während der Hitlerzeit den Auftrag, ein BK-Lager, das wir im Fichtelgebirge in Totenstille aufgezogen hatten, aufzulösen.
Es kam allerdings nie zu der Auflösung dieses Lagers, weil der Geist Gottes diesen bayerischen Gendarmen gerührt hatte. Mir ist unvergesslich, wie er mir nur ganz flüchtig diesen Bescheid gab, dass das Lager aufgelöst sei. Dann sagte er: „Ich muss mit Ihnen sprechen, Herr Pfarrer.“
Und dann kam es heraus: „Sehen Sie, ich bin Katholik, aber ich habe neulich an einer evangelischen Beerdigung teilgenommen. Da haben sie ein Lied gesungen, ein Lied, bei dem nach jedem Vers gesungen wurde: ‚Herr, lass deine Todespein an mir nicht verloren sein.‘ Das lässt mich nicht mehr los. Was soll ich tun? Herr, lass deine Todespein an mir nicht verloren sein!“
Darum geht es nicht, ob die Todesfeind da war, sondern ob sie nicht vielleicht an mir verloren sein könnte. Darum geht es. Und das ist die rechte Karfreitagsbitte: Herr, lass deine Todespein an mir nicht verloren sein!
Die Haltung der Kriegsknechte und ihre Bedeutung für uns
Wer möchte denn so stumm sein wie die Christknechte hier in unserem Text? Sie sitzen nun am Kreuz Jesu und kapieren überhaupt nichts von dem Großen, was dort geschieht. Stattdessen streiten sie sich bloß um ein paar Klamotten, um ein paar getragene Kleider. Stumpfsinniger geht es ja kaum, oder?
Aber dann muss ich Ihnen etwas Merkwürdiges sagen: Sehen Sie, obwohl es nichts Stumpfsinnigeres geben kann – und der Stumpfsinn eine weit verbreitete Krankheit ist – hat er sogar ein Lied, in dem es heißt, es sei ihr Vergnügen. Ich glaube ihm das als Wort, wenn ich es am Tage sehe.
Aber, liebe Freunde, trotzdem möchte ich gerade von diesen stumpfsinnigen Christknechten lernen. So paradox das auch klingen mag: Ich möchte von ihnen lernen, was es heißt: „Herr, lass deine Todespeine an mir nicht verloren sein.“ Ich möchte von diesen stumpfsinnigen Christknechten lernen, was es heißt, richtig Karfreitag zu begehen.
Dabei geht es also den Christknechten und mir um den Rock Jesu. Von dem wollten wir ja sprechen.
Der Rock Jesu: Drei zentrale Gedanken
Wir schreiben als Überschrift über die Predigt und den Text: Es geht um den Rock des Herrn Jesus.
Es geht um den Rock des Herrn Jesus. Dazu habe ich, wie üblich, drei Dinge zu sagen. Erstens: Den Rock möchte ich auch haben.
1. Den Rock möchte ich auch haben
Gehen Sie mit mir nach Golgatha, dort sitzen diese Männer unter dem blutigen Kreuz. Sie kümmern sich um nichts anderes, sie verteilen die Hinterlassenschaft des Herrn Jesus. Es war üblich, dass diese Dinge den Soldaten zufielen. Ein paar Kleinigkeiten haben sie schon verteilt, etwa die Sandalen. Ich nehme an, die werden sie heute auch zusammengelassen haben, nicht wahr? So wenig Unterwäsche. Und nun kommt der Rock.
Bei diesem Rock Jesu handelt es sich nicht, wie man leicht denken könnte, um ein Meisterwerk der deutschen Schneiderkunst. Kein Rock mit Ärmeln, Revers, Knöpfen und Taschen, wie wir es kennen. Es ist vielmehr ein Rock im Morgenland. Dieser Rock Jesu war einfach ein großes, sehr schönes Tuch, das malerisch um den Leib geschlungen wurde, so dass der Sippel über die Schulter fiel.
Nun sagen Sie vielleicht: „Oh, der ist schön, dieser Rock. Den wollen wir nicht zerteilen, lasst uns darum würfeln.“ Und nun klappern die Würfel. Sie kümmern sich um nichts anderes. Jeder ist nur begierig darauf, den Rock zu bekommen.
Vielleicht denken Sie: Lasst den Pilatus, diesen römischen Statthalter, unseren hohen Vorgesetzten, sich politische Gedanken machen, was mit diesem Jesus los ist, ob er wirklich der König Israels ist. Lass ihn, das geht uns nichts an. Und lasst die hohen Priester und Ältesten ruhig theologisieren, was Gottes Sohnschaft bedeutet, die dieser Delinquent da oben von sich behauptet hat. Uns interessiert das nicht. Und lasst das blöde Volk seine Abneigung gegen diesen Jesus blöken, stundenlang rufen sie „Kreuzige ihn!“. Uns geht das nicht an, interessiert uns nicht. Den Rock wollen wir gern haben.
Und dann muss ich sagen: Das ist genau die Haltung aller heilsverlangenden Herzen unter Jesu Kreuz. Sie sagen: Lasst Theologen theologische Probleme erörtern, lasst die Politiker überlegen, wie sie Christen politisch einsetzen können, mehr oder weniger erfolgreich. Wir wollen den Rock, den Rock, den der Herr Jesus hinterlässt.
Ich freue mich zu denken, dass heute Morgen viele heilsverlangende Herzen unter Jesu Kreuz stehen und sagen: Herr Jesus, deinen Rock wollen wir erben, den du hinterlässt.
Ich nehme an, dass die Besucher meines Gottesdienstes kluge Leute sind. Sie haben natürlich längst gemerkt, dass ich jetzt nicht von dem Rock aus Wolle rede. Ich sage: Ich möchte heute gern den Rock Jesu haben.
Sehen Sie, die Bibel fordert uns heraus. Sie müssen schon so ein bisschen den vierten Gang im Kopf schalten. Die Bibel treibt ein seltsames und geheimnisvolles Spiel mit den Worten Gewand, Rock und Kleid. Ich will Ihnen das mal ein wenig zeigen.
Da steht zum Beispiel im Propheten Jesaja ein Gebet. Das Gebet heißt: „Herr, nun sind wir alle vor dir wie die Unreinen, und unsere Gerechtigkeit vor dir ist wie ein unflätiges Kleid.“ Da ist beides drin: sowohl ein zerrissenes Kleid als auch ein beschmutztes Kleid. Da ist vom Rock die Rede.
Oder der Herr Jesus hat im Neuen Testament einmal eine Geschichte erzählt, ein Gleichnis. Da sagt er: „Das Himmelreich ist gleich einem königlichen Gastmahl, zu dem der König viele einlädt. Und jeder, der kommt, bekommt auch noch das Festgewand geschenkt.“ Da haben Sie das Kleid wieder.
Als der Saal gefüllt ist, geht der König durch den Saal. Da sitzt einer, der gesagt hat: „Ich brauche das Festgewand des Königs nicht, mein Anzug ist gut genug.“ Und er sitzt dort trotzig und frech in seinem eigenen Gewand. Plötzlich wird es still, als der König zu ihm sagt, so erzählt Jesus: „Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein Hochzeitskleid an?“ Dann wird er hinausgeworfen „in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern sein wird“, sagt Jesus. Da spielt das Gewand wieder eine Rolle.
Ich habe nur drei Stellen ausgewählt, an denen die Worte aus der Offenbarung vorkommen. Dort redet der erhöhte Herr zu einer Gemeinde in Laodizea: „Du meinst, du seist reich und groß und weiß nicht, dass du elend, jämmerlich, blind und bloß bist. Ich rate dir, weiße Kleider von mir zu kaufen.“ Wieder Kleider, weiße Kleider von mir zu kaufen, „damit die Schande deiner Blöße nicht offenbar wird.“
Und jetzt geht es darum, ob Sie diese biblische Bildersprache von den Kleidern verstehen. Wenn Sie sie nicht verstehen, kann ich Ihnen nicht helfen. Dann kann ich Ihnen morgen auch nicht helfen.
Es werden Leute hier sein, die so fern vom Reich Gottes sind, dass sie es gar nicht mehr verstehen und sagen: „Der Pastor soll doch unsere Sprache reden.“ Ich habe nur den Auftrag, die göttliche Botschaft zu sagen und nicht die Dinge der Welt hier zu verwässern.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Sprache verstehen, was mit den Kleidern hier gemeint ist. Wenn Sie es verstehen, dann kommen Sie auch mit unter Jesu Kreuz und sagen: Herr Jesus, du, der da oben nackt und bloß hängst, du hinterlässt allen, die zu dir kommen und an dich glauben, den Rock deiner Gerechtigkeit vor Gott.
Du hinterlässt allen, die zu dir kommen und an dich glauben, das hochzeitliche Kleid, und das möchte ich gern haben, Herr Jesus. Darum geht es an diesem Karfreitag.
Herr Jesus, wie die Soldaten unter allen Umständen nur diesen Rock aus seinem Erbe haben wollten, so möchte ich von dir erben das Kleid der Gerechtigkeit vor Gott, das du aus Gnade hinterlässt und denen schenkst, die zu dir kommen.
Herr Jesus, ich möchte den Rock deiner Gerechtigkeit haben, mit dem ich vor dem schrecklichen Gott bestehen kann. Haben Sie vor Gott schon Angst gehabt? Herr Jesus, nur in diesem Rock kann ich vor Gott bestehen. Ich will ihn haben.
Ich möchte den Rock der Gerechtigkeit haben, mit dem ich vor den Engeln prangen kann, mit dem ich getrost durch dieses armselige Leben gehen kann, mit dem ich unangefochten durch die Tür des Todes und durch das heilige Gericht am Jüngsten Tag gehe.
Herr Jesus! Christi Blut und Gerechtigkeit, das sei mein Schmuck und Ehrenkleid. Ich möchte den Rock Jesu haben, und damit lege ich mich unter Jesu Nächte. Ich weiß, dass viele von Ihnen genauso denken.
Das ist das Erste, was ich sagen wollte: Es geht um den Rock Jesu. Ich möchte den Rock haben, und alle heilsverlangenden Herzen ebenso.
Und nun zum Zweiten: Der Rock Jesu wird nicht geteilt. Der Rock Jesu wird nicht geteilt.
2. Der Rock Jesu wird nicht geteilt
Das ist das Zweite, was ich Ihnen sagen möchte. Gehen wir doch mal nach Kolger da. Dort sitzen diese armen Landsknechte und würfeln gierig. Jeder will einen Rock haben.
Weil ich ein bisschen Fantasie habe, kann ich mir vorstellen, wie so ein reicher Ratsherr, tipptopp in Schale, da vorübergeht. Er sieht, wie die Kerle auf dem Rock Jesu aussehen, und lächelt heimlich. Dabei denkt er: "Na, das habe ich nicht nötig. Ich kann mir mein Gewand Gott sei Dank immer noch selber verschaffen."
Meine Freunde, das ist nun genau die geistliche Situation, wie sie immer ist. Unter Jesu Kreuz sind jetzt – ich rede hier nur mit der Sprache – die verlorenen, verdammten Sünder versammelt. Die unruhigen Gewissen, die Menschen, die gern selig werden wollen, aber nicht wissen, wie sie es machen sollen. Diejenigen, die um ihre Verlorenheit wissen. All die armen Sünder sind unter Jesu Kreuz versammelt und sagen: Herr, nun sind wir vor dir alle wie die Unreinen, und unsere Gerechtigkeit ist eine Unflätigkeit. Wir möchten gern den Rock deiner Gerechtigkeit erben, Herr Jesus. Einfach aus Gnaden – schenke ihn uns, hinterlasse ihn uns, wir möchten ihn gern haben.
Und da gehen die Reichen im Geiste vorbei, lächeln heimlich und sagen: "Na, Gott sei Dank, das haben wir also nicht nötig. Gnade? Wir sind doch keine Verbrecher. Unser Rock, unsere eigene Gerechtigkeit ist gut, wir sind recht. Wir haben den Ratsspruch, wie heißt er? 'Ich tue recht, unscheuert niemand.'"
Diese Eigenrechtlichkeit sagt: Wir brauchen diesen Jesus nicht. Wir glauben an Herrgott, aber diesen Jesus brauchen wir nicht, sein Blut und sein Kreuz zweimal nicht. Was ist dieses ganze arme Sünderwesen überhaupt für eine armselige Knechtsreligion?
Ja, so sagen die Reichen im Geiste. Ja, da gehen sie hin, die Reichen im Geiste. Sie sitzen auch hier, und man muss sie gehen lassen, denn sie ahnen ja nicht, dass sie so oder so einmal auf den lebendigen Gott prallen werden. Und dass er zu ihnen sagen wird: "Freund, wie bist du hereingekommen und hast kein Hochzeitskleid an? Deine eigene Gerechtigkeit ist kein Hochzeitskleid, werfe sie hinaus."
Aber nun darf ich diesen Reichen im Geiste, die in Essen zahlreich ansässig sind, doch nicht ganz Unrecht tun. Schließlich sind wir ja alle christlich, nicht? Wir leben ja doch im Westen, sind wir nicht alle christlich? Das heißt, jeder möchte wenigstens bei aller eigenen Gerechtigkeit ein Fettchen von dem Rock der Gerechtigkeit Jesu haben. Ein bisschen von Jesus, ein kleines Stückchen – man schneidet einen Zippel ab.
Ich denke zum Beispiel an jenen Mann, der sehr stolz in seiner eigenen Gerechtigkeit lebt, aber völlig inkonsequent jedes Jahr einmal zum Abendmahl geht und Vergebung der Sünden hört. Völlig inkonsequent, nicht? Durchaus verständlich. Man geht in dem Rock seiner eigenen Gerechtigkeit stolz daher, nimmt für alle Fälle noch so ein Zipfelchen vom Rock der Gerechtigkeit Jesu Christi für Verleben und Sterben.
Nun möchte ich Ihnen heute sagen: Das geht nicht. Jesu Rock bleibt ungeteilt. Ich nehme ihn ganz, unbedingt in die Gerechtigkeit Jesu gekleidet oder ich verzichte ganz und versuche es mit meiner eigenen Rechtlichkeit vor Gott. Jesu Rock bleibt ungeteilt.
Bitte sehen Sie die Christknechte an, sehen wir sie noch einmal an. Da sitzen wir unter dem blutigen Kreuz, und einer hält den Rock hoch – schöne Stücke. Da zieht einer Messer oder sein Schwert, ich weiß nicht, was die Christknechte alles für ihre Sachen an sich tragen. Und da sagt einer: "Was soll's denn machen? Ja, wir sind vier Mann, vier Teile."
Es reicht wenigstens eine Bluse für eine Frau, nicht so ein Viertel davon. Da fahren sie auf, die anderen, und sagen: "Halt, lass uns den nicht zerteilen, lass uns den nicht zerteilen! Der Rock wird nicht zerteilt."
Meine Freunde, nun, warum haben die Christknechte den Rock nicht zerteilt? Aus Nützlichkeitssinn? Oh nein. Das geht zurück auf das geheime Hauptquartier, das hinter dem Leiden Jesu steht. Sie erinnern sich an die Sprache vom letzten Sonntag: Lebendiger Gott, der darüber wacht, dass die ganze Passion Jesu so abrollt, wie es im Alten Testament Zug um Zug und Wort für Wort vorausgesagt ist.
Und das steht im Alten Testament in Psalm 22: "Meine Kleider haben sie verzeilt, um den Rock aber als Ganzes das Los geworfen." So stand es im Alten Bund, und so geschieht es. So wollte es Gott. Der Rock bleibt ungeteilt.
Und dann haben wir überhaupt nicht verstanden: Der Rock Jesu unterm Kreuz ist ein Bild der Gerechtigkeit, die Jesus Sündern schenkt. Und da werden wir auch auf das ganz Wichtigste hingewiesen: Der Rock Jesu bleibt ungeteilt. Nicht ein Fetzchen kannst du davon kriegen, sonst kannst du das gar nicht.
Das bedeutet nun das vielleicht Wichtigste, was ich Ihnen heute Morgen sagen muss. Und wenn ich drei Leute damit beunruhige, wäre ich außerordentlich glücklich.
Entweder leugnen sie vor Gott, dass sie Sünder sind, verschließen ihre Augen vor ihrem verlorenen Zustand, nehmen Scheuklappen, um das Gericht Gottes, dem sie entgegengehen, nicht zu sehen. Sie bleiben ihren eigenen Augen gerecht, dann brauchen sie Jesu Kreuz nicht. Und dann müssen sie sehen, wie sie mit Gott einmal fertig werden.
Oder aber sie geben dem Urteil Gottes über sie unter Wahrheit die Ehre. Sie werfen die Fetzen ihres unflätigen Leides, ihre eigene Gerechtigkeit von sich in Buße und Trauer. Das habe ich in meinem Leben gemacht. Und sie nehmen im Glauben den Rock der Gerechtigkeit Jesu ganz und völlig an.
Dann heißt es: Nichts habe ich zu bringen, alles, Herr, bist du. Man ist in der eigenen Gerechtigkeit ohnmächtig. Oh, der Gekleidete in Jesu Christi Gerechtigkeit, dann ist man in seinen Augen nur ein armer Bettler.
Aber Jesu Rock bleibt ungeteilt und Jesu Gerechtigkeit auch. Oh, ich wünschte, wir begriffen das, wie groß und herrlich das ist, dass der Herr Jesus sagt: "Komm, du kriegst meine Gerechtigkeit, komm!" Aber er muss seine eigene ganz und gar wegwerfen, ganz und gar wegwerfen.
Darum können das Evangelium eigentlich nur Leute verstehen, die anfangen, an sich selber zu verzweifeln. Wer sich noch dem naiven Optimismus gegenübersteht, der kann auch schwer etwas kapieren von der Sache.
3. Der Rock Jesu ist makellos
Lassen Sie mich noch ein drittes sagen: Es geht um den Rock Jesu, den Rock seiner Gerechtigkeit, den ich haben will. Dieser Rock bleibt ungeteilt.
Und das dritte: Er ist ein makelloser Rock, ein makelloser Rock. Es steht hier in unserem Text: Der Rock war ungenäht. Also kann er schon gar nicht der Trägerrock sein, denn der ist genäht. Der Rock aber war ungenäht, von oben angewirkt, durch und durch.
Ich verstehe das nicht. Sehen Sie, das ist auch so ein Mangel an meiner Bildung, dass ich von Textilien einfach nicht viel verstehe. Ich bin dankbar, dass ich Freunde habe, die mehr davon verstehen. Aber so viel habe ich doch aus der Sache begriffen, dass das ein makelloser, wunderbarer Rock war.
Ich weiß nicht, wie mein armer Heiland an diesen schönen Rock geraten ist, wie er ihn geschenkt hat, das weiß ich nicht. Aber es war jedenfalls ein Rock, nach dem es sich lohnte, auszustrecken, wie wir an den Kriegsknechten sehen.
Und da wir nun gelernt haben, dass der Rock Jesu aus Wolle ein Sinnbild für die Gerechtigkeit vor Gott ist, die Jesus schenkt, heißt das: Wer im Glauben Jesus an sein Kreuz annimmt, wer ihm gehört und in seine Gerechtigkeit gekleidet ist, der hat eine wundervolle Gerechtigkeit, mit der er in die Tonne des jüngsten Gerichts gehen kann.
Sehen Sie, es ist nirgendwo großartiger ausgesprochen als im Heidelberger Katechismus, diesem reformierten Katechismus. Da heißt es: Wie wirst du gerecht vor Gott? Antwort: Allein durch den Glauben an Jesus Christus.
Und nun kommt es: Ob mich schon mein Gewissen anklagt, ja, dass ich wieder alle Gebote Gottes schwer gesündigt und auch noch immer allem Bösen zugeneigt bin, doch Gott aus lauter Gnaden mir die vollkommene Gerechtigkeit Jesu Christi schenkt und zurechnet, als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt, wenn ich allein solche Wohltat mit gläubigem Herzen annehme.
Mein Vorgänger, der Pastor Weigler, hat diese Frage des Heidelberger Katechismus auf Postkarten drucken lassen und seinen Jungs geschenkt und verbreitet. Das war im Evangelium.
Gott schenkt mir aus Gnaden die Gerechtigkeit Jesu, dass ich darin gekleidet dastehe, nicht ein Fleck auf meinem Gewand, als hätte ich nie eine Sünde getan, wenn ich diese Wohltat mit gläubigem Herzen annehme.
Schlusswort und Appell
Nun muss ich zum Schluss noch ein Wort sagen. Meine Freunde, ich habe in den letzten 35 Jahren in Essen immer dieselbe Predigt gehalten: Wie bekomme ich Frieden mit Gott? Wie werde ich sündengerecht vor Gott?
In all diesen 35 Jahren gab es keine Woche, in der man mir nicht versichert hätte, dass diese Frage den modernen Menschen wirklich nicht interessiert. Ihn interessieren keine ethischen Fragen des täglichen Lebens, wie zum Beispiel: Wie stehe ich zu meiner Großmutter? Was sollen wir von Sputnik halten? Nein, darüber soll ich doch nur predigen.
Der moderne Mensch interessiert sich nun einmal nicht mehr für die Frage, wie er Frieden mit Gott bekommt. Und wenn Sie das die ganze Zeit gedacht haben, dann möchte ich Ihnen sagen: Das höre ich seit fünfunddreißig Jahren.
Meine Freunde, es ist schlimm – nicht schlimm für Jesus und nicht für die Kirche, sondern schlimm für den modernen Menschen. Wenn der Trinkende sich nicht für Rettungsboote interessiert, ist das nicht schlimm für die Rettungsboote, sondern für den Trinkenden. Und wenn der Lungenkranke sich nicht mehr für Luftkurorte interessiert, ist das nicht schlimm für die Luftkurorte, sondern für den Lungenkranken.
Und wenn der Mensch der Hölle entgegengeht und mit Tod beladen ist, sich nicht dafür interessiert, wie er Frieden mit Gott bekommt und das Leid der Gerechtigkeit Jesu Christi, dann ist das nicht schlimm für den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Ehre unangetastet bleibt. Es ist auch nicht schlimm für seinen armen Prediger, sondern schlimm für den modernen Menschen, der nun ungewandt mit seiner Sünde zum Tode geht – zum ewigen Tod.
Und weil das so ist, meine Freunde, möchte ich Sie um Ihrer selbst willen bitten und beschwören: Lassen Sie das nicht nur heute Ihre ganz große Bitte werden: „Herr, lass deine Todespein an mir nicht verloren sein.“
Sie merken ja, wie der bayerische Gendarm diesen Vers in mir eingeprägt hat. Ich möchte ihn mitgeben, wenn ein Junge in die Welt hinausgeht und das mitnimmt: Herr, lass deine Todespein an mir nicht verloren sein.
Und wenn Sie es wirklich so bitten, dann bekommen Sie die Antwort, dass Sie mit Jesaja sagen dürfen: „Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit mich gekleidet.“
Wir wollen beten:
Ach Herr, du siehst, wie viele in ihrer Friedlosigkeit, Angst, Not und Sündennot sind. Führe sie so unter dein Kreuz, dass sie sich mit allen Heiligen mitfreuen können.
Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit mich gekleidet.
Amen.
