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Israel heute - Erfüllung biblischer Prophetie?

18.02.2026
Kann man biblische Aussagen über die Zukunft Israel aus dem AT auch auf das gegenwärtige Israel beziehen? Oder hat die Gemeinde Israel ersetzt, so dass prophetische Aussagen über Israel automatisch im Kontext der Kirche zu sehen sind? Über diese grundsätzliche Frage geht es in diesem Podcast mit Hendrik Mohn.

Herzlich willkommen zum Podcast der EFA Stuttgart mit Thomas Powileit und heute mal wieder mit Henrik Mohn. Du warst ja schon zweimal bei uns im Podcast. Schön, dass du heute wieder dabei bist. Herzlich willkommen!

Ja, schön, dass ich wieder bei euch sein darf. Das freut mich sehr. Ich bin gespannt, was wir heute besprechen werden.

Genau, wir haben heute ein sehr spezielles Thema am Start: „Israel heute – eine Erfüllung biblischer Prophetie“. So lautet die Überschrift dieses Podcasts. Inhaltlich geht es darum, ob der Staat Israel, der 1948 gegründet wurde, ein Zufall in der Weltgeschichte ist oder ob das tatsächlich Gottes Plan war.

Ist das Israel, das wir heute erleben, nur ein politisches Gebilde, das mit der Bibel kaum etwas zu tun hat? Oder erleben wir die Erfüllung von biblischer Heilsgeschichte, wenn wir in Israel selbst unterwegs sind?

Persönliche Motivation und erste Gedanken zum Thema Israel

Henrik, vielleicht erzählst du mal, warum dich das Thema Israel überhaupt so stark interessiert und warum du dich damit beschäftigst, ob der Staat Israel Gottes Handschrift in der Weltgeschichte sein könnte.

Absolut. Ich würde da einfach ein bisschen aus meinem persönlichen Leben erzählen. Mein Vater hat mir eine Begebenheit erzählt: Es ist der Zweite Weltkrieg, und wir wissen ja, die Bomben hagelten auch auf Deutschland. In Velbert war mein Urgroßvater, und er saß in einem Bunker. Dort ging es natürlich darum, dass Hitler das Tausendjährige Reich verkündete. Man fragte sich, wie das alles zu verstehen sei.

Mein Urgroßvater sagte dann aber: „Nee, nee, im Moment stimmt da etwas nicht.“ Das hat einen natürlich ein Stück weit getriggert, weil man wissen wollte, warum er das sagte – dass der Führer es ja nicht korrekt ausgedrückt habe. Er war jemand, der die Bibel gelesen hat, und er hatte verstanden, dass das Tausendjährige Reich eine ganz andere Bedeutung hat als Gottes Heilsplan.

So bin ich zu dem ganzen Thema Israel gekommen: Ist das heute wirklich eine prophetische Erfüllung, oder sehen wir hier nur geopolitische Entwicklungen? Das ist eine ganz wichtige Frage, die auch unter Christen sehr unterschiedlich gesehen wird.

Die zentrale Rolle Israels in Gottes Heilsgeschichte

Du hast gesagt, es gibt Gottes Heilsplan, manchmal nennt man ihn auch Gottes Heilsgeschichte. Das bedeutet, Gott macht wirklich Geschichte.

Kannst du zusammenfassen, warum Israel in Gottes Heilsgeschichte eine so zentrale Rolle spielt?

Absolut. Ich nehme dazu eine Anekdote aus meinen Erfahrungen in diesem Jahr. Ich habe eine Jahresbibel, die ich für meine Frau und meine große Tochter gekauft habe. Wir lesen daraus und sprechen darüber. Wenn man die Bibel so liest, merkt man, dass viele Dinge Israel betreffen.

Das zeigt sich besonders im Alten Testament. Dort gibt es 929 Kapitel, und immer wieder spielt Israel eine wichtige Rolle. Es geht um das Land, um die Geschichte Israels und darum, wie sich dieses Volk entwickelt hat.

Wenn ich dann in die Evangelien komme, fällt mir auf, dass Israel wieder wichtig ist, denn der Messias kommt ja aus Israel. In der Apostelgeschichte sehe ich, wie das Heil von Israel zu den Nationen gelangt und sich die neutestamentliche Gemeinde entwickelt.

Schließlich bin ich in der Offenbarung, und auch dort geht es wieder zurück zu Israel.

So habe ich für mich erkannt, dass die Bibel mich dazu zwingt, Israel wirklich wahrzunehmen und zu verstehen, welche Rolle Israel in Gottes Gedanken und in seinem Heilsplan spielt.

Verschiedene Bedeutungen von Israel heute

Das hat dich jetzt offensichtlich sehr bewegt. Ich finde es beeindruckend, dass ihr euch einfach die Jahresbibel gekauft habt, gemeinsam lest, euch austauscht und dabei feststellt, wie stark das Thema Israel darin präsent ist.

Wenn man über Israel spricht, ist es oft so wie bei anderen Begriffen: Man verwendet dasselbe Wort, füllt es aber ganz unterschiedlich mit Bedeutung. Was meinst du also, wenn du heute von Israel sprichst? Ich möchte dazu vier Aspekte hervorheben.

Der erste ist natürlich der politische. Wenn ich heute die Nachrichten verfolge, sehe ich Israel als Nationalstaat im Nahen Osten.

Dann gibt es die theologische Perspektive. Hier könnte man sagen, Israel sind die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. In der Bibel finden sich verschiedene Synonyme wie Juden, das jüdische Volk oder Israeliten.

Eine weitere Variante wäre, Israel als eine Religion, nämlich das Judentum, zu verstehen.

Uns beiden ist wichtig, was die Bibel selbst dazu sagt. In der Bibel habe ich einige Hinweise gefunden, die ich so verstehe: Israel ist zunächst das irdische Volk, das von Gott auserwählt ist. Das kannst du zum Beispiel in 1. Mose 32,28 nachlesen.

In 1. Mose 49 wird deutlich, dass dieses Volk aus zwölf Stämmen besteht, die dort konkret benannt werden.

In 1. Mose 17,8 und 2. Mose 23,31 wird ein klar umrissenes Territorium beschrieben. Hier wird es spannend: Das Land, das dort verheißen wird, hat Israel in der gesamten Geschichte, die es zu Israel gibt, nie vollständig besessen. Darauf werden wir sicherlich später noch einmal zurückkommen. Für mich ist das eine wichtige Thematik in der gesamten Theologie zu Israel.

Außerdem habe ich festgestellt, dass Israel auch eine geistliche Gemeinschaft ist, die im Bund mit Gott steht. Das kann man in 2. Mose 19,5-6 oder klassisch in Jeremia 31,30 sehen, wo auch der neue Bund erwähnt wird.

Wenn ich genau in die Bibel schaue, merke ich, dass Gott der Gott Israels ist. Das hat natürlich eine wichtige Bedeutung, auch für meinen Alltag. Deshalb sage ich, um das noch einmal aufzugreifen: Israel ist für mich als Christ absolut wichtig.

Unterschiedliche Sichtweisen unter Christen auf Israel

Das wird unter Christen teilweise sehr unterschiedlich gesehen. Mein Sohn erzählt, er hat eine Zeit lang in Tübingen gewohnt. Wenn er dort an einer bestimmten Gemeinde vorbeifährt, hat er den Eindruck, als würde er gerade an der israelischen Botschaft vorbeifahren.

Dann gibt es andere Gemeinden, in denen Israel in der Predigt überhaupt nicht vorkommt – auch nicht auf Plakaten oder in anderem Material. Das zeigt, dass Christen Israel sehr unterschiedlich bewerten.

Warum ist das so? Warum unterscheiden sich Christen so stark in der Bewertung Israels?

Mir hat zum Beispiel geholfen, mir ein Modell zurechtzulegen, das ich „die hermeneutische Straße“ nenne. Ich habe bei dem Bibellehrer Jeff Kindley gelesen, dass die Art, wie man auf einer Straße geht, die zu einem bestimmten Ziel führt, mit der Hermeneutik, also der biblischen Interpretationsmethode, vergleichbar ist.

Mit anderen Worten: Wie man beginnt, bestimmt, wo man am Ende ankommt. Das habe ich mir als Bild gemerkt, um meinen „Anfahrtsweg“ beim Umgang mit Bibeltexten zu beschreiben.

Wenn wir unterschiedliche Anfahrtswege haben, kommen wir zu verschiedenen Interpretationen.

Es gibt zum Beispiel die Substitutionstheologie. Die sagt: Die Kirche hat Israel ersetzt. Israel spielt also eine untergeordnete oder gar keine Rolle mehr, weil die Kirche jetzt an dessen Stelle getreten ist. Die Verheißungen aus dem Alten Testament werden dabei oft stark vergeistlicht.

Eine zweite Auslegungsstraße ist die Bundestheologie. Hier wird gesagt, dass die Gemeinde die Fortführung Israels ist. Israel hat also noch eine Bedeutung, aber man legt das Alte Testament durch das Neue Testament aus. Auch hier wird vieles vergeistlicht, das heißt, die wortwörtlichen Aussagen im Alten Testament werden nicht mehr wörtlich genommen.

Dann gibt es die sogenannte Dispensationalismus-Theologie – ein schwieriges Wort, das man sich merken kann. Hier nimmt man die alttestamentlichen prophetischen Texte zunächst Wort für Wort. Natürlich erkennt man auch hier, wo der Kontext es gebietet, dass manche Bilder oder Allegorien eine tiefere geistliche Bedeutung haben, zum Beispiel wenn es heißt, dass Bäume in die Hände klatschen.

Das ist also eine ganz andere Anfahrtsstraße.

Je nachdem, welche dieser Anfahrtsstraßen man wählt, kommt man zu sehr unterschiedlichen Interpretationen, gerade was Israel betrifft.

Du hast drei verschiedene Anfahrtsstraßen gezeigt. Wenn ich zum Beispiel die Straße wähle, die sagt, Israel habe keine Bedeutung mehr, dann werde ich auch die entsprechenden Bibelstellen so lesen. Habe ich das richtig verstanden?

Genau.

Die Bedeutung biblischer Prophetie für das Verständnis Israels

Ich meine, Prophetie in der Bibel – das betrifft ja, wie du gesagt hast, dass Prophetien über Israel für den Dispensationalismus eine ganz große Rolle spielen. Prophetie ist auf der einen Seite ein Hervorsagen, also wenn die Propheten bestimmte Worte Gottes auf eine gegenwärtige Situation anwenden. Manchmal ist es aber auch ein Voraussagen, und genau das betonst du besonders stark.

Warum ist biblische Prophetie für das Thema Israel so entscheidend? Ich möchte dazu einige Zahlen, Daten und Fakten nennen, um das zu unterstreichen. Wie du schon sagst: Wer die Bibel liest, merkt schnell, dass man am Thema Prophetie nicht vorbeikommt.

Die biblische Prophetie macht, wenn man seriösen Zählungen folgt, circa 28 Prozent der gesamten Bibel aus. Spannend ist in unserem Zusammenhang, dass von den etwa 31.000 Versen in der Bibel mindestens 8.352 prophetische Aussagen enthalten sind. Das heißt, wenn man das mathematisch etwas vereinfacht, ist etwa jeder 30. Vers in der Bibel mit prophetischem Inhalt gefüllt.

Das ist schon interessant, denn da kommt einiges zusammen. Deshalb finden wir es sehr wichtig, uns mit Prophetie zu beschäftigen. Wir können Prophetie nicht einfach beiseiteschieben oder sagen, wir vergeistlichen das jetzt. Allein diese hohe Bedeutung der Prophetie macht deutlich, dass wir uns damit näher auseinandersetzen müssen.

Ich finde es auch wichtig, den Begriff „Prophetie“ genau zu unterscheiden. Mir hat eine Definition gut gefallen, die Helge Stadelmann und Berthold Schwarz geben: „Eine zusätzliche Offenbarungsgestalt ist nicht zu erwarten. Deshalb verkündet die christliche Gemeinde das Wort von Christus, erwartet sein Wiederkommen am Ende der Gemeinde und fügt seiner Offenbarung nichts hinzu.“

Gerade beim Thema Prophetie gibt es heute unterschiedliche Varianten. Für uns ist in diesem Kontext wichtig: Wir hören nicht auf irgendwelche neuen Propheten mit neuen Botschaften. Ebenso hören wir nicht auf Visionen, die zusätzlich zur Bibel etwas offenbaren wollen. Wir glauben auch nicht an menschliche Systeme, die versuchen, einen Bibeltext zu überschreiben.

Aufgrund der hohen Bedeutung der Prophetie in der Bibelauslegung schauen wir besonders bei den alttestamentlichen Texten genauer hin. Wie ich schon angedeutet habe: Im Alten Testament steht sehr viel über Israel, und vieles davon erfüllt sich spätestens in der Offenbarung erneut. Deshalb ist das für mich ein spannendes Thema. Ich möchte diesem Text auch gerecht werden, indem ich ihn wortwörtlich verstehe.

Unterschiedliche Interpretationen der prophetischen Texte zu Israel

Ich verstehe. Es gibt unterschiedliche Ansätze dazu. Manche Leute lesen die prophetischen Texte des Alten Testaments und sagen: Ja, das wurde zur Zeit der großen Gefangenschaften Israels erfüllt. Zum Beispiel war Israel in Assyrien, dann in Babylon, und von Babylon kamen sie wieder zurück. Das war also auch in der Vergangenheit so.

Allerdings haben manche Leute, auch manche Christen, Schwierigkeiten damit, das politische Gebilde Israel mit den verschiedenen Parteien und so weiter wirklich als eine Erfüllung der Prophetie zu sehen – also als Handschrift Gottes. Da gehen die Meinungen auseinander. Das ist sozusagen die Kernfrage, mit der wir uns auch beschäftigen.

Was würde man denn sagen: Ist das moderne Israel wirklich eine Erfüllung biblischer Prophetie?

Zum einen komme ich stark von der hermeneutischen Richtung, dass ich den Text erst einmal wörtlich annehmen möchte. Als ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, fand ich spannend, was Kritiker gesagt haben. Zum Beispiel der amillennialistische Theologe Oswald Ellis hat gesagt: Wenn wir die alttestamentlichen Weissagungen wörtlich auslegen, müssen wir zugeben, dass sie in diesem Zeitalter weder in Erfüllung gegangen sind noch in Erfüllung gehen können.

Ein weiterer Kritiker, Floyd Hamilton, hat gesagt: Eine buchstäbliche Auslegung alttestamentlicher Weissagungen gibt uns genau das Bild einer irdischen Messiasherrschaft, an die der Prämillennialist glaubt. Mit dieser Messiasherrschaft rechneten die Juden zur Zeit Christi, und zwar aufgrund einer buchstäblichen Auslegung des Alten Testaments.

Allein hier merke ich schon, dass Kritiker unserer Sichtweise oder unserer hermeneutischen Richtung eigentlich zugeben: Na ja, wenn man so vorgeht wie ihr, dann kommt man wirklich zu diesen Antworten.

Zudem, wenn ich mich mit Bibeltexten beschäftige, wie zum Beispiel Hesekiel, finde ich, dass es dort sehr schön herauskommt. In Hesekiel 34,5-6 heißt es zum Beispiel: „Und so wurden sie zerstreut, weil sie ohne Hirten waren, und sie wurden alle Tiere des Feldes zum Fraß und wurden zerstreut. Meine Schafe irren umher auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel, und über das ganze Land hin sind meine Schafe zerstreut worden, und da ist niemand, der nach ihnen fragt, und niemand, der nach ihnen sucht.“

Hier merke ich schon: Da ist etwas passiert. Israel wurde zerstreut. Wenn ich jetzt in die Kirchengeschichte schaue, dann merke ich, dass 70 nach Christus eine Zerstreuung stattfand. 135 nach Christus wurde Israel in verschiedene Richtungen zerstreut.

Wenn ich hier mit Bibelversen arbeite, erkenne ich, dass das Erfüllungen sind. Ich sehe, dass Gottes Wort etwas gesagt hat, und ich erkenne es.

Gerade bei Hesekiel kann man weitergehen. In Kapitel 36, Vers 24 heißt es: „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch sammeln aus allen Ländern und in euer Land bringen.“ Da muss also etwas passiert sein. Wenn ich diese Texte für mich einfach wörtlich nehme, sehe ich: Gott sammelt und bringt sie in ihr Land.

Jetzt finde ich es interessant, das historisch zu sehen. Zum Beispiel erkennen wir, dass im 19. Jahrhundert eindeutig eine Rückführung von Juden in das Land stattfand, das Abraham verheißen war. Und mit der Staatsgründung 1948 ist es dann tatsächlich passiert.

Auch Hesekiel 37,21-22 sagt: „Und ich will sie von allen Seiten sammeln und in ihr Land bringen.“ Auch hier merken wir wieder: Da passt etwas.

In der Kirchengeschichte kann ich erkennen, dass Gott eingegriffen und etwas geführt hat. Deswegen nimmt mich das durchaus mit. Ich sage: Das ist mehr als nur eine geopolitische Entscheidung von Siegermächten gewesen. Hier hat der große und mächtige Gott seine Hand im Spiel gehabt.

Gottes Handeln hinter politischen Entscheidungen

Und ich meine, das war in der Geschichte ja auch so. Als zum Beispiel König Kyros das Edikt unterzeichnete, dass das Volk wieder zurückkehren konnte in das Land, war das eine politische Entscheidung. Diese Entscheidung stand in den Zeitungen der damaligen Zeit. Kyros war alles andere als fromm, und trotzdem hat Gott ihn benutzt.

Du hast vorhin von diesem hermeneutischen Weg gesprochen. Es ist auch meine Glaubensbrille, würde ich es einfach mal nennen. Wenn ich diese nicht aufhabe, denke ich: Okay, hier liegt eine politische Entscheidung vor, ein bestimmtes Volk kehrt in sein Heimatland zurück. Aber wenn ich die Glaubensbrille aufhabe, dann weiß ich: Ja, es ist eine politische Entscheidung und bleibt es auch. Aber hinter dieser Entscheidung steckt mehr. Sie ist nicht zufällig. Ich sehe darin wirklich Gottes Handschrift, wie er Menschen benutzt.

Wenn du das, was du jetzt sagst, richtig interpretierst, dann ist das eigentlich auch die Sichtweise, die du unterstreichst. Du sagst ja, wir haben hier viele politische Entscheidungen, auch 1948. Trotzdem ist es Gottes Handeln.

Du hast auch diese Texte vorgelesen: „Ich werde euch aus allen Nationen holen.“ Das war ja in Babylon nicht gegeben. Dort waren sie ja nur in Babylon, sollten ihre Häuser bauen und so weiter. Genau, da kam es nur aus einer Richtung. Bei der Rückführung merken wir, dass Gott aus der ganzen Welt sammelt.

Für mich ist es so: Beim einfachen, schlichten Lesen bekomme ich Antworten auf meine Fragen, und diese Antworten sind für mich befriedigend. Nichtsdestotrotz muss man zugeben, dass natürlich nicht alle biblischen Verheißungen erfüllt sind, nur weil es den Staat Israel gibt. Deswegen spreche ich lieber von einer teilweisen oder vorläufigen Erfüllung der Sammlung.

Wenn wir uns damit beschäftigen, merken wir, dass es genug Bibeltexte gibt, die darauf Wert legen, dass Israel Buße tun soll. Das sieht man ja auch bei gewissen Eurovision Song Contests: Die Buße Israels steht noch aus. Ganz sicher.

Ich fand es interessant, dass Norbert Lied einmal Folgendes gesagt hat: Die geistliche Wiederherstellung Israels folgt der physischen Wiederherstellung im Land. Und ich glaube, das sehen wir. Die physische Wiederherstellung ist da, aber die geistliche muss erst noch kommen.

Zukunftsperspektiven für Israel in der Bibel

Du hast gesagt, es steht noch aus – das stimmt ja. Die Buße steht zum Beispiel auch noch aus. Was würdest du noch von der Bibel her sagen: Wohin führt Gott die Geschichte des Volkes Israel? Wohin führt Gott sie?

Ich habe ja schon von der Jahresbibel berichtet, und für mich ist das so ein Stolperstein: 1. Mose 49,10. Dort lesen wir von dem Schilo, der irgendwie über Völker regieren soll. Wenn ich mir das anschaue, merke ich, dass das noch nicht so ganz gepasst hat. Der Begriff Schilo impliziert einen Herrscher, der über Israel regieren soll. Das ist ein Titel für den Messias. Aber de facto hat der Herr Jesus noch nicht über ein irdisches Israel regiert.

Oder erst kürzlich war ich in Hosea, und da fand ich es spannend, wenn man Hosea 2,2 liest: „Und die Söhne Judas und die Söhne Israels werden sich miteinander versammeln und sich ein gemeinsames Haupt geben, aus dem Land heraufziehen.“ Hier bezieht sich der Schreiber erst einmal auf die Abrahamsverheißung. Denn der Begriff „Söhne Gottes“ ist genau hier ein Begriff, den wir zuordnen können.

Dann heißt es „ein gemeinsames Haupt“, und im Hebräischen steht hier „Rosch Echad“. Das weist auf eine königliche Figur hin, und das passt natürlich zur Messias-Erwartung Israels. Hier merke ich beim Lesen der Bibel: Hey, irgendwie muss noch ein Herrscher kommen.

An diesem Punkt komme ich zu der Erkenntnis, dass das, was die Offenbarung in Offenbarung 20 beschreibt, auch darauf hinweist, dass es noch ein sprichwörtliches tausendjähriges Reich geben muss. In diesem wird Jesus Christus als König dann noch herrschen, so wie über Israel.

Das sind Dinge, die für mich noch ausstehen, die sich noch nicht erfüllt haben. Deshalb komme ich für mich zu der Erkenntnis – mit meinem hermeneutischen Weg oder meiner Auslegungsbrille –, dass noch etwas kommt. Auch von der Bibel her habe ich Antworten darauf.

Sicherlich gibt es hauptsächlich diese eine Stelle, die Zahlen benennt. Aber es ist Gottes Wort, und wenn an einer Stelle etwas genannt wird, hat es genauso Autorität. Top wäre es natürlich, wenn es durch fünf oder sechs andere Stellen belegt wäre. Aber ich glaube, wenn wir die Bibel in ihrer Gesamtschau lesen, merken wir, dass es im Alten Testament Verheißungen gibt, die noch nicht erfüllt sind.

Im Neuen Testament bekomme ich die Erklärung, dass noch ein tausendjähriges Reich kommen wird, in dem diese Dinge erfüllt werden. Das heißt, sie warten – so ist es ja auch heute tatsächlich in Israel. Sie warten auf ihren Messias.

Wer das Judentum kennt, weiß, dass sie Jesus ganz sicher nicht als ihren Messias sehen. Aber sie warten darauf, dass es jemanden gibt, der im Grunde genommen, wenn ich es neutral sage, religiöse Herrschaft ausübt. Das ist ihnen in Israel sehr wichtig – absolut.

Politische Realität und geistliche Hoffnung

Und weil du auch die Herrschaft ansprichst: Ich glaube, dass wir trotz einer wörtlichen Lesung und einer Treue zu Israel die politischen Entscheidungen, die dort gerade von den Herrschern getroffen werden, nicht in allem bejahen müssen. Vielmehr sollten wir dafür beten, dass sie Weisheit erhalten. Sie sollen erkennen, wer der wahre Gott ist, dass sie Yahweh wirklich erkennen und zu Jesus Christus finden. Außerdem brauchen sie Weisheit, wie sie das Land politisch führen sollen.

Wir schauen ja immer nur von außen darauf und merken, dass es eine ziemlich komplizierte Situation ist. Es braucht wirklich Weisheit und gute Entscheidungen – sowohl für das Volk und die Menschen als auch für das Land.

Von unserer Warte aus können wir wahrnehmen, dass die israelische Gesellschaft zurzeit sehr gespalten ist. Zum Beispiel gab es die Frage der Geiseln zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Podcasts. Letzte Woche gab es riesige Demonstrationen der Ultraorthodoxen, bei denen man sieht, dass ein tiefer Riss durch die Gesellschaft geht.

Auf der anderen Seite hören wir Berichte, dass durch diese notvollen Situationen Menschen ganz neu, wie wir schon besprochen haben, nach dem Messias fragen. Messianische Gemeinden in Israel gewinnen enormen Zulauf. Auch Internetorganisationen mit messianischem Hintergrund stellen fest: Vor einiger Zeit hatten sie etwa 50 Follower über Jahre hinweg. Jetzt, in dieser Zeit, sind es eine halbe Million. Das zeigt eine deutliche Veränderung.

Du würdest also auch sagen, dass Israel kein Volk ist, das von Gottes Seite einfach verworfen wurde, und dass die Kirche an die Stelle Israels gesetzt wurde. Das wäre eine andere Hermeneutik.

Ja, genau. Es läuft beides parallel. Die klassischen Stellen in Römer 9 bis 11 zeigen, dass Gott sein Volk nicht verworfen hat und es auch nicht beiseite gesetzt hat. Selbst wenn man einer eher dispensationellen Sicht folgt, ist der Rettungsweg im Alten und im Neuen Testament – ob für Juden oder Heiden – immer der Weg über den Glauben.

Das wird manchmal kritisch gesehen oder es wird etwas anderes betont, aber der Weg geht immer über den Glauben. Abraham wurde sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Wenn wir an Jesus Christus glauben, wird uns seine Gerechtigkeit angerechnet. Das ist immer derselbe Weg.

Das finde ich sehr interessant. Juden sind sicherlich privilegiert, weil Gott sie herausgerufen hat. Sie haben als Erste die Heiligen Schriften erhalten und das Gesetz Gottes, durch das sie vieles schon erkennen durften. Sie durften sozusagen ein Leuchtturm sein, der zeigt, dass es den allmächtigen Gott gibt.

Aber in Christus sind wir beide wieder zusammengeführt. Dieser Zaun ist durch Jesus Christus abgerissen worden. Deshalb habe ich eine Wertschätzung für das Volk Israel, weil wir durch Christus vereint sind.

Sie haben auf jeden Fall die Kenntnis des Alten Testaments. Wenn sie das Neue Testament lesen, sehen sie es vielleicht noch einmal anders.

Ich habe gestern einen Vortrag über das Schawuot-Fest gehört, das ja Pfingsten ist. Dort wurde das Fest mit dem, was an Pfingsten passiert ist, verglichen. Es war sehr spannend. Zum Beispiel kam zum Schawuot-Fest der Ehebruch relativ bald mit dem goldenen Kalb vor. Dann gingen die Leviten durch das Lager und töteten 3.000 Menschen. An Pfingsten bekehren sich 3.000 Menschen. Es ist genau dieselbe Zahl.

Ich möchte damit nur eine Sache herausgreifen: Es gibt eine ganz enge Verbindung zum Alten Testament, um deutlich zu machen, dass der Gott Israels auch der Gott ist, der sich im Neuen Testament in Jesus Christus offenbart hat. Das sehen Juden heute jedoch nicht.

Mir ist es persönlich einmal so passiert, dass ein Jude mich fragte: „Was machst du eigentlich in Jerusalem?“ Ich antwortete spontan: „Ich bin hier, weil ich deinen Messias liebe.“ Er sagte sofort: „Das ist nicht mein Messias.“ Also hat er es gleich verstanden.

Für Leute, die noch nicht in Israel waren, ist es wichtig zu wissen, dass dieses Volk sehr säkular ist. Es gibt eine gewisse Anzahl, die orthodox sind, also sich dem Glauben der Väter verpflichtet fühlen, aber Jesus rundherum ablehnen. Das ist sehr, sehr spannend.

Persönliche Bedeutung des Themas Israel für den Glauben

Da sind wir schon bei einer wichtigen Frage: Wir diskutieren jetzt über Israel, und das ist eine sehr spannende Thematik. Was bedeutet das eigentlich für meinen Glauben heute?

Man könnte ja sagen: „Na ja, gut, Gott handelt mit Israel, aber das kann mir ja egal sein, weil ich nicht zu Israel gehöre, ich bin kein Jude, ich habe keinen israelischen Pass – also was soll's?“

Zunächst einmal merke ich beim Lesen meiner Bibel, dass ich die Allmacht Gottes sehe. Ich erkenne, dass Gott über allem steht und die Kontrolle hat. Das wird mir deutlich, wenn ich sehe, wie er im Alten Testament mit Israel arbeitet und wie das im Neuen Testament wieder aufgegriffen wird. Dabei fällt mir auf: Gott ist ein verlässlicher Gott, der sich zu den Seinen stellt. Das gibt mir Trost für meinen Glauben, weil ich erkenne, dass Gott seine Zusagen hält.

Das kann manchmal auch sehr schmerzhaft sein. Gerade bei Israel merkt man, dass Gottes Gericht sehr hart sein kann. Das zerreißt mir das Herz, wenn ich die Geschichten lese und auch heute sehe, wie dieses Volk, das eigentlich privilegiert ist, Gott so vehement abgelehnt hat und teilweise immer noch ablehnt. Da struggel ich innerlich ein bisschen mit.

Andererseits merke ich: Da ist jemand, der zu seinen Aussagen und Details steht. Mir hat ein Zitat gut gefallen, das ich in der Vorbereitung entdeckt habe, von Jeff Kinley und Todd Hampson. Sie sagen: „Wenn Gott auf seinem Thron sitzt und die Geschichte auf ihr festgelegtes Ende hinlenkt, können wir in dem Wissen ruhen, dass er nicht nur die Zukunft, sondern auch uns in seiner Hand hält.“

Das gibt mir Trost, weil ich durch Gottes Wort Gott entdecke. Das stärkt meinen Glauben, denn der souveräne Gott steht über der ganzen Weltgeschichte und über all dem Chaos, das wir manchmal sehen.

Andererseits muss ich auch sagen: Wenn ich mir dieses Thema anschaue, muss ich für mich bekennen, dass ich noch mehr für Israel beten muss. Gleichzeitig muss ich mir bewusst machen, dass dort auch Araber leben, Menschen, die in einem sehr umkämpften Gebiet nicht leicht leben. Auch sie brauchen Rettung und Hilfe, vor allem durch Jesus Christus.

Außerdem möchte ich für Missionsdienste wie zum Beispiel Zederka bewusster beten. Wir sollten das in unseren Gebeten vor Gott bringen: „Das sind Juden, das sind Nationen, und da ist deine Gemeinde.“ Diese möchten wir dir einfach hinlegen, damit du sie führst und leitest.

So merken wir einerseits, dass Gott sein Wort bis ins Detail erfüllt. Das stärkt mich. Wir hatten das ja auch schon ein wenig beleuchtet: Ich sehe die Sammlung. Gott hat gerade durch die Entstehung des Nationalstaates Israel geistlich gesammelt. Die Erneuerung steht noch aus; wir leben gerade dazwischen.

Das zeigt mir, dass ich meine Schrift wörtlich lesen soll, nüchtern hoffen und mit Liebe für meinen Nächsten beten muss.

Hoffnung und Ermutigung im Blick auf Israel

Das ist ein gutes Statement. Ich habe mich gerade daran erinnert, dass ich auf einem Platz in Jerusalem stand und dieses Wort im Kopf hatte. Ich meine, es stammt aus dem Propheten Sacharja, wo es heißt: Die Kinder werden wieder auf den Straßen spielen, und die Alten werden sich auf ihren Stock stützen.

Genau das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Dann habe ich mich an dieses Wort erinnert und gedacht: Wenn man euch das zur Hochzeit des Nationalsozialismus, zur Hochzeit der Konzentrationslager gesagt hätte, hätte man wohl gesagt, das ist unmöglich. Und doch weiß ich, dass Gott treu ist.

Was mir auch besonders gefallen hat, ist, dass du gesagt hast, wir sollen die Araber nicht vergessen. Manchmal gibt es eine Israel-Euphorie, bei der man denkt, alles, was der Staat macht, muss gut sein und kann gar nicht schlecht sein. Ich glaube, da muss man differenzieren und wirklich sehen: Ja, Gott liebt alle Menschen, auch die Araber in dem Land.

Auch sie haben eine Verheißung nach dem Propheten Jesaja. Ismael hat viele Verheißungen bekommen. Es ist wichtig zu erkennen, dass sie zur Gemeinde gehören und wir miteinander unterwegs sind – auch wenn Israel das erwählte Volk ist. Darüber dürfen wir uns freuen.

Dein Großvater damals im Bunker hatte also Recht, dass er wusste: Das mit dem Tausendjährigen Reich muss noch ein bisschen warten, oder?

Absolut. Er konnte wahrscheinlich nicht alles systematisch mit Zitaten belegen, aber er hat seine Bibel nüchtern gelesen und kam für sich zu diesen Schlüssen. Deshalb bleibe ich dieser guten Tradition treu. Ich möchte nüchtern bleiben und wachsam sein, aber ich habe eine lebendige Hoffnung, die in Jesus Christus auferstanden ist.

Ich weiß, dass dieser Gott, der Vater Jesu Christi, Geschichte schreibt. Das sehe ich tagtäglich. Das ist gut, und ich bin in seiner Hand.

Abschluss und Ermutigung zum eigenen Bibelstudium

Ja, vielen Dank, Hedrek, dass du bei uns warst. Das war schon wieder der Podcast der evangelischen Freikirche Evangelium für alle in Stuttgart.

Wir hoffen, dass Sie durch diesen Podcast eine gute biblische Grundlage erhalten haben, um den Staat Israel in Gottes Heilsgeschichte einzuordnen. Gott hat hier wirklich gezeigt: Ich hole mein Volk aus den Völkern heraus und bringe sie schlussendlich in das Land der Väter zurück.

Wir ermutigen euch, so wie Hendrik es auch gesagt hat, selbst in der Bibel zu lesen. Von diesem Podcast allein könnt ihr nicht leben. Wir können euch nur einige Denkanstöße geben. Studiert deshalb selbst weiter und bildet euch eure eigene Meinung.

Wenn ihr Fragen habt, über die wir sprechen sollen, oder Anmerkungen zum Podcast, könnt ihr uns gerne schreiben unter podcast@efa-stuttgart.de.

Wir wünschen euch, dass ihr eine Liebe zu Israel entwickelt und dass ihr diesen Gott, der sich treu erwiesen hat, jeden Tag neu kennenlernt. Möge er euch die Kraft schenken, ihm treu zu bleiben, und mögt ihr einfach jubeln über seine Treue.