Einleitung
Liebe Freunde,
es war einmal ein Volk, das baute eine Mauer in der Hauptstadt des Landes.
Zunächst war das die Idee eines einzigen Mannes. Der hat erst seine Idee
absolut geheim gehalten, nicht einmal den Rat der Hauptstadt hat er
eingeweiht, und als der Mauerbau dann losging, war das ein ganz
merkwürdiger Anblick: die Hälfte der Leute arbeitete an der Mauer, und die
andere Hälfte stand dahinter mit Waffen und mit Panzern. So steht es in der
Bibel. Die Hälfte meiner Leute am Bau arbeitete, die andere Hälfte aber
hielt Schilde, Spieße und Bogen und Panzer bereit. Das Volk, von dem ich
spreche, ist das jüdische Volk. Die Stadt von der ich rede, ist die Stadt
Jerusalem. Die Zeit des Mauerbaus ist das Jahr 445 vor der Geburt von
Christus. Nachzulesen beim Propheten Nehemia. Wer von euch die fortlaufende
Bibellese liest, der hat das ja alles in der letzten Woche schon gelesen.
Eine Volksversammlung der anderen Art: Bibeltage für Alle.
Wir wollen uns heute gar nicht so sehr mit dem Mauerbau befassen, sondern
mit der Zeit, die danach kam. Es kam nämlich danach zu einer riesenhaften
Volksversammlung. Und wie das so ist bei großen Volksversammlungen, da weiß
man ja nie so genau, was eigentlich kommt, da sind Unwägbarkeiten dabei,
was eigentlich passieren wird.
Bei dieser Volksversammlung ist etwas passiert, was ich noch von keiner
anderen Volksversammlung gehört habe, da wurde nämlich aus der Bibel
vorgelesen. Das ist ja schon ungewöhnlich genug und die Zeitdauer ist noch
ungewöhnlicher. Sie fingen früh bei Sonnenaufgang an und hörten erst
mittags wieder auf. Und damit die Massen den Bibelvorleser gut verstehen
konnten, da hatten sie ihm eine hölzerne Kanzel gebaut. Das ist das erste
Mal, dass das in der Bibel erwähnt wird, sozusagen die Urform unserer
Kanzeln, aber nicht so klein wie der Eierbecher hier oben, sondern das war
ein großes hölzernes Ding, so etwa wie das Podium, auf dem ich hier stehe.
Da stand nämlich Esra, der die Bibel vorlas, und links und rechts von ihm,
wie sonst hier die Band, da standen seine Mitarbeiter neben ihm. Und diese
Bibelstunden, beziehungsweise Bibeltage, wurden an den folgenden Tagen
fortgesetzt. Das ging immer weiter. Es gab so eine richtige
Bibelbegeisterung, die Leute konnten überhaupt nicht genug davon bekommen.
Ich weiß nicht, ob du schon einmal länger als fünf Minuten in deine Bibel
hineingeguckt hast oder ob du schon mal ein paar Stunden oder ein paar Tage
hintereinander in der Bibel gelesen hast. Aber ich weiß, dass jeder, der
das macht, ganz neue Erfahrungen macht. Wenn Menschen sich intensiv mit der
Bibel befassen, hat das immer ganz konkrete Folgen. Das liegt nämlich
daran, dass die Bibel nicht ein Buch wie jedes andere ist.
Gottes Wort hat immer eine Wirkung.
Sondern die Bibel ist das Wort Gottes - und Gott hat gesagt, dass sein Wort
nie leer, also wirkungslos, zurückkommen wird[1]. Gottes Wort hat immer
eine Wirkung, und damals war das Bibellesen die Ursache für eine
Bußbewegung. Die Bibel ist nämlich wie so ein Spiegel. Wenn du in der Früh
einmal einen flüchtigen Blick in den Spiegel wirfst, dann siehst du
meistens ja nichts genaues, aber wenn du intensiv in den Spiegel guckst, da
siehst du dann Krähenfüße und Pickel und unordentliche Haare und sowas.
Wenn du bloß einmal kurz in die Bibel hineinliest in der Früh, da hat das
meistens für dein Leben keine Konsequenzen und keine Bedeutung. Aber je
länger du in die Bibel hineinliest, umso deutlicher erkennst du dich
selbst. Du entdeckst auf einmal in deinem Leben Dinge, die du vorher glatt
übersehen hast, die dir jetzt nicht mehr gefallen, die du unmöglich
findest, für die du dich vielleicht sogar schämst. Also ohne Bild
gesprochen: wenn du in der Bibel liest, erkennst du deine Sünden. Du siehst
auf einmal klar, was in deinem Leben falsch gelaufen ist. Du erfährst
außerdem aus der Bibel, dass es für deine Schuld eine Vergebung gibt, ganz
egal wie groß deine Schuld ist. Das ist überhaupt das Beste an der Bibel.
Die Bibel zeigt dir deine Schuld nicht, um dich fertigzumachen, sondern um
dich bussfertig zu machen. Sie zeigt dir nicht nur erbarmungslos deine
Schuld, sondern sie zeigt dir voller Erbarmen den Ausweg aus der Schuld.
Und dieser Ausweg, das ist der Weg zu Gott. Und der Weg zu Gott heißt
Jesus. Jesus hat einmal gesagt: ich bin der Weg und niemand kommt um mich
herum zu Gott[2]. Der Ausweg aus der Sackgasse der Sünde, das ist der
Rückweg, das ist die Umkehr, das ist die Bekehrung zu Jesus. Nimm Jesus an,
und die Schuld, die du in deinem Leben auf dich geladen hast bist du los.
Die geht dich dann nichts mehr an, das ist dann sein Problem. Nicht mehr
deine Sache, sondern dann kann Er sich damit abschleppen. Die Schuld, die
auf dem Volk Israel lag, war riesenhaft.
Gott hatte dieses Volk aus der ägyptischen Sklaverei befreit. Er hatte es
durch das Rote Meer durchgeführt. Er hatte zu dem Volk geredet, ihm seine
guten Gebote gegeben, im Brot zu essen gegeben und Wasser aus dem Felsen
gegeben. Vierzig Jahre lang, so heißt es hier bei Nehemia in Kapitel 9:
Vierzig Jahre versorgtest du sie in der Wüste[3].
Es war wirklich ein Weg durch die Wüste, es war kein leichter Weg. Aber
Gott hatte dafür gesorgt, dass das Leben immerhin möglich war. Aber das
Volk war undankbar, es war ungehorsam und unverschämt. Das Volk hat sich
damals von Gott abgewandt und sich einem platten Materialismus zugewandt.
Sie haben sich ein goldenes Kalb hingestellt und gesagt: Das ist der Gott,
der uns aus Ägypten geführt hat". Sie haben Gott gelästert, Sie haben seine
Gebote übertreten, Sie haben seine Propheten getötet. Die Propheten, das
waren Männer, die immer wieder im Auftrag Gottes zu dem Volk kamen, ihm
sozusagen den Spiegel vorgehalten haben und gesagt haben: So seht Ihr aus,
und deswegen müsst ihr euch ändern, kehrt um, bekehrt euch!" Aber das Wort
Bekehrung war für die Menschen in Israel wie ein rotes Tuch.
Das wollten die nicht hören, denn Bekehrung im Sinne der Bibel, das heißt
Umkehr, Veränderung, Sinnesänderung, neues Denken. Und davon wollten sie
nichts wissen. Als die Propheten dem Volk ins Gewissen geredet haben, haben
sie sich Ruhe verschafft, indem sie die Propheten abgeschafft haben. Aber
wer kritische Stimmen abschafft, der schafft dadurch das Problem nicht aus
der Welt, sondern er schafft nur neue Probleme.
Seltsamerweise hat das Volk damals, jedes Mal wenn es mit dem Nachbarn Zoff
gehabt hat, bei Gott wieder Sturm geklingelt und um Hilfe gebeten und
selbst da, seltsamerweise, hat Gott immer wieder geholfen. Immer wieder und
immer wieder hat Gott sie erhört, wenn sie in Not waren und wenn dann Ruhe
eintrat, dann haben sie den lieben Gott gleich wieder vergessen. Und so
ging das immer wieder hin und her und Gott hat in seiner unvorstellbaren
Barmherzigkeit ihnen immer wieder vergeben. Nehemia 9,29: Und Du
vermahntest sie, um sie zu deinem Gesetze zurückzuführen, aber sie waren
stolz und gehorchten Deinen Geboten nicht und sündigten an Deinen Geboten,
durch die der Mensch lebt, wenn er sie tut. Und sie kehrten Dir den Rücken
zu und wurden halsstarrig und gehorchten nicht.
Diese Beschreibung des jüdischen Volks aus der Zeit von vor
zweieinhalbtausend Jahren ist gleichzeitig die Beschreibung aller Menschen.
Hier hält die Bibel uns einen Spiegelbild vor die Augen: stolz, stur und
ungehorsam. Es ist heute das gleiche Lied, und es ist heute das gleiche
Elend wie damals. Die Menschen sind zu stolz, sich der Autorität Gottes
unterzuordnen. Sie sind zu stur, einen Fehler zuzugeben, zu ungehorsam, um
sich nach Gottes Geboten zu richten - mit anderen Worten: sie kehren Gott
den Rücken zu. Gott", heißt es heute, das ist doch ein Märchen aus der
Kinder-stube der Menschheit. Das haben wir doch längst hinter uns. Gebote,
das ist doch eine unver-schämte Forderung, das ist doch eine Eingrenzung
unserer persönlichen Freiheit, damit wollen wir nichts zu tun haben!
Prediger, die uns vor dem Gericht Gottes warnen, sind arme Irre. Die haben
wir nicht nötig!"
Gott lässt jedem die Freiheit, sich von Ihm abzuwenden.
Wisst ihr, Gott lässt sich eine ganze Menge, eine ganze Weile lang
gefallen. Aber wem es nicht gefällt, mit Gott zu leben, dem erfüllt Gott
schließlich seinen Wunsch. Wenn jemand Gott den Rücken zukehrt, dann ist
Gott nicht so, dass Er vor Wut mit der Faust reinschlägt. Sondern dann
zieht Gott vor Traurigkeit, weil sein Liebesangebot nicht beachtet worden
ist, da zieht Er wegen seiner verschmähten Liebe seine Hände einfach
zurück. Gott zwingt keinen mit der eisernen Faust, bei Ihm zu bleiben, wer
gehen will, kann gehen. Und wer sich nicht von Gottes Hand führen lassen
will, der kann es ja auf eigene Faust versuchen. Solche Menschen lässt Gott
gehen, und im Römerbrief heißt es einmal, dass Gott die gegen Ihn
rebellierenden Menschen dahin gegeben hat.
Hier bei Nehemia, da steht genau das gleiche Wort: Darum hast Du sie
dahingegeben in die Hand der Völker in den Ländern. Hinter diesem kurzen
Satz steckt eine lange Geschichte der Niederungen des Volkes Israel:
Deportationen nach Babel, Leben in der Gefangenschaft, immer unter der
Kontrolle anderer Siegermächte, keine nationale Souveränität, keine
Freiheit, aber jetzt kommt nicht die übliche Kritik an Gott: Warum hast du
zugelassen, warum hast du uns dieses Schicksal gegeben?" Sondern jetzt,
nach intensivem Bibelstudium und nach Studium der Güte Gottes in der
Geschichte kommt es zu einer großen Erkenntnis. Nachdem Esra dem Volk
tagelang das Wort Gottes wie einen Spiegel vorgehalten und -gelesen hat,
erkennen sie, Du bist gerecht in allem, was Du über uns gebracht hast, denn
Du hast recht getan, wir sind aber gottlos gewesen[4].
Es ist eine Katastrophe, wenn jemand von sich sagt: Ich irre mich nie. Ich
habe immer Recht, und Unrecht haben nur die anderen!" Es ist ein
Fortschritt, wenn jemand zu seinen Kritikern sagt: Ich gebe zu, auch ich
habe etwas falsch gemacht." Es ist das größte, wenn ein Mensch zu Gott
sagt: Ja Herr, Du hast recht und ich habe unrecht!" Wenn einer endlich
seinen Widerstand aufgibt, wenn das Gemecker, das Genöle, dass Gekämpfe
gegen Gott aufhört. Wenn einer seine Kritik einstellt und sagt: Ich hab in
meinem Leben das bekommen, was mir wirklich zusteht. Du hast recht und ich
habe unrecht." Wenn du soweit bist, dann bist du reif für die Vergebung.
Und das ist das Ziel, auf das Gott hinarbeitet, auch in deinem Leben.
Gott will mehr von dir als Schulderkenntnis und Reue.
Gott will nicht, dass du stehenbleibst bei der Schulderkenntnis, und Er
will auch nicht, das du stehen bleibst bei der Reue, sondern Er will, dass
du dich fallen lässt in seine Arme und seine Vergebung annimmst. Es gibt
Menschen, die denken, sie wären o.k., und sie hätten keine Sünde und hätten
auch keine Vergebung nötig. Es gibt Menschen, die leiden so unter ihrer
Sünde, dass sie denken, es gibt für mich keine Vergebung, was ich gemacht
habe, ist zu schlimm. Es irren sich alle beide. Es gibt keinen Menschen
ohne Sünde und es gibt keine Sünde, die nicht vergeben werden könnte. Die
einzige Sünde, die dir nicht vergeben wird, ist die Sünde, die du nicht
bekennst.
Deswegen rate ich dir, lies die Bibel, vergleich dein Leben mit der Bibel,
bekenne die Schuld, die du erkennst. Das kannst du tun, indem du mit Gott
ganz alleine darüber redest, ohne einen Zeugen. Du kannst es auch tun, dass
du deine Schuld vor Gott in Gegenwart eines Menschen bekennst. Das ist
schwer, aber das hat den großen Vorteil, dass der dir im Namen Gottes die
Vergebung zu sprechen kann. Welchen Weg zu wählst, das ist deine Sache,
Hauptsache du wählst die Vergebung. Das ist nämlich die Hauptsache am
Christenglauben. Gott will dir vergeben, damit du Frieden hast, damit dein
Leben in Ordnung kommt. Ich warne dich: gib deine Arroganz auf, in dem du
denkst, du hättest Vergebung nicht nötig. Und ich bitte dich: gib deine
Skrupel auf, wenn du glaubst, für dich wäre Vergebung nicht mehr möglich.
Es ist nötig und es ist möglich.
Gott wartet auf dich mit ausgebreiteten Armen. Mit ausgebreiteten Armen
wartet der gekreuzigte Christus am Kreuz auf dich. Dort hat Er nämlich für
deine Schulden bezahlt. Dort hat Er die Strafe für deine Sünden auf sich
genommen. Dort am Kreuz, sagt die Bibel, ist Gott für uns Gottlose
gestorben. Wir, so heißt es hier in diesem Sündenbekenntnis, wir sind
gottlos gewesen. Das ist das Sünden-bekenntnis des jüdischen Volkes. Das
ist das Sündenbekenntnis der Christen, das ist der große Hammer. Denn die,
die das sagen, das sind dann ja gerade die Frommen, die gläubigen Menschen.
Die sagen: Wir sind gottlos gewesen!" Also nicht einfach bloß die anderen.
Sondern es geht damit los, dass man sagt: Wir!"
Die anderen, die werden dann allerdings auch noch mit Namen genannt. Unsere
Könige, Fürsten, Priester und Väter haben nicht nach Deinem Gesetz getan
und nicht Acht gehabt auf Deine Gebote an Ordnungen, die Du ihnen hast
bezeugen lassen. Und sie haben Dir nicht gedient zur Zeit ihrer Macht bei
all Deiner großen Güte, die Du ihnen erwiesen hast, in dem weiten und
fetten Lande, das Du Ihnen gegeben hast und haben sich nicht von ihrem
bösen Tun bekehrt[5].
Es ist hier von einem fetten Land die Rede, das heißt also von einem Land,
das reich ist und schön. Das war unser Land auch einmal. Inzwischen sind
die Wälder, durch die ich als Kind gewandert bin, entweder krank oder tot.
Die Flüsse, in denen ich als Jugendlicher geschwommen bin, sind vergiftet
und stinken und ich will gar nicht erst aufzählen, was in unserem Lande
noch alles kaputt ist, vom Straßennetz bis hin zu den einfallenden Städten,
bis zu den vielen Menschen, die so kaputt sind, dass sie einfach nicht mehr
können. Und am kaputtesten sind die Medien, die das alles nicht wahrhaben
wollen und leugnen (Tosender Applaus und Getrampele bricht aus).
Ein Aufruf zur Umkehr in der letzten Zeit der DDR. Ohne Umkehr kein Neuanfang.
Vor ein paar Tagen haben ein paar Menschen aus unserem Land eine Resolution
verfasst. Sie haben sie geschickt an ADN[6], Neues Deutschland, das
Fernsehen der DDR, Rundfunk – landauf, landab haben unsere Medien das nicht
veröffentlicht. Das sind Leute aus dem Bereich der Tanzmusik und der
Unterhaltungsmusik. In dieser Resolution haben sie geschrieben:
Es geht nicht um Reformen, die den Sozialismus abschaffen, sondern um
Reformen, die ihn weiterhin in diesem Land möglich machen. Dieses unser
Land muss endlich lernen, mit anders-denkenden Minderheiten umzugehen. Vor
allem dann, wenn sie vielleicht gar keine Minderheiten sind (erneuter
Applaus). Wir wollen in diesem Land leben und es macht uns krank, tatenlos
mit ansehen zu müssen, wie Versuche einer Demokratisierung, Versuche der
gesellschaftlichen Analyse kriminalisiert beziehungsweise ignoriert werden.
Wir fordern jetzt und hier sofort den Dialog mit allen Kräften. Wir fordern
Änderung der unhaltbaren Zustände. Wir wollen uns den vorhandenen
Widersprüchen stellen, weil nur durch ihre Lösung und nicht durch ihre
Bagatellisierung ein Ausweg aus dieser Krise möglich ist."
Leute, es geht jetzt nicht darum, dass wir einzelnen Leuten oder einzelnen
Institutionen die Schuld für irgendwelche Einzelheiten zuweisen. Es geht
darum, dass wir alle einsehen: wir alle sind schuld! Mindestens dadurch,
dass wir zu wenig für die gebetet haben, die in unserem Land die Verant-
wortung haben und dadurch, dass wir zu lange und zu feige geschwiegen
haben. Wir aber, so hat damals das Volk Israel bekannt, wir aber sind
gottlos gewesen! Ohne dieses Sündenbekenntnis gibt es keinen Neuanfang.
Aber gerade einen Neuanfang, den brauchen wir, damit nicht noch mehr kaputt
geht. Wir sind ja noch nicht so kaputt, dass es keine Heilung mehr gäbe.
Leute, es gibt einen Heiland, und der heißt Jesus.
Ich weigere mich zu glauben, dass das ein Westgott ist, der kein Visum hat
und der in diesem Land nichts zu melden hätte. Ich glaube, dass Jesus auch
für die DDR zuständig ist – und das ist übrigens der einzige Grund, warum
ich bleibe. Ich finde es beispielhaft, wie das Volk Israel einen Neuanfang
gemacht hat. Ein Volk fängt neu an, durch Bekehrung! Sich bekehren heißt
aber nicht, über die gesellschaftlichen Verhältnisse blauäugig
hinwegzusehen. In die Beichte des Volkes mischt sich die Klage über die
sozialen Missstände. Die Armen beugen sich vor Gott, aber sie rufen Ihn
gleichzeitig an um Hilfe gegen ihre Ausbeuter. Denn sie wissen, dass die
Gerechtigkeit Gottes umfassend ist und Gott gegen die Unterdrücker für die
Armen eintritt. Vers 36: Wir sind heutzutage Knechte. Ihr müsst euch
vorstellen, Israel war einmal ein freies Volk. und obwohl es im Jahre 435
v. Chr. wieder in Jerusalem leben durfte, war es doch nur ein
Satellitenstaat unter der persischen Knechtschaft. Siehe, wir sind Knechte
und in dem Lande, dass du unseren Vätern gegeben hast, seine Früchte und
Güter zu genießen, siehe, in ihm sind wir Knechte. Und all seinen Ertrag
bringt den Königen großen Gewinn, die über uns gesetzt sind um unserer
Sünden willen, und sie herrschen über unsere Leiber und über unser Vieh
nach ihrem Willen und wir sind in großer Not.
Wir sind in großer Not.
Von den 55 Jahren meines Lebens habe ich 40 in der DDR gelebt, aber ich
habe noch nie eine Zeit solcher Not erlebt wie in diesen Tagen. Wir sind in
großer Not! Wenn die Menschen nicht mehr nur zu Dutzenden oder zu Hunderten
oder zu Tausenden oder zu Zehntausenden das Land verlassen – über
Hunderttausend Menschen haben in diesem Jahr schon unser Land verlassen.
Man kann ja schon keinen Menschen mehr treffen, ohne die Frage zu stellen:
was ist hier los, was wird hier geschehen, was ist hier? Wir sind in großer
Not – und so viele DDR-Bürger sitzen nachts voller Tränen vor ihren
Fernsehgeräten, wenn wir die Flüchtlingsströme sehen müssen und die Wasser-
werfer und wir fragen uns: wo sind wir denn eigentlich hin gekommen, dass
ein Dialog nicht mehr möglich ist und dass man Wasserwerfer einsetzen muss?
Wir sind in großer Not, weil die Angst in unserem Land immer größer wird.
Mich hat heute einer gefragt, warum ich hier mit einer Zahnbürste im Hemd
herumlaufe. Das habe ich vom Dr. Martin Luther King gelernt, der in der
amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gesagt hat: seit immer bereit, wenn es
nötig wird, auch einmal das Quartier zu wechseln (tosender Applaus).
Ich erinnere mich, wir haben vor fast zwanzig Jahren in unseren
Jugendgottesdiensten, als der Fritz Müller das Lied gesungen hat: Hast du
deine Zahnbürste dabei?" Wir haben damals die Bilder gesehen, als mit
Wasserwerfern gegen die Neger vorgegangen wurde, und wir haben es nicht
geglaubt. Wir haben es uns nicht vorstellen können. Ich habe gestern in die
verzweifelten Gesichter von jungen Menschen gesehen, die es erlebt haben
und nicht fassen konnten, dass mit uns jetzt so gesprochen wird.
Wir sind in großer Not – auch wenn in diesen Tagen die Befürchtung
ausgesprochen wird, dass alles noch viel schlimmer wird und es vielleicht
zu Blutvergießen kommt. Wo sind wir denn hinge-kommen, dass wir
Blutvergießen befürchten müssen, mitten in unserem Land und auf den Straßen
unserer Städte. Wir sind an einem Punkt unserer Geschichte angekommen, wo
jeder (oder sagen wir besser: fast jeder) erkennt, dass es so nicht
weitergehen kann. Wir brauchen einen Neuanfang - und die Bibel sagt uns,
wie das funktioniert. Missstände nennen und Schuld bekennen, nur so kommt
es zu einer Veränderung (tosender Applaus). Veränderung ist ein Zeichen von
Leben. Wo keine Veränderung stattfindet, da kann man nur noch den Tod
registrieren. Unser Bekenntnis heißt: Nach Tod und Dunkelheit siegt das
Licht, wer an den Auferstandenen glaubt, fürchtet sich nicht!" Wer das auch
glaubt, kann jetzt aufstehen und mitsingen.
__
[1] Jesaja 55, 11
[2] Johannes 14, 6
[3] Nehemia 9, 21
[4] Nehemia 9, 33
[5] Nehemia 9, 35
[6] ADN: die Nachrichtenagentur der ehemaligen DDR. – Anm. des Schreibers.
