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Theologe reagiert: Nathan der Weise ( Ringparabel)

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28.10.2022

Einführung und Überblick zur Ringparabel

Die Ringparabel ist zu einer klassischen Erzählung der deutschen Literatur geworden. Sie hat im Laufe der Jahre Hunderttausende Menschen beeinflusst, wie sie über Religion denken – sowohl zum Guten als auch zum Schlechten.

Heute betrachten wir zunächst die Grundfassung der Ringparabel. Danach schauen wir uns an, wie Lessing die Ringparabel in seinem Drama „Nathan der Weise“ auf entscheidende Weise verändert hat. Anschließend gehen wir auf die neun kritischsten Punkte ein.

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Also schauen wir uns zuerst die Grundfassung der Ringparabel an. Die findest du in der Novellensammlung Il Decamerone von Giovanni Boccaccio. Hören wir einmal rein.

Die Grundfassung der Ringparabel nach Boccaccio

Saladin, dessen Größe so außergewöhnlich war, dass sie ihn nicht nur vom einfachen Mann zum Sultan von Babylon erhob, sondern ihm auch vielfache Siege über sarazenische und christliche Fürsten gewährte, hatte in zahlreichen Kriegen mit großem Aufwand seinen gesamten Schatz verbraucht. Nun, da neue und unerwartete Bedürfnisse wieder an Bedeutung gewannen, wusste er nicht, wo er so schnell die nötigen Mittel auftreiben sollte.

Da erinnerte er sich an einen reichen Juden namens Melchisedek, der in Alexandrien Bücher verlieh und nach Saladins Ansicht wohl in der Lage gewesen wäre, ihm zu helfen. Doch dieser war so geizig, dass er es aus freien Stücken nie getan hätte. Gewalt wollte Saladin nicht anwenden, aber das Bedürfnis war dringend. Er war fest entschlossen, auf die eine oder andere Weise den Juden zur Hilfe zu bewegen, wenn auch nur unter einem Vorwand und mit einem gewissen Schein, um ihn zum Recht zu zwingen.

Endlich ließ er Melchisedek rufen, empfing ihn freundlich, ließ ihn neben sich Platz nehmen und sprach dann: „Mein Freund, ich habe schon viel von deiner Weisheit gehört, besonders in göttlichen Dingen. Darum möchte ich gern von dir wissen, welches der drei Gesetze du für das wahre hältst: das jüdische, das sarazenische – gemeint ist das muslimische – oder das christliche?“

Der Jude war in der Tat ein weiser Mann und erkannte sofort, dass Saladin ihm solche Fragen nur stellte, um ihn mit seinen Worten zu fangen. Er sah auch, dass Saladin mit welcher Antwort er auch immer kam, stets seinen Zweck erreichen würde. So bemühte er seinen ganzen Scharfsinn, um eine unverfängliche Antwort zu finden, wie sie ihm nur möglich war.

Schon fiel ihm ein, wie er sprechen musste, und er begann nun mit der Ringparabel nach Boccaccio:

„Mein Gebieter, die Frage, die ihr mir stellt, ist schön und tiefsinnig. Soll ich euch aber meine Meinung sagen, muss ich euch zunächst eine kleine Geschichte erzählen, die ihr sogleich hören sollt.

Ich erinnere mich, oft gehört zu haben, dass einst ein reicher und vornehmer Mann lebte, der unter allen seinen kostbaren Juwelen, die er in seinem Schatz verwahrte, einen wunderschönen und wertvollen Ring besonders schätzte. Um diesen Ring wegen seines Wertes und seiner Schönheit zu ehren und ihn für immer im Besitz seiner Nachkommen zu erhalten, ordnete er an, dass derjenige seiner Söhne, der den Ring als Erbe vom Vater übergeben bekam, als dessen rechtmäßiger Nachfolger gelten und vor allen anderen als der Vornehmste geehrt werden sollte.

Der erste Empfänger des Rings traf unter seinen Kindern eine ähnliche Verfügung und handelte ebenso wie sein Vorgänger. Kurz gesagt, der Ring ging von Hand zu Hand über viele Generationen hinweg.

Endlich kam er in den Besitz eines Mannes, der drei Söhne hatte. Diese waren alle schön, tugendhaft und ihrem Vater gehorsam, weshalb sie auch gleichermaßen zärtlich von ihm geliebt wurden. Die Jünglinge wussten um die Bedeutung der Ringe. Da jeder von ihnen der Geehrteste unter seinen Brüdern sein wollte, baten sie einzeln ihren bereits alten Vater inständig um das Geschenk des Rings.

Der gute Mann liebte sie alle gleich und konnte selbst keine Wahl unter ihnen treffen. So versprach er jedem von ihnen den Ring und sann darüber nach, wie er alle zufriedenstellen könnte. Zu diesem Zweck ließ er heimlich von einem geschickten Meister zwei weitere Ringe anfertigen, die dem ersten so ähnlich waren, dass er selbst, der den Auftrag gab, kaum den echten erkennen konnte.

Als er auf dem Sterbebett lag, gab er heimlich jedem der Söhne einen der Ringe. Nach des Vaters Tod beanspruchte jeder die Erbschaft und den Vorrang für sich. Da einer dem anderen das Recht bestritt, zeigte jeder den Ring vor, den er erhalten hatte.

Da sich herausstellte, dass die Ringe einander so ähnlich waren, dass niemand den echten erkennen konnte, blieb die Frage, welcher der wahre Erbe des Vaters sei, unentschieden – und so ist es bis heute.

So sage ich euch nun, mein Gebieter“, fuhr Melchisedek fort, „jetzt wieder von den drei Gesetzen, die Gottvater den drei Völkern gegeben hat und über die ihr mich befragt. Jedes Volk glaubt, seine Erbschaft, sein wahres Gesetz und seine Gebote zu besitzen, denen es folgt. Wer aber tatsächlich Recht hat, ist, wie bei den Ringen, eine Frage, die noch nicht entschieden ist.“

Besonderheiten und Kritikpunkte an Boccaccios Fassung

Ein paar Besonderheiten bei Boccaccio

Die Hauptfigur, der Nathan, heißt Melchisedek – genauso wie in der Genesis. Er wird als sehr geizig charakterisiert. Das bedeutet, er verleiht Geld sogar zu Wucherzinsen, also zu maßlos überteuerten Zinsen. In der Regel verleiht er an sehr bedürftige Menschen, die kurzfristige Kredite brauchen, um zu überleben. Dabei zockt er sie ab, obwohl das laut Gottes Gebot gar nicht erlaubt ist. In der Geschichte würde er sogar Saladin kein Geld leihen wollen.

Bei Boccaccio geht es außerdem um die Frage, welches Gesetz das wahre ist. Als studierter Religionswissenschaftler muss ich sagen, dass das eine schwierige Charakterisierung ist. Natürlich gibt es in allen drei großen monotheistischen Weltanschauungen – Judentum, Christentum und Islam – Regeln. Welche Regeln und Gebote laut dem Neuen Testament für Christen heute noch gelten, habe ich in einem eigenen Video ausführlich erklärt. Dieses Video wurde bereits tausendfach angesehen. Wer möchte, kann die Glocke unter diesem Video drücken, um es Schritt für Schritt nachvollziehen zu können.

Trotzdem muss man ganz deutlich festhalten, und das ist auch eine Besonderheit des biblischen Christentums im Gegensatz zu den anderen Weltanschauungen: Im biblischen Christentum geht es vordergründig gar nicht so sehr um Regeln, Gesetze und Gebote. Ich erkläre das gleich noch genauer. Das biblische Christentum erhebt den Anspruch, die Realität wahrheitsgemäß zu beschreiben. Das heißt, es soll kein Märchen oder eine Fabel sein, sondern die Realität so darstellen, wie sie ist.

Im Kern geht es im biblischen Christentum darum, wie schuldige Individuen, die es wirklich von Herzen wollen, vor dem Jüngsten Gericht freigesprochen werden können. Dieser Freispruch wird diesen Individuen als freies Geschenk Gottes angeboten. Das hat erst einmal nicht so viel mit Regeln und Gesetzen zu tun.

Ein weiterer Punkt: Bei Boccaccio soll Melchisedek, also Nathan, dem Sultan eine Frage beantworten. Wenn er sie falsch beantwortet, würde der Sultan an Melchisedeks Geld herankommen. Im Text heißt es auch, dass, egal welches dieser Gesetze Nathan vor den anderen loben möchte, Saladin immer seinen Zweck erreichte.

Warum das so ist, wird allerdings nicht erklärt. Das macht die Sache etwas witzlos, weil wir als Leser die Konsequenzen und den Spieleinsatz nicht kennen. Wir müssen erraten, was passieren würde, wenn Nathan eine falsche Antwort gäbe.

Was der Ring symbolisiert, ist klar: Er steht für die eine wahre Religion. Doch es ist völlig unklar, woran man genau diesen einen wahren Ring erkennen soll und woher man wissen kann, welche Religion wirklich die wahre ist.

Ebenfalls ziemlich seltsam bei Boccaccio ist, dass der „Vater“, also Gott, in dem Gleichnis jedem der Söhne den Ring verspricht. Es heißt: „Der gute Mann liebte sie alle gleichmäßig und wusste selbst keine Wahl unter ihnen zu treffen, so versprach er denn den Ring einem jeden.“ Das ist eine sehr ungewöhnliche Wahl der Erzählung.

Boccaccio hätte es auch so erzählen können, dass die Söhne selbst den Ring nehmen, also dass jede Religion für sich beansprucht, die wahre zu sein. Aber in Boccaccios Version sieht es so aus, als hätte der Vater – Gott – im besten Fall aus Menschenfurcht oder Altersschwäche gehandelt und im schlimmsten Fall seine eigenen Kinder grundlegend angelogen und vorsätzlich getäuscht.

Dazu passt auch, was danach folgt: „Als er auf dem Totenbett lag, gab er heimlich jedem der Söhne einen von den Ringen.“ Und dann endet die Erzählung bei Boccaccio zunächst unentschieden.

Das ist ebenfalls seltsam, denn so weiß nicht nur die Welt nicht, welcher Ring der wahre ist, sondern auch die Söhne selbst wissen es nicht. Im Klartext bedeutet das bei Boccaccio, dass die drei Weltreligionen selbst nicht wissen, ob sie wahr sind.

Damit stellt sich für uns als Individuen die Frage: Wozu sollen wir dann einer dieser drei Weltreligionen beitreten? Warum sollte ich als Markus mein ganzes Leben ändern, wenn völlig unklar ist, ob die Weltanschauung, der ich beitreten möchte, überhaupt wahr ist?

Wenn wir in dieser Logik keine Möglichkeit haben, das zu überprüfen, und wenn mir auch keiner der Mitglieder der Religion ein Argument dafür geben kann, wird die Sache schwierig.

Diese Grundhaltung, die bei Boccaccio zwischen den Zeilen mitschwingt, ist für mich als jemanden, der erst atheistisch aufgewachsen ist und dann bewusst und absichtlich dem Christentum beigetreten ist, nicht plausibel.

Natürlich machen unterschiedliche Weltanschauungen unterschiedliche Aussagen, und sie können nicht alle gleichzeitig wahr sein. Zum Beispiel sagt das Christentum, dass Jesus von Nazaret gestorben und auferstanden ist. Der Islam dagegen behauptet, Jesus sei nicht gestorben. Das kann nicht beides wahr sein. Wenn eines wahr ist, ist das andere automatisch falsch.

Manche Aussagen der Weltreligionen stimmen mit der Realität überein, andere nicht. Die Kernaussagen des biblischen Christentums stimmen ausgesprochen gut mit der Realität und den historischen Fakten überein, was beim Islam beispielsweise nicht der Fall ist.

Das mag harsch klingen, ist aber einfach Fakt. Es hilft nichts, um den heißen Brei herumzureden.

Zu diesem Thema habe ich auf diesem Kanal mehrere Videos vorbereitet, in denen du das Schritt für Schritt in Ruhe nachvollziehen kannst. Wer möchte, kann gerne die Glocke unter diesem Video drücken, damit die Videos angezeigt werden.

Lessings Bearbeitung der Ringparabel und persönliche Eindrücke

Gehen wir jetzt weiter zu dem, was Lessing über vierhundert Jahre später aus der Erzählung von Boccaccio gemacht hat. Ein paar Eindrücke mal aus dem gesamten Buch, bevor wir die wichtigen Passagen lesen.

Ich habe das Buch schon ein paarmal gelesen. Damals war ich auf einem humanistischen Gymnasium und hatte Literaturleistungskurs, sodass ich das Buch bereits kannte. Nach dem Abitur habe ich im Nebenfach Philosophie studiert. Daher war mir auch die Zeit, in der Lessing das niedergeschrieben hat, sowie Lessings Denkweise nicht völlig unbekannt.

Trotzdem war es eine befremdliche Erfahrung, das Buch jetzt wiederzulesen. Woran mache ich das fest? Zum Beispiel daran, wie häufig in diesem Buch Blasphemie genutzt wird. Charaktere sagen Dinge wie „Oh Gott“, „ach Gott“ oder einfach nur „Gott“. Ich würde das verstehen, wenn diese Blasphemie eine Rolle in der Handlung hätte. Oder wenn Lessing sie wenigstens nutzen würde, um die Personen, die sich blasphemisch äußern, irgendwie zu charakterisieren. Das tut er aber nicht. Diese Blasphemie wird einfach als ganz normale Redewendung benutzt, sodass der Leser denken könnte, es wäre normal, so zu sprechen.

Was auch befremdlich war: Das Buch enthält seitenweise Nebenschauplätze und Details, die für die Handlung unerheblich sind und danach nie wieder auftauchen. Zum Beispiel geht es um einen Mantel, ein Schachspiel oder ein Schwert. Das ist merkwürdig.

Ebenso komisch ist, dass die Charaktere sich über belanglose Details emotional komplett eskalieren. Die Emotionen kochen bei Dingen hoch, die zwei Seiten später wieder völlig irrelevant sind. Tatsächlich habe ich während des Lesens mal einen Dialog aus dem Buch nachgestellt. Ich habe dabei nur den Gegenstand, um den es ging, ausgetauscht – mit einer Blumenvase, die bei uns im Wohnzimmer steht. Meine Frau kam gerade rein und schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

Es wird noch seltsamer: Eine der Figuren aus dem Buch, eine junge Frau namens Recher, gerät in Lebensgefahr. Sie wird von einem Soldaten gerettet, der in dem Drama auch zwei verschiedene Namen hat. Direkt danach verliebt sich Recher auf der Stelle in den Soldaten und will ihn heiraten. Alle anderen Figuren finden das normal.

Zur Erinnerung: Dieser Soldat in diesem Drama ist ein Typ, den sie nicht kennt. Sie kennt ihn nicht. Er äußert sich wiederholt antisemitisch, sagt von sich selbst, er sei suizidal, und beschimpft Recher bei fast jedem ihrer Treffen. Trotzdem verliebt sie sich in ihn. Niemand denkt an etwas wie posttraumatische Belastungsstörung oder Stockholm-Syndrom. Alle finden das normal und ermutigen sie sogar dazu, sich lebenslang und unwiderruflich an diesen Mann zu binden. Das würde heutzutage als psychischer Missbrauch gelten – zu Recht.

Und das Kurioseste von allem: Bevor wir direkt in den Inhalt gehen, stellt sich am Ende des Buches heraus, dass die meisten Hauptcharaktere Verwandte ersten Grades sind. Aber alle freuen sich plötzlich darüber.

Zur Erinnerung: Wenige Minuten vorher wollten Recher und der Soldat noch heiraten, höchstwahrscheinlich miteinander schlafen und Kinder haben. Plötzlich stellt sich heraus, dass das nicht geht, weil sie Geschwister sind. Statt dass das ein ultimativer Schock ist – dass die quasi Verlobte des Soldaten und seine fast Ehefrau seine eigene Schwester ist und er um ein Haar Inzest begangen hätte – sind alle völlig okay damit und freuen sich sogar.

Das ist eine Wendung, die im echten Leben schwer vorstellbar ist.

Dazu kommen noch ein paar Details, zum Beispiel, dass die Christen im gesamten Drama entweder als ziemlich unsympathisch oder sogar etwas geistig beschränkt dargestellt werden. Aber das überspringen wir nochmal.

Ich will nur sagen: Es wundert mich nicht, dass das Drama zur Zeit der Erstaufführung nicht gerade mit guten Kritiken aufgenommen wurde.

Aber schauen wir es uns bei Lessing einmal an.

Die Ringparabel in Lessings „Nathan der Weise“

Also, dritter Aufzug, fünfter Auftritt:

Saladin sagt: „Da du, Nathan, nun so weise bist, so sage mir noch einmal, was für ein Glaube, was für ein Gesetz hat dir am meisten eingeleuchtet?“

Nathan antwortet darauf Folgendes:

Vor grauen Jahren lebte ein Mann im Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte und hatte die geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug.

Was Wunder, dass der Mann im Osten diesen Ring darum nie vom Finger ließ und die Verfügung traf, ihn auf ewig bei seinem Hause zu erhalten, nämlich so: Er ließ den Ring von seinen Söhnen dem Geliebtesten, und setzte fest, dass dieser wiederum den Ring von seinen Söhnen dem vermache, der ihm der liebste sei. Und stets der Liebste, ohne Ansehen der Geburt, in Kraft allein des Rings das Haupt der Fürst des Hauses werde.

So kam nun dieser Ring von Sohn zu Sohn, auf einen Vater, endlich von drei Söhnen, die alle drei ihm gleich gehorsam waren, die alle drei erfolgreich gleich zu lieben sich nicht entbrechen konnten. Nur von Zeit zu Zeit erschien ihm bald der eine, bald der andere, bald der dritte, und so wie jeder sich mit ihm allein befand, ergoss sich sein Herz und hielt die anderen zwei nicht für würdiger des Ringes.

Schwierig, denn er hatte jedem die fromme Schwachheit versprochen. Es kam zum Sterben, und der gute Vater geriet in Verlegenheit. Es schmerzte ihn, zwei von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort verlassen, so zu kränken. Was tun?

Er sandte sie heimlich zu einem Künstler, bei dem er nach dem Muster seines Ringes noch zwei andere bestellte. Weder Kosten noch Mühen sollten gespart werden, sie jenem gleich, vollkommen gleich zu machen. Das gelang dem Künstler.

Als er ihm die Ringe brachte, konnte selbst der Vater seinen Musterring nicht unterscheiden. Froh und freudig rief er seine Söhne, jeden insbesondere, und gab jedem seinen Segen und seinen Ring und starb.

Kaum war der Vater tot, so kam ein jeder mit seinem Ring, und jeder wollte der Fürst des Hauses sein. Man untersuchte, man zankte, man klagte – vergeblich, der rechte Ring war nicht erweislich.

So, sagt Nathan weiter, fast so unerweislich, als uns jetzt der rechte Glaube.

Saladin fragt zurück: „Wie, das soll die Antwort auf meine Frage sein?“

Nathan sagt weiter: „Soll mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe nicht zu unterscheiden traute, die der Vater in der Absicht machen ließ, damit sie nicht zu unterscheiden wären.“

„Hier schreibt Lessing“, sagt Saladin, „die Ringe spielen nicht mit mir. Ich dachte, dass die Religionen, die ich dir genannt habe, doch wohl zu unterscheiden wären, bis auf die Kleidung, bis auf Speis und Trank.“

„Und nur vonseiten ihrer Gründe nicht“, antwortet Nathan, „denn gründen alle sich nicht auf Geschichte, geschrieben oder überliefert. Und Geschichte muss doch wohl allein auf Treu und Glauben angenommen werden, sagt er hier, nicht? Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn am wenigsten in Zweifel? Doch der seinen, doch deren Blut wir sind, doch deren, die von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe gegeben, die uns nie getäuscht, als wo getäuscht zu werden uns heilsamer war. Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben? Oder umgekehrt, wie kann ich von dir verlangen, dass du deine Vorfahren Lügen straft, um meinen nicht zu widersprechen? Oder umgekehrt, das Nämliche gilt von den Christen.“

„Lass uns auf den Ring wiederkommen“, sagt Nathan. „Wie gesagt, die Söhne verklagten sich, und denn jeder schwor dem Richter unmittelbar aus seines Vaters Hand den Ring zu haben, wie er auch war, nachdem er von ihm lange das Versprechen schon gehabt, das Ringes Vorrecht einmal zu genießen, wie nicht minder war. Der Vater“, beteuert jeder, „könne gegen ihn nicht falsch gewesen sein, und ehe er dieses von ihm, von einem solchen lieben Vater, arg wohnen lasse, müsse er seine Brüder, so gern er sonst von ihnen nur das Beste bereit zu glauben sei, des falschen Spiels bezeihen, und er wolle die Verräter schon auszufinden wissen, sich schon rächen.“

Also, du merkst schon im Zusammenhang hier: Es geht darum, der Vater, der sie getäuscht hat, kann sie nicht getäuscht haben, also müssen die Brüder sich gegenseitig täuschen. Das ist schon mal eine tolle Ausgangsvoraussetzung.

Dann heißt es weiter:

Und nun der Richter, so antwortet Nathan weiter, der Richter sprach: „Wenn ihr mir nun den Vater nicht bald zur Stelle schafft, so weiß ich euch von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich das Rätsel zu lösen da bin? Oder harret ihr, bis der rechte Ring den Mund öffne? Doch halt, ich höre ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm. Das muss entscheiden, denn die falschen Ringe werden das doch nicht können.“

„Nun, wen lieben zwei von euch, gemeint sind die Brüder, am meisten? Macht sagt an! Ihr schweigt? Die Ringe wirken nur zurück und nicht nach außen. Oh, jeder liebt sich selber nur am meisten. Oh, so seid ihr alle drei betrogene Betrüger, eure Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring ist vermutlich verloren. Den Verlust zu bergen, zu ersetzen ließ der Vater die drei für einen machen.“

Und also fuhr der Vater fort: „Wenn ihr nicht meinen Rat, sondern meines Spruchs wollt, geht nur. Mein Rat ist aber der, ihr nehmt die Sache völlig, wie sie liegt. Hat von euch jeder seinen Ring von seinem Vater, so glaubt jeder sicher seinen Ring den echten. Möglich, dass der Vater nun die Tyrannei des einen Rings nicht länger in seinem Hause dulden wolle, und gewiss, dass er euch allen drei geliebt und gleich geliebt, indem er zwei nicht drücken möge, um einen zu begünstigen.“

„Wollt also eifert jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach. Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins mit seinem Ring am Tag zu legen, und komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf.“

„Und wenn sich dann die Steine Kräfte bei euren Kindeskindeskindern äußern, so lad ich über tausend, tausend Jahre sie wiederum vor diesem Stuhl. Da wird ein weiserer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich und sprechen.“

Das war die Ringparabel von Lessing.

So, was fällt uns jetzt auf? Neun Dinge.

Nummer neun: Nathan der Weise geht davon aus, dass der Hauptgrund, warum man einer Weltanschauung beitritt, vor allem die Familie ist und wie du aufgewachsen bist. Da ist teilweise was dran.

Als ich damals als junger Mann zum ersten Mal in christliche Gemeinden, in christliche Kirchen gegangen bin, habe ich die Leute immer gefragt, warum sie sich fürs Christentum entschieden haben. Und ich habe immer die gleichen vier Antworten bekommen.

Was waren dann so die Antworten, die du bekommen hast?

Na ja, passt auf Leute: Also ich habe Leute gefragt, warum hast du dir das Christentum ausgesucht? Und da kamen vier Antworten.

Antwort Nummer eins: „Ja, ich bin so aufgewachsen.“ Wo ich so dachte: Ja schön, ich bin als Atheist aufgewachsen, machen wir mal Schnick Schnack Schnuck.

So, das nächste, was ich gefragt habe, war eine nächste Antwort, die dann kam, war: „Na ja, kein Problem, ich habe halt irgendeine Erfahrung gemacht, wo ich so dachte, ach, ist ja spannend.“ Halt mein Bier. Ja, da hinten sind noch drei Hinduisten, die haben jeder fünf Erfahrungen gemacht, das wird lustig. Ja. Die sind auch meistens lustiger angezogen als der Standard-Gottesdienstbesucher.

Das kommt drauf an.

Und dann habe ich jedenfalls gefragt: „Okay, was gibt es noch so?“ Und dann waren: „Na ja, alle meine Freunde, die sind halt auch alle in der Church.“ Wo ich so dachte: Ja, denkst du, Bahai-Menschen haben keine Freunde?

Oder: „Na ja, ich brauche halt das Christentum, damit ich mich irgendwie als besserer Mensch benehme.“ Und das hat mich traurig gemacht, wo ich dachte: Wirklich? Da bin ich so auf Abstand gegangen innerlich. Du brauchst eine Religion, die dir sagt, dass du dich nicht schlecht benehmen sollst? Ich glaube, ich kriege das auch so hin.

Vielleicht fühlst du dich jetzt ertappt, aber das ist ja auch eine Chance, um zu erkennen, dass mehr hinter der Weltanschauung, wie zum Beispiel im Christentum, dahinterstecken kann.

Nathan der Weise geht aber davon aus, dass es keine externen oder überprüfbaren Argumente oder Gründe für irgendeinen Wahrheitsanspruch irgendeiner der großen Weltanschauungen gibt.

Und das ist ja eben nicht der Fall.

Dazu habe ich dir eine eigene Videoreihe auf diesem Kanal bereitgestellt, wo wir Schritt für Schritt wissenschaftlich darauf eingehen und wo du dir anschauen und anhören kannst, warum es sehr gute Gründe gibt, die dafür sprechen, dass ausgerechnet das Christentum die eine zutreffende Weltanschauung ist und andere mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.

Drück gern die Glocke unter diesem Video, dann wird dir das Ganze auch angezeigt.

Nummer acht: Bei Nathan der Weise scheint es vor allem um Toleranz zu gehen.

Ich lese dir mal zwei Stellen vor:

Einmal hier: „Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott, der einem Menschen eignet, der für sich muss kämpfen lassen?“

Dann heißt es weiter an der anderen Stelle: „Wann hat und wo die fromme Raserei, den besseren Gott zu haben, diesen besseren der ganzen Welt als Besten aufzudrängen, sich in ihrer schwärzesten Gestalt mehr gezeigt als jetzt?“

Im Zusammenhang des Buches sind damit natürlich die Kreuzzüge gemeint, aber man fühlt sich als Leser auch sehr an den Dreißigjährigen Krieg erinnert, der zur Zeit von Lessing in der kulturellen Diskussion noch präsenter gewesen ist als heute.

Unfrieden zwischen Anhängern verschiedener Weltanschauungen – das ist ein absolut erstrebenswertes und auch nötiges Ziel.

Aber was wir nicht machen dürfen, ist, Wahrheit dafür zu kompromittieren, in Lüge zu leben.

In Lüge zu leben bringt immer nur noch größeren Konflikt hervor und macht am Ende alles noch schlimmer.

Und es sieht in dem Buch ganz so aus, als ob Lessing, der Autor, den Unterschied zwischen akzeptieren und tolerieren nicht kennt.

Zur Erklärung: Toleranz ist, wenn ich sage, mir gefällt es nicht, ich finde es wirklich nicht gut, es ficht mich an, aber zum Beispiel, wenn die NPD meint, dass sie am dritten Oktober einen Aufmarsch vor dem Bundestag platzieren muss, dann soll sie halt. Diese Einstellung – das ist Toleranz.

Akzeptanz auf der anderen Seite ist, wenn ich sage: Yay, wie kann ich die NPD unterstützen, wo ist das Spendenkonto? Kommt, wir sammeln alle mit für diesen Aufmarsch.

Das wäre Akzeptanz. Das ist nicht dasselbe.

Also zusammengefasst: Toleranz ist, ich wehre mich nicht dagegen. Akzeptanz ist, ich will das unterstützen und befeuern.

Dazu habe ich einen eigenen Beitrag auf diesem Kanal gemacht, wo ich das Schritt für Schritt mit Beispielen erkläre. Drück gerne die Glocke unter diesem Video, dann wird dir das auch angezeigt.

Nummer sieben: Der Ausgang der Erzählung.

Es scheint so zu sein, dass die Geschichte, die Ringparabel bei Lessing, zwei verschiedene Ausgänge hat.

Einmal, dass der Ring, die wahre Religion, verloren gegangen ist.

Und dann an einer anderen Stelle, dass der Ring von den Söhnen, also die wahre Religion, von den Anhängern selbst erwiesen werden muss.

Und das ist wirklich seltsam.

Du bekommst beim Lesen den Eindruck, dass Lessing nicht den Unterschied kennt zwischen weichem und hartem Agnostizismus.

Was ist das? Ich erkläre es kurz:

Weicher Agnostizismus ist eigentlich eine relativ gesunde und auch gute Grundhaltung, dass man sagt: Okay, ich weiß jetzt nicht, welche Weltanschauung, ich weiß nicht, welche Religion die wahre ist, aber ich würde es gern wissen.

So ist das weiche Agnostizismus.

Agnostizismus bedeutet einfach „ich weiß es nicht“, von agnosis, nicht wissen, griechisch.

Harter Agnostizismus ist etwas ganz anderes.

Weicher Agnostizismus eben: Ich weiß es nicht.

Harter Agnostizismus: Ich weiß es nicht und man kann es nicht wissen.

So stellt sich die Frage: Ich muss ja erst mal sehr, sehr viel über diesen Gegenstand selbst wissen, um die Aussage mit Bestimmtheit treffen zu können, dass man es nicht wissen kann.

Das sind zwei ganz verschiedene Dinge, weil wenn ich sage: Ich weiß es nicht, aber man kann es nicht wissen, dann muss ich ja schon wissen, dass man es nicht wissen kann und damit einiges mehr über diesen Gegenstand wissen.

So, und genau genommen ist weicher Agnostizismus eine logische Grundhaltung, mit der man an die Realität rangehen kann.

Harter Agnostizismus ist eigentlich nicht logisch, sondern verdankt sich wieder irgendeiner Weltanschauung oder Ideologie, die dahinter steht.

Wenn du möchtest, dass ich mal ein eigenes Video mache, wo wir auf diese Unterschiede und auf das Thema Atheismus noch genauer eingehen, dann drück gern die Glocke unter diesem Video, dann weiß ich, wie viele von euch das interessiert.

Problem Nummer sechs:

Nirgendwo im Neuen Testament steht, dass das Christentum, wie Lessing das behauptet, vor den Menschen angenehm machen würde – eher im Gegenteil.

Hört mal an, was Jesus selbst dazu sagt.

In Matthäus 10 sagt er: „Weil ihr euch zu mir bekennt, werdet ihr von allen gehasst werden.“

Nochmal: Nicht geliebt werden, sondern gehasst werden.

Also Jesus redet nicht nur von Hass, sondern auch davon, dass die Zugehörigkeit zu Jesus der Grund ist für diesen Hass.

In Matthäus 24 sagt er: „Man wird euch bedrängen, man wird euch, die Christen, meine Nachfolger“, sagt er, „misshandeln und töten. Die ganze Welt wird euch hassen, weil ihr zu mir gehört.“

An einer anderen Stelle, Johannes 15, heißt es: „Wenn euch meine Nachfolger, die Christen, die Welt hasst, dann sollt ihr wissen, dass sie mich vor euch gehasst hat.“

In Lukas 6 heißt es: „Wie glücklich seid ihr, wenn die Menschen euch hassen, wenn sie euch ausstoßen und euren Namen in den Schmutz ziehen, weil ihr zum Menschensohn gehört, weil ihr zu mir gehört“, sagt Jesus.

Und dann sagt Jesus noch mal ganz sonnenklar in Matthäus 24: „Seht, ich habe es euch vorausgesagt.“

Das heißt zusammengefasst: Was passiert ist, ist folgendes: Lessing behauptet einfach, wenn das Christentum wahr wäre, würde das Christentum die Christen vor anderen Menschen angenehm machen.

Das widerspricht aber direkt, sonnenklar, dem, was Jesus selbst über das Christentum sagt. Er sagt nämlich dazu das komplette Gegenteil.

Nummer fünf:

In Lessings Ringparabel sollen die Gläubigen selbst die Wahrheit hervorbringen.

Jetzt muss man überlegen, welcher Appell daraus spricht.

Was meine ich mit Appell? Damit meine ich, dass eine Botschaft verschiedene Ebenen haben kann.

Eine Botschaft kann eine Sachebene haben, das heißt, das, was die Botschaft eigentlich in der Sache aussagt.

Sie kann auch eine Selbstkundgabeebene haben, das heißt, was sagt die Botschaft über mich als Sprecher aus.

Sie kann tatsächlich auch eine Appellebene haben.

Wie das genau funktioniert mit den Kommunikationsebenen, dazu habe ich dir einen eigenen Kurs kreiert, einen Online-Kurs, mit dem du die häufigsten Denkfehler und Kommunikationsfehler über das Christentum entlarven kannst.

Den haben schon mehrere hundert Menschen live und online durchlaufen und dazu sehr gute Feedbacks abgegeben.

Schau dir gern selbst an und nimm dir mit, was immer dir davon nützlich ist.

Das findest du alles gratis auf der Website, 100 Prozent kostenfrei, der Link dazu ist unter diesem Video.

Der Appell, der Aufruf in Lessings Ringparabel hier jedenfalls scheint zu sein, etwas in Richtung Werkgerechtigkeit, das heißt, du musst dein eigenes Heil erweisen, du musst deine Rettung, du musst die Wahrheit deiner Religion durch Taten selbst hervorbringen.

Das ist etwas, was wir Werkgerechtigkeit nennen, und das ist ein völlig unchristliches Konzept.

Nummer vier:

Lessing geht davon aus, dass Wahrheit tyrannisch wäre.

Und das ist der Punkt, wo ich als Religionswissenschaftler sagen muss, das scheint zu sein, dass er das Christentum nicht verstanden hat.

Als ob im Christentum jemand gezwungen würde, Christ zu sein.

Das ist ein totales Missverständnis.

Lass mich dir das kurz erklären:

In fast allen Weltreligionen geht es darum, dass man mehr gute Taten als böse Taten vollbringen soll.

Das heißt, dass du mindestens am Ende deines Lebens einen mindestens 51 Prozent Überhang haben musst von guten zu schlechten Taten.

So, das Problem ist dabei, dass du nie wissen kannst, welche einzelne Tat jetzt eigentlich wie zählt und wie gewichtet wird.

Deshalb müssen Menschen dieser Religionen, Anhänger dieser Weltreligionen, bis zum Ende, bis zu ihrem Tod in völliger Ungewissheit und Sorge leben, ob sie zum Beispiel noch einer Oma mehr die Tür hätten aufhalten sollen oder ob sie noch einen Euro mehr hätten spenden sollen.

Das klingt vielleicht kurios, ist es aber nicht, sondern stürzt echte Menschen auf der Welt in regelrechte Verzweiflung und teilweise in Suizide.

Jedenfalls dieser Rahmen mit dem 51-Prozent-Überhang trifft zu auf alle großen Weltanschauungen zu, außer dem Buddhismus und außer dem Christentum.

Das sind die zwei Ausnahmen unter den Weltreligionen.

Ich spreche jetzt fürs Christentum.

Im Christentum geht es im Kern darum, wie schuldige Individuen, die das wirklich von Herzen wollen, vor dem Jüngsten Gericht freigesprochen werden können.

Und dass dieser Freispruch, dass er den Individuen, die das von sich aus wollen, angeboten wird als ein freiwilliges Geschenk von Gott.

Ich will das noch mal unterstreichen:

Es geht im Christentum um schuldige Individuen, die eine freiwillige Entscheidung treffen.

Es gibt also zwei Gruppen von Menschen, die das Christentum nicht hauptsächlich anspricht.

Gruppe eins: Wenn du unschuldig bist.

Unschuldig heißt nicht, mehr gute Taten als schlechte getan zu haben, sondern es heißt, unschuldig zu sein, keine schlechten Taten, so dass keinerlei Schuld an dir haftet und es kein Leid, keine Ungerechtigkeit und keine Unheiligkeit gibt, die du in die Welt gebracht hast.

Das heißt, wirklich unschuldig zu sein.

Und wenn du wirklich unschuldig bist, beispielsweise ein neugeborener Säugling oder ein Säugling vor der Geburt oder jemand mit schwerer geistiger Behinderung, der nicht Herr seiner Taten ist, dann brauchst du logischerweise keinen Freispruch beim Jüngsten Gericht, weil du beim Jüngsten Gericht nichts zu befürchten hast.

Und Gruppe zwei, die das biblische Christentum nicht hauptsächlich anspricht, ist jemand, der schuldig ist, aber keinen Freispruch möchte.

Das heißt, du weißt, dass du ein ewiges Wesen bist, aber du willst die Ewigkeit nicht mit Gott verbringen.

Auch das gibt es.

Dann wirst du dich für deine Schuld verantworten müssen, und Gott wird dich nicht gegen deinen Willen zwingen, die Ewigkeit mit ihm zu verbringen.

Auf mich trifft das beispielsweise nicht zu.

Ich weiß um das Leid, ich weiß um die Ungerechtigkeit und ich weiß um die Unheiligkeit, die ich in die Welt gebracht habe.

Ich weiß, dass ich es verdiene, die Ewigkeit in äußerster Finsternis zu verbringen.

Ich weiß, dass ich die Höllenstrafe verdiene, und ich weiß auch, wofür ich das verdiene.

Aber ich will diese Konsequenz nicht.

Ich habe Angst vor den gerechten Konsequenzen meiner eigenen Taten, die ich selbst gewählt habe.

Ich habe Angst vor der Hölle, und das sollte ich auch.

Ich will nicht, dass mir Gerechtigkeit widerfährt.

Ich liege vor Gott mit meinem Gebet und vertraue nicht auf meine Gerechtigkeit – das ist ja hoffnungslos, wenn du schuldig bist –, sondern ich vertraue auf Gottes Barmherzigkeit.

Und diese Barmherzigkeit hat einen Namen: Jesus.

Und ich bin Gott froh, dass Jesus einen Ausweg geschaffen hat, so dass ich nicht bekommen muss, was ich verdiene.

Wie genau dieser Ausweg funktioniert und wie du ihn auch bekommen kannst, das habe ich dir hier unter diesem Video verlinkt.

Jedenfalls ist das ein riesengroßer Unterschied.

Der Himmel ist keine Bonuszahlung dafür, dass du im Leben gute Taten vollbracht hast.

Der Himmel ist auch keine Belohnung dafür, Christ zu sein.

Und die Hölle ist keine Strafe dafür, nicht in der Kirche zu sein oder so ein Blödsinn.

Lass uns hier ganz klar sein.

Punkt Nummer drei, der bei Lessing kritisch ist: das Gottesbild.

Lessing setzt voraus, dass der Vater oder der Ringgeber heute überhaupt nicht mehr wirkt und gar nicht mehr ansprechbar ist.

Er ist ja gestorben in der Geschichte.

Das ist so ein Gottesbild aus der Zeit, aus der Lessing geschrieben hat: von Deismus, ganz vereinfacht gesprochen.

Das ist jetzt nicht die korrekte religionswissenschaftliche Definition, bedeutet aber ganz vereinfacht gesprochen nach dem Motto: Gott hat die Welt einmal geschaffen und dann hat er sich für immer aus der Welt verabschiedet, und das war es jetzt.

So, und das ist das, was Lessing uns hier zwischen den Zeilen einfach mitgibt.

Und das nennen wir in der Kommunikationspsychologie eine Prämisse.

Das heißt, eine Prämisse, die ich da einfach reinschleiche.

Zum Beispiel, wenn du in den Fahrradladen kommst und der Fahrradverkäufer dich fragt: „Hey, soll dein neues Fahrrad lieber rot oder grün sein? Oder wann möchtest du dein Fahrrad mitnehmen?“, obwohl du noch gar nicht gesagt hast, dass du ein Fahrrad möchtest oder dass du ihm überhaupt den Kaufauftrag gegeben hast.

Dann ist das eine sogenannte Snack-Prämisse.

Er impliziert das einfach, er schiebt das einfach zwischen den Zeilen mit rein, um dir das Fahrrad zu verkaufen.

Um mehr dazu zu erfahren, wie diese Dinge funktionieren und wie du sie selbst identifizieren kannst, wie gesagt, ist alles im Kurs erklärt.

Nimm dir den Kurs gern gratis mit im Link unter diesem Video.

Und das ist das, was hier auch so seltsam ist bei dieser Ringparabel: Denn was Lessing über Gott schreibt, ist, dass Gott die Leute anlügt.

Sie verlassen sich auf Gottes Wort, und er lügt den anderen, den Gläubigern, seinen Kindern ins Gesicht und steht dann noch nicht mal dazu.

Also wirklich ein wirklich seltsames Gottesbild.

Nummer zwei: Lessings Fazit.

Du musst das Thema von der logischen Struktur her vor Augen halten.

Er erfindet ein Kriterium: Die wahre Religion wird bei Menschen beliebt machen.

Dann sagt er: „Oh, dieses Kriterium ist nicht erfüllt, weil die Religionen miteinander im Streit liegen und die Anhänger sich bekriegen.“

Und dann spricht er das Urteil darüber und sagt: „Und deswegen kann keine Religion wahr sein.“

Also von der logischen Struktur: Er erfindet ein Kriterium, stellt dann fest, dass das Kriterium nicht erfüllt ist, und spricht dann das logische Urteil, was eigentlich klar war in dem Moment, wo er das Kriterium erfunden hat.

Das heißt, was du dir eigentlich angucken musst, ist, ob das Ursprungskriterium, die Wahrheit wird beliebt machen, wirklich zutrifft.

Und das ist im Christentum, was Jesus sagt, nicht der Fall.

Und Punkt Nummer eins ist damit die Verkehrung.

In Lessings Buch ist es so, dass die Menschen über Gott urteilen sollen.

In der Realität ist es so: Du und ich sollten uns klar machen, dass Gott über uns als Menschen urteilen wird.