Wie wörtlich darf ich die Bibel nehmen?
Einführung und Fragestellung zur Auslegung
Herzlich willkommen zum Podcast der EFH Stuttgart, heute noch mal mit Jonathan Witzemann und Thomas Powileit. Unser Podcast will zum praktischen Christsein herausfordern und zum theologischen Denken anregen.
„So wörtlich kann man die Bibel doch nicht nehmen.“ Thomas, das ist ein Satz, der dir öfter begegnet, und du hast dich eben jetzt noch mal bewusst mit diesem Thema beschäftigt. Wie verstehen wir die Bibel? Wortwörtlich oder auch anders? Soll ich mir wirklich das Auge ausreißen, wie es Jesus ja in der Bergpredigt fordert? Will Jesus wirklich, dass ich mein vertrautes Umfeld verlasse, um ihm nachzufolgen? Meint Jesus es ernst, wenn er sagt: Verkaufe alles, was du hast? Dürfen wir Christen also nichts mehr besitzen? Wie wollen diese Stellen verstanden werden?
Thomas, zu Beginn mal ganz konkret an dich die Frage: Wie geht es dir denn mit diesen Bibelstellen? Nimmst du sie wortwörtlich?
Also, ich finde manche der Bibelstellen, die du angesprochen hast, sehr herausfordernd. Sie fordern mich in meiner Jesusnachfolge. Wenn ich solche Sätze höre, dann merke ich: Jesus ist — ich würde mal sagen — in gutem Sinne radikal in seinen Aussagen. Er fordert mich heraus, meine Komfortzone zu verlassen. Im Bild gesprochen: er fordert mich auf, aus dem sicheren Boot ins Wasser zu steigen.
Die Frage ist ja: Nehme ich diese Bibelstellen wörtlich? Die hast du mir ja gestellt, und meine Antwort ist zunächst einmal ja. Ich nehme sie wörtlich, wenn nicht offensichtlich ist, dass diese Aussage bildlich verstanden werden muss oder in einem bestimmten Kontext zu einer bestimmten Person gesprochen wurde.
Das heißt: Manche krassen Aussagen sind vielleicht bildlich gemeint oder an jemand Bestimmtes gerichtet. In beiden Fällen sollte ich sie dann nicht wortwörtlich als Appell für mich verstehen.
Konkretes Beispiel: der reiche Jüngling und Kontext
Was wäre denn für dich ein konkretes Beispiel für so eine Aussage? Na ja, die Aussage zum Beispiel ist die von Jesus in Lukas 18 gegenüber diesem reichen jungen Mann. Der Mann war ja davon überzeugt, ein Vorzeigechrist zu sein — so würde ich es in unserem Kontext übersetzen. Offenbar hing er jedoch sehr am Geld, an seinen Besitztümern als Person.
Deshalb fordert Jesus ihn heraus: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen. In der Geschichte lesen wir, dass er das nicht wollte, weil sein Reichtum ihm wichtiger war als Jesus.
Hier ist der Kontext ganz wichtig. Jesus geht es nicht darum, dass Christen generell nichts mehr besitzen dürfen. Schon im Alten Testament wird durch die Gebote Gottes deutlich, dass Gott Eigentum achtet. Gott ist kein Kommunist, der sagt, du dürfest kein Eigentum haben.
Ich denke auch an Apostelgeschichte 5. Dort gibt es Hananias. Er verkauft seinen Besitz, gibt dann aber nicht den vollen Erlös und tut so, als habe er alles gespendet. Petrus sagt daraufhin: Erstens hättest du das Land nicht verkaufen müssen, und zweitens musstest du das Geld nicht spenden; du hättest es auch für dich behalten können.
Die Aufforderung des Herrn Jesus in Lukas 18, alles zu verkaufen, ist also sehr konkret an das Leben dieses reichen Mannes gerichtet und keine allgemeine Aussage für alle Christen. Das kann ich so sicher sagen, weil andere Bibelstellen deutlich machen, dass es keine allgemeine Regel sein kann — sie sagen im Grunde das Gegenteil.
Das Prinzip, das du hier ansprichst, gilt grundsätzlich: Wir müssen immer den Kontext beachten, in dem eine bestimmte Aussage auftaucht und entstanden ist. Was denkst du dazu, inwiefern man solche Aussagen auf das eigene Leben beziehen sollte?
Anwendung auf das persönliche Leben und geistliches Hören
Also wenn der Kontext der Bibelstelle ein ganz anderer ist als mein eigener, hat mir die Stelle dann überhaupt noch etwas zu sagen? Ja, ich glaube schon.
Wenn ich bei diesem Beispiel bleibe: Das, was der Herr Jesus diesem Mann sagt, ist nicht automatisch eine Handlungsaufforderung an mich. Ich stelle jetzt nicht zwingend alles bei eBay ein, was ich besitze. Dennoch fordert mich die Bibelstelle heraus, darüber nachzudenken, wie ich grundsätzlich mit meinem Besitz umgehe. Bin ich Verwalter meines Besitzes, oder ist es Gottes Eigentum?
Es gibt die eine Sicht: Ich bin nur Verwalter. Die andere Sicht ist sicher, dass ich denke: Hey, das gehört mir alles. Ich kann allein darüber verfügen. Das ist etwas, worüber ich wirklich nachdenken muss. Und das führt mich dazu, mit Jesus ins Gespräch zu kommen und zu sagen: Herr, wie möchtest du, dass ich deinen Besitz verwalte? So verstehe ich dann: Ja, es ist wirklich sein Besitz.
Natürlich kann es auch sein, dass Gott eine Bibelstelle sehr persönlich in mein Leben hineinredet und mich, wie diesen jungen Mann, herausfordert: Verkaufe alles. Das ist dann ein sehr spezielles Erleben, wenn Gott so direkt spricht. Ich gehe davon aus: Ich lese die Bibel, frage mich, was dieser Text mir sagt, und bei dieser Stelle würde ich sagen, es ist nicht unbedingt eine absolute Handlungsaufforderung. Aber die Stelle hinterfragt mich und bringt mich dazu, prinzipielle Dinge meiner Jesus-Nachfolge zu überdenken.
Wie merke ich das konkret, also wie merke ich beim Lesen von Lukas 18 zum Beispiel, ob diese Stelle mich eher allgemein zum Nachdenken bringen soll oder ob ich ganz konkret davon betroffen bin? Das ist eine sehr gute Frage.
Ich glaube, der Kontext ist entscheidend: In welche Situation spricht Jesus hinein? Dann kann Gottes Wort mich sehr persönlich ansprechen. Es kann also sein, dass ich merke: Okay, jetzt geht es wirklich darum, alles zu verkaufen. Das lässt sich nicht theoretisch erklären. Solche Momente gibt es, und man muss sie erlebt haben. Dann schlägt Gottes Wort wie ein Blitz ins Leben ein.
Normalerweise lese ich eine Stelle aber und verstehe: Es geht hier um ein generelles Prinzip. Das ist meist die Ausgangslage. Dann überlege ich, in welcher Situation die Worte hineingesprochen sind, wo ich eine ähnliche Lage habe und in welcher Weise mich das betreffen kann. Das ist nicht einfach zu erklären.
Ich denke zum Beispiel an Jesaja 6. Da hört Jesaja die Stimme Gottes, die zu ihm sagt: Wen soll ich senden, wer will für uns gehen? Es kann sein, dass ich den Eindruck habe, Gott ruft mich in eine Arbeit in ein anderes Land, ich aber nicht weiterkomme. Dann lese ich diese Bibelstelle, und manchmal wird das Wort Gottes gerade in meiner Situation zum Reden. Das kann mich bewegen, mich in einer Missionsgesellschaft zu bewerben.
Solche sehr intensiven Erlebnisse sind allerdings speziell. Ansonsten muss ich offen bleiben und beten: Herr, rede in meinem Leben! Wenn das mein Gebet ist, wird Gott sein Wort benutzen, um mir durch die Schrift zu zeigen, was ihm wichtig ist.
Bildhafte Sprache erkennen — Kriterien und Beispiele aus der Offenbarung
In der Anmoderation hatte ich ja auch die Stelle aus Matthäus 5 genannt, wo es heißt: „Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir.“ Kann es sein, dass Gott das hier konkret von mir fordert, zum Beispiel? Das glaube ich eben nicht. Das ist eine Bibelstelle, bei der es sehr offensichtlich ist: Jesus benutzt hier ein ganz krasses Bild, um seinen Punkt deutlich zu machen.
Das ist ein Bild, keine Handlungsanweisung, sich das Auge auszureißen. Auch hier ist der Kontext wichtig. Jesus sagt es, um deutlich zu machen: Wenn mein Auge in mir die Sehnsucht triggert, mit einer Frau zu schlafen, mit der ich nicht verheiratet bin, dann muss ich radikal sein. Diese Gedanken sind Sünde, und mit Sünde kann ich nicht sanft und nachlässig umgehen. Ich muss radikal sein. Ich gebe diesen unzüchtigen Gedanken kein Forum in meinem Kopf, egal wie.
Entweder nutze ich meinen Computer nur unter Aufsicht, oder ich gehe der verheirateten Frau, die zunehmend einen Platz in meinem Herzen gewinnt, konsequent aus dem Weg. Das „Auge ausreißen“ ist ein Bild dafür, etwas aus meinem Sichtfeld zu entfernen und damit hoffentlich bald auch aus meinem Denken. Falsches Denken führt zu falschem Handeln. Deshalb muss ich schon bei falschen Blicken ansetzen. Dieses grundsätzliche Prinzip sollte man nicht wörtlich nehmen, also nicht, dass ich mir das Auge ausreiße. Vielmehr geht es darum, Dinge aus dem Sichtfeld zu verbannen. Das ist es, was es hier zu lernen gilt.
Vorhin wurde auch betont, dass man bei biblischen Aussagen den Kontext beachten muss. Man muss sich klar sein, was der Kontext ist, bevor man Aussagen der Bibel auf sich selbst oder auf andere bezieht. Es gibt aber auch geistliche Prinzipien, die man auf sich anwenden kann, auch wenn die konkrete Aussage einen selbst vielleicht nicht direkt betrifft.
Vorhin war das Thema der Verwalter; daraus ergibt sich die Frage, welche Kriterien helfen zu erkennen, wann Aussagen wortwörtlich zu verstehen sind und wann es sich um bildliche Sprache handelt. Wenn eine Aussage offensichtlich keinen Sinn macht, ist sie wahrscheinlich ein Sprachbild. Ganz klassische Beispiele sind die Bäume, die in die Hände klatschen. Dafür muss ich nicht in die Baumschule gehen und nach einer besonderen Baumart fragen, die in die Hände klatscht; das ist eine bildliche Umschreibung von Freude.
Vor allem in poetischen Texten, wie in den Psalmen, haben wir sehr oft Sprachbilder. Auch in apokalyptischen Texten, zum Beispiel in der Offenbarung, begegnen uns immer wieder Sprachbilder. Das Gute daran in der Offenbarung ist, dass viele dieser Sprachbilder uns sogar vorgestellt werden. Ich greife mal einige heraus.
Gleich zu Anfang der Offenbarung ist von sieben Leuchtern die Rede, und die werden dann als sieben Gemeinden vorgestellt. Das Bild wird also klar erläutert. In Offenbarung 5 begegnet uns Räucherwerk, das dort als Bild für die Gebete der Heiligen gilt. In Offenbarung 11 haben wir zwei Ölbäume und zwei Leuchter; diese werden mit zwei lebendigen Zeugen gleichgesetzt. Dann gibt es noch die sieben Köpfe des Tieres: Das sind sieben Berge und sieben Könige, heißt es. Die weiße Leinwand bei der Hochzeit des Lammes ist die Gerechtigkeit der Heiligen.
Wenn man die Offenbarung wörtlich auslegt, sollte man auf jeden Fall im Blick haben, dass die Offenbarung jede Menge Bilder enthält, die sich sogar teilweise selbst auslegen. Dafür muss man sensibel sein, ob manches, wovon die Offenbarung redet, nicht doch eher eine Sprachfigur ist, auch wenn es nicht ausdrücklich erklärt wird. Ich denke zum Beispiel an das Schwert, das aus dem Mund des Reiters auf dem weißen Pferd hervorgeht: Ist das wirklich ein Schwert, oder ist es ein Bild für Macht? Das sind die Fragen, die man sich stellen muss.
Um noch einmal darauf zurückzukommen: Wenn das Bild keinen Sinn macht, dann ist es wahrscheinlich ein Sprachbild.
Den Blick auf Jesus beim Lesen der Schrift
Die Offenbarung erklärt das teilweise auch selbst. Beim Lesen merkt man schnell, dass es ganz spezielle Texte sind, in denen viele Bilder verwendet werden.
Wie ist es bei den anderen Büchern in der Bibel? Kann ich unbeschwert sagen: Ich nehme die Texte zunächst wörtlich? Ich glaube, zunächst kann ich das, was in der Bibel steht, wörtlich nehmen. Dabei sollte ich aber auch beachten, was Jesus selbst sagt.
In Lukas 24,44 heißt es: Es muss alles erfüllt werden, was über mich geschrieben steht, im Gesetz des Moses, in den Propheten und in den Psalmen.
Es geht in der Bibel immer wieder um Jesus. Er ist das Zentrum der Schrift, und deshalb muss ich beim Lesen der Bibel immer wieder nach ihm Ausschau halten.
Was meinst du da konkret, also wie hältst du beim Bibellesen Ausschau nach Jesus? Es gibt Bibelstellen, die eindeutig auf Jesus hinweisen. Zum Beispiel Jesaja 7,14: Eine Jungfrau wird schwanger werden, sie wird einen Sohn gebären. Das greift Matthäus später im Neuen Testament auf und zieht eine Erfüllungslinie hin zu Jesus.
Jesus selbst zeigt, wie er in alttestamentlichen Texten vorkommt. In Johannes 3 vergleicht er sich zum Beispiel mit der kupfernen Schlange. Er sagt, so wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so werde auch ich erhöht werden am Kreuz.
Auch Paulus sieht in den Texten des Alten Testaments immer wieder auf Jesus hin. In Römer 3 spricht Paulus vom Sühnedeckel, der auf der Bundeslade lag und von dieser faszinierenden Versöhnung zwischen Gott und den Menschen redet. Er sagt, dass Jesus diese Versöhnung vollbracht hat und dass der Sühnedeckel ein Bild auf Jesus ist.
Ganz spannend finde ich auch 1. Korinther 10. Dort vergleicht Paulus den Herrn Jesus mit dem Felsen, der die Israeliten auf ihrer Wüstenwanderung begleitete. Das ist für mich offensichtlich.
Paulus redet hier nicht vom buchstäblichen Felsen, der neben dem Volk herläuft. Er meint vielmehr: Jesus ist das Fundament meines Glaubens, der Fels, auf den ich mein Leben bauen kann; der Herr, der mit mir geht.
Tatsächlich ist das Thema der alttestamentlichen Texte immer wieder Jesus, so wie er es selbst sagt.
Personen als Vorbilder und die Gefahr der Überinterpretation
Okay, das heißt: Ich kann dann… du hast ja jetzt verschiedene Stellen im Neuen Testament genannt, die zeigen, wo in Objekten im Alten Testament Hinweise auf Jesus versteckt sind. Gibt es da noch mehr Beispiele? Das waren jetzt alles Objekte. Gibt es auch Personen, die auf Jesus hinweisen?
Das ist eine gute Frage. Die gibt es tatsächlich. Also Personen. Manchmal sagen diese Personen selbst sogar, dass sie auf Jesus hinweisen, ohne ihn zu kennen. Ich denke zum Beispiel an Mose, der sagt: Einem Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern erstehen lassen; auf ihn sollt ihr hören. Da weist er ja auf Jesus hin.
Es gibt auch Personen, die nicht ausdrücklich so etwas sagen wie Mose. Trotzdem sollte ich mich fragen: Sind sie nicht Hinweise auf Jesus? Jesus selbst sagt in Matthäus 12 etwas sehr Spannendes. Er sagt: „Mit mir seht ihr einen Größeren als Jona.“ Damit vergleicht er sich mit Jona. Er sagt auch: „Mit mir seht ihr einen Größeren als die Königin von Saba.“
Da könnte man weitermachen. Man könnte sagen: Jesus ist größer als Abel, weil Jesus unschuldig getötet wurde; sein Blut schreit aber nicht nach Verurteilung, wie das Blut Abels, sondern nach Befreiung. Oder: Jesus ist größer als Josef. Jesus wurde erniedrigt, um sein Volk zu retten. Die Rettung des Herrn Jesus war jedoch viel umfassender, weil Jesus vor dem ewigen Tod rettet; Josef rettete nur vor dem Hungertod.
Oder: Jesus ist größer als Esther. Sie sagt vielleicht: „Komme ich um, so komme ich um.“ Jesus ist tatsächlich umgekommen, um die Juden nicht nur vor dem leiblichen Tod zu retten, sondern alle Menschen vor dem ewigen Tod.
Wenn ich die Geschichten des Alten Testaments mit diesem Jesus-Fokus lese, bekommen sie für mich noch eine andere Tiefe. Man muss sagen: Es gibt oft zwei Ebenen der Auslegung. Die vordergründige Ebene zeigt zum Beispiel, wie Gott David in seinem Kampf mit Goliath hilft. Die hintergründige Ebene hilft zu verstehen: So wie David gegen den übermächtigen Feind kämpft und für sein Volk siegt, so hat auch Jesus unseren Feind besiegt und uns damit Freiheit geschenkt.
Jemand hat mal gesagt – das fand ich ein guter Satz: Es ist wichtig, Jesus aus dem Text und vom Text her zu predigen. Man muss hier aber auch aufpassen, dass man in Bibeltexte nichts hineinliest, was der Text selbst gar nicht sagen will. Sonst besteht die Gefahr, dass jeder in den Text genau das sieht, was er dort sehen will.
In der Auslegungsgeschichte hat man viel über das diskutiert, was du jetzt ansprichst; man nennt das Allegorie. Allegorie kommt ja von „etwas anderes reden“. Ich lese eine biblische Geschichte und suche vor allem die geistliche Wahrheit, die hinter dieser Geschichte steht. Ich rede also das Andere, das nicht das ist, was vordergründig im Text steht.
Wir haben gesehen: Das ist ein Stück weit legitim, aber es kann in der Tat manchmal auch verrutschen. Diese allegorische Schriftauslegung kommt von Origenes. Er hatte das bei den Philosophen seiner Zeit gesehen: Sie gruben hinter normalen Geschichten Wahrheiten aus, an die der Autor wahrscheinlich nie gedacht hatte. Das faszinierte Origenes so sehr, dass er daraus ein Prinzip ableitete. Man nennt es den dreifachen Schriftsinn.
Er sah zunächst den reinen Wortlaut des Textes. Das war für ihn die Anfängerebene; er verglich sie mit dem Körper. Interessanter war für ihn die Ebene, die er mit der Seele verglich. Das ist die typische pietistische Auslegung: Was hat der Text mir persönlich zu sagen? Was soll ich tun? Die höchste Ebene war für Origenes die Ebene des Geistes. Hier sah er die göttlichen Geheimnisse, die Heilsgeschichte und die Beziehung zwischen Christus und der Kirche.
Im Mittelalter hat man diese Gedanken dann noch einmal ausgebaut und daraus einen lateinischen Merksatz gemacht. Auf Deutsch heißt er etwa: Der Buchstabe lehrt das Geschehene (also das Vordergründige), die Allegorie lehrt, was du glauben sollst, die Moral lehrt, was du tun sollst, und die Anagogie, also die Hinführung zu einer höheren Auslegung, lehrt das, wonach du streben sollst.
Das Problem bei Origenes, das ich sehe, war: Wenn er bei einem Schriftsinn nicht weiterkam, wich er einfach auf einen anderen Schriftsinn aus. Bei diesem geistigen Schriftsinn hat man manchmal den Eindruck, er habe sich wirklich etwas ausgedacht. Wenn ich beliebig etwas in den Text hineinlegen kann, kann der Text nicht länger als Beleg für meine Auslegung gelten. Dann kann sehr leicht Irrlehre aus dieser Auslegung entstehen.
Deshalb ist es so wichtig zu fragen: Was wollte der Autor seinen ursprünglichen Empfängern sagen? Was steht wirklich im Text?
Neutestamentliche Ausleger und persönliche Konsequenzen
Das ist nach wie vor mein Prinzip. Meine ganz persönliche Entdeckung, vor allem im letzten Jahr, war jedoch: Die Autoren des Neuen Testaments zeigen immer wieder geistliche Wahrheiten hinter biblischen Aussagen auf, auf die ich jedenfalls nicht so schnell kommen würde.
Was ist damit konkret gemeint? Zum Beispiel: Wo zeigt ein Autor im Neuen Testament so eine versteckte geistliche Wahrheit auf? Der klassische Text ist natürlich Galater 4,24. Paulus sagt dort wörtlich: „Das hat einen bildlichen Sinn.“ Er meint damit Sarah und Hagar. Diese Frauen bedeuten zwei Bündnisse: eines vom Berg Sinai, das in die Sklaverei hineingebiert ist — das ist Hagar; denn Hagar ist der Berg Sinai in Arabien. Paulus sieht also starke Bilder hinter diesen Bibelversen und legt sie aus.
Das macht er auch in 2. Korinther 4. Dort spricht er über den ersten Schöpfungstag und sagt: „Gott ließ aus der Finsternis Licht leuchten.“ Das ist ja auch am ersten Schöpfungstag so gezeichnet. Paulus überträgt diesen Gedanken auf uns und macht deutlich: Genauso hat Gott es auch in unseren dunklen Herzen nicht werden lassen. Auf diesen Gedanken komme ich selber beim Lesen von 1. Mose 1 gar nicht. Paulus bezieht es dann sofort auf mein Herz sozusagen.
Bei Petrus war ich ebenfalls sehr überrascht. In 1. Petrus 2 redet er von dem Eckstein im Alten Testament, den die Bauleute nicht als den entscheidenden Baustein erkennen. Dann vergleicht er ihn mit Jesus und sagt: Ah, Jesus ist dieser entscheidende Eckstein, dessen Bedeutung die Bauleute nicht erkennen. Ich finde es sehr spannend, dass er in diesem Zusammenhang bestimmte Begriffe für Israel verwendet, also Ausdrücke wie auserwähltes Geschlecht, heilige Nation, Volk des Besitzes. Diese Begriffe überträgt er dann auf die Gemeinde, indem er sagt: Ihr seid dieses auserwählte Geschlecht.
Ich stoße in meiner persönlichen Bibellese immer wieder auf solche Auslegungen des Alten Testaments durch neutestamentliche Autoren. Ehrlich gesagt passen die oft nicht zu meinem bisherigen Auslegungsverständnis. Ein weiterer Text, der mich ratlos zurücklässt, ist Apostelgeschichte 15. Jakobus zitiert dort den Propheten Amos mit dem Wort „Ich will die Hütte Davids wieder aufbauen“ und bringt das in Verbindung mit der Tatsache, dass man auf der Konferenz durch persönliche Lebensberichte gehört hat, wie Gott sich aus den Nationen ein Volk holt. Das scheint in direkter Verbindung mit dieser Bibelstelle zu stehen. Früher gingen meine Gedanken bei diesem Vers immer sehr weit in die Zukunft; für mich war das nur mit Israel verknüpft. Jakobus scheint hier aber noch andere Aspekte zu sehen.
Oder um es abzuschließen: Hebräer 10 ist auch so ein Text. Der Schreiber des Briefes redet zu seinen Lesern und sagt, in Gottes Willen seien wir geheiligt durch das ein für alle Mal vollbrachte Opfer des Leibes Jesu Christi. Er begründet das mit dem Gedanken des neuen Bundes aus Jeremia 31. Das war für mich bisher ein Text, den ich nur Israel zugeschrieben habe. Der Hebräerbriefschreiber wendet diesen Text jedoch auf die Gemeinschaft der Gläubigen an, um zu belegen, dass wir durch das Opfer des Herrn Jesus für immer vollkommen gemacht sind. Das war für mich eine Entdeckung: Wie legen die Autoren des Neuen Testaments die Texte des Alten Testaments aus? Oft überraschend.
Das lässt einen auch Fragen zurück: Wie greifen neutestamentliche Autoren oder Personen in Berichten das Alte Testament auf, wenden es an, legen es aus? Wie geht man dann persönlich damit um, wenn man darüber stolpert und Fragen stehenbleiben? Ich staune erst einmal darüber und denke: Hätte ich so nicht ausgelegt. Aber ich lasse es vorerst stehen. Für mich ist wichtig, dass ich vom Text ausgehe und nicht von der Theologie. Das ist auch das, was ich bei der katholischen Kirche problematisch finde: Dort dürfen dogmatische Aussagen offenbar nicht von der Schrift hinterfragt werden. Die Dogmatik ist gesetzt und steht über den biblischen Aussagen, und das halte ich für falsch. Der Bibeltext ist entscheidend, aber das muss ich dann auch auf mich selbst anwenden.
Wörtliche Auslegung hieß für mich lange, Bibeltexte hätten keine geistliche Aussage, wenn sie nicht klar im Text selbst stünden. Wenn die neutestamentlichen Autoren es anders machen — und das scheint so zu sein —, dann muss ich von meinem Prinzip abrücken. Ich muss weiterhin vorsichtig sein, mir nichts in die Texte hineinzulesen und mir keine Autorität anzumaßen, die vielleicht tatsächlich nur den neutestamentlichen Autoren zukommt. Zugleich will ich offener sein, mehr nach Jesus Ausschau zu halten und geistliche Wahrheiten aus Bibeltexten abzuleiten. Das umfasst für mich sowohl wörtliche Auslegung als auch genaues Hören auf den Text selbst.
Vielen Dank, dass wir heute in diese Gedanken zur Frage mitgenommen wurden, wie wir die Bibel verstehen und wie sie verstanden werden will. Das war wieder der Podcast der evangelischen Freikirche „Evangelium für alle“ hier in Stuttgart. Wir hoffen, auch ihr konntet Impulse für euer persönliches Bibelstudium und für euer alltägliches Bibellesen mitnehmen. Wenn es Fragen gibt, über die hier gesprochen werden soll, oder Anmerkungen zum Podcast, schreibt gerne an podcast@efa-stuttgart.de. Wir wünschen Gottes Segen.