Einführung in das Thema Schwören
Gott wird Mensch: Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist. Episode 203 vom Schwören, Teil 3.
In der letzten Episode haben wir einiges über das Schwören gelernt. Ein Schwur oder ein Eid ist für Situationen gedacht, in denen es besonders auf die Wahrhaftigkeit einer Aussage ankommt. Das kann vor Gericht sein, beim Ablegen eines Gelübdes oder wenn ich im persönlichen Gespräch ganz genau wissen muss, dass mein Gesprächspartner mich nicht anlügt. Dafür ist ein Schwur da.
Ein Eid unterstreicht die Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit einer Sache. Das Schwören selbst sollte bei Gott geschehen. Ein typischer Schwur, diesmal aus dem Mund eines Engels, klingt so:
Offenbarung 10,5-6:
„Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf der Erde stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel und schwor bei dem, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, der den Himmel erschuf und das, was in ihm ist, und die Erde und das, was auf ihr ist, und das Meer und das, was in ihm ist: Es wird keine Frist mehr sein.“
Ein Schwur hat also, wenn es um Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit geht, eine wichtige Funktion im Umgang der Menschen miteinander.
Die Lehre Jesu zum Schwören im Kontext der damaligen Praxis
Warum formuliert der Herr Jesus in Matthäus 5,34: „Ich aber sage euch, schwört überhaupt nicht“? Das muss mit dem zu tun haben, was die Rabbis gelehrt haben.
Der Vers davor, Matthäus 5,33, lautet: „Wiederum habt ihr gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht falsch schwören, du sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen.“ Ich soll also nicht falsch schwören und Gott meine Eide erfüllen. Bis hierhin klingt alles super. Alles ist in Ordnung, solange ich bei Gott schwöre und nur bei Gott. Der Schwur selbst bleibt als Mittel der Bestätigung meiner Aussage besonderen Gelegenheiten und Situationen vorbehalten.
Nur war das zur Zeit Jesu anders. In Matthäus 5,34-36 heißt es: „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist seines Fußschemels, noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs, noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du kannst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz machen.“
Wir merken also: Zur Zeit Jesu wurde nicht nur bei Gott geschworen, sondern bei allen möglichen Dingen. Und statt genau das zu verbieten und darauf hinzuweisen, dass man nur bei Gott schwören darf, beschäftigten sich die Schriftgelehrten und Pharisäer mit der Frage, welcher Schwur gelten soll und welcher nicht.
Wenn ich vor Gott oder Menschen einen Schwur ablege, muss ich dann immer die Wahrheit sagen? Die Antwort der Rabbis war: Nein, das hängt ganz vom Schwur ab. Es gab Schwurformeln, die bindend waren, und solche, die es nicht waren. Es gab also Schwurformeln, die zwar wie Schwüre klangen, in Wirklichkeit aber nur heiße Luft waren.
Kritik an der rabbinischen Schwurpraxis und Jesu Gegenrede
Ich greife vor, weil es hier so gut passt: Wehe-Rufe gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer, Matthäus 23.
Die Verse 16 bis 18:
„Wehe euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wenn jemand beim Tempel schwört, ist das nichts; wenn aber jemand beim Gold des Tempels schwört, ist er gebunden. Narren und Blinde, was ist denn größer, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Und wenn jemand beim Altar schwört, ist das nichts; wenn aber jemand bei der Gabe schwört, die auf ihm ist, so ist er gebunden.“
Hier haben wir die Lehre der Rabbis im Detail. Wenn man beim Tempel schwört, gilt der Schwur nicht. Schwöre ich jedoch beim Gold des Tempels, bin ich gebunden. Wenn ich beim Altar schwöre, ist das nichts; schwöre ich aber bei dem Opfer, das auf dem Altar liegt, bin ich gebunden.
Wie abstrus diese Logik ist, macht der Herr Jesus deutlich, wenn er fortfährt: Matthäus 23, Verse 19 bis 22:
„Blinde, was ist denn größer, die Gabe oder der Altar, der die Gabe heiligt? Wer nun beim Altar schwört, schwört bei ihm und bei allem, was auf ihm ist. Und wer beim Tempel schwört, schwört bei ihm und bei dem, der ihn bewohnt. Und wer beim Himmel schwört, schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.“
Könnt ihr die Perversion spüren, die hinter dieser Entwicklung steht? Einer Gesellschaft wird von Gott ein Mittel in die Hand gegeben, um in entscheidenden Momenten die Wahrhaftigkeit einer Aussage sicherzustellen. Darum geht es ja beim Schwören: Ich weiß, jetzt wird die Wahrheit gesagt.
Natürlich können Menschen trotzdem lügen. Petrus tut das im Hof des Hohenpriesters, als er Jesus verleugnet (Markus 14,77):
„Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.“
Spannende Formulierung, oder? Sich zu verfluchen und zu schwören gehört zusammen. Wenn ich schwöre, ist das eine Selbstverfluchung: Gott möge mich strafen, wenn ich jetzt nicht die Wahrheit sage.
Aber was, wenn es Schwüre gibt, die gelten, und solche, die nicht gelten? Beim Schwören beim Tempel gilt der Schwur nicht, beim Schwören beim Gold des Tempels aber schon. Da blickt doch keiner durch. Keiner außer einer kleinen Gruppe von Eingeweihten, die ganz genau wissen, was sie sagen müssen, um den Eindruck zu erwecken, sie würden die Wahrheit sagen – „ich schwöre“ – und doch durch den Schwur selbst nicht gebunden sind.
Der Schwur, gegeben, um die Wahrheit sicherzustellen, wird so zu einem Mittel, um eine Lüge zu kaschieren. Ein Eid wird zu einem Instrument der Täuschung. Absolut gruselig!
Und machen wir uns nichts vor: Stößt man diese Tür erst einmal auf, wird jeder davon Gebrauch machen.
Jesu Lösungsvorschlag und abschließende Gedanken
Und wie sieht dann die Lösung aus? Jesus bringt dazu zwei Gedanken. Erstens: Schwört überhaupt nicht, jedenfalls nicht bei diesem ganzen Kram wie Himmel und Erde, Jerusalem oder dem eigenen Kopf.
Das ist, was ich eingangs meinte, als ich sagte, dass ich das Verbot des Schwörens situativ auslege. Wenn von 1. Mose bis Offenbarung geschworen wird, wenn das Schwören geboten wird, die Apostel es tun und auch Gott selbst schwört, dann fällt es mir schwer, das Verbot als allumfassend anzusehen.
Dann muss es eine Art von Qualifizierung geben, die mitschwingt. Wenn ich mir den Zustand der Gesellschaft anschaue, sehe ich, wie aus einem Schwur bei Gott ein Schwur bei allen möglichen Dingen geworden war. Wie Schwüre nach „Gilt“ und „Gilt nicht“ aufgeteilt wurden.
Dann glaube ich, dass der Herr Jesus mit „Schwört überhaupt nicht“ kein grundsätzliches Verbot ausspricht, sondern auf das Verhalten seiner Zeitgenossen anspielt. So wie sie mit dem Thema Schwören umgehen, das ist so falsch, dass sie damit am besten komplett aufhören sollten. Ihr Verständnis vom Schwören ist so weit weg von der ursprünglichen Intention Gottes, dass es nur ein Mittel gibt: sofort ganz damit aufhören.
Lesen Sie Matthäus 23 und machen Sie sich mit dem Denken der Pharisäer und Schriftgelehrten noch besser vertraut.
Das war's für heute. Wenn Sie meine Homepage frogwords.de noch nicht kennen, schauen Sie sie sich doch einmal an. Meine Frau hat den Bereich Apologetik in den Winterferien neu gestaltet, und auch die Themensuche ist jetzt viel besser.
Der Herr segne Sie, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
