Serie•Teil 2 / 3Einführung in das Buch der Psalmen
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Die fünf Bücher der Psalmen und ihre innere Ordnung
Zum Aufbau der Psalmen
Im Grundtext werden die 150 Psalmen in fünf Bücher aufgeteilt. Das erste Buch umfasst die Psalmen 1 bis 41. Dann kommt ein Titel, und diesen Titel findet man im hebräischen Grundtext auch vor Psalm 42. Dort beginnt das zweite Buch. Dieses Buch geht bis Psalm 72. Wir sehen also: Die Länge der Bücher ist unterschiedlich.
Dann folgt das dritte Buch mit den Psalmen 73 bis 89, das vierte Buch mit den Psalmen 90 bis 106 und das fünfte Buch mit den Psalmen 107 bis 150.
Diese Einteilung wird aber nicht nur durch diese Zwischenüberschriften mit „erstes“, „zweites“ oder „drittes Buch“ deutlich. Am Ende jedes Psalmenbuches gibt es auch einen Refrain, der in Variationen, also ganz nach musikalischer Manier, immer wieder vorkommt.
Schauen wir uns Psalm 41 an. Der letzte Vers, Vers 13, schließt nicht einfach Psalm 41 ab, sondern das ganze erste Buch. Darum wurde er in der alten Elberfelder korrekt ein wenig abgesetzt gedruckt. Dort heißt es: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit bis in Ewigkeit! Amen, ja, Amen!“
Achten wir darauf: Gott wird gepriesen, von Ewigkeit bis in Ewigkeit, und dann dieses ungewöhnliche doppelte Amen: „Amen, ja, Amen.“
Dann gehen wir zu Psalm 72, zu diesem Psalm, in dem alle Sehnsüchte und Gebete Davids ihre Vollendung finden. Dort heißt es in Vers 18: Das ist nun nicht einfach der Abschluss von Psalm 72, sondern gleichzeitig der Abschluss des ganzen zweiten Buches. „Gepriesen sei der Herr, Gott, der Gott Israels, der Wunder tut, er allein! Und gepriesen sei sein herrlicher Name in Ewigkeit, und die ganze Erde werde erfüllt mit seiner Herrlichkeit! Amen, ja, Amen!“
Verbindungen zu den Büchern Mose
Aber wir merken, wie hier in Variation das Thema ausgefüllt wird. Da kommt einiges mehr in die Sätze hinein, aber es ist genau dasselbe Motiv.
Erstaunlich ist Folgendes: Hier wird gesagt, die ganze Erde werde erfüllt mit seiner Herrlichkeit. Wie endet das zweite Buch Mose? Das zweite Buch Mose endet mit der Vollendung des Stiftshüttenbaus, und wir sehen dort die Schechina, die Wolke der Herrlichkeit Gottes, die in die Stiftshütte kommt. 2. Mose 40,34-35: Und die Wolke bedeckte das Zelt der Zusammenkunft, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnung. Und Mose konnte nicht in das Zelt der Zusammenkunft hineingehen, denn die Wolke ruhte darauf, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnung.
Das zweite Buch Mose endet mit Gottes Herrlichkeit, die die Stiftshütte erfüllt, dem Ort, wo Gott inmitten einer götzendienerischen Welt wohnt. Und nun endet Psalm 72 im Refrain damit, dass Gottes Herrlichkeit die ganze Erde erfüllt, nämlich in der Zeit, wenn dann der Messias über die ganze Erde herrschen wird. Also da sieht man einen ganz deutlichen Bezug zu den Büchern Mose. Und das gibt schon mal eine erste Idee: Aha, offensichtlich könnte man da eine Analogie, eine Parallele entdecken zwischen den Büchern Moses und den Büchern Davids, zwischen den fünf Büchern Moses und den fünf Büchern der Psalmen.
Nun gehen wir zu Psalm 89, und wir sehen dort den Refrain für das dritte Buch. Der letzte Vers schließt das ganze dritte Buch ab: „Gepriesen sei der Herr ewiglich! Amen, ja, Amen!“ Knapp gefasst, aber es ist dasselbe Thema.
Dann gehen wir zum Schluss des vierten Buches. Der Refrain in Psalm 106,48 liest sich wie folgt: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit, und alles Volk sage: Amen! Lobet den Herrn!“ Dort finden wir den Refrain nicht mehr. Ist auch nicht mehr nötig, denn am Schluss des Buches weiß man, dass es jetzt fertig ist, ja? Aber bei den anderen Büchern sehen wir ganz klar, dass der Refrain gegeben ist, um diese von Gott gewollte Fünfteilung zu erwirken.
Die Abfolge der Psalmen als theologischer Hinweis
Und das hilft uns nun schon einmal im Blick auf den Gedanken: Wie sollen wir die Psalmen in ihrer Abfolge lesen? Hat die Abfolge irgendetwas zu bedeuten, oder sind sie irgendwie zufällig so angeordnet?
Nun, wenn man auf die Autoren schaut, dann findet man: Das erste Buch ist voll von Davidspsalmen. Und dann findet man im zweiten Buch plötzlich andere Autoren; da kommen die Söhne Koras. Aber man findet auch dort Psalmen Davids. Also kann man die Bücher nicht einfach nach Autoren ordnen. Und am Anfang des vierten Buches finden wir einen Psalm von Mose. Also kann man auch nicht denken, die Psalmen seien nach einem zeitlichen Schema geordnet. Denn der Psalm, von dem wir wissen und den wir datieren können, ist Psalm 90. Er ist der älteste Psalm. Er ist aber nicht der erste Psalm.
Also: Die Einteilung geht nicht nach Autoren. Aber wir haben schon einen Hinweis darauf, dass die Psalmen offensichtlich nach einer bestimmten Ordnung angelegt sind. Übrigens behandelt der Psalm von Mose die Wüstenreise. Und in Psalm 90 wird daher die Vergänglichkeit des Menschen vorgestellt. Im Gegensatz zu Gott, der immer bleibt und der uns in unserer Vergänglichkeit so der Anker der Seele ist in der Ewigkeit.
Psalm 90 ist ein Gebet von Mose, dem Mann Gottes: Herr, du bist unsere Wohnung gewesen von Generation zu Generation. Mose hat ja in der Wüstenwanderung erlebt, wie die Auszugsgeneration sterben musste. Sie durfte nicht ins Land. Dann kam eine neue Generation; die war dann für das Land vorgesehen.
Psalm 90 und die Wüstenzeit
Von Generation zu Generation, ehe die Berge geboren waren und die Erde und den Erdkreis, ehe du die Berge und die Erde und den Erdkreis erschaffen hattest, ja, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott.
Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergangen ist, und wie eine Wache in der Nacht. Drei Stunden sind vier Nachtwachen. Du schwemmst sie hinweg, sie sind wie ein Schlaf. Am Morgen sind sie wie Gras, das aufsprosst: Am Morgen blüht es und sprosst auf, am Abend wird es abgemäht und verdorrt.
Denn wir vergehen durch deinen Zorn, und durch deinen Grimm werden wir hinweggeschreckt. Du hast unsere Ungerechtigkeiten vor dich gestellt, unser verborgenes Tun vor das Licht deines Angesichts. Denn alle unsere Tage schwinden durch deinen Grimm, wir bringen unsere Jahre zu wie ein Gedanken.
Die Tage unserer Jahre, ja, sie sind siebzig Jahre, und wenn es in Kraft ist, achtzig Jahre. Und der Stolz ist Mühsal und Nichtigkeit, denn schnell eilt es vorüber, und wir fliegen dahin.
Wir wissen aus den ägyptischen Hieroglypheninschriften, dass das Durchschnittsalter, also die Lebenserwartung im alten Ägypten, etwa dreißig Jahre betrug. Das ist schon eindrücklich. Das ausgewählte Volk kommt aus Ägypten, und Mose sagt: siebzig Jahre, wenn es hochkommt achtzig. Aber es ist trotzdem so schnell wie ein Gedanke.
Und darum ist dieser zentrale Vers so wichtig. Darum eignet sich dieser Psalm auch gut für eine Abdankung: So lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz erlangen.
Also beschreibt Mose hier das Sterben in der Wüste. Und was ist das Thema des vierten Buches Mose? Es ist das Thema der Wüstenwanderung. Dort wird beschrieben, wie eine Generation, weil sie gegen Gott rebelliert hatte, in der Wüste sterben musste und das Land nicht erreichen durfte.
Und so sehen wir: Psalm 90 wurde am Anfang des vierten Buches platziert, um diesen Bezug zum vierten Buch Mose herzustellen.
Die Psalmen 22 bis 24 als zusammengehörige Folge
Also können wir wirklich auch in der Abfolge der Psalmen weiterdenken und darin einen göttlich inspirierten Plan suchen. Wir sollten uns also fragen: Warum kommt nach Psalm 22 Psalm 23? Und warum nach Psalm 23 Psalm 24? Da können wir schöne Entdeckungen machen.
Ja, wollen wir gleich. Psalm 23 können wir auswendig, und wenn nicht, dann bald. Das ist ja oft das erste Kapitel, das Kinder auswendig lernen. Nun: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Gott wird hier als Hirte vorgestellt.
Was haben wir in Psalm 22? Ein ganz anderes Thema. In Vers 2 heißt es: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist der Ruf des Gekreuzigten. Und in Vers 17 heißt es: Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben. Das ist der Gekreuzigte. Und in Vers 15 heißt es: Wie Wasser bin ich hingeschüttet, und alle meine Gebeine haben sich zertrennt. Unter der Eigenlast des Gekreuzigten renken sich ja die Knochen aus.
Hier wird das Sterben des Erlösers beschrieben. Und der Herr Jesus sagt in Johannes 10: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
Vom leidenden Hirten zum herrschenden König
Also Psalm 22, das ist der gute Hirte, der sein Leben lässt. In Psalm 23 finden wir auch den Hirten, der aber die Gläubigen führt und sie durch Not, durch das Tal des Todesschattens hindurchleitet. Das ist der grosse Hirte gemäss Hebräer 13.
Es gibt ja so drei Hirtentitel des Erlösers im Neuen Testament: den guten Hirten, Johannes 10, den grossen Hirten, Hebräer 13,20, und den Erzhirten. Der Gott des Friedens aber, „der aus den Toten wiederbrachte unseren Herrn Jesus, den grossen Hirten der Schafe“. Der grosse Hirte der Schafe, das ist der Herr Jesus, der heute die Erlösten führt. Er ist der Auferstandene aus den Toten.
Ja, das passt: Psalm 22, der gute Hirte, der stirbt. Psalm 23, der grosse Hirte, der auferstanden ist. Dann folgt Psalm 24, und da sehen wir den Messias-König, der seine Herrschaft in Jerusalem antritt. Ich lese Vers 7: „Erhebt ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ewige Pforten, dass einziehe der König der Herrlichkeit!“ Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Kampf.
„Erhebt ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ewige Pforten, dass einziehe der König der Herrlichkeit!“ Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit.
Da finden wir Christus als den herrschenden Messias, der in der Endzeit kommen wird, um in diese Welt Ordnung zu bringen, durch sein Königtum.
Der Oberhirte und die Verantwortung der Leiter
Da ist er, der Erzhirte, so wird er genannt in 1. Petrus 5. Im Zusammenhang geht es dort um Älteste, die in den Gemeinden einen Hirtendienst tun. Und Petrus sagt: Ihr müsst diesen Dienst tun, nicht aus Zwang, freiwillig, auch nicht, um euch irgendwie zu bereichern, nicht um schändlichen Gewinnwillen, auch nicht als solche, die herrschen über ihre Besitztümer, sondern er sagt in 1. Petrus 5,3, sondern bereitwillig, nicht als die, die da herrschen über ihre Besitztümer, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid. Ein Beispiel durch ihr Leben, das sollen sie sein.
Und wenn der Erzhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr den unvergänglichen Kranz, den Siegeskranz der Herrlichkeit, empfangen. Also wenn einmal der Erzhirte, das heißt der Oberhirte, unter dem alle Ältesten stehen als Unterhirten, offenbar wird bei seinem Kommen als Herrscher, dann werdet ihr den Lohn der Treue bekommen. Dann im tausendjährigen Reich wird er euch den unvergänglichen Siegeskranz der Herrlichkeit geben. Also der kommende Christus in seinem Reich ist der Oberhirte, der Erzhirte, und das entspricht genau Psalm.
So finden wir also in diesen drei Psalmen, von denen wir auf den ersten Blick denken, sie stehen thematisch völlig isoliert, plötzlich eine Trilogie, also eine Dreierabfolge, die besonders zusammengehört.
Angeregt durch solche Entdeckungen kann man weitergehen und solche Verbindungen erkennen. Man kann mit den fünf Büchern Mose eine Parallele erkennen, inhaltlich mit den fünf Büchern der Psalmen. Ich habe gewisse Andeutungen gemacht, es gibt noch mehr, und selbst in der Abfolge der Psalmen findet sich ein göttlicher Plan.
Grundzüge der hebräischen Dichtung
Nun möchte ich ein paar Worte sagen zur hebräischen Dichtung, also zur Poesie im Alten Testament. Das ist nicht nur für das Psalmenlesen nützlich, sondern für ein ganzes Drittel des Alten Testaments. Ein Drittel des Textes im Alten Testament ist in Versform geschrieben. Vom Textumfang her entspricht das etwa dem ganzen Neuen Testament. Darum lohnt es sich, einige Grundelemente der hebräischen Poesie zu kennen, zumal die Poesie im Deutschen, wie ich noch zeigen werde, weitgehend erhalten bleibt. Ich erkläre auch, wie das überhaupt möglich ist.
Die Grundstruktur der Poesie im Alten Testament ist der Aufbau eines Verses aus zwei parallel gestellten Verszeilen. Das ist sozusagen das Schulbeispiel der Dichtung: ein Vers, zusammengesetzt aus zwei Verszeilen, die parallel zueinander stehen. Nun müssen wir uns drei Grundtypen einprägen. Es gibt zwar alle möglichen Variationen dazu, aber man muss ja mit den Schulbeispielen beginnen. Und so kann man dann schon das meiste der Poesie viel besser verstehen.
Wenn man das berücksichtigt und das Buch Hiob liest, liest man plötzlich ganz anders. Man versteht den Text viel besser. Da macht man also einen deutlichen Verständnissprung nach vorne.
Der synonyme Parallelismus
Also drei Typen. Der erste heißt synonymer Parallelismus.
Ich erkläre: Das Wort synonym bedeutet ein gleichbedeutendes anderes Wort. Darum gibt es ja unter den Dudenreihen, unter der Dudenreihe, einen Band, der heißt Synonyme. Dort kann man irgendein Wort suchen und möchte wissen, welche anderen Wörter es noch gibt, die etwa das Gleiche bedeuten. Das wird dort schön zusammengestellt.
Der synonyme Parallelismus ist folgendes: In den parallelen Verszeilen wird derselbe Gedanke mit anderen Worten ausgedrückt. Zum Beispiel Psalm 19,7. Manchmal kann meine Versangabe um einen Vers variieren. Das hängt damit zusammen, dass in der alten Elberfelder leider die inspirierte Titelüberschrift nicht als Vers gerechnet wird.
Psalm 19,7:
Das Gesetz des Herrn ist vollkommen, erquickend die Seele.
Das Zeugnis des Herrn ist zuverlässig, machtweise den Einfältigen.
Die erste Verszeile ist: Das Gesetz des Herrn ist vollkommen, erquickend die Seele. Nun sehen wir: Der Ausdruck „das Gesetz des Herrn“ entspricht „das Zeugnis des Herrn“. Also ist das Zeugnis des Herrn ein anderer Ausdruck für das Gesetz. Übrigens werden ja die Zehn Gebote genannt: „das Zeugnis“. In 2. Mose 25 wird gesagt, das Zeugnis sollte in die Bundeslade gelegt werden. Das Zeugnis, das waren die Zehn Gebote der Tora, die das ganze Gesetz zusammenfassen, weil sie Zeugnis davon geben, wie Gott ist. Die Zehn Gebote sagen uns aus, wie gerecht Gott ist. Also ist das Gesetz des Herrn dasselbe wie das Zeugnis des Herrn.
Und dann wird gesagt: Das Gesetz des Herrn ist vollkommen. In der Parallele heißt es: Das Zeugnis des Herrn ist zuverlässig. Also vollkommen. Da gibt es ja Streit in der Theologie. Die liberalen Theologen sagen: Nein, nein, die Bibel hat Fehler. Und dann gibt es noch solche Künstler, die können sagen: Ja, die Bibel ist zwar vollkommen, aber sie ist nicht unfehlbar. Das ist ein Salto mortale. Aber so in dieser Weise wird operiert.
Nun, das Gesetz des Herrn ist vollkommen, und das wird hier parallel gestellt mit zuverlässig. Und wenn eine Aussage in der Bibel nicht zuverlässig wäre, weil sie menschliche Irrtümer enthält, dann ist das Gesetz nicht mehr vollkommen. Also so sehen wir: Die hebräische Poesie macht durch ihre Wiederholung ganz klar, was gemeint ist, damit wir nicht mit dem Wort vollkommen so spielen können. Ja, ja, die Bibel ist vollkommen, und so, und wir müssen zu dieser Vollkommenheit stehen, aber unfehlbar ist sie nicht. Nein, vollkommen, zuverlässig.
Und ihre Wirkung ist in der ersten Verszeile: erquickend die Seele. Also die Seele wird belebt durch das Lesen. Und das steht parallel mit: machtweise den Einfältigen. Übrigens, der Einfältige ist nicht einfach der Dummling, sondern das hebräische Wort geht zurück auf das Verb bata, offen sein. Der Einfältige ist der, der offen ist für alles. Das ist nicht dasselbe wie der Gottlose. Der Gottlose ist für die göttlichen Dinge nicht offen, aber der Einfältige ist offen für die guten Sachen, findet aber auch die schlechten gar nicht so daneben. Er ist eben ganz modern, offen für alles. Das ist ja ein Etikett, das man heute haben sollte, um in der Gesellschaft anerkannt zu sein. Und wer eben nicht offen ist für alles, der ist halt ein bisschen komisch. Aber die Bibel sagt: Das ist der Einfältige.
Das Gesetz des Herrn, das Zeugnis Gottes, macht den, der offen ist für alles, weise, damit er weiß, das Böse abzulehnen und das Gute bewusst zu wählen. Aber sehen wir: Wenn wir die Bibel so beginnen zu lesen, mit diesen parallelen Verszeilen, dann verstehen wir den Text plötzlich besser.
Ein anderes Beispiel: Psalm 119,105:
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und meines Pfades Licht.
Parallel ist: Das Wort ist Leuchte, und in der zweiten Verszeile Licht. In der ersten Zeile haben wir den Fuß, dessen Weg er geht, in der zweiten Zeile haben wir den Weg. Das steht ganz nah beieinander. Also zeigt uns einerseits das Wort Gottes, wie wir Schritt für Schritt in unserem Leben gehen können, und andererseits zeigt es auch, wie wir in der Übersicht den Weg sehen, den wir gehen sollen. Und so ergänzen sich diese beiden parallelen synonymen Zeilen.
Der antithetische Parallelismus
Typisch für die hebräische Poesie ist die Knappheit der Wörter. Wenn man hebräische Poesie liest, ist man überrascht, denn wir brauchen auf Deutsch oft viel mehr Wörter. Für eine Verszeile genügen dort manchmal nur drei Wörter, ganz knapp und gedrängt wird gesprochen.
Wir sind es aus der Lyrik der deutschen Literatur gewohnt, dass etwas umso poetischer wirkt, je weitschweifiger und redundanter es ist, also je mehr überflüssige Zusätze es enthält. Die hebräische Poesie wirkt dagegen eher trocken: kurze, prägnante Worte.
Das hängt damit zusammen, dass die Bibel sagt, der Gerechte mache nicht viele Worte. Er ist kein Schwätzer. Er weiß genau, was er zu sagen hat. Und in Prediger 5 heißt es, dass wir vor Gott nicht viele Worte machen sollen.
Nun könnte jemand sagen: Ja gut, das stimmt ja schon für die erste Zeile. Aber gerade in der zweiten Zeile wird das Gleiche dann nochmals gesagt. Das ist doch weit schweifig. Ja, das könnte gerade auf das Gegenteil hinweisen. Aber auch die zweite Zeile ist ganz knapp gehalten, um die Aussage eben so präzise und unmissverständlich wie möglich zu bringen. Die zweite Verszeile ist also dazu angetan, dass man trotz der Kürze, Knappheit und Klarheit nicht missverstanden wird.
Ich werde das dann noch ein wenig demonstrieren, wie das klingt.
Zweites Beispiel: Der antithetische Parallelismus.
Dem in der ersten Verszeile ausgedrückten Gedanken wird in der zweiten ein Kontrast gegenübergestellt. Das kommt besonders häufig in den Sprüchen vor. Darum nehme ich zuerst einmal aus dem Sprüchebuch ein Beispiel, Sprüche 28,13:
Wer seine Übertretungen verbirgt, wird kein Gelingen haben; wer sie aber bekennt und lässt, wird Barmherzigkeit erlangen.
Jetzt ist klar: Die zweite Zeile drückt nicht dasselbe mit anderen Worten aus, sondern den Gegensatz. Derjenige, der vor Gott seine Schuld nicht aufdecken will, und derjenige, der sie aufdeckt, bereut und die Folgen davon lässt.
Dann aus den Psalmen, Psalm 119,67:
„Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich; jetzt aber bewahre ich dein Wort.“
Das ist der Gegensatz zur ersten Zeile: Vergangenheit im Irrtum und jetzt das neue Leben in der Wahrheit des Wortes Gottes.
Der synthetische Parallelismus
Nun noch ein drittes Beispiel: Der dritte Typ, meine ich, ist der synthetische Parallelismus. Synthese bedeutet ja das Zusammenbringen von zwei Dingen, die dann etwas Neues ergeben und einen Schritt weiterführen. Der Gedanke der ersten Verszeile wird in der zweiten ergänzt. Hier wird also auf der ersten Zeile aufgebaut, nicht mit dem Gleichen und nicht mit einem Kontrast, sondern mit einer Weiterführung.
Psalm 119,9: Wodurch wird ein Jüngling seinen Pfad in Reinheit wandeln? Indem er sich bewahrt nach deinen Worten. Frage und Antwort: Das ist ein Beispiel für synthetischen Parallelismus.
Noch ein Beispiel: Sprüche 4,18: Aber der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe. Die erste Zeile drückt aus, dass der Gerechte so ist wie das Sonnenlicht nach der Dunkelheit der Nacht. Das Licht geht über den Bergen auf. Aber damit endet es nicht. Genauso wie die Sonne dann aufsteigt bis zur Mittagshöhe und ihre volle Leuchtkraft gibt, so ist der Weg des durch Glauben Gerechtgewordenen. Es wird immer heller, das göttliche Licht breitet sich immer mehr aus in seinem Leben bis zur Tageshöhe. Die zweite Zeile lautet also: das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe.
Es gibt Bibelübersetzungen, in denen die Verszeilen so im Text dargestellt sind, dass man sie immer sofort erkennt. Es gibt Übersetzungen, die das für die Psalmen haben, aber bei vielen anderen Büchern nicht. Praktisch alle Prophetenbücher, Jesaja, Jeremia nicht immer, Hesekiel auch nur zum Teil, aber dann alle zwölf kleinen Propheten: Die sind praktisch nur poetisch, alles Poesie, alles in Verszeilen. Auch da wäre es nützlich, wenn in der Bibelübersetzung diese Zeilen klar dargestellt würden. Dann kann man das sofort auf einen Blick erkennen.
Wenn man das aber nicht so in seiner Bibel hat, dann bekommt man mit der Zeit, wenn man das ein bisschen übt, den Blick dafür, dass man die Verszeilen sofort erkennen kann, sogar in einem Fließtext.
Die Eigenart der hebräischen Poesie und ihre Überlieferung
Ja, also jetzt haben wir etwas von der Hauptstruktur des Parallelismus im Hebräischen gesehen, und nun wird uns klar: Diese Poesie könnte man als Gedankenrein bezeichnen. Das ist ja noch nicht die Form, oder?
Wie im Deutschen ist für die Poesie einfach so wichtig, dass Rhythmus und Reim stimmen: „O grosse Erlösung, erkauft durch sein Blut, dem Sünder, der glaubt, kommt sie heute zu gut. Die volle Vergebung wird jedem zuteil, der Jesus erfasst, das göttliche Heil.“ Aber wenn man das nur ins Französische übersetzt, ist die ganze Lyrik dahin!
Nun, die hebräische Lyrik ist aber auf die Inhaltsseite konzentriert und nicht auf die formale Seite. Darum bringt man sie auch in der Bibelübersetzung gut rüber.
Wir wissen seit einigen Jahrzehnten einiges über die kanaanitische Poesie, und zwar durch die Entdeckung der ugaritischen Keilschrifttafeln aus Nordsyrien. Die wurden um 1930 entdeckt und dann bearbeitet. Es ging natürlich noch Jahre, bis die Ergebnisse da waren. Und jetzt wissen wir: Diese Art von Poesie im Alten Testament war auch die Poesie der kanaanitischen Völker, also im Land Israel bis nach Libanon; das war das kanaanitische Gebiet.
Und es ist ja so: Hebräisch ist ein kanaanitischer Dialekt. Darum wird Hebräisch in Jesaja 19 die Sprache Kanaans genannt. Abraham kam ja aus Ur in Chaldäa; dort sprach er Akkadisch, auch eine semitische Sprache, verwandt mit Arabisch, Hebräisch und Ugaritisch. Er kam ins Land Kanaan, und da lernte er, kanaanitisch zu sprechen. Und seine Nachkommen haben das übernommen. Darum sprechen sie eben kanaanitisch, ich will sagen hebräisch, in der Bibel.
Inhaltliche Tiefe und weltweite Bedeutung
Also, diese Art der Poesie ist nichts Neues in der Bibel. Sie war schon die Poesie der alten Kanaaniter. Aber bei dieser Ähnlichkeit in der Form, im Gedankenreim, war man dann doch verblüfft über den Unterschied im Inhalt.
Diese ugaritische Literatur ist etwas vom Widerlichsten, was es gibt. Es sind Göttergeschichten mit Ba'al und so weiter, aber alles reine Pornografie. So widerlich und abstoßend. Und wenn man dann die Psalmen liest, so rein, vollkommen, zuverlässig. Man könnte also sagen: Das Gefäß ist zwar wirklich sehr ähnlich wie bei den Kanaanitern, aber der Inhalt ist so unterschiedlich, wie es nur geht.
Nun, Gott hat diese Form gewählt, um die poetischen Teile des Alten Testaments zu inspirieren. Er wusste dabei im Blick auf die Weltmission, dass das Wort Gottes nicht nur einmal auf Griechisch übersetzt werden sollte, im dritten Jahrhundert vor Christus, sondern dann bis 2004 in über 2300 Sprachen, welche die Bibel teilen, wenn nicht die ganze Bibel. Und so war die Bibel schon so konzipiert, dass sie eigentlich richtig dafür gemacht war, einmal in die Sprachen der Heiden übersetzt zu werden.
So bekommen wir in allen Sprachen, wenn die Psalmen oder andere Bücher übersetzt werden, das Wesentliche der biblischen Poesie mit, obwohl wir die Grundsprache nicht kennen. Das ist schon schön zu sehen.
Aber es kommt noch dazu: Im hebräischen Text selbst gibt es auch Rhythmus. Der Reim ist ungewöhnlich, aber der Rhythmus ist da. Und zwar so, dass zum Beispiel die Verszeilen einen Rhythmus von drei plus drei haben können. Das ist sehr typisch, zum Beispiel bei unterweisenden poetischen Aussagen, sehr typisch für das Buch der Sprüche.
Dann gibt es den Rhythmus drei plus zwei, eins zwei drei, eins zwei, eins zwei drei, eins zwei. Ein dauernder Taktwechsel. Das ist typisch für die Klagelieder. Das hat also etwas sehr Jammerndes und seelisch Bewegtes an sich.
Und dann haben wir zum Beispiel auch typisch zwei plus zwei. Das ist sehr oft im Hohen Lied zu finden, also fröhliche, lyrische Poesie.
Aber was man festhalten muss: Sehr typisch ist, dass diese Poesie nicht in eine Form gepresst ist, in der der Takt immer gleich beibehalten werden muss. Stattdessen gibt es hier viel Freiheit im Taktwechsel.
Zur Überlieferung und zur mündlichen Form
Aber noch bevor man diese ugaritische Literatur erforscht hatte, sagten liberale Theologen, die Psalmen seien miserabel überliefert. Der hebräische Text sei so schlecht überliefert.
Ja, und du weisst, wir können Hebräisch lesen, oder? Wir sehen da den ständigen Wechsel des Rhythmus. Und wenn es drei Betonungen hat und dann hier zwei kommen, ist das ein Hinweis darauf, dass ein Wort ausgefallen ist, ja?
Und jetzt muss man sagen: Das war nicht der Weisheit letzter Schluss. Jetzt wissen wir, dass der Taktwechsel sehr typisch ist, schon in der Poesie von Ugarit, die zurückgeht auf das zweite Jahrtausend vor Christus. Und das sind originale Dichtungen, das sind nicht einfach Abschriften über Jahrtausende hinweg, sondern wir haben da Schriften, originale Schriften aus dem 2. Jahrtausend vor Christus. Das ist typisch: Da war der Taktwechsel. Also diese Freiheit der Poesie war da, und darum war es zum Beispiel möglich, dass man eben auch poetisch sprechen konnte.
Also Weise konnten ihre Weisheit in Versform sprechen. Da kommt oft die Frage: Wie war das mit den Freunden Hiobs? Das ist alles Poesie, alles in Verszeilen. Haben die so mit Hiob gesprochen? Oder hat ein späterer Redakteur diese Gespräche völlig umgearbeitet und daraus Poesie gemacht?
Nun, wir können davon ausgehen, dass die als grosse Weisen, für die sie sich auch selbst hielten, tatsächlich so gesprochen haben. Und das geht, weil es eben nicht eine so strenge Form ist, wie wir das in der deutschen Poesie haben. Da ist es ein bisschen schwieriger, nicht wahr, poetisch einfach so miteinander zu sprechen, in Versform und Reim. Aber es gibt also Leute, die können zum Beispiel auf Deutsch sprechen, ein Gespräch führen in Parametern, also dieser komplizierten Versmasse, die auf die Griechen zurückgeht. Es gibt Leute, die können das, aber das sind Ausnahmen.
Nun, im alten Israel kann man davon ausgehen, dass Weise auch so miteinander sprechen konnten.
Ja, wir sind jetzt bereit für die Pause. Eine halbe Stunde ist also die grosse Pause.
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