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Jesus weint über Jerusalem

01.01.1961Lukas 19,41-47

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt! Amen!

Wir hören das Evangelium des heutigen Sonntags aus Lukas 19.

Jesu tiefe Erschütterung über Jerusalem

Und als Jesus nahe herankam, sah er die Stadt Jerusalem an und weinte über sie. Er sprach: „Wenn doch auch du erkannt hättest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.

Denn es wird eine Zeit über dich kommen, in der deine Feinde um dich und deine Kinder eine Wagenburg schlagen, dich belagern und dich an allen Orten bedrängen werden. Das geschieht, weil du nicht erkannt hast, in welcher Zeit du heimgesucht wurdest.“

Dann ging er in den Tempel und fing an, die darin Verkaufenden und Kaufenden auszutreiben. Er sprach zu ihnen: „Es steht geschrieben: ‚Mein Haus soll ein Bethaus sein!‘, aber ihr habt daraus eine Mördergrube gemacht.“

Die hohen Priester, die Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten danach, ihn umzubringen.

Verheilige uns in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit! Amen!

Die Kirche zwischen Anspruch und Widerspruch

Wie ein ruhiger Teich oder ein kleiner See, der gelegentlich vom Sturm ein wenig aufgewühlt wird, so wird auch die christliche Kirche von Zeit zu Zeit durch die Frage bewegt, wozu sie eigentlich da ist.

Ähnlich wie bei einem Teich, an dessen Rand Jungen stehen und Steine hineinwerfen, die die Wellen noch etwas größer machen, passiert es auch in der Kirche. Berufene und Unberufene schreien laut, was die Kirche eigentlich tun müsste.

Die einen fordern, soziale Fragen anzupacken. Doch wenn die Kirche das tut, ruft die andere Hälfte: „Psst, mischt euch da bitte nicht ein!“ – politische Fragen seien tabu.

Ich bin überzeugt, die Kirche muss endlich ein Wort gegen die Aufrüstung sagen. Aber sofort schreit die andere Gruppe: „Nein, die Kirche muss den Kämpfern Mut machen, eventuell zu sterben für das geliebte Vaterland.“

Die Kirche soll kulturelle Dinge fördern, jungen Menschen Lebenshilfe geben und vieles mehr. Das geht dann so weit, dass ein snobistischer Primaner die Kirche verlässt und sagt: „Die Predigt hat mir nicht gefallen.“ Dabei verwechselt er die Predigt mit einer schauspielerischen Leistung.

Klarheit über den Auftrag der Kirche

Meine Freunde, ich bin sehr froh, dass das Neue Testament uns klar zeigt, was die christliche Kirche sein soll. Die Apostel, die am Anfang standen und das Fundament der christlichen Kirche bilden, standen vor dem Hohen Rat. Dort haben sie den bedeutenden Satz gesagt: „Es ist in keinem anderen Namen Heil“ – nur im Namen Jesus.

Hier wird deutlich, dass die Kirche der Welt unaufhörlich sagen muss, dass sie Narren sind, wenn sie das Heil an allen möglichen Stellen suchen. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn Jesus gab. Außerdem verspricht er, dass alle, die sich ihm anvertrauen, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.

Deshalb haben wir die Aufgabe, Jesus zu verkündigen. Ob das modern ist oder nicht, sollte uns nicht kümmern. Die Bibel sagt: „Predige die Botschaft von Jesus zur Zeit und zur Unzeit.“

Seit ich predige, war es oft eine unpassende Zeit. Trotzdem war es schön, die Erfahrungen mit Jesus dabei zu machen. So wollen wir heute Morgen auch von Jesus reden.

Unterschiedliche Vorstellungen von Jesus

Wie stellen Sie sich Jesus vor? Manchmal beneide ich die Menschen in Allensbach, die so unbeschwert und fröhlich Meinungsforschung betreiben können. Verstehen Sie mich da hinten? Geht es? Danke!

Ich wünschte, ich könnte jedem von Ihnen jetzt einen Zettel und einen Bleistift geben und sagen: Schreiben Sie in fünf Minuten auf, wie Sie sich Jesus vorstellen. Was würden Sie schreiben?

Ich bin überzeugt, am Ende würde ein Bild entstehen, das etwa dem von Thor Walzen in seinem bekannten Christusbild ähnelt: der liebende Heiland, der die Hände ausbreitet und sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ So liebe ich meinen Herrn auch.

Aber, meine Freunde, in unserem Text entdecken wir plötzlich einen ganz anderen Jesus – einen Jesus, der weint. Haben Sie schon einmal einen Mann weinen sehen? Das muss ein emotionaler Mann sein, der eine tiefe Erschütterung erlebt, die bis in seine Tiefen reicht.

Ein leidenschaftlicher Jesus

Laudenschaftlich nimmt Jesus eine Stadt ein. Im zweiten Teil unseres Textes wird er strenger: Er macht eine Peitsche daraus und säubert den Tempel von den Leuten, die dort Geschäfte machen. Zorniger und nun wirklich emotionaler, bewegter und leidenschaftlicher zeigt sich Jesus hier.

Haben Sie sich Jesus schon einmal leidenschaftlich vorgestellt? Wir sehen hier einen leidenschaftlichen Jesus. Unsere Leidenschaften sind meistens sehr trübe. Doch hier sehe ich kristallklare, vom Glanze Gottes durchleuchtete Leidenschaft.

Ich möchte als Überschrift über den Text und die Predigt schreiben: Die Leidenschaft Jesu. Ich pflege, drei Teile zu haben, damit man rechtzeitig merkt, wenn es zu Ende geht.

Die Leidenschaft Jesu – erstens seine Leidenschaft zielt darauf, zu retten, zu retten, zu retten. Er sitzt vor Jerusalem und weint, weil sich Jerusalem nicht retten lässt.

Jesu Leidenschaft zur Rettung

Ich kann gut verstehen, dass die Leute in Jerusalem gesagt haben: Retten? Na nun, wieso? Was ist hier zu retten? Wir haben uns politisch wieder arrangiert nach allerhand Schwierigkeiten, wirtschaftlich geht es vorwärts, und der religiöse Laden läuft auch ganz nett. Jetzt wissen wir wirklich nicht mehr, sprachlich von Westdeutschland oder Jerusalem, nicht? Aber es ist egal, sie bleibt.

Und da kommt einer und will retten. Was ist denn in Schwäbisch Hall zu retten? Sie haben alle gefrühstückt, sie sind gut gekleidet, der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Was ist hier viel zu retten?

Und sehen Sie, hier weint Jesus erschüttert und sagt: Eure Katastrophe ist, dass ihr überhaupt nicht merkt, was los ist. Nun ist vor euren Augen verborgen. Wenn Sie sich denken, dass eine ganze westdeutsche abendländische Welt überhaupt nicht merkt, was los ist, ist vor euren Augen verborgen, sagt er. Was denn? Was zu eurem Frieden dient.

Und plötzlich reißt er auf, was los ist. Über uns ist Gottes Zorn, Zorn über schmutzige Sünden, über unsere Selbstsucht und Launen, über unsere Unreinigkeit und Lügen, über unsere Gottlosigkeit. Gottes Zorn nun ist vor deinen Augen verborgen, dass es einen Zorn Gottes gibt und dass man verloren gehen kann. Und dass nichts wichtiger wäre für jeden von uns, für den Jungen, für das Mädchen und den Mann hier, als dass wir Frieden mit Gott bekommen.

Nun ist vor deinen Augen verborgen. Es könnte geschehen, dass bei ein paar Leuten über diesem Weinen Jesu die Augen aufgehen und sie wahrhaftig Frieden mit Gott begreifen. Jesu Leidenschaft geht dahin, dass Menschen gerettet werden, indem sie Frieden mit dem lebendigen Gott bekommen.

Jesu Leidenschaft, Menschen zu retten, damit sie Frieden mit Gott bekommen, geht so weit, dass er sich ans Kreuz schlagen lässt. Niemals, nicht anders geht es.

Gehen Sie mit mir nach Golgatha. Da hängt er am Kreuz, da geht er in die tiefen, tiefsten Tiefen: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Sehen Sie an den Mann mit der Dornenkrone, wie er dürstend rang um meine Seele, damit sie ihm zu seinem Lohn nicht fehle.

Seine Leidenschaft geht dahin, Menschen zu retten, dass sie Frieden mit Gott bekommen.

Oh, dass du erkennst – ich kann nur Jesu Worte nachstammeln –, dass du erkennst, Schwäbisch Hall, was zu deinem Frieden dient.

Ich habe oft darüber nachgedacht: Was hat Jesus, der Sohn Gottes, gedacht? Wenn mir jemand sagt, Jesus sei ein Mensch wie wir gewesen, antworte ich, sie meinen einen anderen. Hier ist ein Missverständnis. Ich rede vom Sohn Gottes, der aus der Dimension Gottes zu uns kam.

Was hat dieser Sohn Gottes in den letzten drei Minuten gedacht, als er starb? Was hat er da gedacht? Und wenn ich mir das klar mache, werde ich schwindelig, weil es die Vernunft nicht mehr fasst.

In den letzten drei Minuten hat Jesus an sie gedacht, ob sie sich wohl retten lassen. Er hat auch an mich gedacht, als er rief: Es ist vollbracht.

Ich saß vor einiger Zeit in dem großen Büro eines Industriemanagers, und dann sagte er: "Ach, Pastor Guschen, wissen Sie, heute weiß doch kein Mensch mehr, was Christentum ist. Wissen Sie, das ist so ein Konglomerat. Wissen Sie, was Christentum ist?"

"Ja", sage ich, "ich weiß es."

"Können Sie mir das deutlich sagen, mit einem Satz?"

"Ja", sage ich.

Und nun, in dem Hochhaus, Glas ringsum, Blick über rauchende Schornsteine und riesige Fabriken, sage ich: "Halten Sie sich fest, und ich will Ihnen sagen, wer ein Christ ist."

Ein Christ ist ein Mensch, der sagen kann: Ich glaube, dass Jesus Christus mein Herr ist, der mich verlorenen und verdammten – Herr Generalrektor, er nickte, er kapierte – verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat. Erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels.

Er hat den Teufel auch schon gesehen, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und seinem unschuldigen Leiden und Sterben. Auch, dass ich sein Eigen sei.

Sehen Sie, dahin geht Jesu Leidenschaft, dass Sie das sagen können. Nicht mehr wie im Konfirmandenunterricht herunterrasseln, sondern als Bekenntnis Ihres Lebens.

Jesu Leidenschaft für die Ehre Gottes

Zweiter Teil von Jesu Leidenschaft. Jesu Leidenschaft zielt zweitens auf die Ehre Gottes ab.

Gott war im Tempel in Jerusalem gegenwärtig. Doch der Tempel war zu einem bloßen Religions- und Geschäftsbetrieb geworden. Oft fragt man sich, ob nicht auch die Tempel unserer Tage ähnlich sind. Viele wünschen sich, dass in der Kirche alles so reibungslos funktionieren würde wie in den Kirchensteuerämtern.

Was machen wir aus Gott? Er erscheint auf Koppelschlössern, über Haustüren, als Fluch oder als Ausruf im Café: „Ach Gott, ich habe meinen Regenschirm vergessen!“ Was machen wir aus Gott?

Die Geschichte erzählt nun, wie Jesus leidenschaftlich den Tempel ausräumt. Er wirft die Leute hinaus. Wenn wir an seiner Stelle gewesen wären, wären wir wohl aus der Kirche ausgetreten und hätten nicht mehr hingehen wollen. Doch täuschen Sie sich nicht: Gott kann auch hinausweisen. An jenem Tag, so sagt die Bibel, wird er sagen: „Geht hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“ Jesus kann auch hinauswerfen. Täuschen Sie sich nicht.

Nun wirft er hier im Tempel die Menschen hinaus, weil es ihm um die Ehre Gottes geht. Jesus weiß, welch große Realität Gott ist. Wissen Sie das auch? Jesus weiß, dass Gott die größte Wirklichkeit ist und dass sich diese kleine Menschenwelt um ihn drehen muss – und nicht umgekehrt.

Das war eine große Entdeckung der Menschen. Früher glaubte man, die Sonne drehe sich um die Erde. Doch eines Tages entdeckte man, dass wir uns um die Sonne drehen. Wer das nicht akzeptiert, gilt als etwas unvernünftig.

Warum übertragen wir das nicht auch auf unser ganzes Leben? Warum verlangen wir im Geistlichen und im Irdischen, dass sich die Welt um uns drehen soll? Die Menschen sollen sich um uns drehen, nicht wahr? Da ist die liebe alte Oma, für die sich schon nicht alles drehen muss. Und dann gibt es den Primaner, für den sich alles drehen muss. Und den jungen Mann, für den das Wichtigste ist, mit seinen Mopedkumpanen durch die Gegend zu fahren. Zehntausend Menschen wachen auf – es ist ihm egal, Hauptsache, es dreht sich alles um ihn. Jeder will eine kleine Sonne sein, um die sich alles dreht.

Meine Freunde, wollen wir nicht endlich kapieren, dass die moderne Wissenschaft weiß, dass sich die Erde um die Sonne dreht? Und dass sich der Mensch um Gott drehen muss – und nicht alles sich um ihn drehen darf? Gott muss im Mittelpunkt stehen.

Das hat der Herr Jesus uns hier sagen wollen: Er will, dass wir Gott so ernst nehmen, dass er im Mittelpunkt unseres Lebens steht. Ach, liebe Freunde, wenn wir uns nicht um Gott drehen, sind wir gewissermaßen Meteoriten, die ziellos durch den Weltraum irren.

Jesus ist gekommen, um uns – im Bilde gesprochen – in die Bahn zu bringen, in der unser Leben sich endlich um den lebendigen Gott dreht. Lassen Sie ihn den Mittelpunkt Ihres Lebens sein. Fragen Sie sich: Was will er? Was sind seine Gebote? Und dann entdecken Sie seine Liebe, die in Jesus sichtbar wird. Dieser Heiland will uns immer näher in seine Bahn um Gott hereinziehen.

Die Leidenschaft Jesu als Ansporn für unser Leben

Ich muss hier abbrechen, möchte aber noch ein drittes Thema ansprechen. Wir sprachen bereits von der Leidenschaft Jesu, Menschen zu erretten, und zweitens von der Leidenschaft, die Ehre Gottes herzustellen. Nun möchte ich ein drittes von dieser Leidenschaft Jesu hinzufügen.

Hier wird uns erzählt, nicht damit wir draußen bei den Festspielen auf dem Stuhl sitzen, das aufgeregte Spiel ansehen, nach Hause gehen und sagen: „Tja, doch komisch mit diesem Jesus.“ Die Leidenschaft Jesu, die auf das Retten und auf die Ehre Gottes ausgerichtet ist, wird uns hier berichtet, damit sie uns packt und entzündet.

Geht es Ihnen hier so, dass Sie eine Angst packt? Wird Ihnen bewusst, dass die Leidenschaft Jesu Sie retten will? Schrickt etwas in Ihnen auf, weil Jesus die Ehre Gottes in Ihrem Leben herstellen will? Jesus ist wie ein herrlicher, glänzender Feuer Gottes, das uns entzünden, engagieren und in seine Leidenschaft hineinziehen will.

Meine Freunde, ich muss gestehen: Seit ich ihm gehöre, habe ich eine Leidenschaft, errettet zu werden und Kind Gottes zu sein. Ich ringe darum, dass Gott geehrt wird. Wir sollen nicht wie Zuschauer in der Loge sein, sondern die Leidenschaft Jesu will uns anstecken, entzünden und hineinziehen.

Wenn ich in meinem Gesangbuch blättere oder in unserem Liederbuch – wir Essener haben ein eigenes Liederbuch für die Jugendarbeit – spüre ich in diesen Liedern immer, wie Menschen sprechen, die diese göttliche Leidenschaft Jesu sahen und von dieser Flamme mitentzündet wurden.

Lassen Sie mich zum Schluss einen Vers zitieren, in dem wir dieses Mit-Hineingenommensein spüren:

„Wem anders soll ich mich ergeben,
O König, der am Kreuz verblich?
Hier opfer ich dir mein Gut und Leben,
Mein ganzes Wort ergießt sich.
Dir schwor ich zu der Kreuzesfahn,
Als Streiter und als Untertan.“
Amen.