Ein Gebet um ein klareres Verständnis des Geistes
Lass uns noch einmal zusammen beten.
Vater, wir danken dir so sehr, dass wir dich kennen und anbeten dürfen. Und wir bitten dich: Lass uns heute den Heiligen Geist mehr erkennen, so wie wir ihn bekennen, mit Christen überall auf der Welt und durch die Zeiten hindurch, als den, der Herr ist und lebendig macht. Als den, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, so dass er in unseren Herzen mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird.
Amen!
Ein persönliches Bild für einen verborgenen Mangel
Vor einigen Jahren habe ich eine unvergessliche Bergtour mit meinen drei Söhnen gewagt. Wir hatten alles, was wir brauchten: einen Rucksack voller Wasserflaschen, einen Rucksack voller Müsliriegel, tolles Wetter, beste Stimmung und meine guten alten Laufschuhe. Die hatten schon 15 Jahre Erfahrung in Sachen Wanderung. Die hatten Charakter. Die hatten Geschichte. Und hier und da ein paar Risse.
Der Aufstieg war großartig. Der Abstieg war der Moment, in dem sich dann meine Schuhsohlen verabschiedeten. Erst die linke und tatsächlich nach ein paar Metern die rechte Schuhsohle nach 15 Jahren, als hätten sie sich abgesprochen.
Was dann folgte, war der jämmerliche Versuch, mehr oder weniger ohne Schuhsohlen diesen Berg hinunterzutanzen. Für meine Jungs ein unvergessliches Spektakel, für mich eine bisweilen sehr schmerzhafte Demütigung.
Ich hatte eigentlich alles gut vorbereitet, aber es gab diesen einen blinden Fleck, der dafür sorgte, dass diese wunderschöne Tour am Ende zu einer sehr anstrengenden Tortur wurde.
Schaut, wir kennen das grundsätzlich: Wir alle haben irgendwo im Leben immer wieder blinde Flecken, die das Leben anstrengend und schmerzhaft machen. Und so ist es auch im Leben mit Jesus. Aber im Leben mit Jesus gibt es einen blinden Fleck, der besonders starke Auswirkungen hat. Ein besonders großer blinder Fleck, weil er nicht nur ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Überzeugung oder Lehre von uns betrifft, sondern unser Bild von Gott.
Im siebzehnten Jahrhundert schrieb der Theologe Thomas Goodwin ein fünfhundert Seiten dickes Buch über diesen blinden Fleck. Und in seiner Einleitung analysiert er, dass es ein allgemeines Versäumnis bei den Heiligen Gottes gibt. Nämlich, dass sie dem Heiligen Geist nicht die Ehre geben, die seiner Person und seinem großen Werk der Erlösung in uns gebührt, sodass wir in unseren Herzen diese dritte Person fast verloren haben.
Es ist möglich, dass wir einen blinden Fleck in unserem Herzen haben, durch den wir Gefahr laufen, einen großen Teil von Gott zu vergessen und dadurch fast zu verlieren.
Mein Ziel mit uns heute ist, uns drei Dinge vor Augen zu halten, drei Gegenmittel gewissermaßen gegen diesen blinden Fleck in unserem Gottesbild. Und wir wollen uns diese drei Dinge anschauen in dem Text, in dem Jesus seine Jünger auf seinen Abschied vorbereitet, im Johannesevangelium, 16,5-15.
Jesu Abschied und die Verheißung des Beistands
Im Zusammenhang mit den Kapiteln 13 und 17 erklärt Jesus seinen Jüngern um diese Verse herum, was als Nächstes passieren wird. Ich werde verraten werden, ich werde sterben, ich werde wieder auferstehen, und ich werde euch verlassen und zu meinem Vater in den Himmel gehen. Aber ihr werdet hierbleiben und meinen Sieg in aller Welt verkündigen.
Hier in diesem Text in Kapitel 16 erklärt er ihnen dafür: Für diesen Auftrag sende ich euch als Beistand den Heiligen Geist. So kurz als Überblick kündigt er in Vers 5 bis 7 an, wer der Heilige Geist ist. Dann erklärt er in Vers 8 bis 15 in zwei Schritten, was der Heilige Geist tut. Und darin dann am Ende, in den letzten beiden Versen, wozu er tut, was er tut.
Es ist erstaunlich, wie Jesus den Heiligen Geist hier in diesen ersten Versen vorstellt. Ab Vers 5 heißt es:
Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wohin gehst du? Sondern weil ich dies zu euch geredet habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen. Wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden.
Es ist nicht verständlich, dass die Jünger an dieser Stelle traurig sind. Wie kann es nützlich für sie sein, wenn Jesus weggeht, damit jemand anderes kommt? Was gibt es Besseres, als Jesus Christus körperlich ganz nah, hörbar und spürbar bei sich zu haben?
Jesu Behauptung kann nur unter einer Bedingung wahr sein: dass der Heilige Geist nicht weniger ist als Jesus, dass der Heilige Geist in gewisser Weise so ist wie Jesus. Und das führt uns zum Ersten unserer drei Punkte, die wir uns heute bewusst machen wollen: Der Heilige Geist ist unser Gott.
Der Geist als göttliche Person
Jesus setzt hier voraus, wie Gott sich im größeren Zusammenhang der ganzen Bibel zeigt. Darüber müssen wir in den nächsten Minuten etwas nachdenken.
Nirgendwo in der Bibel finden wir eine ganz prägnant zusammengefasste Aussage: Der Heilige Geist ist Gott. Aber überall dort, wo er auftaucht, wird der Heilige Geist als göttlich dargestellt.
Nehmen wir ein Beispiel, das das Alte und das Neue Testament miteinander verbindet: Jesaja 63.
Der Prophet Jesaja erinnert Gottes Volk daran, dass Gott sie aus Ägypten gerettet hat. Dann schreibt er ab Vers 8: Und Gott wurde ihnen zum Retter in all ihrer Not. Dann in Vers 9: In seiner Liebe und in seinem Erbarmen hat er sie erlöst. Vers 10: Sie aber sind widerspenstig gewesen und haben seinen Heiligen Geist betrübt. Und dann noch einmal in Vers 12: Er gab seinen Heiligen Geist in ihre Mitte.
Jesaja schaut also zurück auf das, was Gott in der Befreiung aus Ägypten getan hat, und er sagt: In Gottes Heiligem Geist war Gott selbst gegenwärtig. Das ist der Gott, den ihr erlebt habt. Und er wird betrübt durch eure Rebellion.
Im Neuen Testament greift Paulus diese Stelle auf, in Epheser 4,30, und sagt zu den gläubigen Christen in Ephesus: Betrübt nicht den Heiligen Geist, mit dem ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung hin.
Vom Alten bis zum Neuen Testament zeigt sich also: Wenn wir den Heiligen Geist richtig verstehen wollen, dann müssen wir ihn als unseren Gott wahrnehmen.
Doch in der Bibel steht der Heilige Geist in enger Beziehung zu Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Der Gott der Bibel zeigt sich nicht einfach abstrakt nur als Gott oder als Schöpfer oder als Herrscher, wie in allen anderen Religionen. Er zeigt sich als ein Gott, der in sich selbst in Beziehung ist. Er zeigt sich als dreieiniger Gott.
Es ist ein Gott, ein einziges Wesen, bestehend aus drei Personen. Jede dieser drei Personen ist Gott und zugleich nicht eine der anderen Personen. Der Heilige Geist ist Gott, aber er ist nicht der Vater und nicht der Sohn. Sie können nicht voneinander getrennt werden, aber sie dürfen auch nicht miteinander verwechselt werden.
Warum der Geist oft im Hintergrund bleibt
Aber warum ist der Heilige Geist für uns häufig so unbekannt, so unklar, so schwer greifbar? Wieso fällt es uns so leicht, uns auf Christus und den Vater zu konzentrieren, aber den Heiligen Geist dabei zu vergessen?
Der Grund ist: Wenn Gott die Bühne seiner Offenbarung betritt, dann steht Jesus Christus, der Sohn, ganz vorne und der Vater direkt bei ihm. Aber der Heilige Geist steht irgendwo hinten im unbeleuchteten Hintergrund. Wir haben viele Stellen in der Bibel über Gott den Vater und Gott den Sohn, aber wir haben nur sehr wenige Stellen über den Heiligen Geist.
Natürlich gibt es die großen Kapitel, Römer 8, 1. Korinther 12 oder hier die Abschnitte im Johannesevangelium. Aber grundsätzlich kommt der Heilige Geist nur sehr selten nach vorne ins Rampenlicht, häufig nicht einmal da, wo wir ihn erwarten würden.
Wenn du einmal die ersten Verse aller neutestamentlichen Briefe durchgehst, wirst du feststellen, dass es in den meisten Briefen immer wieder eine Segensformel gibt, die ungefähr so lautet: Gnade euch und Friede von Gott dem Vater und von unserem Herrn Jesus Christus. Aber wo ist der Heilige Geist?
Warum steht der Heilige Geist in der Bibel so im Hintergrund? Weil er eine besondere Eigenschaft hat: Er lenkt von sich ab. Sobald es um ihn geht, lenkt er die Aufmerksamkeit auf den Sohn und auf den Vater.
Wir sehen etwas davon zurück in Johannes 16, in den letzten beiden Versen 14 und 15, wo Jesus zusammenfasst, wozu der Heilige Geist das tut, was er tut: Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, ist mein. Darum sage ich, dass er von dem Meinen nimmt und euch verkündigen wird.
Der Heilige Geist zeigt sich, indem er den Sohn zeigt, indem er den Sohn verherrlicht und damit auch den Vater, der den Sohn gesandt hat. Das bedeutet: Sobald wir versuchen, über den Heiligen Geist nachzudenken, wechselt er das Thema, weil es seine Bestimmung und seine größte Freude ist, über Christus und den Vater zu sprechen.
Das heißt übrigens: Wir ehren den Heiligen Geist nicht mehr, wenn wir einfach mehr über den Heiligen Geist sprechen, sondern wenn wir mehr über Jesus und den Vater zu sagen haben, so wie er.
Das heißt auch: Der Heilige Geist zeigt sich uns nicht nur an den wenigen Bibelstellen, in denen ausdrücklich über ihn gesprochen wird, sondern überall da, wo Gott der Vater und Gott der Sohn offenbart werden.
Das gemeinsame Handeln Gottes
Das führt uns zu der Frage: Was genau tut der Heilige Geist innerhalb der Dreieinigkeit? Für diese Frage brauchen wir zwei Antworten, weil er einerseits Gott ist und andererseits eine eigenständige Person.
Die erste Antwort lautet: Der Heilige Geist tut immer das, was der Vater und der Sohn tun. Sie handeln immer gemeinsam, zum Beispiel in der Schöpfung. Die Welt wurde vom Vater geschaffen, aber auch durch das Wort, also den Sohn, und durch Gottes Hauch, den Geist.
Oder nimm die Auferstehung von Jesus. Paulus sagt, der Vater hat Jesus auferweckt. Jesus sagt von sich selbst: Ich habe die Kraft, mich selbst aufzuerwecken. Und Petrus schreibt, er wurde auferweckt im Geist.
Das ist sozusagen die Grundregel: Alles, was Gott tut, tut die gesamte Dreieinigkeit. Im vierten Jahrhundert hat Gregor von Nyssa das ganz hilfreich in einer kompakten Formel zusammengefasst. Er schrieb: Alles, was Gott in dieser Welt tut, hat seinen Ursprung beim Vater, geht durch den Sohn und wird vollendet im Heiligen Geist. Vom Vater, durch den Sohn, im Heiligen Geist vollendet.
Das führt uns direkt zur zweiten Antwort auf die Frage: Was tut eigentlich der Heilige Geist? Weil er ja auch eine eigenständige Person ist, hat er eine besondere Rolle innerhalb der Dreieinigkeit. Kurz gesagt lautet sie: Fertigstellen und vollenden.
Das wird an vielen Stellen deutlich, besonders in Gottes Werk der Erlösung. Gott der Vater plant die Erlösung und sendet den Sohn. Gott der Sohn vollbringt die Erlösung durch seinen Tod und seine Auferstehung. Und Gott der Heilige Geist vollendet die Erlösung, indem er einen Menschen zum Glauben bringt.
So könnten wir nun die Werke Gottes in der Bibel durchgehen: Gottes Schöpfung wird vollendet, wenn der Geist Atem einhaucht; Gottes Offenbarung wird vollendet in der Inspiration der Schrift; und alles, was in uns bewirkt wird, wird ebenfalls durch ihn vollendet. Wir würden feststellen: Ohne den Heiligen Geist als göttlichen Vollender aller Dinge wäre nichts von allem, was Gott je gemacht hat, vollendet worden.
Das bedeutet: Ohne den Heiligen Geist hätten wir keine Bibel und niemanden, der sie versteht. Wir hätten kein Werk Jesu auf dieser Erde, keine Jungfrauengeburt, keine Taufe, keine Wunder, keine Auferstehung. Wir hätten keinen einzigen Menschen, der seine Sünde bereut, wir hätten kein einziges Kind Gottes, wir hätten keinen einzigen Gottesdienst, keine christliche Predigt, kein einziges Gebet, keine Jüngerschaft, keine Heiligung, keine Wiederherstellung der gefallenen Schöpfung und keinen einzigen Menschen mit einer Hoffnung auf eine Ewigkeit in Gottes Gegenwart.
Darum hat John Owen so radikal erklärt: Nimm die Gabe und das Werk des Geistes weg, und der christliche Glaube wird an seinen Wurzeln ausgerissen.
Wenn wir das Wesen und die Rolle des Heiligen Geistes missverstehen, dann bedeutet das, dass wir Gott missverstehen.
Zwei Wege, den Geist zu verfehlen
Jetzt, wie kann das praktisch aussehen? Hier sind zwei typische Beispiele, zwei typische Missverständnisse, die auftauchen können.
Das erste Missverständnis: Wir ersetzen den Heiligen Geist.
Ohne den Heiligen Geist als dritte Person der Gottheit klafft ein großes Loch in unserem Gottesbild. Und wir sind geneigt, es mit Lehren zu füllen, die uns besonders wichtig sind. Das sieht dann unterschiedlich aus, je nachdem, wo du dich auf dem christlichen Frömmigkeitsspektrum befindest.
Es kann sein, dass du sehr überzeugt von Gott dem Vater, Gott dem Sohn und von der Wichtigkeit der Autorität der Bibel bist. Das kann dazu führen, dass du eine praktische Dreieinigkeit hast aus Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott der Heiligen Schrift.
Es kann auch sein, dass du irgendwo anders auf der Seite des Spektrums bist und dir besonders wichtig ist, dass Leben vom Vater und vom Sohn durch intensive Gefühle und geistliche Erfahrungen kommt. Deine praktische Dreieinigkeit besteht möglicherweise aus Vater, Sohn und geistlichem Hochgefühl.
Es kann schnell passieren, dass wir den Heiligen Geist ersetzen.
Hier ist ein zweites typisches Missverständnis: Wir reduzieren den Heiligen Geist.
Bei Gott dem Vater und dem Sohn können wir uns relativ gut vorstellen, dass sie Personen sind, weil wir uns körperliche Personen vorstellen. Aber beim Heiligen Geist fällt uns das schwer. Darum passiert es schnell, dass wir ihn in unserer Vorstellung auf eine Kraft reduzieren.
Aber in Johannes 4 hat Jesus ein langes Gespräch mit einer Frau am Brunnen. Dann gibt er ihr eine sehr kurze, sehr prägnante Definition davon, wer Gott ist: Gott ist Geist.
Das bedeutet, Gott der Vater und Gott der Sohn haben keinen Körper. Deswegen kann der Sohn auch einmal als das Wort bezeichnet werden. In der Regel werden sie aber mit Eigenschaften beschrieben, die Personen haben.
Und so ist es auch beim Heiligen Geist. Der Heilige Geist wird zwar als Wind, als Hauch oder als Feuer beschrieben, aber er wird auch mit Eigenschaften einer Person beschrieben. Er kann sprechen, er kann senden, er kann wählen, er kann betrübt werden, er kann belogen werden. Man kann Gemeinschaft mit ihm haben.
Das wünschen wir uns ja oft in dem Segen: Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Gemeinschaft statt Ersatz und Reduktion
Okay, warum ist das so wichtig? Es ist wichtig, weil, wenn der Heilige Geist nur eine Kraft ist und nicht eine Person, Gott zwar eine Kraft zu uns sendet, er selbst aber weit von uns entfernt bleibt. Doch mit dieser Kraft kann ich keine Gemeinschaft haben. Diese Kraft muss ich mir dann irgendwie zunutze machen und hoffen, dass ich, je besser mir das gelingt, desto geistlicher oder geisterfüllter werde.
Gerade weil der Heilige Geist im Hintergrund steht und von sich selbst ablenkt, ist es so wichtig, der Versuchung zu widerstehen, ihn zu ersetzen oder zu reduzieren. Denn wenn wir das tun, wenn es uns gelingt, ihn nicht zu ersetzen oder zu reduzieren, dann eröffnet sich uns ein vollerer Blick auf Gott. Ein Blick auf den dreieinigen Gott und auf den Heiligen Geist innerhalb der Dreieinigkeit, also auf die Person, die eine fröhliche, intime Beziehung zu Gott dem Vater und Gott dem Sohn führt und die vom Vater und vom Sohn ausgesendet wird, um uns mit hineinzunehmen in diese innige Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohn. Um uns etwas erleben zu lassen von der leidenschaftlichen Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt und der Sohn den Vater. Um uns etwas mitgenießen zu lassen von der großen Freude, die Gott an sich selbst hat.
Stell dir vor, du bist eingeladen zu einem großen Festmahl mit Gott persönlich in seinem himmlischen Thronsaal, an dieser riesig langen Tafel, und du stehst vor der Eingangstür ganz nervös. Plötzlich öffnet sich die Tür, und herauskommt eine Person. Es ist der Heilige Geist, der dich in Empfang nimmt. Er führt dich persönlich in Gottes Thronsaal hinein, und dann setzt er sich mit dir neben den Vater und den Sohn. Das ist es, was der Heilige Geist tut.
Darum kann Jesus behaupten: Es ist gut für euch, wenn ich weggehe und der Heilige Geist kommt. Durch ihn erleben wir, wie Gott persönlich in uns und mit uns lebt.
Wie der Geist konkret wirkt
Aber hier ist die Frage: Wie macht der Heilige Geist das konkret? Es gibt viele verschiedene Dinge, die der Heilige Geist tut, über die wir jetzt sprechen könnten. Die meisten davon lassen sich jedoch in zwei übergeordnete Kategorien, zwei Hauptwirkungen gewissermaßen des Heiligen Geistes, zusammenfassen.
Die eine ist: Er bewirkt, dass wir zum Glauben kommen. Die andere ist: Er bewirkt, dass wir im Glauben leben. Oder anders gesagt: Er ist derjenige, der die Beziehung zu Gott aufbaut, und er ist derjenige, der die Beziehung zu Gott vertieft. Oder theologisch formuliert: Der Heilige Geist bewirkt unsere Wiedergeburt, und er bewirkt unsere Heiligung.
Diese zwei Hauptwirkungen zeigen sich nun in den nächsten Versen: die erste in Vers 8 bis 11 und die zweite dann in Vers 12 bis 15. Wir haben nicht die Zeit, das im Detail anzuschauen. Aber lasst uns diese Stellen nehmen, um zwei Schritte weiter einzusteigen in das, was unser Gott, der Heilige Geist, tut.
Der Geist als Retter
So führt uns die erste seiner Hauptwirkungen zu unserem zweiten Punkt: Der Heilige Geist ist unser Retter. Er ist nicht in derselben Weise unser Retter, wie Jesus unser Retter ist. Und doch ist er derjenige, ohne den niemand gerettet werden könnte.
Vers 8: Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben; von Gerechtigkeit aber, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; von Gericht aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
Jesus fasst hier gewissermaßen Teile des Evangeliums zusammen, mit denen er die Jünger in diese Welt sendet. Es gibt einen vollkommen gerechten Gott. Und er hat seine Gerechtigkeit gezeigt im vollkommenen Leben und Sterben von Jesus Christus hier auf Erden, bis zu dem Punkt, wo er wieder zurück zu seinem Vater gekehrt ist. Er hat gezeigt, dass es Sünde ist, nicht an Jesus zu glauben, und dass Gott in seiner Gerechtigkeit jeden richten wird, der lieber dem Fürsten dieser Welt nachläuft, als Jesus nachzufolgen.
Das geschieht entweder, indem Gott dich selbst für deine Sünde richtet, oder indem er Jesus an deiner Stelle richtet.
Jetzt klingt das in dieser Form erst einmal nicht besonders einladend. Man fragt sich: Wer bitteschön will das hören? Wieso sollten wir den Jüngern sagen, dass jemand glauben soll?
Aber genau das ist der Punkt, den Jesus macht: Ihr sollt den Menschen dieses Evangelium erzählen, aber ihr könnt und müsst sie nicht überführen. Er, der Heilige Geist, wird sie überführen. Der Heilige Geist wird mit euch auftreten als göttlicher Staatsanwalt. Und wenn er beschließt, seine Beweise für das Evangelium vorzulegen, dann wird jeder Widerstand, jedes noch so selbstverliebte Herz, unter seiner Beweislast erdrückt.
Martin Luther hat es in seinem Kleinen Katechismus so ausgedrückt: Das Erste, was der Glaube an den Heiligen Geist bedeutet, ist, dass ich nicht aus eigener Vernunft oder Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern dass der Heilige Geist mich durch das Evangelium berufen hat.
Ist das nicht genau der Gott, den wir brauchen? Einen Gott, der nicht nur als Vater beschließt, Sünder zu retten, der nicht nur als Sohn kommt und sich selbst dafür opfert und dann wartet und hofft, dass wir es irgendwann endlich einmal einsehen und zur Vernunft kommen? Sondern einen Gott, der auch als Heiliger Geist in der Lage ist, diese Erlösung zu vollenden, in unsere Herzen und in unsere Gedanken hineinzukommen, unsere Wünsche, unsere Neigungen und unsere Überzeugungen zu überführen und zu verändern, so dass wir beginnen, Sünde zu hassen, Gottes Gerechtigkeit wertzuschätzen und Jesus Christus zu lieben.
Das ist das grundlegende Werk des Heiligen Geistes, und es zeigt uns: Wir brauchen nicht nur Jesus als unseren Retter, wir brauchen auch den Heiligen Geist als unseren Retter.
Der Geist als Quelle der Freude
Aber wir brauchen den Geist ja nicht nur einmal, damit er uns zu Jesus bringt. Wir brauchen ihn doch immer und immer wieder, damit er uns neu und immer näher zu Jesus bringt.
Und das führt uns zum zweiten Hauptwerk Gottes, dem Heiligen Geist, und zu unserem dritten Punkt. Der Heilige Geist ist unsere Freude. Er ist unsere Freude nicht in derselben Weise, wie Jesus unsere Freude ist. Und doch ist er derjenige, durch den Gott unsere Freude an ihm vollkommen macht.
Ab Vers 12:
Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen.
Wenn Jesus hier sagt, er wird euch in alle Wahrheit leiten, dann spricht er zunächst davon, wie der Heilige Geist den Aposteln damals die Wahrheiten über Gottes Offenbarung beigebracht hat, die sie schließlich in der Bibel aufgeschrieben haben. Aber wenn er das dann mit der allgemeinen Beschreibung verbindet: „Er wird mich verherrlichen“, dann zeigt er damit auch, dass der Heilige Geist ausgehend von dieser Wahrheit bis heute etwas in unseren Herzen tut.
Er verwendet die Wahrheiten der Bibel, um uns dadurch zur Freude an Jesus zu führen. Er verwendet die Wahrheiten der Bibel, um Christus in unseren Herzen herrlich zu machen.
Wahrheit, die ins Herz sinkt
Ich glaube, genau das können wir beobachten, wenn Paulus in seinen Briefen immer wieder für diejenigen betet, die bereits an Jesus glauben. Schauen wir uns dazu ein Beispiel im Epheserbrief Kapitel 3 an.
Paulus erklärt den Ephesern vieles, was sie schon glauben. Und dann betet er in Vers 16: Er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.
Christus wohnte also schon in den Herzen der Epheser, durch den Glauben. Aber Paulus betet, dass der Heilige Geist in ihren Herzen wirkt, sodass sie das, was sie glauben, noch tiefer erleben.
Ist das nicht genau das, womit wir oft ringen? Nicht unbedingt damit, die Wahrheiten der Bibel zu verstehen und rational zu glauben, sondern sie wirklich zu erleben?
Vor zweihundert Jahren schrieb Archibald Alexander ein Buch über die Frage, wie ein Mensch den Glauben an Christus tatsächlich erlebt. Dabei unterscheidet er zwischen zwei Ebenen: der ersten Ebene als dem Verständnis von Glaubenswahrheiten, also den Dingen, die wir mit unserem Kopf begreifen, und der anderen Ebene als der Wirkung dieser Glaubenswahrheiten, die wir in unserem Herzen erleben.
Er vergleicht diese beiden Ebenen mit einem Siegel und seinem Abdruck. Wenn du dir ein Siegel anschaust, dann kannst du sein Motiv erkennen. Du kannst ungefähr den Schriftzug erkennen, also grundsätzlich die Bedeutung. Aber alles ist umgekehrt, weil ein Siegel dafür da ist, etwas zu formen.
Wenn du dieses Siegel nun in ein Stück Wachs drückst, dann prägt es einen Abdruck. In diesem Abdruck ist das Bild klar, vertieft und richtig herum.
So ähnlich ist es mit geistlichen Wahrheiten. Wir können sie mit unserem Verstand erfassen, aber erst wenn sie tief in unser Herz gedrückt werden, entsteht ein Abdruck, durch den wir sie in ihrer Tiefe und Klarheit erleben.
Archibald Alexander fasst es so zusammen: Geistliche Erfahrung ist nichts anderes als der Abdruck göttlicher Wahrheiten in unserem Herzen durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Zwei erste Schritte zur Erfahrung des Geistes
So, hier ist die grosse Frage: Was können wir tun, damit wir diesen Abdruck des Heiligen Geistes in unserem Herzen erleben?
Lasst mich zwei Schritte vorschlagen, zwei erste Schritte.
Schritt Nummer eins: Brems ab.
Bis ins letzte Jahr hinein haben meine Familie und ich für fast fünf Jahre lang zu weiten Teilen in einem gewissen Ausnahmezustand gelebt. Wir hatten mehrere schwere Krankheiten, einen sehr langen, intensiven Pflegefall, damit verbunden Umzüge, aufwändige Umbauarbeiten – und das alles neben einer wachsenden Gemeinde und einem sehr intensiven Studium.
Über mehrere Jahre lang habe ich oftmals einfach nur versucht, alles zu schaffen. Meine grösste geistliche Herausforderung war nicht die, jeden Morgen meine Bibel aufzuschlagen und die Wahrheiten in Gottes Wort zu verstehen. Meine grösste Herausforderung war die, in diesen Wahrheiten meine tiefe Freude und Zufriedenheit zu erleben.
An einem Nachmittag hatte ich eine längere Autofahrt, und ich war unzufrieden, frustriert über alle möglichen Dinge, die ich gerne tun wollte, von denen ich dachte, dass sie gut wären, wenn ich sie tue, die ich aber nicht tun konnte. Also schaltete ich meine Audiobibel ein, um meine Gedanken zu übertönen. Dort lief Jeremia 18.
Gott nimmt den Propheten Jeremia in die Werkstatt eines Töpfers, und dann sagt er ihm: Wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr, Haus Israel, in meiner Hand.
Keine neue Stelle für mich. Aber plötzlich merkte ich: Gott redet, und ich muss anhalten.
Also Vollbremsung draussen auf der Landstrasse. Das Auto halb in den Graben gestellt, einfach meine echte Bibel genommen, ausgestiegen und querfeldeingegangen. Dann habe ich Jeremia 18 gelesen und gelesen und gelesen.
Siehe, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand.
Wisst ihr, was in diesem Moment passierte? Der Heilige Geist ging in sein himmlisches Arbeitszimmer. Vollgestellt mit meterhohen Regalen, gefüllt mit Siegeln göttlicher Wahrheiten bis an den obersten Rand. Er greift in dieses Regal und nimmt sich das Siegel, das sich in diesem Moment gerade brauchte.
Auf diesem Siegel stand: Gott handelt in vollkommener Allmacht im Leben seiner Kinder. Weil er dich liebt und weil er Christus für dich hingegeben hat, ist alles, was er in diesem Moment tut, um dich zu formen, das Beste, was dir passieren kann.
In diesem Moment wurde eine Wahrheit, die ich schon lange kannte, so real für mich wie selten zuvor.
Aber wisst ihr, was passieren musste, damit der Heilige Geist dieses Siegel in mein Herz drücken konnte? Ich musste abbremsen.
Ich befürchte, dass der Heilige Geist schon oft bereitstand, mit einem kostbaren Siegel göttlicher Wahrheit in seiner Hand, aber dass diese Wahrheit nicht wirklich tief in mein Herz geprägt worden ist. Und vielleicht ist es bei euch so ähnlich, weil wir krampfhaft versuchen, das Leben einfach zu bewältigen oder weil wir einfach zu beschäftigt sind, vielleicht sogar mit Dingen, die wir für Gott tun.
Womöglich ist der erste einfache Schritt, um die Wirkung des Heiligen Geistes zu erleben: Brems ab. Nimm dir Zeit für eine Wahrheit aus Gottes Wort, damit der Heilige Geist sie in dein Herz prägen kann.
Hier ist der zweite Schritt: Paulus betete immer wieder. Und das ist der zweite Schritt: bete dafür.
Paulus betete, weil er damit rechnete, dass der Heilige Geist genau dafür bereitstand, in dem Herzen der Gläubigen zu wirken. Der Heilige Geist steht in diesem Moment bereit, und er wartet darauf, in deine Lebensrealität hineinzuwirken. In deine Frustration, in deine Unsicherheit, in deine Einsamkeit, in deine Zerbrochenheit.
Er sieht die Probleme in diesem Raum. Er sieht deine Ehe- und Beziehungsprobleme. Er sieht deine jahrelange Krankheit. Er kennt deinen Ring um deine Rolle als Mann oder Frau, als Vater oder Mutter, als geistlicher Leiter. Er kennt die bohrenden Fragen in deinen Gedanken: Bin ich gut genug? Ist mein Leben, ist mein Dienst für Jesus wirklich wertvoll?
Vielleicht glaubst du an die Wahrheiten in Gottes Wort, dass Jesus Christus dich bedingungslos liebt und angenommen hat. Dass du in Jesus eigentlich allen Grund hast, dankbar und zufrieden zu sein. Dass es sich eigentlich lohnt, gegen Sünde zu kämpfen. Dass du Gott eigentlich vertrauen kannst für den nächsten grossen Schritt und die nächste grosse Entscheidung in deinem Leben.
Aber in deinem Herzen bist du weit von diesem Glauben entfernt.
Gott hat uns deutliche Antworten auf all diese Fragen in unserem Leben in seinem Wort gegeben. Aber er weiss, dass es Zeiten gibt, in denen wir diese Antwort nicht wirklich erleben. Darum nimm diese eine bestimmte Wahrheit, die du glaubst, aber gerade jetzt nicht erlebst, und bete dafür:
Herr, drücke durch deinen Geist das Siegel dieser Wahrheit so tief in mein Herz, bis es einen Abdruck prägt, der mich sie erleben lässt. Vielleicht zum ersten Mal, vielleicht wieder neu. So, dass Jesus Christus in diesem Moment und in diesem Bereich meines Lebens verherrlicht wird.
So, zwei erste Schritte, um das Wirken des Heiligen Geistes zu erleben: Brems ab und bete dafür!
Womöglich ist es gut, hier und in unseren Gemeinden zu lernen, diese Schritte auch gemeinsam zu gehen. Denn der Heilige Geist wartet darauf, dein und mein Herz mit Freude an Gott zu füllen.
Irgendwo haben wir alle blinde Flecken, die das Leben anstrengend und schmerzhaft machen können. Aber kaum einer beeinflusst unser Leben mit Jesus so sehr wie der blinde Fleck in unserem Gottesbild, der dazu führen kann, dass wir einen Teil von Gott in unserem Herzen vergessen und damit fast verlieren.
Wäre es nicht schön, von hier herauszugehen, in das Leben, in das Jesus uns berufen hat, mit einem volleren, mit einem grösseren Gottesbild in unserem Herzen, durch den Heiligen Geist, als unseren Gott, als unseren Retter und als unsere Freude?
Vater, darum bitten wir dich. Wir bitten dich, Gottvater, Sohn und Heiliger Geist, der würdig ist, angebetet, verehrt und erlebt zu werden, mit unserem ganzen Herzen und mit unserem ganzen Verstand, in unserem Leben und in dieser Welt, in dieser Zeit und für alle Zeit. Amen.
