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Philippus - Der Zwischenruf

26.04.1959Johannes 14,8-9

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Wir hatten uns vorgenommen, in dieser österlichen Zeit einige Bilder aus dem Leben des eher unbekannten Apostels Philippus zu besprechen. Heute hören wir ein Wort aus Johannes 14, in dem Philippus zu Jesus spricht: „Herr, zeige uns den Vater, so genügt uns.“

Jesus antwortet ihm: „So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, sieht den Vater. Wie kannst du dann sagen: ‚Zeige uns den Vater‘?“

Herr, heilige uns in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Die Herausforderung des Predigens und die Bedeutung von Zwischenrufen

Ich habe ein szenographisches Protokoll von einer Bundestagssitzung gelesen. Dabei musste ich daran denken, dass Redner im Bundestag es wirklich schwer haben, weil sie ständig durch Zwischenrufe unterbrochen werden. Gerade wenn man einen schönen Satz begonnen hat, wird er oft durch einen Zwischenruf unterbrochen.

Da dachte ich, dass wir Prediger es eigentlich leichter und bequemer haben. Trotzdem stellt sich die Frage, ob es nicht ganz gut wäre, wenn hier ab und zu mal ein Zwischenruf hörbar wäre. Sicherlich werden in Gedanken viele Zwischenrufe gemacht, davon bin ich überzeugt. Doch es ist nicht üblich, denn der Pastor spricht unter dem Schutz einer uralten Sitte, dass ihm keiner widerspricht.

Bei Jesus war es anders. Eine der größten und gewaltigsten Predigten, die der Herr Jesus gehalten hat, steht in Johannes 14 bis 16. Diese Predigt hielt er vor dem kleinen Kreis seiner Jünger, nach dem Abendmahl, bevor sie gemeinsam in den Garten Gethsemane gingen. Man darf nicht denken, dass es einfach ein Gespräch war. Es war eine feierliche Stunde, sehr feierlich wie hier, als der Herr Jesus diese sogenannten Abschiedsreden hielt.

Diese Rede war so groß und wichtig, dass Johannes sie uns genau überliefert hat. Oft werde ich gefragt, wie Johannes das alles so genau behalten konnte. Darauf antworte ich, dass der Herr Jesus gesagt hat: Der Heilige Geist wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Der Heilige Geist hat Johannes daran erinnert. Johannes hat sogar das große Schlussgebet in Johannes 17 genau aufgezeichnet, mit dem der Herr Jesus seine gewaltige Predigt abgeschlossen hat.

Es muss also dort mindestens genauso feierlich zugegangen sein wie hier in unserem Gottesdienst, wo es ja oft nicht so richtig feierlich ist. Dennoch wurde Herr Jesus in dieser großen Predigt zweimal durch Zwischenrufe unterbrochen, und zwar durch sehr deutliche Zwischenrufe.

Der erste Zwischenruf kam von dem sehr kritischen Jünger Thomas. Er war jemand, der an die Auferstehung glauben konnte. Der zweite Zwischenruf kam von Philippus, der uns, die wir hier regelmäßig zusammenkommen, allmählich vertraut ist.

Mit diesem zweiten Zwischenruf haben wir es heute zu tun – dem Zwischenruf des Philippus. Das Wort, das ich eben gelesen habe, muss man sich gedanklich in diese Predigt Jesu hineingestellt vorstellen.

Ich darf noch einmal lesen: Jesus spricht, während er redet, zu Philippus, der den Zwischenruf macht: „Herr, zeige uns den Vater, so genügt uns.“ Jesus antwortet ihm: „Solange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater.“

Philippus – Ein ungewöhnlicher Suchender nach Gott

Wir überschreiben die Predigten mit dem Titel „Der Zwischenruf“, wie üblich in drei Teilen.

Erstens: Der Mann, der den Zwischenruf macht. Die Essener sprechen bekanntlich drei Sprachen: Ostpreußisch, Deutsch und Essenerisch. In der Essener Sprache gibt es einen netten Ausdruck, den ich ab und zu im Weigelhaus höre, wenn jemand etwas Seltsames tut: „Du bist mich ein Seltener.“ So etwas sagt Kumpel Anton.

Nun, meine Freunde, Philippus ist hier ein Seltener, das kann ich wohl sagen. Ein seltener Mann, einer, der aus der Reihe tanzt. Er fragt mit Ernst nach dem lebendigen Gott. Wer tut denn das? „Zeige uns den Vater!“ – so lautet die Bitte, die man aufschreibt. Wer tut denn das?

Es gibt ein großartiges Wort im Buch Hiob, das fast bis in unsere Zeit hineinwirkt. Dort wird davon gesprochen, dass der Mensch im Jahr 1959, abgesehen von ein paar dummen Flapsereien oder Zoten, eigentlich nur ein Thema kennt, ein Gesprächsthema, nämlich die Ungerechtigkeit der Welt, die Gemeinheit der Vorgesetzten – der Chef, der Eltern, der Lehrer.

Ich will das Wort einfach vorlesen und Ihnen wörtlich sagen, was dort steht: „Man schreit, dass viel Gewalt geschieht, und ruft Zeter über den Arm der Großen, aber man fragt nicht: Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht?“ Das ist eine Schilderung unserer Zeit, nicht wahr? Man schreit viel über Gewalt, aber man fragt nicht: Wo ist Gott, mein Schöpfer?

Nun, Philippus macht eine Ausnahme. Er ist ein Seltener. Er fragt: „Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht? Zeige uns den Vater!“ So genügt es ihm. Und er ist offenbar ein Ausnahmemann, dieser Philippus.

Die Suche nach Gott und die menschliche Flucht

Wissen Sie, ich hatte in Kiel viel Zeit, über diese Predigt nachzudenken. Dabei sind mir folgende Gedanken gekommen: Was wäre, wenn Philippus durch eine kleine Verschiebung in den Kulissen des Welttheaters dem Adam und der Eva begegnet wäre?

Sie kennen doch die Geschichte, wie Adam und Eva den Ungehorsam begangen haben – durch den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Danach versteckten sie sich vor Gott in den Büschen des Gartens.

Nun habe ich mir vorgestellt, dass Philippus – warum nicht? – mit einer Art Zeitmaschine in diesem Augenblick Adam trifft. „Was machst du denn hier?“, fragt Adam. „Tja, ich suche ihn“, antwortet Philippus. „Du kennst ihn doch. Zeig mir den Vater! Du hast schon mit ihm geredet, Adam, du hast schon mit ihm geredet. Zeig uns den Vater!“

Da schreit Adam auf: „Du willst zu ihm hin? Du bist verrückt! Wir sind am Weglaufen, so weit wir können, so weit wir möchten. Wir könnten einen Kontinent zwischen ihn und uns legen!“

Und sehen Sie, diese Richtung, die Adam eingeschlagen hat, haben alle Adams Kinder eingeschlagen, zu denen wir auch gehören, nicht? Weg von Gott!

Adam stellte Büsche zwischen sich und Gott, er versteckte sich in den Büschen. Wir stellen auch andere Dinge zwischen Gott und uns. Zum Beispiel Pfarrer: „Mach du das, ich zahle Steuern, aber bring du die Sache mit Gott in Ordnung!“ Oder seine Tugend: „Ich tue keinem weh, lieber Gott, aber lass mich jetzt in Ruhe!“ Oder Weltanschauungen: „Wir wissen nach stundenlangem Nachdenken, dass es überhaupt keinen Gott gibt. So sind wir vielleicht vor ihm sicher!“

Und sehen Sie, weil der Mensch in Wirklichkeit vor Gott nicht weglaufen kann – „Von allen Seiten umgibst du mich“ –, sie können hinlaufen, wo sie wollen, sie laufen immer auf Gott zu. Ich hatte mal einen Streit mit meinem Bruder, wie viele Himmelsrichtungen es am Nordpol gibt. Er sagte natürlich vier, ich sage immer nur eine: Er läuft immer nach Süden.

Und sehen Sie, so ist es mit Gott: Sie laufen immer auf Gott zu, wo sie auch hingehen. „Von allen Seiten umgibst du mich“, weil man ihm nicht weglaufen kann. Darum hat der Mensch es aufgegeben, Gott räumlich wegzulaufen.

Er hat eine neue Methode erfunden: Er vergisst ihn. Der Begründer der Tiefenpsychologie, Freud, sagt: Wenn ein Mensch etwas Unangenehmes empfindet, hat er die großartige Gabe, es zu vergessen. Man vergisst eigentlich nur das, was einem unangenehm ist.

Nordisch sagt mir ein Schüler: „Jetzt haben wir seit acht Wochen einen Aufsatz auf, den muss man Montag abgeben, und ich habe vergessen, ihn zu machen. Jetzt muss ich Sonntag dranrücken.“ Er hat ihn vergessen, weil er vergessen wollte. Wissen Sie, weil es unangenehm war, hat er vergessen.

„Ich lasse ungern etwas in der Tasche mit mir, darum vergesse ich die Hausschlüssel immer.“ Das wäre unangenehm, wissen Sie? Und weil dem Menschen Gott einfach lästig ist, hat er es geschafft, Gott zu vergessen.

So ist Gott zum vergessenen Faktor geworden. Und da ist Philippus schon ein seltener Mann, der gegen den Strom schwimmt, der aufschreit: „Zeig uns den Vater, dann genügt uns das.“

Wo ist ein Mensch, der sagt: „Wenn ich Gott hätte, bräuchte ich gar nichts anderes. Einen kleinen Volkswagen brauchen wir dazu oder so nicht, es genügt uns!“ Philippus ist ein unerhörter, seltener Mann.

Die innere Wendung des Suchenden

Und ich frage mich natürlich, wie Philippus dazu kommt, so gegen den Strom zu schwimmen und ein Ausnahmemensch zu werden, der ernsthaft Gott, den lebendigen Gott, sucht. Wie soll ich ihm das klar machen? Da muss doch in seinem Herzen etwas vorgegangen sein.

Es könnte ja sein, dass hier jemand sitzt, der wirklich ernsthaft Gott sucht. Dann muss ihm im Herzen etwas vorgegangen sein. Ich habe versucht, deutlich zu machen, was da im Herzen vorgegangen ist. Und ich kann es nicht anders verdeutlichen als anhand der Geschichte vom verlorenen Sohn.

Sie kennen sie hoffentlich alle. Wer sie nicht kennt, soll heute noch Lukas 15 lesen. Der verlorene Sohn, der seinen Vater vergessen wollte und es auch tat. Schließlich sitzt er jämmerlich bei den Schweinen im Dreck und leidet Hunger. Da heißt es, er kam zu sich und sprach: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Eine Wendung um hundertachtzig Grad, eine entgegengesetzte Richtung wie früher.

„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Und er machte sich auf. Nun phantasiere ich ein wenig: Da trifft er einen seiner ehemaligen Genossen. „Hach“, sagt der Mensch, „wo willst du denn hin?“ – „Ich suche meinen Vater, ich suche den Vater.“ – „Ha“, sagt der Genosse, „kann ich verstehen, Mensch, du bist auch pleite, du willst wieder Geld bei ihm abholen. Ja, er hat ja noch das Erbe.“ – „Nein“, sagt der verlorene Sohn, „ich will kein Geld holen.“ – „Was willst denn von ihm?“ – „Gar nichts. Gar nichts? Ihn will ich. Wenn ich ihn sehe und finde, das genügt.“

Sehen Sie, so ist Philippus ein Mann, der zu sich gekommen ist. Der zu sich gekommen ist, entsetzt sieht, wie die Welt ohne Gott verdirbt, sich umdreht und Gott sucht – und nichts will als ihn.

Die Antwort Jesu auf die Suche nach dem Vater

Der Herr Jesus gibt hier eine herrliche Unterweisung. Doch plötzlich unterbricht ihn Philippus mit dem eindringlichen Zwischenruf: „Zeige uns den Vater!“

Jesus hatte zuvor ein großes Wort gesprochen: „Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater; und von nun an kennt ihr ihn.“ Doch Philippus sagt: „Ach, zeige uns den Vater, Herr Jesus! Deine ganze Predigt kommt bei mir nicht an.“

Dieser Ausdruck „Deine ganze Predigt kommt bei mir nicht an“ ist eine moderne Formulierung, die in der ursprünglichen Erzählung nicht verwendet wird. Er bedeutet, dass das Gesagte nicht in das Herz oder den Verstand eindringt. Philippus bittet also: „Zeige mir den Vater, genügt mir. Ich will auch nichts von ihm – nicht Gesundheit, Geld oder irgendeine andere Gabe –, sondern ich will ihn selbst.“

Es muss etwas im Herzen eines Menschen geschehen sein, damit er zu einer so seltenen Haltung gelangt und sagt: „Zeige uns den Vater!“

Nun wollen wir einen Moment still werden und uns selbst fragen: Bin ich schon so weit? Ist in meinem Herzen etwas vorgegangen, das mich zu mir selbst hat kommen lassen und mich erkennen lässt, dass ich ihn haben muss? Nicht den Pfarrer, nicht die Kirche, nicht die Religion, nicht die Jugendgruppe oder irgendeine Form von Gott – sondern dass mein Herz schreit wie der Hirsch nach frischem Wasser, nach dem lebendigen Gott.

Wir schließen uns an die verlorenen Söhne an, die dieses Schreien in sich tragen: „Zeige uns den Vater, so genügt uns das.“

Die Bedeutung des Zwischenrufs als Gebet und die Antwort Jesu

Und nun das Zweite, der Zwischenruf. Wir sahen den Mann, der ihn gerufen hat, und jetzt zweitens die Antwort, die er bekam, zweitens die Antwort, die er bekommt.

Da hat also der Herr Philippus den Herrn Jesus mit diesem Zwischenruf glatt unterbrochen. Und das finde ich nun so wunderschön, dass der Herr Jesus dem Philippus nicht über den Mund fährt und sagt: „Also, lass mich doch erst mal ausreden, Philippus!“ Das ist für die Methode vom Jünger! Der Meister einfach ins Wort zu fallen – das tut ein feiner Mann nicht. Er schreit nicht unter der Glocke des Präsidenten.

Der Herr Jesus nimmt den Zwischenruf ganz freundlich auf und gibt dem Philippus eine klare, helle Antwort. Ehe ich die bespreche, möchte ich im Moment bei der Tatsache stehen bleiben, dass Philippus eine Antwort bekommt. Wie sollte der Herr Jesus dem Philippus nicht antworten? Denn sein Zwischenruf ist ja eigentlich ein wundervolles Gebet.

Hörst du auf, Herr? Ein Gebet! Er legt seine innere Not und Unruhe dem Herrn Jesus hin. Dieser Zwischenruf ist ja ein Gebet. Verzeihe uns, der Vater, so genügt uns.

Und wie mir das aufging, habe ich gedacht: Oh, so möchte ich wirklich beten können, dass man Jesus mit dem Munde – nicht nur mit Gedanken – sagt, was tief im Herzen quält und unruhig macht. Die Probleme und Dinge, mit denen man nicht fertig wird, die Schuld, die quält, und die, dass man ihm die Dinge sagen kann. Dann kommt Klarheit in so ein Leben, meine Freunde, wenn wir so mit Jesus reden können wie Philippus. Da käme wundervolle Klarheit in unser Leben.

Denn davon können Sie überzeugt sein, dass dieser Herr uns antwortet. Das erfahren wir hier. Er lebt ja, er lebt. Er kann heute Antwort geben. Er antwortet auf unser Gebet, auf unsere Fragen, auf unser Herz ausschütten, und er tut es gerne. Er tut es gerne, er berät uns ernst.

Sehen Sie, er hat ja seine Macht und den Beweis gestellt, als er von den Toten auferstand, und er hat seine Liebe und den Beweis gestellt, als er dieses große, schreckliche Leiden am Kreuz für uns auf sich nahm. Soll dieser mächtige Herr in meinem Herzen uns nicht helfen? Schüttet euer Herz vor ihm aus, liebe Leute! Schüttet euer Herz vor ihm aus, liebe Leute!

In diesem Augenblick schüttet Philippus sein Herz aus. Gott will: „Ich habe die Religion genug, das Geschwätz, das Gerede und das Diskutieren, ich will ihn sehen.“ Schüttet euer Herz vor ihm aus, liebe Leute!

Die klare Offenbarung Gottes in Jesus Christus

Aber nun müssen wir die Antwort selbst hören, die Philippus bekommen hat. Philippus fragt: „Zeige uns den Vater, so genügt uns.“ Wo ist denn Gott? Und Jesus antwortet: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Wo ist Gott? In Jesus wird Gott sichtbar.

Das ist eine befreiende Antwort. Ich möchte Ihnen gern persönlich bezeugen, wie dieses Wort mich zum ersten Mal wirklich angesprochen hat. Ich glaube, ich habe das schon einmal erzählt – verzeihen Sie –, aber in alten Bekannten erzählt man gern wieder, nicht wahr?

Das war eine Stunde, als ich junger Student war. Ich hatte ein kleines, schmales philosophisches Büchlein vorgenommen: Lotzes Ästhetik. Dort philosophierte der Mann auch über Gott. Ich saß am Waldrand auf der Schwäbischen Alb, grübelte über diese schweren Sätze und fragte mich, wie man Gott zeigen könnte.

Plötzlich erschrak ich: Der Mann spricht philosophisch von Gott. Es ist ihm kein Problem, dass Gott existiert. Aber er sagt kein Wort darüber, wie Gott ist. Wie ist denn Gott? Es würde mich vielmehr erschrecken, wenn Gott ein ganz fürchterlicher Dämon wäre, der Freude daran hat, uns zu quälen.

Manchmal denkt man, Gott könnte ein grauenvoller Tyrann sein. Wie ist er denn? Es hat keinen Sinn, über Gott zu philosophieren, wenn der Schrecken über einen kommt: Wie ist er denn? Man muss fürchtlos sein! Es gibt ja auch Worte in der Bibel, die davon sprechen, dass Gott schrecklich ist.

In dem Augenblick, kann ich nur sagen, wie es war: Es war, als ob der Herr Jesus mir selbst sagte: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Da verstand ich zum ersten Mal, was für ein helles und frohmachendes Wort das ist. Wenn ich meinen herrlichen und lieben Heiland ansehe, wie er für mich am Kreuz stirbt, dann sehe ich Gott selbst. Wer mich sieht, sieht den Vater.

Es gibt eine wundervolle Auslegung zu diesem Bibelwort von einem Zeitgenossen Luthers, dem Maler Albrecht Dürer. Ein nicht sehr bekannter Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert trägt den Titel „Die Dreieinigkeit“. Auf diesem wundervollen Blatt sieht man den Vater auf dem himmlischen Thron, umgeben von Engelchören, und über ihm schwebt die Taube des Heiligen Geistes.

Aber das Schönste ist: Der Vater, der Thron, der Schöpfer hält in den Armen den gekreuzigten Heiland, den gekreuzigten Jesus. Er hält ihn so, dass er der Welt gleichsam diesen Gekreuzigten entgegenhält, dass dieser ihn fast verdeckt. Es ist, als ob der Vater sagt: „Wer den sieht, der sieht mich.“

Das ist eine wundervolle Auslegung unseres Wortes: Der Vater hält uns Jesus in der Welt. Wer den Sohn sieht, der sieht den Vater. Das ist so wichtig. Der Herr Jesus hat das an anderer Stelle im Johannes-Evangelium noch deutlicher gesagt. Er sagt dort: „Nicht nur wer mich sieht, sieht den Vater, sondern ich bin die Tür zum Vater. Ich bin die Tür. Wer durch mich eingeht, wird errettet werden.“

Das heißt mit anderen Worten: Es gibt keine andere klare Offenbarung Gottes als Jesus. Es gibt kein Ansehen Gottes außer in Jesus Christus. Und es gibt keinen Weg zu Gott außer durch Jesus Christus. Das muss man wissen, wenn man Gott nicht vergessen will, wie er uns ist.

Ich habe am Anfang gesagt: Wir können Gott nicht vergessen. Nun gibt es im Alten Testament eine unerhörte und aufregende Geschichte. Dort wird erzählt von den bösen Leuten in Sodom, die den frommen Lot töten wollten. Da heißt es einfach: Gott schlug sie mit Blindheit, sodass sie die Tür nicht fanden.

Ich habe mir oft vorgestellt, wie die Leute einmal herumtappen. Da waren viele Türen, aber die richtige fanden sie einfach nicht. Sie tappen herum und finden die richtige Tür nicht. So kommt mir der ganze religiöse Jammer unserer Zeit vor: Gott schlug sie mit Blindheit, sodass sie die Tür nicht finden.

Wir können Gott nicht vergessen. Jetzt tappen die Menschen vor der Tür Gottes herum. Da sagt der eine: „Hier ist die Tür, ich finde Gott in der Natur, wenn die Blümlein blühen, die Vöglein singen, die Nachtigallen schluchzen und die Bäume rauschen, das Bier schäumt im Waldlokal, dann habe ich Gott gefunden.“ Ich war darum am Himmelfahrtstag dort.

Nein, nein, es hat noch keiner Gott in der Natur gefunden. Ich habe gern Natur, aber dort finden sie Gott nicht. Diese falsche Tür ist nicht die wahre Tür. Sie sind wie die Sodomiten, die herumlaufen, viele Türen finden, aber die richtige nicht.

Ein anderer ruft: „Ich finde Gott in der Musik.“ Je nach Geschmack ist das die Matthäus-Passion oder Beethovens Neunte, ganz modern. Es gibt moderne Jagdschätzfahrer, die offenbar der Ansicht sind, dass dort die Tür zu Gott ist. Das ist es auch nicht.

Nichts gegen Beethovens Neunte – sie ist herrlich –, aber die Tür zu Gott ist sie nicht. Die größte seelische Erhebung ist noch keine Tür zu Gott. Nun lesen wir heute überall, das können Sie in Spanien sehen: Maria ist die Pforte der Gnaden, Maria ist die Tür, Maria ist die Tür.

Die Kirche müsste jetzt ehrlicherweise die Bibel verbrennen. Das wird sich meiner Meinung nach eines Tages auch tun. Sodom-Leute, die an den Türen herumtasten und lauter Türen finden, aber die richtige nicht.

Jesus sagt: Ich bin die Tür. Wer mich sieht, sieht den Vater. Wir kommen zu Jesus und gehen durch ihn zum Vater – oder wir bleiben in Ewigkeit gottverlassene Leute.

Mit einer unerhörten Radikalität sagt dieses Wort: Jesus allein, Jesus möchte hier haben. Wer mich sieht, sieht den Vater. Nicht eine Tür, sondern die Tür.

Der leise Vorwurf und die Mahnung zur geistlichen Reife

Lassen Sie mich noch ein letztes Mal etwas sagen: Der Zwischenruf, der Mann, der einen machte, der seltene Mann, der die Antwort bekam – und der leise Vorwurf. Ich muss Ihnen noch den leisen Vorwurf zeigen. Hoffentlich können Sie mir noch zuhören. Es ist heute etwas dumpfe Luft bei diesem Regen, aber der leise Vorwurf ist so wichtig.

Ich sagte eben, es ist schön, dass der Herr Jesus dem Philippus geantwortet hat. Doch ich würde etwas unterschlagen, wenn ich Sie nicht darauf hinwiese, dass Philippus einen leisen Vorwurf erhält. „Philippus, so lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht.“ So lange! Dieses „so lange“ hat mich sehr getroffen.

Als ich in Tübingen studierte, gab es da einen, der schon lange vor mir angefangen hatte. Als ich mein Examen gemacht hatte – ich glaube, er ist heute noch da – nannten wir ihn nur den ewigen Studenten, nicht wahr? Er kam einfach nicht zum Zug, nicht zum Examen. Der ewige Student – eine komische Figur. Ich vergesse nicht, wie einmal in einem engeren Kreis jemand zu ihm sagte: „Jetzt bist du schon im zwölften oder vierzehnten Semester und hast immer noch kein Examen gemacht. So lange studierst du nun schon, und es ist immer noch nichts geworden.“

Es gibt auch im Geistlichen ewige Studenten. „So lange studierst du schon, so lange bin ich bei euch, Philippus.“ Da hört man eine Menge Wort Gottes, sitzt oft im Gottesdienst. Man war auch mal bei Krüger, halb ein Jansbrüder, hat die Essener Pfarrer so abgeklopft. Kennt das alles? Man war vielleicht sogar in der Bibelstunde. Man war bei Pastor Weigel im Jugendhaus, nicht wahr? Ich habe schon Weigel gehört. Und es kam nie zu einer Wiedergeburt, nie zu einer wirklichen Erkenntnis Jesu Christi, nie zu einer Erkenntnis des eigenen verlorenen Zustandes. Es kam nie zu einer Übergabe an den Herrn Jesus. Bis heute ist kein geordnetes Gebetsleben entstanden und kein ernsthaftes Bibelstudium.

„So lange bin ich bei euch“, sagt Jesus zum Philippus und warnt ihn vor dem Stillstand im geistlichen Leben. Denn dann ist man besser gottlos.

Dieses Klagen und Anklagen, dieses „So lange“ finden wir häufig in der Bibel. Da sagt doch der lebendige Gott zu einer sturen und tauben Welt: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu dem Volk, das sich nichts sagen lässt.“ Dieses Wort steht zweimal in der Bibel: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt.“ Und wer nimmt Notiz davon?

Im Hebräerbrief im Neuen Testament schreibt der Apostel an die Christen: „So lange. Ihr, die ihr längst Meister sein solltet, bedürft wiederum, dass man euch die allerersten Buchstaben des göttlichen Wortes lehre und Milch gebe und keine feste Speise.“ So lange bin ich weich, Philippus, und noch nichts ist daraus geworden.

Wissen Sie, was Gott besonders ärgert? Das sind die sogenannten christlichen Leute. Ich glaube, Gott kann mit Atheisten fertig werden, aber mit den christlichen Leuten, bei denen Jahr für Jahr derselbe langweilige Zustand herrscht, denen sagt der Herr: „Oh, dass du kalt oder warm wärst, aber nun geh irgendwo in die Entwicklung hinein und stagniere nicht so schrecklich, denn ich spucke dich aus meinem Mund aus.“

Das sollten wir uns zu Herzen nehmen: Dieses „so lange“. Wie sagt die Bibel? „Wachset in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus.“ Und Paulus schreibt Timotheus, dem jungen Mann, dass sein Wachstum offenbar werden soll.

Wir wollen es uns zu Herzen nehmen, richtige Schüler der Gnade Jesu Christi zu werden. Aber nicht ewige Studenten bleiben, sondern auch, sagen wir, Assessoren der Gnade, Referendare der Gnade und eines Tages Meister der Gnade. Das heißt nicht, dass wir sie meistern, sondern dass wir zugenommen haben in der Gnade und Erkenntnis Jesu Christi.

Schlussgebet und Bitte um geistliches Wachstum

Wir wollen bitten: Herr, unser Heiland, wir danken dir, dass du dich mit deinen Jüngern mühst und sie weiterführst.

Lass uns zu dem Kreis gehören, um den du dich sorgst. Lass uns bei denen sein, an denen du nicht vorübergehst und deren Zwischenrufe du hörst.

Amen.