
Das Evangelium nach Johannes
Damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist und dadurch ewiges Leben habt!
09.02.2025
Serie•Teil 1 / 4Das Johannes-Evangelium [CGH]
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einstieg in das Thema und die Leitfrage
Mir wurde gesagt, ich solle das Pult wieder dahin stellen, wo es stand. Das hat bei mir die Frage ausgelöst: Wo ist denn „stand“?
Ja, ihr dürft mir gern schon mal die erste Folie hinschmeißen, Jungs! Ich habe heute etwas Spannendes vor. Wir werden sehen, ob das euch wach hält und in der Predigt mündet, weil ich ins Johannesevangelium einsteigen möchte. Es ist sinnvoll, vor allem wenn man in so ein großes Buch hineingeht, auch eine gewisse Einleitung mitzugeben. Das bringt allerdings die Schwierigkeit mit sich, dass man sich auch ein bisschen mit einer Struktur beschäftigen muss und mit ähnlichen Dingen.
Ich versuche, das heute zweigeteilt zu machen: am Anfang ein paar Einleitungssachen. Und wer wach bleibt, nicht anfängt, seine Woche zu planen, über den Mittagsbraten nachdenkt oder Ähnliches, der bekommt dann auch noch ein bisschen etwas für das persönliche Leben mit. Denn ich werde dann noch in den Johannesprolog rübergehen. Den habe ich aber an Weihnachten vor einem Jahr schon einmal gepredigt, deswegen werde ich das nur anreißen und uns ein bisschen etwas mitgeben. Zumal der Prolog auch durchaus zu dem großen Thema passt, das Johannes setzen will.
Johannes stellt uns eine große Frage, die die Menschheit eigentlich seit zweitausend Jahren beschäftigt, nämlich: Wer ist Jesus?
Ich habe mal zwei Zitate mitgebracht. Das eine ist von Albert Einstein: „Ich bin Jude, aber ich bin gefesselt von der leuchtenden Figur des Nazareners. Jesus ist zu kolossal für den bloßen Stift von Phrasendreschern, und dennoch ist er so kunstvoll. Kein Mensch kann das Evangelium lesen, ohne die Gegenwart von Jesus Christus zu spüren. Seine Persönlichkeit pulsiert in jedem Wort. Keine Legende ist von so einem Leben erfüllt. Alle Helden hinken im Vergleich mit Jesus.“
Hier schätzt ihn jemand schon sehr wert und stellt fest, dass er irgendwie besser ist als alle anderen tollen Menschen der Weltgeschichte, die so im Angebot stehen. Und der, der das gesagt hat, ist jetzt nicht jemand, der auf den Kopf gefallen war, so zumindest mein Eindruck.
Das andere ist auch ein spannendes Zitat, von dem man jetzt nicht unbedingt erwarten würde, dass er sich mit Jesus beschäftigt hätte, nämlich von Karl Gorbatschow. Der hat mal gesagt: „Jesus war der erste Sozialist, der erste, der ein besseres Leben für alle Menschen erwirken wollte.“ Also Jesus als der große Sozialrevolutionär, Jesus, der sich um die Armen gekümmert hat. Und wer in die Evangelien eintaucht, der wird feststellen: Ja, da ist schon auch etwas dran.
Die Frage ist: Werden diese Aussagen, Jesus als der bessere Held, Jesus als der Sozialrevolutionär, und man könnte noch ein paar andere Zitate hineinbringen, Mahatma Gandhi, der Jesus als den großen moralischen Lehrer gesehen hat und sagt: Ja, das ist eigentlich ein guter Pfad der Tugend, dem es nachzufolgen gilt, werden die der Person gerecht?
Und die Frage hat Johannes damals schon gestellt bekommen. Aber es ist nicht nur eine Frage der Philosophie und eine Frage der Geschichte, sondern es ist eine Frage, die in deinem Leben stehen wird, wenn du dich mit ihm beschäftigst. Eine Frage, die du nicht einfach nur in der Theorie beantworten kannst, sondern eine Frage, die dich persönlich treffen wird: Wer ist Jesus für dich?
Ich bin überzeugt davon: Wer sich mit ihm auseinandersetzt, kommt um diese Frage nicht herum. Man kann nicht dabei stehenbleiben, sich mit Jesus auseinanderzusetzen und dabei eine philosophische Theorie zu entwickeln. Am Ende wird die Frage vor dem eigenen Leben stehen.
Wie können wir da aber zu einer Antwort kommen? Ich glaube, dass ein valider Weg tatsächlich ist, auf die Leute zu hören, die ihn gekannt und kennengelernt haben. Und ich glaube, dass das in den Evangelien der Fall ist.
Ja, ich bin mir bewusst, dass es da Diskussionen gibt: Hat auch das Johannesevangelium wirklich Johannes geschrieben? Und ist es nicht zweihundert Jahre später erfunden worden und Ähnliches? Oder war es eine johannäische Schule, die dahintersteht, oder ein anderer Johannes oder Ähnliches? Damit will ich euch jetzt nicht mit den Diskussionen langweilen.
Ich setze voraus und glaube, dass da gute Glaubwürdigkeit ist, dass dieses Evangelium des Johannes tatsächlich von Johannes dem Apostel überliefert ist, dass er Augenzeuge war und dass es sehr gute Gründe dafür gibt, das zu glauben. Wer da Fragen hat, darf gern auf mich zukommen. Wer im Religionsunterricht und Ähnlichem vielleicht andere Dinge erklärt bekommt oder so: Es gibt gute Antworten, warum man davon ausgehen kann, dass es wirklich Johannes ist.
Das soll aber nicht der Schwerpunkt für heute Vormittag sein, sondern ich möchte eher damit eintauchen, wer dieser Johannes denn war, der dieses Evangelium geschrieben hat. Denn ich glaube, dass es hilfreich ist, wenn man sich mit dem Autor eines Buches auseinandersetzt, um ihn an der einen oder anderen Stelle besser zu verstehen.
Herkunft, Familie und Umfeld des Apostels
Das Erste wäre, dass man uns einmal fragt: Aus welcher Familie kommt er denn?
Das Spannende ist: Johannes taucht im Johannesevangelium nicht auf, zumindest vordergründig nicht. Aber in den anderen Evangelien lernen wir ihn ein wenig kennen. Da wäre zum Beispiel Markus, der einiges berichtet, nämlich über die Berufung, wie Jesus Johannes als seinen Jünger ruft. Dort schreibt Markus, als Jesus ein Stück weitergegangen war, sah er Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, in einem Boot, die Netze in Ordnung bringen. Auch sie forderte er gleich auf, mit ihm zu kommen. Da ließen sie ihren Vater Zebedäus mit den Lohnarbeitern im Boot zurück und folgten ihm nach.
Ja, und da sehen wir ein paar Dinge. Das eine ist: Sohn des Zebedäus. Deswegen wird Johannes, der Apostel, auch manchmal der Zebedäit genannt, wenn euch das irgendwo unterkommt. Das hat damit zu tun, weil er eben einer der Söhne des Zebedäus ist, um ihn abzugrenzen von Johannes dem Täufer.
Was hier noch drinsteckt, da muss man jetzt die damalige Zeit ein bisschen im Blick haben: Das war nämlich nicht so gewöhnlich. Sie hatten Lohnarbeiter bei ihrem Boot, und sie hatten ein eigenes Boot, Johannes und seine Familie. Das deutet darauf hin, dass das schon ein eher größeres Fischereigeschäft war.
Später, da gehe ich jetzt nicht auf die Stelle ein, seht ihr, dass wahrscheinlich Johannes derjenige ist, der Petrus mit in den Hof des Hohen Priesters hineinnimmt, als Jesus gefangen genommen worden ist, weil Johannes dort bekannt war. Und es gehen einige Forscher durchaus davon aus, dass Johannes wahrscheinlich mit seiner Familie so ein großes Fischereigeschäft hatte, dass sie in die höheren Kreise hinein Fisch geliefert haben oder so, damals. Und er deswegen vielleicht diesen Zugang hatte in das Haus des Hohen Priesters hinein.
Also die Tendenz ist sehr stark, dass Johannes wahrscheinlich aus einer Familie kam, denen es sehr gut ging. Und dieser Johannes war mit seinem Bruder zusammen bereit, das Stehen und Liegen zu lassen, aufzugeben, um Jesus nachzufolgen.
Die Mutter, die Familie und die Prägung der Söhne
Dann ein zweites Thema. Wir wissen auch etwas über die Mutter von Johannes. Die spielt nämlich später noch eine interessante Rolle, das sehen wir gleich noch.
Wahrscheinlich ja, auch aus den anderen Evangelien. Ich hoffe, dass es groß genug ist, dass ihr es lesen könnt, weil man da drei Stellen nebeneinander legen muss, um ein paar Aussagen zusammenzubringen. Und zwar erst einmal aus Markus und Matthäus, die dieselbe Situation berichten. Der eine nennt den Namen, der andere nennt, dass es die Mutter dieser Zebedäussöhne war.
Matthäus sagt, dass beim Kreuz, das ist die Situation, wo Jesus gekreuzigt wird, die Mutter der Zebedäussöhne unter den Frauen stand, die dort waren. Markus erwähnt die Mutter der Zebedäussöhne nicht, aber er erwähnt Salome. Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass die Mutter von Johannes und Jakobus Salome war. Das ist spannend, weil sie immer wieder mit den Leuten unterwegs ist, die Jesus nachfolgen.
In Lukas 8 wird einmal genannt, dass einige Frauen Jesus nachfolgen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Mutter von Jakobus und Johannes auch in dieser Gefolgschaft mit unterwegs war. Und in Markus 16,1 lesen wir, dass diese Salome auch dabei war, um mit zum Grab zu gehen und den Leichnam Jesu zu salben. Also wahrscheinlich ist die Mutter von Jakobus und Johannes auch in einer sehr engen Nachfolgebeziehung mit Jesus unterwegs.
Und das habe ich da noch geschrieben: Aufgrund der Johannesstelle in Johannes 19,25 vermuten auch einige, dass vielleicht Salome und Maria, die Mutter von Jesus, sogar Geschwister waren. Das würde bedeuten, dass Johannes und Jakobus Cousins von Jesus waren. Das ist ein bisschen wackeliger noch, aber nicht völlig unwahrscheinlich. Es soll aber jetzt nicht einen zu großen Wert für die Vorträge und Predigten haben.
Diese Salome, die Mutter von Jakobus und Johannes, ist noch eine spannende Frau, weil wir in der Szene in den Evangelien etwas von ihr mitbekommen. Und zwar berichtet das Matthäus. Das könnt ihr in Matthäus 20 nachlesen. Da heißt es, da kam die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen, also die Mutter von Jakobus und Johannes, kommt mit Jakobus und Johannes zu Jesus, warf sich vor ihm nieder, sie wollte ihn um etwas bitten.
„Was möchtest du?“, fragte er. Sie antwortete ihm: „Erlaube doch, dass meine beiden Söhne in deinem Reich neben dir sitzen, der eine an deiner rechten Seite und der andere an deiner linken Seite.“ Jesus entgegnete: „Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet. Könnt ihr den bitteren Kelch trinken, den ich trinken werde?“ Das können wir, erklärten sie. Da sagte Jesus zu ihnen: „Meinen Kelch werdet ihr zwar auch trinken, aber darüber zu verfügen, wer an meiner rechten und an meiner linken Seite sitzen wird, das steht nicht mir zu. Wer dort sitzen wird, das hat mein Vater bestimmt.“
Ja, ich will gar nicht jetzt ausführlich über den Text reden, aber das Spannende ist, dass die Mutter von Jakobus und Johannes etwas mit ihren Kindern vorhat. Sie will, dass die beiden mal etwas erreichen. Deswegen kommt sie zu Jesus und bittet ihn, dass die zwei eigentlich eine wichtige Rolle in seinem Reich spielen, nämlich zu seiner Rechten und Linken. Das sind so die wichtigsten Berater, die dort sitzen. Die Frau scheint ein Stück weit zielorientiert zu sein.
Und Markus berichtet diese Szene, ohne dass er die Mutter erwähnt. Wahrscheinlicher ist, dass Matthäus einfach detaillierter ist, dass die Mutter erst einmal kommt und bittet, aber die Söhne durchaus dahinterstehen. Und es kann durchaus sein, dass uns das auch schon ein bisschen zeigt, wie Jakobus und Johannes vielleicht geprägt waren: Wir wissen, wo es langgeht, wir wissen, was wir wollen im Leben.
Die bekommen nämlich von Jesus bei ihrer Berufung, das berichtet uns Markus, einen schönen Beinamen. Da heißt es: Jakobus, der Sohn des Zebedäus, Johannes, der Bruder des Jakobus, diese beiden nannte er Boanerges. Merkt euch fürs nächste Bibelquiz, was Boanerges heißt: Das bedeutet Donnersöhne.
Ich weiß ja nicht, was ihr denken würdet, wenn ich meine Jungs Donnersöhne nenne. Wahrscheinlich würde das eine gewisse Aussage über ihren Charakter mit sich bringen. Und ich denke, dass das durchaus auch bei Jakobus und Johannes der Fall war. Das hat wohl etwas ausgesagt, dass die zwei eben wahrscheinlich ein bisschen wussten, was sie wollten, und auch losrumpeln konnten, wenn etwas da war.
Charakter und Veränderung im engsten Kreis Jesu
Interessant ist, dass wir von Johannes weder in den Evangelien noch in der Apostelgeschichte viel hören. Dort, wo wir ihn aber hören, passt es genau in diese Linie hinein, die sich in den Evangelien zeigt.
Schauen wir einmal hinein. Wir lesen zum Beispiel in Lukas 9,54: Als seine Jünger Jakobus und Johannes das hörten, sagten sie: Da geht es darum, dass Leute Jesus angegriffen haben. Sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?
Das ist eine der wenigen Aussagen, die wir von Johannes im Evangelium haben. Das klingt nicht nach einem kurzen Kompromiss. Das klingt nicht nach Abwägen, nach dem Anhören aller Seiten und dem Überlegen, was weise ist, sondern eher nach: Vollgas drauflos.
Und ja, eine andere Stelle ist ähnlich, in Markus 9,38: Johannes sagte zu Jesus: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austreibt. Wir haben versucht, ihn daran zu hindern, weil er sich nicht zu uns hält.
Also sagt Johannes im Grunde: Da ist jemand, der gehört nicht zu unserer Gruppe. Der treibt Dämonen aus. Das geht auf keinen Fall. So ungefähr: Der hat noch nicht einmal die Mitgliedschaft unterschrieben. Das geht doch nicht, dass der im Reich Gottes mitwirkt.
Und Jesus sagt: Hindert ihn nicht, denn jemand, der unter Berufung auf meinen Namen ein Wunder tut, kann nicht gleichzeitig schlecht von mir reden. Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Ja, wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil er Christus angehört, der wird, das versichere ich euch ganz gewiss, nicht ohne Lohn bleiben.
Also muss Jesus ihn da ein wenig herunterholen. Das sind einige der wenigen Szenen, und wir sehen ein Bild von Johannes, der tough ist, würde ich sagen. Er weiß, wo es langgeht, vielleicht sogar mit einer kurzen Zündschnur. Das ist so das Erste, wie er uns geschildert wird.
Und dann entdecken wir aber andere Dinge, wo vielleicht Veränderung passiert ist.
Der Jünger, den Jesus lieb hatte
Das Erste ist: Johannes gehört interessanterweise neben Petrus und Jakobus zum engsten Kreis um Jesus. Jesus nimmt sie zu besonderen Situationen mit, nämlich zu drei Ereignissen, bei denen nur diese drei dabei sind.
Das eine ist die Auferweckung der Tochter des Jairus. Dort holt Jesus zum ersten Mal jemanden vom Tod ins Leben zurück. Das zweite ist die Verklärung Jesu, bei der Elija und Mose erscheinen und nur die drei Jünger dabei sind. Das dritte ist die Szene in Gethsemane, wo Jesus sich vom Rest der Jünger noch einmal ein Stück weiter zurückzieht, um seinen Todeskampf im Gebet schon vorzufechten. Dort nimmt er Johannes, Jakobus und Petrus mit.
Die Belegstellen habt ihr hier. Jesus lässt diesen Donnersohn oder diese beiden Donnersöhne nah an sich heran. Und scheinbar hat das eine Veränderung mit sich gebracht, weil etwas Spannendes der Fall ist.
Im Johannesevangelium wird der junge Johannes nie mit Namen genannt. Aber es ist immer wieder die Rede von einem Jünger, den Jesus lieb hatte. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass das Johannes selbst ist. Ein paar Beispiele dafür, oder auch die Szene, in der das deutlich wird, haben wir hier.
Ganz am Ende des Johannesevangeliums haben wir die Szene, in der Petrus mit Jesus noch einmal unterwegs ist und Jesus diese mehrfache Frage an Petrus stellt: Hast du mich lieb? Und am Ende kommt etwas sehr Spannendes. Petrus, der gerne auch die anderen im Blick hat, stellt Jesus die Frage: Was ist denn mit diesen anderen Jüngern? Und Jesus sagt dann ungefähr: Kümmer dich nicht um ihn, bleib bei dir.
Vier Verse später heißt es am Ende des Johannesevangeliums, dass der Jünger, von dem Jesus das sagt, auch derjenige ist, der all diese Dinge bezeugt hat. Er hat sie niedergeschrieben, und wir wissen, dass sein Bericht wahr ist. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass dieser Jünger, den Jesus lieb hatte, tatsächlich Johannes ist.
Heißt das, dass Jesus nur Johannes lieb hatte? Nein. Das heißt einfach, dass Johannes für sich erlebt hat, dass Jesus ihn lieb hat. Und so wenig wir über Johannes wissen, erkennen wir doch, dass jemand, der zu diesen Donnersöhnen gehört hat, ein Evangelium schreibt, in dem für ihn im Zentrum steht, dass Jesus ihn lieb gehabt hat.
Später werden wir noch sehen, dass Johannes eine starke Betonung der Liebe Jesu zur Welt hat und dass Johannes Wert darauf legt, Liebe zu leben. Wir wissen nicht genau, wie das verstanden worden ist. Aber ich denke, weil Johannes Jesus erlebt hat, ist in seinem Leben eine Veränderung passiert.
Zeugnis, Gemeinde und spätere Lebensstationen
Ein paar weitere Details zu seinem Leben, zu dem, was wir von ihm wissen: Johannes ist Zeuge des Todes Jesu. Er ist zusammen mit Petrus der erste Jünger am Grab. Er erkennt als Erster den auferstandenen Jesus in Tiberias am See. Und er lebt ewig? Er selbst sagt ganz klar, dass das ein Missverständnis ist. Aber offenbar ist das damals unter den Jüngern aufgekommen.
In der Apostelgeschichte spielt Johannes am Anfang noch eine stärkere Rolle. Er war Teil der Jünger, die auf Pfingsten gewartet haben. Er heilt zusammen mit Petrus einen Gelähmten, steht mit Petrus vor dem Hohen Rat und erleidet dort Schläge. Er begleitet Petrus nach Samarien, das haben wir gerade gesehen, und er gehört zu den Säulen der Gemeinde im Galaterbrief.
Danach taucht Johannes in der Apostelgeschichte nicht mehr auf, erst wieder mit seinen Briefen und in der Offenbarung, die ich ebenfalls Johannes zuschreibe. Dort leidet Johannes wegen der Verkündigung des Evangeliums. Er schreibt, dass er auf die Insel Patmos verbannt ist, weil er das Wort Gottes verkündet hat. Und Gott schenkt ihm Trost, weil er in dieser Zeit auf Patmos einen Blick in die Zukunft und in Gottes ewige Welt werfen darf.
Wenn man den Schriften der Kirchenväter glauben darf, dann ist Johannes wohl noch einmal aus Patmos freigekommen und war dann als Ältester in Ephesus tätig. Dort hat er wahrscheinlich auch das Evangelium geschrieben. Ich würde mich da an die Leute halten, die vermuten, dass es relativ spät, ungefähr um 85 nach Christus, geschrieben worden ist.
Aufbau des Evangeliums und seine Besonderheiten
Um was geht es in dem Evangelium? Was ist Johannes wichtig? Ich würde euch eine Gliederung hinwerfen. Und so eine Gliederung von dem Bibelbuch hat immer ein Problem: Das ist nicht unbedingt die des Autors, sondern wir haben das Bibelbuch da, und dann kann man sich Mühe machen, wie sehe ich denn irgendwie Strukturmerkmale? Ihr werdet in jeder Einleitungsliteratur, in jedem Kommentar und bei jedem irgendwie eine andere Gliederung finden.
Ich fand die hier ganz sinnvoll, weil sie relativ stark strukturiert ist: Johannes beginnt mit einem Prolog, dann beschreibt er das Wirken Jesu vor der Welt. Das lässt sich aufteilen in die Vorbereitungszeit, dann drei verschiedene Wirkgebiete, die jeweils mit einer Jerusalemreise zusammenhängen. Das ist bei Johannes besonders, weil Johannes der einzige ist, bei dem Jesus viermal nach Jerusalem reist. Bei den anderen Evangelien ist das zusammengefasst, da komme ich gleich noch dazu.
Nach diesen ganzen Reisen Jesu und seinem Wirken sehen wir ein Wirken Jesu vor seinen Jüngern, wo Johannes unheimlich viel Zeit darauf verwendet, in Kapitel 13 bis 17. Das macht einen ganz, ganz großen Block aus, in dem er seine Abschiedsrede hält und das ausführliche sogenannte hohepriesterliche Gebet, in dem Jesus für seine Jünger und seine Gemeinde betet. Das ist ein Stück weit stark besonders bei Johannes. In Kapitel 18 bis 21 ist dann Passion, Auferstehung usw. Um eine Struktur zu geben, die sich ein bisschen auch an den Reisen und Situationen im Evangelium orientiert.
Was ist besonders im Johannesevangelium, auch in Abgrenzung zu den sogenannten Synoptikern? Wer mit dem Wort nichts anfangen kann: Das sind Matthäus, Markus, Lukas, weil die relativ gleich unterwegs sind. Im Johannesevangelium redet Jesus deutlich ausführlicher und länger. In Matthäus, Markus, Lukas ist das oft sehr zusammengefasst und komprimiert. Das Spannende ist, dass man davon ausgeht, dass die Art, wie Jesus im Johannesevangelium redet, eher der Realität entspricht, weil es ein typischer orientalischer Stil ist. Er verwendet viel mehr Wiederholungen, viel mehr Beispiele, kommt nicht so schnell auf den Punkt und Ähnliches, während Matthäus, Markus, Lukas wahrscheinlich die Reden zusammengefasst und komprimierter wiedergegeben haben.
Johannes ist wahrscheinlich auch chronologischer unterwegs, während die anderen eher die Ereignisse in einer bestimmten Region zusammenfassen. Bei ihnen ist Jesus eben auch nur einmal in Jerusalem. Und während Matthäus, Markus, Lukas mehr Fokus auf Gleichnisse haben, hat Johannes mehr Fokus auf die Reden Jesu.
Es gibt vier Wunder, die nur bei Johannes vorkommen, recht bekannte: die Hochzeit zu Kana, die Heilung am Teich Bethesda, die Heilung des Blindgeborenen und die Auferweckung des Lazarus. Die wahrscheinlich auch in Johannes’ Hauptthema eine ganz wichtige Rolle spielen, weshalb er den Schwerpunkt darauf setzt. Nur zwei Wunder sind überhaupt gleich zu den Synoptikern: die Speisung der 5000 und dass Jesus auf dem See geht.
Und man sagt, dass Johannes circa 80 Sondergut hat, wieder so ein Fachbegriff. Das ist aber auch ganz simpel, das heißt, dass es nur bei Johannes vorkommt und nicht in einem der anderen Evangelien. Ja, und er verwendet einen einfacheren Wortschatz.
Ziel und Hauptanliegen des Evangelisten
So viel zur Theorie. Was ist Johannes aber wichtig, und was will er mit seinem Evangelium erreichen? Johannes macht es uns dabei leicht, weil wir nicht einfach nur schauen müssen, was sein Hauptthema ist. Er nennt das Ganze selbst in Johannes 20,30-31. Dort sagt er, dass Jesus in der Gegenwart seiner Jünger noch viele andere Wunder tat, durch die er seine Macht bewies, die aber nicht in diesem Buch aufgezeichnet sind. Er sagt also, dass er bewusst eine Auswahl getroffen hat, was er aufschreibt, und er begründet auch, warum.
Was hier berichtet ist, wurde aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben an ihn in seinem Namen das Leben habt.
Johannes verfolgt also zwei Ziele mit seinem Evangelium. Er möchte den Leuten klar machen, und das ist unsere Eingangsfrage, dass Jesus eben nicht einfach nur ein moralischer Lehrer ist oder ein Sozialrevolutionär, der die Armut der Welt lösen wollte. Ja, er hat solche Dinge angesprochen. Aber der große Punkt ist, dass Johannes zeigen will, dass Jesus der Christus und damit im jüdischen Verständnis der Messias ist, und dass er wirklich der Sohn Gottes ist.
Johannes legt in seinem ganzen Evangelium großen Wert darauf, dass Jesus wirklich Gott ist. Er zeigt Jesus in seiner Herrlichkeit als Gottessohn. Und das Ganze bleibt aber eben nicht abgekoppelt von der Frage, was das für unser persönliches Leben bedeutet. Denn sie fordert uns auf, ob wir diesem Jesus unser Vertrauen schenken wollen, ob wir den Mut haben, anzuerkennen, wer er ist, und ihm zu vertrauen, an ihn zu glauben und ihm die Kontrolle unseres Lebens zu überlassen. Genau das will Johannes erreichen, weil er überzeugt ist, dass das Leben schenkt.
Man kann davon ausgehen, dass Johannes von seinem ganzen Stil her unheimlich viele Anspielungen aus dem Alten Testament hat. Deshalb richtet er sich wahrscheinlich an Juden oder Proselyten, die in der sogenannten Diaspora leben, das heißt, die nicht mehr in Israel sind, sondern wahrscheinlich in römischen, heidnischen Gebieten leben. Er will sie überzeugen, dass Jesus der Messias ist, und sie zum Glauben auffordern. Das ist das große Thema. Johannes hat dieses Evangelium wohl mit einem starken missionarischen Fokus geschrieben, um Leute aus seinem Volk, Juden oder Menschen mit starkem jüdischem Bezug, zu erreichen.
Schon deshalb war es für jemanden, der in Rom aufgewachsen ist und Römer war, zunächst unwichtig, wer der Messias ist. Diese Frage hat sich für ihn erst einmal gar nicht gestellt. Klar, wenn er mit dem Christentum in Berührung gekommen ist, wurde das relevant. Aber das war zunächst nicht das, was ihn interessiert hat.
Und so sehen wir bei Johannes, dass sich das Thema „Wer ist der Messias?“ stark durchzieht. Er betont die Gottheit Jesu mehrfach. Er betont mehrfach, dass Jesus der von Gott Gesandte ist, dass er die Erfüllung, Hoffnung und Sehnsucht Israels ist. Er bringt immer wieder Abgrenzungen, dass Jesus mehr ist als das, was das Judentum zu bieten hat, und er zeigt, dass Jesus wirklich der Sohn Gottes ist. Das ist eine starke rote Linie, die sich durchzieht.
Daneben hat er auch ganz berühmte Dinge wie die Ich-bin-Worte. Dort sagt Jesus, wer er ist: Brot des Lebens, Licht der Welt, Auferstehung und Leben und so weiter.
Johannes hat noch ein paar andere thematische Schwerpunkte. Man sagt, es sei das Evangelium der Liebe, weil er immer wieder darauf Bezug nimmt. Außerdem beschreibt er wie kein anderer die Beziehung zwischen Jesus und seinem Vater und die Beziehung, die Jesus zu seinen Nachfolgern hat. Er baut einen starken Kontrast auf zwischen Glaube und Unglaube. Ihr werdet bei Johannes sehen, dass ganz viele Reden, in denen Jesus mit den Leuten spricht, in der Situation so enden, dass Johannes offenlässt oder den Kontrast zeigt, dass die einen mit Glauben, die anderen mit Unglauben reagiert haben. Und da kommt wieder sein Hauptthema mit hinein: Er möchte, dass die Leute glauben.
Er baut außerdem einen Kontrast auf zwischen Licht und Finsternis. Das werden wir gleich im Prolog noch kurz sehen. Bei allen Zeichen und Wundern, die er berichtet, hat er einen starken Fokus auf Jesus und seine Gottheit. Und der Heilige Geist spielt bei ihm auch eine größere Rolle als in den anderen Evangelien. Zusätzlich behandelt er stark die Frage, wer zu Gottes Volk gehört, wobei bei ihm die Wiedergeburt, also wer ein neues Herz bekommen hat, eine große Rolle spielt.
Übergang zum Prolog des Johannesevangeliums
Soweit dazu. Wer jetzt durchgehalten hat, wir schauen noch kurz in den Bibeltext, und ich hoffe, es wird ein bisschen praktischer. Ihr dürft Johannes 1 aufschlagen, und wir schauen noch kurz in den Prolog hinein.
Wie gesagt, am 24.12. war das schon eine ausführliche Predigt, in der es nur darum ging. Wer da Begründungslinien und so weiter nachvollziehen will, die ich jetzt nicht ziehen werde, der dürfte gerne nachschauen. Die Predigt ist online verfügbar.
Johannes 1, zunächst einmal die ersten drei Verse:
Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Der, der das Wort ist, war am Anfang bei Gott. Durch ihn ist alles entstanden. Es gibt nichts, was ohne ihn entstanden ist.
Und ja, wenn ihr das lest, dann merkt ihr schon: Das müsst ihr jetzt wahrscheinlich noch vier, fünf Mal lesen, bis ihr ganz versteht, was Johannes damit alles meint. Es ist unheimlich reich an Inhalt.
Was Johannes hier aber machen will, ist, dass er sein Evangelium interessanterweise nicht mit der Geburt Jesu beginnt, was den Fokus auf die Menschheit Jesu lenken würde, wie das zum Beispiel Lukas tut. Stattdessen beginnt er sein Evangelium mit der Schöpfung und zieht ganz bewusst einen Bezug auf 1. Mose 1, wo es heißt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Merkt ihr das mit: Am Anfang war er bei Gott und so weiter, als die Welt geschaffen wurde?
Johannes fängt quasi, wenn man das mit einem Konzert vergleichen würde, mit richtig Wumms an. Er haut gleich von Anfang an alle Instrumente rein. Das ist, was er hier im Prolog tut, um dann während seines Evangeliums ein bisschen leiser zu werden.
Und die erste Aussage, die er trifft, ist, dass dieser Jesus, über den er schreibt, nicht einfach nur ein Mensch war, der irgendwann mal geboren wurde, sondern dass dieser Jesus vor Raum und Zeit existierte. Dass er sogar derjenige ist, der die Schöpfung mitbetrieben hat, durch den die Welt geschaffen worden ist.
Für Johannes ist Jesus nicht einfach nur Mensch. Für ihn ist er Gott, der selbst Leben schafft, der selbst das Leben ist. Und das will Johannes direkt am Anfang klar setzen. Er will am Anfang direkt diese Gottheit Jesu betonen.
Es ist, wie wenn Shakespeare seinem Hamlet begegnet, wo Hamlet selbst nie die Chance hätte, Shakespeare zu erkennen. Er ist auf jeder Seite seines Buches unterwegs, aber er kann nicht zu ihm durchdringen, weil er so viel grösser und höher ist. Und das ist, was Johannes hier jetzt beschreibt: dass Jesus der Autor dieser Welt ist und dass der Autor dieser Welt in die Welt selbst kommt.
Licht, Finsternis und die Reaktion der Menschen
Wir lesen weiter die Verse vier bis neun.
In ihm war das Leben, und dieses Leben war das Licht der Menschen. Das Licht leuchtet in die Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können.
Nun trat ein Mensch auf, er war von Gott gesandt und hiess Johannes. Er kam als Zeuge. Sein Auftrag war es, als Zeuge auf das Licht hinzuweisen, damit durch ihn alle daran glauben. Er selbst war nicht das Licht; sein Auftrag war es, auf das Licht hinzuweisen. Der, auf den er hinwies, war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, das Licht, das in die Welt kommen sollte.
Johannes, der Apostel, nicht der, um den es hier jetzt geht, baut textmässig hier einen Kontrast auf, der sich dann durch sein ganzes Evangelium zieht. Er zeigt auf der einen Seite die Finsternis und sagt, dass die Welt, in die Jesus kommt, den er mit dem Licht identifiziert, Finsternis ist.
Jetzt kann man sagen: Na ja, sieht gerade nicht so aus. Wenn ich raus schaue, ist schönes Wetter. Aber auch wenn es uns persönlich vielleicht gut geht und wir viele schöne Momente haben, müssen wir nur manchmal die Decke des Schweigens an der einen oder anderen Stelle lüften, um zu sehen, wie abgrundtief diese Welt ist.
Ich habe diese Woche eine Podiumsdiskussion gehört, an der ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und eine Frau beteiligt waren, die viel Frauenarbeit im Prostitutionssektor macht. Dort wurde darüber gesprochen, wie gigantisch gross diese Zahl in Deutschland ist und wie gigantischer Menschenhandel dahinter steckt. Das hat mich einfach umgehauen.
Da war es so, dass man in Städten teilweise die Schätzung hatte: Ja, es gibt so hundert Prostituierte. Dann hat man das genauer erhoben, und die pessimistischsten Erhebungszahlen lagen bei 800, und das waren noch die niedrigsten. Man bekommt dadurch erst eine Vorstellung von den Dimensionen dessen, was man annimmt und was Realität ist.
Alleine das war für mich diese Woche ein Ereignis, bei dem man die Decke ein bisschen gehoben hat und diese Dunkelheit und Finsternis der Welt gesehen hat. Und es geht viel, viel weiter. Wie sieht das aus, wenn wir Kriege sehen, wenn wir sehen, wie Menschen miteinander umgehen? Man braucht nur eine Bundestagsdebatte anzuschauen, um zu sehen, wie viel Freundlichkeit und Liebe zueinander da ist. Das ist oft wirklich Finsternis.
Und Johannes beschreibt jetzt, dass Licht in diese Finsternis kommt, und die Finsternis, so heisst es in der Übersetzung hier, ist nicht in der Lage, das Licht auszulöschen. Und ich finde das genial, weil: Wenn du Licht anschaltest, hat Finsternis keine Chance mehr. Sie kann sich nicht dagegen wehren. Finsternis ist weg in dem Moment, wo das Licht angeht.
Ich weiss nicht, ob ihr schon mal in einer dunklen Höhle wart, wo es stockfinster ist. In dem Moment, wo das Licht angeht, wird es hell, egal wo du bist. Das durchleuchtet alles.
Und Johannes beschreibt jetzt, dass Jesus genau dieses Licht ist, das in die Welt kommt, in alle Dunkelheit hinein. Und wenn wir uns mit Jesus auseinandersetzen, werden wir erkennen, dass er ganz anders ist. Du wirst einen Unterschied merken.
Wenn du Menschen richtig kennenlernst, dann stellst du auch dunkle Seiten in ihrem Leben fest, selbst wenn sie noch so nett sind. Geht uns ja allen so. Oft ist man erst mal super begeistert, wenn irgendwo eine neue Freundschaft beginnt, weil alles himmelhoch jauchzen soll. Das kommt auch in Ehen vor. Dann lebt man mit der Person ein bisschen länger zusammen oder teilt mehr vom Leben, und man entdeckt die Kanten und Ecken.
Ich bin von einer Sache überzeugt: Bei Jesus ist das nicht der Fall. Und deswegen bildet er so einen krassen Kontrast zu allen anderen, weil er einfach perfekt ist, weil er schön ist. Und deswegen haben wir diesen Kontrast: Finsternis und Licht.
Wenn aber Licht die Finsternis erleuchtet, dann bleibt kein Graubereich mehr, sondern es wird viel sichtbar.
Ablehnung und Annahme des Lichtes
Wir lesen weiter die Verse zehn bis dreizehn, weil wir die Reaktion sehen wollen: Was passiert, wenn Licht hineinkommt? Denn die Frage ist, ob wir Menschen das überhaupt haben wollen.
Da heißt es: Er war in der Welt, aber die Welt, die durch ihn geschaffen war, erkannte ihn nicht. Er kam zu seinem Volk, aber sein Volk wollte nichts von ihm wissen. All denen jedoch, die ihn aufnahmen und an seinen Namen glaubten, gab er das Recht, Gottes Kinder zu werden. Sie wurden es weder aufgrund ihrer Abstammung noch durch menschliches Wollen noch durch den Entschluss eines Mannes; sie sind aus Gott geboren worden.
Meine Kinder haben überhaupt kein Problem damit, wenn man das Scheinwerferlicht in das Zimmer der jeweils anderen richtet, um zu sehen, ob ordentlich aufgeräumt worden ist. Wenn man mal mit der Taschenlampe vielleicht um das Bett leuchtet oder Ähnliches, um zu prüfen, ob wirklich aufgeräumt worden ist oder ob die Unordnung nur von einer Stelle an die andere verschoben worden ist. Sie haben aber Schwierigkeiten damit, wenn das in ihrem Zimmer passiert. Und ich glaube, dass das ziemlich genau beschreibt, wie wir sind. Wie Menschen zur Zeit Jesu waren und wie es bei uns ist, und was hier beschrieben wird.
Wir haben überhaupt kein Problem, wenn dieses helle Licht von Jesus, das so perfekt ist und andere Ansprüche hat als wir, auf andere Menschen fällt. Wir wünschen uns doch alle, dass Gott mal so richtig aufräumen wird auf dieser Welt. Dass diese Kriege und die Leute, die sie verursachen, aufhören. Dass die Menschen, die uns das Leben schwer machen, doch irgendwie zur Seite geräumt werden. Oder was weiß ich, dass die mal in Ordnung kommen würden.
Wir haben alle unsere Vorstellungen, und wir sind super darin, uns hinzustellen und zu sagen, was alles schlecht läuft in der Welt und was besser werden müsste. Das kriegt jeder gut hin. Aber wenn dieses Scheinwerferlicht auf mein eigenes Leben leuchtet und die schmutzigen Ecken meines Lebens aufleuchten lässt, dann mag ich dieses Licht nicht. Dann ist es eher so wie in der Früh, wenn ich gut geschlafen habe und auf einmal jemand das Licht im Zimmer anmacht. Das ist kein netter Moment. Das sorgt nicht für die beste Laune, sondern in aller Regel für Abwehrreaktionen.
Und so ist es oft, wenn Gottes Licht auf mein Leben fällt: Abwehrreaktion. Ich will nichts damit zu tun haben. Und das ist es, was ganz oft bei uns Menschen passiert, wenn sie mit Jesus in Berührung kommen. Sie merken diese Helligkeit, diese Perfektion, wie er so viel anders ist, und wie dieser Anspruch, der dadurch irgendwie an uns kommt, das Unperfekte bei uns zeigt. Wie er am Leben kratzt und wie man vielleicht erst einmal nichts mehr damit zu tun haben will.
Johannes beschreibt aber in den Versen zwölf bis dreizehn eine andere Gruppe. Eine Gruppe, die das ausgehalten hat, sich diesem Licht auszusetzen. Die sich darauf eingelassen hat, ihn ranzulassen. Die sich auf Jesus eingelassen haben und ihm vertraut haben, dass es gut ist, wenn er ans Leben heran darf. Diese Gruppe hat etwas erfahren, nämlich dass sie Gottes Kinder werden durften.
Menschen, die Jesus ihr Vertrauen geschenkt haben. Was nichts anderes ist, als ihm zu glauben. Die ihm ihr Leben anvertraut haben. Die ihn an ihr Leben heranlassen. Die dieses Licht zulassen. Jesus sagt später einmal im Johannesevangelium 11,25: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.
Und das ist die Zentralfrage, die Johannes in seinem Prolog stellt, die er in seinem ganzen Evangelium stellt: Wie reagieren wir auf diesen Jesus, der so viel perfekter und anders ist als wir? Wie reagieren wir? Lassen wir ihn an uns heran? Und Johannes beantwortet in seinem Evangelium und auch jetzt gleich im Prolog noch, wie das passieren kann. Denn das Interessante ist, dass die Menschen, die sich diesem Licht aussetzen, etwas erfahren.
Gnade, Wahrheit und die Offenbarung Gottes in Christus
Und das lesen wir in 14 bis 18, wo Johannes beschreibt, was er selbst erfahren hat. Wie er mit diesem Licht gelebt hat. Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns. Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie sie nur der einzige Sohn besitzt, der vom Vater kommt. Auf ihn wies Johannes die Menschen hin: Er ist es, rief er. Von ihm habe ich gesagt: Der, der nach mir kommt, ist grösser als ich, denn er war schon vor mir da.
Wir alle haben aus der Fülle seines Reichtums Gnade um Gnade empfangen. Denn durch Mose wurde uns das Gesetz gegeben, durch Jesus Christus sind Gnade und Wahrheit zu uns gekommen. Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige Sohn hat ihn uns offenbart, er, der selbst Gott ist und an der Seite des Vaters sitzt.
Zwei Dinge beschreibt Johannes hier. Er hat unheimlich viel Inhalt in diesen Versen, aber zwei zentrale Dinge. Das Erste ist ganz hinten in Vers 18: Wer mit Jesus in Berührung kommt, sieht Gott. Wir können Gott erst vollständig in Jesus Christus erkennen. Alles andere sind nur Andeutungen und schwache Schatten. In Jesus entscheidet sich Gott, selbst Mensch zu werden und das tiefste Innere seines Wesens zu offenbaren. Wir können Gott nicht von Jesus loskoppeln, so dass wir denken, Gott wäre auf der einen Seite so und Jesus auf der anderen. Nein, das ist dasselbe. Sie denken gleich, sie handeln gleich.
Das Zweite, was Johannes in den Versen davor beschreibt: Wenn wir Jesus ansehen, dann sehen wir eine Besonderheit, nämlich Gnade und Wahrheit, die zusammenkommen. Etwas, das uns schwerfällt. Warum? Weil Wahrheit eigentlich gnadenlos ist. Johannes redet hier von dem Licht, das das Leben ans Licht bringt. Und wenn ich Gottes Massstäbe und Wahrheit an mein Leben heranlasse, dann gibt es eigentlich nur den Punkt: genügend oder ungenügend, erfüllt oder nicht erfüllt. Das ist eine ziemlich einfache Sache. Vielleicht gibt es ein paar Graubereiche, aber ganz grundsätzlich ist es so.
Gnade ist etwas, das bedeutet, dass ich jemanden, obwohl er nicht perfekt ist, trotzdem annehme. Gnade ist, dass, wo jemand schuldig ist, das Gericht nicht in dem Sinn ausgeführt wird. Und Johannes sagt jetzt, dass in Jesus beides vereint ist. In Jesus wird auf der einen Seite dieser perfekte Massstab sichtbar, diese Wahrheit darüber, was wirklich richtig und falsch ist. Und auf der anderen Seite wird Gnade sichtbar.
Wir werden im Johannesevangelium sehen, und ich hoffe, dass das für euch klar wird, dass das nirgendwo so sehr sichtbar wird wie auf Golgatha. Dort wird alle Schuld der Welt völlig offensichtlich, weil klar wird: Gott selbst muss sterben für die Schuld dieser Welt. Dort ist dieses helle Scheinwerferlicht, das Sünde offenbar macht, nicht mehr zu leugnen. Hier stirbt jemand, weil die Menschheit seit eh und je die Massstäbe und die Wahrheiten Gottes verfehlt. Und gleichzeitig wird nirgendwo so sehr Gnade sichtbar, weil Gott selbst es ist, der dieses Gericht auf sich nimmt, weil er selbst es ist, der dieses Ungenügend wegräumt.
Nirgendwo sonst, wie auf Golgatha, wird der Kontrast zwischen Wahrheit und Gnade so sehr sichtbar. Und nirgendwo sonst wird so deutlich, dass beides in einer Person zusammenkommt: Jesus Christus.
Schlussfrage und persönliche Einladung zum Glauben
Und mit dieser Erkenntnis fordert Johannes seine Leute auf, sich in seinem Evangelium mit der Frage auseinanderzusetzen, wer dieser Jesus für sie ist. Die Frage, die Johannes stellt, und die Behauptung, die er in den Raum bringt, ist, dass in Jesus Gott selbst die Bühne des Weltgeschehens betritt. Und er stellt dir heute die Frage, wie du es mit diesem Jesus hältst. Schenkst du ihm dein Vertrauen?
C. S. Lewis hat einmal eine sehr berühmte Aussage getroffen, und ohne dieses Zitat kann man das Thema eigentlich nicht stehen lassen. Er sagt: Ein Mann, der als bloßer Mensch die Aussagen von Jesus macht, wäre kein großer moralischer Lehrer. Er wäre entweder verrückt, ungefähr so wie der Mann, der sagt, er sei ein Spiegelei, oder er wäre der Teufel persönlich. Du musst dich entscheiden. Entweder war und ist dieser Mann der Sohn Gottes, oder er ist verrückt oder noch schlimmer. Man kann ihn als Narren einsperren, man kann ihn anspucken und ihn als Dämon töten, oder man kann zu seinen Füßen fallen und ihn Herr und Gott nennen. Aber kommen Sie mir nicht mit diesem moralisierenden Quatsch, er sei ein großer menschlicher Lehrer. Diese Option hat er uns nicht offen gelassen, das wollte er nie.
Die Frage ist, wie wir vor Jesus reagieren. Sehen wir in ihm Gott? Sehen wir in ihm Gott, der selbst Mensch wird, um die Schuld der Welt zu sühnen, der dich herausfordert, ihm zu vertrauen und ihm dein Leben zu geben? Oder sehen wir in ihm nur jemanden, von dem wir ein bisschen Moral lernen können? Ja, das ist auch dabei, aber das war nicht das große Ziel.
Jesus lädt dich ein, dich auf ihn einzulassen. Was du entdecken wirst, ist viel mehr, als wir Menschen uns je ausdenken könnten. Du wirst staunend und begeistert sein, aber auch herausgefordert. Dort, wo du das Scheinwerferlicht auf dein Leben zulässt, das Jesus mit sich bringt, wirst du erkennen, wie er Dinge heilen lässt, wie er Dinge verändert und besser macht, als sie je waren. Dort wirst du erkennen, dass du in der Person der Wahrheit gleichzeitig der Person der Gnade begegnest. Dort wirst du erkennen, dass diese Person wirklich das Leben selbst ist, dass diese Person allein würdig ist, Sinn und Zweck deines Lebens zu sein, dass du dein Leben in ganzem Vertrauen und in ganzer Hingabe für diese Person lebst, für deinen Schöpfer, der Mensch wird, mit einem einzigen Ziel: Golgatha, um dich zu retten und zu erkaufen. Amen.