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Ein Sex-Skandal in der Gemeinde

1.Korintherbrief mit André Töws, Teil 12/12
19.04.20261. Korinther 5,1-13
SERIE - Teil 12 / 121.Korintherbrief mit André Töws
Wenn Sünde in der Gemeinde vertuscht wird, zerfrisst sie alles. Die Frage ist unbequem: Wegschauen – oder mutig ans Licht gehen, damit echte Rettung möglich wird?

Ein Skandal, der die Gemeinde betrifft

Der Name Jeffrey Epstein ist den meisten von uns mittlerweile bekannt. Jeffrey Epstein war ein vermögender Sexualstraftäter, der viele junge Mädchen missbraucht und ihre Dienste teils sehr prominenten Gästen auf seinem Anwesen zur Verfügung gestellt hat. Durch die Berichte der Opfer, aber auch durch die sogenannten Epstein Files, wurden in den letzten Monaten mehr und mehr schockierende Nachrichten zuteil. Die ganze Sache ist ein grosser Skandal, und man hat den Eindruck, dass die ganze Wahrheit noch nicht ans Licht gekommen ist. Ein Sexskandal, der die Welt erschüttert, das muss man so sagen. Jeder Sexskandal hat an sich etwas Erschütterndes, aber heute Morgen möchte ich mit euch über einen Skandal reden, der so erschütternd ist, weil er sich in einer Gemeinde zugetragen hat, in der Gemeinde Korinth.

Mein Predigtthema heute Morgen lautet: Ein Sexskandal in der Gemeinde. Der Predigttext kommt aus 1. Korinther 5,1-13. Für diejenigen, die heute hier sind, vielleicht zum ersten Mal bei uns, oder für diejenigen, die die Predigt im Nachhinein oder auch währenddessen jetzt über den Livestream verfolgen und die die Korinther-Reihe gar nicht mitbekommen haben und heute einfach mal zugeschaltet haben, ihr stellt euch vielleicht die Frage: Wow, gibt es einen innergemeindlichen Anlass hier, dass der Pastor das Thema anspricht? Nein, den gibt es nicht. Nicht dass ich wüsste.

Wir hier in Köln haben die Predigtphilosophie, dass wir Vers für Vers durch biblische Bücher predigen. Ich predige gerade durch den ersten Korintherbrief, und wir sind jetzt einfach bei Kapitel 5 angelangt. Also gibt es keinen bestimmten Grund, warum ich heute Morgen darüber predige. Aber ich glaube trotzdem, dass Gott mit der heutigen Predigt ganz bewusst in unserem Leben sprechen möchte und dass es trotzdem kein Zufall ist, dass wir heute über dieses Thema sprechen.

Einen Sexskandal in der Gemeinde möchte ich mit euch unter drei Punkten besprechen. Der erste Punkt lautet: Der Skandal wird öffentlich.

Ich lese Vers 1. Paulus schreibt an die Christen in Korinth Folgendes: Überhaupt hört man, dass Unzucht unter euch ist, und zwar eine solche Unzucht, die selbst unter den Nationen nicht stattfindet, dass einer seines Vaters Frau hat.

Paulus sagt: Man hört, dass Unzucht unter euch ist. Paulus hat viele Nachrichten aus Korinth bekommen. In Kapitel 1, Vers 11, sagt er: Mir ist bekannt geworden durch die Leute der Chloe, dass Spaltungen unter euch sind. Also hat er viele Nachrichten bekommen. Die Nachricht, die er heute anspricht, ist Unzucht. Unzucht, das griechische Wort dafür heisst Porneia, ist ein Oberbegriff in der Bibel für sexuelle Sünde. Da fallen sehr, sehr viele verschiedene Praktiken und Sünden darunter. Der voreheliche Geschlechtsverkehr, also Sex vor der Ehe, wird in der Bibel als Sünde bezeichnet. Ehebruch wird auch mit diesem Wort Porneia, Unzucht, betitelt, aber auch praktizierte Homosexualität nennt die Bibel Unzucht. Das müssen wir wissen.

In Korinth ist der Fall von Unzucht hier aber besonders schwerwiegend, in dem Sinne, dass diese Form der sexuellen Unzucht selbst bei Ungläubigen nicht gängige Praxis ist. Ein absoluter Skandal.

Worin besteht der Skandal? Paulus sagt, dass einer seines Vaters Frau hat. Das heisst, ein Mann aus der Gemeinde Korinth hat eine sexuelle Beziehung zur Frau seines Vaters. Das griechische Verb hier beschreibt einen andauernden Vorgang. Also ist es nicht das, was einmal vorgefallen ist, was auch schlimm wäre, sondern er lebt aktuell darin. Mit grosser Wahrscheinlichkeit geht es hier nicht um die leibliche Mutter, sonst würde hier im Text Mutter stehen. Bei der Frau des Vaters geht es wahrscheinlich um die Stiefmutter. Die Frage, ob sein Vater noch lebt, muss offen bleiben; der Text beantwortet uns das nicht. Aber unabhängig davon geht es hier um einen Inzestfall in der Gemeinde.

Bruce Winter hat in seinem Buch After Paul Left Corinth sämtliche Hintergründe der Stadt Korinth analysiert, und er geht hier auf die römische Gesetzgebung ein. In der damaligen römischen Gesetzgebung zur Zeit des ersten Korintherbriefs wurde im römischen Recht unterschieden zwischen dem Bürgergesetz und dem Kriminalgesetz. Inzest, also der Fall, der hier vorliegt, wurde vom Kriminalgesetz behandelt. Das heisst, hier geht es um etwas, was sogar vor römischem Recht kriminell ist.

Bruce Winter erklärt, dass selbst wenn ein Mann seine verwitwete Stiefmutter geheiratet hätte, es trotzdem in die Kategorie Inzest fallen würde. Ein Inzestfall liegt auch dort vor, wo ein Mann mit seiner Stieftochter, Schwiegertochter oder Stiefmutter sexuell verkehrt. Ein kombiniertes Vergehen aus Ehebruch und Inzest wäre dann gegeben, wenn der Vater noch leben würde. Ein solcher Verstoss konnte laut römischem Recht bedeuten, dass der Täter aus der Stadt verbannt wurde, möglicherweise auf eine einsame Insel. Dies würde den Verlust seines Bürgerrechts und seines Besitzes nach sich ziehen.

Ihr Lieben, das ist die römische Gesetzeslage, die weltliche Gesetzeslage. Noch wichtiger ist natürlich der Massstab Gottes, und Gott nennt in 3. Mose 18 und 20 Inzest als Sünde.

Ich möchte ein paar Ausführungen generell zu Gottes Gedanken über Sexualität hier loswerden. Gott ist der Erfinder der Sexualität. Gott hatte sehr, sehr gute Gedanken mit der Sexualität. Weil er der Erfinder ist, hat er aber auch das Patent auf Sexualität. Gott entscheidet, wie Sexualität ausgelebt wird und wo sie ausgelebt wird. Und gerade weil Sex etwas so Mächtiges ist, kann es Menschen entweder ein sehr grosser Segen sein oder sehr viel Schaden anrichten. Es ist etwas Mächtiges.

Gott stellt in seiner guten Absicht die Sexualität in einen geschützten Rahmen, und dieser Rahmen heisst Ehe: eine Ehe aus einem Mann und einer Frau für ein ganzes Leben, eine rechtlich verbindliche Liebesbeziehung. Ihr Lieben, das sind wunderbare Gedanken Gottes. Das ist übrigens auch der ideale Rahmen für Kinder, wo sie aufwachsen können, in einem geschützten Rahmen, wo Papa und Mama sich treu sind, sich einander lieben, und in diesem Rahmen ist die Sexualität so etwas Förderliches für die Ehe.

Uns bibeltreuen Christen wird häufig eine verstaubte Sexualmoral vorgeworfen, aber wir müssen hochhalten, ihr Lieben, auch wir als Gemeinde, und das machen wir auch öffentlich, dass Gottes Gedanken und Gottes Gebote so gut sind und so wichtig sind. Dabei wollen wir bleiben, weil Gott damit schützt, mit seinen Geboten. Wenn Gott Ehebruch verbietet, dann will er die Ehe schützen. Wenn Gott Inzest verbietet, möchte er Familie und Kinder schützen.

Ich habe grosse Sorgen, wenn heutzutage Liebe ohne Grenzen propagiert wird, wenn es keinen objektiven moralischen Massstab mehr gibt für richtig und falsch. Wenn alles okay ist, solange es einvernehmlich ist, ihr Lieben, denken wir das doch mal zu Ende: Wenn Einvernehmlichkeit das einzige Kriterium für falsch und richtig ist, da frage ich mich, wie lange können wir unsere Familien und wie lange können wir Minderjährige noch schützen? Wir brauchen einen objektiven moralischen Massstab.

David Powlison, der Seelsorger, hat formuliert: Gott hat beschlossen, seine eigenen Werte dem gesamten Universum aufzuerlegen. Seine Werte sind gut, seine Werte wollen wir hochhalten, auch wenn es um die Sexualität geht. Aber in Korinth gibt es eben eine Person, die diese Werte mit Füssen tritt, die ihre eigene Sexualmoral aufbaut, und Paulus sagt: Das ist ein Skandal. Das ist ein Skandal. Und Paulus macht das auch deutlich, indem er sogar noch einmal hier auf den Punkt bringt, dass das eine Sünde ist, die sogar unter den Heiden nicht vorkommt, in dem Sinne, dass sogar Ungläubige das als schlimm bezeichnen würden.

Ihr Lieben, es fällt mir heute Morgen schwer, das so zu sagen, aber manchmal handeln Christen schlimmer, sodass sie Dinge tun, die sich in Freikirchen ereignen. Immer wieder hört man von sexuellem Missbrauch in Kirchen und Freikirchen. Man hört von Männern, die ihre Frauen in der Ehe vergewaltigen und schlagen. Ihr Lieben, auch ein Nein in der Ehe ist ein Nein.

Deswegen bin ich so dankbar für unser Projekt Elroy, für unser Frauenhausprojekt, das sich heute hier vorgestellt hat. Da wird Frauen geholfen, die sehr, sehr viel erlebt haben. Und ich möchte das einfach noch einmal aufgreifen: Es wäre so schön, wenn wir mehr für dieses Projekt beten würden. Und wenn es dir aufs Herz gelegt wird, dass du auch etwas für das Projekt gibst. Wir haben uns bewusst gegen staatliche Unterstützung entschieden, damit wir ein christliches Profil beibehalten können. Aber wir brauchen Unterstützung. Es ist dennoch schade, dass es so ein Projekt geben muss. Es ist schade, dass es so ein Projekt geben muss.

Manchmal handeln Christen schlimmer als Nichtchristen. Und vielleicht sitzt du heute hier und weisst, wovon ich spreche, vielleicht weil du etwas gehört hast aus christlichen Kreisen oder noch schlimmer, weil du es selber erfahren hast, dass Christen dir sehr viel Leid zugefügt haben. Dann möchte ich dir heute etwas Seelsorgerliches sagen: Bitte halte fest an deinem Glauben. Weisst du, Christen können enttäuschen, Christus enttäuscht nie. Christen können verwunden, aber Christus heilt die Wunden. Christen können sogar erschüttern, aber Christus ist dein Halt.

Halte fest an Jesus, auch wenn du ganz, ganz viel Schlimmes erlebt hast in deinem Leben, vielleicht sogar von Christen. Aber Jesus ist so gut, und ich bin so dankbar, dass wir das gerade hier im Lied so bezeugt haben: Jesus ist Sieger. Bei all dem Negativen, worüber wir heute auch reden, müssen wir diesen Blick auf unseren lieben Herrn Jesus Christus behalten, der am Ende siegen wird.

Wir lernen aber auch noch etwas anderes aus Vers 1: Wir lernen, ein Sexskandal spricht sich herum. Schau mal, Paulus schreibt den ersten Korintherbrief aus Ephesus. Ephesus liegt hunderte Kilometer weit weg von Korinth. Damals gab es noch kein Twitter, damals konntest du nichts posten, und diese Nachricht ist zu ihm gelangt. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott in seiner Souveränität aktiv dafür gesorgt hat, dass der Skandal ans Licht kommt, dass Paulus von dem Skandal hört, um endlich einzugreifen.

Wir glauben an einen Gott, der Sünde aufdeckt. Wir glauben an einen Gott, der Skandale aufdeckt. Schaut mal, der König David wollte seine Affäre geheim halten, sie wurde aufgedeckt. Jeffrey Epstein wollte alles geheim halten, Gott hat es aufgedeckt. Bill Clinton wollte seine Affäre geheim halten, sie ist aufgeflogen. Viele Pastoren und Prediger wollten ihre Affären geheim halten, sie sind allesamt aufgeflogen: Ravi Zacharias, Carl Lentz, Jerry Falwell Junior, Steve Lawson, Bill Hybels. Ihr Lieben, leider wächst diese Liste jeden Monat. Jeden Monat.

Das ist erschütternd, und mir geht es gar nicht darum, mit Steinen auf Personen zu werfen. Ich weiss, dass ich zu jeder Sünde fähig bin, wenn ich nicht nah an Jesus bleibe. Aber es geht einfach einmal darum zu zeigen: Gott deckt Skandale auf. Gott deckt Skandale auf.

Und meine Frage an dich heute Morgen ist: Hast du schmutzige Geheimnisse in deinem Leben? Pflegst du schmutzige Geheimnisse in deinem Leben? Dann möchte ich dich heute einladen, ich möchte dich auffordern: Geh damit ans Licht! Geh damit ans Licht! Ob es eine Affäre ist, vielleicht auch nur eine emotionale Affäre, ob es Pornosucht ist, ob es häusliche Gewalt ist, ob es sexueller Missbrauch ist: Geh damit ans Licht!

Weisst du, was passiert, wenn du das nicht machst? Dann lässt Gott sie auffliegen, weil Gott gut ist und weil Gott sich nie mit verheimlichter Sünde in unserem Leben zufrieden gibt. Der Gott, der den Skandal von Korinth öffentlich gemacht hat, er kann und will deine schmutzigen Geheimnisse ans Licht bringen. Die Frage ist: Willst du das? Willst du das?

Ich weiss, dass das harte Worte sind, aber es gibt zwei Lügen, die du vielleicht glaubst. Die eine Lüge ist die Lüge der Verharmlosung, die andere Lüge ist die Lüge der Hoffnungslosigkeit. Die Lüge der Verharmlosung: Da glaubst du folgende Gedanken: Es ist nicht ganz so schlimm, machen ja auch viele andere. Ausserdem liegt es schon Jahre zurück. Das ist doch nicht so schlimm.

Ich möchte dir heute sagen: Doch, es ist schlimm. Und es ist so schlimm, dass Christus dafür ans Kreuz musste. Glaube nicht der Lüge der Verharmlosung.

Aber ich möchte dir auch eine weitere Lüge aufdecken: Glaube nicht der Lüge der Hoffnungslosigkeit. Die gibt es nämlich auch. Dass du hier sitzt und genau weisst: André, ich habe die schmutzigen Geheimnisse in meinem Leben. Da war mal was, aber es ist zu schlimm, und ich glaube nicht, dass mir vergeben werden kann. Ich möchte dir heute sagen: Egal wie schlimm es war, und wir wollen nichts kleinreden, dir kann vergeben werden, denn Christus hat auch für diese Schuld am Kreuz bezahlt.

Weisst du, bei Gott gibt es eine Gesetzmässigkeit, und die Gesetzmässigkeit lautet: Wenn der Mensch zudeckt, wenn der Mensch seine Sünde zudeckt, deckt Gott sie auf. Aber weisst du, was wunderbar ist? Das Gegenteil ist auch wahr: Wenn der Mensch seine Sünde aufdeckt, indem er ans Licht kommt, indem er zum Kreuz geht, indem er Sünde bekennt, weisst du, was Gott dann macht? Wenn der Mensch aufdeckt, deckt Gott zu im Sinne der Vergebung.

Und deswegen möchte ich dir heute auch bei diesem so finsteren und düsteren Thema sagen: Das Evangelium ist nicht für Menschen, die alles richtig gemacht haben. Das Evangelium gilt sogar Sexualstraftätern. So gut ist das Evangelium.

Wie die Gemeinde auf Sünde reagieren soll

Der Skandal von Korinth ist öffentlich geworden, und das ruft Reaktionen hervor. Das bringt uns zum zweiten Punkt: Ein Skandal ruft immer Reaktionen hervor. Du kannst nicht nicht auf einen Skandal reagieren. Selbst wenn du gar nichts machst, ist das eine Reaktion auf den Skandal.

Und hier sehen wir in unserem Text zunächst einmal eine falsche Reaktion und dann eine richtige Reaktion. Die falsche Reaktion lautet Toleranz und Gleichgültigkeit. Vers 2: Paulus schreibt an die Korinther: Und ihr seid aufgeblasen und habt nicht etwa Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte entfernt würde.

Aufgeblasenheit ist ein häufiges Thema im ersten Korintherbrief, und es wird meistens mit einer Besserwisserei in Einklang gebracht. Die Korinther haben sich wahrscheinlich so ähnlich angehört, so nach dem Motto: „Wir in Korinth haben die besondere Erkenntnis erlangt, dass dieses sexuelle Verhältnis in Ordnung ist. Wir in Korinth sind in unserer Ethik nicht ganz so verstaubt, wir sind tolerant, wir sind weltoffen, außerdem war es einvernehmlich, das ist halt ein alternativer Lebensstil, kann denn Liebe Sünde sein?“ So ungefähr war die Reaktion der Korinther.

Aber Toleranz und Gleichgültigkeit sind immer die falschen Reaktionen, wenn es um Sünde geht, weil Sünde dadurch verharmlost wird. Der Puritaner John Owen hat es so wunderbar klar auf den Punkt gebracht, und das möchte ich dir heute mitgeben: Töte die Sünde, oder die Sünde wird dich töten. Entweder oder, darum geht es, wenn wir über Sünde sprechen.

Sei nicht gleichgültig mit Sünde in deinem Leben, aber bitte sei auch nie gleichgültig, wenn es um Sünde im Leben von anderen Menschen geht. Hilf ihnen zurecht. Dazu kommen wir gleich noch einmal. Ihr Lieben, Gemeinde darf nicht wegschauen, wenn ein Gemeindemitglied aktiv in Sünde lebt. Und ich meine nicht, das will ich klarstellen, wenn jemand in Sünde fällt. Wir alle fallen in Sünde. Jeder von uns, wir alle haben mit Sünde zu kämpfen. Aber es ist ein Riesenunterschied, ob ich in Sünde falle und wieder aufstehe oder ob ich ganz bewusst in Sünde lebe.

Wir sind nie gleichgültig, wenn sich einer entscheidet, in Sünde zu leben, weil Gott nicht gleichgültig darüber ist. Und das führt uns zur richtigen Reaktion. Die richtige Reaktion besteht hier im Text darin, dass man traurig sein sollte und Gemeindezucht praktizieren sollte. Es geht bereits schon aus Vers 2 heraus. Paulus sagt: Und ihr seid aufgeblasen, das war die falsche Reaktion, und jetzt sagt er: Und habt nicht etwa Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte entfernt würde.

Die richtige Reaktion auf Skandale, die richtige Reaktion aber auch auf kleinere Sünden, ist immer Trauer. Trauer, weil Jesus darüber traurig ist, weil es ihn zutiefst verletzt. Aber diese Traurigkeit ist nicht eine theoretische Traurigkeit. Eine echte Traurigkeit der Korinther hätte unweigerlich die Konsequenz mitgebracht, dass sie diese Person aus der Gemeinde ausgeschlossen hätten. Und genau das ist die Reaktion des Paulus ab Vers 3: Denn ich, zwar dem Leibe nach abwesend, aber im Geiste anwesend, habe schon als Anwesender das Urteil gefällt über den, der dies so verübt hat, wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid, einen solchen im Namen unseres Herrn Jesus dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet wird am Tag des Herrn.

Harte Worte! Paulus hat in seiner Abwesenheit schon ein Urteil, einen Beschluss gefällt. Aber er möchte, dass die Gemeinde das aus eigener Überzeugung jetzt umsetzt, dass es ihre Haltung ist. Den Betroffenen dem Satan zu übergeben, bedeutet zunächst einmal nichts anderes, als ihn aus der Gemeinde auszuschließen. Paulus denkt hier in zwei Sphären, das sehen wir in Vers 12 später: in draußen und drinnen. Die Gemeinde ist der Machtbereich Gottes, und außerhalb der Gemeinde, in der Welt, das bezeichnet die Bibel als den Machtbereich des Satans. Es ist ein eingeschränkter Machtbereich, denn Gott hat letztendlich über alles seine Hand. Aber noch gesteht er es dem Satan in gewisser Weise zu. Doch wie Luther sagt, Satan ist immer nur Gottes Kettenhund. Ja, aber dennoch ist die Welt der Machtbereich Satans.

Also jemandem den Satan zu übergeben, bedeutet letztendlich, ihn aus dem Machtbereich Gottes, aus der Gemeinde auszuschließen. Dann befindet er sich im Machtbereich des Satans. Das hat aber ein Ziel. Die Übergabe des Täters an den Satan soll zum Verderben des Fleisches geschehen, aber zur Rettung des Geistes. Was bedeutet das? Hier gibt es viele Auslegungsmöglichkeiten, ich finde folgende am plausibelsten: Das Fleisch wird bei Paulus häufig als ein Ort der bösen Begierden und Leidenschaften in uns bezeichnet. Und wenn der Ausschluss also zur Vernichtung des Fleisches geschehen soll, wenn das das Ziel ist, bedeutet das letztendlich, dass der Täter die fleischlichen Handlungen eliminiert, nicht er als Person, aber dass er mit der Sünde lässt, dass das Fleisch getötet wird, die Sünde. Und das wiederum hat dann zur Folge, dass er letztendlich gerettet wird.

Eckhart Schnabel formuliert das ganz treffend, wenn er schreibt: Paulus hofft, dass die Erfahrung, als Christ außerhalb der Gemeinde in der von satanischen Mächten beherrschten Welt leben zu müssen, den Unzüchtigen zur Besinnung und Umkehr bringt, so dass er seine sündige Lebensweise vernichtet, das Fleisch tötet, und er als Christ, der den Geist besitzt, am Tag des Herrn gerettet werde.

Und das ist der Beweggrund eines Gemeindeausschlusses. Beweggrund Nummer eins, ich habe euch drei mitgebracht, ist die Rettung der ausgeschlossenen Person. Bei einem Gemeindeausschluss geht es nie darum, die Person rauszukicken. Es geht nie darum, eine Person zu bestrafen, das steht uns nicht zu. Aber wir ergreifen hier eine drastische Maßnahme, damit die Person letztendlich ihre Sünde erkennt und zurückkommt. Das ist eine gute Absicht von einem Gemeindeausschluss.

Aber es gibt auch noch weitere Beweggründe für den Gemeindeausschluss, den Paulus hier anordnet. Beweggrund Nummer zwei ist der Schutz der Gemeinde. In Vers 6 heißt es: Euer Rühmen ist nicht gut. Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Paulus möchte den Korinthern weiterhin vor Augen führen, dass ihr toleranter Umgang mit dem Sexskandal völlig falsch ist. Er vergleicht das mit dem Bild eines Sauerteigs. Wenn man einen Sauerteig nimmt und ihn in einen ungesäuerten Teig, sagen wir jetzt einfach mal einen Hefeteig, gibt, dann verändert das den Hefeteig sehr, sehr grundlegend. Warum? Weil sich in einem Sauerteig lebendige Milchsäurebakterien befinden. Der ganze Teig wird durchsäuert.

Und genau so, sagt Paulus, ist das mit Sünde in der Gemeinde, wenn jemand ganz bewusst in Sünde lebt. Sünde ist dynamisch, Sünde ist kontaminierend, Sünde ist verunreinigend. Sünde betrifft nie einfach nur eine Privatperson, Sünde betrifft dann immer die ganze Gemeinde. Vielleicht hast du das auch schon erlebt: Du weist eine andere Person in der Gemeinde auf ihre Sünde hin und bekommst dann die Worte zu hören: Das ist doch mein Privatleben. Du hast mir nicht in mein Privatleben reinzureden.

Aber wisst ihr was, die Bibel sagt dazu etwas anderes. Die Bibel gibt uns das Mandat, in Sachen Sünde einander ins Leben zu sprechen. Und das ist ja auch irgendwo plausibel. Ich möchte das mal anhand von zwei Beispielen illustrieren. Wenn hier jemand morgens in den Gottesdienst käme mit einem richtig heftigen Magen-Darm-Virus, also einer ganz üblen Sorte, und der würde hierher kommen, wir würden ihm sagen: Geh nach Hause! Aus zwei Gründen: Es ist besser für dich, aber du steckst uns an, wenn du hier bist.

Stellt euch mal ein drastischeres Beispiel vor: Da käme eine Person mit so einer Röhre in den Gottesdienst, würde sich hier reinsetzen, und wir sagen: Was ist denn das für eine Röhre? Ja, das ist von einem ganz, ganz alten Röntgengerät, habe ich das abgeschraubt, das ist radioaktiver Müll. Und die Person kommt mit dieser Röhre hier in den Raum. Wir würden sagen: Weg mit der Röhre, du machst dich kaputt. Die Person sagt: Ich will es aber behalten. Dann sagen wir: Dann aber raus aus dem Raum, sonst haben wir alle hier ein Problem.

Und Paulus sagt: Genau so ist das mit Sünde. Wenn eine Person in Sünde lebt und wir sagen: Hey, lass die Sünde, und sie aber festhält, dann müssen wir sagen: Raus aus der Gemeinde, denn du machst hier alles kaputt. Jesus will keine kaputte Braut. Das ist drastisch, aber das ist eben ein weiterer Beweggrund. Wenn wir Sünden in der Gemeinde dulden, dann schaut sich das die junge Generation ab und sagt: Das ist ja nicht schlimm, dann können wir das auch machen. Und dann haben wir hier ein echtes Problem.

Und deswegen wollen wir nicht gleichgültig sein. Wir wollen Sünde so sehen, wie Gott Sünde sieht: in Liebe, in Geduld, aber auch in aller Konsequenz. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Und die dürfen wir nicht an den Tag legen, wenn es um Sünde geht.

Es gibt aber noch einen dritten Beweggrund, und das ist ein sehr, sehr schöner Beweggrund: unsere neue Identität in Christus. Ich lese die Verse 7 und 8: Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ja bereits ungesäuert seid. Denn auch unser Passalam Christus ist geschlachtet. Darum lasst uns das Fest feiern, nicht im alten Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.

Der Hintergrund für diese Aussagen von Paulus ist das Passafest. Er hat gerade über den Sauerteig gesprochen, in einer anderen Weise, und der Sauerteig spielt auch beim Passafest eine Rolle. Deswegen kommt er jetzt gedanklich zu der Passa-Analogie. Das Passafest wurde vom Volk Israel und bis heute von den Juden einmal im Jahr gefeiert. Es gibt mehrere Elemente im Passafest, aber zwei Elemente sind zentral: das geschlachtete Passalam und das ungesäuerte Brot.

Beim Auszug aus Ägypten haben die Israeliten den Auftrag bekommen, ein Passalam zu schlachten und das Blut dieses Passalam an die Türpfosten zu streichen. Und dann ist nachts der Todesengel bei der letzten Plage an diesen Häusern vorbeigekommen, weil das Blut des Lammes rettet. Wiederum spielen die ungesäuerten Brote eine große Rolle beim Passafest, weil sie daran erinnern sollen, an den überhasteten Auszug aus Ägypten. Die hatten noch nicht mal Zeit, Brot mit Sauerteig zu backen.

Das sind die beiden zentralen Elemente, und deswegen musste immer bei jeder Feier, und ich glaube, das machen die Juden auch bis heute so bei einer Passafeier, der ganze Sauerteig, der sich im Haus befindet, raus aus dem Haus. Paulus zieht hier in diesen Versen einen Vergleich zum Passafest. Und ich möchte, ich habe euch eine Tabelle mitgebracht, die das Ganze noch einmal hilfreich zusammenfasst.

In 2. Mose 12 sehen wir: Das Passalam wird geschlachtet. Paulus sagt in 1. Korinther 5: Christus, das vollkommene Passalam, ist geschlachtet worden. Wir sehen in 2. Mose 12: Der Sauerteig muss aus dem Haus entfernt werden. Paulus sagt in 1. Korinther 5: Der Sauerteig der Sünde muss aus der Gemeinde entfernt werden. Wir sehen in 2. Mose 12: Jeder, der Gesäuertes isst, muss aus der Gemeinde Israels ausgerottet werden. Paulus sagt: Jeder, der bewusst in Sünde lebt, muss aus der Gemeinde ausgeschlossen werden. Seht ihr die Parallelen?

Aber es gibt noch eine letzte Parallele: Die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten muss gefeiert werden, und Paulus sagt: Die Befreiung von der Sklaverei der Sünde muss gefeiert werden. Schaut mal, Paulus hat hier einen Skandal auf dem Tisch, und er überlegt sich: Wie reagiere ich jetzt darauf, was gebe ich den Korinthern mit? Und Paulus kommt nicht einfach nur mit einem moralisierenden Appell, er kommt nicht einfach nur mit einem Zeigefinger. Paulus kommt mit dem Evangelium und erinnert die Korinther nochmals: Ihr seid doch ein neuer Teig, im Bilde gesprochen. Jesus hat so viel Neues gemacht in eurem Leben, ihr habt eine neue Identität, jetzt lebt und handelt auch so.

Und aus diesem Zuspruch folgt der Anspruch. Weißt du, die Bibel sagt nicht: Lebe so, leiste, damit du neu wirst. Die Bibel sagt: Lebe so, weil du bereits neu geworden bist durch Christus. Eckhart Schnabel schreibt: Paulus bezeichnet das ganze Christenleben als Festzeit, in der die Befreiung von der Sünde durch den Kreuzestod Jesu Christi gefeiert wird.

Und genau deswegen darf Gemeinde nicht wegschauen oder gleichgültig sein. Es ist am Kreuz einfach viel zu viel passiert. Das Evangelium hat viel zu viel mit uns gemacht, als dass wir jetzt einfach gleichgültig sein können im Hinblick auf Sünde. Das Feiern der neuen Identität in Christus macht uns nicht gleichgültig oder tolerant gegenüber der Sünde, das Feiern der neuen Identität spornt uns vielmehr an, Sünde zu bekämpfen, weil die Befreiung, die wir durch Christus erlebt haben, so kostbar ist.

Und ich möchte das jetzt auf eine persönliche Ebene auf dich runterbrechen: Weißt du, du feierst deine persönliche Errettung als Kind Gottes nicht nur im Lobkreis, da auch, du feierst deine Errettung, die du in Jesus hast, nicht nur beim Abendmahl, da auch, sondern du feierst deine wunderbare Errettung auch dadurch, in dem Moment, wo du Nein zur Sünde sagst. Das Nein zur Sünde ist bereits Teil der Feier.

Das heißt, wenn die Versuchung anklopft, und das erleben wir alle in unserem Leben, dass Versuchungen anklopfen, beginne deinen Kampf gegen die Sünde nicht damit, dass du dich krampfhaft abstrampelst aus dir heraus, sondern wenn die Versuchung anklopft, fang an zu feiern, dass du nicht mehr der bist, der du einmal warst. Fang an zu feiern, dass so viel in deinem Leben passiert ist, dass du das nicht mehr musst, weil du nicht mehr Sklave der Sünde bist.

Paulus sagte in Römer 6: Haltet euch der Sünde für gestorben. Macht euch bewusst, es ist so viel passiert durch Jesus Christus. Altes ist vergangen, Neues ist geworden. Feiere deine neue Identität in Christus.

Warum Abgrenzung nicht Gleichgültigkeit bedeutet

Nachdem Paulus die richtige Reaktion auf den Skandal aufgezeigt hat und die verschiedenen Beweggründe dargelegt hat, warum es hier wichtig ist, diese Person aus der Gemeinde auszuschließen, folgen jetzt einige abschließende Klarstellungen. Das führt mich zu meinem dritten und letzten Punkt: Der Skandal erfordert eine Klarstellung.

Wir müssen wissen: Jetzt geht es gar nicht mehr so sehr um den einen Skandal, sondern Paulus zoomt jetzt ein bisschen zurück, und er macht eher allgemeinere Klarstellungen. Zunächst einmal geht er darauf ein, wen Gemeindezucht nicht betrifft, und dann aber auch, wen Gemeindezucht betrifft.

Vers 9: Ich habe euch in dem Brief geschrieben, nicht mit Unzüchtigen Umgang zu haben; nicht überhaupt mit den Unzüchtigen dieser Welt oder den Habsüchtigen und Räubern oder Götzendienern, sonst müsstet ihr aus der Welt hinausgehen.

Schaut mal, was Paulus macht. Paulus verweist hier auf einen Brief, den er vor dem ersten Korintherbrief einmal geschrieben hat. Das heißt, es gab einen Brief vor dem ersten Korintherbrief. Eigentlich ist der erste Korintherbrief nicht der erste Korintherbrief, wenn man es genau nimmt. Und in diesem Brief hat er etwas geschrieben, dass man Unzüchtige meiden sollte. Aber das war in einem ganz bestimmten Kontext, und Paulus will das jetzt noch einmal klarstellen. Er sagt: Ich meine damit nicht, dass ihr euch vor Ungläubigen fernhalten solltet. Dann müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen oder ins Kloster oder so.

Und er warnt hier vor einer falschen Absonderung. In 1. Korinther 10,27 sagt Paulus Folgendes: Wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr wollt hingehen, dann geht hin und esst alles, was euch vorgesetzt wird, ohne es um des Gewissens willen zu untersuchen.

Ihr Lieben, die Bibel verbietet nicht Gemeinschaft mit den Unzüchtigen dieser Welt, mit den Ungläubigen dieser Welt. Jesus saß mit den schlimmsten Sündern zusammen. Christen verstehen Absonderung manchmal falsch. Natürlich müssen da auch weisheitliche Aspekte berücksichtigt werden. Wir haben die Worte aus Psalm 1, und das Buch der Sprüche warnt vor gewissen Menschengruppen, von denen wir uns fernhalten sollten, weil sie uns nicht guttun. Das stimmt. Paulus sagt auch in 1. Korinther: Schlechter Umgang verdirbt die Sitten.

Also gibt es auch den Punkt, an dem wir vielleicht mal nicht auf eine gewisse Party gehen. Die Leitfrage, die sich jeder Christ stellen muss, ist die Frage: Wer prägt wen? Wenn ich die Möglichkeit habe, Zeugnis zu sein, gehe ich da hin. Wenn ich aber ganz ehrlich bin und den Eindruck habe, das wird mir nicht guttun, dann gehe ich da nicht hin. Aber eben nicht pauschal Ungläubige meiden – das lehrt die Bibel nicht, und das will Paulus hier extra auch noch einmal klarstellen.

Gemeindezucht oder Distanzierung bezieht sich nicht auf Ungläubige, aber jetzt ab Vers 11 geht Paulus darauf ein, auf wen sie sich bezieht:

Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber. Mit einem solchen nicht einmal zu essen. Denn was habe ich zu richten, die draußen sind? Richtet ihr nicht, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott. Tut den Bösen von euch selbst hinaus.

Zwei Fragen müssen hier geklärt werden: Um wen geht es, und was bedeutet es, keinen Umgang zu haben? Das sind die beiden Fragen.

Um wen geht es? Hier geht es um eine Personengruppe, die von sich behauptet, Christ zu sein, die aber parallel dazu aktiv in Sünde lebt. Und Paulus spricht jetzt hier nicht nur von sexuellen Sünden, sondern er hat hier eine ganze Bandbreite. Der Punkt ist: Es sind Leute, die in diesen Sünden leben, sogar so sehr, dass sie durch diesen Lebensstil regelrecht charakterisiert werden. Dabei behaupten sie, Christ zu sein. Das heißt, ihr Lippenbekenntnis und ihr Leben gehen in zwei unterschiedliche Richtungen.

Und Paulus sagt: Mit denen solltet ihr keinen Umgang haben. Was bedeutet das? Das griechische Verb für „Umgang haben“ bedeutet wortwörtlich, sich mischen unter oder etwas zusammenmischen. Also denkt mal an zwei verschiedene Substanzen, die nichts miteinander zu tun haben, aber sie werden zusammengemischt, sodass das Ganze eine Masse ist. Dann kannst du nicht mehr unterscheiden. Und Paulus sagt: Das darf nicht passieren. Das darf nicht passieren, dass ihr euch einfach mit denen eins macht.

Er führt das dann weiter aus und konkretisiert es und sagt: Mit einem solchen sollst du nicht einmal essen. Ich denke, das Essen bezieht sich zum einen auf das Abendmahl. Da essen wir zusammen als Gemeinde. Aber ich denke, hier geht es um mehr als nur um das Abendmahl.

Jetzt müssen wir aber, um das richtig ins 21. Jahrhundert zu übertragen, auch noch einmal verstehen, was das Essen damals religiös und kulturell bedeutet hat. Es bedeutete noch viel stärker als heute Identifikation, weil man sich viel Zeit gelassen hat beim Essen. Man hatte Gemeinschaft. Das war der Vorwurf, den die Pharisäer Jesus gemacht haben. Lukas 15,2: Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. Also er macht sich eins mit den Sündern.

Ähnliches wurde den Aposteln im Umgang mit den Heiden vorgeworfen. Apostelgeschichte 11,3: Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen. Also wir sehen es immer wieder: Essen bedeutete totale Identifikation. So nach dem Motto: Zeige mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist. Das war diese Gleichsetzung.

Und wenn Paulus hier also sagt: Mit einer solchen Person sollt ihr nicht essen, sagt er im Prinzip: Kommuniziert einer Person, die sich Christ nennt, aber überhaupt nicht so lebt, auf keinen Fall, dass ihr eins seid. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten, wie wir das kommunizieren, verbal, aber vielleicht auch hier und da durch unsere Taten. Wir müssen ihr signalisieren: Du gehörst nicht einfach zur Gemeinde. Du hast eine rote Linie überschritten.

Das ist ein harter Text. Aber wisst ihr, ihr Lieben, was ich im Text hier sehe, gerade auch in den letzten Versen? Ich sehe eine unfassbare Retterliebe, eine Retterliebe, die nicht gleichgültig ist. Auf der einen Seite sollen wir Ungläubige nicht meiden, aus einer Retterliebe heraus. Auf der anderen Seite dürfen wir angeblichen Christen, die völlig falsch leben, nicht signalisieren, wir sind eins, weil wir sie retten möchten.

Und deswegen sehe ich hier in diesen letzten Versen, auch wenn sie so hart klingen, etwas Wunderschönes. Ich sehe ein Konzept von einer Liebe, die nicht gleichgültig ist, von einer Liebe, die nachgeht, die sich selbst verwundbar macht für die andere Person.

Wir können so schnell von der einen oder von der anderen Seite runterfallen. Und ich möchte das mal illustrieren anhand von zwei fiktiven Gemeinden. Ich weiß, da bewegt man sich immer auf dünnem Eis. Ich habe keine ganz bestimmte Ortsgemeinde im Blick, aber ich möchte euch zwei Gemeinden vorstellen, fiktiv: zunächst einmal eine traditionell konservative und man könnte auch sagen streng gesetzliche Gemeinde, und dann auch eine recht progressiv-liberale Gemeinde.

Zunächst einmal zu der traditionell konservativen Gemeinde. In dieser Gemeinde wird sehr stark Heiligung betont, und das ist gut. Die Bibel betont auch Heiligung, und das ist ein wichtiges Anliegen. Aber in dieser Gemeinde führt das zu einer ganz großen Angst vor Verweltlichung und vor Kontakt mit jedem Nichtchristen. All die Gemeindemitglieder, die zu 99,5 Prozent in dieser Gemeinde aus christlichem Elternhaus kommen, haben keine nichtchristlichen Freunde. Sie sind komplett in ihrer eigenen Bubble.

Diese Gemeinde hat ein gutes Anliegen, aber sie fällt von einer Seite runter: von der Seite der Absonderung von der Welt, zu weit gedacht.

Die andere Gemeinde ist eher eine zeitgenössische Gemeinde, sehr fortschrittlich, will mit dem Zeitgeist mitgehen, um die Hürde für Nichtchristen sehr, sehr stark zu senken. Auch das ist ein guter Gedanke: die Hürde zu senken, wenn es um den Rahmen geht. Aber hier führt es auch zum Inhaltlichen, zur Verbesserung des Evangeliums. Hier wird nur gepredigt: Gott liebt dich. Es wird Sünde nicht erwähnt. In dieser Gemeinde wird von der Kanzel her nicht ermahnt. Man möchte niemanden vor den Kopf stoßen. Es gibt auch nicht so ein Konzept von verbindlicher Gemeindezugehörigkeit. Du kannst kommen, wie du willst, leben, wie du willst, du gehörst dazu. Hauptsache, wir haben Freude. Hauptsache, Gott liebt dich. Bei uns bleibst du so, wie du bist.

Ich übertreibe. Beide Gemeinden haben zum Teil ein gutes Anliegen. Eine Gemeinde hat das Anliegen der Heiligung und will nicht die Welt lieben, aber sie fällt darunter, dass sie generell Nichtchristen meidet. Die andere Gemeinde hat das Anliegen, Nichtchristen zu gewinnen, aber sie fällt von der anderen Seite runter, weil nicht mehr Klartext gesprochen wird, weil das Evangelium verwässert wird.

Liebe Gemeinde, wir dürfen beide Fehler nicht begehen. Wir dürfen beide Fehler nicht begehen. Wir sind dazu aufgerufen, jeden Menschen mit den Augen Jesu zu sehen.

Vielleicht hast du dich zu stark abgesondert von den Menschen dieser Welt. Darf ich dir mal eine ganz ehrliche Frage stellen: Wie viele nichtchristliche Freunde hast du? Wie viele Beziehungen zu Nichtchristen hast du? Die Frage muss ich mir selber stellen. Meine Arbeitskollegen sind alle wiedergeboren. Jetzt versteht ihr es, was ich meine. Aber wie viele ungläubige Freunde hast du?

Ja, du solltest darauf achten, dass du dich nicht in ein gefährliches Umfeld begibst. Aber inwiefern treibt dich eine Retterliebe in diese Beziehungen? Wenn du keine Beziehung zu Nichtchristen hast, suche sie dir. Suche sie dir. Fang heute an. Melde dich irgendwo im Verein an oder kauf dir einen Hund. Das kann in Deutschland enorm helfen. Wenn man andere Hunde besitzt, dann kommt man ganz schnell ins Gespräch. Da gab es einen amerikanischen Missionar, der hat Österreich gemeine Gründung genannt und er hat seinen Hund Martin Luther genannt. Dann kommst du mit Hundebesitzern ins Gespräch. Ja, wie heißt dein Hund? Martin Luther. Warum nennst du deinen Hund Martin Luther? Dann bist du beim Evangelium. Ein sehr pragmatischer Ansatz.

Suche dir nichtchristliche Freunde. In diesem Sommer steht die WM in Deutschland an. Lade deine Nachbarn zum Grillen ein. Guck das Fußballspiel zusammen, und in der Halbzeitpause lässt du ein Zeugnis laufen von Fußball mit Vision, wo christliche Profifußballer ihren Glauben bezeugen.

Weißt du aber, den anderen Fehler dürfen wir auch nicht begehen: gleichgültig darüber zu sein, wenn jemand behauptet, Christ zu sein, aber in Sünde lebt. Kann es sein, dass unsere Menschenfurcht manchmal so groß ist, dass wir gar nicht Klartext reden? Kann es sein, dass wir uns selber manchmal so wichtig sind, wir wollen, dass die andere Person uns mag, und deswegen sagen wir ihr nicht ganz ehrlich die Wahrheit? Das ist Selbstliebe. Dann liebe ich die Person nicht, weil ich weiß, sie ist gerade auf dem falschen Weg.

Und ich möchte dich heute einladen, ich möchte uns als Gemeinde dazu einladen, dass wir heute neu die Entscheidung treffen: Wir als Gemeinde wollen nicht Gemeinde spielen. Wir als Gemeinde wollen uns so sehr lieben, von ganzem Herzen, dass wir einander helfen, einander trösten, aber auch einander helfen, mit Sünde in unserem Leben fertig zu werden. Und deswegen sprechen wir einander ins Leben, mit Geduld, mit Sanftmut, aber wir lassen den Bruder und die Schwester nicht einfach laufen.

Ihr Lieben, das ist nicht nur Pastorenaufgabe. Das ist die Aufgabe von uns allen. Da sind wir alle gefragt. Und ich möchte uns so sehr ermutigen, dass wir Gottes Wort hier ernst nehmen, dass wir einander wahrhaftig lieben, eine Liebe, die auch bereit ist, Sünden aufzudecken.

Gott segne uns dabei. Amen.