Einleitende Gedanken
Heute beginnt ein neues Sunntigsquattro, das diesmal aus 6 Teilen besteht.
Es geht in diesen 6 Predigten um Begegnungen mit Jesus. Wir werden in
dieser Zeit Jesus in ganz verschiedenen Situationen genauer beobachten
und – so hoffe ich – viel daraus lernen. Und, was mir besonders wichtig
ist, dass wir Jesus ein bisschen besser kennen lernen. Schliesslich ist
er unser Herr, den wir lieben.
Diese Reihe soll uns ermutigen, unser Leben ganz und gar auf Jesus
auszurichten.
Heute beginnen wir mit der Begebenheit, als ein römischer Hauptmann zu
Jesus kam. Das hörten wir eben in der Schriftlesung.
I. Ein Heide sucht Hilfe
Kapernaum, der Wohnort von Jesus
Jesus befand sich auf dem Rückweg vom Berg, wo er eine der eindrücklichsten
und herausfordernden Predigten hielt. Wir kennen sie unter der
Bezeichnung: Bergpredigt. Unterwegs heilte er einen Mann von seinem
Aussatz und kam dann nach Hause, nach Kapernaum, denn Jesus hatte seinen
Wohnsitz nicht in Nazareth, sondern in Kapernaum (Matthäus 4,13), eine
Stadt am See. In dieser Stadt wuchsen seine Jünger Petrus und Andreas auf
(Markus 1, 19).
Dort erlebte die Bevölkerung Jesus in besondere Weise, denn in Kapernaum
heilte Jesus einen Besessenen (Markus 1, 21ff) und den Mann mit der
verdorrten Hand (Lukas 6, 6ff). Dort hielt Jesus die grosse Rede vom Brot
des Lebens (Johannes 6, 59), und er sprach vom Boot aus zu einer grossen
Volksmenge, die am Ufer stand (Matthäus 13, 2). Er heilte die
Schwiegermutter des Petrus (Markus 1, 29) und den Gelähmten, der durch
das Dach hinabgelassen wurde (Markus 2, 3). Selbst eine Totenauferweckung
geschah an diesem Ort. Jesus holte die Tochter des Synagogenvorstehers
Jairus, die gestorben war, vom Tod zurück (Markus 5, 22ff).
Am See Genezareth im Gebiet Galiläa liegend, war Kapernaum eine Grenzstadt.
Sie gehörte in den Verwaltungsbereich des Herodes Antipas und grenzte an
das Gebiet von Philippus seines Bruders, beides Nachkommen Herodes des
Grossen, der die Kinder in Bethlehem ermorden liess.
Bedingt durch diese Grenzsituation, befand sich ein Zollamt in der Stadt.
Dort arbeitete übrigens Levi, Matthäus, einer der Jünger Jesu und der
Schreiber des Matthäusevangeliums (Matthäus 9, 9).
Ebenfalls durch die Grenzsituation bedingt, war eine römische Einheit dort
stationiert. Ein Centurion, dies entspricht einer Mannschaftsstärke von
ca. 100 Soldaten, also ungefähr Kompaniegrösse bei uns. Der Heide, der
Jesus begegnete, war der Kommandant dieser Einheit, ein Hauptmann.
Mit seiner Truppe war er für Ruhe und Ordnung verantwortlich.
Jesus kommt nach Hause
Eben, Jesus kehrte nun an seinen Wohnort zurück. Vielleicht wollte er dort
etwas ausruhen. Doch als Jesus nach Kafarnaum kam, trat der Hauptmann einer dort
stationierten Einheit an ihn heran und bat ihn um Hilfe. Matthäus 8, 5.
Jesus gelang es selten, zur Ruhe zu kommen. Immer und überall suchten
Menschen bei ihm Hilfe. Es hatte sich herumgesprochen, dass Jesus
Menschen heilen kann.
Der Hauptmann trat mit einem Anliegen an Jesus, das ihn nur indirekt
betraf: einer seiner Diener war schwer erkrankt und hatte starke
Schmerzen.
"Herr", sagte er, "mein Diener liegt gelähmt und mit furchtbaren
Schmerzen bei mir zu Hause." Matthäus 8, 6.
Es ist doch interessant, dass sich ein Hauptmann um seinen Diener kümmert.
Offenbar muss er ein ausgezeichneter Diener gewesen sein, aber nicht nur
das. Dieser Hauptmann scheint ein herzensguter Mensch zu sein, der sich
um andere Menschen kümmert, auch wenn sie ihm unterstellt sind. Einer,
den die Not anderer nicht kalt lässt.
Ohne Umschweife antwortete Jesus:
"Ich will kommen und ihn heilen." Matthäus 8, 7.
Diese Reaktion von Jesus überrascht, denn der Hauptmann war Heide. Er
gehörte nicht zum Volk Israel und zwischen dem Volk Israel und den Heiden
bestand eine grosse Kluft.
Jesus verstand seine Sendung so, dass er zu den Juden gekommen ist, um
ihnen zu helfen und ihnen das Reich Gottes zu verkündigen. Das machte
Jesus einer kanaanäische Frau sehr deutlich, die Jesus um die Heilung
ihrer Tochter bat. Jesus lehnte sie schroff mit der Begründung ab, er sei
für die Juden und nicht für die Heiden gekommen. Erst nachdem die Frau
insistierte und deutlich wurde, dass sie Jesus als Messias erkannt hatte,
heilte Jesus ihre Tochter trotzdem.
Doch hier, bei diesem Heiden, der Hilfe bei Jesus suchte, war Jesus sofort
bereit, ihm zu helfen.
Vielleicht lag es daran, dass dieser Hauptmann dem Judentum sehr nahe
stand. Im Lukasevangelium wird von ihm berichtet, dass er das Volk Israel
sehr liebe und in Kapernaum sogar die Synagoge gebaut hatte, in der Jesus
viel lehrte. Er war ein Proselyt. Also ein Mensch, der sich dem jüdischen
Glauben verpflichtet fühlte. Er hatte sich vom Götzenkult der Römer
abgewandt.
Das kann der Grund sein, weshalb Jesus diesem Mann seine Hilfe sofort
zusagte. Hier wird einmal mehr deutlich: Bei Gott gibt es keine
wirklichen Unterschiede. Selbst wenn das Volk Israel das erwählte Volk
ist, so hat doch jeder, der sich mit offenem Herzen an Jesus wendet,
Zugang zu Gott. Das musste auch Petrus beim römischen Hauptmann Kornelius
lernen. Nach dieser Begegnung sagte er:
"Jetzt ist mir erst richtig klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen
den Menschen macht!" Apostelgeschichte 10, 34.
"Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt
jeden an, der Ehrfrucht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist."
Apostelgeschichte 10, 35.
Egal wer wir sind und zu welcher Nation wir gehören, wir können – wie
dieser Hauptmann – mit unseren Nöten zu Jesus kommen. Wir dürfen ihm
alles sagen, was uns bewegt. Er hat ein offenes Ohr für uns, wenn wir
aufrichtig zu ihm kommen.
Ein Heide suchte Hilfe bei Jesus und Jesus war sofort bereit ihm zu helfen.
Auch Du bist eingeladen zu Jesus zu kommen. Jesus selber lädt Dich ein:
Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast
erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen." Matthäus 11, 28.
Bibelstellen zum Nachschlagen: Matthäus 4, 13; Matthäus 9, 9+28;
Matthäus 11, 28; Matthäus 13, 2; Matthäus 15, 28; Markus 1, 19ff;
Markus 2, 3; Markus 5, 22ff; Lukas 5, 20; Lukas 6, 6ff; Johannes 6, 59;
Apostelgeschichte 10, 34-35
II. Jesus findet Glauben
Eigentlich könnte die Geschichte hier beendet sein. Und die Schilderung
eines nächsten Ereignisses könnte beginnen, wenn nicht der Hauptmann
interveniert hätte. Aber eben, der Hauptmann konnte das nicht zulassen,
dass Jesus sein Haus betritt. Er sagte:
Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; doch sprich
nur ein Wort, und mein Diener wird gesund." Matthäus 8, 8.
Das war keine falsche Bescheidenheit. Er wusste, dass es einem Juden
untersagt war, ein heidnisches Haus zu betreten. Vermutlich wollte er
nicht, dass Jesus dadurch in Schwierigkeiten kommt und er meinte es, wie
er es sagte, er fühlte sich als Heide nicht würdig genug, dass Jesus ihm
die Ehre erweist, indem er sein Haus betritt.
Das zeigt, wie demütig dieser Mann war. Wie respektvoll er die Sitten und
Gepflogenheiten seines Gastlandes respektierte, obwohl er zur
Besatzungsmacht gehörte. Das zeigt ganz praktisch, wie sehr er das Volk
Israel liebte.
Er meinte, es würde genügen, wenn Jesus einen Befehl erteilte: sprich nur
ein Wort! Er erklärte dies folgendermassen:
Ich unterstehe ja selbst dem Befehl eines anderen und habe meinerseits
Soldaten unter mir. Wenn ich zu einem von ihnen sage: Geh!', dann geht
er, und wenn ich zu einem sage Komm!', dann kommt er; und wenn ich zu
meinem Diener sage: Tu das und das!', dann tut er es." Matthäus 8, 9.
Wenn ihm seine Soldaten aufs Wort gehorchen, warum sollte es nicht genügen,
wenn Jesus, der Herr des Lebens, ein Wort spricht? Warum sollte das bei
Jesus nicht genauso funktionieren, dem alle Macht im Himmel und auf Erden
gegeben ist?
Diese Antwort erstaunte Jesus. Matthäus 8, 10.
Jesus war erstaunt, dass hier jemand war, der nicht einfach ein Wunder von
ihm wollte. Er erwartete kein bestimmtes Zeremoniell. Hier war jemand,
der erkannt hatte, dass er der Messias ist, dem alles untergeordnet ist.
Ein Mensch, der wusste, dass sein Wort unvorstellbare Kraft besitzt.
Einer der ihn als Herrn des Lebens anerkannte und nicht nur als Heiler.
Diese Antwort erstaunte Jesus, und er sagte zu denen, die ihm folgten:
Ich versichere euch: In ganz Israel habe ich bei keinem solch einen
Glauben gefunden." Matthäus 8, 10.
Jesus fand bei diesem Mann den Glauben, den er sich so sehr von seinem
eigenen Volk ersehnte. Aber in ganz Israel fand er diesen Glauben nicht.
Jesus ist überrascht, solchen Glauben bei einem Heiden zu finden. Das ist
eine der grossen Tragödien im Leben von Jesus. Solchen Glauben fand er
praktisch immer bei den Heiden, aber leider sehr selten bei seinem
eigenen Volk, zu dem er gesandt war.
Und nun äussert sich Jesus sehr ernst. Ich nehme an, dass das Jesus selber
traurig machte, was er hier nun sagen musste.
"Ja, ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und sich
mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch setzen." Matthäus
8, 11.
Aus aller Welt werden Menschen in der Herrlichkeit mit den Erzvätern am
Tisch im Himmelreich sitzen. Das ist das Bild für die Errettung. Das ist
ja eigentlich der erfreuliche Teil der Botschaft. Der traurige Teil kommt
jetzt.
"Aber die Bürger des Reiches werden in die Finsternis hinausgeworfen,
dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern
und Beben." Matthäus 8, 12.
Die, welche für das Reich vorgesehen waren, also das erwählte Volk Gottes,
wird in die Finsternis hinausgeworfen. Sie werden nicht im Himmelreich
sein und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen. Dieser Gedanke
muss Jesus sehr traurig gemacht haben. Diese Trauer finden wir immer
wieder, so sagte Jesus kurz vor seiner Hinrichtung:
"Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die, die
Gott zu dir schickt. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln wie eine
Henne, die ihre Küken unter ihre Flügel nimmt! Aber ihr habt nicht
gewollt." Matthäus 23, 37.
Und nun wird nicht mehr zwischen Israel und den Heiden die Scheidelinie
verlaufen, sondern zwischen Gläubigen und Ungläubigen, und diese
Scheidelinie wird mitten durch Juden und Heiden hindurch gehen.
Jesus macht es traurig, dass das erwählte Volk Gottes, Israel, mehrheitlich
nicht im Himmelreich sein wird. Das war wirklich eine sehr erschreckende
Äusserung von Jesus.
Im letzten Kapitel der Bibel finden wir eine Beschreibung der Situation, wo
die Menschen, die Jesus lieben und ihm dienten durch die Tore in das neue
Jerusalem hineingehen werden. Das sind eben die, die zum Tisch mit den
Erzvätern geladen sind. Die anderen müssen draussen bleiben. Es steht:
Keinen Zutritt hingegen haben die abtrünnigen Hunde und die, die
okkulte Praktiken ausüben, sich sexueller Ausschweifung hingeben,
andere umbringen oder Götzen anbeten. Sie und alle, die sich für die
Lüge entschieden haben und sich in ihrem Tun von ihr leiten lassen,
sind und bleiben draussen. Offenbarung 22, 15.
Ein Heide sucht Hilfe und Jesus findet Glauben, einen Glauben, den er sich
so sehr von seinem erwählten Volk gewünscht hätte.
Hierauf wandte sich Jesus zu dem Hauptmann und sagte: Du kannst nach
Hause gehen. Was du geglaubt hast, soll geschehen." Und zur gleichen
Zeit wurde der Diener gesund. Matthäus 8, 13.
Bibelstellen zum Nachschlagen: Matthäus 23, 37; Lukas 13, 28-30; Lukas
17, 15-19; Offenbarung 22, 15
Schlussgedanke
Jesus ist überrascht über den Glauben, den er bei diesem Heiden findet. Und
gleichzeitig ist er enttäuscht, dass er bei seinem eigenen Volk solchen
Glauben nicht findet. Wie muss das Jesus geschmerzt haben.
Natürlich, wir können jetzt sagen, wir glauben an Jesus. Wir sind viel
besser dran, als die Juden, die ihn abgelehnt hatten. Das stimmt, wenn
wir wirklich an unserem Glauben festhalten, wenn wir Jesus unser
Vertrauen schenken.
Jesus beschäftigte diese Frage offensichtlich. Er sagte einmal zu seinen
Jünger:
"Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde solch einen Glauben
finden?" Lukas 18, 8.
Ist unser Vertrauen so ungeteilt auf Jesus ausgerichtet, wie das Vertrauen
des Hauptmanns? Wird Jesus solchen Glauben bei uns finden, wenn er heute
kommen würde?
Amen

