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Ein Verzweifelter betet

17.11.2021
Es gibt Situationen im Leben, in denen die eigene Seele so belastet und niedergedrückt ist, dass nichts mehr geht. Selbst das Beten will nicht mehr gelingen. So ging es auch David in Psalm 13. Weil seine belastende Situation so lange dauerte, bewirkte sie in ihm eine tiefe Verzweiflung. David war davon überzeugt, dass Gott ihn verlassen hat. In diesem Psalm hat David die Phase des Schocks und der Sprachlosigkeit bereits überwunden. Er klagt auf eine Weise, wie viele Christen es sich nicht trauen würden. Wenn diese Worte nicht in der Bibel stünden, würden David wohl viele für seine anklagenden Worte zurechtweisen. Wir  gehen in diesem Podcast der verlorenen Kunst des Klagens nach. Auch deshalb, weil jeder dritte Psalm ein Klagepsalm ist.

Einleitung und Hinführung zum Thema

Herzlich willkommen zum Podcast der IFA Stuttgart mit Thomas Powileit und Jörg Lackmann. Unser Podcast will zum praktischen Christsein herausfordern und zum theologischen Denken anregen.
Es gibt Situationen im Leben, in denen die eigene Seele so belastet und niedergedrückt ist, dass nichts mehr geht. Auch das Beten will dann nicht mehr gelingen. David geht es in Psalm 13 genau so. Seine belastende Situation dauert ziemlich lange an und bewirkt in ihm eine solche Verzweiflung, dass er glaubt, Gott habe ihn verlassen.
In diesem Psalm hat er die Phase des Schocks und der Sprachlosigkeit bereits überwunden. Dann klagt er auf eine Weise, wie sich wahrscheinlich die meisten von uns gar nicht trauen würden zu klagen. Viele würden ihm für diese Worte sogar zu Recht Vorwürfe machen, wenn sie nicht gerade in der Bibel stünden.
Wir denken heute darüber nach, warum jeder dritte Psalm ein Klagepsalm ist, und wir gehen der verlorenen Kunst des Klagens nach. Psalm 13, um den es ja geht, beinhaltet sehr provokante Aussagen über Gott. Man könnte diese Aussagen auch als sehr anklagend beschreiben.
Jörg, warum denkst du, dass dieser Psalm trotzdem seinen Platz in der Bibel gefunden hat?

Warum Klage ihren Platz haben darf

Weil auch manchmal Klagen, glaube ich, gut sind. Das muss ich aber erläutern, warum.
Vielleicht zuerst: Das Leben ist ja nicht immer eitel Sonnenschein, sondern hat auch dunkle Täler und dunkle Nächte im Laufe des Lebens. Und das belastet natürlich die Seele. Da, denke ich, hat Klage ihren Platz.
Manche meinen: Ein guter Christ klagt nicht. Ich habe einmal eine Aussage gehört, die fand ich nun wirklich sehr, ich muss es so hart sagen, dumm. Sie lautete, man dürfe einmal klagen und es Gott sagen, und dann sei es abgehakt. Das finde ich so nicht in der Bibel.
Jeder dritte Psalm ist ein Klagepsalm. Also sind von 150 Psalmen 50 Psalmen Klagepsalmen. Und das ist ja nicht von ungefähr. Das zeigt uns: Klagen hat einen großen Stellenwert und soll auch vom Umfang her groß sein, wenn es uns schlecht geht. Es hilft nichts, das wegzudrücken. Das haben wir, glaube ich, heute ein bisschen verloren.
Manche empfinden natürlich Davids Worte hier in diesem Psalm als unangemessen. Aber ich denke, das sind vor allem Menschen, die das selbst nicht durchgemacht haben, denen es noch nie wirklich schlecht ging. Für sie klingt das vielleicht falsch. Aber wenn man das einmal durchgemacht hat, sind das, glaube ich, ganz normale Ausdrücke dessen, wie es einem geht.
Und ich glaube auch, manch einer hat ein Gottesbild, das vielleicht so nicht stimmt. Ich glaube, Gott verträgt mehr Anklage, als wir denken. Ich lese vielleicht zuerst den Psalm, damit uns klar wird, was da alles gesagt wird.
Ja, das ist super.

Der Psalm im Wortlaut und die erste Einordnung

 Psalm 13. Ein Psalm Davids, dem Vorsänger.
Wie lange, o Herr, willst du mich ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir? Wie lange soll ich Sorgen hegen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen tragen Tag für Tag? Wie lange soll mein Feind sich über mich erheben?
Schau her und erhöre mich, o Herr, mein Gott! Erleuchte meine Augen, dass ich nicht in den Todesschlaf versinke, dass mein Feind nicht sagen kann: Ich habe ihn überwältigt! Und dass meine Widersacher nicht frohlocken, weil ich wanke.
Ich aber vertraue auf deine Gnade. Mein Herz soll frohlocken in deinem Heil. Ich will dem Herrn singen, weil er mir Gutes getan hat.
Es hört sich bei den ersten fünf Versen wirklich sehr deprimiert und verlassen an, das muss man schon sagen. Es ist ja auch wichtig, dass man weiß, worum es hier geht und aus welcher Situation dieser Psalmschreiber kommt. Ist das irgendwie klar? Hast du da etwas gelesen, damit man weiß, was die Grundsituation ist?

Die bedrängende Lage hinter den Worten

Also eine konkrete Situation, wie bei manchen Psalmen, dass er auf der Vollverfolgung geschrieben wurde oder Ähnliches, haben wir hier nicht. Wir können es nur indirekt aus dem Psalm schlussfolgern.
Er wird verfolgt von seinen Widersachern, was ja bei David vor seinem Königtum durch Saul und auch am Ende durch seinen Sohn Absalom geschehen war. Es kann also in beiden Phasen des Lebens gewesen sein. Diese Verfolgung, diese Feindschaft, geht so weit, dass er in Lebensgefahr ist.
Man sieht es: Er wird von Sorgen jeden Tag gequält, er hat jeden Tag Sorgen. Der Feind erhebt sich über ihm, er muss fliehen. Das kennen wir aus seinem Leben, heißt sich verstecken. Man hat Angst vor Verrat. Die Sorge ist da, die Todesangst ist keine Rettung. Und was wir hier auch sehen, ist eine sehr lang anhaltende Situation. Das können wir von der Situation her sehen, also Anlass, Verfolgung durch Feinde.
Und dann, was es innerlich alles mit ihm macht, weil da kommt ja noch eine ganze Batterie an Sachen außer der Gefahr. Genau, und das Innerliche ist für mich super nachvollziehbar, dass der Mann verzweifeln könnte, dass er die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sagt: Jetzt geht alles nicht mehr, ich gehe unter.
Spannend ist ja, wir sind ja bei einem Psalm, dass er seine Not hier im Gebet vor Gott bringt, oder?

Wenn Beten kaum noch möglich ist

Finde ich total spannend, und ich denke, das ist auch schon der zweite Schritt. Wenn man wirklich so belastet ist und die eigene Seele so niedergedrückt ist, dann kann man oft gar nicht mehr beten. Also ich finde es schon bemerkenswert, dass er hier überhaupt beten kann.
Ich habe einen Bekannten gehabt, der hat zum Beispiel eine Chemotherapie bekommen und hat gesagt: Thomas, in der Zeit kannst du gar nicht mehr beten, das funktioniert nicht mehr. Aber wie geht denn das, wenn ich in so einer Situation bin und ich kann nicht mehr beten? Was würdest du jemandem raten, der zu dir kommt und sagt: Jörg, was soll ich da machen?
Also hier bei einer Chemotherapie ist es wahrscheinlich einmal das Körperliche, da kenne ich mich jetzt nicht gut genug aus. Aber es kann auch seelische Situationen geben, dass du einfach gelähmt bist und es nicht mehr geht. Auch werden wir ja gleich sehen: Wenn du denkst oder weißt, dass Gott fern ist, er glaubt es ja nicht nur, dass Gott fern ist, sondern er weiß es für sich, auch wenn es natürlich theologisch nicht sein kann, dann geht das nicht mehr.
Also zum einen: Wenn du nicht beten kannst, dann können andere für dich beten. Ich fand das mal einen interessanten Gedanken: Du kannst das nicht, wir beten für dich. Und ich denke, das ist genauso gut. So wie Aaron und Hur die Hände von Mose hochhalten. Ja, der hat auch selber gebetet, aber ja, würde ich sagen: Wenn es nicht geht, dann betet ein anderer für dich. Was soll daran schlechter sein? In dieser Situation gibt es wirklich Situationen, wo es nicht geht.
Und bei mir war das ja auch so, als unser Sohn, der war ja schon vorgeburtlich schwerstbehindert, das wussten wir ja, um die ersten zwei, drei Jahre hatte ich Probleme, Bibel zu lesen und auch zu beten damit. Und weil die Bibel mir nichts mehr gesagt hat in dieser Situation, weißt du, du bist wie bei einem Unfall. Du bist unter Schock und du kannst ja nicht mehr normal reagieren, ja, vom Körperlichen. Und so war das geistlich bei mir zwei, drei Jahre lang.
Und ich habe dann angefangen, dass ich das evangelische Gesangbuch genommen habe und die Lieder durchgelesen habe. Die auch aus sehr viel Not entstanden sind, ja. Es gibt da von Winrich Schäffbuch, ja. Winrich, welches Buch? Sich den Trauer von der Seele singen, oder? Ja, es gibt zwei Bücher, genau. Das war, glaube ich, das Erste, das ich gelesen hatte. Wahnsinnige Geschichten, über welche, die ihre Stimme verloren hatten als Pastor und andere, die alle Kinder verloren haben, Frau verloren haben usw. und die dann diese Lieder geschrieben haben.
Das konnte ich nachvollziehen und konnte das mitlesen. Ich konnte selber nichts mehr formulieren, aber ich konnte das mitsingen, jetzt natürlich nicht so fröhlich, aber so mitsingen und mitlesen. Und nach diesen Liederbüchern konnte ich dann die Psalmen lesen, weil in den Psalmen diese ganzen Emotionen herauskommen. Weißt du, wenn du so einen Lehrbrief hast, der hat mich in dieser Situation nicht berührt. Das war halt eine theologische Wahrheit, aber in meiner existenziellen Not bringt mir das nichts.
Ja, richtig. Aber diese Psalmen, die haben alles ausgedrückt, was in mir war, und ich konnte noch nicht selber beten, aber ich konnte diese Psalmen mitbringen. Und ich glaube, das kann so ein Weg sein von dieser Gebetslosigkeit, die einfach unter diesem emotionalen oder seelischen Schock passieren kann im Leben, wenn wirklich schlimme Dinge auf dich zukommen, da wieder zu einer Sprache zu finden und dann vielleicht auch mal zu Gott zu schreien, dass es wieder geht.
Da machst du dann Gottes Worte zu deinen Worten im Grunde genommen. Ja, also wenn ich es noch nicht kann, weil ich zu schwach bin, dann können doch andere für mich beten oder ich bete oder singe Worte von anderen mit. Warum denn nicht, dafür sind sie doch da. Ja, okay.

Die vierfachen Klagen und ihr innerer Druck

Und wenn wir jetzt in den Psalm hineingehen, also wir haben ihn so schnell gelesen, und uns die einzelnen Klagen von David gegenüber Gott anschauen: Was hat dich da besonders bewegt, auch gerade in diesem Psalm?
Ja, am Anfang fängt er ja viermal mit „wie lange“ an, in meiner Übersetzung. Also, es ist klar: Diese Dauer zermürbt ihn einfach. Eine kurze Verfolgung durch einen Feind hältst du aus, da hast du innerlich noch Kräfte dagegen. Aber dauernd in dieser Situation zu sein, dauernd überlegen zu müssen, wo ich die nächste Nacht verbringe, ob derjenige, dem ich begegne, mich jetzt verrät, wenn dann die Verfolger in drei Tagen kommen, was ist dann mit dem? Kann ich dem einen trauen? Dann noch die ganzen Probleme dazu, und dann kommt das alles zusammen. Das wird einfach zu viel. Und dann kommt so dieses Gefühl: Wie lange soll das noch gehen? Ich halte das nicht mehr aus.
Und da sagt er hier vier Dinge, bei diesem „wie lange“: Wie lange willst du mich ganz vergessen? Also, für ihn ist klar: Gott hat ihn vergessen. Und egal, wie man das wendet, das ist eine Anklage. Egal, wie freundlich du das formulierst: Gott, du hast mich vergessen. Das ist die erste Klage oder Anklage. Das ist ja oft nah beieinander.
Das zweite: Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir? Also: Du denkst nicht an mich, und du zeigst dich mir auch nicht. Das sind seine zwei ersten Klagen, und zwar: Wie lange? So erlebt er das auch. So erlebt er das. Und das drückt er hier aus. Das finde ich ja das Tolle.
Dann, in Vers 3, kommen noch einmal zwei „wie lange“: Wie lange soll ich Sorgen hegen in meiner Seele? Also, da geht er jetzt von Gott weg auf seine eigene Situation. Dieses dauernde Sorgen, Tag um Tag um Tag, dieser Kummer in seinem Herzen, das ist einfach irgendwann zu viel. Selbst wenn du ein Mann aus Eisen bist, selbst der fällt irgendwann. Es gibt ja so Personen, die haut nichts um, die sind in jeder Situation gewachsen. Aber wenn du lange genug unter Belastung bist, dann brichst du auch irgendwann. Das heißt ja auch: Die Länge trägt die Last dann ja, dass du irgendwann nicht weiterkommst. So ging es ihm hier.
Und wie lange soll sich mein Feind über mich erheben? Ich denke, das war die eigentliche Ursache. Aber da kommen ja die ganzen seelischen Sachen noch dazu. Und jetzt wendet er sich um und sagt zu Gott: Schau her und erhöre mich, o Herr, mein Gott! Erleuchte meine Augen, dass ich nicht in den Todesschlaf versinke.
Das heißt ja auch: Du schaust mich nicht an, du hörst nicht auf mich, und du erleuchtest nicht meine Augen. Also, wenn du ihn hoffnungslos anguckst, dann sind die Augen ja so erloschen, die sind leer, da ist kein Gefühl mehr drin. Und „erleuchte meine Augen“ heißt eigentlich: Gib mir neuen Lebensmut. Das will er damit sagen, ja. Und all das empfindet er so, dass Gott das nicht macht.
Ich habe das letztes Mal gehört, ich fand das schön: Also, hier wendet er sich aber Gott zu. Er sagt einmal, wie lange das alles ist, das drückt ihn. Und ich mache das ja jetzt ziemlich neutral. Er hat das natürlich weinend und seufzend gesagt, nicht so locker wie ich jetzt. Aber dieser Vers 4: Schau her, erhöre mich, belebe mich mit Lebensmut – das hat letztes Mal einer so ausgedrückt: Eigentlich kann man sagen, ein Kind hat etwas ausgefressen, aus irgendeinem Grund Streit mit dem Vater, und das Kind kommt dann auf einmal auf den Vater zu und sagt: Papa, kannst du mich in den Arm nehmen?
Eigentlich ist das so dieser Ausdruck: Papa, nimm mich in den Arm, schau doch auf mich, höre mich, belebe mich. Das ist das, was er hier ausdrückt, damit er nicht in den Tod entschläft. Also, er empfindet es wirklich so, dass er innerlich stirbt.

Die Frage nach dem rechten Beten in der Not

Ich meine, du hast es vorhin auch gesagt, dass wir sehr viele Klagepsalmen in der Bibel haben. Aber Klagepsalm ist ja nicht gleich Klagepsalm. Dieser Klagepsalm ist, wie du es auch sagtest, schon sehr anklagend. Andere Klagepsalmen sind da etwas zurückhaltender.
Wenn ich jetzt den Psalm 13 vor Augen habe, dann stellt sich mir natürlich die Frage: Soll ich wirklich so beten? Also wirklich so anklagend, wie David das hier macht? Wenn du in so einer Situation bist wie er, und es gibt ja fünfzig Klagepsalmen und nicht jede Situation ist gleich, dann denke ich, musst du so beten. Das ist jetzt absichtlich ein bisschen provokativ gesagt.
Zwei Gründe vielleicht dafür. Das eine, und das hat mich wirklich jahrelang belastet, wenn ich das angeschaut habe: Wir haben in unserem Christsein oft dieses Schönwetter-Christsein mit so einer Maske vor uns. Mir geht es immer gut, nicht wahr? Ja, und das muss nicht böse gemeint sein. Aber irgendwie steckt dahinter vielleicht manchmal auch der Gedanke: Du darfst ja gar nicht klagen.
Also erstens will man es den anderen vielleicht nicht zeigen. Das ist manchmal auch nicht so dumm, denn es gibt Leute, die damit fürchterlich schlecht umgehen und dir nur noch mehr Probleme machen, wenn du ihnen zu viel erzählst. Das ist manchmal nicht das Dümmste. Aber das Gefährliche ist halt, wenn du diesem Schmerz, der ja dahintersteckt, und vielleicht auch Zorn und Wut, dass Gott nicht mehr da ist, keine Sprache gibst. Das ist für ihn ja real. Das ist ja nicht nur: Ich fühle so. Sondern er sagt: Das ist so. Und so empfindet er das auch.
Ja, wie sollst du das jetzt zum Ausdruck bringen? Entweder kannst du dem irgendwie eine Sprache geben, oder es macht dich kaputt. Wenn es eben nicht über die Sprache zu Gott hinauskommt, dann sagt dein Körper: Dann hast du halt eine unheimliche Müdigkeit und Erschöpfung, dann hast du Kopfschmerzen, dann bekommst du Depressionen und Ähnliches. Irgendwo muss das raus.
Und das fehlt mir ein bisschen in der Christenheit, dass man das darf, dieses Klagen. Stattdessen heißt es gleich: Nein, das ist doch kein guter Christ. Und du musst doch glaubensvoll sein und Ähnliches. Dabei wird ganz vergessen, dass dieses Klagen notwendig ist und auch eine Kunst.
Mir kommt es manchmal so vor, ein bisschen wie dieser Schönheitswahn heutzutage, wo vor allem in Hollywood, aber auch woanders Leute, wenn sie älter werden, sich Botox, also ein Nervengift einer Schlange, ins Gesicht spritzen, damit alles ohne Falten aussieht. Und ich habe manchmal den Eindruck, wir botoxen unsere Seele. Wir spritzen uns dann Gift rein, damit unsere Seele so faltenlos aussieht, und lassen so etwas gar nicht mehr zu. Haben aber dann auch keine Mimik mehr und laufen herum wie Zombies, total emotionslos und total glatt. Da ist gar kein Mensch mehr da. So habe ich das manchmal empfunden.
Weil: Wenn du durch so etwas durchgehst, wirst du ja auch sehr empfindsam. Ich spüre das heutzutage: Wenn es einem gut geht oder schlecht geht, spüre ich das sofort. Ich sehe das nicht nur, ich spüre es. Einfach wenn man da drin ist. Und wenn du eben nicht so klagst, dann haben natürlich viele, viele Angst davor, das so zu machen, weil sie denken, das wäre falsch. Dann kommst du halt dahin, dass du keine Heilung haben kannst, weil es nicht angegangen wird, dass sich das irgendwo anders Bahn brechen muss und dass du letztendlich mit einer Fassade herumläufst. Und das kann ja nicht die Alternative sein. Also nicht nur, um vor den anderen sozusagen eine gute Fassade zu haben, sondern manchmal, wie du sagst, auch vor sich selbst.
Auch vor sich selbst, ja, weil es tut ja auch weh. Wenn du dich natürlich dem stellst, tut das natürlich weh. Ihm tut das unglaublich weh, wenn ich dies hier mal anschaue. Also wenn man das mal richtig durchliest und Vers 6 bitte weglassen, das kommen wir nachher, dieser: Ich singe Gott und so weiter. Das kann Monate gehen, das kann Jahre gehen in so einer Phase. Da steckt man drin.
Und ich glaube, deswegen hat Gott den Psalm absichtlich hier hineingeschrieben, damit wir sehen: Wir dürfen so zu Gott reden. Wir sollten sogar so zu Gott reden. Ja, wenn wir über unserem Leid, das wir erleben, eben auch klagen, dann kann es ja auch sein, dass ich dann bitter werde über dieser Klage, also mir das immer wieder auch einrede. Und es ist ja spannend, wenn ich Psalm 13 anschaue: Wie kommt David dann hier Gott näher? Denn das ist ja eigentlich Sinn des Gebetes, ohne eben bitter zu werden und zu sagen: Ich weiß jetzt ganz sicher, du hast mich verlassen, du hast mich hängen gelassen, ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Das erlebt man ja auch immer wieder.

Klage, Nähe zu Gott und die Gefahr der Bitterkeit

Ja, wobei, ich denke, er sagt das. Also ich denke, er ist nicht bitter, aber er sagt doch: Du hast mich verlassen. Genau, das sagt er aber. Das sagt er richtig. Das ist ein schmaler Grad, da hast du recht, zwischen Bitterkeit und Gott nahekommen.
Ich habe das mal so zusammengefasst für mich: Ich komme mit meiner kraftlosen Seele, mit meinem Klagen zu Gott. Es sind vier Bestandteile in dem drin. Also von hinten mal: Ich komme zu Gott, zum einen. Es ist ein Unterschied, ob man so etwas im Privaten betet oder öffentlich. Also wenn du natürlich so etwas öffentlich beten würdest, das wäre ein Seelenstriptease, und das wäre auch anklagend. Ich glaube, dass das nicht besonders angemessen wäre. Das wäre nicht gut. Also wir haben hier eher das private Gebet. Für mich eindeutig ein privates Gebet, wo er einfach alles, was er empfindet, auch in Worte kleiden kann. Das ist ein Segen, wenn man das schon kann. Wenn nicht, kann man darum beten, dass Gott es einem schenkt.
Und dass Gott auch sagt: Diese ganzen Fragen, die er hat, die wandelt er jetzt in Klagen um. Also Fragen zu Klagen, klagende Fragen, wie auch immer man es nennen will, das ist auch anklagend. Also ich sehe da hier das Anklagen. Aber ich denke, Gott ermutigt mich dazu. A denke ich sowieso schon, und B empfinde ich das ja auch so.
Aber was jetzt der Unterschied ist, warum er, denke ich, nicht bitter ist: Er kommt mit seinen Klagen eben zu Gott. Das ist so wie ein Kind, das unglaubliche Probleme hat und dann trotzdem zu den Eltern kommt. Dann ist dir als Elternteil auch egal, ob das jetzt dich vielleicht schlägt oder beleidigt oder wie auch immer oder verzweifelt ist. Ich glaube, jeder kann sich so Situationen vorstellen. Es kommt zu dir, das ist das Entscheidende. Und das zeigt dieses Grundvertrauen, das trotzdem da ist, trotz allem.
Und er ist in so einer schwierigen Situation wie ein Kind, aber er kommt damit zu Gott. Er darf aber auch damit zu Gott kommen, das ist die Ermutigung dieses Psalms. Und er kommt mit seinen Klagen zu Gott. Also er muss nicht schöne Worte bringen, er muss nicht der perfekte Christ sein, sondern das, was ihn beschäftigt, das sagt er Gott auch. Und da trauen wir uns heute oft nicht, weil wir denken: Ja, das darf doch nicht so sein, ich kann doch Gott da nicht das vorwerfen und so weiter. Er macht es auf jeden Fall. Und er schreibt es ins damalige Internet sogar, ne?
Ja, und Gott hat das als Provider freigegeben, wenn ich in deinem Bild bleibe. Das soll uns doch ermutigen, dass wir auch wirklich klagen. Also wer kann denn heute noch klagen? Das gilt doch als ungeistlich. Ich glaube, es ist fast eher das Gegenteil: Nicht klagen ist ungeistlich. Je nach Situation, aber du verstehst dich, oder?
Ja, ich weiß, was du meinst.
Wie ich es meine, ja. Er klagt, er kommt damit zu Gott, und er lässt sich auch nicht mit oberflächlichen Antworten zufriedenstellen. Also Römer 8,28 muss da jetzt einfach kommen. Das ist immer, was man am Krankenbett sagt, wenn es den Leuten schlecht geht sozusagen. Das ist in Ordnung, du kannst das auf zwanzig Arten sagen. Und ich bin ja ganz gerne mal bei Sachen etwas kritisch.
Also vielleicht für die Hörer: Was in Römer 8,28 steht, das sollte man auch noch kurz sagen. Allen denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen. Das ist eine biblische Wahrheit, die stimmt. Das ist eine Verheißung, die darf man den Leuten auch zusprechen. Die Frage ist, wie. Da gibt es einen schönen Spruch in Sprüche 27,14: Da ist einer, der wünscht, am Morgen früh aufgestanden, seinem Nächsten mit lauter Stimme Glück, aber als Verwünschung wird es ihm angerechnet. Sehr interessant, oder? Cool, den Spruch finde ich echt cool.
Also du kannst jemandem etwas Tolles sagen: Ach super, morgen, ich wünsche dir Glück. Aber es wird ihm als Verwünschung angerechnet. Und genauso kann Römer 8,28 benutzt werden. Also du kannst es sagen, jetzt mal zwischenmenschlich, nicht ich gegenüber Gott, aber ich gegenüber einem Leidenden. Du kannst es zum Beispiel sagen, weil du den einfach loswerden willst und dich selber schützen willst und sein Leid nicht an dich ranlassen willst. Einfach so: Oh Gott, wird alles zum Besten dienen, und zack, abgehakt, jetzt kann ich mich wieder meinem schönen Leben widmen und muss mich nicht hier emotional da reingeben.
Du kannst es aber anders machen. Das habe ich auch erlebt: Leute, die wussten nicht, was sie sagen sollten, haben mir das auch gesagt. Sie haben gesagt: Ich weiß gar nicht, was ich dir sagen soll, aber Römer 8,28. Und dann ist es okay, weil dann spürst du: Da hat einer nicht gewusst, wie er mit Leid umgehen soll. Und das ist auch eine legitime Reaktion, wenn man da keine Erfahrung hat. Dann überfordert das einen. Wie soll man mit jemandem umgehen, der gerade gestorben ist? Ich weiß, als ich das erste Mal, nee, als ich im Vorprogramm hatte und dann hieß es: Ja, meine Oma ist gestorben, und ich hatte noch keine Erfahrung damit, war ich froh, dass die Schwester das selber alles gesagt hat und ich kein Wort mehr sagen musste. Also so bewältigend. Damals war ich von so einer Situation überfordert, das darf man auch sagen.
Und manche sagen gar nichts, schauen dich nur an, drücken dich, und das ist genauso gut. Und manche sagen dir diesen Vers, und er ermutigt dich. Und das ist der Unterschied: Du kannst Bibelverse alles Mögliche schnell und oberflächlich bringen, oder du kannst das mit der Seele machen, wirklich mit zu Gott kommen. Und da kann aus einem Vers, wie gesagt, da kann eine Verwünschung werden bis hin zu der richtigen Ermutigung, die ganze Palette. Und wenn man es nicht kann, dann sagt man es auch gut. Das bringt dann auch schon was.
Aber das war ja jetzt mehr das Zwischenmenschliche. Es käme vielleicht wieder: Wie komme ich zu Gott? Also ich komme zu Gott, ich komme mit meiner Seele zu Gott, nicht nur oberflächlich, sondern ich teile mein Leiden wirklich mit Gott. Und ich komme mit meiner kraftlosen Seele zu Gott, habe ich mir aufgeschrieben, weil ich kann es ja nicht. Und das ist für mich dieses Bild von diesem geknickten Rohr, das Gott nicht kaputt macht, und diesem glimmenden Docht. Ein glimmender Docht bringt keine Flamme hervor. Ein geknicktes Rohr kannst du auch zunächst benutzen, und Gott wird es trotzdem nicht abbrechen.
Und so kommst du hier mit deinem ganzen Schmerz, mit der ganzen Ohnmacht. Du kannst überhaupt erst mal etwas beten, aber du kommst damit zu Gott und bringst deine Fragen einfach klagend zum Ausdruck. Ich denke, das ist die Ermutigung, die hier drin ist, dass du auch als Verzweifelter beten darfst. Du musst jetzt nicht etwas Gutes werden, sondern du darfst so kommen, wie du bist. Mit deiner kraftlosen Seele kommst du mit deinem Klagen zu Gott, so würde ich das hier zusammenfassen.
Genau, also so hast du es ja auch gesagt, dass ich mit der kraftlosen Seele und meinem Klagen zu Gott komme, dass ich wirklich auch mit meiner Seele zu Gott kommen soll und nicht nur über meinen Intellekt. Das versagt auch in solcher Situation. Dass ich eben weiß, ich habe keine Kraft, ja, wie die Bibel das manchmal sagt: In mir ist keine Kraft, aber unsere Augen, sie schauen auf dich. Das ist ja jetzt dieser große Teil des Psalmes, des Klagens.
Interessant ist ja, dass am Ende einfach das Preisen steht, und da würde man denken: Hey, die Situation scheint sich ja gar nicht wirklich geändert zu haben. Hat David das jetzt irgendwie angeflickt, kommt das aus irgendeinem anderen Psalm, oder wie geht das in so einer Situation?

Vom Klagen zum Vertrauen und zum Lob

Du bist aber jetzt schon sehr einfühlsam. Ich habe das oft so mitgekriegt: Ein Psalm wird gelesen, Verse 1 bis 5, und dann kommt Vers 6, und ach, super, mein Herz ist verlockt, und das Vorherige wird weggewischt. Eigentlich ist es ja total überraschend: Wie kommt er jetzt eigentlich von dieser schwierigen Situation dann zu Vers 6?
Dort steht: Ich aber vertraue auf deine Gnade, mein Herz soll frohlocken in deinem Heil; ich will dem Herrn singen, weil er mir wohlgetan hat. Also: zum Vertrauen, zur Freude, sogar zum Singen aus so einer Situation, aus der Tiefe, dann zum Singen zu kommen.
Da gibt es auch einen schönen Spruch, Sprüche 25,20: Einer, der ein Oberkleid ablegt am Tag der Kälte, kann man sich, glaube ich, vorstellen, seinen Mantel ablegt am Tag der Kälte, oder Essig auf Natron. Gibt das irgendeine chemische Reaktion? So ist es, wenn einer einem traurigen Herzen Lieder singt. Also, das geht gar nicht. Du kannst nicht einem traurigen Herzen fröhliche Lieder singen. Das ist natürlich gemein. Und so ist das hier eigentlich ein Widerspruch. Wie kommt es überhaupt dazu?
Die Auflösung ist nach meiner Ansicht: Das war natürlich nicht sofort. Das waren Tage, Wochen, Monate, was weiß ich, wie lange das gebraucht hat. Und das war nicht dieses: Ha, super, ich bin jetzt fröhlich und happy, clappy, worship und all so Zeugs, selbstsicher und unbekümmertes Singen. Sondern das ist für mich: Ich habe zwar Vertrauen und ich frohlocke, aber ein sehr stilles, zaghaftes. Also zaghaft und doch dankbar, zerbrochen und doch fest, müde und doch kräftig. Also nicht dieses selbstsichere, unbekümmerte, leichtfertige. Das würde man da falsch lesen. Das ist, glaube ich, ein ganz zitterndes, aber doch gewisses Vertrauen.
Und da muss man auch gucken, was da drinsteht. Er vertraut erst mal auf seine Gnade, also nicht auf das, was er ist, sondern auf das, was Gott ihm tut. Und ich glaube, das erfährt man, wenn man Gott seine Klagen so bringt, wie es hier steht. Auch mit diesen ganzen Anklagen. Es wäre natürlich toll, wenn die nicht da wären, ist ja keine Frage. Wäre schon besser, wenn man glaubensvoll zu ihm betete. Aber wenn halt Anklage da ist, dann ermutigt uns dieser Psalm, das auch selber zu formulieren. Oder wenn man es sich nicht traut, würde ich sagen: Bete doch einfach diesen Psalm mit, dann kannst du nichts falsch machen.
Manche denken ja, sie erzürnen Gott noch zusätzlich. Aber wenn du das mitbetest, ist es ja ein Stück Bibel. Was sollst du da erzürnen? Es ist ja ein Vorbild gegeben. Wenn man da Angst hätte, auf der sicheren Seite zu sein, dann betet man das mit, und dann wird Gott sich auch dir zuwenden.
Und dann gibt es Situationen, wo du weinst und total tief, wie soll man es ausdrücken, zerbrochen bist und kaputt bist, und in all diesem Weinen kommt trotzdem innerlich eine Freude hoch. Dass du dich geborgen weißt bei Gott, einfach. Und das ist natürlich nicht dieses fröhliche Fest und oberflächliche Wahrheit. Das ist so in diesem Schmerz trotzdem eine Freude. Und das gibt es, und das kann Gott schenken. Das ist Gnade, und das ist Rettung.
Er frohlockt in seinem Heil. Das ist also, wie gesagt, nicht dieses selbstsichere, fröhliche Frohlocken: Ach, wie toll alles. Sondern: Er rettet mich. Er rettet mich wirklich in dieser Situation. In Jesaja 42 steht es mal, über den Messias. Aber ich glaube, das kann man hier auch anwenden. Das zeigt, wie es dir in der Seele geht: Jesus kommt und öffnet die Augen der Blinden. Er führt die Gefangenen aus dem Gefängnis und die da sitzen in der Finsternis aus dem Kerker.
Und das kannst du erleben, so eine Rettung, dass er, wenn du nicht siehst, deine Augen öffnet oder dir Lebensmut gibt. Er erleuchtet wie vorher, dass er dich als Gefangenen, du bist in dieser Situation gefangen, und du bist auch in diesen Gefühlen gefangen. Und dass er Befreiung schenkt, wie schnell, weiß ich nicht, und in welcher Form und vollständig, das mag alles dahingestellt sein. Aber er kommt trotzdem in diese Situation, habe ich erlebt. Und auch wenn es finster ist, auf einmal geht da irgendwo ein Lichtlein an. Das ist ganz zaghaft, aber es ist trotzdem ein Lichtlein. Ein Hoffnungslicht sozusagen.
Ja, und dann kannst du auch singen, aber wie gesagt, ein Singen, eben so ein durchmischtes Singen. Ich glaube, so kommt er dann zu diesem Vers, weil Gott sich dann einfach doch zeigt. Und deswegen gibt es so viele Klagepsalmen, jeder dritte, dass wir das lernen, das nicht zu verschließen. Denn was ist sonst? Du baust sonst Mauern um dich. Du drückst dieses Gefühl weg, du schließt dieses Gefühl ein oder andere Dinge. Aber das geht auf Dauer nicht. Doch, du kannst es einschließen, aber dann verlierst du halt einen Teil deiner Persönlichkeit und deines Gefühlslebens.
Und wenn du das lernst, ja, einfach mitbeten, wenn du es nicht kannst. Das ist ja für Kraftlose gedacht, das Evangelium ist für Kraftlose. Und dann dem gnädigen Gott begegnen, das ist, glaube ich, die Lösung von Vers 6, dass das passieren kann. Dass er das einfach auch so ausdrücken kann dann und wirklich jubelt oder so. Und Gott in diese Situation der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung hineinkommt, auf seine Art und Weise.
Hiob hätte auch nicht gedacht, der hat diskutiert mit seinen Freunden ohne Ende, und er wollte es verstehen, er hat seine Situation nicht verstanden. Und dann redet Gott über die Schöpfung. Da fragt man sich: Warum denn das? Warum? Das war halt eine Art, wie Gott uns dann begegnet. Und es kann sein, da kommt ein Lichtstrahl in einem bestimmten Zeitpunkt, jemand sagt was, wobei der gar nicht denkt, dass dich das ermutigt, da kommt ein Lied vorbei, du siehst irgendwas. Er kann da ganz verschiedene Wege benutzen. In seiner Gnade kommt er und erhellt praktisch diese Finsternis. Das ist, glaube ich, das Geheimnis von Vers 6.
Ja, das war was sehr Intensives hier, Psalm 13, ein mutmachender Psalm für Mutlose, könnte man fast sagen. Also, wie du sagst, man darf das mitbeten. Und das war ja schon wieder der Podcast der evangelischen Freikirche Evangelium für alle in Stuttgart. Wir hoffen, ihr habt den Impuls mitnehmen können, dass ihr eure Klagen wirklich im Gebet Gott bringt. Und wie Jörges gesagt hat: Wenn du selber keine eigenen Worte hast, dann nimm Psalm 13. Und wenn du den betest und ich höre das, dann weiß ich, dir geht's nicht gut.
Wenn ihr aber noch weitere Fragen habt, über die wir sprechen sollen, oder Anmerkungen zum Podcast, dann dürft ihr uns auch gerne schreiben unter podcast at efa minus stuttgart punkt de. Wir wünschen euch Gottes Segen und dass ihr eure Fragen wirklich zu Klagen macht und mit eurer kraftlosen Seele zu Gott kommt.