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Glaube allein - aber das Gesetz?! | Galater

24.09.2023

Ich begrüße euch ganz herzlich zu unserem Gottesdienst und freue mich, dass ihr alle hier seid.

Ich habe euch einen Vers aus Psalm 100 mitgebracht, den zweiten Vers. Er betont, warum wir heute eigentlich hier sind. Unsere Veranstaltung besteht aus zwei Worten: Gottesdienst – wir dienen Gott.

In Psalm 100, Vers 2 heißt es: „Dient dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Jubel.“ Das wollen wir heute tun. Wir wollen Gott dienen, ihm die Ehre geben, vor sein Angesicht treten und von ihm lernen – aus seinem Wort.

Ich hoffe und gehe davon aus, dass der Heilige Geist uns segnen wird, damit wir gestärkt nach Hause gehen und ihm dienen können.

Ich bete zum Anfang und bitte euch, dazu aufzustehen:

Großer Gott und Heiland, danke, dass wir dich kennen dürfen. Danke, dass wir die Möglichkeit haben, hier zusammenzukommen, um dir zu dienen und von dir zu lernen. Danke, dass du uns offenbart hast, dass wir dein Wort haben dürfen, das zu uns spricht.

Herr, ich bitte dich um deinen Segen für Sebastian, dass er dein Wort mit Weisheit und Klarheit weitergibt. Danke auch für die Kinderstunden, die stattfinden dürfen, und für den zweiten Teil, wenn wir uns austauschen, Anbetung und Gebet in unserer Mitte haben werden.

Ich danke dir, dass du durch deinen Heiligen Geist hier in unserer Mitte bist. Amen!

Wir singen zum Beginn des Gottesdienstes zwei Lieder: „Ich danke meinem Gott von ganzem Herzen“ und danach ein Kinderlied. Nach dem zweiten Lied dürft ihr dann nach vorne kommen. Auch die Großen, die heute in unserer Mitte bleiben, sind eingeladen.

Heute ist der letzte Gottesdienst im Monat, und danach folgt die Predigt.

Reflexion über Gnade und Gesetz im Glaubensleben

Ja, ich weiß nicht, wie es dir letzte Woche oder eigentlich nach der Predigt vom letzten Sonntag ergangen ist. Vielleicht war sie für dich wie Wasser auf deine Mühlen, und du hast dich gefreut, dass mehr um Gnade ging. Vielleicht fiel es dir aber auch schwer. Das ist ja das Leid, das wir Prediger immer haben.

Wenn du über Gnade und Rettung sprichst, fühlen sich diejenigen angesprochen, die ganz dankbar sind, dass es ein bisschen leichter wird. Die sehen das auch beim Lesen der Bibel oft als Erstes. Wenn du hingegen über das Gesetz sprichst, fühlen sich diejenigen angesprochen, die gern Wert auf Regeln legen. Und eigentlich müsste es doch umgekehrt sein, denkst du dir.

Das ist ja die Herausforderung, die man da manchmal hat. Wenn es um Gnade geht, müsste sich vielleicht der angesprochen fühlen, der im Gesetz festhängt. Und wenn es darum geht, wie Gott sich unser Leben vorstellt, müsste sich vielleicht der angesprochen fühlen, der es zu locker nimmt.

Ich weiß nicht, wie es dir ging. Mir ging es so, dass ich mich die Woche selbst wieder dabei ertappt habe, wie ich voll gegen meine eigene Predigt gehandelt habe. Ich habe gemerkt, dass Strampeln mir doch ganz gut gefällt. Ich fühle mich doch ganz gut, wenn es gerade in meinem Leben mal läuft und ich etwas hinkriege. Dann denke ich mir: Jetzt kann Gott aber schon zufrieden sein, wie die Woche gelaufen ist.

Und dann sitzt du da und denkst dir: Moment mal, hast du nicht gerade selbst ganz etwas anderes gepredigt? Und meistens – das ist jetzt so ein Erfahrungswert – dauert es dann auch nicht lange, bis ein Dämpfer ins Leben kommt, der dich von Wolke sieben wieder runterholt. Dann merkst du wieder, wo du eigentlich unterwegs bist.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es einigen von euch ähnlich ging in der Woche. Dass du ganz überzeugt warst von „Glaube allein“, aber doch irgendwie das Werkeln wieder angefangen hast. Wieder versucht hast, die Sache selbst hinzukriegen und in den Griff zu bekommen. Dass du wieder angefangen hast, Gott etwas zu beweisen.

Vielleicht warst du die Woche aber auch zu Hause gesessen und hast dir gedacht: „Ah, irgendwas fehlt doch da.“ Warum denn dann bitte das Gesetz? Wenn doch alles „Glaube allein“ ist – was hat der Satan vor? Will er ein paar Seiten, und es sind ziemlich viele, aus der Bibel herausreißen?

Vielleicht ist diese Frage immer noch da bei dir. Und deswegen ist der Untertitel heute für die Predigt: „Aber das Gesetz?“ Fragezeichen, Ausrufezeichen – was ist denn dann damit?

Einführung in das Thema des Galaterbriefs

Weil Paulus für beide Erlebnisse, falls du sie diese Woche hattest, wieder Antworten im Galaterbrief gibt, wollen wir uns das genauer anschauen. Er setzt die Betonung auf „Glaube allein“ fort, wie schon in der letzten Woche. Damit möchte ich euch nicht langweilen, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass Paulus diesem Thema viel Aufmerksamkeit schenkt. Das zeigt, wie wichtig es ist. Deshalb sehen wir uns das heute noch einmal genauer an.

Außerdem gibt Paulus endlich eine Antwort darauf, warum es überhaupt das Gesetz gibt. Wir steigen weiter in den Galaterbrief ein, und zwar in das dritte Kapitel. Zunächst lesen wir die ersten fünf Verse. Heute werden wir bis Vers 25 kommen.

 Galater 3,1:
„O ihr unverständlichen Galater, wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch die Werke des Gesetzes oder durch die Predigt vom Glauben? Seid ihr so unverständlich? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr es denn nun im Fleisch vollenden? Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war, der euch nun den Geist darreicht und solche Taten unter euch tut, tut er es durch die Werke des Gesetzes oder durch die Predigt vom Glauben?“

Die Dringlichkeit und Klarheit von Paulus’ Botschaft

Das sind ziemlich heftige und starke Worte, die Paulus hier verwendet.

Das Erste ist: „Ihr unverständlichen Galater, wer hat euch bezaubert?“ Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen. Ihr begreift ja gar nichts. Wer hat euren Verstand komplett verwirrt, aus dem Konzept gebracht, mit „verzaubert“ – also in die Irre geführt? Man könnte hier auch übersetzen mit „Um den Verstand gebracht“. Paulus steigt richtig aggressiv in das Thema ein. Da scheint ihm wirklich alles daran zu liegen.

Das allein will er von euch wissen: Wie ist das möglich gewesen? Seid ihr so unverständlich? Noch einmal, in Vers drei fragt er: Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Vers vier enthält viele rhetorische Fragen, die für Paulus eigentlich klar sind.

Paulus wird extrem deutlich, weil es um alles geht. Er stellt die große rhetorische Frage an die Galater, wie sie denn angefangen haben. Wie ist ihr Christsein losgegangen? War es durch gute Taten, wodurch ihr Leben besser geworden wäre? Oder war es, weil ihnen das Evangelium verkündet wurde und sie davon getroffen wurden?

Paulus bringt das in Verbindung damit, dass sie den Geist Gottes empfangen haben, Sünde erkannt haben, Christus erkannt haben, umgekehrt sind, Buße getan haben, vertraut und geglaubt haben. Man könnte fast fragen, ob Paulus die Galater hier als ein bisschen dumm bezeichnet für das, was sie tun.

Warum ist Paulus so aggressiv? Weil er die Sorge hat, dass alles, was in ihrem Leben gesetzt worden ist – was er investiert hat –, umsonst war. Das fragt er in Vers vier.

Der große Punkt dahinter, warum er diese Sorge hat, ist, weil die Galater eigentlich im Geist angefangen haben. Nun stellt sich die Frage, ob sie das Fleisch zum Ziel bringen wollen. Das „Vollenden“ – oder wie Luther übersetzt – „vollenden“, hat tatsächlich den Gedanken des Ziels im Hinterkopf. Es kommt von „telai“, was „Ziel“ bedeutet: zum Ziel bringen.

Die Galater standen also in der Gefahr, mit dem Glauben zu beginnen, um mit dem Gesetz ihr Leben vor Gott in Ordnung zu bringen.

Der Geist als Ursprung und Vollender des Glaubenslebens

Paulus geht es nicht um eine Lappalie. Er will deutlich machen, dass die Wiedergeburt kein Ergebnis des Gesetzes oder irgendeiner Leistung ist. Sie ist vielmehr das Wirken des Geistes Gottes durch die Predigt des Glaubens.

Dieses Thema finden wir an vielen anderen Stellen in der Bibel, zum Beispiel in Johannes 3,5. Dort macht Jesus Nikodemus deutlich: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“

Paulus betont, dass der Anfang des Glaubenslebens nicht darin besteht, etwas geleistet zu haben. Vielmehr ist es so, dass Gottes Geist in das Leben kommt und Menschen zur Umkehr führt.

Wie geschieht das? Paulus macht das in diesen Versen ebenfalls deutlich: Indem das Evangelium verkündet wird und Jesus großgemacht wird. Er sagt nämlich: „Euch ist Christus vor Augen gemalt worden als der Gekreuzigte.“

In Vers 5 stellt Paulus die Frage, wie der Geist in das Leben der Menschen kommt, wie es zur Wiedergeburt und zum Beginn des Glaubens kommt – durch Werke des Gesetzes oder durch die Predigt vom Glauben?

Er zeigt, dass der Glaube und die Errettung ausgelöst werden, wenn Menschen Jesus Christus als den Gekreuzigten sehen. Das ist die große Botschaft von Paulus, die er den Galatern vermitteln will.

Er sagt es auch den Korinthern gegenüber, die auf ganz andere Weise vom Glauben abfallen, ähnlich wie die Galater. Die Galater fallen ins Gesetz zurück, die Korinther in die Welt und in die Sünde.

Paulus schreibt dazu im 1. Korinther 2,1-5 das bekannte Statement: „Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

Ich war bei euch in Schwachheit und in der Furcht, mit großem Zittern. Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stehe, sondern auf Gotteskraft.“

Das Evangelium als Verkündigung von Gottes Werk

Das, was Paulus verkündet und was das Evangelium in erster Linie ist – und das dürfen wir nie vergessen – ist eine Proklamation, ein Statement dessen, was Gott für uns getan hat. Das steht im Zentrum. Es ist keine Verkündigung unserer Leistung, sondern die Verkündigung dessen, was Gott getan hat. Es geht um die Werke Gottes und nicht um unsere eigenen Werke.

Paulus wendet sich hier an die Galater und sagt: Wenn ihr so angefangen habt, glaubt ihr jetzt wirklich, dass ihr das Ziel erreicht, indem ihr wieder auf die Werke des Gesetzes zurückgeht? Glaubt ihr, dass ihr euren Glaubenslauf durch Werke des Gesetzes vollenden könnt? Er sagt Nein. So wie der Anfang war, so ist auch der Weg. Das Glaubensleben beginnt auf eine bestimmte Weise, und genauso verläuft auch der Weg zum Ziel.

Warum? Weil der Geist durch das Evangelium wirkt. Er ist es, der diejenigen vollendet, die er angefangen hat. Er ist es, der heiligt, und derjenige, der in der Lage ist, die Herzen zu verändern. Der Weg der Veränderung in deinem Leben führt über den Blick auf das Kreuz, dorthin, wo Jesus starb. Es ist der Weg der beständigen Verkündigung von Gottes Werk.

Deshalb ist es so fatal, wenn wir uns Gottes Wort entziehen. Es ist fatal, wenn wir uns ständig mit anderen Dingen betäuben. Wir schneiden uns damit von der Lebensader ab, die unsere Herzen verändern kann.

Veränderung in deinem Leben, Veränderung in der Heiligung, wird nicht durch das Gesetz geschehen. Sie wird nicht durch noch mehr Leistung geschehen. Veränderung passiert, wenn dein Blick – wie zu Beginn – auf Golgatha gerichtet ist, wenn der Geist Gottes in deinem Leben zu wirken beginnt und dein Herz verändert.

Und ja, bei dem einen oder anderen stellt sich die Frage: Warum dann das Gesetz? Dazu kommen wir am Ende noch. Das Gesetz ist nicht unbeteiligt. Aber dein Herz wird nicht durch Leistung verändert, nicht durch Regeln. Dein Herz wird verändert, wenn du zu Christus kommst, wenn du den Geist Gottes an deinem Leben arbeiten lässt und ihm die Zeit und den Raum einräumst, die er braucht.

Die Herausforderung des Glaubens und die Bedeutung des Kreuzes

Und ich möchte dir die Frage stellen: Hast du Christus als gekreuzigt vor Augen, oder bist du dabei zu vergessen, weshalb du angenommen bist vor Gott? Es ist das, was du Tag für Tag brauchst.

Bist du auch in der Versuchung, wie die Galater, dass du zwar erkannt hast, dass deine Errettung nicht aus eigener Kraft möglich war, aber jetzt denkst, dein Leben vollenden zu können? Dass du es aus eigener Kraft schaffen würdest, dass es schon klappen wird? Das habe ich beim letzten Mal auch angerissen: das Evangelium der zweiten Chance. Und ich habe das lange Zeit geglaubt, das muss ich wirklich zugeben.

Jesus setzt dein Sündenkonto auf null, und jetzt gibt er dir die Chance, noch einmal richtig Gas zu geben und es endlich hinzubekommen. Das ist der Grund, warum sich Leute zigtausendmal bekehren, weil sie in diesem Denken verhaftet sind. Aber die Bibel sagt etwas anderes.

Die Bibel spricht davon, dass der, der in uns angefangen hat das gute Werk, es auch vollenden wird, dass er es zum Ziel bringen wird. Und das passiert, indem wir Jesus ansehen, indem wir uns mit ihm auseinandersetzen, indem unser Blick auf ihn gerichtet ist.

Bist du dir bewusst, wenn du auf Golgatha schaust, dass du in Gottes Augen längst vollendet bist? Dass du in Gottes Augen dieses eine perfekte, makellose Schaf bist, das du nie gewesen wärst?

Was wir brauchen, damit wirklich Veränderung passiert, was wir Tag für Tag brauchen, ist: zurück zum Evangelium, zurück unter das Kreuz. Dort bringen wir unsere Last und Schuld hin, legen unser Herz vor Gott offen und zeigen ihm, wie wir nicht in der Lage sind, seinen Ansprüchen zu genügen.

Dort legen wir offen, dass wir nicht in der Lage sind, anders zu leben, und nehmen seine Vergebung in Anspruch. Und das ist der Ort, wo sein Geist beginnt, unsere Herzen zu verändern, unsere Leben umzugestalten und neu zu machen.

Vielleicht ist da jetzt einiges bekannt von letzter Woche. Vielleicht kommt neu dazu, dass das Evangelium nicht nur der Startpunkt unseres Glaubenslebens ist, sondern dass es das Glaubensleben selbst ist.

Abraham als Beispiel für den Glauben vor dem Gesetz

Paulus geht nun einen Schritt weiter und liefert Begründungen dafür, warum das so ist. Eine erste Frage, die sich stellen könnte, ist vielleicht ein Einwand: „Im Alten Testament stand doch das Gesetz im Zentrum. Wurde man dort nicht durch das Gesetz gerettet? War das nicht der Weg?“

Paulus reagiert darauf, indem er Abraham als Kronzeugen einführt. Er möchte zeigen, dass auch im Alten Testament der Weg zur Rettung nicht über das Gesetz führen konnte. Warum nimmt er gerade Abraham? Weil Abraham der Vater der Juden schlechthin war. Die Juden sahen sich alle als seine Nachkommen, und das jüdische Leben war eng mit ihm verbunden. Der große Fokus lag auf Abraham als dem, der zuerst beschnitten wurde und so in den Bund eintrat.

Abraham begleitet Paulus übrigens durch die gesamten nächsten zwei Kapitel, also Kapitel drei und vier.

Wir lesen in Galater 3,6-14: „So war es mit Abraham.“ Vielleicht noch ein Blick auf Vers 5, um den Bezug herzustellen: „Der euch nun den Geist gibt und solche Taten unter euch vollbringt, tut er das durch Werke des Gesetzes oder durch die Predigt vom Glauben?“

Dann sagt Paulus: „So war es mit Abraham: Er hat Gott geglaubt, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Er weiß also, dass diejenigen, die aus Glauben leben, Abrahams Kinder sind. Die Schrift hat vorausgesehen, dass Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündet sie dem Abraham: ‚In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.‘ So werden nun die, die aus Glauben sind, mit dem gläubigen Abraham gesegnet.

Denn die, die aus den Werken des Gesetzes leben, sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: ‚Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei allem, was geschrieben steht im Buch des Gesetzes, dass er es tue.‘

Dass aber durch das Gesetz niemand vor Gott gerecht wird, ist offenbar, denn der Gerechte wird aus Glauben leben. Das Gesetz ist nicht aus Glauben, sondern der Mensch, der es tut, wird dadurch leben.

Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, indem er zum Fluch für uns wurde. Denn es steht geschrieben: ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.‘ Damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme in Christus Jesus und wir den verheißenden Geist durch den Glauben empfingen.“

Paulus’ Argumentationsfaden zu Abraham und dem Gesetz

Wir werden nicht die Zeit haben, um in jedes Detail einzutauchen. Ich stelle euch kurz Paulus’ Argumentationsfaden vor, und dann kommen wir zu der großen Hauptaussage oder den zwei Hauptaussagen, die er hier trifft.

Paulus zitiert hier sehr komprimiert aus dem Alten Testament und liefert kurze Begründungen, wie diese Texte zu verstehen sind. Er bringt eigentlich eine These und ein Argument vor. Dabei verwendet er relativ konkrete Bibelstellen, die wir gut kennen. Dies tut er in den gesamten Abschnitten drei und vier, indem er einen heils­geschichtlichen Blick auf das Alte Testament wirft.

Die erste These, die Paulus aufstellt, lautet: Gott gibt den Geist durch den Glauben (Vers 5). Seine Begründung ist, dass Abrahams Glaube ihm als Gerechtigkeit angerechnet wurde. Er zitiert dazu 1. Mose 15,6, einen sehr bekannten Vers: „Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Wichtig ist hier vielleicht festzuhalten, dass nicht der Glaube selbst die Gerechtigkeit war, sondern dass ihm aufgrund seines Glaubens Gerechtigkeit angerechnet wurde. Und wir wissen, dass es sich dabei um Christi Gerechtigkeit handelt.

Die zweite These, die Paulus aufstellt, ist: Diejenigen, die glauben, sind die echten Kinder Abrahams. Sie erfahren seinen Segen und werden gerechtfertigt (Verse 7 und 9). Das war revolutionär für die Menschen seiner Zeit.

Als Begründung zitiert er 1. Mose 12,3, wo die erste Verheißung an Abraham kommt. Auch dieser Vers ist bekannt: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen. Und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Manche Übersetzungen verwenden auch „alle Völker“ oder „Nationen“. Das ist die zweite These, die Paulus hier aufstellt: Völker und Heiden werden durch Abraham gesegnet, durch sein Erbe. Wir werden gleich sehen, wie das in den folgenden Versen geschieht.

Dann folgt die dritte These: Wer aus dem Gesetz lebt, ist unter dem Fluch. Auch das war ein Schlag für die Menschen damals, denn die Juden dachten, die Heiden seien unter dem Fluch. Sie selbst glaubten, unter dem Segen Abrahams zu stehen, als seine Erben und Nachkommen.

Paulus sagt ihnen jedoch: Wer aus dem Gesetz lebt, ist unter dem Fluch. Seine Begründung ist, dass jeder, der nicht alles vom Gesetz hält, verflucht ist. Er zitiert dazu 5. Mose 27,26: „Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tut! Und das ganze Volk soll sagen: Amen.“ Paulus sagt also: Du kannst noch so gut leben, aber wenn du in einer einzigen Kleinigkeit scheiterst, bist du für alles schuldig. Das trifft den Kern der Aussage. Deshalb sind alle unter dem Fluch des Gesetzes, weil Paulus davon ausgeht, dass niemand in der Lage ist, das Gesetz vollständig zu erfüllen.

Die vierte These lautet: Niemand kann durch das Gesetz vor Gott gerecht werden. Durch den Glauben allein wird man gerecht. Er zitiert dazu Habakuk 2,4: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.“ Ich erinnere mich an die Predigt von Daniel, in der Habakuk auf einem Turm steht, Ausschau hält und diese Erkenntnis gewinnt.

Dann folgt ein Zwischenstatement ohne Versbegründung, wahrscheinlich Paulus’ Hauptaussage. In Vers 12, erste Hälfte, heißt es: „Das Gesetz ist nicht aus Glauben.“ Das bedeutet, das Gesetz hat nichts mit Glauben zu tun. Warum? Weil das Gesetz darauf ausgelegt ist, dass derjenige, der es tut, leben wird. Das steht im Gegensatz zu dem Prinzip, dass derjenige lebt, der glaubt.

Schließlich bringt Paulus noch eine fünfte These: Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, weil er selbst zum Fluch wurde. Seine Begründung ist: Wer am Holz hängt, ist verflucht. Er zitiert dazu 5. Mose 21,23: „Sein Leichnam soll nicht über Nacht am Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tag begraben; denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott, damit du dein Land nicht unrein machst.“

Die große Schlussfolgerung von Paulus lautet: Der Segen Abrahams kommt zu den Heiden durch den Glauben an das Opfer Jesu.

Die Bedeutung der Verheissung Abrahams und des Gesetzes

Was führt Paulus hier auf? Es ist fundamental.

Erstens zeigt er, dass der Errettungsweg zur damaligen Zeit, auch für das Volk der Juden, über die Verheißung Abrahams führte. Das Gesetz war niemals in der Lage, zu retten. Wenn das Gesetz hätte retten können, dann hätte es jemanden geben müssen, der es bis ins kleinste Detail einhalten konnte.

Paulus zeigt, dass Abraham gerecht gesprochen wurde, weil er auf die Verheißung Gottes vertraute – und zwar lange, noch bevor das Gesetz dazugekommen ist. Dies wird gleich noch ein wichtiges Argument von Paulus sein.

Er zeigt noch viel mehr. Paulus offenbart etwas, das unbegreiflich ist und das Luther mit den Worten zusammenfasst: „Wir sind Sünder und Gerechte zugleich.“ Warum? Weil wir verurteilt sind. Wenn das Gesetz an uns angelegt wird, dann stehen wir unter diesem Fluch.

Aber Paulus zeigt hier, dass Christus derjenige ist, der zum Fluch wird und die Gerechtigkeit erwirkt, die wir nötig hätten. So wird der Segen, der ihm zustand, auf uns übertragen.

Wie komme ich zu dieser Aussage? Abraham wurde der Segen verheißen, durch den alle Nationen gesegnet werden sollen. Wenn man sich die Geschichte Abrahams genau anschaut, sieht man, dass dieser Segen zwangsläufig mit seinem Nachkommen verbunden ist, denn die Verheißung an Abraham betrifft seine Nachkommenschaft.

Paulus wird gleich argumentieren, dass der eine Nachkomme Christus ist. Deshalb ist Christus auch der Segensträger, durch den der Segen weitergegeben wird.

Was will ich damit zum Ausdruck bringen? Paulus berührt hier ein Thema, das er im Römerbrief viel ausführlicher erklärt: Christus nimmt unseren Fluch auf sich, der auf uns lag und für uns zum Fluch wurde. Gleichzeitig erben wir den Segen, der auf ihm liegt, weil er der Einzige ist, der den Segen wirklich erarbeiten konnte.

Glaube bringt Segen.

Die Qualität des Glaubens Abrahams

Um was geht es bei dem Glauben, den Abraham hatte und den Gott ihm als Gerechtigkeit zurechnete?

Ich möchte auf eine wichtige Sache hinweisen: Es heißt nicht, Abraham glaubte an Gott – das tun viele. Es heißt vielmehr, Abraham glaubte Gott. Merkt ihr den Unterschied? Das eine ist, an Gott zu glauben und die Wahrheit seiner Existenz anzuerkennen. Das andere ist, Gott zu glauben, also dem zu vertrauen, was er sagt.

Vielleicht sollten wir uns das kurz vor Augen führen: Abraham war in dem Moment neunundneunzig Jahre alt und kinderlos. Gott hatte ihm versprochen, dass er von seiner Frau Sarah, die ungefähr im gleichen Alter war, Nachkommen bekommen würde. Über diese Nachkommen sollte der ganze Segen kommen.

Rettender Glaube ist immer Glaube an Gottes Handeln. Abraham musste diese Prüfung durchleben. Paulus wird später ebenfalls argumentieren, dass Abraham die Verheißung nicht selbst erarbeiten konnte – Stichwort Hagar und Ismael – sondern dass er sie nur durch Vertrauen auf Gott in Anspruch nehmen und erfahren konnte.

Wenn wir nun unser ganzes Vertrauen auf Gottes Verheißung setzen, nämlich darauf, dass das Tragen Christi unseres Fluches und unsere Rettung uns frei macht, und dass uns allen Segen, den Christus verheißen hat, angerechnet wird, dann vertrauen wir darauf, dass wir durch das Handeln Christi in Gottes Augen vollkommen werden.

Das ist der Rettungsweg. Deshalb verwendet Gott den Glauben, um dieses Werk Christi anzurechnen.

Dieser Rettungsweg im Alten Testament war kein anderer als für uns heute. Es war Vertrauen auf Gottes Heilshandeln. Das Gesetz war nicht in der Lage zu retten. Die Menschen damals wussten noch nicht genau, wie das Heilshandeln Gottes aussehen würde. Sie mussten abwarten, bis es offenbart wurde. Wir wissen es heute.

Gerettet werden konnte aber auch damals keiner durch Werke des Gesetzes. Denn auch für sie galt: Wer nicht in allem bleibt, was das Gesetz sagt, der ist verflucht.

Die Herausforderung des Fluchs des Gesetzes

Ich möchte die Frage stellen, ob du deine Sicht auf die Rettungsmöglichkeit des Alten Testaments vielleicht überdenken musst. Vielleicht solltest du auch darüber nachdenken, ob du den Fluch des Gesetzes wirklich ganz ernst genommen hast. Dieses fatale Urteil besagt, dass jeder, der nicht alles einzelne einhält, verdammt ist.

Ich möchte außerdem fragen, ob du diesen Fluch vielleicht in deinem eigenen Leben schon einmal erfahren hast. Wie es wirklich ein Fluch sein kann, wenn du versuchst, das Gesetz zu erfüllen. Wenn du dich abmühst und immer mehr merkst, dass du es doch nicht schaffst, wenn du diesen Weg einschlägst.

Dann glaube ich, dass du den Fluch auch darin erfährst, dass er Stück für Stück deine ganze Gewissheit zerstört. Du wirst anfangen zu spüren, dass die Last wieder auf dir liegt. Es wird dich kaputtmachen.

Was hilft aber dann? Es ist der Blick auf das Kreuz, wo Christus den Fluch trägt. Das, was Paulus hier begründet, ist nichts anderes als das, was er den Galatern vorher verkündet hat. Was sie im Glauben geführt hat: der Blick auf Christus, der für uns zum Fluch wird und uns den Segen bringt.

Ich werde gleich noch genauer erklären, was ich damit meine, wenn ich sage, dass er uns den Segen bringt. Ich möchte dir zum Schluss noch eine Frage stellen: Bist du dir bewusst, welches Kleid Christus dort am Kreuz wirklich tragen musste? Welcher Fluch das wirklich war, der auf deinem Leben lag?

Die Verheissung bleibt trotz Gesetz gültig

Ja, soweit ist alles gut. So hat es mit Abraham angefangen. Aber ist das Gesetz nicht dann dazugekommen? Schließlich kam der Exodus, es kam Mose, es kam der Sinai. Und auch bei Abraham kam die Beschneidung noch dazu. Kam da nicht irgendwo das Gesetz mit hinzu?

Ist es nicht auch so, dass wir, wenn wir gläubig geworden sind, die Chance bekommen haben, endlich richtig zu leben? Sollte uns das Gesetz jetzt nicht voranbringen und unser Leben verändern?

Paulus reagiert darauf in Galater 3,15-18:

Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, und setzt auch nichts dazu. Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht „und den Nachkommen“, als gelte es vielen, sondern es gilt einem und deinem Nachkommen, welcher Christus ist.

Ich meine aber dies: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt worden ist, wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, das 430 Jahre danach gegeben worden ist, sodass die Verheißung zunichte wird.

Denn wenn das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so wäre es nicht durch Verheißung gegeben. Gott aber hat es Abraham durch Verheißung freigeschenkt.

Die Unwiderruflichkeit der Verheissung Gottes

Paulus bringt hier zwei wichtige Argumente vor, die für uns von großer Bedeutung sind. Das erste Argument lautet: Die Verheißung wird nicht ungültig, auch wenn danach ein Testament hinzukommt.

Was meint er damit? Wenn jemand ein Testament macht, wie zum Beispiel Friedrich, der seine Gärtnerei dem Manuel vererbt, weil Manuel der angehende Gärtner ist. Friedrich entscheidet sich bewusst dagegen, die Gärtnerei an Micha zu vererben, da Micha Betriebswirt ist und eher am Schreibtisch sitzt – das passt einfach nicht.

Nun stirbt Friedrich. Einen Tag später hat Gott bewahre Manuel einen Unfall und sitzt querschnittsgelähmt im Rollstuhl, während Micha plötzlich seinen grünen Daumen entdeckt. Wird das Testament dadurch ungültig? Nein! Das Testament bleibt rechtsgültig. Mit dem Tod von Friedrich wird das Testament wirksam, und Manuel erbt die gesamte Gärtnerei. Micha bleibt außen vor. Das Testament bleibt also bindend.

Genau das bringt Paulus hier zum Ausdruck: Die Verheißung Gottes war bindend und gültig. Nur weil das Gesetz später dazugekommen ist, wird die Verheißung nicht ungültig. Gott verändert sich nicht und hat es sich auch nicht anders überlegt am Sinai. Er sagt nicht: „Abraham oder seine Nachkommen, der Segen gilt schon für euch, ja, den könnt ihr schon bekommen, aber ich habe jetzt einen Regelkatalog, damit das gültig wird.“

Im Ersten Buch Mose wird gesagt, dass Abraham die Gerechtigkeit aufgrund der Verheißung zugerechnet wurde – als Geschenk Gottes. Im Zweiten Buch Mose könnte man meinen, es heißt: „Ja, es stimmt, aber ihr habt das Kleingedruckte nicht gelesen. Ihr müsst da schon noch Leistung bringen.“ Paulus widerspricht dem.

Er sagt: Nein, so ist es nicht. Die Verheißung, die an Abraham gegeben wurde, ist ein Geschenk Gottes. Er hat sie frei zur Verfügung gestellt. Diese Verheißung ist älter als das Gesetz.

Christus als der eine Nachkomme und Erbe des Segens

Paulus begründet hier etwas Spannendes. Er sagt, dass der Segen über die Nachkommen Abrahams kommt. Dabei ist im Text nicht von Mehrzahl die Rede, sondern von Einzahl. Das ist herausfordernd, denn Paulus meint, dass die Nachkommen Abrahams, über die dieser Segen kommt und die die Heiden segnen werden, nicht eine große, unzählbare Gruppe sind. Es ist vielmehr einer aus dieser Linie, über den der Segen zu den Nationen kommt – und das ist Christus, Jesus.

Für uns heute ist das hoffentlich völlig klar. Warum? Weil wir wissen, dass durch das Sterben und Auferstehen Jesu am Kreuz auf Golgatha für uns Heiden die Erlösungsmöglichkeit geschaffen wurde. Dadurch erhalten wir Anteil an der Verheißung Abrahams. Jesus hat die Trennwand zwischen Heiden und Juden niedergerissen, sodass wir Teil des Erbes sein können. So kommt dieser Segen zu uns.

Und was ist dieser Segen? Ich denke, es bedeutet, dass wir Teil von Jesus sein dürfen. Es heißt, dass wir in die Gottesbeziehung Abrahams mit hineingesetzt werden. Christus, der einzige Erbe Abrahams, war würdig, diesen Segen Gottes zu erben. Diesen Segen teilt er mit uns. Alle Segnungen, die Christus zustehen, werden uns zugerechnet, weil er der eine Nachkomme war, der würdig war.

Wer gut in der Bibel aufgepasst hat, dem schwingt auch 1. Mose 3,15 mit. Dort wird der eine Nachkomme der Frau verheißen, der der Schlange den Kopf zertreten wird. Wenn man das ganze Alte Testament durchgeht, stellt sich immer wieder die Frage, wo dieser Nachkomme endlich ist, der in der Lage ist, den Segen zu erben.

Gott hat es sich mit dem Gesetz nicht anders überlegt. Das Gesetz wurde am Sinai nicht zum Erlösungsweg, sondern die Segnungen kommen über die Verheißungen. Sie kommen über den einen Nachkommen, der würdig war.

Das Erbe als Geschenk und nicht als Leistung

Es ist ein großer Unterschied, ob ich dir etwas sage, anbiete oder ob jemand anderes das tut. Stefan möchte für seine Zukunft vorsorgen und schon jetzt überlegen, wie er im Alter leben kann. Er sagt: „Jetzt muss ich mir überlegen, wen ich nehme. Aaron, es muss ja jemand Jüngeres sein. Ich setze dich als meinen Erben ein, du hast alles geschenkt bekommen.“

Das ist zunächst nur eine Aussage. Das wird der Familie nicht gefallen, aber Aaron freut sich sehr. Alles ist willkommen, es ist ein Geschenk, das Stefan machen würde.

Wenn Stefan aber jetzt sagt: „Ja, Aaron, ich setze dich als meinen Erben ein, aber du musst mich bis zu meinem Lebensende pflegen“, dann ist es kein Geschenk mehr. Dann handelt es sich um einen Vertrag, der auf Leistung und Gegenleistung basiert.

Es schließt sich aus: Entweder ist dieses Erbe ein Geschenk oder es basiert auf Leistung.

So erklärt Paulus, dass Abraham die Verheißung nur als Geschenk erben konnte. Und alle, die in seiner Linie sind, erhalten sie ebenfalls nur als Geschenk. Warum? Weil die Verheißung durch den einen Nachkommen kam, durch den der Segen zu allen Nationen gelangt.

Dieser Nachkomme ist derjenige, der den Fluch trägt, der auf uns liegen musste. Durch ihn dürfen wir seinen Segen erfahren. Paulus macht deutlich, dass Abraham durch das Vertrauen auf die Verheißung gerettet wurde – auf einen Nachkommen, den Gott ihm versprochen hatte.

Es ging dabei um mehr als nur um Isaak. Es ging um Gottes Geschenk, das letztendlich in Jesus Christus erfüllt wird – der Nachkomme, der Rettung bringt und den Fluch trägt.

Wir sind allein aus Glauben und Vertrauen auf das Werk von Jesus gerettet. Für uns kommt das Gesetz nicht dazu, um das Erbe sicherzumachen, um das Erbe festzulegen oder um Gottes Geschenk irgendwie zu verdienen.

Nein, das Gesetz kommt nicht als Zusatz hinzu, und es kommt auch nicht als Zusatz für unser Glaubensleben. Unsere Gerechtigkeit erhalten wir als Geschenk Gottes – unverdient und unveränderlich.

So, wie Gott uns sieht, als makelloses Lamm, bekommen wir das als Geschenk – nicht verdient, nicht durch das Gesetz und keinen Zusatz.

Die Funktion des Gesetzes im Heilsplan

Bleibt aber weiter die letzte große Frage: Wozu dann das Gesetz, wozu der Aufwand, weshalb die Verwirrung? Hätte Gott sich das nicht sparen können? Paulus beantwortet diese Frage in Galater 3,19-25.

Was soll dann das Gesetz? Es ist hinzugekommen wegen der Sünde, bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt. Dies ist auch noch einmal die Begründung für das Vorherige. Das Gesetz ist von Engeln verordnet und durch die Hand eines Mittlers gegeben worden. Ein Mittler aber ist Mittler eines einzigen. Gott aber ist einer.

Wie ist denn das Gesetz gegen Gottes Verheißungen? Das sei ferne! Denn nur wenn ein Gesetz gegeben wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz. Aber die Schrift hat alle unter die Sünde eingeschlossen, damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus denen gegeben würde, die glauben.

Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben hin, der dann offenbart werden sollte. So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden.

Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.

Die Wirkung des Gesetzes als Zuchtmeister

Paulus antwortet nun explizit auf diese Frage. Er sagt im Vers 19: „Was soll dann das Gesetz?“ Damit gibt er die Antwort, wozu das Gesetz da ist. Die kurze, bekannte Antwort lautet: Es ist da wegen der Sünde – und zwar bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Nachkomme kommt, dem die Verheißung gilt, also Jesus Christus.

Es ist nicht ganz klar, was Paulus mit „durch einen Mittler gegeben“ meint. Diese Formulierung ist gemeint, weil das Gesetz durch Mose gegeben wurde, während die Verheißung direkt an Abraham zugesagt wurde. Das ist eine durchaus schwierige Frage, bei der sich kein Ausleger wirklich sicher ist. Vermutlich ist es eher eine Frage, die wir Paulus in der Ewigkeit selbst stellen müssten.

Nichtsdestotrotz ist die Hauptargumentation von Paulus hier klar: Er erklärt die Bedeutung des Gesetzes und bringt dazu zwei Beispiele. Ich versuche, das mit Personen zu verdeutlichen. Er nennt zwar keinen Gefängniswärter als Person, aber das, was passiert, ist, dass das Gesetz genau das tut. Es schließt nämlich alle unter die Sünde ein.

Was ist damit gemeint? Ich würde es so zusammenfassen: Das Gesetz lässt dich nicht aus der Nummer herauskommen, dass du ein Sünder bist. Es macht dir Tag für Tag klar und deutlich, wer du wirklich bist. Wenn du das Gesetz ernst nimmst, es liest und auf dein Leben anwendest, dann ist die Botschaft eindeutig: Sünder, Sünder, Sünder. Und diese Botschaft ist zu Recht da.

Wenn du zu einem anderen Ergebnis kommst, dann garantiere ich dir, dass du über dein eigenes Leben verzaubert und verblendet bist. Das meint Paulus damit: Das Gesetz schließt dich unter die Sünde ein. Du bist jemand, der verurteilt ist und nicht bestehen kann, bei dem das Urteil ständig „ungenügend“ lautet. Du kommst nicht heraus.

Gleichzeitig übersetzt Luther das Wort als „Zuchtmeister“. Es könnte auch mit „Lehrer“ übersetzt werden. Dabei sollte man aber nicht den heutigen netten Lehrer vor Augen haben, sondern eher einen strengen Hauslehrer der früheren Zeit, der mit dem Rohrstock unterwegs war. Dieses Bild trifft es eher.

Was meint Paulus damit? Das Gesetz zeigt mir auf, wie ich leben sollte – und ich merke, dass ich es nicht schaffe. Und durch beides wird mir immer deutlicher, dass ich eine Lösung brauche.

Die Funktion des Gesetzes zur Erkenntnis der Sünde

Eingeschlossen unter dem Gesetz und unter dem Zuchtmeister entsteht nur eine Atmosphäre der Gefangenschaft. Die Beziehung wird unpersönlich und ist motiviert durch Hoffnung auf Belohnung oder Angst vor Strafe. Dabei bleibt die ängstliche Frage stets im Raum stehen, wie es wirklich zwischen mir und Gott aussieht.

Wenn wir unter dem Gesetz eingeschlossen sind, wird diese Frage brennend sein, doch ich werde keine klare Antwort darauf finden. Das Gesetz bewirkt jedoch etwas: Es schließt uns auf Christus hin ein, damit wir durch Glauben gerecht werden.

Was meint Paulus damit? Indem uns unsere Sünde immer bewusster wird und er uns deutlich zeigt, wie sehr wir Sünder sind, macht er uns klar, dass wir eine andere Erlösung und Rettung brauchen. Das Gesetz ist Gottes Weg, uns Menschen unsere Sündhaftigkeit vor Augen zu führen und zu zeigen, dass wir uns selbst nicht retten können. Wir sind auf einen Retter angewiesen.

Das ist der Sinn und Zweck des Gesetzes – damals wie heute. Es ist nicht aufgehoben oder aufgelöst. Das Gesetz kann uns nur zeigen, dass wir nicht gerecht sind, und das tut es auch. Aber es kann uns nicht zeigen, wie wir gerettet oder gerecht werden können.

Das Gesetz vor Gericht kann nur ein Urteil über dich sprechen. Es kann dir aber nicht zeigen, wie die Veränderung in deinem Leben geschieht. Es zeigt dir auch nicht, wie du aus dem Urteil herauskommst.

Christus aber ist zum Fluch des Gesetzes geworden, dieses Urteils. Er hat dieses Urteil über dein Leben getragen. Aus diesem Grund schreibt Paulus nun, dass wir, wenn wir unter Christus sind, nicht mehr unter dem Gesetz stehen.

Warum? Weil das Gesetz dieses Urteil über dein Leben nicht mehr sprechen kann. Es ist aufgehoben, weil der Fluch getragen wurde. Wir sind frei. Dies würde Paulus in Galater 4 noch genauer ausführen, wobei er auch auf Abraham und seine Nachkommen zurückkommt.

Die Bedeutung des Gesetzes für die heutige Kirche

John Stott hat sehr gut beschrieben, was hier gemeint ist. Ich lese uns das kurz vor: Nachdem Gott Abraham die Verheißung gegeben hatte, gab er Mose das Gesetz. Warum? Weil er die Dinge erst noch schlimmer machen musste, bevor er sie besser machen konnte.

Das Gesetz deckte die Sünde auf, machte sie sichtbar und verurteilte sie. Der Zweck des Gesetzes war es, den Deckel unserer Wohlanständigkeit von uns wegzunehmen und aufzudecken, was darunter liegt: ein sündiges, rebellisches, schuldiges Herz, das unter Gottes Gericht steht und sich unmöglich selbst erlösen kann.

Diesen von Gott gegebenen Auftrag muss das Gesetz auch heute noch erfüllen. Einer der größten Fehler der heutigen Kirchen ist das Kleinreden von Sünde und Gericht. Wer das Gesetz umgeht und direkt zum Evangelium kommt, verneint den Plan Gottes in der biblischen Geschichte.

Es hat noch kein Mensch das Evangelium schätzend gelernt, dem nicht zuvor das Gesetz die Augen für sich selbst geöffnet hat. Wir sehen die Sterne erst vor der Pechschwärze der Nacht, und erst vor dem schwarzen Hintergrund von Sünde und Gericht kann das Evangelium aufstrahlen.

Das Gesetz als Wegweiser zum Evangelium

Wozu also das Gesetz? Es dient dazu, uns zu überführen und uns deutlich zu machen, wie wir den Maßstäben Gottes nicht entsprechen. Gleichzeitig weist es aber auch auf Christus hin. Er ist der Lösungsweg, der Ausweg aus dem Fluch, den wir empfinden, wenn das Gesetz auf uns lastet.

Das Gesetz zeigt auf den einen Nachkommen hin, den Mann am Kreuz, der den Fluch trägt und uns Segen schenkt.

Konkrete Anwendung im Leben

Wie kann das konkret in unserem Leben aussehen? Zunächst einmal: Wenn du kein Kind Gottes bist, wie sieht es aus, wenn Gottes Maßstab an dein Leben anklopft? Bist du dann ehrlich mit dir selbst und lässt das Urteil Gottes über dein Leben zu?

Wenn das Gesetz angelegt wird und dein Ungenügen sichtbar wird, spürst du dann die Notwendigkeit eines Erlösers? Die Notwendigkeit, dass dich jemand rettet? Wenn das der Fall ist, möchte ich dich einladen, an das Kreuz zu gehen. So wie die Galater erfahren haben, dass Christus gekreuzigt vor Augen gemalt war, wo Jesus für dich den Fluch, das Urteil des Gesetzes, trägt. Durch ihn kommt der Segen zu uns, der eine Nachkomme genannt wird.

Wie kann das geschehen? Indem wir vor Gott kapitulieren und uns schuldig bekennen. Dann setzen wir, wie Abraham, unser ganzes Vertrauen auf Gott, der in der Lage ist, uns zu retten, weil ein Sohn für uns bezahlt hat. Die Bibel verheißt uns, dass in dem Moment, in dem wir Gott zutrauen, dass er uns retten kann, in dem wir glauben und umkehren, wir gerettet sind. Der Fluch wird von uns genommen, weil Jesus am Kreuz hing, und wir bekommen Christi Gerechtigkeit zugesprochen.

Wenn du Kind Gottes bist, dann lass dir von seinem Gesetz ruhig zeigen, wo Dinge in deinem Leben nicht in Ordnung sind. Dafür ist es da, auch in deinem Glaubensleben. Aber wenn dieses Gesetz dich verurteilt und dein Leben als ungenügend ausstellt, dann fang nicht an, es mit noch mehr Mühe hinbekommen zu wollen. Das ist doch die natürliche Reaktion, oder? Wir merken: Ich entspreche Gottes Maßstab nicht, also strenge ich mich an. Nächste Woche läuft es besser, vielleicht überlege ich mir noch ein paar Maßnahmen, damit es besser klappt.

Versuche nicht, das Urteil des Gesetzes mit noch mehr Gesetz zu lösen. Das wird dich nur weiter frustrieren und dir Stück für Stück deine Heilssicherheit rauben. Und ich meine damit auch nicht, das Urteil des Gesetzes mit Jesu Hilfe durch Gesetz zu lösen. Kennst du das? Du betest: „Herr, hilf mir, dass ich mich verändere.“ Und oft meinst du damit, dass der große Meister kommt und sein Azubi Jesus dabei hat, der dir irgendwie handlangermäßig hilft, damit du endlich die Sache selbst in den Griff bekommst, weil du es schon ganz gut schaffst.

Nein, wie ist die Lösung, wenn wir vom Gesetz getroffen sind? Die Lösung ist das Evangelium. Es ist der Weg an das Kreuz, auch dann, wenn du in deinem Glaubensleben von Sünde überführt bist. Umgehe diesen Weg nicht! Wir neigen dazu, ihn oft abzukürzen. Der Weg, wenn wir von Sünde getroffen und überführt sind, führt ans Kreuz. Dort dürfen wir erkennen, dass auch für diese Sünde Jesus bezahlt hat, dass er auch für diese Sünde den Fluch getragen hat.

Dahin muss dein Weg gehen, wenn du Veränderung erfahren willst. Dahin muss dein Weg gehen, wenn du am Boden liegst, im Staub liegst, um zu sehen, dass bezahlt ist. Um zu sehen, dass der Segen Christi auch heute noch gilt, dass seine Gerechtigkeit auch heute noch über dir steht und dass Gott dich weiterhin so vollkommen ansieht wie seinen Sohn.

An dem Kreuz ist der Moment, in dem du dein ganzes Vertrauen in Christus und seinen Geist setzen solltest. Er ist in der Lage, dein Herz zu verändern – etwas, das du selbst nicht kannst – sodass wirkliche Veränderung passiert.

Von dort ausgehend können wir natürlich recht leben. Natürlich haben wir dabei die Maßstäbe des Gesetzes im Hinterkopf, logisch, weil sie uns gerade zerstört haben und wir gemerkt haben, wie weit wir davon entfernt sind. Aber wir haben sie jetzt nicht mehr als Urteil über unser Leben im Kopf, sondern wir können sie aus der Freiheit einer Liebesbeziehung mit Christus herausleben – nicht, um wieder Leistung zu bringen.

Unser Weg zur Veränderung führt immer über Golgatha und Gottes Wirken in unserem Leben. Hör auf, dir einzubilden, dass du deine Heiligung mit eigener Leistung voranbringen könntest. Gott muss da eingreifen. Wenn du die Abkürzung nehmen willst, ohne über Golgatha zu gehen, wird es dir nicht gelingen. Vielleicht führt sie dich eine Zeit lang in Selbstgerechtigkeit, bis du wieder auf der Nase liegst.

Der einzige Weg zur Veränderung ist über das Kreuz.

Der Umgang mit dem Gesetz in der Seelsorge

Und ein Letzteres: Entschuldigt mich bitte, dass ich heute ein bisschen über die Zeit ziehe. Ich hatte keine Gelegenheit mehr zum Kürzen.

Wenn du in Seelsorgebeziehungen bist – und damit meine ich nicht, dass jemand zu dir kommt und sagt: „Oh, könntest du bitte mal Seelsorge mit mir machen?“ –, sondern ich meine deine Beziehungen zu anderen Gläubigen, in denen du über das Glaubensleben sprichst: Verwende das Gesetz so, wie Gott es sich gedacht hat, und nicht als Erlösungsweg.

Das Gesetz ist auch nicht der Weg, wie Herzen anders werden. Es dient dazu, Sünde aufzudecken und offenbar zu machen. Wo Menschen ihre Sünde nicht erkennen, kommt das Gesetz zur Anwendung. Dort hat es seinen berechtigten Platz in Seelsorge und Gemeindeleben.

Wenn wir erkennen, dass Menschen auf dem Weg sind, „an die Wand zu fahren“ und weit entfernt leben von dem, wie Gott es sich gedacht hat, dann dürfen wir sie darauf hinweisen. Wir dürfen das Gesetz verwenden, um ihnen zu zeigen, dass ihr Leben so nicht in Ordnung ist.

Aber wenn sie die Sünde erkannt haben, dann ist es nicht der Weg, ihnen durch Seelsorge sofort zu helfen, wie sie die Sünde besser in den Griff bekommen können. Wir sind oft schnell dabei, einen Maßnahmenplan zu überlegen, Rechenschaftsbeziehungen zu etablieren und Ähnliches. Das sind wichtige Dinge, die dazukommen, aber es ist nicht der erste Weg.

Der erste Weg, wenn jemand seine Sünde erkannt hat, ist, mit ihm ans Kreuz zu gehen. Kürze diesen Weg nicht ab. Bringt die Last der Sünde, die auf seinem Leben liegt, vor Jesus, an das Kreuz – an den Ort, an dem Veränderung geschehen kann.

Zeige demjenigen, dass Christus für seine Schuld gezahlt hat. Zeige ihm, wie Gott ihn sieht, wie Gott sein Leben reingewaschen hat, wie Vergebung da ist, dass er weiterhin gerechtfertigt vor Gott ist und angenommen wird. Dann bittet gemeinsam Gott, dass er durch seinen Geist das Herz der Person verändert.

Wenn das passiert ist, könnt ihr euch Gedanken machen über Rechenschaftsbeziehungen, Maßnahmen, Praxisratgeber und wie man das zusammen unterstützend auf dem Weg hinbekommen darf. Das ist alles gut, aber lasst den Weg an das Kreuz nicht aus.

Nur am Kreuz können wir Ruhe finden, Geborgenheit und Sicherheit. Nur dort wird der Fluch des Gesetzes getragen. Nur dort sind wir in der Lage, die Verheißung und den Segen in Anspruch zu nehmen, weil Christus dort für alles bezahlt hat. Nur dort können wir zur Ruhe kommen.

Das passiert, wenn wir auf Golgatha gehen. Nur dort können wir in die Ruhe eingehen, von der der Hebräerbrief spricht – auch von der Ruhe vor unseren eigenen Werken. Nur dort können wir Veränderung in unserem Leben erfahren.

Schlusswort mit einem Zitat von Augustinus

Ich möchte schließen mit einem Zitat von Augustinus: Unruhig ist unser Herz, o Gott, bis es Ruhe findet in dir. Amen.