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31.12.1989Hebräer 13,3-9
Zum Jahreswechsel wünscht der Apostel nicht Erfolg, Kraft, Glück oder Frieden. Er hat einen anderen Haupt- und Herzenswunsch: Er wünscht der Gemeinde ein festes Herz. - Silvesterpredigt aus der Stiftskirche Stuttgart

In all die Worte zum Jahreswechsel hinein, liebe Gemeinde, sagt der Apostel sein Wort. Es steht im 13. Kapitel des Hebräerbriefes und dort ab Vers 8: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade." Amen.

Wünsche gehören zum Geburtstag. Wünsche gehören zum Weihnachtsfest. Wünsche gehören auch zum Jahreswechsel. An der Wende pflegen wir Wünsche auszusprechen.

Der Vater wünscht der Tochter guten Erfolg. In zehn Tagen beginnt das Abitur. Eigentlich ist sie eine gute Schülerin und braucht keine Angst vor der Reifeprüfung zu haben. Aber im Physik-Leistungskurs lief es nicht so, wie sie eigentlich gedacht hatte. Die letzte Arbeit hat sie total verhauen und nun rundete der Lehrer auf ganze sieben Punkte auf. Ihr Medizinstudium kann sie ohnehin jetzt schon vergessen, aber auch für Anglistik oder für ein anderes Fach braucht sie guten Erfolg.

Oder der Enkel wünscht dem Großvater neue Kraft. Vor dem Fest ist er noch aus dem Krankenhaus entlassen worden. Niemand wusste - auch der Arzt nicht -, ob er diese Krankheit überhaupt überstehen könnte. Aber er hat sich ganz gut aufgerappelt und raucht schon wieder seine Pfeife. Sicher er ist noch wacklig auf den Füßen und ohne Stock geht's nicht, aber der Lebenswille ist neu entbrannt und nichts sehnlicher als das wünscht er sich neue Kraft.

Oder der Arbeiter wünscht dem Kollegen viel Glück. Im November ist er von Magdeburg mit seiner vierköpfigen Familie übergesiedelt. Durch das Prager Schlupfloch kam er in die Freiheit. Wer ahnte damals schon, dass noch vor dem Fest die Mauertore aufgehen wie die Weihnachtstür. Arbeit bekam er sofort, aber keine Wohnung. Und jetzt ist er auf der Suche nach einer Bleibe. Wer hier in unserer Region eine Wohnung sucht, der braucht viel Glück.

Oder der Politiker wünscht seinen Wählern einen stabilen Frieden. Durch diese wahnsinnigen Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen ist mehr Freiheit in die Ostländer gekommen. Die alte Wahrheit ist neu sichtbar geworden: "Fürsten sind Menschen vom Weibe geboren und sinken wieder in den Staub". Aber in den Jubel über die neue Freiheit mischt sich doch die Klage über die wirtschaftliche Not. Neuanfang braucht stabilen Frieden.

Es gibt noch viele andere Wünsche, die ich alle auch für Sie habe. Aber der Apostel wünscht noch einmal etwas ganz anderes. Der Apostel hat noch einen ganz bestimmten Silvesterwunsch. Er hat noch einen ganz bestimmten Neujahrswunsch. Der Apostel wünscht seiner Gemeinde ein festes Herz.

Sicher könnte er auch guten Erfolg wünschen, denn ihre missionarische Erfolglosigkeit lag auf der Hand. Sonntags trafen sich nur kleine Grüppchen zum Gebet, aber er wünscht ein festes Herz. Sicher könnte er auch neue Kraft wünschen, denn ihre Kraftlosigkeit war offenkundig. Und viele waren daran, ihren Glauben über Bord zu werfen. Er aber wünscht ein festes Herz.

Sicher könnte er auch viel Glück und einen stabilen Frieden wünschen, denn die damalige Friedenslosigkeit, die durchzog auch ihr Land und gab den Militärs das Sagen, aber er wünscht ein festes Herz.

Und das will er Ihnen heute Abend allen auch wünschen. Denn etwas Festes muss der Mensch haben, hat Claudius gesagt. So ist sein Wunsch für Sie, sein Hauptwunsch für Sie, sein Herzenswunsch für Sie ein festes Herz.

Achten Sie jetzt - und das ist das Erste - auf ...

1. Gottes Herzdiagnose

Einmal war ich beim Arzt, er nahm den Puls, maß den Blutdruck und setzte das Stethoskop auf. Dann sagte er, jetzt machen wir noch ein EKG. Natürlich dachte ich an das Evangelische Kirchengesangbuch und wollte schon ein "Lobe den Herren" anstimmen. Er aber verkabelte mich und beobachtete aufmerksam den Herzschreiber. Dann stand seine Diagnose fest: nervöse Herzschmerzen, nervöse Herzstörungen, ein nervöses Herz.

Der Apostel benötigt keinen Pulsmesser, kein Elektrokardiogramm. Er weiß es aufgrund seiner langen Erfahrungen mit diesem Zentralorgan des Menschen. Menschen haben krampfende Herzstörungen. Menschen haben krampfende Herzschmerzen. Wir Menschen haben einen krampfendes Herz. Und als Herzspezialist weiß er sogar die Ursache dafür. Nicht wie die anderen redet er von Stress und Hektik und Überbeanspruchung, sondern er öffnet uns die Augen für die Vergangenheit und die Zukunft.

Zum einen halten wir uns krampfhaft am Gestern fest.

Das ist das Heimweh nach dem Mann. Im vergangenen Jahr feierten wir noch gemeinsam, sagt die Witwe. Hier im Gottesdienst in der dritten Bank saßen wir und sangen gemeinsam: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt." Und dann anschließend ging es hinauf zu unseren Kindern in ihre gemütliche Wohnung. Wer dachte schon, dass alles so schnell gehen wird? Auf dem frischen Grab blüht die Osterglocken. Heute habe ich einen Tannenzweig drauf gelegt. Ich komme davon nicht los.

Da ist das Heimweh nach dem Beruf. "Ich freute mich eigentlich auf den Ruhestand", sagte mir der Rentner. "Die Arbeit war einfach zu viel und die Kräfte reichten nicht aus. Auch der Abschied war im Geschäft nobel mit Blumen und so. Aber jetzt ist alles so leer. Ich bin irgendwie übrig. Früher, früher an meinem Schreibtisch war ich noch gefragt, früher."

Oder da ist das Heimweh nach der einige nach der eigenen Wohnung. Das Altersheimzimmer ist ausreichend, sagt die Alte. Die Verpflegung ist bestens die Schwestern geben sich Mühe, aber daheim hatte ich eine eigene Glastüre. Die Möbel waren nach meinem Geschmack. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch die Blumen am Fenstersims.

Liebe Freunde, weil wir uns krampfhaft am Gestern festhalten, deshalb haben wir ein krampfendes Herz.

Und zum anderen sagt der Apostel: Unser Herz krampft sich vor morgen zusammen.

Da ist die Angst vor der Einsamkeit. "In unserer Ehe herrscht eisiges Schweigen", sagt sie. "Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Er kommt immer später nach Hause. Aber wenn er gar nicht mehr nach Hause kommt, wenn er die Koffer packt, wenn ich allein gelassen und sitzen gelassen meinen Weg gehen muss?"

Da ist die Angst vor der Krankheit. Vor fünf Jahren wurde ich schon einmal bestrahlt. Aber es wurden keine Metastasen gefunden. Vielleicht bin ich doch ganz heil geworden. Aber was, wenn diese Zellen auf einmal wieder wuchern, wenn ich wieder ins Krankenhaus muss, wenn ich wieder unters Messer muss? Angst vor einer Krankheit.

Und da ist die Angst vor dem Tod. Wir reden gar nicht davon und leben, solange noch das Lämpchen glüht. Aber wenn ich dran bin, wenn ich hinausgeschoben werde, wenn sie mir die Augen zudrücken und die Hände zusammenlegen, was dann? Weil sich unser Herz vor morgen zusammenkrampft, deshalb haben wir ein krampfendes Herz. Die ärztliche Diagnose stimmt: Weil wir uns krampfhaft am Gestern festhalten und weil uns vor morgen das Herz zusammenkrampft aus Heimweh und aus Angst, deshalb haben wir ein krampfendes Herz.

Aber achten Sie nun - und das ist das andere -, achten Sie nun auf ...

2. Gottes Herztherapie

Mein Arzt schickte mich damals nicht ins Bett, so wie es alte Hausdoktoren früher getan hätten: "Füße hoch, wenig Bewegung, viel Ruhe". Im Gegenteil: Angeschlagene sollen sich bewegen, Angeknackste sollen sich bemühen, der Herzpatient soll etwas treiben:

"Sport treiben", hört er. Und dann rennt er in den Wald. Jeden Tag schlüpft er in den Jogginganzug und dreht seine Runden. "Gewicht verlieren", hört er und dann geht er in die Kur. Statt schönem gutem Fleisch nur noch gedünstete Körner. "Autogenes Training lernen", hört er und dann geht er in den Kurs. Viermal in der Woche liegt er auf seiner Matte und starrt an die Decke. "Diät essen", hört er, und dann geht er in den Kochkurs. Kalorienwerte werden gepaukt.

Doch, er ist umgetrieben. Von was er nicht alles umgetrieben ist!

Der nervöse Herzpatient ist ein umgetriebener Mensch und der mit einem krampfenden Herzen auch. Sie sollen sich nicht einfach bequem hinlegen. Sie sollen nicht nichts tun. Sie sollen sich bewegen. Sie sollen etwas treiben:

"Meditation treiben", hören sie und dann gehen sie zu den Gurus. Doch diese transzendentale Meditation, die zeigt doch einen Weg aus der Angst. Oder "Esoterik treiben", hören sie und dann gehen sie in den Geheimzirkel. Pendel und Karten und Blei, die zeigen den Weg in die Zukunft. "Astrologie treiben", hören sie und dann gehen sie zu den New Age-Aposteln. Kosmische Kräfte sitzen doch in den Sternen und können abgerufen werden. Oder "Prophetie treiben", und dann geht man in den neuen Kreis. Schwarmgeister vertreiben die Trauergeister.

Von was sie nicht alles umgetrieben sind! Der religiöse Supermarkt ist grenzenlos. Von was sie nicht alles umgetrieben sind! Diese Rattenfänger sind einem auf den Fersen. Von was wir nicht alles umgetrieben werden, liebe Gemeinde!

Und deshalb mahnt der Apostel: "Lasst euch nicht umtreiben". Unsere Therapien machen unser Herz nur noch kränker als es ohnehin schon ist. Unser Herz wird noch unruhiger und zum Krampf kommt die Unruhe hinzu, die einmal dahin und einmal dorthin geht und das feste Herz nicht finden lässt.

Lasst euch nicht wegtreiben. Werdet nicht geistliche Vagabunden. Lasst euch nicht abtreiben. Werdet nicht religiöse Gottsucher. Lasst euch nicht von irgendwelchen und fremden Lehren umtreiben. Unsere Therapien sind alle vom Teufel.

Achten Sie viel mehr - und das ist das Wichtigste und Dritte - auf ...

3. Gottes Herzmedizin

Er ist der einzige, der wirklich vom Fach ist. Salomo hatte recht, wenn er sagte: "Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder". Und dieser Gott wünscht nicht gute Besserung. Er schickt nicht in die Kur. Er verschreibt nicht irgendwelche Tabletten. Gott schickt seinen Sohn, den Abglanz seiner Herrlichkeit, sagt er im ersten Kapitel, das Gleichbild seines Wesens, das Ebenbild seiner Machtfülle. Jesus Christus ist die Medizin für ein krampfendes Herz.

Er ist nämlich zuständig für die Vergangenheit. Wir sehen ihn auf dem Weg nach Golgatha. Die Tonnenlast von Schuld drückt ihn zu Boden, aber er lässt nicht ab. Er schleppt es weiter bis hinauf zum Kreuz. Und "es ist vollbracht", heißt sein Sterbenswort.

"Es ist bezahlt" - meine Schuld.
"Es ist bezahlt" - meine Sünde.
"Es ist bezahlt" - meine ungeordneten Rechnungen.

Es ist bezahlt, weil er gestern all mein ganzes Konto in Ordnung gebracht hat. Deshalb kann ich gestern gestern sein lassen.

Und dann ist er für die Zukunft zuständig. Wir sehen ihn auf dem Weg nach Bethanien. Noch einmal schart er seine Jünger um sich. Segnend hält er seine Hände über sie: "Ich bin bei euch alle Tage".

Und wenn Unglückstage kommen: "Ich bin bei euch alle Tage".
Und wenn Krankheitstage kommen: "Ich bin bei euch alle Tage".
Und wenn der Sterbenstag kommt: "Ich bin bei euch alle Tage".

Mit ihm ist es nie aller Tage Abend. Auf die Bitte hin: "Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir", auf diese Bitte hin geht er mit mir über die letzte Schwelle, an der auch die Liebsten zurückbleiben müssen. Dann werden Augen aufgehen vor dem Richterstuhl, dann werden Augen übergehen vor seiner Treue und Barmherzigkeit und dann werden Augen strahlen über seine Ewigkeit. Doch, mit ihm ist es nie aller Tage Abend.

Liebe Freunde, dieser Jesus Christus, der gestern war und der morgen sein wird, der will mir heute so dieses feste Herz schenken. So wie diesen erschrockenen Hirten auf dem Feld, denen er sagte: "Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude." So wie den erschrockenen Jüngern auf dem tobenden Meer: "Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr denn keinen Glauben?" So wie den zitternden Frauen am Ostermorgen: "Fürchtet euch nicht, ich bin doch da und habe alles in meinen Händen." So will er es uns, so will er es Ihnen an dieser Jahreswende sagen: "Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht".

Jesus Christus, der gestern Gekreuzigte und morgen Wiederkommende und heute Lebendige, der ist die einzige Medizin gegen ein krampfendes Herz.

Liebe Freunde, vielleicht haben Sie auch schon einmal gesagt "Hauptsache gesund". Lassen Sie mich widersprechen. Es ist schön, wenn man gesund ist, aber die Hauptsache ist doch etwas anderes. Vielleicht haben Sie auch schon gesagt "Hauptsache, genug Geld". Lassen Sie mich noch einmal widersprechen. Es ist schön, wenn man ein gutes Polster hat, aber die Hauptsache ist noch etwas ganz anderes. Vielleicht haben Sie auch schon einmal gesagt "Hauptsache Frieden". Doch, schön, wenn wir seit 45 Jahren hier Frieden in unserem Landstrich haben. Aber die Hauptsache ist noch einmal etwas ganz, ganz anderes.

Die Hauptsache, liebe Freunde, ist ein von Gott gegründetes und gehaltenes festes Herz. Ich wünsche es Ihnen. Der Apostel zeigt es Ihnen. Jesus schenkt es Ihnen - aus Gnade, aus Liebe, umsonst. Ob Sie sich heute Abend beschenken lassen?

Amen