
Wenn man verlassen ist
Wir kommen heute an das Kapitel 54 und ich lese Jesaja 54:
Die Überschrift: „Wenn man verlassen ist“.
Vor 14 Tagen waren Sie in der Tat von mir verlassen. Ich kam mir vor wie ein untreuer Bergführer. Da wandert man Monat um Monat mit einer Gruppe durch die Bergwelt des Jesaja immer höher hinauf und kurz vor dem Gipfel verschwindet dieser Bergführer und lässt diesen Höhepunkt aus. Ein anderer soll diesen Gipfelsturm wagen und wenn man dann wieder absteigt, ist der Alte plötzlich wieder da. Nun, es ging nicht anders. Ein anderer musste diesen Gipfelsturm wagen. Denn in der Tat, Jesaja 53 ist der Gipfel des Jesajabuches, ist der Gipfel des Alten Testaments, ist der Gipfel fast so hoch wie der höchste Gipfel des Neuen Testaments, nämlich Golgatha.
Nur wer Jesaja 53 kennt, kann auch das Kreuz Jesu verstehen. Und deshalb lassen Sie uns noch einmal gleichsam im Rückblick auf diesen Gipfel Jesaja 53 schauen, auf dieses Kreuz, auf den, der dort gehangen hat, so wie es einmal Siegfried Kettling geschrieben hat, dass er auf dieses Kreuz geschaut habe, nicht auf das linke und rechte. Eigentlich sind ja im Neuen Testament drei Kreuze. Er habe dieses Mittelkreuz ganz genau angeschaut und da sah er diesen Längsbalken und da sah er diesen Querbalken und da sah er auch die Gestalt Jesu Christi. Da sah er diese Dornenkrone, die durchschlagenen Hände und durchbohrten Beine. Aber er sah vor allem jenes kleine Täfelchen, das über dieser Gestalt angebracht war, angenagelt, angeheftet. Jeder Kenner weiß, dass dies der "titulus" ist, also jenes Täfelchen, das der Verbrecher um den Hals tragen müsste und auf dem seine Schuld aufgezeichnet war und das ihn zu diesem Tod gebracht hat.
So stand auf diesem Schild: „Jesus Christus der Judenkönig“. Aber so sagt Siegfried Kettling: Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass die Tafel merkwürdig voll geschrieben war. Eine ganze Latte von Übertretungen waren dort aufgeführt, eine komplette Schuldschrift im Kleinformat und plötzlich – und plötzlich stand da mein Name. Und plötzlich steht da mein Name. Meine Biografie, mein ganzes Sündenregister. Ich kann nicht widersprechen. Der Titulus ist meine Rechnung, ist mein Schuldschein, ist mein Todesurteil. Und jeder, der so blickt, der spürt schon den Zugriff des Henkers. Und Jesaja sagt dann: „Du, dein Platz ist schon besetzt. Die Sünde ist bezahlt, die Rechnung beglichen, der Schuldbrief ist abgeheftet.“
Gott rechnet nicht ab, wo wir mit Jesus rechnen. Er stirbt den Verbrechertod. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. Das ist der Gipfel, Freunde!
Und wenn sie mit Zeigefingern auf mich zeigen und sagen: „Doch du, du bist...“, so weiß ich: Wer will mich verdammen? Und wenn sie mich bespucken, auf die Seite schieben: Wer will mich verdammen? Und wenn mich schließlich der Tod holt und ich vor dem Gericht Gottes erscheinen muss – und jeder muss erscheinen –: "Wer will verdammen? Christus ist hier, der da gerecht macht. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. Christus ist hier. Jesaja 53.
Und nun, liebe Freunde, nach diesem Gipfelsturm geht es abwärts, nur drei Schritte, nur drei Sprünge, man könnte auch noch sagen, nur noch drei Abende. Dann ist unsere Wanderung durch den Jesaja zu Ende.
Heute Kapitel 54. Und Kapitel 54 ist eben nur von diesem Gipfel her zu verstehen. Dieses Kreuz auf dem Berg ist gleichsam der Schlüssel, um dieses Kapitel auch zu erschließen. Es ist ein Folgekapitel, eine Konsequenz aus Jesaja 53, gleichsam die Frucht des Kreuzes. Und ich möchte in diesem Bilde bleiben und es auch Ihnen so zu erklären versuchen.
Erstens: Dieses Holzkreuz von Jesaja 53...
Dieses Holzkreuz wird zum Zeltmast
Seltsames Bild, aber es ist so. Dieses Holzkreuz wird zum Zeltmast. Was meine ich?
Diese Verse 1 bis 5, wenn man sie noch einmal liest, diese Verse stammen eigentlich aus der Nomadenzeit. Das sind also Leute, die mit ihren Zelten unterwegs waren. Übrigens ist es ja gar nicht so unmodern, denn dieses Unterwegssein mit Zelten ist ja wieder groß in Mode gekommen. Nur heißt man es heute nicht mehr „zelten“, sondern heute heißt es ja „campen“, nicht wahr? Camping – es klingt einfach total anders, aber ist genau dasselbe, nicht wahr? Muss einfach Englisch sein. Das wiederhole ich immer wieder: Wenn man etwas gelten will, muss man englische Worte einfließen lassen. Sie gehen doch nicht in die Innenstadt zum Hertie, Sie gehen doch in die City, bitteschön, ja, in die City.
Und so auch hier: vom Campen. Und Nomaden, die stellten ihre Rundzelte auf, je nach Familiengröße, klein oder groß. Man konnte schon von außen von weitem sehen, ob hier eine Großfamilie zu Hause war oder nur ein Single. Sehen Sie, die Größe damals hatte noch eine besondere Bedeutung, weil sich nach der Auffassung des Alten Testaments der Segen Gottes unter anderem in der Kinderzahl zeigte. So heißt es auch im Psalm: Wohl dem, der seinen Köcher voll hat. Ein Freund von mir, vor vielen Jahren schon, der bekam zum zweiten Mal Zwillinge. Und der war total geschafft. Dem lief der Schweiß über das Gesicht. Er hatte gerade seine ersten zwei aus dem Gröbsten raus, freuten sich auf das dritte Kind und dann rief er an: „Konrad, jetzt sind wir vier Kinder. Vier!“ Und dann fügte er gleich an: „Aber jetzt habe ich den Kocher voll.“ Ich sagte: „Nein, du hast nicht den Kocher voll, du hast den Köcher voll. Ja, du hast den Köcher voll." Wohl dem, der seinen Köcher voll hat. Also viele Kinder, ein Zeichen des Segens. Große Zelte waren Zeichen göttlichen Segens.
Doch dort mittendrin in diesem ganzen Zeltlager stand ein kleines Zelt, eine Kohte, ein Platz für eine Frau, eine einsame, eine Benachteiligte, eine arme Frau. Und das änderte sich auch nicht im Lauf der Jahre. Das Gestell blieb immer gleich klein. Die Bewohnerin war immer dieselbe. Es war nicht leicht und es ist nicht leicht, im Zelt allein zu leben. Es ist nicht leicht, kinderlos zu sein, womöglich noch unfruchtbar genannt zu werden. Wahrscheinlich hat diese Frau abends dann besonders früh ihre Zeltplanen zugeknöpft, um nicht jenes fröhliche Treiben in anderen Großzelten beobachten zu müssen.
Und dann ist etwas passiert in dieser Geschichte und dann – und dann auf einmal bekam diese Frau ein Kind. Eines, das sie nicht geboren hat, sondern eines, das ihr gebracht wurde. Rühme, du Unfruchtbare, die du nicht geboren hast. Und dann kam noch ein weiteres Kind dazu. Freue dich mit Rühmen und Jauchzen, dass du nicht schwanger warst. Keiner wusste so recht, woher eigentlich diese Kinder kamen. Und dann sah man, wie dieses Zelt einfach zu eng wurde. Und dann wurde ein neuer Mast hergeschleppt. Die Planen wurden langgezogen und die Heringe wurden ganz weit hinaus ins Gelände gesteckt, damit es dort viel Platz gab für die wachsende Familie. Da wuselte es nur so von einem kleinen fröhlichen, unbändigen Völklein. Die Einsame hat mehr Kinder, als die den Mann hat. So haben sie es gleichsam im Kanon gesungen. So wurde es gepfiffen und getrillert: „Die Einsame hat mehr Kinder als die den Mann hat.“ Andere schüttelten die Köpfe. Sie blieben davor stehen und sagten: „Ein Wunder, ein wahres Wunder der Geschichte.“
Unfassbar, unbegreifbar, liebe Freunde! Was für ein strahlendes und fröhliches Bild, das hier dieser Jesaja malt! Die Einsame und Verachtete ist das Volk Gottes. Völklein, auf das die anderen Völker spucken.
Und am Zeltdach sitzt eine unfruchtbare Frau: Sarah. Und draußen vor diesem Zelt ein eisgrauer Greis namens Abraham. Mehr war da gar nicht. Am Anfang der Heilsgeschichte stand ein ganz kleines Zelt. Das ist's, ein ganz kleines Zelt, das überhaupt nicht beachtet wurde. Und dort drin waren sie einsam und traurig und letztlich auch verzweifelt. Was waren denn da die anderen Zelte für Einrichtungen – denkt an das ägyptische Zelt oder das babylonische oder assyrische Zelt! Was waren das für riesige Zirkuszelte dagegen, gegen dieses kleine Ein- oder Zwei-Mann-Zelt einer Sarah und eines Abrahams? Es war nichts, wie nichts, einfach zum Heulen. Und auf einmal – und auf einmal geht über diesen Platz der Weltgeschichte, über diesen Campingplatz der Heilsgeschichte, geht ein „Rühmet, freut euch, jauchzet“. Da auf einmal bei diesem kleinen Völklein, da kommen andere dazu. Nicht solche, die letztlich geboren werden. Glaubende können nicht geboren werden. Keine Kinder sind geborene Glaubende, sondern so wie es im Neuen Testament steht: Glaubende sind eine neue Geburt, von Gott Geborene.
Also: Glaubende müssen hier hinzugebracht werden. Wir können keine schaffen, wir können keine gebären, wir können keine dazu bringen. Gott muss sie dazu tragen. Das sind von Gott Geborene, von Gott Geschaffene.
Sehen Sie, das Zelt wird zu klein. Das Zelt muss größer gebaut werden. Da kommen Schwarze dazu und Gelbe und Rote. Und nun auf einmal wird auch dieser neue und große Zeltmast gebracht und das ist nichts anderes als das Kreuz Jesu Christi. Das ist ein Bild für das Kreuz Jesu Christi. Dieser große, große Zeltmast, der so groß ist, dass die Pflöcke und Heringe ganz groß und weit hinausgestellt werden können. Es wimmelt nur so. Es wimmelt nur so. Ein Wunder, ein wahres Wunder der Geschichte! An Pfingsten noch einmal 3000 dazu und wieder 5ß.000 und noch einmal 100.000. Dieses Wunder der Gemeinde Jesu ist eine Frucht des Kreuzes. Es bedurfte einen, der das Opfer gebracht hat, unsere Schuld getragen, unsere Strafe übernommen, auf dass ich sein eigen sei, unter ihm lebe und diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit. Paulus benutzt dieses Wort von der Unfruchtbaren in Galater 4,22 noch einmal in dem Augenblick, als in Galatien, in einem heidnischen Ort, eine Gemeinde entsteht.
Liebe Freunde, so ist die Gemeinde der erste Multi. Das ist nicht irgendein Konzern, nicht irgendeine Firma. Die Gemeinde Jesu Christi ist der erste Multi, multikulturell und multinational.
Auch wenn wir jetzt so der Meinung sind, die Gemeinde werde eigentlich kleiner. Und wir haben auch hier den Eindruck, Leute treten aus in dieser Stadt. Es wird müder und lauer. Wir haben hier in unseren Breitengraden den Eindruck, eigentlich wird's kleiner, eigentlich müssten wir die Zeltpflöcke wieder enger schlagen. Auch wenn wir der Meinung sind: Dem ist in Wirklichkeit nicht so. Auch wenn wir der Meinung sind, Himmelfahrtstag ist ein vergessener Tag. Pfingstmontag ist längst zum Ausflugstag erklärt worden. Eigentlich könnte man doch schon lang diese beiden Tage zu den Karenztagen nehmen für die Pflegeversicherung und sie nicht einfach abfeiern auf Kosten Jesu. Das finde ich unanständig. Lassen Sie es uns doch dann wenigstens so machen und so bewerten, wie es sich eigentlich gehört. So haben wir langsam den Eindruck, diese Feiertage bräuchte man eigentlich gar nicht mehr in unserer Gesellschaft.
Auch wenn wir dieser Meinung sind, auch zu einem kleinen Häuflein oder kleinen Haufen zu gehören, liebe Freunde, die Pflöcke der Gemeinde Jesu, des Zeltes Jesu Christi, die werden weiter hinausgesteckt. Und wer hineinschaut und hineinhört in die Missionsgeschichte von 1993, der merkt etwas von dem, dass Gott die Pflöcke weiter hinaussteckt:
Friedrich Hänssler, der Verleger des Hänssler-Verlages droben auf den Fildern, erzählte mir, dass er schon lange Kontakt hat zu Politikern auch in Bonn. Sie haben hier in Stuttgart mit Politikern ein Gebetsfrühstück. Sie haben es auch in Bonn unter Führung von Herrn Waffenschmidt. Es gibt immer dieses große Gebetsfrühstück einmal im Jahr in Amerika, wohin Hänssler auch immer reist. Und er war jetzt – und man höre und staune! – mit ein paar Freunden aus der Wirtschaft und der Politik in Moskau. Und dort im Kreml unter Ausschluss der Medien - auch unter ausdrücklichem Verbot, darüber zu berichten in der Presse -, war im Kreml ein Gebetsfrühstück mit vielen ganz hohen Funktionären des obersten Sowjet. Man stelle sich vor! Hänssler war dabei: Da sitzen sie im Kreml und falten die Hände und beten für dieses Volk am Abgrund, für diese Welt. Gott setzt seine Pflöcke ganz weit.
Oder ich denke an die Straßenmissionarin, die in Moskau über die Straßen geht und Leningrad und dort ihre Traktate verteilt. Ich denke an die große Bibeldruckerei in Yancheng, viel größer als die hier in Stuttgart-Möhringen, dort im chinesischen Großreich. Die Pflöcke werden weitergesteckt. Das Holzkreuz als Zeltmast ist so hoch, dass viele, ja, dass alle darunter Platz finden.
Der Herr selbst, so steht es, Verse 4 bis 5, ist mit dieser Gemeinde verbunden. Er schützt sie vor den Wettern. Er hält die Treue, auch wenn die Stürme toben.
Wie ist das möglich? Denkbar ist es nicht. Sehen Sie, im Jahre 1946 war ich bei meinem ersten Zeltlager auf der Schütte bei Horb am Neckar. Es war direkt nach dem Krieg und wir als Buben – jeder hatte eine Zeltplane von einem Heimkehrer mitzubringen, aufzutreiben. Und solche eine Plane musste dann immer zwei Kameraden finden. So wurden die drei Zelte wie beim Militär zusammengeknüpft und da lagen wir drin wie die Heringe, zu dritt in solch einem erbärmlichen Soldatenzelt. Und wie beneideten wir jene Freunde von irgendwoher, die bei irgendwelchen Amerikanern ein größeres Zelt organisiert hatten oder dort abgestaubt: ein Zehn-Mann-Zelt. Zehn in einem Zelt! Für uns damals unvorstellbar.
Und wenn mir damals einer gesagt hätte: „Du, es wird ein Zelt geben, ein Zeltdach, da können 60.000 Leute drunter sitzen im Gottlieb-Daimler-Stadion, 60.000 Leute mit trockenen Füßen bei schlechtem Wetter“, dann hätte ich gesagt: „Du spinnst, das ist unvorstellbar.“ Und wenn ich es heute sehe, dann muss ich sagen: Dann ist's doch für Gott ein Kleines – nicht nur über 1.000 oder über 60.000 –, dann ist es für Gott ein Kleines, über Millionen von seinen Leuten sein Dach zu spannen, dass wir darunter nicht nur trockene Füße behalten, sondern dass wir darunter geschützt sind gegen die Wetter des Feindes. Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Das ist das Zeltdach jenes Zeltes, in dem das Kreuz der Mast ist.
Das ist das Eine. Das Zweite:
Das Holzkreuz wird zum Schlagbaum
Das zweite Bild: der Schlagbaum. Vers 6 bis 10 steht: Der Schlagbaum markiert eine Grenze.
In Europa sollten ja die Schlagbäume hochgehen, aber weil zu viel dunkles Gesindel über die Grenze ging, hat man sie teilweise schnell wieder heruntergelassen. So wie an der deutsch-französischen Grenze oder gleich gar nicht aufgemacht wie in der Schweiz. Jeder wird angehalten. Jeder weiß an der Grenze: Hier ist Deutschland, dort ist die Schweiz. Hier ist Frankreich, dort ist Spanien. Hier ist Holland, dort ist Belgien. So auch gibt es eine Grenze, einen Schlagbaum nicht nur zwischen Ländern, sondern zwischen der alten Zeit und der neuen Zeit.
Es gibt eine Zeit des Zorns und eine Zeit der Gnade. Es gibt eine Zeit des Gerichts und eine Zeit des Friedens. Es gibt eine Zeit der Ungerechtigkeit und der Barmherzigkeit. Und an dieser Grenze dazwischen steht das Kreuz so wie ein Schlagbaum, der dies markiert: hie Zorn und hie Gnade. Das Kreuz ist die Grenzscheide oder der Schlagbaum zwischen den Zeiten, das ist's: Das Kreuz ist der Schlagbaum zwischen den Zeiten. Wenn ich nun zum Kreuze komme, so ist das, wie wenn ich auf einen Schlagbaum zulaufe. Ich sehe ihn. Ich sehe auch, dass mein Land hier aufhört und das neue Land beginnt. Aber ich stehe noch diesseits im alten Land.
Sehen Sie, seit Jesus sehen wir das Kreuz, sehen, dass es wegen der Auferstehung weitergeht, stehen aber noch im alten Land und wissen um Zorn und Gericht und Ungerechtigkeit. Aber: Es wird nicht ewig dauern. Ich weiß um jenes Land, in dem Gnade, Friede und Barmherzigkeit sein wird. Sie verstehen das: Das Kreuz, der Schlagbaum, auf den ich zugehe, den ich sehe, aber ich stehe noch im alten Land.
Und nun eine ganz große, tiefe biblische Erkenntnis, die uns Jesaja vermitteln will und die Sie bitte heute Abend verstehen und mitnehmen sollen. Er sagt: „Die jahrtausendealte Sünden- und Abfallsgeschichte der Menschheit ist in den Augen der Ewigkeit nur wie ein Augenblick.“ Mit den Augen der Ewigkeit gesehen schrumpft mein Leben, die Geschichte der Kirche, die ganze Weltgeschichte zu einem Wimpernschlag zusammen.
All das, was die Welt an Zorngerichten erleben musste, all das, was die Kirche an Leiden erleben musste, all das, was ich an Schrecken schon erfahren musste, all das ist nur ein kleiner Augenblick Gottes. So wird es hier gesagt: All das ist nur ein kleiner Augenblick Gottes. Glauben heißt nun hier nach Jesaja, Glauben heißt nun: einen kleinen Augenblick Atem haben, bis es vorüber ist. Freunde, das heißt Glauben: einen kleinen Augenblick Atem haben, bis es vorüber ist. Kurz ist die Stunde des Zorns, groß ist die Stunde der Gnade.
Sehen Sie, wenn ich an dem Schlagbaum stehe, ist es nur noch ein kleiner Augenblick, bis ich drüben bin. Wenn ich am Kreuze stehe, ist es nur noch ein kleiner Augenblick, bis ich im anderen Land bin. Meine lange Leidensgeschichte, Freunde – ein kleiner Augenblick. Meine lange Krankheitsgeschichte – ein kleiner Augenblick. Meine lange Familiengeschichte – ein kleiner Augenblick. Ihre persönliche Geschichte, die Sie niemand anvertrauen wollen und die Ihnen so schwer ist – er sagt: Ein kleiner Augenblick. Wer am Kreuz steht weiß: nur ein kleiner Augenblick.
Sehen Sie, die Abiturienten, die haben ja schon nach Neujahr mit ihren Prüfungen angefangen und bis zum heutigen Tag, bis heute, sind sie in ihren mündlichen Prüfungen dran gewesen. Wochen, Monate des Lernens und des Leidens, Monate - kaum enden wollend. Und wenn ich zurückdenke vor 45 Jahren an mein Abitur, das nach französischem Zentralabitur mindestens so lang war, dann war es doch im Rückblick eigentlich nur eine ganz kurze Zeit, an die ich mich kaum mehr erinnern kann. Ein kleiner Augenblick, der längst vergessen ist.
Und sehen Sie, so denke ich, wenn wir einmal auf der anderen Seite angekommen sind – und wir haben gehört: Andere sind nicht weggegangen, sie sind vorausgegangen und sind dort angekommen –; wenn ich dort einmal angekommen bin und dann zurücksehe und zurückschauen darf, dann werde ich die Wahrheit dieses Satzes letztlich erkennen können. Nämlich all das, was mich bedrückt, all das, was mich belastet, all das, was mir so endlos scheint, es hört gar nicht auf. Freunde – ein kleiner Augenblick, ein Wimpernschlag, mehr nicht!
Eine Frage: Was ist das Festeste? Antwort: Die Berge. Und er sagt: Selbst wenn die Berge weichen würden, diese meine Gnade, diese meine Gewissheit, dass du am Schlagbaum stehst und bald drüben sein wirst, das soll nicht weichen. Mein Bund mit dir soll nicht hinfallen. Das ist das Festeste, sein Bund, seine Gnade, sagen wir, sein Land.
Wenn alles nur einen Augenblick dauern wird, dann lässt sich auch dieser Sommer, der sich so heiß anlässt, dann wird sich auch dieses Jahr, dann wird sich auch dieser Lebensabschnitt, der vor mir liegt, dann wird sich der getrost durchwandern lassen. Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Ein letztes Kurzes. Das Holzkreuz, also der Zeltmast, der Schlagbaum – und das dritte Bild, das hier steht in den letzten Versen 11 bis 17:
Das Holzkreuz wird zum Türbalken
... genauer: zum Tor in die Gottesstadt.
Noch ist diese Gemeinde und wir im alten Land, aber hart am Schlagbaum und deshalb: Siehe hinüber, siehe hinüber zur Gottesstadt! Diese Verse sind in Offenbarung 21 aufgenommen worden und dort haben wir sie schon besprochen. Die Nennung der Edelsteine hat Bedeutung: der Grund - Malachit und Saphir - ist tiefgrün und tiefblau und die Tore und Zinnen sind in Rubinen und Karfunkel. Sie glühen in tiefstem Rot, die Farbe der großen Liebe. Rot für das vergossene Blut Jesu Christi und um die Stadt ein Kranz von Perlen. Das ist der Ort, wo es keinen Mond und keine Sonne mehr braucht, weil Gott selbst das Licht ist.
Wir können's nicht malen. Nein, das kann niemand malen. Wir können es nur ahnen, Freunde: Es wird Herrlichkeit sein. Das erfahren wir hier: Es wird Herrlichkeit sein. Vers 13: Sie werden großen Frieden haben. Wörtlich heißt das: Deine Kinder werden atmen in ihrem Lebenselement. Wie die Fische im Wasser, wie die Vögel in der Luft, so vermag die Seele endlich zu atmen in ihrem ureigensten Lebenselement: in Gott.
Da wird's sein, du wirst sein fern von Bedrückung. Du brauchst dich nicht zu fürchten. *Ich schaffe es", sagt er. „Ich schaffe es“, sagt er zu allen Geschaffenen. Ich schaffe den Zeltmast, den Schlagbaum, den Türbalken.
Auch er, Jesus, wurde geschafft am Kreuz, aber genau daraus hat er dies alles für uns geschaffen. Freunde, nur einen kurzen Augenblick, dann wird Herrlichkeit sein.
Amen.