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Simson - Sieg trotz Niederlage

01.01.1961Richter 16,22-30

Einführung in das letzte Kapitel der Simson-Geschichte

Wir befinden uns im Richterbuch, Kapitel 16. Ich hoffe, der Zusammenhang ist noch präsent, auch wenn inzwischen eine Pause dazwischen liegt. Dies ist der Abschluss der Geschichte. Ich könnte sie noch einmal vollständig erzählen, möchte aber ab Vers 22 vorlesen.

Simson ist geblendet und sitzt mit ausgestochenen Augen im Gefängnis der Philister. Er war einst ein großer Mann Gottes. Doch sein Haar, das zuvor geschoren war, begann wieder zu wachsen.

Die Fürsten der Philister versammelten sich, um ihrem Gott Dagon ein großes Opfer zu bringen und sich zu freuen. Sie sagten: „Unser Gott hat unseren Feind Simson in unsere Hände gegeben.“ Da ihr Herz guter Dinge war, befahlen sie: „Lasst Simson holen, damit er vor uns spielt, auf der Harfe.“

Man holte Simson aus dem Gefängnis, und er spielte vor ihnen. Sie stellten ihn zwischen die Säulen des Tempels. Simson sagte zu dem Knaben, der ihn bei der Hand führte: „Lass mich die Säulen ergreifen, auf denen das Haus steht, damit ich mich daran lehne.“

Der Tempel, der Dagon-Tempel, war voll mit Männern und Frauen. Auch die Fürsten der Philister waren dort, ebenso wie auf dem Dach etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson spielte.

Simson rief den Herrn an und sprach: „Herr, gedenke meiner und stärke mich doch, Gott, dass ich mich diesmal für meine beiden Augen an den Philistern rächen kann.“

Dann umfasste er die beiden mittleren Säulen, auf denen das Haus stand und an denen er sich festhielt – eine mit der rechten, die andere mit der linken Hand. Er sagte: „Meine Seele sterbe mit den Philistern!“ und lehnte sich kräftig an die Säulen.

Das Haus stürzte ein, auf die Fürsten und auf das ganze Volk, das darin war. Es starben mehr Menschen bei Simsons Tod als während seines Lebens.

Seine Brüder und das ganze Haus seines Vaters kamen herab, hoben ihn auf, trugen ihn hinauf und begruben ihn im Grab seines Vaters Manoach, zwischen Zora und Estahol.

Die Frage nach Simsons Tod: Selbstmord oder Märtyrertod?

Wir hatten begonnen, diese Geschichte zu besprechen, und waren mitten in der Diskussion stehen geblieben. Dabei stellt sich die Frage: Ist Simson ein Selbstmörder oder ein Märtyrer? So wurde die Frage auch von den alten Auslegern formuliert. Das ist sehr interessant.

Es gibt Kreise und Gemeinschaften, in denen man diese Frage gerne diskutiert. Das wäre ein wunderbarer Streitpunkt, an dem man sich in endlosen Diskussionen festbeißen könnte – ob Simson nun Selbstmörder oder Märtyrer ist.

Als Jungs in der Schule haben wir oft folgenden Lehrerwitz erzählt: Ein Lehrer fragt in der Geschichtsstunde, wer der größere Feldherr war, Caesar oder Pompejus. Die Antwort müsse unbedingt „Ja“ lauten. So möchte ich es auch hier handhaben. Ist Simson Märtyrer oder Selbstmörder? Meine Antwort lautet: Ja.

Das heißt eigentlich: Weder das eine noch das andere. An dieser Stelle wird mir deutlich, dass es hier im Grunde gar nicht um Simson selbst geht. Das Ganze wird transparent, wenn man erkennt, dass es sich um eine Verheißung auf denjenigen handelt, der kommen soll und gekommen ist – auf den Herrn Jesus.

Die Inspiration der Bibel und die Verheißung auf Jesus

Sehen Sie, ich muss das eben dazwischen einschieben: Ich bin überzeugt, dass bei der Abfassung der Bibel der Heilige Geist mächtig seine Hand im Spiel hatte.

Ich glaube fest daran, dass der Heilige Geist bei der Entstehung der Heiligen Schrift entscheidend mitgewirkt hat.

In unseren Tagen ist in der Kirche ein heißer Streit um die Bibel entbrannt. Vielleicht haben Sie das schon mitverfolgt, wenn Sie „Licht und Leben“ lesen. An den Universitäten wird nun sehr kritisch am Wort Gottes gearbeitet. Die einen sagen, die Bibel sei verbal inspiriert, jedes Wort sei von Gott gegeben. Mich interessiert dieser Streit nicht so sehr.

Ich bin überzeugt, dass bei der Abfassung der Bibel der Heilige Geist die Hand im Spiel hatte. Die Männer Gottes haben geschrieben, getrieben vom Heiligen Geist.

Man muss wirklich blind sein – und nicht nur ein Brett, sondern sieben Bretter vor dem Kopf haben –, wenn man nicht merkt, wie im Alten Testament an vielen Stellen die Geschichte fast unwahrscheinlich wird, weil sie als Verheißung auf Jesus gedeutet wird.

Ich glaube, Siegfried, so ist es auch beim Simson, verstehen Sie? Aber ich bin überzeugt, dass er noch viel stärker eine Verheißung auf den Herrn Jesus ist.

Ich möchte Ihnen deutlich machen: Simson ist ein Vorbild auf den Heiland. Das ist nicht meine Idee, sondern die Idee hat der Herr Jesus selbst gehabt. Er hat gesagt: „Suchet in der Schrift, denn sie zeugen von mir.“ (Johannes 5,39).

Die Schrift des Alten Testaments ist das Zeugnis von Jesus. Nun ist es einfach eine Aufgabe der Theologie zu fragen: Wo ist das Zeugnis von Jesus hier?

Parallelen zwischen Simson und Jesus

Und nun sehen Sie sich bitte Folgendes an. Ich möchte es kurz aufzählen.

Zunächst ist Simson der ganz Erniedrigte. Nachdem er große Zeichen und Wunder getan hat, wird er schließlich bis zum Tod erniedrigt. Man sticht ihm die Augen aus, und er sitzt im Kerker und muss die Mühle treten.

Ich sehe Jesus vor mir. Er hat große Wunder getan, den Sturm gestillt und das Volk nie mehr in Tausenden abgewiesen. Er ist ein Prophet, der aufgestanden ist. Doch dann neigt sich seine Linie plötzlich, und auch er wird bis zum Tod erniedrigt.

Ein Pilatus sagt zu ihm: „Weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu töten oder freizugeben?“ Der Pöbel spuckt ihn an. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Oberkirchenräte, schreien vor Wut gegen ihn. Die Obrigkeit des Volkes wendet sich deutlich von ihm ab.

Er wird bis zum Tod erniedrigt, und niemand erhebt eine Stimme für ihn. Nicht eine Stimme für Jesus. Man muss das einmal begreifen: Nicht eine Stimme für Jesus, als er vor Pilatus steht.

Wie gleicht er darin dem Simson? Keiner fürchtet ihn mehr. Wie hat man Simson gefürchtet? Die Philister fürchteten ihn, so wie man sich auch vor Jesus fürchtete. Er erweckte Tote zum Leben. Die Pharisäer sagten noch, sie wollten ihn töten, doch das Volk hatte Angst vor ihm.

Noch im Garten Gethsemane, als eine Schar mit Schwertern und Stangen auf ihn losgeht, fragt Jesus: „Wen sucht ihr?“ Sie antworten: „Jesus, ich bin es.“ Daraufhin weicht die Menge zurück und fällt zu Boden. Ein Wort von ihm wirft sie um, als wären sie Kegel in einem Kegelhaus, die von einer Kugel getroffen wurden. So fiel die Menge zu Boden – ein lächerliches Bild, geradezu unmöglich.

Ein Wort von ihm, wenn er nur sagt: „Ich bin es.“ Wie hat man ihn gefürchtet! Und auf einmal ist das vorbei, wie weggeblasen. Man kann es fast nicht verstehen.

Der gefürchtete Simson – jetzt wollen sie nur noch ihren Spaß haben. „Unser Gott hat uns in die Hand gegeben“, sagen sie. So hängt Jesus am Kreuz. Man braucht ihn nicht mehr zu fürchten.

Jetzt endlich kann man ihn anspucken, beschimpfen, verspotten, verschmähen und gering achten. Jeder dumme Junge kann gegen ihn seine Steine schleudern. Du, den wir gefürchtet haben – den fürchten wir nicht mehr.

Sehen Sie, das ist eine so parallele Geschichte. Und nun weiter.

Simsons letzter Sieg als Bild für Jesu Triumph

Und in dieser Stunde, in der ihn keiner mehr fürchtet und er ganz ungefährlich geworden ist, erringt er seinen größten Sieg.

Der Simson tut dies nicht, als sie über ihn spotten und sagen, er sei in ihre Hand gegeben. In diesem Moment reißt er das ganze Haus zusammen, sodass sämtliche Fürsten der Philister umkommen. Es gab fünf Städte und fünf Fürsten im Philisterland. Das ist ein Wort: Bei seinem Tod starben mehr Menschen als zu seiner Lebenszeit, obwohl er Israel befreien sollte.

Er vollbringt seinen größten Tod im Augenblick, in dem jeder sagt, er sei ungefährlich geworden. Genau so verhält es sich mit dem Sohn Gottes. Simson ist hier eine Verheißung auf Jesus.

Als alle ihn verspotteten, als er ganz ungefährlich geworden war und keiner ihn ernst nahm, geschah das, was Gott am Anfang der Geschichte schon gesagt hatte: „Du wirst der Schlange den Kopf zertreten.“

Meine Freunde, alle, die an Jesus gläubig geworden sind, werden bekennen: Er hat mich erkauft, als er am Kreuz starb. Die Millionen, die ihm gehören, hat er im Augenblick seines Todes erkauft. Das war sein größter Sieg, verstehen Sie?

Da hat er das Reich des Teufels zerstört. Wir können noch gar nicht richtig ermessen, was hintergründig da eigentlich passiert ist.

Das Bild von Dürer und die Bedeutung des Kreuzes

Ich habe das Bild von Dürer sehr gern, diesen Holzschnitt – ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen – Christus in der Vorhölle. Dort ist etwa das dargestellt, was im Glaubensbekenntnis steht: „niedergefahren zur Hölle“. Das sind geheimnisvolle Dinge, mit denen sich Dürer beschäftigt hat. Man sieht die Pforten der Hölle, außen sind die Angeln zerrissen. Von allen Seiten strömen Menschen herbei, die zu Jesus wollen. Jesus bricht hinein, und ihm laufen Adam, Noah und all die Männer der Vergangenheit entgegen. Er reicht ihnen die Hand und holt sie heraus.

Ich glaube, dass die Menschen früher noch eine Ahnung davon hatten, was es bedeutet, dass Jesus wirklich die Macht des Teufels zerbrochen hat, als er am Kreuz gestorben ist. Ich komme gleich noch darauf zurück.

Es ist uns ja wohl klar, dass Jesus’ größter Sieg sein Tod am Kreuz war. Was für eine Sache ist es, dass bis heute Frauen ein Kreuzchen auf der Brust tragen? Dass auf Kirchtürmen überall Kreuze zu sehen sind? Das Kreuz ist zu einem unerhörten Zeichen geworden. Man kann es vor Augen sehen: Das ist der größte Sieg. Als Jesus niemanden mehr fürchtete und ganz erniedrigt war, da hatte er seinen größten Sieg.

Simsons Opfer als Vorbild für Jesu Tod

Und noch einmal: Simson konnte diesen Sieg nur erringen, weil er sich selbst mit in den Tod gab. Diesen Sieg konnte Simson nur erhalten, indem er selbst starb und sich opferte. Was für eine Verheißung das für das Neue Testament und für Jesus ist!

Der größte Sieg im Reich Gottes, der Durchbruch durch tiefste Finsternis, ist genau das, was mich heute froh und frei macht. Ich kann lachen, weil Jesus sich selbst geopfert hat und sich selbst in den Tod gab. Billiger ging es nicht – der Sieg Gottes wurde errungen, als er für uns starb. Und billiger konnte Simson seinen Sieg über die Philister nicht erringen, als indem er selbst in den Tod ging.

Verstehen Sie, ich wollte das nur kurz skizzieren, um zu zeigen, wie einfach das eigentlich ist. Man muss schon sieben Bretter vor dem Kopf haben, wenn man nicht sieht, dass diese Simson-Geschichte eine Verheißung auf Jesus ist.

Ich sage noch einmal: Ich bin überzeugt, dass die Geschichte als solche wirklich stattgefunden hat. Sie ist kein Märchenbuch, das den Stempel der Wahrheit auf der Stirn trägt. Aber was mich viel mehr interessiert, ist, wie Gott hier so lenkt, dass das Bild Jesu aufleuchtet – das Bild des Erniedrigten, den niemand mehr fürchten muss, weil er sich im Sterben opfert und so seinen größten Sieg erringt, wie Simson.

Ich glaube wirklich, dass der ganze Kampf um die Bedeutung der Bibel zunehmend unsinnig wird. Die einen kritisieren sie, die anderen kämpfen um ihre Beibehaltung. Inzwischen sollte man ruhig weitermachen, die Geheimnisse der Bibel zu erforschen. Diese sind tiefgründig, machen das Herz fröhlich und stellen uns am Ende immer wieder vor das Bild Jesu, des Gekreuzigten.

Die Bedeutung der zwei Säulen im Philistertempel

Und nun ein zweites Mal: Da sind wir vorhin schon stehen geblieben, erinnern Sie sich? Es wird so ausführlich erzählt, wie Simson die zwei Säulen umgerissen hat. Darf ich mal fragen, ob das hier nicht ganz klar ist? Kommt der oder wie ist das? Er hat ja keinen Mut dazu. Nein, nein, das werde ich ja wohl schaffen. Wenn ich hier umkippe, dann wissen wir, was wir zu tun haben. Kim, tragen Sie mich an die frische Luft.

Ich kann Ihnen sagen, diese Heizung hinter sich zu haben, da ist alles dran. Man sieht deutlich, was die Kohlenindustrie doch für uns tut, einfach so nett und großzügig hier.

Sehen Sie, wir haben letztes Mal schon gesagt, es wird so ausführlich von den Säulen gesprochen, dass die alten Ausleger schon den Eindruck hatten, diese haben eine Bedeutung. Und wer vor 14 Tagen oder drei Wochen hier war, erinnert sich, dass Luther sagt, diese zwei Säulen – also er sagt ganz offen, Simson ist ein Vorbild für Jesus. Und wie Simson die zwei Säulen umreißt, so hat Jesus zwei Säulen umgerissen und alles stürzt zusammen. Die zwei Säulen, die er meinte, waren die Messe und das Zölibat der Priester.

Er sah auf einmal die Macht der katholischen Kirche zusammenstürzen, verstehen Sie? Diese Priestersherrschaft ruhte darauf. Das ist natürlich aus der damaligen Zeit heraus betrachtet. Aber ich muss auch sagen: Wenn man das aufmerksam liest, dann sind diese beiden Säulen mit einer merkwürdigen Akribie herausgehoben.

Da wollen Sie noch einmal so gut sein und eben reinschauen. Und er fasst Vers 29, also Vers 26 heißt schon, er sagt zu dem Knaben, der den blinden Mann führt: „Lass mich los, dass ich die Säule fasse, auf welcher das Haus steht, dass ich mich daran lehne.“ Und nun Vers 29: „Und er fasste die zwei Mittelsäulen, auf welchen das Haus gesetzt war, und darauf es sich hielt.“ Da steht es zum zweiten Mal da, und darauf es sich hielt, da steht es zum dritten Mal da: eine in seine rechte und die andere in die linke Hand.

Spüren Sie, wie das hier auf einmal mit einer – nicht gar während alles sonst immer so großen Zügen – dass die Erzählung hier förmlich zögert? Jedes Wort wird auf einmal wichtig: Es heißt rechte Hand und linke Hand. Und ich glaube, dass der Geist Gottes uns darauf hinweisen will. Nicht nur auf die Architektur eines philistäischen Tempels, sondern uns auf die geheime Bedeutung dieser beiden Säulen.

Die Philister als Symbol der Finsternis und die zwei Säulen des Reiches der Finsternis

Ich glaube, dass die Philister wirklich das Bild der Welt und der Finsternis sind, die immer im Kampf mit der Gemeinde Jesu Christi liegen. Israel ist das Bild der Gemeinde Jesu Christi. Ihr ewiger Widersacher sind die Philister, so wie das Reich der Finsternis immer gegen die Gemeinde Jesu Christi anläuft.

Es wäre doch einfach schön, wenn man nicht ständig versucht würde, verstehen Sie? Wenn man einfach in Ruhe seinen Gott leben könnte. Doch schon kommt jemand und sät Zweifel ins Herz, und auch die anderen können es schlecht verstehen. Kommen Sie doch nach vorne, hier ist alles leer. Es ist grausam, wenn Sie so leiden. Die Leute können es nicht verstehen, es ist wirklich manchmal entsetzlich.

Sie können ruhig inzwischen nach vorne kommen, hier ist alles leer. Kaprizieren Sie sich nicht darauf, an den Enden der Erde zu sitzen und über mich zu lachen, dass ich brülle wie ein Stier. Da wird man angefochten vom Sorgengeist. Verstehen Sie, das Reich der Finsternis ist immer daran, die Gemeinde des Herrn zu stören, so wie die Philister dem Volk Israel keine Ruhe ließen. Die Philister sind wirklich ein Bild der Finsternis.

Ihr Haus ruht in diesem Augenblick auf zwei mächtigen Säulen. Hier ist alles zusammengezogen: die Fürsten, das Volk, die Prominenz und das Ruder ruhen auf zwei Säulen. So glaube ich, dass das Reich der Hölle, das Reich der Finsternis, von dem ja bloß erleuchtete Gottes Kinder etwas wissen, im Grunde auch auf zwei Säulen ruht.

Die eine Säule ist, dass wir alle vor Gott schuldig sind. Der Teufel schafft es, uns alle zu Sündern zu machen. Darauf ruht seine Macht. Die andere Säule, das sagt die Bibel sehr deutlich, ist der letzte Feind: der Tod. Der Teufel schafft es, dass der Tod regiert.

Gott schuf doch eine Welt zum Leben. Gott hat das Leben lieb. Wenn im Frühling alles herauskommt, spürt man, wie Gott das Leben liebt. Wenn ein Kind geboren wird, dann spüren wir, dass Gott die Hand im Spiel hat. Er liebt das Leben.

Der Teufel hingegen liebt den Tod und die Vernichtung. Was meint der Teufel mit der „Hand im Spiel“ in all den Atomlaboratorien? Und bei all den Entschlüssen, die in bombastischen Besprechungen getroffen werden, die uns immer näher an den Abgrund bringen? Da hat der Teufel seine Hand im Spiel. Er möchte am liebsten die ganze Schöpfung Gottes in die Luft sprengen.

Gott liebt das Leben, der Tod ist das andere. Das sind die beiden Säulen, auf denen das Reich der Finsternis ruht: Schuld und Tod.

Jesu Sieg über Schuld und Tod durch seinen Tod

Und nun hat Jesus in seinem Sterben diese beiden Säulen zerbrochen. Verstehen Sie die ungeheure Bedeutung davon? Als er sich wie Simson dem Tod hingab, riss er die eine und die andere Säule ein.

Das bedeutet Finsternis für die Mächte, denn alle sind schuldig. Doch Jesus hat die Schuld weggetragen. Nun gibt es Vergebung der Sünden. Verstehen Sie das? Damit ist die Macht des Teufels gebrochen, wo Vergebung der Sünden durch Jesu Blut geschieht.

Es ist nicht bloß ein allgemeines Gerede. Verstehen Sie, wo und wie Jesus die Schuld getragen hat und erfährt, dass die Sünden vergeben sind? An diesem Punkt ist der Teufel ausgespielt. Was will er noch erreichen, wo Vergebung der Sünden ist und man daran glaubt, dass man durch Jesus für alle Ewigkeit erkauft ist? Dort hat der Tod keine Macht mehr.

Jesus lebt, und nun werde auch ich mit ihm leben. Er ist auch von den Toten auferstanden, doch er hat mich vom Tod erkauft, indem er selbst den Tod für mich und für alle gelitten hat.

Ich möchte einen Moment bei diesem Gedanken verweilen. Lassen Sie mich mit einem anderen Bild als dem der Säulen die Sache deutlich machen.

Die Macht des Teufels und die Gerechtigkeit durch Jesus

Sehen Sie, der Teufel marschiert durch die Welt und schwingt seine Fahne, auf der steht: „Wir sind allesamt Sünder, wir mangeln alle des Ruhms, den wir von Gott haben sollten.“ So heißt es in Römer 3.

Und wenn heute ein deutscher Spießbürger sich hinstellt und sagt: „Ich aber nicht, ich tue Rechten, scheue niemand“, dann ist er nicht nur für Gott, sondern auch für den Teufel ein Witz. Verstehen Sie, ein Witz! Der Teufel sagt: „Ich werde dir schon beibringen, von wegen, du tust Rechten, scheust niemand.“ Sind allesamt Sünder – darauf beruht seine Macht. Denn wir sind Adams Kinder und haben mitgesündigt, mitgehasst, waren unrein, haben gelogen, waren gottlos und selbstsüchtig.

Ich sagte am Sonntag am Beispiel schon: Sorgt für Gebrüll, sorgt dafür, dass der Egoismus Mittelpunkt wird. Der menschliche Egoismus ist ja die größte Sünde, verstehen Sie? Das war ja von Anfang an so. Dieses blöde Gerede, der Mensch sei gut – wo haben sie das wohl her? Wollen die Leute bei meinem großen Landsmann das gelernt haben oder wo? Der Teufel schwingt die Fahne groß: „Allesamt Sünder und haben keinen Ruhm vor Gott.“

Nun dürfen wir im Blick auf Jesu Kreuz eine viel herrlichere Fahne aufziehen. Eine Fahne, bei der dem Teufel sein Fähnchen geradezu verschwinden muss. Die Fahne, die wir im Glauben im Blick auf Jesu Kreuz aufziehen, trägt die Aufschrift: „Wir werden gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist, den Gott vorgestellt hat.“ Ich möchte jetzt den ganzen Römerbrief vorlesen, verstehen Sie?

Jesus’ Blut reinigt mich von Sünde. Jesus macht mich gerecht. Durch Jesu Kreuz macht mich Gott gerecht, weil er die Schuld weggetragen hat. Wir schlagen sozusagen den Teufel aus dem Feld, der sagt, seine Macht beruhe darauf, dass wir allesamt Sünder sind. Indem wir eine herrlichere Fahne schwingen und sagen: gerecht durch Jesus’ Blut, versöhnt durch Jesus’ Blut, gereinigt durch Jesus’ Blut – schweig, zieh ab! Verstehen Sie?

Genauso ist es mit dem Tod. Der Teufel zieht durch die Welt mit der Fahne, auf der steht: „Ihr seid alle dem Tod verfallen, alles dem Tod verfallen. Tut euch nur wichtig, baut Reiche – sie stürzen zusammen. Baut Schlösser – sie gehen unter. Macht euch einen Namen – er wird vergessen. Das Ende ist Staub und Grab. Staub und Grab.“

Wir gehen ja über lauter Gräber. Verzeihen Sie, dass ich das so sage, aber mir ist das in Griechenland einfach neu aufgegangen. Da geht ein Archäologe hin, will Troja ausgraben und gräbt eine Stadt aus. Dann merkt er, die ist viel früher da. Er gräbt seine Stadt darunter aus und findet nacheinander sieben Städte. Es ist einfach unheimlich: Über den Trümmern einer Stadt wird die nächste gebaut.

Nun geht er immer weiter zurück, bis er das eigentliche Troja gefunden hat, das er sucht. Oder im Streit liegt. Und nun könnte man bei uns wahrscheinlich auch so buddeln, verstehen Sie? Wir leben alle über Gräbern und über Trümmern, und da schwingt der Tod seine Fahne. Darauf steht: „Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben.“

Und nun dürfen wir eine größere und herrlichere Fahne im Blick auf Jesu Kreuz in die Hand nehmen, die dem Teufel seine Fahne in den Schatten stellt. Darauf steht: Jesus hat den Tod für mich schon durchgestanden. „Ich lebe“, wer an mich glaubt, sagt Jesus, „wird nimmermehr sterben.“ Das ist ja am Sonntag ein toller Satz: „Wird nimmermehr sterben.“

Sehen Sie, die Macht des Teufels, der Finsternis, der Philister dieser Welt beruht darauf, dass wir schuldig sind und zum Tod verurteilt. Indem Jesus zum Samson wurde und sich selbst in den Tod gab, riss er diese beiden Säulen ein. Nun sagen die, die hinter ihm stehen oder an ihn glauben: Schuld ist vergeben, Tod ist überwunden – wenn wir das mal so klar machen.

Die Kraft des Glaubens und die Überwindung der Finsternis

Vorhin hat einer meiner Jungs ein Sprechband laufen lassen, bevor ich am Sonntag predigte. Ich dachte mir: „Na ja, was soll’s, man kann es ja nicht hören.“ Es klang so pathetisch und theoretisch.

Verstehen Sie, es ist so wunderbar, dass man es trotz aller Bemühungen kaum treffend ausdrücken kann. Es sind ja viele, denen Gott nun geschenkt hat, dass sie es erfahren durften – dass sie der Schuld und dem Tod entnommen sind.

Dann merkt man, nicht wahr, dass das Christentum niemals nur ein Anhängsel zum Leben sein kann. Man kann also nicht einfach so bleiben, wie man ist, und obendrein auch noch christlich sein. Vielmehr sprengt die Tatsache, dass ich der Schuld und dem Tod entnommen bin, meine Existenz im Innersten. Sie ruft eine Verwandlung hervor, die die Bibel „Wiedergeburt“ nennt.

Ist es nicht wundervoll, dass Jesus diese beiden Säulen eingerissen hat?

Die mystische Auslegung der Simson-Geschichte

Und nun darf ich ein drittes Mal etwas zeigen. Ich habe Ihnen an der Simson-Geschichte bereits angedeutet, dass die Ausleger, die die Bibel liebten, immer wieder Schwierigkeiten damit hatten, nicht wahr?

Ich sprach Ihnen schon einmal von einem der interessantesten Bücher, das ich in meiner Bücherei habe: einer mystischen Auslegung des Richterbuchs von einer französischen katholischen Mystikerin, Madame de la Motte-Guillon. Sie war eine Frau, die Ter Stegen übersetzt hat, weil er ihre Schriften für außerordentlich wichtig und evangelisch hielt.

Sie kommt also aus der katholischen Mystik. Diese Leute waren für die katholische Kirche immer eine große Belastung, nicht wahr? Man war froh, wenn sie sich möglichst wenig meldeten. Ihre Schriften sind eigentlich erst durch Ter Stegen, der sie ins Deutsche übersetzt hat, bei Liebhabern des Wortes Gottes bekannt geworden.

Diese mystische Auslegung, die sich mit der inneren Führung der Gläubigen beschäftigt, trägt den Titel „Vorrüber betreffend die innere Führung der Gläubigen“. Sie befasst sich auch mit der Simson-Geschichte.

Wollen Sie hören, was ich bisher sagte? Sie sagt etwa so: „Ich möchte glauben, dass das auf Jesus geschrieben ist, aber ebenso auf alle Gläubigen. Hier wird der Weg aller Gläubigen gezeigt.“

Und jetzt gebe Gott, dass Sie das, was ich jetzt sage, verstehen: Simson gab sich selbst in den Tod, und da wurde er Sieger. Solange er sein eigenes fleischliches Leben behauptete, hatte er nur Niederlagen und geriet in die Hände der Philister. Als er sich selbst in den Tod gab, wurde er Sieger. Verstehen Sie das? Ich hoffe, Sie verstehen diese biblische Sprache.

Jesus drückt es so aus: Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren; wer sein Leben verliert um meines Willen, der wird es finden. Wenn ich schreie: „Mein Recht auf meine Ruhe, auf mein Vergnügen, auf meine Erholung, mein Recht will ich durchsetzen, mein dickes Ich hat ein Recht, da zu sein“, dann erlebe ich laute Niederlagen dem Teufel gegenüber, bis dahin, wo er schließlich über mein verlorenes Leben triumphierend die Fahne schwingt.

Wenn ich aber den Weg gehe zu Jesu Kreuz, unser Herr Jesus, dein Urteil, dein Todesurteil gilt ja eigentlich mir, und das will ich anerkennen. Jetzt will ich mein Ich in den Tod geben. Ich will mein mieses, pietistisches Ich in den Tod geben und dir Platz machen, damit ich fröhlich werden kann. Ich will mein unkultiviertes Ich in den Tod geben und dir Platz machen, dass deine Reinheit einkehren kann. Ich will mein zorniges Wesen in den Tod geben, damit seine Sanftmut einkehren kann. Ich will – und so weiter. Verstehen Sie?

Ich bin mit Jesus gestorben, wenn ich mich selbst mit Jesus in den Tod gebe, wie Simson starb. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Und dann habe ich ihn. Wer sein Leben verliert, der wird es nie bereuen.

Ich halte diese Auslegung für herrlich. Ich hoffe, Sie nehmen das ein bisschen mit. Ich bin merkwürdig im letzten Jahr so geführt worden, dass ich unablässig den Vers beten muss, den ich Ihnen beibringen möchte: „Liebe, zieh mich in dein Sterben.“

Sie werden vielleicht lächeln, dass so manche Prediger einfach ein Jahr lang immer wiederkehren, nicht wahr? Ich kann nicht anders predigen, als was mir Gott selbst deutlich macht. Verstehen Sie?

Mir ist der Vers so wichtig geworden: „Liebe, zieh mich in dein Sterben, lass mich mit dir gekreuzigt sein.“ Was dein Reich nicht erben kann, das kann nicht einfach so erben. Man zappelt schrecklich beim Sterben, nicht wahr? Aber wenn ich das wirklich will, übe und erbitte: „Liebe, zieh mich in dein Sterben, lass mich mit dir gekreuzigt sein,“ dann habe ich ihn. Dann wird mein Leben fruchtbar. Dann wird das Reich der Finsternis überwunden.

Das Reich der Finsternis wird überwunden dort, wo wir ihn totgeben. Es ist schrecklich hart, aber es ist so.

Sie kennen ja die nette Geschichte, die ich, glaube ich, mal erzählt habe, die mein Großvater uns erzählte. Er war Schwabe, ein alter Lehrer, der immer nette Geschichten zur Hand hatte, während andere Leute lange theoretisieren. Da sagt er: „Da bin ich morgen.“ Ich muss gerade Schwäbisch erzählen, zumal ja Schwaben hier sind, und die freuen sich daran.

Da bin ich mal zu meinem alten Bruder gekommen, und der hat so arg traurig ausgesehen. Verstehen Sie? So arg traurig. Und dann hat er gesagt: „Ah, Kinder Gottes leuchten, Kinder Gottes sind fröhlich.“ Na, der hat bloß gesagt: „Ich kann nicht lachen, wenn es sterben muss.“ Und der hat Recht, Gott.

Sehen Sie, es ist wirklich so: Wenn das Glück liebt, wird Liebe ziemlich in einem sterben. „Lass mich mit dir gekreuzigt sein“, das ist kein Kinderspiel. Das ist kein Kinderspiel. Aber in dem Maße, als wir es üben, haben wir ihn. Verstehen Sie? Wird unser Leben fruchtbar als Wirkung, wird das Reich der Finsternis überwunden, wird der Teufel bei Leuten, die mit Jesus im Sterben sind, keine Macht mehr haben. Da hat er doch keinen. Was will er da noch? Nein, das ist nicht mehr so.

Das war Madame de la Motte-Guillon. Und Sie merken aus diesen paar Worten, dass es sich lohnt, diese alten Ausleger – es war sogar eine Frau – wieder hervorzuholen und zu lesen.

Aber sie sagte es mit sehr vielen altertümlichen Worten. Ich habe es Ihnen also versucht zu übersetzen.

Simsons Gebet und die Bedeutung des Anrufens Gottes

Der nächste Punkt, über den ich jetzt sprechen möchte, ist das Gebet des Simson. Simson hat nicht nur Säulen eingerissen, sondern dabei auch gebetet. Das steht in Vers 28: „Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, Herr, gedenke meiner und stärke mich doch, Gott, diesmal, dass ich mich für meine beiden Augen einmal an den Philistern räche.“

Zunächst möchte ich sagen, dass es mich immer sehr freut, wenn in der Bibel steht, dass jemand „rief“. Im hebräischen Urtext steht ein Wort, das „brüllen“, „schreien“ oder „rufen“ bedeutet. Es heißt also nicht einfach „er betete“, sondern „er rief an“. Denken Sie dabei nicht an ein Telefonat, sondern an jemanden, der am Untergehen ist und um Hilfe schreit.

Stellen Sie sich einen Funker vor, der in großer Not ist und unablässig „SOS, SOS“ telegrafiert. Oder jemanden, der in einem brennenden Haus im vierten Stock ist und verzweifelt um Hilfe ruft. So heißt es: „Er rief an.“ Es ist auffällig, wie oft das Beten in der Bibel mit diesem Wort beschrieben wird: „Er rief an.“

Das zeigt, dass wir eine furchtbare Gesellschaft sind. Wir haben alle wilden göttlichen Ströme kanalisiert und gezähmt. Wenn Sie einmal im oberen Rheintal in der Schweiz sind, wissen Sie, wie der Oberrhein früher ein wilder Strom war. Heute ist er so kanalisiert, dass er zu einem harmlosen Gewässer geworden ist, das kaum noch etwas anrichten kann.

Verstehen Sie, wie viele Staustufen dazwischenliegen, wenn der Fluss überfließen will? Wir zähmen alle geistlichen Dinge. In der Bibel kommen sie jedoch ungezähmt auf uns zu.

Persönliche Erfahrungen mit dem Gebet

Habe ich die schrecklich schöne Geschichte erzählt, dass ich im Kirchenkampf von Ort zu Ort gejagt wurde, aus Friesland, und jeden Tag dreimal sprechen musste? Ich hatte keinen Plan, ich wusste auch nicht, was ich tun sollte, falls die Staatspolizei mich schnappen würde. Ich wusste nichts.

Ich wurde in mein Auto gepackt, und um zwei Uhr nachmittags, eine halbe Stunde vorher, wurde im Dorf bekannt gemacht, dass eine Bekenntnisversammlung stattfindet. Dann war die Kirche voll, ich sprach, und so ging es weiter, nicht? Das war grausam.

Abends um sieben kam ich also in so ein einsames ostfriesisches Dorf, fern von aller Welt, nicht wahr? Dort war eine liebe Frau Pfarrerin, die ein Essen bereitstellte, von dem man satt werden konnte. Und dann kam der liebe Amtsbruder. Ich sagte: „Ich habe Gelübde getan, ich gehe nicht auf die Kanzel, ehe ich mit jemandem gebetet habe. Wollen wir nicht zusammen beten?“

Da verschwand er. Dann kam er im Talar und mit einer Agende. Ich sagte: „Ich muss ja keinen Talar anziehen.“ Er antwortete: „Nein, Sie wollten doch mit mir beten.“ Und er sagte: „Das können Sie nur mit dem Bruder.“ Ich fragte: „Ja, wie denn sonst? Sagen Sie, wie betet denn Ihre Gemeinde?“

Er antwortete: „Das weiß ich auch nicht.“ Sehen Sie, der war wirklich so weit, dass er sich im Gebet nur vorstellen konnte, in wohlformulierten Worten, wie die Väter im sechzehnten Jahrhundert gelehrt haben. Anders: Der Mann hat Theologie studiert. Ja, halten Sie nicht so viel davon. Es sind ein paar Theologen hier, denen muss ich ab und zu mal so einen kleinen Stich versetzen, ja.

Das ist etwas anderes. Er rief an: Da war kein Bruch und kein Talar, da war nicht die Sprache der Väter. Das ging frei heraus, verzeihen Sie. Also, wie in der Szene, da gibt es eben nur Worte des Volkdeutschen, Sie verstehen? Er rief an: „Meinen Sie nicht, dass das das eigentliche Gebet ist?“

Oh, ich wünsche Ihnen das. Ich meine, wir können nicht immer so sein, so wie... wir sind nicht immer im Gedränge. Aber vielleicht sollten wir, wenn wir am allerwenigsten im Gedränge sind, anrufen. Denn wir sind dann in der größten Gefahr, wenn alles so glatt ist und dann so geistlich tot. Vielleicht hätten wir es am allermeisten nötig, dass wir dann schreien: „Ja, oh Herr, lass mich nicht einschlafen!“

Aber Gott schenke es uns, dass wir das können in der Anfechtung und Stumpfheit unseres Lebens. Wissen Sie, wenn alles schwinden will, einfach schreien: „Herr, gedenke mein!“ Das ist das Gebet aller Gebete: „Herr, gedenke mein!“

Die Bedeutung von Gottes Gedenken und die Gefahr des Vergessens

Jetzt komme ich auf das Gebet selbst zu sprechen. So fängt es an: „Herr, gedenke meiner!“ Auf den ersten Blick scheint Ihnen das vielleicht nicht so wichtig. Aber Sie müssen den Satz einmal umdrehen: Gibt es die Möglichkeit, dass er mich vergisst? „Gedenke meiner!“ – dieser Gedanke taucht immer wieder im Psalm auf, besonders beim Anrufen in der Dringlichkeit. Es scheint den Menschen der Bibel die schauerlichste Möglichkeit zu sein, dass Gott sie vergisst.

Im Psalm 1 steht: „So sind die Gottlosen nicht, sie sind wie Spreu, die der Wind verstreut.“ Das Vergessen durch Gott ist für einen Menschen, der auch nur vom fernen Strahlen Gottes berührt ist, der schrecklichste Gedanke überhaupt. Man fängt an zu schreien: „Er vergisst mich nicht!“ „Herr, gedenke meiner!“ – man fühlt sich abgeschrieben, vergessen. Das kann man sich doch kaum vorstellen, oder? Man kann in schlaflosen Nächten darüber nachdenken, dass Gott einen abschreiben könnte.

Wenn ich ganz ehrlich bin, sage ich mir, er hätte hundertfach Grund, mich zu vergessen. Wir haben hier einen Jugendverein, wir sind ja nur Gäste, und am Sonntag habe ich 25 Jungs als Mitglieder aufgenommen. Jeder zahlt einen kleinen Beitrag, der für die Mission verwendet wird. Im darauffolgenden Jahr wird immer eine Liste ausgehängt, ein sogenannter „Pranger“, mit den Namen derjenigen, die ihren Beitrag ein ganzes Jahr nicht bezahlt haben.

Dann kommen sie gerannt und zahlen schnell, bis auf drei oder vier, die gar nicht mehr da sind, inzwischen weggerutscht. Das ist für mich immer das Schrecklichste, wenn unser Atze, der das organisiert, die Karten von diesen Leuten rausholt. „Er war mal da, hatte Hoffnung, aber es hat sich nicht gelohnt – weg.“ Und nun rutschen sie aus meinem Gedächtnis. Ich kann ja nicht alle behalten, sehen Sie, in dreißig Jahren, wie viele Jungs habe ich gehabt? Auf einmal sind sie in der Gemeinde des Herrn vergessen.

Aber Gott muss Sie noch nicht vergessen haben. Doch es gibt die Möglichkeit, dass Gott eines Tages sagt: „Ich streiche eure Karte aus der Kartothek, aus dem Lebensbuch.“ Dann kannst du ein großer Mann in der Welt werden, aber du bist abgeschrieben. Du bist überhäuft worden mit Gnade, er hat dir seinen Sohn gegeben, dir Vergebung der Sünden angeboten, seinen Geist geschenkt – du hast nicht gewollt. Auch eine Zeit lang hast du mitgespielt, aber auf Dauer wolltest du keine Wiedergeburt.

Man muss sich diese Möglichkeit nur klar machen. Verstehen Sie, im Neuen Testament stehen einige schauerliche Geschichten von den törichten Jungfrauen, die zu spät zum Hochzeitssaal kommen und anklopfen. Und dann heißt es: „Ich kenne euch nicht!“ Sie stehen einmal draußen vor dem Reich Gottes und hören kein tröstendes Wort, sondern sind abgeschrieben, unbekannt, ausgetan.

Diese Möglichkeit muss man sich vor Augen führen. So versteht man das Gebet Simsons: „Herr, gedenke meiner!“ Er lag geblendet und mit geschorenen Haaren im Gefängnis, hat wahrscheinlich die Hölle durchlebt. Er dachte: „Hat er mich abgeschrieben?“ Und nun, als er herausgeführt wird und den Spott des Volkes spürt, fühlt er: „Er hat mich nicht abgeschrieben! Oh, Gnade!“ Nicht das Schreien, sondern das Flehen: „Herr, gedenke meiner!“

Simson hat hunderttausendmal im Gefängnis geschrien, und nun steht er da in der Gewissheit, dass Gott an ihn denkt. Er hat ihn noch einmal zum Werkzeug gemacht. Aber auf dieses Gebet muss ich nächstes Mal noch genauer eingehen. Das kann ich jetzt nicht im Galopp besprechen.