Einführung in die zentrale Bedeutung der Stellvertretung am Kreuz
Die Stellvertretung ist der alles entscheidende, zentrale und unaufgebbare Punkt der christlichen Lehre vom Kreuz. An dem stellvertretenden Sühnetod Jesu entscheidet sich alles.
Wenn Christus sein Blut vergoss und für wen er das tat, wird dieser aus der Sklaverei der Sünde befreit und wirklich in die Freiheit geführt. Das ist die wahre Stellvertretung, die hier dargestellt wird und die alles überstrahlt. Es ist die Kategorie „Gott anstelle von uns“.
Ohne Entzornung und ohne Gericht gibt es letztlich keine Gerechtigkeit. Das wäre eine „Schwamm drüber“-Mentalität, die im Widerspruch zu Gott selbst und zu seinem Wesen stehen würde. Denn dann wäre etwas Sündhaftes letztlich etwas Sündloses.
Das stimmt, das stimmt. Aber genau das ist die Botschaft. Geringer geht es nicht. Es gibt nur eine Hoffnung, ein Evangelium, und das ist Jesus Christus.
Vorstellung und Kontext des Gesprächs
Und damit herzlich willkommen! Ich bin Markus, Gründer des überkonfessionellen Bibelfit-Dienstes. Um Christen in der Nachfolge zu stärken, erstellen wir kostenfreie Infomaterialien. Nimm gern alles aus diesem Video mit, was du nur kannst.
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Heute zu Gast ist mein Kollege Doktor Martin P. Grünholz. Er ist Familienvater und Langstreckenläufer, aber auch Dozent für Kirchengeschichte, Fachautor und promovierter Theologiehistoriker. Das wäre ich auch gern.
Martin gehört zum Vorstand des Netzwerks Bibel und Bekenntnis. Er ist Mitleiter der Mediathek offen.bar, die wir vom Bibelfit-Dienst ausdrücklich empfehlen. Außerdem ist er ein international gefragter Sachverständiger für bibeltreue Theologie.
Was ich an Martin so schätze, ist, dass er trotz seines IQs und seines umfassenden Wissens ein bodenständiger Typ geblieben ist. Mit ihm kann man einfach mal ein Bier trinken und herzlich lachen.
Martin wird dich und mich jetzt mitnehmen auf eine große Reise – von den Anfängen der Bibel, sogar den Anfängen der Menschheit, bis zum wichtigsten Tag der Weltgeschichte.
Dabei geht es um zwei entscheidende Fragen: Erstens, was hat Gott je für dich getan? Und zweitens, wer ist Jesus? Du wirst gleich sehen, was da alles dranhängt.
Es wird augenöffnend, es wird dir viel Klarheit bringen, und der Schluss wird emotional. Also leg dir schon mal Zettel, Stift oder die Notiz-App bereit, denn wir starten jetzt!
Die Welt im Wandel und die Bedeutung der Erinnerung
Ja, vielen Dank, der Markus! Die Welt ist im Wandel, ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde, ich rieche es in der Luft. Vieles, was einst war, ist verloren, weil niemand mehr lebt, der sich erinnert.
Kennst du die Passagen? Also, ich weiß nicht, ob man die als guter Christ kennen darf, aber ja, ich kenne sie. Ich finde es einen sehr eindrücklichen Start, denn so ist es: Die Welt ist im Wandel. Ich glaube, wer ein Gespür für unsere Welt hat, wer die Zeitung aufschlägt und Nachrichten sieht, merkt das ständig. Irgendwie ist alles im Wandel, alles ist im Fluss, und man riecht und spürt es überall.
Das finde ich spannend bei Herr der Ringe: Am Ende erinnert sich niemand mehr, die Geschichte ist vergessen. Das kann man natürlich sagen, bei Herr der Ringe ist das vielleicht eine andere Story, aber eigentlich geht es genau darum. Worum geht es eigentlich? Die Erinnerung, eigentlich – so würde ich theologisch sagen – nicht nur eine Erinnerung, sondern eine Vergegenwärtigung.
Wir brauchen das wirklich, uns bewusst zu machen, worum es geht. Das kommt von einer Geschichte, die mehr ist als nur eine Story, sondern wirklich eine Wahrheit vermittelt.
Das Neue Testament gibt mir einen Vers, nämlich einen ganz spannenden Vers: „Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Als Neues Testament greift es genau diese Geschichte auf, an die wir uns erinnern sollen – und zwar mehr als nur als Erinnerung. Wenn wir uns daran erinnern, können wir vielleicht eine Vergegenwärtigung erleben, was das für uns heute bedeutet, für unser Leben und vielleicht sogar darüber hinaus für die ganze Wirklichkeit und unser Wirklichkeitsverständnis.
Genau so beginnt das Neue Testament. Im Griechischen ist hier ein Wort für „Genesis“, also Geschichte, nämlich „Genesios“ beziehungsweise „Genesis“. Vielleicht ist es ein bisschen so, wie im Alten Testament die ersten fünf Bücher Mose genannt werden. Man kann sie einfach erstes, zweites, drittes, viertes und fünftes Buch Mose nennen. Oder man sagt, wenn man etwas intelligenter klingen will, Genesis, Exodus, Levitikus und so weiter. Es ist völlig egal, wie man es nennt, man meint dasselbe.
Das erste Buch Mose heißt eben auch „Genesis“, also Geschichte. Deshalb ist es interessant, dass Matthäus sein Evangelium genau so beginnt – mit der Geschichte. Und wenn man sich bewusst macht, dass Papias von Hierapolis, ein Kirchenvater aus dem zweiten Jahrhundert, sagt, Matthäus habe sein Evangelium nicht auf Griechisch geschrieben, wie wir es heute haben, sondern zuerst auf Hebräisch, und es dann später übersetzt wurde, bekommt das noch größere Bedeutung.
Das sagt zum Beispiel auch Eusebius in seiner „Kirchengeschichte“ am Anfang des vierten Jahrhunderts. Er verweist ebenso auf Papias und auf Origenes, dass dies so war. Also hat Matthäus es auf Hebräisch geschrieben. Damit beginnt er mit dem Anspruch: Was du hier hörst, ist Heilige Schrift, auf einer Ebene mit dem ersten Buch Mose.
Die Bedeutung von Abraham und David als Linien des Heils
Wenn wir das erste Buch Mose aufschlagen, fällt uns ein hebräischer Begriff auf, der dort steht: Toledot. Toledot bedeutet mehr als nur Geschichte. Man kann das Alte Testament nach dieser Toledot-Formel durchgehen. Diese Formel bildet eine eigene Gliederung der Genesis, des ersten Buches Mose. Sie zeigt, dass Toledot nicht einfach nur „Es war einmal“ oder „In einem Land vor unserer Zeit“ bedeutet, sondern dass hier eine Geschichte erzählt wird – eine Heilsgeschichte. Es geht nicht darum, dass irgendjemand mal etwas gemacht hat, sondern dass hier ein entscheidender Einschnitt in Gottes Heilsgeschichte geschieht.
Genau so beginnt Matthäus sein Evangelium. Er sagt: „Jetzt kommt die Geschichte von Jesus Christus.“ Und wir sollen uns daran erinnern, dass dies ein ganz entscheidender Einschnitt ist. Matthäus stellt die Verbindung zu zwei Personen aus dem Alten Testament her: zu David und Abraham. Abraham ist der Vater des Glaubens. Wer die Genesis liest, trifft direkt auf ihn, denn in 1. Mose 12 beginnt Gott seine Berufungsgeschichte – rund zweitausend Jahre vor Jesus. Es ist eine exemplarische Geschichte von Berufung, Segen und Erlösung. Gott fokussiert sein Heilswerk auf einen Mann, auf eine Familie und ihre Nachkommen, um so die ganze Welt zu erreichen.
Es geht also nicht nur um Abraham allein, sondern in 1. Mose 12, Vers 3 sagt Gott: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Gott richtet seinen Fokus auf diesen einen Mann, um von ihm aus alle Menschen zu segnen. Das ist der Anfangspunkt.
Eine zweite wichtige Person ist König David aus dem Alten Testament. Er wird in das Chaos dieser Welt hineingesetzt. Wer die Bibel ein wenig kennt oder sich im Alten Testament umschaut, merkt schnell, dass man relativ früh ins Richterbuch kommt und dort nur Chaos vorfindet: Krieg, Konflikte, Abfall und Probleme. Am Ende des Richterbuches steht der entscheidende Satz: „Zu der Zeit war kein König in Israel, und jeder tat, was ihm recht dünkte“ (Richter 21,25). Jeder tat also, was ihm gefiel – eine treffende Beschreibung für Chaos. Es fehlt ein König, und nicht irgendein König.
Wenn man dann im Alten Testament weiterliest, stößt man auf das Buch Ruth. Nach dem Chaos im Richterbuch fragt man sich: „Was soll das eigentlich?“ Ruth erzählt die Geschichte einer Familientragödie. Ein Ehepaar erlebt eine Hungersnot in Israel, verlässt Bethlehem und geht ins Feindesland. Anstatt bei Gott Hilfe zu suchen, verlassen sie sich auf sich selbst und suchen in fremden Ländern Erfolg. Die Geschichte behandelt Flüchtlingsthematik, Trauma, Not und menschliche Schwierigkeiten sehr eindrücklich.
Trotzdem fragt man sich: „Was hat das mit der großen Heilsgeschichte zu tun?“ Erst am Ende von Ruth, in Kapitel 4, wird klar, was Gott hier bewirkt. Wenn man Ruth 4 gelesen hat, möchte man das ganze Buch nochmal von vorne lesen und erkennt, wie genial es aufgebaut ist.
In Ruth 4 wird ganz lapidar gesagt, dass Ruth Boas findet. Boas ist ein Erlösertypus, ein Christustypus. Die beiden bekommen einen Sohn namens Obed. Obed ist der Vater von Isai, der wiederum der Vater von König David ist. Plötzlich wird klar: Inmitten des Chaos der Richterzeit baut Gott seine Heilsgeschichte auf. Er lässt sich Zeit – in diesem Fall vier Generationen –, aber er ist souverän.
König David ist dann die zentrale Figur, die später eine wichtige Verheißung erhält. In 2. Könige 7,12-13 (2. Könige 7,12-13) wird David von Gott gesagt, dass er keinen Tempel bauen soll. Aber Gott verspricht: Wenn David stirbt, wird ein Nachkomme aus seinem Leib hervorgehen. Dieser Nachkomme soll Gottes Königtum bestätigen, seinen Namen ehren und seinen Königsthron ewig sichern.
David bekommt diese Verheißung, doch sein Sohn Salomo baut zwar den Tempel, aber ein ewiges Königtum hat auch er nicht. So verschränkt sich die Geschichte: Man wartet auf den zweiten David, den Messias, der das Königtum Davids wiederherstellt.
Es gibt also zwei große Linien: die Segenslinie, die Gott mit Abraham begonnen hat, und die Königs- und Erlösungslinie, die in David verkörpert ist. David ist der Heilsbringer inmitten des Chaos dieser Welt.
Das Neue Testament beginnt genau mit dieser Anknüpfung an diese beiden Linien. Wenn man den Beginn des Markus-Evangeliums hinzunimmt, heißt es dort: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Markus 1,1). Auch hier steht der Anfang, aber diesmal vom Evangelium, der frohen Botschaft. Es ist eine gute Nachricht, eine Hoffnungsbotschaft, die eine entscheidende Wende in der Heilsgeschichte markiert. Sie hat Bedeutung für dich, für mich, für uns und für die ganze Welt.
Das Evangelium hat einen Namen: Jesus Christus, der Sohn Gottes. Allein dieses erste Wort und der erste Satz tragen einen großen Anspruch: Sohn Gottes zu sein. Diese Botschaft ist einzigartig. Es gibt nur eine Hoffnung, nur ein Evangelium, und das ist Jesus Christus, der Sohn Gottes.
Die Herausforderung, das Evangelium zu verstehen
So kann man zunächst sagen: Gut, damit ist doch alles geklärt. Aber was ist eigentlich das Evangelium? Und ist es nicht klar, dass es Jesus Christus ist? Du hast mich gefragt, ob ich noch etwas mehr dazu sagen soll, was das Evangelium ist.
Wenn man aber diese Linie im Neuen Testament weiterverfolgt – sowohl bei den Menschen zur Zeit Jesu als auch bei uns heute, wenn wir zum ersten Mal das Neue Testament lesen –, dann wird es nicht sofort klar, was das Evangelium genau ist. Jeder, der das Neue Testament zum ersten Mal liest, denkt: Okay, die gute Nachricht ist das Evangelium. Es gibt zwei Linien im Neuen Testament: die Heilslinie, die Segenslinie, die Königslinie. Aber was jetzt genau?
Jesus fasst zu Beginn seines Wirkens in Matthäus 4,17 seine ganze Botschaft zusammen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Das ist der einzige Satz, den wir am Anfang haben, bevor er zu predigen beginnt. Er fasst damit sein gesamtes Wirken zusammen: Er predigt, tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Was bedeutet es, dass das Himmelreich „nahe herbeigekommen“ ist? Es bedeutet, dass mit ihm, mit Jesus Christus, etwas Neues beginnt. Dieser Begriff „nahe herbeigekommen“ drückt aus, wie wenn jemand über die Türschwelle geht. Du bist also noch nicht ganz drinnen, aber auch nicht mehr draußen. Du stehst sozusagen in der Tür, du fällst mit der Tür ins Haus und es ist bereits ein Hereinkommen.
Du kannst dir das vorstellen wie bei der Deutschen Bahn: Der Zug kommt angerollt, die Tür geht auf, und erst wird noch das Trittbrett ausgefahren. Der Zug ist schon da, die Tür öffnet sich, und jetzt bist du eigentlich da. Trotzdem ist es noch ein Prozess des Kommens.
Das ist diese Türschwelle, von der Jesus spricht: „Mit mir ist das Himmelreich nahe herbeigekommen.“ Deshalb ruft Jesus zur Buße auf. Buße bedeutet Umkehr, eine Neuausrichtung auf Gott, auf sein Himmelreich. Der Glaube an den lebendigen Gott und der Eintritt in die persönliche Nachfolge mit ihm sind das, wozu Jesus aufruft. Und das ist sozusagen die Botschaft des Evangeliums.
Trotzdem bleibt die Frage: Was ist das Evangelium jetzt genau? Es ist ein Glaube an ihn, eine Verbindung mit ihm, eine persönliche Nachfolge. Aber ist das schon das Evangelium an sich? Oder geht es noch mehr? Wie kann ich das fassen?
Genau diese Frage ist zentral: Ist das ausreichend, oder worin besteht das Evangelium? Ist es eine Verbindung, ein Bewusstsein? Und das ist die Kernfrage, die wir uns heute anschauen wollen: Was ist das Evangelium, und welche Bedeutung hat das Kreuz in diesem Zusammenhang?
Die Frage nach dem Evangelium im Heidelberger Katechismus
Es gibt bestimmte Texte, die über die Jahrhunderte hinweg, also abseits oder nach der Bibel entstanden, eine ganz prägende Kraft entwickelt haben. Diese Texte wirken nicht nur in ihrer eigenen Generation, sondern oft über viele Jahrhunderte oder sogar über tausend Jahre hinweg.
Ein ganzes Bündel solcher Texte existiert, und ich möchte jetzt keine Liste aufzählen, warum du manche nicht genannt hast. Aber es gibt viele Texte, bei denen man merkt, dass sie einen großen Einfluss hatten – weit über ihre eigene Zeit hinaus.
Ein Text, der mich immer wieder sehr bewegt, habe ich im Studium kennengelernt. Mein Lehrer für systematische Theologie, Herr Neuer, hat ihn oft hervorgehoben, und er hat mich tatsächlich sehr geprägt. Es handelt sich um die erste Frage des Heidelberger Katechismus.
Der Heidelberger Katechismus wurde im Jahr 1563 verfasst. Er stammt aus der Reformationszeit und wurde in Heidelberg in der Kurpfalz geschrieben. Diese erste Frage ist für mich eine unglaublich geniale Zusammenfassung der Frage: Was ist das Evangelium?
Der Katechismus ist so aufgebaut, dass er Fragen stellt und darauf Antworten gibt. Er ist zum Auswendiglernen gedacht und wird daher sehr empfohlen. Neben dem Heidelberger Katechismus gibt es auch den kleinen Katechismus von Martin Luther. Außerdem gibt es neuere Katechismen, wie den New City Katechismus, der beispielsweise von Timothy Keller geschrieben wurde. Ich finde ihn didaktisch sehr gut gestaltet.
Das wäre eigentlich ein eigener Punkt, aber zurück zur Frage eins des Heidelberger Katechismus: Sie ist eine sehr wirkmächtige Frage in der Geschichte von fast 500 Jahren. Die Frage lautet: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Wir fangen ganz einfach an: Im Leben und im Sterben – dein einziger Trost. Ganz entspannt formuliert.
Wenn du darüber nachdenkst, was dich im Leben tröstet, fallen dir vielleicht viele Dinge ein: die Orgelmusik, die Gemeinschaft, Familie, wirklich tiefe Beziehungen, Hobbys. Du kannst viele Beziehungen zu Menschen aufzählen, die dir Trost spenden.
Interessanterweise würden wahrscheinlich die wenigsten sagen, dass materielle Dinge sie trösten. Kaum jemand würde sagen: „Mein einziger Trost ist mein volles Bankkonto.“ Die meisten Menschen nennen in solchen Momenten eine Beziehung, einen Menschen, einen Freund oder die Familie als ihren Trost.
Vielleicht gibt es aber auch Menschen, die sagen: „Was mich tröstet, ist mein Auto, der Urlaub oder ein schöner Ausblick.“ Aber spätestens, wenn es um den Trost beim Sterben geht, wird die Perspektive anders.
Vielleicht sind dann noch geliebte Menschen bei dir im Sterbeprozess. Aber am Ende, wenn ich aus dem Fenster schaue – ich blicke gerade auf einen Friedhof. Direkt neben uns ist ein Friedhof, und ich bin selbst an einem Friedhof aufgewachsen.
Für manche ist es schrecklich, an einem Friedhof zu leben. Für mich war es von klein auf völlig normal. Wenn ich mal zu spät zum Bus für die Schule kam, was regelmäßig vorkam, bin ich oft über die Friedhofsmauer gesprungen und durch den Friedhof gerannt, um rechtzeitig zum Bus zu kommen.
Der Friedhof war also immer ganz nah in meinem Leben. Psalm 90, Vers 12 erinnert uns daran, dass wir sterben müssen und dass wir dadurch klug werden sollen. Dieses Nachdenken über das Sterben steht auch im Hintergrund der Frage eins des Heidelberger Katechismus.
Es geht darum, was wirklich trägt beim Sterben und beim Tod. Was dort nicht trägt, trägt auch im Leben nicht. Vor allem, wenn es um die Frage geht: Was ist denn dein einziger Trost?
Es geht hier nicht um das, was Spaß macht – davon gibt es viele Dinge. Sondern um das, was wirklich tröstet, wenn alles zerbricht.
Diese Frage ist also: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dahinter steht die Perspektive: Was ist das Evangelium? Was tröstet wirklich? Was gibt Kraft?
Es gibt zwei unterschiedliche Grundpositionen, wenn man das Evangelium und Jesus betrachtet. Wenn man eine Gliederung machen würde, könnte man sagen, dass es jetzt einen Hauptteil gibt, der diese beiden Perspektiven gegenüberstellt.
Die eine Sichtweise ist die Solidaritätschristologie – der Blick auf Jesus als jemanden, der solidarisch mit uns ist. Die andere Sichtweise ist die Stellvertreterchristologie – Christus, der stellvertretend für uns sein Leben hingibt.
Das sind zwei verschiedene Schwerpunkte, wie man mit Jesus und dem Evangelium umgehen kann.
Lass uns nun gemeinsam beide Perspektiven anschauen.
Die Solidaritätschristologie: Jesus als Vorbild und solidarischer Helfer
Solidaritätschristologie
Das Evangelium liegt vor allem darin, dass Jesus sich mit uns solidarisiert und vorbildlich lebt. Man sieht, wie Jesus Barmherzigkeit zeigt, seine Liebe und Gnade offenbart, wie er sich hingibt und sich verschenkt. Er wendet sich den Menschen zu, wie zum Beispiel der Frau am Jakobsbrunnen. Er spricht mit ihr und geht auf sie ein. Ebenso beachtet er diejenigen, die ausgeschlossen sind, wie Bartimäus, den wir oft zum Schweigen bringen wollen. Auch die Freunde, die den gelähmten Mann durch das Dach zu Jesus herunterlassen, behandelt Jesus auf eine absolut vorbildliche Weise. Das ist ein Exempel für uns und das Entscheidende an der Sendung Jesu.
Man kann zusammenfassen: Jesus lebt sehr vorbildlich. Das Motto lautet etwa: Macht es so wie er, nehmt euch ein Beispiel an ihm. Ist das eine faire Zusammenfassung? Ja, genau.
Ein zentrales Thema ist natürlich die Bergpredigt, also die Ethik der Bergpredigt und die Frage, wie es wäre, wenn wir so leben könnten. Präsident Harry Truman von den USA schrieb in seinem Weihnachtsbrief 1945, nachdem der Schrecken des Zweiten Weltkriegs vorbei war und die westliche Welt den Wiederaufbau der Zivilisation begann, folgendes: „Es gibt kein Problem dieser Welt, das nicht im Geist der Bergpredigt angegangen werden kann.“
Wenn wir also die ganze Welt und Zivilisation nach der Bergpredigt aufbauen würden, gäbe es eigentlich keine Probleme. Das ist eine sehr optimistische Vorstellung, vielleicht auch in dieser Welt. Umgekehrt sagt Truman, wenn wir dem Vorbild Jesu folgen würden, wäre es wirklich gut. Dann wäre das Himmelreich nah herbeigekommen.
Auch Menschen, die nicht dem christlichen Glauben angehören, loben die Bergpredigt hoch. Zum Beispiel Mohandas Gandhi, der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Er bezeichnete die Bergpredigt als das Vorbild für unser Leben. Er sagte, es könne nicht besser von Barmherzigkeit, dem Kampf gegen Unterdrückung, für Frieden, Aussöhnung und Liebe gesprochen werden als hier in der Bergpredigt. Ein Nichtchrist lobt also in höchsten Tönen genau das und sagt: So sollten wir leben. Das ist wirklich eindrücklich.
Dieser Blick auf Jesus zeigt, dass er sich mit uns solidarisiert. Siegfried Zimmer fasst in einem Worthaus-Video zum Prozess vor Pilatus zusammen: Wer war Jesus? Jesus war aufmerksam für die Armen, er schätzte die Frauen höher ein, als es damals üblich war, und er liebte die Kinder. Für ihn reichte das. Alles andere sei nur Titelgeklapper. Wer mehr darüber sage, bekomme einen Bürgereiz. Es reiche völlig, dass Jesus aufmerksam für die Armen war, die Frauen höher schätzte als damals üblich und die Kinder liebte.
In der Bergpredigt, Matthäus 5,44-45, heißt es: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Die Liebe Gottes und die Feindesliebe als höchsten Punkt der Liebe werden zum Kern dessen, wer Christus ist, was er getan hat und was er auch für uns getan hat, indem er uns das zeigt.
Wenn man etwa Matthäus 9 liest, sieht man, wie Jesus zur blutflüssigen Frau sagt: „Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.“ Die Frau wurde zu derselben Stunde gesund. Wenn wir zu Jesus kommen und sehen, wie er mit uns umgeht, merken wir, dass hier wirklich etwas ist, das uns gesund macht und tröstet.
Auch Matthäus 19,14 sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen, wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Himmelreich.“ Wer zu Jesus kommt, hört diese Worte und wird gesegnet. Er merkt, dass er verändert wird.
Doch die Frage bleibt: Reicht das? Ist das wirklich das volle Evangelium? Das wäre vor allem eine bessere Ethik, die Jesus uns zeigt, eine bessere Ethik als die, die wir sonst in der Welt haben. Reicht diese Ethik aus?
Die Frage nach dem Kreuz lautet: Warum eigentlich das Kreuz? Warum braucht es das Kreuz überhaupt noch?
Die Bedeutung des Kreuzes in der Solidaritätschristologie
Wenn Jesus sich mit uns solidarisiert, sind all diese Stellen wichtig – tatsächlich schon alle wichtig –, weil Jesus genau das tut und so mit uns umgeht. Aber warum braucht es dann das Kreuz?
Ich habe in einem Buch von Martin Benz gelesen. Er schreibt, wenn jemand glaubt, keine Kraft zu haben, dass Jesus ein Opfer (victim) war. Im Gegensatz zum Opfer (sacrifice) am Kreuz wird Jesus zum Märtyrer. Er wird für seine Überzeugung und seinen Glauben mit Folter und Tod bestraft. Jesus wird Opfer menschlicher Ungerechtigkeit und Bosheit. Dadurch solidarisiert er sich mit all denen, die vor ihm oder nach ihm Opfer menschlicher Ungerechtigkeit werden – mit allen Schwachen, Gebrochenen, Ausgestoßenen und zu Unrecht Angeklagten.
Am Kreuz wird das quasi auf die Spitze getrieben: Jesus wird Opfer. Im Englischen kann man sagen, man ist Opfer (victim) oder Opfergabe (sacrifice). Jesus ist kein Opfer, das sein Leben freiwillig gibt, sondern er ist Opfer der Ungerechtigkeit und Bosheit. Gerade dadurch solidarisiert er sich aufs Äußerste. Das Kreuz ist der Inbegriff dessen, wofür Jesus stand.
So sagt Martin Benzauer letztes Jahr in seinem Podcast: Versöhnung, Vergebung und Erlösung sind nicht im Kreuz begründet. Das Kreuz ist also Ausdruck dessen, was wir haben. Im Kreuz wird sichtbar, wie sehr diese Hingabe und Solidarität mit dieser Welt wird.
Jason Liesendahl, ein anderer postevangelikaler Blogger und Autor, schreibt in seinem Blog: Jesus hätte nicht so sterben müssen. Zitat: „Ja, Jesus hat sein Leben hingegeben, damit ist aber nicht das Kreuz gemeint. Das steht für seinen Dienst an den Armen, seine Predigt und seine Kritik an den Mächtigen.“ Sein Leben hinzugeben ist Ausdruck dessen, was er schon davor gemacht hat – diese Liebe und Hingabe.
Man merkt hier schon an diesen Äußerungen, dass sie sich mit dieser Solidaritätschristologie von einer Stellvertreterchristologie abgrenzen. Ein Gegensatz wird aufgebaut: Nicht einfach Solidarität versus Stellvertreter, sondern vor allem ein starkes „Nein“ zur Stellvertreterchristologie. Das sei problematisch.
Zum Beispiel schreibt Martin Benz später auf Seite 102 und 103: Nach seinem persönlichen Verständnis des biblischen Zeugnisses ist das Kreuz nicht die Ursache oder der Auslöser, also nicht Heils konstituierend für Gottes Vergebung und Versöhnung. Gott braucht das Kreuz nicht, um etwas tun zu können, was er vorher nicht tun konnte. Das Kreuz hat nicht Gott zum Handeln gebracht, sondern vielmehr uns zum Handeln befähigt.
Solidaritätschristologie bedeutet also, dass das Heil hier konstatiert wird. Es wird gezeigt, etwas wird sichtbar, etwas deutlich gemacht. Das Kreuz selbst verändert nichts an sich. Es wirkt subjektiv, macht aber keinen objektiven Unterschied – aus Sicht dieser Autoren.
Nur falls jemand den Faden verloren hat: Martin paraphrasiert hier die Sicht oder Behauptungen dieser Autorin. Es sind aktuelle postevangelikale Vertreter, die in Blogs, Podcasts und Büchern in den letzten Jahren aufgetaucht sind und durch das Internet verbreitet werden.
Im Prinzip ist das eigentlich nichts Neues. Es wird manchmal als neuer Trend angepriesen, ist aber eigentlich die klassische Kritik, die seit gut 150 Jahren von der liberalen Theologie geäußert wird. Statt Benz oder Siegfried Zimmer hätte man auch die Kritik von Kant, Schleiermacher, Albrecht Ritschl, Friedrich Nietzsche, Adolf von Harnack oder Rudolf Bultmann anführen können. Diese sind zwar schon älter, aber die Aussagen ähneln sich fast eins zu eins.
Wer dem nachgehen will, dem empfehle ich kritisch beleuchtend ein sehr gutes Buch und einen Artikel von Professor Rolf Hille in dem Buch „Warum das Kreuz“ von Volker Gäckler, erschienen Ende der Neunziger. Darin hat Rolf Hille bis heute einen sehr lesenswerten Aufsatz mit dem Titel „Die Selbsterlösung des neunzehnten Jahrhunderts“ geschrieben. Er zeigt anhand dieser älteren Autoren die liberale Position auf und verweist darauf, dass es bei diesen Kritiken vor allem darum geht, die Kategorien von Zorn, Gericht und Strafe im Gottesbegriff abzulegen. Man sagt: Nein, damit kommt man nicht klar.
Zorn, Gericht und Strafe haben nichts mit dem Kreuz und auch nichts mit Gott zu tun. Es geht vielmehr um Solidarität und Liebe. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Siegbert Riecker hat sich in einem sehr guten Artikel mit der verstörenden Grausamkeit des Gottesbildes beschäftigt. Er geht auf sechs prominente Einwände ein, die sagen, das Opfer sei heidnisch, nicht biblisch, primitiv und ein beleidigendes Gottesbild stecke dahinter. Letztlich mündet das in eine Position, die an den deutschen Schriftsteller Heinrich Heine erinnert. Eventuell geht es auf den französischen Philosophen Voltaire zurück, der polemisch fragte: „Dieu pardonne, c’est son métier“ – Gott wird mir vergeben, denn das ist sein Beruf.
Wenn es Gott überhaupt gibt – was sowieso fraglich sei –, dann wird er doch mir vergeben. Das sei sein Job. Was soll er sonst tun als uns zu lieben?
Man mag darüber lachen oder weinen, aber es gibt Menschen, die das wirklich glauben. Das ist krass. Ich weiß, das klingt überspitzt, aber es ist nachvollziehbar und sympathisch. Trotzdem ist es eine ernste Sache.
Charles Taylor schreibt in seinem Buch „Säkulares Zeitalter“, dass ein fundamentaler Wandel stattgefunden hat. Er spricht von einer anthropozentrischen Wende, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Wenn man mit Leuten spricht, die sich nie näher mit dem christlichen Glauben oder Theologie beschäftigt haben, hört man oft: „Wenn es Gott gibt, dann muss er doch der liebe alte Mann sein, der keiner Fliege etwas zuleide tut.“
Das ist das Gottesbild vieler Menschen, die kaum einen Bezug zum Glauben haben. Wenn man mit jemandem über den Glauben spricht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Person entweder atheistisch aggressiv sagt: „Es gibt keinen Gott!“ oder eben so ein Gottesbild hat.
„Ich habe doch kein Problem mit Gott. Ich bin ein guter Mensch. Gott kann es doch gar nicht erwarten, mich endlich in den Himmel zu rufen.“
Das ist Ausdruck unserer Zeit. Die liberale oder postevangelikale Position ist in dieser Hinsicht aktuell und gegenwärtig.
Das Interessante an diesem Modell ist, dass es letztlich kein Kreuz braucht. Jesus ist ein guter Mann. Das muss man sich mal vor Augen führen.
Ich überspitze ein wenig, korrigiere mich, wenn ich falsch liege: Wenn das dein Gottesbild ist, dann hast du am Ende einen Jesus, der gar nicht gekreuzigt werden muss. Dann hast du ein Christentum ohne Kreuz. Und eigentlich hört die Bibel dann bei Matthäus 25 auf – oder sogar schon früher –, weil du dann auch kein Gericht brauchst.
Das ist wirklich krass. Es ist keine Kleinigkeit.
Alle Kategorien wie Strafe, Zorn, Gericht, Weltgericht, Himmel und Hölle werden verworfen. Das sind dann antike oder mittelalterliche Vorstellungen, die Menschen unterdrücken oder Angst machen sollen. Aber das kann keine echte Religion sein.
Albrecht Ritschl war es ein großes Anliegen, dass wir eine ethisch verantwortete Religion brauchen. Theologie soll eine bessere Pädagogik sein. Wir müssen schauen, wie wir miteinander leben. Das heißt nicht, dass es nicht wichtig ist, wie wir leben, aber das ist nicht die Botschaft des Evangeliums, sondern die Folge davon.
Deshalb brauchen die liberale Theologie und die postevangelikalen Positionen letztlich das Kreuz nicht mehr. Erlösung findet in einem Sinneswandel statt, in einem neuen Bewusstsein, in einer veränderten Einstellung und veränderten Handlungen gegenüber der Welt und mir selbst.
Letztlich sind wir dann bei einer Selbsterlösung – Gerechtigkeit durch eigene Werke, durch das, was ich selbst tue oder unterlasse. Jesus ist Vorbild, Exempel, er solidarisiert sich mit uns und mit ihm.
Dietrich Bonhoeffer könnte man an dieser Stelle als wirkmächtigen Autor nennen. Er sagte: „Damit wird Gnade billig“, die billige Gnade, die eigentlich gekommen ist – ein bekannter Text aus seinem Buch „Nachfolge“. Er fordert: Wir können uns nicht mit einer billigen Gnade zufriedengeben, unser Kampf gilt der teuren Gnade.
Uwe Swahrhard, ehemaliger Professor in Elztal, schreibt: Versöhnung vollzieht sich rein subjektiv durch eine Veränderung im Gottesbild, die sich in einem entsprechenden Leben auswirkt. Das ist seine Zusammenfassung der liberalen Position.
Paul Fille fasst am Ende ähnlich zusammen wie Uwe Swahrhard: Der Mensch braucht keinen göttlichen Erlöser, weil er mit sich selbst moralisch zurechtkommt und in seinem Bewusstsein die Selbsterlösung vollzieht.
Das ist bitter. Wir lachen darüber, aber es ist bitter.
Deshalb die erste Frage: War der heilige Katechismus ein einziger Trost im Leben und im Sterben, dass ich mit mir selbst, meinen Chancen und Grenzen klarkomme? Dass ich mit mir versöhnt werde, gut leben darf und mich für Gerechtigkeit, Frieden und Liebe in dieser Welt einsetze und das vorlebe?
Das hat niemand so formuliert, das ist meine Versuch einer Zusammenfassung. Diese Dinge sind nicht schlecht, aber sie reichen vielleicht im Leben, aber doch nicht im Sterben.
Das ist nicht die Botschaft des Evangeliums. Es ist ein Teil, eine Folge, eine Wirkung des Evangeliums, dass wir das tun sollen. Die Wirkung des Evangeliums ist eine Versöhnung mit mir selbst, vor allem aber mit Gott.
Und eine Versöhnung mit den Mitmenschen, wie es im Vaterunser steht: Wir bitten darum, dass Gott uns vergibt und wir unseren Schuldigern vergeben. Die Gnade Gottes soll durchfließen in dieser Welt. Das ist absolut zentral.
Aber es ist die Folge, eine Wirkung des Evangeliums. Es braucht mehr als eine subjektive Grundlage. Es braucht eine objektive Grundlage, einen konstituierenden Punkt für die Erlösung, für das Heil.
Was heißt das, ein konstituierender Punkt? Es braucht etwas, das außerhalb von mir aufgerichtet wird. Es wird nicht nur etwas dargestellt, sondern es muss sich etwas an mir verändern. Es muss wirklich etwas passieren, und zwar nicht nur zwischen meinen zwei Ohren.
Deshalb reicht ein verändertes Gottesbewusstsein nicht. Auch wenn man sagt, es sei ein reines Gottesbewusstsein, das sich verändert hat, reicht das nicht. Das Gottesbewusstsein ist eine schöne Einstellung, aber es reicht nicht.
Es muss einen objektiven Punkt geben, der wirklich etwas verändert. Es gibt Handlungen, die wirklich etwas verändern.
Du hast ja geheiratet, Markus. Als der Standesbeamte gesagt hat: „Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau“, warst du rechtlich verheiratet. Davor hätte Elis noch weglaufen können, aber ab diesem Moment war es klar: Du bist dran.
Wenn du deine Ausbildung abgeschlossen hast, wenn du Zerspanungsmechaniker bist, überreicht dir jemand dein Zeugnis. Dann bist du Zerspanungsmechaniker, nicht vorher.
Das ist ein konstituierender Punkt.
Und genau das sagt die Solidaritätschristologie: Das braucht es nicht. Es braucht keinen konstituierenden Punkt, sondern nur einen Punkt, an dem etwas sichtbar wird.
Das war der eine Punkt der Solidaritätschristologie.
Sie grenzt sich ab – deswegen sind wir natürlich zum Teil schon in der Stellvertreterchristologie.
Aber machen wir mit diesem zweiten Punkt weiter.
Die Stellvertreterchristologie: Der stellvertretende Sühnetod Jesu
Die Stellvertreterchristologie ist ein Alternativmodell, aber nicht im Sinne von „entweder oder“. Es bedeutet nicht, dass die Solidarität völlig falsch ist. Vielmehr geht es darum, dass die Stellvertretung den alles entscheidenden, zentralen und unaufgebbaren Punkt der christlichen Lehre vom Kreuz darstellt. An dem stellvertretenden Sühnetod Jesu entscheidet sich alles.
Sogar so sehr, dass die Solidarität fast überflüssig erscheint. Sie ist zwar ein nettes Beispiel, aber ohne die Stellvertretung bringt die Solidarität nur sehr begrenzt etwas. Man könnte sagen, dass es auch andere Bilder in der Geschichte von Menschen gibt, die vorbildlich gelebt haben. Dann wäre die Solidarität allein nicht ausreichend.
Die Stellvertretung nimmt die ganze Spitze des Evangeliums weg, ebenso den Anspruch Jesu an seine Sendung. Deshalb stellt sich die Frage: Was ist der einzige Trost im Leben und im Sterben? Diese Frage findet sich im Heidelberger Katechismus.
Die Antwort darauf lautet: Ich bin mit Leib und Seele, sowohl im Leben als auch im Sterben, nicht mir selbst, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus eigen. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst.
Außerdem bewahrt er mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fällt. Ja, sogar alles muss zu meiner Seligkeit dienen. Er versichert mich durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens und macht mich bereit und willig, ihm fortan von Herzen zu leben.
Das ist die Antwort im Heidelberger Katechismus. Ganz klar: Ich gehöre nicht mehr mir selbst, sondern Jesus Christus. Damit beginnt es. Es geht um eine Besitzkategorie, aber vor allem um Zugehörigkeit, eine relationale Verbindung, eine Gemeinschaft – jemand, dem ich gehöre, zu dem ich gehöre.
Und zwar nicht nur ein bisschen, so wie ein netter Austausch, sondern ich gehöre ganz und gar meinem Herrn, der mich freigekauft hat. Er hat stellvertretend für mich bezahlt, vollkömmlich bezahlt. Das ist ein altes Wort, das bedeutet vollkommen, absolut. Es gibt nichts, was noch offen wäre.
Die „Kreditkarte“ war absolut gedeckt, mehr als gedeckt. Vollkömmlich heißt, es gibt nichts, was das Blut Christi nicht bezahlen könnte – keine Sünde, kein Mord, nichts. Selbst die größten und schrecklichsten Sünder der Geschichte der Menschheit können durch das Blut Christi vergeben werden, weil er vollkommen bezahlt hat.
Er hat mich aus der Gewalt des Teufels befreit – also wirklich einen Herrschaftsbericht. Christus hat mich herausgerissen aus den Verderbensmächten Sünde, Tod und Teufel. Er hat diese Mächte besiegt, plattgemacht und mich daraus befreit. Zudem versichert er mir das ewige Leben.
Das ist ein Halt, ein Trost, weil ich weiß, wohin ich gehe: das ewige Leben ist mir sicher. Wenn man mit normalem Blick auf den Friedhof schaut, sieht man oft nur das Ende. Aber ich weiß, dass ich nicht das Leben verliere, sondern die Ewigkeit gewinne, wenn ich gehe.
Wenn Paulus sagt: „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“, dann ist das eine völlig andere Perspektive auf das Leben. Es ist nicht depressiv, und man will unbedingt sterben. Vielmehr hat man eine Perspektive: Ich weiß, wohin ich gehe. Dort habe ich bereits ein Bürgerrecht. Ich habe jetzt eine Wohnung vorbereitet im Himmelreich.
Das ist ein wirklicher Trost, der mich entspannter leben lässt, weil ich weiß, die Ewigkeit ist geklärt. Die Ewigkeit ist mein Zuhause. Dort gehöre ich hin, dorthin komme ich, wenn ich gehe.
Martin Nusser schreibt in seinem Buch „Eine feste Burg ist unser Gott“ im Schluss, in der letzten Strophe:
„So nehmen sie den Leib, Kind, Ergurt und Weib,
Lass fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben.“
Das bedeutet: Wenn uns alles genommen wird – Kind, Ehe, Gut, Frau (Weib ist hier nicht negativ gemeint) –, dann hat das keinen Gewinn. Das Reich, das Himmelreich, bleibt uns. Das ewige Leben ist versichert.
Gerade wenn das sicher ist, wohin ich gehe, die Ewigkeit, dann kann ich auch ganz anders leben, dienen und wirken. Wirklich für Gott leben und ihm zu Ehren vorangehen.
Das ist der Überblick. Nun versuche ich, das noch einmal in vier verschiedenen Schritten aufzuschlüsseln – vier Unterpunkte, die erklären, was das Evangelium eigentlich bedeutet, was das mit dem Kreuz zu tun hat und wie sich das im Kreuz sichtbar zeigt.
Schritt eins: Evangelium heißt „Gott für uns“. Chronobis – ach so, verteidige Gott für uns.
Vier Schritte zur Erklärung des Evangeliums und der Kreuzesbedeutung
Schritt eins: Evangelium heisst Gott für uns (pro nobis)
Wir haben nächstes Jahr ein großes Jubiläum. Weißt du, was nächstes Jahr euer Jubiläum ist? 2025. Genau, das sind fünfundzwanzig – nein, das sind fünfhundert Jahre. Martin, hilf mir mal! Also, man kann sagen, 500 Jahre ist das selber Obitrio von, aber ja, genau, das ist nicht... Ja, das ist das Erste, was mir eingefallen ist. Ich wollte es euch nicht sagen. Ja, okay, ja, genau. Nein, sondern auch spannend, das Jubiläum. Aber das Entscheidende ist: Nächstes Jahr sind es eigentlich 1700 Jahre Nysenum Constantinopolitanum.
Okay, okay, stimmt, du hast Recht! Du hast Recht, das ist ein guter Punkt, selten aber manchmal: Vor 1700 Jahren wurde das erste christliche Bekenntnis auf einem der ersten Konzile nach dem Apostelkonzil verfasst. Also in der nachapostolischen Zeit, das erste Konzil, das Konzil von Nicaea 325, wurde das erste Bekenntnis dort verfasst und verabschiedet. Die Vertreter aus der ganzen Kirche kamen zusammen und haben dort eigentlich zusammengefasst, an wen und was wir glauben.
Also vielleicht kennt ihr das Apostolische Glaubensbekenntnis. Wer schon mal im landeskirchlichen Gottesdienst war, der weiß, dass dort in der Regel in der Liturgie jeden Sonntag gebetet wird: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Das ist ein super Bekenntnis. Mein Sohn oder besser gesagt meine Söhne lernen es gerade auswendig. Nachdem sie das Vaterunser und den Psalm 23 können, sind wir jetzt beim Glaubensbekenntnis. Mein Großer ist sechs, mein Zweiter ist vier, also sie sind schon fleißig dran. Das ist vielleicht noch ein bisschen gewohnter.
Und wer das Nicaenum Constantinopolitanum liest und nicht so ganz sicher ist beim Apostolischen Glaubensbekenntnis, denkt, das ist irgendwie das Gleiche. Es gibt sehr große Schnittmengen. Das Nicaenum ist dort eine ganze Spur länger und hat nochmal gewisse andere Schwerpunkte und Pointen. Aber wer das andere schon mal gehört hat, dem wird das jetzt nicht völlig fremd vorkommen.
Dort gibt es im zweiten Artikel, also wenn es um Jesus Christus geht, eine ganz entscheidende Zeile: „Er ist für uns Menschen und zu unserem Heil vom Himmel gekommen.“ Also Ziel und Absicht des Lebens Jesu war die Hingabe, die Selbsthingabe. Hier wird noch gar nicht vom Kreuz gesprochen, das kommt ja erst danach. Sondern es wird schon in der Menschwerdung, in der Inkarnation Jesu, also als Gott Mensch geworden ist und als er von einer Jungfrau geboren im Stall von Bethlehem zur Welt kam, ein klares Ziel genannt: Er ist deswegen gekommen.
So wie es auch der große Christus in Philipper 2 herausdrückt, ist das ganze Leben Jesu davon gekennzeichnet. Man kann fast mit einem Lied sagen, das vor einigen Jahren populär war: Er ist geboren, um zu sterben. Also nicht geboren, um zu leben, sondern geboren, um zu sterben. Das war das Ziel dessen, was er ist.
Das sagt er zum Beispiel auch in einem Abschnitt, wo eine etwas bekanntere Geschichte erzählt wird: von Zachäus, dem Zöllner, der von Jesus angenommen wird, mit dem er zu Abend isst und die Leute sich darüber aufregen. Dort sagt Jesus in Lukas 19, Vers 10, diesen ganz entscheidenden Satz: „Der Menschensohn“ – also er sagt „ich selbst, der Menschensohn“ – „bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Das ist eine ganz entscheidende Stelle: Er kommt, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Oder dann auch in Markus 10, Vers 45 sagt Jesus: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“
Was hier zum Ausdruck kommt, ist Solidarität – aber noch viel mehr: Solidarität, die überboten wird von einer Selbsthingabe zur Erlösung. Er sieht sich von Anfang an in dem Auftrag, Menschen zu suchen und zu erlösen.
Das Bild, das er hier verwendet, gerade in Markus 10,45, ist nicht – wie es zum Beispiel Jens Stannenberg in seinem Podcast oder Martin Benz meint – vom römischen Sklavenmarkt entnommen. Dort wird so getan, als sei ein Freikauf eine Zahlung, womöglich an den Teufel, und man rede vom Sklavenverhältnis. Aber es geht hier gar nicht um Rom und den Sklavenmarkt. Es geht viel, viel tiefer.
Er knüpft nämlich an das Alte Testament, an den jüdischen Kontext, nicht an den römischen, der viel älter ist als das römische Reich. Und dort eigentlich an das Jom-Kippur-Fest. Aus 3. Mose 16 lesen wir: Das ist das alles entscheidende Fest im Alten Testament, das heute als das höchste Fest im Judentum gilt. Auch wenn Pessach irgendwie präsenter ist, ist Jom Kippur eigentlich theologischer entscheidender.
So wie bei uns heute Weihnachten präsenter ist, aber eigentlich Karfreitag und Ostern theologischer wichtiger sind — so hat das Judentum das auch.
Jom Kippur ist eigentlich das höchste Fest im Judentum.
Wenn wir das lesen, 3. Mose 16, dort soll der Hohepriester einen Ziegenbock nehmen und ihn schlachten. Sein Blut soll er über der Deckplatte der Bundeslade, dem sogenannten Gnadendeckel, sprengen. Dort soll er das Blut des geschlachteten Sündbocks so aufsprühen.
Und wir lesen dort in Vers 17, 3. Mose 16,17: „So soll er dem Hohenpriester Sühne schaffen für sich und für sein Haus und für die ganze Gemeinde Israels.“
Das Bild dort ist: Hier wird Sühne geschaffen, stellvertretende Sühne durch ein Opfer, einen Ziegenbock, der geschlachtet wird.
Jesus knüpft daran an, an dieses Stellvertreter-Opfer und das Lösegeld, dass er sein Leben gibt und dass sein Blut vergossen wird, um Sühne zu schaffen, damit Sünden vergeben werden.
In diesem Kapitel gibt es dann noch einen zweiten Ziegenbock, der sinnbildlich ausdrückt, was dann passiert: Mit einem zweiten Sündenbock wird sozusagen die Hand aufgelegt, und der Hohepriester erkennt die Sünden des ganzen Volkes. Der zweite Ziegenbock trägt die Sünde in die Wüste – einerseits, um dort den Ort des Todes zu haben, und andererseits, um die Sünde zurück zu ihrem Ursprung zu bringen, zur Schlange aus dem Garten Eden, dem Wüstenvenom, Assasel, dem Teufel – ganz unterschiedliche Namen und Begriffe.
Gleichzeitig wird darin deutlich: Die Sünde soll dorthin, wo sie herkommt. Dort gehört sie hin.
Also mit diesen beiden Ziegenböcken wird ein einziges theologisches Ereignis sichtbar: Der Ziegenbock stirbt und vergießt Blut, damit wieder eine Beziehung zwischen dem Volk Gottes und Gott hergestellt wird. Zugleich wird die Sünde weggewischt und weggetragen.
Das wird daran deutlich, dass nicht ein Sklavenmarkt des Freikaufs gemeint ist, sondern eine Beziehung hergestellt wird.
Zum Beispiel bei Teilen der Opfer wird das Blut auf das rechte Ohrläppchen gestrichen, auf den Daumen und den großen Zeh. So wird das Volk besprengt. Daran wird deutlich, dass das Blut eine Brücke schafft: von Altar Gottes, von der Bundeslade, von der Gegenwart Gottes zum Volk.
Man kommt also wieder neu in Kontakt durch das Blut dieses Opferbocks. Das geschieht hier.
Und der Sündenbock trägt die Sünde weg.
Es sind zwei Böcke, aber ein einziges theologisches Ereignis wird damit zum Ausdruck gebracht.
Das ist schon heftig, wenn man sich das vorstellt.
Ich meine, wir heute im Neuen Bund sehen das metaphorisch, übertragen. Aber die Israeliten haben das auf Gottes Anweisung wirklich getan.
Man muss sich das mal vorstellen!
Ich stelle mir das so vor: Ich war noch nie live dabei. Ich weiß, der eine oder andere, der jetzt hier zuhört, war schon mal bei ähnlichen Sachen dabei, hat so etwas gesehen. Aber wenn dann wirklich vor deinen Augen ein Tier geschlachtet wird und das Blut auf verschiedene Oberflächen verteilt wird, kann ich mir vorstellen, dass einem ganz anders wird und man sich überlegt: Warte mal, meine Sünde hat dazu geführt.
Stelle ich mir heftig vor.
Nach dir.
Genau, vor allem, wenn du so merkst: Eigentlich sollte ich an seiner Stelle sein. Das wäre nur völlig gerecht, wenn ich sterben würde.
Wenn Paulus in Römer 6,23 sagt: „Denn der Sünde Sold ist der Tod“, also für meine Sünde wäre es nur recht und billig, wenn ich genauso hingeschlachtet würde.
Und hier stirbt an meiner Stelle ein Opferlamm, ein Opfertier.
Da wird es wirklich sichtbar und erfahrbar.
Ganz genau.
Ich habe eben schon gesagt, dass Martin Benz und Jens Stannenberg sagen, das geht gar nicht, das hat hier gar nichts damit zu tun.
Auch hier empfehle ich euch ein Buch. Da soll man, glaube ich, sich nicht einmal an der Schreibweise stören: „Die Kraft des Kreuzes – warum der Tod Jesu die größte Chance unseres Lebens ist.“
Ein Sammelband, herausgegeben von Frauke Bielefeld, mit ganz vielen tollen Artikeln.
Dort ist ein wirklich super Artikel von Guido Baltes drin, der „Mit Jesus gegen Judentum und Reformation“ heißt.
Er geht darauf ein, dass das nicht nur eine Erfindung ist. So nach dem Motto: „Ach, dieser Schuldkontext ist ja eine Erfindung, vielleicht von Paulus, der den römischen Sklavenmarkt vor Augen hatte, oder später von Anselm von Canterbury im elften Jahrhundert, oder von den Reformatoren, die das im mittelalterlichen Gerichtskontext so dargestellt haben.“
Guido Baltes zeigt: Nein, überhaupt nicht, sondern es ist zutiefst verwurzelt im Alten Testament, im Judentum.
Er zeigt viele Stellen, gerade auf Seite 106 und 107, wo er sagt, dass gerade bei der Auslegung von Jom Kippur, also diesem Fest aus 3. Mose 16, das Judentum eine Vielzahl von Bezügen zu Gericht, Sünde, Schuld, Gnade, Vergebung und Gerechtigkeit herstellt.
Das Judentum selbst versteht das genau in diesen juristischen Dimensionen, wie es dann natürlich auch später von Paulus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin bis hin zu Martin Luther und den Reformatoren bis heute dargestellt wird.
Das ist also keine spätere Erfindung, sondern ein zutiefst biblischer Ausdruck des Alten Testaments, den das Judentum genau so versteht.
Guido Baltes geht noch weiter und sagt ein paar Zeilen später: „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, gelitten, ist begraben worden, am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.“
Hier ist auch wieder das Nicaenum spannender, gerade der Unterschied zum Apostolikum, weil hier nochmal mehr betont wird: Er ist für uns gekreuzigt. Dieses „für uns“ – pro nobis – ist hier im Zentrum.
Auch von der Formulierung her knüpft es an eine ganz zentrale Stelle im Neuen Testament an, 1. Korinther 15,3-5.
Dort fasst Paulus in unvergleichlicher Art und Weise das Evangelium zusammen.
Eigentlich war das falsch, was ich hier gesagt habe: Es ist nicht Paulus, der es zusammenfasst, sondern er sagt, es ist nicht seine eigene Zusammenfassung, seine eigene Theorie oder Überlegung, sondern es hat einen göttlichen Ursprung.
Das ist die Botschaft des Evangeliums, die er selbst empfangen hat.
Und dann lesen wir genau dort in 1. Korinther 15,3-5:
„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, dass er begraben worden ist und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift und dass er gesehen worden ist von Kephas“ – das ist Petrus gemeint – „danach von den Zwölfen.“
Diese Stelle in 1. Korinther 15 ist die Zusammenfassung dessen, was auch später das Glaubensbekenntnis von Nicaea bekennt und zum Ausdruck bringt: Christus ist für uns gestorben.
Weil das so entscheidend ist, sagt Paulus zum Beispiel auch in 1. Korinther 2,2, also zu Beginn dieses gleichen Briefes: „Denn ich habe es für richtig gehalten, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“
Auch hier: Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist das Einzige, was wichtig ist, unter euch zu wissen.
Alles andere ist dann eine Folge und auch wichtig.
Aber das ist das Entscheidende: Jesus Christus, der Gekreuzigte.
Ein wichtiger und tiefer Punkt von Martin.
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Vielen Dank an alle, die das machen. Das ist eine schöne Wertschätzung für den Einsatz von Martin. Danke dafür.
Also der erste Punkt eben: Was heißt das Evangelium? Gott für uns – pro nobis.
Und jetzt kommt der zweite Punkt: Evangelium heißt Gott anstelle von uns – extra nos.
Der zweite Punkt: Evangelium heisst Gott anstelle von uns (extra nos)
Gott tut das, was ich nicht tun kann, an meiner Stelle. Das ist ein ganz entscheidender Punkt: Gott handelt für mich und an meiner Statt.
Martin Luther fasste das Evangelium in seiner Auslegung des Petrusbriefes so zusammen: Das Evangelium bedeutet nichts anderes als die Predigt und Verkündigung von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die durch den Tod des Herrn Christus verdient und erworben wurde. Es ist also die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, die durch den Tod Jesu Christi erworben wurde.
Gott tut das, was wir nicht tun können. Darin liegt die entscheidende frohe Botschaft: Gott macht das, was wir nicht tun können. Zum Beispiel heißt es in Römer 8,3: „Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott. Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um unserer Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.“
Also das, was wir nicht tun können, ist außerhalb von uns. Ich kann gar nicht so barmherzig, mitfühlend und hingebend sein wie Christus. Selbst der beste Mensch auf dieser Welt – wovon ich weit entfernt bin – kann es nicht. Jeder wird daran scheitern. Wir Menschen würden zu Recht verloren gehen, wenn nicht Gott selbst käme und eingreift.
In der Heidelberger Disputation von 1518 fasst Martin Luther das in seiner 28. These genial zusammen. Bevor ich sie zitiere, noch kurz zum Kontext: Die Heidelberger Disputation war ein theologisches Streitgespräch, zu dem Luther eingeladen wurde, um seine Grundthesen zu verteidigen. Es fand knapp ein halbes Jahr nach dem Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg statt, der die Reformation in Gang gebracht hatte und für viel Aufsehen sorgte.
In Heidelberg fasst Luther nun zum ersten Mal ganz pointiert den evangelischen Glauben nach seinem rätmatorischen Durchbruch zusammen. Seine eigene Bekehrung hatte er gerade erst erlebt, und er bringt nun mit theologischer Schärfe auf den Punkt, worum es geht. Daher ist diese Disputation so spannend und zentral.
In seiner 28. These sagt Luther: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern sie schafft es.“
Das bedeutet: Gottes Liebe sucht nicht nach etwas Liebenswertem in uns Menschen. Es ist nicht so, dass der Mensch nur schlecht ist, aber die Sünde überstrahlt alles. Wir sind durch und durch verlorene Menschen. Ein Bild dafür findet sich bei Abraham, als er mit Gott über Sodom und Gomorra spricht: Wenn es nur fünfzig Gerechte gäbe, würde Gott die Stadt verschonen? Ja. Wenn es nur vierzig sind? Ja, auch. So geht es immer weiter runter, bis man merkt, dass nicht einmal einer gerecht ist. Lot wird letztlich aus Gnade gerettet.
Gott findet also nichts Reines und Sündloses in uns, aber er schafft es. Das ist das göttliche „Aber“. Paulus schreibt in Römer 8, dass Gott das tut, was wir nicht tun können. Epheser 2 sagt es so: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit…“ Dieses „Aber“ ist entscheidend. Gott akzeptiert nicht, dass wir verloren sind.
Wenn ich auf mein Leben blicke, merke ich, wie viel Schuld und Sünde ich vor Gott und den Menschen auf mich lade. Das ist eine tiefe Anfechtung. Wenn wir unser Leben ehrlich reflektieren, merken wir, dass wir schuldig sind. David bringt das in Psalm 51 zum Ausdruck: „An dir allein habe ich gesündigt und übel getan vor dir.“ Er fühlt die tiefe Schuld nach Ehebruch, Mord und Heuchelei – all das lastet auf ihm. Das ist eine tiefe Anfechtung.
Wenn wir erkennen, dass Gottes Liebe das Liebenswerte nicht vorfindet, löst das Erschrecken über das eigene Selbst aus. Ich erschrecke darüber, wie elend ich bin. Paulus beschreibt das in Römer 7,24: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib?“ Das ist das tiefe Elend und die Not eines Menschen, der in der Verlorenheit steht und sich selbst erschreckt.
Luther sagt, dieses Erschrecken hat etwas Heilsames. Es ist eine „Resignatio“, eine heilsame Resignation – ein Erschrecken vor der Hölle, das uns in die Arme dessen treibt, der Hoffnung und Zuversicht gibt.
Deshalb ist die Beschreibung in Römer 7 so wichtig: Ohne Gott bleibt diese Verzweiflung Verzweiflung. Doch wenn die Gnade des Evangeliums kommt, heißt es in Römer 8: „Es gibt nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Das ist der Hoffnungspunkt und Trost im Leben und im Sterben: Ich gehöre nicht mir selbst, sondern wenn ich in Christus bin, gehöre ich ihm.
Paulus schreibt später in Galater 3,13: „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch für uns wurde.“ Er hat das Strafgericht auf sich genommen. In Kolosser 2,14 wird vom „Schuldbrief“ gesprochen, den Christus, der gegen uns stand, ans Kreuz geheftet und zerrissen hat. Dort wird sichtbar, was Jesus getan hat.
Ein häufig gehörter Vorwurf lautet, dass die stellvertretende Strafleitungstheorie eine mittelalterliche Kategorie sei, die erst im Mittelalter ins Zentrum gerückt wurde. In einem Vortrag macht Thorsten Dietz das humorvoll deutlich. In seinem Vortrag „Der Prozess“ (Walthaus 9,4,3) sagt er: „Diese stellvertretende Strafleitungstheorie – wo ist die im Neuen Testament? Such, such, such…“ Doch tatsächlich ist sie überall zu finden.
Jakob Friedrichs macht in seinem Podcast „Hossa Talk“ klar, dass die Lehre der stellvertretenden Sühne der Kern des Evangeliums ist. Jesus stellt diese stellvertretende Sühne ganz zentral in den Mittelpunkt dessen, was er tut.
Das wird besonders deutlich am letzten Abendmahl, einer der entscheidendsten Stellen im Leben Jesu vor der Kreuzigung. Dort sitzt er mit seinen Jüngern zusammen. Es ist nicht einfach nur eine Feier der Gemeinschaft oder ein netter Abend unter Freunden. Vielmehr offenbart sich hier eine überstrahlende Dimension.
In Lukas 22,16 heißt es: „Und er, Jesus, nahm das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen und sprach: ‚Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; tut dies zu meinem Gedächtnis.‘“ Ebenso nahm er den Kelch und sprach: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“
In Matthäus 26,28 lesen wir: „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“
Das ist keine beiläufige Bemerkung, sondern eine zentrale Aussage am letzten Abend vor Jesu Kreuzigung. Er bereitet seine Jünger darauf vor, was in der kommenden Nacht und am nächsten Tag geschehen wird: seine Gefangennahme, Kreuzigung und der Ruf um 15 Uhr „Es ist vollbracht“ und sein Sterben.
Jesus zeigt ihnen, dass sein Blut der Bund zur Vergebung der Sünden sein wird. Das ist die entscheidende stellvertretende Kategorie, die Jesus hier aufmacht.
Der Kontext, in dem das geschieht, ist das jüdische Passafest. Das ist kein Zufall. Das Passafest ist das höchste Fest, das an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnert (2. Mose). Beim Passalam essen die Familien zusammen, und die Türbalken werden mit dem Blut des Lammes bestrichen, damit der Todesengel die Erstgeburt verschont.
Dieses Fest ist ein Fest der Befreiung, bei dem Gott sein Volk aus der Sklaverei führt. Jesus spricht nur einmal in der Bibel explizit von Freiheit und Befreiung, und zwar in Johannes 8,34-36: „Wer der Sünde tut, der ist ein Sklave der Sünde; wer aber der Sohn Gottes frei macht, der ist wirklich frei.“
In Verbindung mit dem Abendmahl und dem Passafest bedeutet das: Wer durch Christus befreit wird, wird aus der Sklaverei der Sünde herausgeführt und in die Freiheit geführt.
Das ist die Stellvertretung, die alles überstrahlt: Gott handelt an unserer Stelle, extra nos.
Der zweite Punkt. Der dritte Punkt: Evangelium heißt Gott für mich, pro me.
Der dritte Punkt: Evangelium heisst Gott für mich (pro me)
Also genau, dass es so ist, dass Gott es für mich macht und dass es etwas bedeutet.
In Römer 5,9-10 sagt Paulus: Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind? Denn wenn wir nun mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.
Jetzt macht Christus das für mich – für mich, für dich, für dich, der du gerade jeden Podcast hier zuhörst. Es hat eine ganz individuelle Bedeutung. Paulus spricht hier auch an, dass es einen Zorn und ein Strafgericht gibt. Das steht hier im Hintergrund.
Das ist eine Kategorie, die man in der Solidaritätschristologie eigentlich nicht möchte, und zugleich ist sie ganz zentral und wichtig. Römer 1,18 beschreibt Gottes Zorn über die Ungerechtigkeit der Menschen, also dass Gottes Zorn entbrennt.
Liebe ohne Zorn über Ungerechtigkeit – da fragt man sich, was das für eine Liebeskategorie ist. Ist es nicht eher so, dass es dann völlig egal ist, was man macht? Aber das ist auch eine Form von Zorn.
Ich stelle mir das bildlich vor: Jemand würde betrunken am Steuer sitzen – ein ganz plattes Beispiel – und dann zum Beispiel bei einem Autounfall meine Frau Elisa überfahren. Wenn ich dann sagen würde: „Ach, das ist mir egal“ oder „Ich habe da keinen Zorn“ oder so etwas, wäre das richtig schräg.
Was man mit dem Zorn macht und wohin er gelenkt wird, welche Gerechtigkeit es gibt, ist eine ganz andere Frage. Aber wenn ich überhaupt keinen Zorn hätte und einfach sagen würde: „Na ja, er hat sich eben entschieden zu trinken, schlimme Sachen passieren, Pech gehabt“, dann stimmt da bei mir etwas nicht.
Ohne Zorn, ohne Gericht gibt es letztlich keine Gerechtigkeit. Das wäre eine „Schwamm drüber“-Mentalität. Und sie stünde im Widerspruch zu Gott selbst und zu seinem Wesen. Denn dann wäre etwas Sündhaftes letztlich sündlos.
Stimmt, genau. Dann gäbe es keine Kategorie von Sünde mehr. Es gäbe auch keine Gerechtigkeit mehr, denn letztlich wäre alles egal. Das wäre wie eine Anarchie, in der jede Regel optional ist.
Es wären nur noch Empfehlungen, die zehn Tipps Gottes fürs Leben, aber nicht die zehn Gebote.
Wer das wirklich konsequent zu Ende gedacht hat und deshalb ernst zu nehmen ist, ist Friedrich Nietzsche, der Religionskritiker. Er hat ein Essay geschrieben mit dem Titel „Gott ist tot“.
Dort schreibt er, dass wenn Gott tot ist, die Folge davon ist, dass es kein Oben und kein Unten mehr gibt. Wir fallen immer weiter und wissen nicht mehr wohin. Wir haben die Erde von der Sonne losgekettet, wir haben es geschafft, das Meer auszutrinken.
Was bei ihm zum Ausdruck kommt, ist nicht ein „Hurra, Gott ist tot, jetzt gibt es Drugs und Rock’n’Roll“, sondern er denkt die Konsequenz zu Ende.
Ohne Gott, ohne diese Objektivität Gottes und die Gerechtigkeit, die von Gott ausgeht, ohne eine Moral auf einer höheren Ebene, vor der ich mich zu verantworten habe, lässt sich letztlich keine Moral herstellen.
Deshalb steht in unserem deutschen Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in der Präambel: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“.
Diese Präambel ist genau der Einschub, der sagt, dass wir letztlich auch vor Gott Verantwortung tragen müssen.
In dieser Welt gibt es leider viel zu viele, die nicht verurteilt und nicht zur Rechenschaft gezogen werden für das schreckliche Unrecht, das sie Menschen antun.
Vor irdischen Gerichten können sie fliehen, aber nicht vor dem letzten ewigen Gericht.
Das ist auch ein Gerechtigkeitsempfinden, besonders bei Menschen, die in Kriegen und in Not leben. Viele, die in Kriegen mit schwerem Leid, Vergewaltigungen und all diesen Gräueltaten zu tun haben, werden nie zur Rechenschaft gezogen.
Wenn sie sich dem entziehen könnten und nicht vom letzten Gericht entzogen würden, wäre letztlich alles egal. Dann wäre Sündhaftes letztlich sündlos.
Ohne Gericht gibt es keine Wiederherstellung. Es gibt keinen Prozess, der auf ein Ziel hin verändert. Es gibt nichts, worauf ich hinarbeiten soll.
Wenn ich merke, dass ich Defizite habe, soll ich darauf hinarbeiten. Ohne Gericht gibt es keine Wiederherstellung.
Martin Luther beschreibt das in seinem Bild vom fröhlichen Wechsel.
Es ist ein fröhlicher Wechsel, der stattfindet, wenn wir mit Christus verbunden werden.
„Christus für mich“ heißt: Bei einer Hochzeit wird der Glaube wie ein Brautring angesteckt. Dann verschmelze ich durch den Glauben mit Christus.
Bei deiner Bekehrung, wenn Gott dich zum Glauben führt und dein Herz verändert, wirst du mit Christus eine Person.
In diesem Moment wird deine Sünde auf ihn übertragen und seine Gerechtigkeit auf dich übertragen.
Das Schöne ist: Seine Gerechtigkeit verschlingt die Sünde, weil er es mit Kreuz und Auferstehung getan hat.
Du legst deine Sünde auf ihn, und sie wird durch sein Kreuz und seine Auferstehung verschlungen.
Weil du eins mit ihm wirst, bekommst du seine Gerechtigkeit.
Das ist, was Paulus in 2. Korinther 5,21 schreibt: „Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für unsere Sünde gemacht, damit wir an ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“
Das ist der fröhliche Wechsel, den Luther meint: Wir legen die Sünde auf ihn und bekommen die Gerechtigkeit Gottes auf uns.
„Christus für mich“ ist ganz zentral zusammengefasst im Augsburger Bekenntnis, Artikel 4.
Das Bekenntnis entstand um 1530, zum Abschluss der ersten Welle der Reformation, und gründete damit erstmals eine evangelische Kirche außerhalb der römisch-katholischen Kirche.
In diesem Dokument, im Augsburger Bekenntnis, Artikel 4, steht:
„Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit vor Gott nicht erlangen mögen durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung, sondern dass wir Vergebung der Sünden bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben, so wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seines Willen die Sünde vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.
Denn diesen Glauben will Gott für Gerechtigkeit vor ihm halten und zurechnen, wie Sankt Paulus sagt (Römer 3,4).“
Der entscheidende Satz ist also, dass wir Vergebung der Sünden bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben.
Das entspricht den sogenannten „Partikula exclusiva“ – den vier „Sola“: Sola gratia, Sola fide, Sola Christus, Sola scriptura – allein die Gnade, allein der Glaube, allein Christus, allein die Schrift.
Diese vier kommen aus der lateinischen Version des Augsburger Bekenntnisses, des „Confessio Augustana“.
Das wird auch deutlich in Epheser 2,8: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es.“
Daran wird klar, dass es Gnade ist.
Daher der dritte Punkt: Evangelium heißt „Gott für mich“.
Gott für mich, Gott für dich – du darfst glauben, das ist ein Geschenk für dich.
Es ist nicht nur etwas Abstraktes, das du mit der Welt insgesamt gemacht hast, sondern es hat etwas ganz Konkretes mit dir zu tun.
Die Gerechtigkeit kommt auf dich, dieser fröhliche Wechsel findet bei dir statt.
Du darfst mit Christus verbunden werden – das ist entscheidend.
Dieser dritte Punkt bedeutet nicht nur „für diese Welt“, sondern es hat etwas ganz Konkretes mit dir zu tun.
Und wenn es konkret mit dir zu tun hat, bleibt es nicht nur individuell bei dir allein stehen, sondern es setzt sich in einen Kontext.
Das ist der vierte Punkt: Evangelium heißt „Gott für andere“ (pro aliis).
Der vierte Punkt: Evangelium heisst Gott für andere (pro alii)
Wir leben heute in einer Welt, die stark individualistisch geprägt ist. Dieser Prozess hat sich über die letzten 300 Jahre entwickelt und bringt sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich. Er begann etwa in der Reformationszeit. Jürgen Habermas verortet den Beginn dieses Prozesses in der Neuzeit, oft verbunden mit Luther. Ob es genau damals oder ein wenig später war, ist dabei nicht entscheidend. Spätestens in den letzten 250 bis 300 Jahren ist Individualisierung zu einem zentralen Phänomen geworden, das sich immer weiter ausbreitet.
Dieser Prozess hat seine Stärken und Schwächen, und man kann ihn kritisch betrachten. Dennoch sind wir letztlich Kinder unserer Zeit. Die Bibel setzt hier einen anderen Fokus: Sie stellt uns nicht als isolierte Individuen dar, sondern immer in einem Kontext. Wir sind nicht allein vor Gott, sondern immer in Gemeinschaft mit ihm. Daraus folgt, dass wir auch in einem Kontext mit anderen Menschen stehen.
Diedrich Bonhoeffer greift dieses Thema in seiner Doktorarbeit „Sanctorum Communio“, also der heiligen Gemeinschaft, auf. Er beginnt jedoch an einer anderen Stelle und betont zunächst die „Communio peccatorum“, die Gemeinschaft der Sünder. Diese Gemeinschaft muss zunächst entstehen, bevor eine heilige Gemeinschaft möglich wird. Die Gemeinschaft der Sünder ist die Grundvoraussetzung für die Rechtfertigung und Rettung. Gleichzeitig sind wir als Christen nie Individualisten, sondern immer Kinder Gottes – und zwar nicht als Einzelkind, sondern als Teil einer großen Familie.
Ich bin also nicht das einzige Kind Gottes, sondern ein Kind unter vielen – quer durch alle Zeiten, Kulturen, Nationen und Denominationen. Ich bin gemeinsam Kind Gottes mit Markus und vielen anderen auf der ganzen Welt. Diese Gemeinschaft erstreckt sich durch alle Konfessionen, Kontinente und Zeiten hindurch. Ich bin dasselbe Kind Gottes wie vor 200, 500 oder 600 Jahren, wie die Kirchenväter damals. Wir sind eine Familie Gottes, und das macht einen großen Unterschied. Ich bin kein Individualist, sondern Teil einer Gemeinschaft.
Johannes der Täufer bringt diesen Gedanken in seinem Dienst, der Jesus vorangeht, sehr deutlich zum Ausdruck. Als Jesus zum ersten Mal an den Fluss kommt – sie waren Cousins und kannten sich sicher –, lesen wir in Johannes 1,29: Als Johannes Jesus sieht, ruft er aus: „Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.“ Dieser stellvertretende Zusammenhang wird später in Johannes 1,36 noch einmal wiederholt, als Johannes seinen Jüngern sagt, dass Jesus das Lamm Gottes ist, das die Sünde der Welt trägt.
Diese Aussage ist die erste von vielen Stellen im Johannesevangelium und auch in den anderen Evangelien, die einen Bezug zum Opferkult des Alten Testaments herstellen. Dieser Opferkult ist nicht einfach nur ähnlich wie Jom Kippur, sondern geht noch einen Schritt weiter: Es gibt ein persönliches Opferlamm. Eine zentrale Stelle dazu findet sich in Jesaja 53, die oft beim Karfreitagsgottesdienst vorgelesen wird. Dort heißt es: „Fürwahr, er trug unsere Krankheiten und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der von Gott geplagt und gemartert wäre. Er ist um unsere Sünden willen zerschlagen und um unserer Missetat willen verwundet. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Im Judentum gibt es eine lebhafte Diskussion darüber, wer mit dieser Stelle gemeint ist. Manche sehen Jesaja selbst, andere das Volk Israel insgesamt. Es gibt auch antike jüdische Quellen, die auf den Messias deuten, doch diese Sicht ist nicht sehr verbreitet. Jesus hingegen bezieht diese Stelle sehr deutlich auf sich selbst. Im Neuen Testament finden sich zahlreiche Bezüge auf Jesaja 53, und Hans Walter Wolff hat in seinem Buch „Jesaja 53 im Urchristentum“ untersucht, wo explizite oder implizite Anspielungen auf das Opferlamm aus Jesaja 53 zu finden sind, das sich auf Christus bezieht.
Dieses Opferlamm steht für jemanden, der nicht nur für sich selbst stirbt, sondern der viele zur Beute macht. Es ist immer die Mehrzahl – einer für alle, also Gott für alle. Johannes der Täufer betont diesen universalen Kontext, wenn er Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt trägt. Das steht im Gegensatz zur Vereinsamung des Individuums und entspricht dem Gedanken, den Bonhoeffer in „Sanctorum Communio“ beschreibt.
Bonhoeffer greift auch Jesajas Berufung auf, als Jesaja vor dem Thron Gottes steht und erkennt, wie unrein er selbst und sein Volk sind. Er sagt: „Wer bin ich, dass ich hier stehen darf?“ Dabei wird deutlich, dass die Gotteserkenntnis zugleich zur Erkenntnis der eigenen Sünde und der Sünde des Volkes führt. Es geht nicht um das Individuum allein, sondern um die Gemeinschaft. Ähnlich betet Daniel für die Sünden seines Volkes und sagt: „Wir haben gesündigt.“
Das ist das Prinzip der „Communio peccatorum“ – wir sind gemeinsam Sünder vor Gott. Daraus erwächst das Streben, dass wir durch Gottes Erlösung zugleich eine Gemeinschaft der Heiligen werden. Petrus schreibt in 1. Petrus 1,18-19: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst worden seid von eurem nichtigen Wandel nach den Vätern, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, als eines makellosen und unbefleckten Lammes.“
Wir sind gemeinsam erlöst und von unserem falschen Lebenswandel befreit. Deshalb kann Paulus die Christen auch als „Heilige“ bezeichnen. Vielleicht leben sie nicht immer so, aber sie sind durch Christus geheiligt. Es gibt keine Liste von Heiligen, wie sie die katholische Kirche führt, sondern jeder wiedergeborene, lebendige Christ ist ein Heiliger – nicht aus eigener Sicherheit, sondern durch die Gnade Gottes, die in ihm wirkt.
Das ist es, was Gott durch das Lamm, das die Sünde der Welt trägt, bewirkt: Gemeinschaft wird gefördert und neu gestiftet. Dieses einmalige Opfer aus Jesaja 53 ist zugleich der Schlusspunkt des Opferkultes. Das zeigt zum Beispiel auch der Hebräerbrief sehr ausführlich, ebenso 1. Petrus 3,18: „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führe. Er wurde getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.“
Dieses einmalige Opfer reicht aus. Der Opferkult führt auf dieses Opfer hin; er ist der Schatten, das Bild. Wenn das Bild kommt, braucht es den Schatten nicht mehr. Deshalb erfüllt sich der älteste menschliche Opferkult in Christus. Jom Kippur wird in Karfreitag erfüllt.
Wir müssen heute also nicht mehr Jom Kippur feiern oder Opfer darbringen, sondern gedenken am Karfreitag und im Heiligen Abendmahl dieses einmaligen Opfers Jesu Christi. Römer 3,25 sagt dazu: „Diesen Jesus hat Gott hingestellt als Sühne durch den Glauben in seinem Blut zur Erweisung seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt.“
Hier wird erneut die Sühne und Stellvertretung betont: Gott hat Jesus hingestellt zur Erweisung seiner Gerechtigkeit, durch das einmalige Opfer Christi. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Stellvertreter-Christologie vier zentrale Elemente umfasst, die wir bereits genannt haben: Gott für uns (pro nobis), Gott anstelle von uns (extra nos), Gott für mich (pro me) und Gott für andere (pro alii). Diese vier Aspekte bilden den Kern der Stellvertreter-Christologie.
John Stott schreibt in seinem Buch „Das Kreuz“, das ich als letzten Buchtipp empfehlen möchte: Stellvertretung ist keine weitere Sühnetheorie oder nur ein zusätzliches Bild neben anderen, wie ein Blumenstrauß verschiedener Optionen. Nein, sie ist die Essenz jedes Bildes und das Herz des Sühnegeschehens selbst. Die Stellvertretung ist das Zentrum aller neutestamentlichen Bilder und Aussagen. Im Kern geht es immer um das Sühnegeschehen, das nicht austauschbar ist.
Die Stellvertretungskristologie bildet das Zentrum, und die Solidaritätskristologie gehört dazu und ist wichtig. Doch das Zentrum bildet das Sühnegeschehen, in dem sich die Solidarität noch einmal besonders zeigt und alle Kategorien sprengt. Christus solidarisiert sich nicht nur, sondern nimmt auch das Gericht selbst auf sich.
Nun haben wir diese beiden Bilder betrachtet. Zum Abschluss möchte ich noch zwei weitere Bilder anführen, die diesen Zusammenhang noch einmal deutlich machen.
Abschließende Bilder zur Stellvertretung am Kreuz
Ein biblisches Bild und ein Bild aus der Kunstgeschichte – zum Abschluss soll es noch einmal ein bisschen ästhetisch werden. Wenn wir fragen, was die Kreuzigung mit uns zu tun hat, worin das Evangelium sichtbar wird, gibt es eine Person, an der das am deutlichsten wird. Diese Person hat als allererstes begriffen, dass es hier um stellvertretende Sühne geht, dass jemand an meiner Stelle leidet. Diese Person ist Barabbas, Barabbas aus der Passionsgeschichte.
Er wird uns vorgestellt in Markus 15,7. Dort wird gesagt, er sei ein Mörder, der bei einem Aufstand beteiligt war. Er muss ein ziemlich prominenter Mörder gewesen sein, den man kannte. Es gab damals verschiedene Gruppen, vermutlich war er ein Zelot, also ein Mitglied einer Widerstandsgruppe. Man kann heute sagen, er war ein Terrorist, der gegen die römischen Besatzer kämpfte – ein Befreiungskämpfer, der Israel im Namen des Volkes befreien wollte. Dabei hat er sogar einen Römer ermordet. Dafür war er im Gefängnis, und darauf stand die Todesstrafe. Das war römisches Recht: Wer einen Aufstand anzettelt, wird schnell abgeurteilt, und dann hat man einigermaßen Ruhe.
Barabbas war also ein zu Recht verurteilter Mörder. Er saß im Gefängnis zu der Zeit, als Jesus ebenfalls gefangen genommen wurde. Am Freitagmorgen merkt Pilatus eigentlich, dass er Jesus gar nicht zum Tode verurteilen will – was hat Jesus denn getan? Der Prozess vor Pilatus ist unglaublich spannend. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hat diesen Prozess sehr eindrücklich beschrieben. Er sagt, in diesem Moment ereignet sich eine entscheidende Situation in der Weltgeschichte, weil sich hier plötzlich das weltliche und das ewige Reich verschränken: das römische, irdische Machtreich und das Königreich Gottes. Das irdische Reich muss über das ewige Reich richten.
Agamben analysiert das philosophisch und erkennt, dass Pilatus keine Schuld an Jesus finden kann. Dennoch besteht das Volk, angestachelt von den Hohenpriestern, darauf, dass Jesus getötet wird. Wir wissen, dass es auch dem Plan Gottes entspricht, dass Jesus stirbt. Es ist also nicht einfach die Schuld der Hohenpriester oder des Volkes damals. Nein, das, was du und ich zur Kreuzigung beigetragen haben, sind die Nägel. Wir sind diejenigen, die Jesus ans Kreuz genagelt haben – mit unserer Sünde.
Pilatus versucht in diesem Moment, Jesus freizugeben. Es ist Passahfest, und es war Brauch, einen Gefangenen freizulassen – einmal Gnade vor Recht. Er sagt: „Ich gebe euch Jesus frei!“ Doch das Volk antwortet: „Nein, wir wollen ihn nicht, gib uns Barabbas!“ Und Pilatus fragt: „Was soll ich mit Jesus machen?“ Die Antwort lautet: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“
In Matthäus 27,26 heißt es: „Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, damit er gekreuzigt werde.“ Barabbas hat verstanden, was Stellvertretung bedeutet. Er hat als Erster begriffen, dass jemand an seiner Stelle leidet. Bei dieser Wahl zwischen einem Mörder und einem, der predigt und hohes Ansehen im Volk hat, entscheidet sich das Volk für Barabbas. Er sagt: „Ich darf frei werden, damit er stirbt. Er stirbt, damit ich leben kann.“
Wir wissen nicht, was danach mit Barabbas geschah, aber bei ihm wird die Stellvertretung deutlich: Er statt ich. Das wird sichtbar. Es gibt noch weitere Bilder der Stellvertretung in der Passionsgeschichte, wie Simon von Kyrene, der das Kreuz trägt. Aber Barabbas ist das eindrücklichste Beispiel, wo „er statt ich“ sichtbar wird. Genau so geht Christus ans Kreuz – für mich, der eigentlich dort hängen müsste, der eigentlich sterben müsste.
Der zweite Punkt ist ein Bild aus der Kunstgeschichte. Hier seht ihr eingeblendet einen Teil eines Wandbildes vom Isenheimer Altar. Dieser Altar hat verschiedene Klappen mit unterschiedlichen Bildern. Er wurde von Matthias Grünewald zwischen 1512 und 1516 gemalt – er arbeitete vier Jahre daran. Grünewald hat die gesamte Kreuzigungsgeschichte auf diesem Altar verarbeitet. Er ist bis heute im Museum Unterlinden in Colmar zu sehen, das südlich von Straßburg liegt. Wer in der Nähe wohnt oder dort vorbeifährt, dem empfehle ich, dieses Museum zu besuchen. Es ist beeindruckend, den Altar in seiner ganzen Größe auf sich wirken zu lassen.
Ich stand vor vielen Jahren zum ersten Mal vor diesem Bild. Wenn man davorsteht, wird man wirklich still. Das Wandbild hat Seitenflügel: Links ist der heilige Sebastian zu sehen. Er wurde unter Kaiser Diokletian um das Jahr 300 nach Christus als Märtyrer gefoltert. Er wurde mit vergifteten Pfeilen durchbohrt und dann getötet. Deshalb sieht man hier die Pfeile. Wenn man in Kirchen einen Heiligen mit Pfeilen sieht, ist es meistens Sebastian.
Er wurde im Mittelalter zum Pestheiligen. Die Pest wurde als eine Art inneres Gift im Körper verstanden, und man rief zu Sebastian, um Fürbitte zu halten. Man bat ihn: „Sebastian, bitte vor Gott für mich, du kennst meinen Schmerz.“ So wurde er zum Schutzpatron der Pestkranken.
Das Bild macht deutlich, dass es um die Pest und echtes Leid geht. In der Mitte sehen wir Jesus, wie er am Kreuz hängt. Das ist eine der erschütterndsten Darstellungen des Gekreuzigten, die ich kenne. Wenn man näher herangeht und das Bild vergrößert, etwa bei Wikipedia, sieht man, wie Jesus sich krümmt. Es ist zutiefst schrecklich. Seine Hände sind zum Himmel erhoben, doch die Finger sind schmerzverzerrt abgespreizt. Man sieht die tiefen Qualen, die er leidet.
Der übergroße Dornenkranz macht das Leid noch deutlicher. Wenn man sich seinen Körper anschaut, fallen die schwarzen Flecken auf der Haut auf. Die Brust ist eingezogen. Man sieht Spuren der Geißelung. Grünewald hat die Geißelung Jesu dargestellt, allerdings nicht, um eine antike Kreuzigung möglichst authentisch zu zeigen. Vielmehr wollte er das Leid ausdrücken, das die Menschen zu seiner Zeit, Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, durchlitten.
Heute ist man sich einig, dass Grünewald Jesus mit einer Krankheit dargestellt hat, die im Mittelalter verbreitet war: dem Mutterkornbrand, später auch Antoniusfeuer genannt. Der Mutterkornbrand ist eine Krankheit, die man sich durch den Verzehr falscher oder unreiner Nahrung einfängt. Der Körper brennt wie ein inneres Feuer, als wäre er von innen verkohlt. Es ist eine Art innere Pest, die langsam zum Tod führt.
Das Antoniuskloster, in dem Grünewald den Altar malte, war ein Ort, an dem sich Mönche um Menschen mit dieser Krankheit kümmerten – körperlich und geistlich. Wer mit dieser Krankheit kam, betrat zuerst einen Saal, in dem dieses Bild hing: Christus am Kreuz. Die Leiden, die die Kranken hatten, trug Christus auch. Er versteht sie, leidet mit ihnen und für sie. Die Krankheit, die den Körper innerlich verbrennt, trägt Christus ebenfalls. Deshalb dürfen die Kranken zu ihm kommen und Zuflucht suchen.
Der Gekreuzigte hat alle Sünde, Schuld und Krankheit auf sich genommen. Du bist nicht allein in deinem Leid. Und nicht nur das: Der, der hier gekreuzigt wurde, hat das Leid überwunden und besiegt. Das ist Teil der geistlichen Begleitung und eine Hoffnungsbotschaft. So heißt es auch in Hebräer 4,15-16:
„Denn wir haben nicht einen hohen Priester, der nicht könnte mitleiden mit unserer Schwachheit, sondern der in allem versucht worden ist wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns mit Zuversicht treten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechten Zeit.“
Dieser Vers ist in Grünewalds Bild des Gekreuzigten sichtbar. Komm zu Christus! Dort findest du wahren Frieden und echte Heilung – nur in ihm.
Auf der linken Seite des Bildes sind Johannes und Maria sowie Maria Magdalena zu sehen – sie waren tatsächlich unter dem Kreuz. Rechts steht jemand, der eigentlich nicht dazugehört: Johannes der Täufer, der zur Zeit der Kreuzigung bereits tot war. Auch das ist bewusst gewählt.
Über ihm steht lateinisch Johannes 3,30: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Johannes der Täufer zeigt mit einem überlang dargestellten Zeigefinger auf den Gekreuzigten. Dieser Finger ist bewusst verlängert, denn Johannes macht deutlich: Christus muss wachsen, ich muss kleiner werden. Das ist der Inbegriff seines Lebens.
Unter ihm steht die zweite Botschaft, die zu Johannes passt: ein Lamm, das Opferlamm Christi. Wenn man ganz nah herangeht, sieht man, wie Blut aus dem Lamm in einen Kelch fließt. Das Lamm trägt die Sünde der Welt. Dieses Blut kommt zu Christus, der im Heiligen Abendmahl in Brot und Wein gegenwärtig ist. Christus ist mit uns und für uns, der uns erlöst hat.
Diese doppelte Botschaft von Johannes dem Täufer lautet also: Christus muss wachsen, ich muss kleiner werden. Und das ist das Lamm, das die Sünde der Welt trägt. Deshalb darfst du kommen – komm zu dem Gekreuzigten.
Timothy Keller, ein Pastor, der leider letztes Jahr gestorben ist, fasst in seinem Buch „Gott im Leid begegnen“ das Thema Leid seelsorgerlich und eindrücklich zusammen. Das Buch ist absolut empfehlenswert, wenn man sich mit Leid auseinandersetzt. Er sagt: Das große Thema der Bibel ist, wie Gott unendliche Freude nicht trotz unseres Leides bringt, sondern durch unser Leid. So wie Jesus uns nicht trotz des Kreuzes erlöst hat, sondern durch das Kreuz.
Die Botschaft des Neuen Testaments, des Evangeliums, der Bibel und Gottes in dieser Welt ist genau das: Christus hat uns erlöst durch das Kreuz. Dieses Evangelium lässt uns leben, weil wir wissen, dass wir gerettet werden dürfen, dass wir Gnade finden und zu dem fliehen dürfen, der für uns gelitten hat.
Wenn wir mit ihm verbunden sind und seine Gerechtigkeit empfangen, werden wir gerecht vor Gott. Das ist unser einziger Trost im Leben und im Sterben. Das trägt uns. Denn wir wissen: Wir gehören nicht uns selbst, sondern unserem Herrn Jesus Christus.
Das ganze ist wie in einem Lied verpackt, etwa von Zinzendorf:
„Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott bestehen, wenn ich zum Himmel werde gehen.“
Das ist unsere Freude, unser Trost, unsere Kraft im Leben und im Sterben. Das ist das Evangelium: Christus, der für uns gelitten hat, gestorben ist und auferstanden ist.
