Zum Inhalt

Warum uns die frühen Christen faszinieren Teil 1

29.10.2025
Das Leben ist zu kurz, um alle wichtigen geistlichen Prinzipien selbst zu entdecken. Deshalb ist es schlau, in den Rückspiegel der Geschichte zu schauen und zu entdecken: Was war Christen in anderen Generationen wichtig? Was hat sich bei ihnen bewährt? Was können wir heute von den frühen Christen lernen?

Warum uns die frühen Christen faszinieren – erster Teil

Herzlich willkommen zum Podcast der EFA Stuttgart mit Jörg Lackmann und Thomas Powileit. Unser Podcast möchte zum praktischen Christsein herausfordern und zum theologischen Denken anregen.

Das Leben ist zu kurz, um alle wichtigen geistlichen Prinzipien selbst zu entdecken. Deshalb ist es klug, in den Rückspiegel der Geschichte zu schauen und zu entdecken, was für Christen in anderen Generationen wichtig war. Was hat sich bei ihnen bewährt? Was können wir heute von ihnen lernen?

Normalerweise nutzen wir die Apostelgeschichte, um Antworten auf diese Fragen zu bekommen. Doch Gottes Geschichte mit uns als Gemeinde endet nicht mit der Apostelgeschichte. Deshalb werden wir uns in zwei Podcasts – heute im ersten Teil – mit den apostolischen Vätern und den Kirchenvätern beschäftigen. Wir wollen von ihnen lernen.

Deshalb haben wir den Podcast mit dem Thema überschrieben: Warum uns die frühen Christen faszinieren.

Unterschiedliche Generationen der frühen Christen

Thomas, vielleicht sollte man zunächst klären, ob es einen Unterschied zwischen apostolischen Vätern und Kirchenvätern gibt oder ob es einfach dasselbe in Grün ist. Nein, das ist nicht dasselbe in Grün, es gibt tatsächlich einen Unterschied.

Die apostolischen Väter heißen so, weil sie die Apostel noch persönlich gekannt haben. Zum Teil waren sie sogar deren Schüler, also sehr, sehr nah dran. Deshalb lebten sie ungefähr vom Ende des ersten Jahrhunderts bis zum Anfang des zweiten Jahrhunderts. Wenn du Namen hören möchtest, dann würde man hier wohl Leute wie Clemens von Rom, Ignatius von Antiochien und Polykarp von Smyrna erwähnen, wahrscheinlich einer der bekanntesten. Das sind die apostolischen Väter.

Dann gibt es natürlich noch die Kirchenväter. Die Kirchenväter haben die Apostel nicht mehr persönlich gekannt. Man kann sagen, dass die Kirchenväter vom Anfang des zweiten Jahrhunderts bis zum achten Jahrhundert lebten. Ihnen ging es vor allem um die theologischen Aussagen der Bibel. Sie hatten die Schriften, fassten dogmatische Dinge zusammen und verteidigten die Bibel gegenüber Angriffen aus ihrem Umfeld.

Typische Kirchenväter sind Tertullian, Origenes, Augustinus und Hieronymus. Diese lebten vor allem im vierten und fünften Jahrhundert, bis hin zum achten Jahrhundert. Warum nicht später, also im Jahr 1000 oder 1200? Da hat sich das geändert.

Ab diesem Zeitpunkt hatte man nicht mehr denselben Auftrag, Dinge zusammenzufassen. Am Anfang gab es ja noch viele Debatten, bei denen versucht wurde, Irrlehrer wie Markion oder Arius bloßzustellen und zu sagen: Das ist nicht Gottes Wort. Später wurde das Stück für Stück klarer, und es gab entsprechende Führer der Kirche. Diese würde man aber nicht mehr als die klassischen Kirchenväter bezeichnen.

Persönliche Motivation und Zugang zum Thema

Wie kam es dazu, dass du dich mit dem Thema auseinandersetzt? Ich wollte fast vermeiden, das Wort Kirchengeschichte zu verwenden, weil manche schon automatisch abschalten, wenn sie dieses Stichwort hören. Für manche ist das Thema nicht so beliebt. Ich hingegen mag es, aber andere sehen das anders.

Wie bist du also zum Thema der frühen Christen gekommen? Tatsächlich hatte ich Kirchengeschichtsunterricht. Ich erinnere mich, dass unser Kirchengeschichtslehrer sagte: „Hey, ich muss mein Fach erst einmal verteidigen, warum ich überhaupt Kirchengeschichte unterrichte und nicht die Bibel.“ Genau das hat er dann auch gemacht. Dort habe ich einiges über die apostolischen Väter, die Kirchenväter und so weiter gehört.

Mein Kirchengeschichtslehrer war damals Stephan Holthaus, der heute Dekan der Freien Theologischen Hochschule in Gießen ist. Ich fand, dass er ein genialer Kirchengeschichtslehrer war. Er unterrichtete immer nach einem Dreiklang. Zuerst fragte er: Was ist passiert? – also die Beschreibung. Dann: Was sind die Folgen, die wir heute noch sehen können? Wenn wir zum Beispiel die Reformation besprachen, dann haben wir heute natürlich die evangelische Kirche als Folge. Und der dritte Punkt war immer: Was kann ich persönlich daraus lernen?

Ich fand diesen Dreiklang super, weil er das Thema auch persönlich machte. Gerade der letzte Punkt, was ich persönlich lernen kann, ist mir vor einiger Zeit wieder wichtig geworden. Ich war auf einer Konferenz, habe Roland Werner gehört und gemerkt: Meine Herren, der lernt so viel von den apostolischen Vätern und Kirchenvätern. Dann habe ich erfahren, dass er sogar ein Buch darüber schreibt. Das war damals noch nicht ganz fertig. Es heißt „Faszination frühe Christen“. Wir haben es in den Show Notes verlinkt.

Wenn du spürst, da ist jemand, der so fasziniert von den frühen Christen ist wie Roland Werner, und du merkst, dass er sich jahrelang mit dieser Thematik beschäftigt, dann ist es klug, so ein Buch zu kaufen und zu lesen. Das habe ich gemacht und dabei einiges dazugelernt. Das wollte ich auch ein Stück weit hier im Podcast weitergeben. Nicht jeder muss das Buch gelesen haben, aber einige wesentliche rote Linien daraus vielleicht erkennen – das war mir wichtig.

Übrigens gibt es noch ein zweites Buch von ihm, das schon etwas länger erschienen ist. Es ist ein Andachtsbuch. Was heißt das? Für jeden Tag des Jahres findest du darin eine Geschichte aus der Kirchengeschichte, von damals bis heute. Es beginnt ganz früh und reicht bis in die Gegenwart. Das Buch heißt „Propheten und Pioniere“ – ich glaube, so heißt es – ebenfalls im Fontis Verlag, also im selben Verlag.

Man muss natürlich ein bisschen Herz mitbringen, denn manche Geschichten sind vielleicht nicht ganz so angenehm. Aber man muss immer die Zeit mitbedenken, in der das alles geschah.

Kirchengeschichte hat mich übrigens immer sehr beeindruckt. Als das Dritte Reich begann und die Verfolgung einsetzte, erzählte Wilhelm Busch, dass plötzlich ein kirchengeschichtliches Buch sehr gut verkauft wurde. Es handelte sich um die „Verfolgung der Hugenotten“ von Jean Charbon, glaube ich. Die Nazis verstanden nicht, was da los war. Irgendwann verboten sie das Buch, obwohl sie nicht genau wussten, warum.

Busch sagte, dass die Menschen aus der Kirchengeschichte, speziell aus der Verfolgung der Hugenotten, für ihre eigene Verfolgungszeit in der Nazizeit gelernt hatten. Das Buch fand reißenden Absatz, weil der Rest der Literatur ja zensiert war. Schon damals ging das sehr schnell los.

Man kann also auch heute noch sehr viel aus der Kirchengeschichte lernen.

Die Bedeutung des Evangeliums für die frühen Christen

Aber starten wir wirklich direkt ins Thema: Was können wir von den frühen Christen lernen? Es gibt einige Stichworte, die Werner bringt, die ich noch ergänzt habe.

Das erste Stichwort, das er nennt, ist Evangelium. Das klingt zunächst ganz simpel, war aber die Grundlage ihres Glaubens. Die frühen Christen haben das Evangelium sehr stark betont. Es war ja auch die Zeit, in der die Evangelien aufgeschrieben wurden. Man kam aus der Tradition des mündlichen Erzählens und hielt diese Geschichten dann schriftlich fest.

Das Evangelium von Markus beginnt ja mit dem Satz: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ Es geht also um das Evangelium. Den frühen Christen war wichtig, dass es nicht nur theologische Abhandlungen sind, sondern Beschreibungen aus verschiedenen Perspektiven von Jesus Christus. Jesus stand im Mittelpunkt ihres Glaubens.

Heute wird manchmal der Eindruck vermittelt, die Bibel wolle dir helfen, dein Leben zu optimieren. Im Englischen gibt es viele Bücher, die mit „How to“ anfangen, also „Wie du das und das machst“, und oft wird ein Bibelvers dazu genannt. Den frühen Christen war jedoch klar: Es geht um Rettung. Wenn Jesus mich nicht vor dem Zorn Gottes rettet, habe ich keine Chance, mit ihm die Ewigkeit zu verbringen. Das war ihre Botschaft.

Sie waren davon geprägt, diese Dinge auch tief zu verstehen. Es war ihnen wichtig. In dieser Zeit wurden verschiedene Glaubensbekenntnisse verfasst, zum Beispiel das Apostolikum und das Nicäno-Konstantinopolitanum. Ihnen war die Wahrheit wichtig. Sie gehörten nicht zur Fraktion „Passt schon“, egal ob du es so oder so sagst. Ihnen ging es wirklich um die Wahrheit.

Spannend zu lesen ist, dass man für die Taufe einen Taufunterricht durchlaufen musste, eine Katechese. Dabei ging es nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern darum, jungen Christen zu zeigen, wie sie ganz praktisch im Alltag mit Jesus leben können. Sie haben Römer 12 umgesetzt: Das Denken soll erneuert werden und damit auch das Handeln.

Diese Fragen sind heute noch sehr aktuell: Welchen Unterschied macht das Evangelium im Leben? Man sagt manchmal: „Ich bin Christ.“ Aber was heißt das? Wie zeigt sich das in deinem Alltag? Wie erkennen andere, dass du Christ bist, ohne dass du viel darüber redest? Das war den frühen Christen wichtig, und ich fand das faszinierend.

Ihnen war klar, dass das Evangelium Kraft hat. Paulus sagt das ja sogar in Römer 1: „Das Evangelium ist eine Kraft.“ Das haben sie immer wieder betont. Ich glaube, das sollten auch heute junge Christen erleben.

Eine spannende Frage ist auch: Wie geht es weiter, nachdem ich Jesus kennengelernt habe? Die frühen Christen konnten sehr klare Antworten geben. Sie konnten zeigen, wie man mit Jesus lebt. Sie halfen, die Grundlagen des Glaubens zu verstehen.

Drei Schlagworte, die in der Bibel häufig vorkommen, waren ihnen wichtig: Glaube, Liebe, Hoffnung. Auch für uns heute ist es wichtig, das Fundament unseres Glaubens zu kennen. Leider wird das Wissen über den Glauben immer geringer.

Die frühen Christen kannten ihren Glauben gut und konnten auch die Entwicklungen ihrer Zeit beurteilen. Theologie bedeutet ja nichts anderes, als biblische Kerngedanken zusammenzufassen. Es war ihnen wichtig, dass die Leute in der Gemeinde das wussten – besonders die Täuflinge.

Spannend ist auch, dass die Täuflinge vor ihrer Taufe Fragen beantworten mussten. Wir taufen heute mit den Worten: „Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Aber damals mussten die Täuflinge erst Fragen beantworten, zum Beispiel: Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater? Glaubst du an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der geboren wurde vom Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau?

Wenn man diese Fragen liest, merkt man, dass sie dem Apostolikum ähnlich sind. Daraus ist es teilweise entstanden. Sie wussten, dass das zentrale Fragen sind, die man den Taufbewerbern stellt.

Ein weiterer Punkt, den wir später noch vertiefen, ist: Die frühen Christen sahen sich nicht mehr als Teil ihrer Gesellschaft. Ihr Bürgerrecht war im Himmel. Sie lebten bewusst eine Gegenkultur.

Heute versuchen wir oft, nicht anzuecken. Ich habe kürzlich mit einer KI ein Bild generiert mit dem Motto „Sei ein lebender Fisch – schwimme gegen den Strom“. Die KI zeigte in der Mitte einen Fisch, drumherum einen Schwarm, der alle in die gleiche Richtung schwamm. Das fand ich amüsant.

Ich hatte mir immer einen leeren Fluss vorgestellt, in dem ein Fisch nach oben schwimmt. Aber die Vorstellung, dass ein Fisch gegen eine Masse anderer Fische schwimmt, ist wohl realistischer.

Wir neigen oft dazu, nicht gegen den Strom zu schwimmen, sondern uns anzupassen. Das ist nur eine kleine Beobachtung.

Ein Zitat von Plinius dem Jüngeren, einem römischen Statthalter in Bithynien, fand ich interessant. Er beschreibt als Außenstehender den Gottesdienst der Christen mit den Worten: „Sie versammeln sich gewöhnlich an einem bestimmten Tag vor Sonnenaufgang.“ Das war bemerkenswert, da sie ja arbeiten mussten.

Sie brachten Christus wie einem Gott einen Wechselgesang dar – die einen sangen, die anderen antworteten. Außerdem verpflichteten sie sich durch einen Eid, keinen Diebstahl, Raubüberfall oder Ehebruch zu begehen, ein Versprechen nicht zu brechen und eine angemahnte Schuld nicht abzuleugnen.

Ich kann mir vorstellen, dass das sehr motivierend war. Man stellt sich vor, man steht sonntags zusammen und sagt: „Ich verspreche das.“ Und dann geht es in die Woche.

Sie gaben sich gegenseitig solche Versprechen. Das hatte schon den Charakter einer Gegenkultur.

Allerdings muss ich innerlich schmunzeln: Wenn das eine Gegenkultur ist, dass man sonntags sagt, „Wir machen diese Woche keinen Raubüberfall“, dann ist das schon sehr niedrigschwellig. Die Kultur damals war eben sehr anders.

Ich erinnere mich an die Zeit der Täufer, die parallel zur Reformation lebten. Sie wurden oft schnell verfolgt und getötet. Man erkannte sie leicht, weil sie nicht mehr fluchten oder tranken, während andere das taten. Das war eine klare Gegenkultur, die auf dem Evangelium basierte.

Das haben wir jetzt schon als ersten Punkt: Das Evangelium und wie es vor allem im Alltag gelebt werden kann. So dass sogar ein römischer Statthalter bemerkte, dass das anständige Leute sind.

Gemeinschaft als tragende Säule der frühen Kirche

Was gab es denn noch für Dinge, die besonders in dieser frühen Phase betont wurden? Jede Phase der Kirchengeschichte hat ja auch andere Schwerpunkte, was besonders wichtig war.

Ein ganz wesentlicher Punkt war natürlich die Gemeinschaft, oder griechisch Koinonia, das kennt man ja auch. Das war ihnen sehr wichtig – sich gegenseitig auf dem Weg mit Jesus zu ermutigen. Das lesen wir schon in der Bibel: Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel, im Gebet, im Brotbrechen und in der Gemeinschaft.

Ich habe das jetzt mal umgestellt: Gott selbst hat uns als Christen zusammengestellt, und das haben sie begriffen. Ich finde es spannend, dass sie sich sehr oft zum Essen getroffen haben und so Gemeinschaft lebten. Zum Anfang des zweiten Jahrhunderts bestand der Abendgottesdienst zum großen Teil aus einem gemeinschaftlichen Essen.

Weißt du, was ich gestern gedacht habe? Gestern war Männerfestbau, aber jetzt muss man es aufgenommen haben. Ich habe gedacht, die Leute sind viel offener zuzuhören, weil sie gerade gegessen haben. Ich fand die Atmosphäre viel empfänglicher als bei einem normalen Gottesdienst. Sie haben natürlich miteinander gebetet, Texte gelesen, aber das Essen stand am Abend ganz stark im Vordergrund.

Deshalb konnten sie auch Einsamkeit und Isolation begegnen. Keiner musste alleine sein. Das sollten wir vielleicht auch von ihnen lernen: Wir sollten Leute nicht einfach nur nach dem Gottesdienst verabschieden. Manche wollen natürlich nach Hause und sich hinlegen, aber wir sollten ihnen auch die Möglichkeit geben, Gemeinschaft zu haben.

Ich finde, dass wir als Gemeinde da schon einige Möglichkeiten bieten – ehrlicherweise aber erst in den letzten Jahren, und nicht nur am Sonntag, sondern auch in den Hauskreisen unter der Woche. Es ist ganz wichtig, dass Gemeinschaft möglich ist.

Die Gemeinschaft der Christen war damals ganz anders als das gesellschaftliche Umfeld. Im gesellschaftlichen Umfeld wurde strikt zwischen freien Bürgern und Sklaven getrennt, doch in der Gemeinde saßen Freie und Sklaven zusammen. Sie richteten sich miteinander auf Jesus aus – das war schon revolutionär.

Manchmal haben Männer mit einem höheren gesellschaftlichen Stand in der Gemeinde Leute geleitet, die einen niedrigeren hatten. Das war damals deutlich schwieriger als heute. Heute sind wir da ziemlich gleich unterwegs, aber damals war das fast eine Unmöglichkeit. Und das war möglich – in Jesus.

Ich fand es auch spannend, mich mit den Frauen der damaligen Zeit zu beschäftigen. Ich habe ein Zitat von Celsus gefunden, der im zweiten Jahrhundert schreibt: Christen seien nur einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, die nur Sklaven, Frauen und Kinder überreden wollen. Da merkt man schon die ganze Verachtung.

Oder es gibt einen Papyrusbrief, in dem steht: Wenn du wieder schwanger sein solltest und es ein Junge ist, lass ihn leben; wenn es ein Mädchen ist, wirf es hinaus. Da spürt man die absolute Ablehnung gegenüber Frauen.

Im Gegensatz zu diesen Meinungen zeigt das Evangelium, dass Jesus sehr wertschätzend mit Frauen umging. Am Ende des Römerbriefes stellt Paulus neun Frauen vor, einige von ihnen sind Mitarbeiterinnen in seinem Team. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, weil die Gemeinde so wertschätzend mit Frauen umging.

Viele Frauen wandten sich deshalb der Gemeinde zu, denn was sie dort fanden, fanden sie in der Gesellschaft nicht. Es war einzigartig, dass sie sich dort einbringen konnten und ihnen Wertschätzung entgegengebracht wurde. Das heißt, es gab einen ganz anderen Blick auf das Miteinander der Geschlechter und den Wert jedes einzelnen Menschen – egal ob Mann oder Frau.

Klar, es gibt klare Ämter, die man von der Bibel her Mann und Frau zuordnet, aber es geht hier um das Miteinander. Das war sehr revolutionär.

Ein letzter Punkt zur Gemeinschaft: Es war auch wichtig, gegenüber dem nichtchristlichen Umfeld Einheit zu leben. Wie sah das aus? Sie haben sich wirklich untereinander verbunden und umeinander gekümmert.

Zum Beispiel im ersten Clemensbrief schreibt der sogenannte Bischof von Rom an die Korinther: Was ihr da gemacht habt, indem ihr die jungen Leute und alten Ältesten abgesetzt und euch selbst zu Ältesten gemacht habt, das geht nicht. Mit Korinth ging es also auch nach dem Neuen Testament nicht so gut weiter.

Das zeigt, dass sie sich umeinander kümmerten. Es gab auch Spannungen zwischen Juden und Judenchristen – die einen stark im Alten Testament verwurzelt mit ihren Feiertagen, die anderen Heiden, die das nicht wollten. Sie fanden Wege miteinander und gründeten nicht getrennte Gemeinden.

Ihnen war die Einheit wichtig. Das finde ich zumindest nachdenkenswert. Ich glaube, wir leben heute in einer Zeit, in der wir bei Problemen oft einfach neu gründen oder weggehen. Ihnen war es wichtig, Koinonia, Gemeinschaft und Einheit zu leben, so gut es eben ging. Dafür mussten sie einander auch aushalten – und das haben sie getan.

Ich denke, dass die Situation, dass sie immer wieder verfolgt wurden, ihnen geholfen hat, den Blick auf das Wesentliche zu richten und nicht wegen jeder Kleinigkeit auseinanderzugehen. Das wirkte wie ein Feuer, das die Schlacken ausbrennt.

Natürlich kam von der Gemeinschaft her auch der Gedanke, dass Wahrheit wichtig ist. Deshalb gab es die Konzile, in denen Bekenntnisse formuliert wurden. Das haben sie nicht vernachlässigt. Aber sie kamen von dem Gedanken der Gemeinschaft aus. Sie lösten die Unterschiede und Spannungen aus der Gemeinschaft heraus.

Das ist etwas ganz anderes, als wenn man jemanden debattiert, dem man vertraut. Es gab früher im Spätmittelalter auch Disputationen, die wir heute so nicht mehr aushalten würden.

Das finde ich einen spannenden Gedanken: Evangelium, Gemeinschaft, auch Spannung – schon damals. Und ich glaube, es ging nicht nur um verschiedene Traditionen, wie Heidenchristen und Judenchristen, sondern auch um tiefere oder andere Themen.

Diese Spannungen finden wir schon in der Bibel. Gerade wenn es um Einheit ging, mussten sie wirklich kämpfen. Jakobus berichtet zum Beispiel, dass die Gemeinde die Reichen nicht gegenüber den Armen bevorzugen soll. Das ist typisch Mensch und eine Mahnung auch für uns.

Es wird gesagt: Einfluss und Anerkennung in der Gemeinde Jesu dürfen nicht vom Portemonnaie abhängen, das ist Gottes Auftrag.

Wer die Schriften der frühen Christen liest, merkt auch, dass die christliche Gemeinschaft noch von vielen unchristlichen Elementen geprägt war. Ich fand ein Schriftstück von Tertullian sehr interessant. Er schreibt: Nachdem das Wasser für die Hände gereicht und die Lichter angezündet sind, wird jeder aufgefordert, wie er aus den heiligen Schriften oder aus eigenem Können vermag, vor den anderen Gotteslob zu singen.

Das klingt sehr vertraut – da soll jetzt jemand vorsingen. Aber der Grund kommt noch: Damit wird geprüft, in welcher Weise er getrunken hat. Zu Deutsch: Wer die Lieder lallt, von dem weiß man, dass er betrunken ist.

Das erinnert an 1. Korinther 11, wo Paulus sagt: Der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. Ihr altes Leben wirkte also noch hinein, und trotzdem waren sie Kinder Gottes und mussten weitergehen.

Ich verzweifle hier schon, wenn ich daran denke. Aber gut, wir haben ja einen Freiherr von Knigge, besonders als Deutsche mit Benimmregeln. Das war auch in früheren Zeiten nicht selbstverständlich, was wir heute als klar ansehen.

Ich fand es sehr interessant, von Tertullian das zu lesen. Man merkt, sie hatten auch mit offensichtlichen Sünden zu kämpfen. Man kann nicht sagen, die frühen Christen seien einfach heilig gewesen. Trotzdem ermahnten sie sich immer wieder vom Wort Gottes her.

Es gibt einen zweiten Clemensbrief, der eigentlich keine Schrift von Clemens ist, sondern eine Predigt, die in den frühen Gemeinden sehr bekannt war und immer wieder gelesen wurde. Dort steht zum Beispiel: Wodurch sollen wir Jesus bekennen? Wenn wir tun, was er sagt, seine Gebote nicht überhören und ihn nicht nur mit den Lippen ehren, sondern aus ganzer Seele und ganzer Gesinnung.

Das war ihnen wichtig – man spürt die Sehnsucht, durch das Leben Gott zu ehren. Ja, manches mussten sie regeln.

Von Tertullian stammt auch das berühmte Zitat: "Seht, wie sie einander lieben." Das war das Kennzeichen der Christen. Leider muss man heute oft sagen: "Seht und hört, wie Christen miteinander streiten über Dinge, die eigentlich nicht wichtig sind."

Deshalb glaube ich, dass wir von den frühen Christen lernen sollten, wie man die Liebe des Herrn Jesus so lebt, dass sie im nichtchristlichen Umfeld offensichtlich ist: "Seht, wie sie einander lieben."

Das finde ich einen sehr wichtigen Ansatz. Ich muss mir das mal zu Gemüte führen, denn es ist äußerst ermutigend. Wenn ich manchmal über Dinge den Kopf schüttele und denke, das darf doch nicht wahr sein, dann fühle ich mich besser, wenn ich solche Texte lese. Die hatten auch Herausforderungen.

Es war nicht so, dass die frühen Christen nur Heilige waren. Sie hatten Probleme wie wir. In manchen Bereichen vielleicht mehr, in anderen weniger. Jede Zeit hat ihre Probleme.

Wir haben das Evangelium und die Kraft des Evangeliums, die Kraft der Gemeinschaft – man kann auch so sagen: eine Kraft, aus der man wirklich Kraft schöpfen kann.

Die Kraft der Umkehr als Lebenswandel

Und was gab es denn noch Hilfreiches für heute, für uns, außer diesen zwei ersten Bereichen, auf die du bisher den Fokus gelegt hast? Vielleicht einen dritten. Roland Werner betont auch die Kraft der Umkehr, also die griechische Metanoia, was man mit Buße übersetzen würde.

Das ist ja ursprünglich die Predigt des Herrn Jesus: „Kehrt um, das Himmelreich ist nahe“, tut Buße. Buße bedeutet eine totale Veränderung meines Lebens. Ich bin vorher in eine Richtung gegangen, jetzt gehe ich in die andere. Ich habe vorher so gedacht, jetzt denke ich anders. Und das hatte Konsequenzen für die Christen.

Ich fand es interessant zu lesen, dass es eine ganze Reihe von Berufen gab, die für Christen tabu waren. Manche waren offensichtlich ausgeschlossen, wie Zuhälter, Strichjungen, Schauspieler, Gladiatoren, Wagenlenker in den Arenen, Zauberer und Wahrsager – das ging gar nicht.

Okay, heutzutage würden wir bei Schauspielern und Wagenlenkern wahrscheinlich schon überlegen. Aber auch wenn du Schauspieler warst, war das oft mit viel Götzendienst verbunden. Es ging nicht nur darum, zu unterhalten oder in einem Film mitzuspielen, sondern es gab immer eine Verbindung zu den Göttern und zu bestimmten Schauspielern, die mit Göttern in Verbindung standen.

Auch wenn ich Bildhauer oder Maler war, war es oft so, dass ich Götterbilder gemalt oder geschaffen habe. Wenn ich Christ wurde, musste ich mir daher eine andere Tätigkeit suchen. Nicht, weil es nicht genug zu tun gab, sondern weil es falsch war. Natürlich kann ein Bildhauer auch andere Dinge machen. Aber die Kultur war so geprägt, dass man die Arbeit automatisch mit Göttern oder mit Kaisern verband, die man darstellte. Diese Kaiser wurden oft als Götter verehrt und erhielten Räucheropfer.

Sie nahmen den Bruch mit der alten Religion sehr ernst. Das sieht man auch im Korintherbrief, wo Paulus einige ermahnt, weil sie es nicht ernst genug nehmen. In dieser Zeit ist es tatsächlich so, dass die Christen tiefer begreifen: „Hey, wir wollen den Weg, den wir vorher gegangen sind, nicht mehr gehen.“

Ich glaube, das ist auch heute übertragbar. Ich kenne jemanden, der sein Geld mit Handwerk im Rotlichtmilieu und im kriminellen Milieu verdient hat – aber es war ganz normales Handwerk, keine Umschreibung. Zum Beispiel der Ausbau von Häusern und so weiter. Als er sich bekehrte, verstand er: „Das kann ich nicht mehr machen, ich kann für diese Leute nicht mehr arbeiten, ich kann das nicht mehr unterstützen.“ Er hat es dann auch nicht mehr gemacht.

Er war selbständig und sagte: „Gott, du musst etwas machen.“ Dann rief eine Firma an, die sich an ihn erinnerte, weil er früher dort gearbeitet hatte. Daraus ergab sich eine, ich glaube, jahrzehntelange Tätigkeit, die Gott gesegnet hat.

Ich glaube, man muss heute auch mal überlegen: Für viele Berufe ist das neutral, aber es gibt sicher manche Berufe, bei denen man sagen muss: „Hey, da muss ich Konsequenzen ziehen.“ Wir sind ja bei Umdenken, bei Metanoia, wo Buße durchaus Konsequenzen im Leben hat.

Und wenn es nicht der Beruf ist, dann muss ich sagen: „Okay, welchen Göttern folge ich dann?“ Ist es die Habsucht? Ist es der Drang, mich darzustellen? Ist es mein Ich? Buße heißt auch Umdenken: „Ich habe falsch gedacht, jetzt denke ich anders.“

Die frühen Christen verstanden die Bezeichnung „Christ“ nicht als ein Etikett – „Ich bin jetzt Christ“ –, sondern als eine neue Lebenswirklichkeit. Buße war Abkehr vom falschen Denken. Auch mal andersherum zu sagen: Nicht andere Leute zu verherrlichen, sodass ich nur noch im Minderwertigkeitskomplex dastehe, oder mich selbst übermäßig zu erhöhen und andere zu verachten. Das sind Themen, die die Bibel durchaus aufgreift, aber für die frühen Christen gehörte das alles zur Buße.

Das waren schon mal erste Einblicke in unserem ersten Teil dieses Podcasts: die Faszination der frühen Christen, die Kraft des Evangeliums, die Kraft der Gemeinschaft und die Kraft der Umkehr.

Wir würden uns freuen, wenn ihr das nächste Mal beim zweiten Teil auch wieder dabei seid, worum es dann auch immer gehen mag. Aber das werden wir jetzt noch nicht verraten.

Das war der Podcast der Evangelischen Freikirche Evangelium für alle in Stuttgart. Wir hoffen, die Faszination für die frühen Christen ist ein wenig auf euch übergesprungen.

Wenn ihr Fragen habt, über die wir sprechen sollen, oder Anmerkungen zum Podcast, könnt ihr uns gerne schreiben unter podcast@efa-stuttgart.de.

Wir wünschen euch Gottes Segen und bis bald.