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Das biblische Prinzip der Selbstverleugnung

Lukas 9,2318.11.2017
Serie•Teil 1 / 4Im Spannugsfeld von Selbstverleugnung und Genuss
Was bedeutet Selbstverleugnung im christlichen Glauben? In einer Zeit, in der individualistische Werte dominieren, ermutigt die biblische Aufforderung zur Selbstverleugnung dazu, den Fokus von sich selbst auf Jesus zu richten. Diese Predigt beleuchtet, wie der Zeitgeist unser Denken prägt und hinterfragt, ob unser Streben nach Selbstwert tatsächlich zu einem erfüllten Leben führt. Stattdessen wird dargelegt, dass wahres Leben in der Demut, der Hingabe und der Bereitschaft liegt, anderen zu dienen. Ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben also, sich selbst zu verleugnen und in Christus zu leben?
Regionaler Impulstag 2017 im Spannungsfeld von Selbstverleugnung und Genuss.

Regionaler Impulstag 2017 im Spannungsfeld von Selbstverleugnung und Genuss.

Einleitung und Rahmen des Tages

Was erwartet euch heute? Na ja, es ist ein Impulstag. Also habe ich euch Impulse mitgebracht. Die Vorträge gehören alle irgendwie zusammen, jedenfalls ein bisschen.
Und na ja, ich weiß nicht, wie euch das so geht: Man bekommt ungefähr ein Jahr, anderthalb oder zwei Jahre vorher eine Anfrage, was man gerne machen möchte. Man hat so ein bisschen etwas im Kopf, was man damals gerne gemacht hätte, was damals interessant war. Dann geht die Zeit ins Land, und irgendwann stellt man fest: So, in acht Wochen fängt das an, jetzt musst du dich vorbereiten. Und dann entstehen Dinge manchmal neu. Also: Willst du was von mir? Okay. Gut, machen wir das mal so, dass wir dem Technikteam jetzt am Anfang einen Applaus geben.
Das sind nämlich die, die, wenn man nicht mitbekommt, dass irgendetwas faul ist und schiefläuft, man eigentlich nie mitbekommt, dass sie ihren Job machen. Also ja, ich finde die total toll. Und ich habe sie gerade wieder ein Stückchen überfordert, weil ich ihre gesamte Planung auf den Kopf gestellt habe. Vielen herzlichen Dank nochmals, ihr seid toll!
Also, wir machen Impulse zu dem Thema im Spannungsfeld von Selbstverleugnung und Genuss. Ihr bekommt vier Vorträge. Ihr könnt mitschreiben, ihr müsst aber nicht mitschreiben. Die Skripte dazu sind bereits auf meiner Homepage auf frogwords.de, Startseite. Da findet ihr vier Skripte, da könnt ihr theoretisch mitlesen, aber das müsst ihr natürlich nicht tun, ja.
Und die wenigsten von euch werden etwas dabei haben, das groß genug ist, um noch spaßig mitlesen zu können. Auf dem Handy ist das ein bisschen klein. Aber wenn ihr im Nachgang sagt: Hey, da war der eine oder andere gute Gedanke dabei oder die eine oder andere Bibelstelle, die mir Thomas Knies nicht auf die Schnelle an die Wand geworfen hat, kein Problem, einfach nachlesen.
Und wenn jemand sagt, ich habe aber gar kein Internet, ich bin schon so einer von diesen grauen Pantern und Pantherinnen: Ihr habt alle Enkel, glaubt mir, die helfen euch.

Der Ursprung des Gedankens der Selbstverleugnung

Vortrag Nummer eins heißt das biblische Prinzip der Selbstverleugnung.
Und ich dachte, wir starten einfach mal mit der Frage: Wo kommt das Thema, der Begriff Selbstverleugnung, eigentlich her? Und klar, den Begriff hat eigentlich Jesus geprägt.
In Lukas 9,23 heißt es: Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will – das ist das, was Jesus seinen Leuten sagt –, wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz täglich auf und folge mir nach.
Also, was heißt es, als Christ zu leben? Na ja, hier stehen drei Sachen:
Du sollst Jesus nachfolgen, also so leben, wie er gelebt hat, dahin gehen, wo er mich hinführt, Gemeinschaft mit ihm haben. Das ist der erste Punkt.
Der zweite Punkt: Ich soll täglich mein Kreuz auf mich nehmen. Das ist in unserer Zeit nicht mehr ganz klar, was das bedeutet. Aber damals war es so: Wenn jemand sein Kreuz getragen hat, dann hatte er einfach mit seinem Leben abgeschlossen. Er hat nichts mehr vom Leben erwartet als den Tod. Und so sollen wir leben. Wir sollen mit unserem Leben abgeschlossen haben.
Und drittens, das ist der Punkt, um den es heute geht: Ich soll mich selbst verleugnen, sagte der Herr Jesus.
Also Selbstverleugnung gehört laut Jesus zu den absolut unverzichtbaren Voraussetzungen des geistlichen Lebens. Und trotzdem glaube ich, dass wir uns ganz selten darüber Gedanken machen, was es eigentlich bedeutet, sich selbst zu verleugnen. Und das hat Gründe. Ich meine, es hat wenigstens zwei Gründe.

Warum der Zeitgeist das Denken prägt

Der erste Grund ist jetzt nicht ganz so schmeichelnd, aber wir sind eine Generation von Christen, die sich ganz grundsätzlich nicht allzu viele Gedanken über die Bibel macht. Da sind die Älteren unter uns vielleicht noch besser dran, aber ich spreche jetzt mal so für die Jugendlichen. Ich glaube, dass wir uns im Moment, was das durchschnittliche Bibelwissen angeht, in einem kirchengeschichtlichen Allzeittiefstand befinden.
Ich würde viel dafür geben, wenn Gläubige so viel Zeit mit Gebet und der Bibel verbringen würden, wie sie zum Beispiel in ihre Hobbys, in ihre Lieblingsserien oder in diese asozialen Medien jeden Tag investieren. Das fände ich schon toll. Aber so gegen den allgemeinen Götzendienst kann man halt wenig machen als Prediger. Das ist der eine Punkt: dass wir im Moment einfach geistlich nicht wirklich gut mehr drauf sind.
Es gibt einen zweiten Punkt, und der leitet sich aus dem ersten Punkt eigentlich ab. Unser Denken und damit auch unser Verhalten als Christen ist wahrscheinlich mehr vom Zeitgeist infiziert, als uns das lieb ist. Und damit möchte ich Folgendes sagen: In unseren Gemeinden ist Bekehrung, dieses, worauf es immer zuläuft, „bekehr dich“, ein, glaube ich, zutiefst intellektueller Prozess. Es geht darum, dass man Wahrheiten annimmt. Und dieses existenzielle Element dabei, das es zu einer Beziehung mit Jesus führt, zu einer echten Beziehung, die mich prägt und verändert, ich glaube, dass das bei vielen, vielen evangelikalen Christen in Deutschland nicht mehr so ist.
Also irgendwie habe ich den Eindruck, die meisten christlichen Leben sind eigentlich typisch deutsche Durchschnittsleben mit einem christlichen Anstrich. Versteht ihr, ja? Da ist eigentlich das Alte noch geblieben, und man hat nur so einen Zuckerguss drüber gemacht. Und so tief drin, da, wo Bekehrung eigentlich ein radikaler Bruch hätte sein müssen, ist das nicht so passiert, wie man sich das wünscht.
Und eine Folge davon ist eben die, dass auch die Werte unserer Kultur oft nicht mehr hinterfragt werden.

Die Kultur der Selbstverwirklichung und ihre Folgen

Und wenn ich mir jetzt anschaue, wo ich stehe, dann kann ich sagen: Wir stehen am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts in einer Kultur, die den Menschen vergötzt. Das ist auch logisch. In der Geschichte der Menschheit gibt es ja immer wieder solche Denkströmungen, und wir kommen aus der Philosophie des Existenzialismus. Das müsst ihr euch nicht merken. Da gibt es dann so Namen, die man vielleicht schon einmal gehört hat: William James, Erich Fromm, Alfred Adler, Abraham Maslow. Das sind alles Psychologen, und sie haben uns etwas beigebracht.
Sie haben mit ihrem Denken und mit ihren Ideen unsere Kultur geprägt. Und all die Konzepte, die aus dieser Schule des Existenzialismus kommen, all diese gemeinsamen Konzepte, drehen sich alle um den Menschen. Der Existenzialismus bedeutet: Es gibt keinen Gott. Okay, wenn ich das erst einmal geschluckt habe, dass es Gott nicht gibt, dann bleibt ja nur der Mensch übrig. Und das heißt: Der Mensch ist allein, und das Einzige, was ihm dann bleibt, ist, dass er sich selbst zum Maß aller Dinge macht.
Und in eine solche Kulturgeschichte, die jetzt schon wenigstens hundert Jahre auf Vollgas läuft, werden wir eben hineingeworfen. Und natürlich sagt Jesus in der Bergpredigt, Matthäus 5,4, dass die Armen im Geist glückselig sind. Also die Menschen, die sich ihrer eigenen Nichtigkeit, ihrer Hilflosigkeit, ihrer Abhängigkeit, ihrer Erlösungsbedürftigkeit zutiefst bewusst sind. Jesus sagt, wir müssen es lernen, als Bettler vor Gott zu stehen. Das ist das, was Jesus sagt.
Und die Kultur, in der wir leben, macht jetzt genau das Gegenteil. Sie feiert den Menschen, den Menschen in seiner Großartigkeit, in seiner Eigenständigkeit, in seiner Unabhängigkeit, in seiner Selbstständigkeit. Und dieses neue, dieses unbiblische Denken wird von Begriffen getragen, bei denen ich Angst habe, dass sie auch in unseren Ohren vielleicht ganz positiv klingen. Das sind eigentlich, wenn man sie biblisch hinterfragt, zutiefst antigöttliche und heidnische Begriffe. Aber sie kommen quasi überall und immer wieder und jeden Tag in unser Leben hinein.
Das sind Begriffe wie Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstverwirklichung, Selbstakzeptanz, Selbstliebe. Und ihr merkt ja: Diese Begriffe, und es gibt noch mehr davon, transportieren immer wieder ein und dieselbe Idee. Sie transportieren die Idee, dass ich wichtig bin, dass es mich gibt, mein Selbst, dem ich jetzt einen Wert geben muss, ein Selbst, auf das ich vertrauen muss, das ich verwirklichen muss, das ich annehmen muss, das ich lieben muss. Und wehe, wenn nicht. Dann wird uns eingeredet, dann verspiele ich ein zufriedenes Leben, dann riskiere ich im schlimmsten Fall eine psychische Erkrankung.
Die Botschaft der Welt, in der wir leben, lautet: Leben besteht darin, die Bedürfnisse meines Selbsts zu erkennen und zu stillen. Das ist die Botschaft dieser Welt. Und weiter weg von der Wahrheit könnte das Denken kaum mehr sein. Aber das ist genau das, was uns suggeriert wird, und das wird geglaubt.

Der Gegensatz zwischen Welt und Evangelium

Wie gelingt ein Leben, wenn man sich diese Frage stellt? Hier sind ja ganz viele junge Leute. Werfen wir einen kurzen Blick auf amazon.de. Ja, das kann man ja mal machen. Da findet man ja die Antworten.
Frage: An wen muss ich glauben? Antwort: an mich. Ich muss tausend Bücher dazu lesen. Ich muss meinen Selbstwert stärken. Ich muss Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein entwickeln. Ich muss innere Kraft freisetzen. Oder das Lustigste war: Ich muss mein höheres Selbst entdecken. Keine Ahnung wie, aber darum geht es. Ich muss in mich entdecken. Glaube an dich, dann wirst du es in dieser Welt zu etwas bringen.
Das ist die Botschaft in jedem Ratgeber, in jeder Fernsehserie. Das ist die Botschaft auf Facebook und letztlich auf jedem Werbeplakat. Was wird uns versprochen, wenn wir diesen Weg gehen? Uns wird Glück versprochen, Freude, Segen, ein Leben im Überfluss, ohne Angst, voller guter Entscheidungen. Und merkt ihr was? Das sind fast dieselben Verheißungen, die uns Jesus auch gibt.
Deswegen habe ich es auch bewusst so formuliert. Nur der Weg dahin ist ein ganz anderer. Auf der einen Seite steht die Welt. Da heißt es: Verwirkliche dich selbst, pack dein Leben an, steh zu dir, trau dich, Nein zu sagen, trau dich, deine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Und auf der anderen Seite kommt Jesus und sagt: Stirb.
„Stirb mit mir am Kreuz, akzeptiere, dass du ein Bettler bist, ein Sklave ohne Wert, ein Wurm. Trau dich das!“
Die Welt ermutigt uns dazu, allen zu zeigen, wer wir sind. Ich finde Facebook lustig, was da so manchmal gepostet wird: Ich und mein neuer Tennisschläger. Oder: Ich im Urlaub unter Palmen, schaut her, ich kann mir das leisten! Oder die Werbung, wenn sie kommt: Du hast etwas verdient, gönn dir doch den neuen 55-Zoll-Ultra-HD-Fernseher, gönn dir das! Versteht ihr?
Hey, dieses Lasst uns von unseren Erfolgen reden, zeigen, wer wir sind, was wir haben, dieses ganze Selbstvermarktungsding, diese Selbstdarstellung, darauf kommt es an. Und wehe, du hast dann nichts zu zeigen, wehe!
Für Scheitern, für Buße, für Gnade ist an der Stelle kaum mehr Platz im Leben. Das Selbst steht im Zentrum. Und mit dem Selbst kommt der Egoismus, und der versteckt sich hinter so schönen Begriffen.

Wie Egoismus den Alltag durchzieht

Ich werde jetzt mal eine kleine Exkursion durch den Egoismus machen: wo sich überall Egoismus findet. Und seid bitte nicht betroffen, wenn er sich auch in eurem Leben findet. Ihr seid ja genau die Generation, die in diesem Zeitgeist mittendrin steckt.
Das fängt an mit ganz, ich sage mal, mit so Dingen, die wir alle nicht mögen: mit Rassismus. Rassismus ist nichts weiter als Egoismus, weil ich zu einer bestimmten Rasse gehöre und deswegen denke, dass das die beste ist.
Das geht weiter über Sexismus. Das kann man dann für Männer und Frauen durchspielen: Weil ich Mann bin, sind Männer einfach die besten. Warum sind Männer die besten? Weil ich Mann bin. Versteht ihr? Ich mit meinem Selbst werde zum Mittelpunkt.
Aber das geht natürlich auch dann für Fußballvereine. Hertha BSC oder: Er ist der Beste. Dass das im Moment irgendwie überschaubar ist, also, nee, aber es ist meine Mannschaft, ja. Und wo ich bin, sind die vorne, das sind die Guten. Da denkst du dir: Hä, warum? Wo kommt so ein Gedanke her? Ja, aber ihr versteht diese Idee ja: Wo ich dazugehöre, das ist das Beste. Warum? Weil ich dazugehöre. Das ist dieser Zeitgeist des Egoismus, des Selbst. Ich definiere, was gut und was gut und richtig ist.
Und diese Beweihräucherung und diese Verehrung von dem Selbst zeigt sich natürlich noch an vielen anderen Stellen.
Neid! Warum sind wir neidisch? Warum sind wir erst zufrieden, wenn wir etwas haben? Na ja, weil wir kleine Egoisten sind, weil wir denken, es muss sich alles um uns drehen. Wir könnten uns auch freuen über das, was der andere hat. Aber ey, pff, ja also.
Zorn: Wie oft bin ich zornig oder ärgerlich? Weil ich glaube, dass ich Rechte habe, dass ich erwarten darf, dass man angemessen mit mir umgeht, dass ich hören will, wie man mich feiert oder sich wenigstens bei mir bedankt. Wehe, das tun die Leute nicht.
Oder Angeberei und Name Dropping. Ich weiß nicht, ob ihr Name Dropping schon mal gehört habt. Also, Angeberei kennt jeder. Wir stellen durch Übertreibung sicher, dass wir wirklich auch die Anerkennung bekommen, die wir verdienen. Name Dropping ist dieses, wenn man in einem Gespräch so ganz nebenbei den Namen von bekannten Leuten einfließen lässt, so nach dem Motto: Ja, damals, als ich bei meiner persönlichen Audienz beim Dalai Lama saß und mit ihm gesprochen habe, damals habe ich auch schon gedacht, das kann so schnell passieren, dass ich im Mittelpunkt stehe, dass Leute mich sehen.
Oder Selbstmitleid, diese verkappte Form von Egoismus: Schaut her, wie schlecht es mir geht. Natürlich könnten wir uns theoretisch auch mit Menschen beschäftigen, denen es noch schlechter geht. Und wir könnten uns darüber freuen, dass uns nicht Schlimmeres getroffen hat. Die Bibel sagt, wir hätten es verdient: Esra 9,13 für alle, die den Vers auswendig lernen wollen. Aber hey, wo bleiben wir dann, wenn wir so rangehen ans Leben?

Das aufgeblasene Ich und seine Grenzen

Ach, wer im Zentrum steht, regt sich ganz leicht über die Fehler anderer auf und hat gleichzeitig in meinen Augen völlig unrealistische Erwartungen. Ich bin ja Ältester, okay? Wisst ihr, ihr könnt euch das wahrscheinlich nicht vorstellen. Wisst ihr, wie leid es mir ist, wenn mir jemand sein Leid klagt, das darin besteht, dass er letzten Sonntag, als er in den Gottesdienst reinkam, von niemandem begrüßt wurde?
Also, ich kann verstehen, wenn dein Leid darin besteht, dass sich letzte Woche niemand durch dich bekehrt hat. Das ist wirkliches Leid, das verstehe ich. Aber: Keiner hat mich begrüßt? Ja, ist das ehrlich dein Problem? Aber da merken wir, wie dieses Selbst, wie dieses Ich, so im Zentrum steht.
Oder denken wir an Unzufriedenheit, an Undankbarkeit. Bist du manchmal mit deinem Leben unzufrieden? Warum? Was meinst du denn, was dir zusteht? Ein besserer Computer, ein liebevollerer Ehemann, vielleicht überhaupt ein Mann, der sich für dich interessiert, keine Migräne, Kinder, die nicht streiten, nettere Arbeitskollegen, auch mal ein bisschen Urlaub, weiter weg?
Klar sagt die Bibel etwas davon, dass Gottseligkeit mit Genügsamkeit ein großer Gewinn ist, dass wir damit zufrieden sein sollen, wenn wir Nahrung und Kleidung haben, oder dass Gott weiß, was wir brauchen, dass wir uns nicht wie die Heiden sorgen sollen. Aber ganz ehrlich: Ist es wirklich so, dass wir, die wir hier sitzen, unser Kreuz aufnehmen, dass wir abgeschlossen haben mit diesem Leben, dass wir nichts mehr davon erwarten, weil wir eigentlich tot sind, mit Christus am Kreuz gestorben? Ist es wirklich so?
Ja, dass du jetzt an Weihnachten denkst und sagst: Ich brauche nichts, ich will auch nichts, weil ich habe alles. Also die Kleinen noch nicht, ihr habt noch nicht alles, aber ich jetzt, meine Generation. Es ist wirklich so zu sagen: Komm, lass gut sein, das ist doch Trullifatz, ich mache doch diesen Blödsinn nicht mit. Ich habe eh schon zu viel, ich müsste überlegen, was ich weggeben und was ich verkaufe. Der Herr Jesus spricht davon, dass wir unseren Reichtum weggeben sollen, damit wir Schätze im Himmel haben.
Ich bin mir unsicher, ob jeder so denkt. Und es gäbe mehr Bereiche, wo ich euch dieses aufgeblasene Ich zeigen könnte, ein aufgeblasenes Ich, das so gar keine Lust hat auf Selbstverleugnung, sondern im Mittelpunkt stehen will. Da ist die Angst vor dem, was andere von mir denken, während man sich im Allgemeinen nicht so viele Gedanken darüber macht, was Gott über einen denkt. Da ist diese Abhängigkeit von eigenen Gefühlen, als ob mein Fleisch wüsste, was gut für mich ist, und als ob die Bibel nicht ganz klar dem Geist die Führungsrolle in unserem Leben zuweist.
Da ist dieser mancherorts desaströse Umgang mit Schicksalsschlägen. Haben wir wirklich vergessen, dass alles seine Zeit hat, so steht es im Prediger, mal geht es rauf, mal geht es runter? Und dass wir ein Leben des Leids und der Nichtigkeit führen? Da ist dieser Mangel an Gottesfurcht oder eine unglaubliche Unwilligkeit, sich Autoritäten, zum Beispiel Ältesten oder Leuten, die sich einfach besser auskennen und geistlich fitter sind, mal unterzuordnen und sich etwas sagen zu lassen. Immer und immer wieder dasselbe Spiel: Unser Selbst, unser aufgeblasenes Ego, steht uns im Weg.
Und das, was ich hier beschreibe, ist die Realität, mit der ich als Ältester konfrontiert werde.

Selbstverleugnung in Seelsorge und Bibel

Persönlich glaube ich, dass ein Mangel an Selbstverleugnung das grösste Problem ist, das ich in der Seelsorge vorfinde. Die meisten Seelsorgefälle wären wahrscheinlich keine Fälle, wenn sich die Betroffenen einfach mal nicht so wichtig nehmen würden.
Oft klagt mir jemand sein Schicksal. Und der erste Impuls, der mir ganz, ganz häufig kommt, und ich darf ihn natürlich nicht aussprechen, ich weiss schon, ja, aber der erste Impuls, der einem, wenn man das dann hört, einschiesst, ist: Stirb doch einfach! Hör doch einfach mal auf, dich und deine Pseudobedürfnisse so ernst zu nehmen. Werde doch mal ein bisschen mehr wie Jesus! Versuch doch einfach mal, wenigstens andere höher zu achten als dich selbst.
Ganz, ganz oft ist das so der erste Impuls, wenn ich so etwas höre. Ich denke mir: Ehrlich, ja, es gibt Probleme, wo ich denke, das ist kein Problem. Wie mache ich dem jetzt klar, dass das kein Problem ist oder dass er das Problem ist, aber nicht das, was er schildert? Ganz schwierig.
Und jetzt denkt der ein oder andere, wenn ich so über diese Selbstbegriffe herziehe, vielleicht: Aber ist es nicht so, dass ein Mensch ein gesundes Selbstwertgefühl braucht? Spricht nicht auch die Bibel davon, dass wir uns lieben sollen? Und dann wird natürlich gerne auch die Bibel bemüht, ja, irgendwo muss man das ja dann auch in der Bibel finden.
Und das macht man dann meistens in Markus 12,29-31. Ich lese das mal vor. Bekannte Verse, da heisst es:
Jesus antwortete ihm: Das Erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft. Das Zweite ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Grösser als diese ist kein anderes Gebot.
So, das wird einem dann gezeigt: Ja, es geht jetzt um das Thema, du sollst dich lieben. Und das Argument geht etwa so: Ich soll meinen Nächsten lieben wie mich selbst, und deswegen muss ich es lernen, mich selbst zu lieben. Das ist das Argument, es steht nur nicht da.
Die Stelle geht übrigens überhaupt nicht davon aus, dass irgendein Mensch ein Defizit darin hat, sich selbst zu lieben. Jesus geht es darum, dass er das Mass an Selbstliebe nimmt und auf Nächstenliebe überträgt.
So, jetzt mache ich mal eine kurze Klammer auf. Natürlich weiss ich auch, dass es psychische Erkrankungen gibt. Über die rede ich hier nicht. Ich rede hier über den Normalmenschen. Und für den Normalmenschen gilt das: Du hast Liebe für dich selbst.
Nirgendwo geht die Bibel davon aus, dass wir ein Problem damit haben, uns selbst zu lieben. Wir haben es in Markus 12 nicht mit drei Geboten zu tun: Liebe Gott, liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst, sondern: Liebe Gott, liebe deinen Nächsten und wenn du nicht genau weisst, wie viel Liebe dein Nächster verdient, na ja, wie würdest du denn mit dir umgehen? Das ist das Mass.
So, wie du dich liebst, dich um dich kümmerst, dafür sorgst, dass du nicht zu kurz kommst, die gleiche Fürsorge hat dein Nächster verdient.
 Epheser 5,29. Da heisst es: Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst. Das ist die Wahrheit. Niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst. Du empfindest instinktiv Liebe für dich. Übrigens, das ist der Grund dafür, warum du heute Morgen dich warm angezogen hast. Vielleicht hast du geschaut, wie kalt es ist. Hast dich warm angezogen. Warum? Ich friere halt nicht gerne. Genau, du hast dich lieb.
Das ist der Grund, warum du gefrühstückt hast. Selbst Dominik und ich, die im Auto hergekommen sind, haben noch eine Fleischsemmel an der Autobahn gegessen. Warum? Weil wir uns lieb haben, also unsere Körper lieb haben. Und die hatten Hunger, und die brauchten noch die Fleischsemmel. Es ist einfach so: Ja, wir haben uns lieb. Das ist der Grund, warum wir uns die Haare kämmen, weil wir irgendwie nicht hier auftauchen wollen wie Struwelpeter. Wir haben uns lieb.
Und jetzt kommt Paulus und sagt in Epheser 5,29: Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern ernährt und pflegt es, wie auch der Christ die Gemeinde. Biblisch betrachtet ist die Liebe zu uns selbst, obwohl völlig normal, gleichzeitig eine Last. Denn sie kann uns davon abhalten, den Nächsten so zu lieben, wie er es verdient.
Jetzt sage ich noch einmal: Achtung, es gibt ein zu geringes Selbstwertgefühl, aber es gibt nicht zu wenig Selbstliebe. Das ist jetzt ein klein bisschen etwas für die, die Spass am Denken haben. Es ist nämlich genau genommen so: Wenn uns ein geringes Selbstwertgefühl belastet, dann doch nur deshalb, weil wir uns selbst so sehr lieben.
Merkt ihr, jetzt müssen die Denker mitkommen. Ich mache noch einmal ein Beispiel, das ist jetzt für die Praktiker: Wenn ich in den Spiegel schaue und denke, Mann, ich müsste echt abnehmen, ich sehe aus wie ein Fettkloss, und wenn dieser Gedanke meinem Selbstwertgefühl zusetzt, dann doch nur, weil ich mich liebe. Würde ich mich wirklich hassen, dann würde ich denken: Super, ich bin hässlich.
Aber weil ich mich liebe, und zwar jeder das tut, weil ich mich liebe, deshalb will ich gut aussehen. Selbstliebe ist angeboren. Selbstliebe ist nichts, was wir aufbauen müssen. Wir müssen sie überwinden, damit wir andere lieben können. Und deswegen spricht Jesus davon, dass wir uns selbst verleugnen sollen.

Der biblische Gegenentwurf zum Selbstwert

Ihr versteht, wir kommen aus einer Zeit, die sagt: Mach dich immer größer, wie diese Frösche und Kröten, die sich aufpumpen können, wenn irgendeine Schlange kommt. Mach dich immer größer, es muss nur Luft drin sein, dann mach dich groß. Und Jesus sagt: Nee, das ist Quatsch.
Vor kurzem habe ich einen tollen Vortrag gehört. Da fragte der Prediger: Weißt du, was du tun solltest, wenn du ein geringes Selbstwertgefühl hast? Und ich dachte, dann war ich gespannt, was er jetzt sagt. Seine Antwort war brillant, und deswegen habe ich sie euch mitgebracht. Weißt du, was du tun solltest, wenn du ein geringes Selbstwertgefühl hast? Freu dich dran, genieße es, solange du kannst. Denn wenn du wirklich gering über dich denkst, dich selbst nicht ernst nimmst, sprich: demütig bist, dann wird Gott dich erhöhen, und dann fangen die Probleme schon von alleine an.
Ein geringes Selbstwertgefühl ist oft nicht mehr als einfach realistisch. Und wisst ihr was: Uns so zu sehen, wie wir sind, ist überhaupt nicht schlimm. Ich habe jetzt nicht die Zeit, mit euch Psalm 22 in Gänze zu betrachten, aber ich hoffe, die meisten von euch wissen, dass man in Psalm 22 einen Blick in das Innenleben des Messias am Kreuz werfen darf. Und da heißt es in Psalm 22, Vers 7: Wie denkt Jesus am Kreuz über sich? Na ja, Psalm 22,7: Ich aber bin ein Wurm.
Da hat man ja Mitleid und möchte sagen: Jetzt denk doch mal ein bisschen größer von dir, ja, du bist doch der Messias. Aber Jesus hat anscheinend überhaupt kein Problem, in diesem Moment, wo er splitterfasernackt am Kreuz hängt und von allen verlacht wird, menschlich am Ende ist, zu sagen: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.“ So empfindet Jesus sein Leben. Und wenn du auch manchmal denkst: Mich mag keiner, ich bin so der Arsch vom Dienst, vielleicht trifft dein Empfinden nur ganz genau die Realität, weil dich einfach keiner mag. Ja, kann doch sein, verstehst du? Ja, dann müssen wir folgen. Einem Herrn, der kein Problem damit hatte, sich wie ein Wurm zu fühlen.
Und wenn Jesus das von sich sagt, ist es dann so schlimm daran, dass ich das auch von mir denke? Aber Achtung: Wir müssen das natürlich auch glauben. Wenn Paulus von sich spricht, dann nennt er sich unter anderem einen Narren um Christi willen, oder er sagt: Ich bin Unrat und Abschaum. Und er meint das so. Er beschreibt seine Erfahrungen, und er hat, und das finde ich so großartig, irgendwie überhaupt kein Problem damit. Denn problematisch ist ein geringes Selbstwertgefühl nur für den, der sich liebt. Wenn ich viel größer sein möchte und dann feststelle, dass ich wirklich so klein bin, dann habe ich ein Problem.
Aber stell dir vor, du wärst bei deiner Bekehrung mit Christus gestorben, und du könntest denken, ganz realistisch: Ich bin ein Wurm, Abschaum der Welt, ein Christusnarr, und mein Lebenskonzept ist so ultra agro anti zu allem, was in der Zeitung steht. Und das ist gut so. Stell dir vor, du könntest das glauben und es würde dich nicht belasten, weil du einfach sagst: Ja, so ist es, ich bin mit Christus am Kreuz gestorben. Solange mein aufgeblasenes Ego nicht mit Christus am Kreuz gestorben ist, solange will es etwas darstellen. Und es will seiner angeborenen Selbstliebe frönen und alles daransetzen, bloß nicht sein eigenes Leben zu verlieren.

Leben verlieren, um Frucht zu bringen

Aber was sagt Jesus? Johannes 12, auch so einer dieser Verse. Ich weiß nicht, ob ich das gesagt habe: Ich liebe es, wenn Leute Bibelverse auswendig lernen. Ja, das ist einfach so. Also, wenn ihr jetzt noch nicht angefangen habt, heute wäre der Tag. Wenn ihr heute seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht. Fangt an, Bibelverse auswendig zu lernen.
Und Johannes 12,24-25 gehört definitiv zu den Top 100. Das muss man am Anfang mitlernen. Dominik, hast du das schon auf deiner Liste? Wenn nicht, jetzt kommt es drauf. Herr Dominik ist im Unterrichtsprogramm gerade bei uns zu Hause am Mitwohnen und muss immer tun, was ich sage. Schön, oder?
Also, Johannes 12,24-25: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Und jetzt kommt’s: Wer sein Leben liebt, verliert es. Und wer sein Leben in dieser Welt hasst, also nicht liebt, es nicht für bedeutend hält, sagt: Es geht mir nicht darum, wird es zum ewigen Leben bewahren.
Das ist die Botschaft, die wir verstehen müssen.

Die Frage nach dem Selbstwert neu gestellt

Was ist die biblische Botschaft vom Selbstwert? Ich glaube, Matthäus 5,4 sagt da schon eine ganze Menge. Dieses Armsein vor Gott, dieses die weiße Flagge raushängen dürfen und sagen: Ich gebe auf, ich kapituliere. Das ist einfach cool, dass das geht. Das ist die Wahrheit.
Aber ich habe noch eine andere Stelle, ein bisschen länger: Lukas 18,9-14. Die möchte ich einfach nur vorlesen, weil da zwei Leute beschrieben werden. Der eine hat definitiv kein Problem mit seinem Selbstwertgefühl, und der andere schon. Und wir müssen uns anschauen, wie die beiden aus der Situation herausgehen.
Da heißt es in Lukas 18, ab Vers 9: Er sprach aber auch zu einigen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die übrigen verachteten, dieses Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer betete und stand so da und betete bei sich selbst: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte alles, was ich erwerbe.
Also das ist einer, der kein Problem mit einem Selbstwertgefühl hat. Jetzt kommt der, der das Problem hat. Der Zöllner aber stand weit ab und wollte sogar die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig.
Jetzt kommt das Fazit: Ich sage euch, dieser, das ist der Zöllner, ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, im Gegensatz zu jenem. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Also: Der Pharisäer hat kein Problem mit seinem Selbstkonzept oder mit einem Mangel an Selbstwertgefühl, der Zöllner schon. Aber der, der das Problem hat, der wird gerettet. Ist klasse, oder?
Die Welt sagt: Blas dein Ego auf. Und Jesus sagt: Du kannst das tun, aber dann wirst du nicht gerettet. Denn um gerettet zu werden, musst du anfangen, ganz realistisch von dir zu denken. Du musst begreifen, wer du wirklich bist. Du musst arm im Geist werden, wie dieser Zöllner vor Gott stehen, dich an deine Brust schlagen und sagen: Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig.
Wenn du dazu nicht bereit bist und wenn dein Ego dir da im Wege steht, dann kannst du nicht gerettet werden. Du musst begreifen, was Paulus in Römer 7,18 schreibt: Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.
Das ist die Realität, in mir als Mensch. Und vielleicht tue ich dem einen oder anderen jetzt weh, das tut mir leid, aber Wahrheit ist manchmal ein bisschen pikant. In mir als Mensch steckt nichts Gutes.
Die Bibel ermutigt uns nirgends dazu, einen höheren Selbstwert zu bekommen. Wir werden aufgefordert, Gott mehr Wert zu schätzen. Aber nicht uns selbst.

Christuswert statt Selbstwert

Und wir wissen jetzt auch, warum das so ist. Weil es gar nicht nötig ist. Wir werden damit geboren, zu glauben, dass wir das Zentrum des Lebens sind, das Zentrum des Universums. Der normale Mensch denkt: Hier, wo ich stehe, ist vorne und richtig. Das muss man uns nicht beibringen, wenn du mir das nicht glaubst.
Ich habe einen kleinen Enkel, noch nicht lange. Und bei den eigenen Kindern hat man immer nicht so die Zeit, die Entwicklung so zu betrachten, da ist so viel drum herum noch. Aber bei den Enkeln kann man sich das so schön anschauen. Muss ich ihm beibringen, dass dieses rote Feuerwehrauto seins ist und nur er damit spielen darf, wenn er Lust drauf hat? Muss ich ihm das beibringen? Nein, wirklich nicht. Meins.
Dieser Kleine ist süß, und ich habe einen ganz süßen Enkel, wirklich einen süßen Enkel. Aber du merkst ja: Hat er ein Problem damit, dass er sich als das Zentrum seines Spielzimmers sieht? Nein, nein. Möchte er bestimmen, was, wann, wie, mit wem gespielt wird? Ja, das möchte er. Genau das versteht er. Das ist die Realität. So werden wir geboren.
Und deshalb ist das mit der Selbstliebe nicht unser Problem, weil es da etwas zu überwinden gilt. Und weil wir in einer Zeit drinstecken, die uns einredet: Mehr davon, gib Gas, steh zu dir, mach was aus dir. Deswegen kommt jetzt Jesus und sagt, dass wir uns selbst verleugnen sollen. Da, wo es vorher um mich ging, ich, mir, meiner, mich, da muss jetzt jemand anders König werden. Ich muss Jesus die Regentschaft über mein Leben geben.
 Markus 8,34: Und als er die Volksmenge samt seinen Jüngern herzugerufen hatte, sprach er zu ihnen: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach.
Was ist der biblische Gegenentwurf zum Selbstwert? Was ist der biblische Gegenentwurf?
Aus dem Buch Philemon wird jetzt nicht so oft zitiert. Da heißt es in Philemon – es gibt nur ein Kapitel, deswegen sagt man Philemon 6, meint aber Philemon 1,6 – da heißt es: Paulus schreibt dem Philemon, dass die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Erkenntnis allen Guten, alles Guten, so, und jetzt kommt es: dass in uns im Hinblick auf Christus ist. Schwieriger Satz. Paulus zu zitieren ist nicht immer einfach. Ich lese das nochmal vor.
Habt ihr noch genug Sauerstoff? Einmal querlüften gewünscht? Ja, okay. Ich weiß nicht deinen Namen mit dem gepunkteten Hemd da außen dran. Hartmut, ich habe dich schon gesehen, ich habe den Namen vergessen. Mach einmal das Fenster richtig auf neben dir, drei Minuten, und da drüben genau das Gleiche. Wir lüften einfach mal quer, aber nur drei Minuten, okay? Und dann automatisch, ohne dass ich was sage, bitte wieder zumachen.
Sehr schön, gut, weil Philemon 6 passt gut. Man muss bei Philemon zuhören, deswegen gibt es nochmal Philemon 6, dass die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Erkenntnis alles Guten, das in uns im Hinblick auf Christus ist.
Und jetzt merkt ihr hoffentlich, wenn ihr noch dabei seid: Ich habe vorhin Römer 7,18 zitiert. Da steht, dass nichts Gutes in uns ist. Und jetzt steht hier, dass Philemon erkennen soll, das Gute, das in ihm ist, aber im Hinblick auf Christus. Das heißt: Im Fleisch, in uns, aus uns selbst heraus steckt nichts Gutes in uns. Aber, und das ist jetzt der Clou: Gott hat etwas Gutes in uns hineingelegt, weil wir in Christus sind, weil wir Christen geworden sind.
Wir dürfen also auf der einen Seite ganz realistisch akzeptieren, wer wir sind und wie sehr Gott uns begabt hat. Aber das ist nicht Selbstwert. Und wenn ihr nur eine Sache heute mitnehmt, nehmt die bitte mit: Das, was wir sind, ist nicht Selbstwert, sondern es ist Christuswert. Und das ist ein Riesenunterschied. Es ist nicht Selbstwert, sondern Christuswert in uns.

Wer in Christus ist und wer Christus in uns ist

Und jetzt kommt ein heikler Punkt. Vielleicht schlachte ich jetzt eine heilige Kuh, dann tut mir das leid.
Es ist modern geworden, unter Christen davon zu reden, was unsere Identität in Christus ist. Vielleicht habt ihr das schon einmal gehört: unsere Identität in Christus, also wer wir in Christus sind. Ich nehme an, der eine oder andere hat das schon einmal gehört: wer wir in Christus sind.
Und nach allem, was ich bis jetzt gesagt habe, habe ich wirklich Angst davor, dass sich bei uns quasi durch die Hintertür folgender falscher Gedanke einschleichen könnte. Der Gedanke geht etwa so: Also grundsätzlich bin ich niemand, aber in Christus bin ich wer. Und plötzlich gibt es mich wieder, mit meinen Bedürfnissen und meinen Rechten und meinen Ängsten und meinen emotionalen Grenzen und was auch sonst noch. Plötzlich gibt es mich wieder. Nicht mehr ich, der Abschaum, ich, der Unrat, ich, der Wurm, sondern ich in Christus.
Und ich habe ein bisschen Angst davor. Passt bitte an der Stelle auf. Wenn wir uns darüber Gedanken machen, wer wir in Christus sind, dann ist der Fokus, wie wir an dieses Thema herangehen, alles entscheidend. Und der Fokus drückt sich manchmal durch die Sprache aus. Deshalb mag ich es nicht so gerne, davon zu sprechen, wer ich in Christus bin, sondern lieber davon, wer Christus in mir ist. Und das ist ein riesiger Unterschied. Das mögt ihr jetzt vielleicht auf die Schnelle nicht verstehen, aber nehmt das mal im Hauskreis mit hinein, schnappt euch das Skript und denkt noch einmal darüber nach.
Es geht nicht darum, wer ich in Christus bin, sondern es geht darum, wer Christus in mir ist. Wenn ich darüber nachdenke, wer ich in Christus bin, dann denke ich über mich nach. Aber das steht nicht in der Bibel. Nirgends geht es in der Bibel darum, dass wir darüber nachdenken, wer wir sind. Es geht um Jesus, ihn zu sehen und ihn zu erkennen. Das ist das ewige Leben. Und es bleibt völlig Wurst, wer du bist.
Und ich hoffe, dass der eine oder andere versteht, wie genial diese Aussage ist.

Gottes Antwort auf die Frage nach dem Ich

Stell dir vor, das wäre wahr: Es ist Wurscht, wer du bist.
Ehrlich? Ich habe einen Freund, der seit ein paar Jahren in der Depression drinhängt, und für ihn ist das Evangelium, ihm einfach zu sagen: Es ist Wurscht, wer du bist. Warum? Weil es nicht darauf ankommt.
Schaut euch Mose an am Berg Horeb. Gott spricht aus dem brennenden Dornbusch und beauftragt Mose damit, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen. Was sagt Mose? Das sind die zwei Verse, die jetzt kommen. Die habe ich nach diesem Vortrag auswendig gelernt, weil ich sie einfach so cool fand. Was sagt Mose? Mose sagt: Ja, vierzig Jahre in der Wüste gewesen, ja, Ziegen gehütet und solche Sachen.
 2. Mose 3,11: Mose aber antwortete Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und die Söhne Israel aus Ägypten herausführen sollte?
Wer bin ich? Wisst ihr was? Das ist die falsche Frage. Wer bin ich? Cool, oder?
Und wisst ihr, was Gott tut? Oder schauen wir uns erst einmal an, was er nicht tut. Er baut nicht das negative Selbstbild von Mose auf. Er flößt ihm keine Extraportion Selbstvertrauen ein. Er wirft ihm auch nicht vor, dass Mose durch 40 Jahre Ziegenhüten in der Wüste so demütig und realistisch geworden ist. Gott sagt ihm auch nicht: Mose, du musst verstehen, wer du in mir bist. Nichts von alledem.
Und warum? Wenn ihr diesen Punkt mitnehmt, wäre ich total happy, weil es im geistlichen Leben überhaupt keine Rolle spielt, wer du bist. Ist das nicht schön? Du kannst achtzig sein und die letzten vierzig Jahre hauptsächlich mit Ziegen gequatscht haben, und Gott schnappt dich und macht dich zu dem größten Befreier des Alten Testaments. Ist das der Hammer?
Es spielt keine Rolle, wer du bist. Überhaupt keine. Du kannst eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, du kannst in deiner Klasse irgendwie der Letzte sein, den gemobbt, den keiner mag, und Gott kann dich benutzen und durch dich eine Erweckung lostreten, die ihresgleichen in Deutschland sucht. Überhaupt ist es kein Problem.
Diese Frage: Wer bin ich? Hallo, ja, das spielt keine Rolle. Gott baut durch Eselinnen sein Reich. Wie viel mehr durch dich?
Alles dreht sich im geistlichen Leben genau um einen Punkt. Und das ist jetzt der Punkt, den wir wirklich verstehen müssen: nicht Wer bin ich? Nein, sondern: Bitte nimm diesen einen Punkt mit. Nicht Wer bin ich, sondern Wer ist mit uns? Das ist das alles Entscheidende.
Und deswegen antwortet Gott dem Mose in 2. Mose 3,12 auch so: Da sprach er: Ich werde ja mit dir sein. Das ist Gottes Antwort auf ein niedriges Selbstwertgefühl. Und die Antwort besteht darin, dass er uns nicht zeigt, wer wir in Christus sind, und auf so einer halbpsychologischen Weise versucht, unser geschrotteltes Ego wieder aufzurichten, sondern dass Gott sagt: Ich werde mit dir sein.
Deswegen ist Jesus der Immanuel, Gott mit uns. Das ist die Idee Gottes, und das ist die einzige Antwort, die es diesseits der Ewigkeit auf die Nichtigkeit des Lebens gibt. Wenn du feststellst, dass dieses Leben blöd ist: Ja, du hast Recht! Und es wird nicht besser, und es ist unvorhersehbar. Ja, aber wie kann ich dann leben?
Ganz simpel: Du musst eine Sache wissen. Wer mit dir ist, das ist das Entscheidende. Ist Gott mit dir? Lebst du mit Gott in seiner Berufung, ja oder nein? Das ist das alles Entscheidende.
Du brauchst dich nicht groß machen. Du hast einen Megagott an deiner Seite, das reicht völlig.

Berufung, Dienst und die richtige Haltung

Ich vermute mal, es regt sich noch ein bisschen Widerstand bei dem einen oder anderen. Und dieser Widerstand könnte sich so anhören: Jürgen, wir sind auserwählte Gottes, geliebte Kinder, Botschafter Gottes, königliche Priester, Heilige, Gerechte, Erlöste und so weiter. Das muss uns doch irgendeinen Wert geben. Du kannst doch nicht sagen, dass uns das nicht irgendwie ein bisschen Wert gibt.
Was wir nicht sagen würden: Nein. Ich weiß nicht, wo in der Bibel stehen sollte, dass wir dadurch wertvoller werden, dass Gott uns einen Job gibt oder dass das, was Jesus getan hat, uns unverdienterweise zugerechnet wird. Ich weiß nicht, warum wir wertvoller sein sollten.
Wisst ihr, Jesus ist nach Jesaja 42,1 der Auserwählte Gottes. Und als Christ teile ich seine Auserwählung. Jesus ist der Geliebte Gottes, Matthäus 12,18, und als Christ teile ich die Zuneigung des Vaters zu ihm. Jesus ist der Gerechte, 1. Petrus 3,18, und als Christ teile ich seine Gerechtigkeit. Und ich könnte immer so weitermachen. Es läuft letztlich auf folgenden Punkt hinaus: Wenn einer zwei Tickets für den Himmel hat und dir eins schenkt, wirst du nicht wertvoller.
Ja, aber wenigstens hat Gott uns doch Beauftragungen zu tun. Das muss uns doch einen Wert geben. Also schon diese Sache mit Botschaftern Gottes oder Priester Gottes oder Überwinder sein, das muss uns doch einen Wert geben.
Tut mir leid, Lukas 17. Ich mag die Stelle, insbesondere Vers 10. Ich lese ab Vers 7: Da fragte der Herr Jesus: Wer aber von euch, der einen Sklaven hat, der pflügt oder hütet, wird zu ihm, wenn er vom Feld hereinkommt, sagen: Komm und leg dich zugleich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Richte zu, was ich zu Abend essen soll, und gürte dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; und danach sollst auch du essen und trinken? Dankt er etwa dem Sklaven, dass er das Befohlene getan hat? Ich meine nicht.
Und jetzt kommt’s: Wir haben all diese Jobs, von denen ich gerade gesprochen habe. Du bist das, du bist Botschafter, Priester, hoffentlich auch Überwinder, aber das ist dein Job. Nur die Haltung dazu steht in Lukas 17,10: So sprecht auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist: Wir sind unnütze Sklaven. Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Schön, oder? Ist das nicht schön? Wir geben Vollgas im Leben, und wir dürfen einfach denken: Wir sind unnütze Sklaven. Mehr ist nicht nötig. Ich muss mich nicht aufblasen und aufblähen. Ich darf ein unnützer Sklave sein, und es bleibt in diesem Gedanken kein Raum für einen Wert.
Dass Gott uns belohnt und uns für unseren Einsatz auch noch beschenken will, ist pure Gnade. Wir haben kein Recht darauf. Diese Haltung findet sich bei Hiob wieder, wenn er als Gerechter am Ende seiner Auseinandersetzung mit Gott nur sagen kann: Darum verwerfe ich mein Geschwätz und bereue in Staub und Asche.
Und auch wenn uns das vielleicht komisch vorkommt: Vor Gott sind die Gerechtesten, und ich habe jetzt Hiob angeführt, weil er ein Gerechter ist. Wir sind Schwätzer, mehr haben wir nicht drauf, und zwar nie. Die Ältesten hier unter uns, die ihre Bibel schon am besten kennen, müssten am deutlichsten wissen, dass sie Schwätzer sind vor Gott, unnütze Knechte, ein Wurm, Abschaum, unbrauchbar. Und wenn wir das nicht verstanden haben, dann haben wir, glaube ich, vieles noch nicht verstanden in unserem Leben.
Paulus hat recht, wenn er in Galater 6,3 vor Selbstbetrug warnt. Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, während er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst. Und darf ich dir die Frage stellen: Bist du jemand, der über sich selber sagen kann: Halleluja, ich bin ein Wurm. Halleluja, ich bin der und der, aber das und das bin ich alles nicht. Und das ist auch nicht schlimm. Ich darf einfach ich sein. Ich mit meinen Chancen und mit meinen Risiken, mit meinen guten Seiten und mit meinen blöden Seiten darf einfach ich sein. Und ich muss mir nichts einreden, ich darf einfach ich sein. Ich muss mich nicht selber betrügen und groß machen, ich darf einfach ich sein.
Ich finde das so unendlich befreiend. Ich wüsste auch niemanden, der mir so einfach sagt: Sei du du. Ja, aber sei du du, du wirst eh niemand anders. Ist das nicht schön?
Jürgen, könnte jemand sagen, in Galater 6,4 steht doch etwas von Ruhm. Stimmt, der Vers geht weiter: Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk, und dann wird er nur im Blick auf sich selbst Ruhm haben und nicht im Blick auf den anderen.
Jetzt müssen wir eines verstehen. Ich habe mit diesem Vers 4, dass wir Ruhm haben sollen, kein Problem. Wenn ich eine gute Predigt halte und du kommst danach zu mir und sagst: Hey, hast du gut gemacht, dann werde ich das gerne hören. Natürlich, wenn du etwas gut machst und jemand kommt und lobt dich, dann nimm es.
Und gleichzeitig, während du das sagst, werde ich mir denken, und ich freue mich dann darüber, aber ich werde auch denken: Erstens zählt nicht dein oder mein Urteil, sondern Gottes Urteil zählt in allen Dingen. Und er würde ein paar sehr hässliche, dunkle Motive vielleicht ans Licht bringen, die du gar nicht siehst, wenn ich hier predige.
Zweitens: Selbst wenn die Idee oder wenn die Predigt gut war, ganz ehrlich, wo kommen denn die Ideen her dafür? Kommen sie nicht von Gott und aus seinem Wort und aus guten Büchern, die ich irgendwann selber mal gelesen habe, oder guten Predigten, die ich selber mal gehört habe? Oder Gedanken, die Gott mir geschenkt hat? Wo kommt denn die Zeit für die Vorbereitung her und die Gesundheit dafür? Stellt euch vor, heute Morgen auf der Autobahn Herzschlag vorbei, da hätte es keine Vortrag gegeben, Leitplanke gerutscht und mit der Ambulanz abgeholt worden, ja, vorbei. Das bin doch nicht ich.
Wir dürfen Ruhm haben, und wir dürfen uns daran freuen, wenn wir etwas Gutes tun. Aber wir müssen immer auch sehen: Das ist doch eingebettet in ein großes Ganzes, wo Gott uns etwas tun lässt. Und das ist doch das Entscheidende.
 1. Korinther 4,7: Was aber hast du, dass du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?
Wenn ich hier vorne stehe, dann doch nicht, weil ich irgendetwas bin, sondern weil Gott mich benutzt hat für diesen Job. Und da kommt kein Wert davon raus, dass Gott sagt, ich benutze jemanden. Versteht ihr das? Wir sind alle nur Werkzeuge, Werkzeuge in der Hand Gottes, geschaffen für seinen bestimmten Dienst.
Und letztlich können wir immer wieder hinschauen auf Johannes den Täufer. Johannes 3,27 und 30: Da sagt Johannes der Täufer: Ein Mensch kann nichts empfangen, auch nicht eins, es sei ihm denn aus dem Himmel gegeben. Alles, was wir sind und haben, auch das, wofür wir Ruhm, Lob und Anerkennung bekommen, wo man sagt: Gut gemacht, haben wir alles nur geschenkt bekommen.
Und das war Johannes 3,27. Und dann drei Verse später in Vers 30 heißt es dann: Er, Jesus, muss wachsen, ich aber abnehmen. Jesus muss wachsen. Wenn er groß rauskommt, sagt Johannes, dann ist alles gut. Und das sagt die Person, von der Jesus sagt, dass sie rein menschlich betrachtet die bedeutendste Person ist, die je gelebt hat. Also wenn einer auf seinem Dienst hätte sich etwas einbilden können, dann Johannes der Täufer.
So Typen wie Donald Trump, Kim Jong Un, Bill Gates sind kleine Lichter, geschichtlich betrachtet, im Vergleich zu diesem Johannes dem Täufer. Und dieser Johannes der Täufer macht klar, wo der Fokus liegt: ganz alleine auf Jesus, nicht auf mir.
Wir müssen wegschauen lernen von uns. Wir müssen realistisch mit uns umgehen und sagen: Es geht um Jesus. Es geht nicht um die Frage, wer wir sind, sondern wer mit uns ist. Ob wirklich der Immanuel mit uns ist oder ob wir uns das nur einbilden. Ob wir wirklich Christen sind oder ob wir nur so ein christliches Leben, so ein deutsches Leben mit einem christlichen Anstrich führen und dann versuchen, dem Zeitgeist hinterherzujagen, indem wir all das tun, was all die anderen auch tun.
Und deswegen behaupte ich: Eine gute Predigt gibt mir keinen Wert. Ich will und ich kann nicht mehr als ein unnützer Knecht sein, der seinen Job erledigt, mehr nicht. Und ich betrachte das als eine unglaublich befreiende Botschaft.
Nochmal zum Buch Prediger: Das Buch Prediger sagt, dass das Leben nichtig ist. Es spricht von der Nichtigkeit des Lebens, davon, dass alles seine Zeit hat, dass Zeit und Geschick alle trifft, dass wir nicht wissen, was morgen sein wird, dass das Leben als Ganzes geheimnisvoll, fremd und oft unglaublich ungerecht ist. Und der Prediger spricht davon, dass uns das alles nicht bekümmern muss.
Wir müssen genau eine Sache tun: Wir müssen mit Gott leben. Nicht: Wer bin ich? Sondern: Wer ist mit mir? Und egal wo, wohin mich dann meine Lebensreise führt, ob mir mein Leben gefällt oder nicht, ob ich als der Sieger mit der Blondine im Arm in den Sonnenuntergang reite oder ob ich den Frosch küsse und er bleibt Frosch. Versteht ihr ja, das spielt dann keine Rolle.

Schlussgedanken und Übergang

Ich glaube, dass das ganze Gerede um Wert nur bei den Menschen eine Rolle spielt, die einen falschen Fokus im Leben haben. Bei denen, die auf sich schauen statt auf Jesus. Die mehr Interesse daran haben, wer sie sind und wie es ihnen geht, als daran, wer mit ihnen geht.
Und das ist heidnisch. Heiden drehen sich um sich selbst. Christen leben. Sie leben, um durch Leben und Sterben Christus Gott zu verherrlichen.
Und ich frage mich: Wo kommt das her, dass wir so viel über unseren Wert nachdenken, dass wir überhaupt so etwas wollen wie Wert? Jesus spricht nirgends davon, dass er unseren Selbstwert, unser Selbstwertgefühl steigern möchte oder uns Selbstvertrauen und Selbstachtung geben möchte. Das steht da nicht. Jesus sagt nicht: Ich bin gekommen, um euren Selbstwert zu steigern. Nirgendwo steht so etwas in der Bibel.
Warum? Weil nicht der Wert uns frei macht, sondern die Wahrheit. Es ist wahr, dass wir Geliebte sind, Erlöste sind, Auserwählte sind. Das ist einfach wahr.
Und natürlich darf mich dieses Wissen unglaublich froh machen. Und ich hoffe, dass keiner hier im Raum sitzt, der nicht sagt: Ja, schön, ich bin gerne Christ. Ich stehe morgens auf und freue mich über das beste Leben, das es auf diesem Planeten zu haben gibt. Ich habe das Beste.
Wir dürfen uns freuen, und wir brauchen diese Wahrheiten, wenn der Teufel uns aufs Glatteis führen will. Diese Wahrheiten, das, was die Bibel sagt, dass wir sind, das sind Waffen im geistlichen Kampf. Aber sie können eben auch dazu führen, dass wir hochmütig werden, zu viel über uns nachdenken, den Fokus verlieren und wegblicken von Jesus auf das, was wir in ihm sind, statt auf ihn und darauf, was er in uns ist.
Und das ist nur ein kleiner Fehler. Vielleicht denken wir, das ist doch lässlich. Aber was hinten rauskommt, ist so hässlich. Und deswegen sollten wir es richtig denken.
Kommen wir abschließend nochmals zu Lukas 9,23 und dann zu drei Abschlusspunkten.
Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach.
Was heißt es konkret, sich selbst zu verleugnen? Drei Punkte.
Erstens: Ich höre auf, mir selbst zu gefallen. Das heißt, ich drehe mich nicht mehr um mich selbst. Es sind nicht mehr meine Bedürfnisse, meine Rechte oder meine Wünsche, die mich bestimmen. Ich denke an Römer 15,1, wo steht, dass die Starken verpflichtet sind, die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen und sich nicht selbst zu gefallen. Oder ich denke an Philipper 2,4-5, wo es heißt: „Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen. Habt diese Gesinnung in euch, die in Christus Jesus war.“
Also Punkt Nummer eins: Ich höre auf, mir selbst zu gefallen. Ich drehe mich nicht mehr nur um mich.
Zweiter Punkt: Ich höre auf, mich um meine Sorgen zu drehen, und fange an, mich um Gottes Reich zu drehen. Und wirklich darauf zu vertrauen, dass Gott mir das gibt, was er meint, was ich brauche. Das ist vielleicht ein bisschen weniger als das, was du meinst, was du brauchst. Es ist vielleicht etwas ganz anderes als das, was du gerne hättest. Aber zweiter Punkt: Ich höre auf, mich um meine Sorgen zu drehen, und fange an, mich um Gottes Reich zu drehen, und wirklich darauf zu vertrauen, dass Gott mir das gibt, was er meint, was ich brauche.
 Matthäus 6,25.33: Da steht: „Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“
Dritter und letzter Punkt: Nee, ich habe vier Punkte, das wäre cool. Haha, ich glaube, ich hatte irgendwann mal drei. Ach, wie sich das so entwickelt.
Dritter Punkt: Ich bin völlig damit zufrieden, ein unnützer Knecht zu sein, und höre auf damit, mein Leben wertvoll machen zu wollen oder ihm einen Sinn geben zu wollen. Ich freue mich an dem, was ich habe und bin, und nutze die Chancen, die Gott mir gibt, um sein Reich zu bauen. Ich bin fleißig und klug, aber ich überlasse es Gott, mein Leben zu führen. Das ist Selbstverleugnung.
Und ein letzter Punkt: Ich habe in gewisser Weise mit meinem Leben abgeschlossen. Ich will nicht mehr ich leben, sondern ich will Jesus Raum geben dafür, dass er durch mich hindurch lebt. Ich will sein Leben imitieren und inkarnieren. Wir werden im nächsten Vortrag dazu noch mehr hören.
Deswegen hier jetzt Schluss mit einem Fazit.
Ich glaube, es gibt eine falsche Definition von Selbstverleugnung. Diese falsche Definition geht etwa so: Ich schwimme etwas weniger konsequent im Zeitgeist mit, und statt alle Energie auf Aussehen, Genuss, Familie, Urlaub, Zerstreuung oder beruflichen Erfolg zu setzen, lasse ich noch ein bisschen Raum für Gottesdienst, Hauskreis und stille Zeit. Wir holen nicht 100 aus dem Leben raus, sondern nur 80, und diese 20 Differenz nennen wir dann Selbstverleugnung.
Das ist die falsche Definition. Das ist das, wo ich meinte, wir leben ein deutsches Durchschnittsleben mit einem christlichen Zuckerguss drüber.
Ich glaube, dass Selbstverleugnung ganz wesentlich damit zu tun hat, dass wir tatsächlich nicht mehr leben, sondern dass ich Raum gebe dafür, dass Jesus in mir lebt, so wie – und das ist jetzt mein Übergangsvers in die nächste Predigt – Galater 2,19b-20: „Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“

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