Zum Inhalt

Beziehungs- gegen Dienstverhältnis mit Gott

01.01.20121. Johannes 2,3-6

Ein innerer Konflikt im Christsein

Für heute Abend habe ich lange überlegt, ob ich ein bestimmtes Thema wählen soll. Eigentlich hätte ich genug Themen, aber ich habe mich entschieden, etwas anderes zu nehmen.

Ich möchte über eine Sache sprechen, die ich mir letztes Jahr vorbereitet habe. In der Bibel allgemein habe ich immer unter einem Konflikt gelitten. Einerseits ist das Christsein für mich eine Beziehung zum Herrn Jesus, die von Liebe geprägt ist. Er ist mein Retter, mein Freund, mein Herr, mein Vater – mein Gott. Das ist die Beziehungsebene.

Damit habe ich mich nie schwergetan, weder intellektuell noch im Leben oder in der Beziehung. Das hat für mich immer Sinn ergeben. Andererseits sagt die Bibel sehr viel über das Halten von Geboten. Du musst Gebote halten. Für mich wirkt das nicht wie eine Liebesbeziehung, sondern eher wie ein Dienstverhältnis. Tu, was ich dir sage, dann bist du okay – so ähnlich lesen wir das auch in der Bibel.

Diesen Zwiespalt zwischen Liebesbeziehung und Dienstverhältnis möchte ich ein wenig aufgreifen. Wer eine Bibel dabei hat, kann gern im ersten Johannesbrief nachschlagen. Ich werde nur zwei Stellen daraus vorlesen. Es gäbe viele mehr, aber zwei davon genügen für das, was ich sagen möchte.

Die Verbindung von Erkenntnis, Liebe und Geboten

 1. Johannes 2,3-6: Hieran erkennen wir, dass wir ihn – das heißt Jesus – erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. Willst du wissen, ob du Jesus kennst? Dann schaue, ob du seine Gebote hältst. Wer sagt, ich habe ihn erkannt, aber seine Gebote nicht hält, der ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.

Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm sind, in Christus. Wer sagt, dass er in ihm, in Christus, bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er, Jesus, gewandelt ist.

Das klingt für mich ein bisschen schwer, fast unmöglich. Dann lesen wir noch weiter im 1. Johannes 5,2: Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben. Ja, das ist klar. Ob wir jetzt wissen, wie man ihn liebt, ist eine andere Sache. Aber intellektuell ist mir klar: Wenn wir Gott lieben, dann halten wir auch seine Gebote. Denn dies ist die Liebe Gottes, dass wir seine Gebote halten.

Und in Johannes 14,15 sagt Jesus selbst: „Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten.“

Der Kampf zwischen Liebe und Gesetz

Und das muss ich ehrlich zugeben: Wenn du nicht damit kämpfst, dann ist dieser Abend umsonst für dich. Aber ich habe damit immer gekämpft.

Einerseits geht es darum, Gott zu lieben, mit ihm zu leben und Gemeinschaft mit Gott zu pflegen. Das klingt nach Freundschaft, nach Beziehung. Für mich ist das positiv besetzt: Mein Vater im Himmel und so weiter. Liebende Beziehungen bedeuten für mich nie Einengung, sondern sie geben mir Leben. Liebende Beziehungen erweitern mein Leben – das ist Freiheit.

Natürlich gibt es auch negative, zerstörende Beziehungen, aber das ist ein anderes Thema.

Also einerseits dieses Leben mit Gott, ihn lieben und miteinander verbunden sein. Andererseits gibt es das Dienstverhältnis: Tu, was ich dir sage, halte mein Gebot, dann bin ich zufrieden mit dir.

Mit Gesetzen habe ich mich immer schwergetan. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Das ist jetzt keine Tugend, aber ich tue mich immer schwer mit Gesetzen. Das fängt schon beim Autofahren mit dem Anschnallen an. Warum soll ich das tun? Mir kommt das so vor und so weiter. Also ich tue mir da schwer und bin vielleicht ein bisschen extrem.

Die zehn Gebote als Beziehungsschutz

Was mir geholfen hat, das zu verstehen, war, dass ich letztes Jahr die zehn Gebote noch einmal gründlich studiert habe. Die zehn Gebote sind ja grundsätzlich gut, aber sie wirken oft wie eine Reihe von Geboten: „Du sollst“, „Du sollst“ und „Du sollst nicht“. Solche Vorschriften haben wir ja auch.

Ich habe zwar erkannt, dass das nicht schlecht ist, aber es fiel mir nicht leicht, sie wirklich zu erfassen. Doch dann entdeckte ich eine ganz neue Facette an den zehn Geboten: Alle zehn Gebote haben ausschließlich mit Beziehungen zu tun.

Die ersten vier Gebote beziehen sich auf mein Verhältnis zu Gott, die letzten sechs Gebote betreffen die Beziehungen untereinander. Ich möchte sie kurz durchgehen.

Die ersten vier Gebote: Beziehung zu Gott

Erstes Gebot
Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Warum sagt Gott das?
Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Eigentlich ist das total logisch, denn wenn ich jemand anderen anbete als den wahren Gott, der mein Schöpfer ist, wenn ich jemand anderen oder etwas anderes anbeten, dann zerstöre oder verletze ich meine Beziehung zum wahren Gott.

Ich nehme jetzt den Vergleich mit der Ehe her, der ist auch biblisch, weil Christus sehr oft als Bräutigam bezeichnet wird und die Gemeinde als Braut. Es ist genau dasselbe, wie wenn ich meine Frau habe – Hannelore ist meine Ehefrau – und neben ihr mit einer anderen schlafe. Ja, das wird meine Beziehung zu meiner Ehefrau stören oder wahrscheinlich zerstören.

Genauso sagt Gott: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Ich bin dein wahrer Gott, dein Schöpfer. Das ist eigentlich logisch.

Zweites Gebot
Du sollst dir kein Götterbild machen und keine Darstellung von irgendetwas im Himmel, auf der Erde und unter der Erde.

Warum sollen wir uns kein Götterbild machen?
Weil, wenn wir beginnen, zum Beispiel – das ist bei uns relativ groß – die Schöpfung anzubeten, Mutter Natur, die Berge. Ich habe ja Bergführerkollegen, mein ganz lieber Kerl, wenn du über Gott redest, sagst du ja, auf dem Berg bin ich Gott nahe, der Berg, die Mutter Natur usw.

Aber was ist hier das Problem?
Das Problem ist, wenn ich beginne, statt dem Schöpfer die Schöpfung anzubeten, dann zerstöre oder störe ich die Beziehung zu meinem Schöpfer.

Ich gehe wieder zurück zur Ehe. Angenommen, ich will meiner Frau eine Freude machen und kaufe einen wunderschönen Blumenstrauß. Meine Frau liebt Blumen, da kann ich ihr immer eine Freude machen. Ich bringe den Blumenstrauß, um ihr meine Liebe zu zeigen.

Aber dann nimmt sie den Blumenstrauß, trinkt Kaffee mit dem Blumenstrauß und geht ins Bett mit dem Blumenstrauß. Da hätte sie ein Problem, denn ich will Kaffee trinken mit ihr, ich will mit ihr ins Bett gehen, nicht mit dem Blumenstrauß.

Aber das ist es, wenn wir den Schöpfer mit der Schöpfung ersetzen, dann ist genau das der Fall. Darum sagt Gott: Bete nicht die Schöpfung an, mach dir kein Bild von mir, sondern bete mich an, deinen Schöpfer. Es bewahrt die Beziehung.

Drittes Gebot
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Warum?
Warum sollen wir den Namen Gottes nicht missbrauchen oder verletzen? Weil damit unsere Beziehung auf dem Spiel steht.

Das ist dasselbe, wie wenn ich anfange, den Namen meiner Frau, Hannelore, als Schimpfwort zu gebrauchen, was dem nicht entspricht. Es wird die Beziehung zu meiner Frau schädigen, wenn ich den Namen Hannelore als Schimpfwort gebrauche.

Darum sagt Gott: Tu das nicht, denn wenn du das tust, steht unsere Beziehung auf dem Spiel.

Viertes Gebot
Gedenke des Sabbats, halte ihn heilig, denn in sechs Tagen hat Gott die Himmel und die Erde gemacht, am siebten Tag ruhte er.

Warum sollten wir einen Tag in der Woche ruhen?
Aus einem ganz einfachen Grund: Wenn ich mir keine Zeit nehme, um bewusst meine Beziehung zu Gott zu pflegen, zu meinem Herrn und Schöpfer, dann wird unsere Beziehung darunter leiden und erkalten.

Wiederum: Wenn du dir nie Zeit nimmst, bewusst mit deinem Ehepartner hinzusitzen, zu reden und Zeit zu verbringen, dann wird die Beziehung erkalten. Das ist so logisch.

Darum sagt Gott: Haltet den Sabbat heilig. Kommt in besonderer Weise zu mir, denkt an mich und pflegt die Beziehung zu mir.

Die letzten sechs Gebote: Zwischenmenschliche Beziehungen

Fünftes Gebot: Nun beginnt die zwischenmenschliche Beziehung mit Ehre gegenüber deinem Vater und deiner Mutter. Warum? Weil wir, wenn wir das nicht tun, die Beziehung zu unseren Eltern verletzen oder sogar zerstören.

Sechstes Gebot: Du sollst nicht morden. Warum? Wenn du jemanden ermordest, ist die Beziehung zu dieser Person endgültig beendet. Das gilt immer. Ich werde ja älter – dieses Jahr schon 50 – und eine Alterserscheinung ist, dass man immer öfter bei Beerdigungen ist. Jedes Jahr werden es mehr. Ich bin sicher, dass ich ungefähr bei zehn Beerdigungen pro Jahr bin, weil Nachbarn und Verwandte hier wohnen.

Was mich immer fasziniert: Wenn man bei nahen Verwandten ankommt, ist der Sarg oft noch offen, und man sieht die Leiche. Man sagt, dass man die Wache hält und so weiter. Dabei wird mir immer bewusst: Ich sehe den Körper eines Menschen, den ich mehr oder weniger gut kannte. Aber da ist keine Beziehung mehr. Das ist nicht mehr die Person, die Beziehung ist gestorben. So ist es, wenn jemand stirbt.

Darum sagt Gott: Du sollst nicht morden, denn die Beziehung ist tot. Übrigens sagte Gott auch am Anfang zu Adam und Eva: An dem Tag, an dem ihr euch entscheidet, von mir wegzugehen – die Frucht war ja nur das Äußere, es hätte auch ein Berg sein können, auf den ihr nicht gehen dürft, der Ort ist egal – an dem Tag werdet ihr des Todes sterben. Die Beziehung ist gebrochen.

Siebtes Gebot: Du sollst nicht Ehe brechen. Warum nicht? Weil du, wenn du die Ehe brichst, Beziehungen zerstörst. Erstens die zu deiner eigenen Frau und zweitens die zur Familie des anderen.

Achtes Gebot: Du sollst nicht stehlen. Warum nicht? Wenn du jemanden bestiehlst, leidet deine Beziehung zu dieser Person. Du kannst das diese Woche ausprobieren: Wenn du in dem Zimmer, in dem du bist, jeden Tag fünfzig Euro stiehlst und dann jeden Tag mit der Person zusammensitzt, wird eure Beziehung darunter leiden. Es ist alles eine Beziehungssache.

Neuntes Gebot: Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Warum nicht? Wann immer du etwas Falsches oder Gemeines über deinen Nächsten sagst, wird die Beziehung daran zerbrechen oder zumindest darunter leiden. Darum gibt es auch bei uns Rufmord. Du kannst jemanden durch Rufmord „ermorden“. Oft ist eine kleine Sache wie eine Lawine: Sie beginnt punktförmig und wird immer größer, bis man sie nicht mehr aufhalten kann. Das passiert, wenn man schlecht oder falsch über jemanden redet.

Zehntes Gebot: Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen, du sollst nicht nach seiner Frau, seinem Sklaven oder Eigentum verlangen. Warum nicht? Weil, wenn du immer willst, was der andere hat, das Neid und Gier ist – wie wir gestern besprochen haben – wirst du keine gute Beziehung zu diesen Menschen haben können.

Die Gebote als Ausdruck der Liebe

Und was ich dabei wieder gelernt habe, als ich auf die zehn Gebote geschaut habe, war, dass jedes der zehn Gebote ausschließlich positiv ist. Jedes Gebot ist positiv, weil es meine Beziehung zu Gott und zum Nächsten fördert und schützt.

Das sind keine pingeligen Gebote von einem kleinkarierten Gott, sondern die einzige Möglichkeit, um in einem guten Miteinander zu leben. Das ist auch interessant, denn Jesus sagt: Wer Gott und seinen Nächsten liebt, der wird meine Gebote halten. Er sagt nicht: Wer mich liebt, der muss meine Gebote halten. Nein, wenn du mich liebst, dann wirst du meine Gebote halten.

Wenn ich meine Frau liebe, wenn ich Hannelore liebe, warum gehe ich dann nicht fremd? Warum schlafe ich nicht mit anderen Frauen? Komme ich nie in Versuchung? Natürlich komme ich in Versuchung. Warum tue ich es nicht? Weil ich meine Frau liebe.

Vor ein paar Jahren, als Eva zwölf war, waren wir alle zusammen in der Küche. Ich weiß nicht genau, was sie in der Schule über dieses Thema gehört hatte, aber dann kam sie und fragte: „Papa, bist du eigentlich schon mal fremdgegangen?“ Gute Frage! Kinder beschäftigt das.

Ich erinnere mich auch an Lukas, der damals zehn war. Wir haben über eine Familie gesprochen, die sich gerade scheiden ließ. Die Kinder waren dabei, und das Teenager-Mädchen musste sich entscheiden, ob sie beim Vater oder bei der Mutter wohnen will. Lukas hörte zu und sagte dann nebenbei: „Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich bei Vater oder bei Mama wohnen soll, würde ich mit 90 Jahren immer noch auf der Bank sitzen und nicht wissen, was ich tun soll.“ Kinder beschäftigt das!

Es ist wichtig für uns zu wissen: Es geht um Beziehung. Es ist alles Beziehung. Siehe, wenn ich meine Eltern liebe, warum werde ich sie ehren? Weil sie alles gut gemacht haben? Natürlich nicht. Warum ehre ich sie? Weil ich das Beste für sie will und eine gute Beziehung zu ihnen pflegen möchte.

Warum stehe ich nicht auf, weil sich das nicht gehört als Christ? Ja, vielleicht auch nicht. Aber vor allem will ich die Beziehung zum Nächsten behalten.

Warum sollten wir nicht schlecht über den Nächsten reden? Weil wir nie die Idee hätten, das zu tun? Natürlich habe ich dauernd Ideen, schlecht über jemanden zu reden. Warum tue ich es nicht? Weil ich die Beziehung nicht zerstören will. Es geht um Beziehungen.

Warum nehmen wir den Namen Jesu nicht als Fluchwort in den Mund? Weil wir ein sensibles Gewissen haben? Das mag sein. Aber vielmehr, weil ich ihn liebe. Darum will ich es nicht tun.

Lieben und Gebote halten gehören immer zusammen. Das ist kein Widerspruch.

Liebe als Erfüllung des Gesetzes

Wunderschön hat der Apostel Paulus formuliert. Schlag es mal auf, Römer 13, Verse 8-10, dort ist es wunderbar ausgedrückt.

In Römer 13,8-10 schreibt er: Seid niemandem etwas schuldig, außer einander zu lieben. Denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote „Du sollst nicht ehebrechen“, „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht begehren“ – wenn es irgendein anderes Gebot gibt, ist es in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Weil die Liebe dem Nächsten nichts Böses will, ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. Das heißt nicht: „Jetzt soll ich lieben und zusätzlich noch die Gebote halten.“ Nein, wenn du liebst, wirst du die Gebote halten. Das ist vielmehr die Wahrheit, die ich lange nicht gesehen habe.

Darum ist es hochinteressant, dass auch im ersten Johannesbrief etwas Ähnliches steht. Im ersten Johannesbrief, Kapitel 3, Vers 5, sagt der Apostel: „Denn dies ist die Liebe Gottes, dass wir seine Gebote halten.“ Wieder ist die Verbindung zwischen Liebe und Geboten da, und das hat mich sehr überrascht.

Seine Gebote sind nicht schwer. Das habe ich nie gewusst. Ich dachte immer, die Gebote Gottes seien extrem schwer. Nein, sie sind nicht schwer. Warum nicht? Weil wir, wenn wir ihn lieben, die Gebote halten. Es ist Liebe.

Liebe als Motivation für das Handeln

Ich verwende oft das Beispiel, wenn Sie es schon gehört haben, tut mir leid. Wenn ich vom Reisen nach Hause komme, oft wenn ich fliege, lande ich meistens in Salzburg. Dort holt mich Janne Loren öfter mal vom Flughafen ab.

Ich könnte jetzt nach zwei Wochen zurückkommen und sagen: Was tut ein guter Ehemann, der seine Frau nach zwei Wochen wiedertrifft? Er könnte ein Buch lesen mit all den Regeln. Ein guter Ehemann gibt seiner Frau nach zwei Wochen einen Kuss, sagt ihr etwas Nettes, umarmt sie und fragt sie, wie es ihr geht.

Ich könnte mir also sagen: Okay, ich bin ein guter Ehemann. Ich werde ihr einen Kuss geben, das schaffe ich, das bringe ich hin. Ich werde sie umarmen, ja, das ist nicht so einfach, aber das machen wir. Ich bin ein guter Ehemann. Ich werde sie fragen, wie es ihr geht. Das steht im Buch, das gehört sich so als guter Ehemann.

Natürlich wissen wir, dass es ganz anders ist. Wenn ich sie treffe, dann umarme ich sie, küsse sie und frage sie, wie es ihr geht. Aber nicht, weil ich es tun sollte, sondern weil ich sie liebe.

Das Interessante ist, dass es uns beim Christsein oft genauso geht. Wir fragen uns: Was tut ein guter Christ? Ein guter Christ soll ab und zu mal die Bibel lesen und schauen, was Gott so sagt. Ja, ich würde zwar nicht gern, aber ich will mich zusammenreißen.

Ein guter Christ soll ab und zu auch mal beten. Ja, das ist auch schwierig, aber ich bin ein guter Christ, ich werde mich zusammenreißen. Ein guter Christ soll auch mal Geld hergeben, jemandem, der weniger hat. Das klingt schmerzhaft, aber ich werde es ihm bringen.

Wenn wir aber Gott lieben, dann ist es nicht schwer, mit ihm zu reden. Dann sage ich: Herr, so schön, dass ich heute mit dir reden darf. Danke, dass du da bist, danke, dass ich zu dir kommen darf. Das ist eine Freude, wenn wir ihn lieben.

Das ist immer die Frage. Dann wird es nicht so sein, dass ich sage, die Bibel ist eine Katastrophe. Sondern ich sage: Gott, ich bin heute sehr gespannt, hast du mir irgendwas zu sagen, vielleicht sogar durch dein Wort.

Realistische Betrachtung des Christenlebens

Die Sache ist jetzt die: Nachdem ich das gesagt habe, will ich noch ganz realistisch werden. Was ich jetzt gesagt habe, dazu stehe ich voll dahinter. Es stimmt auch sehr oft in meinem Leben. Sonst müsste ich lügen. Aber es stimmt nicht immer.

Wie sieht es im Alltag manchmal aus? Ist es tatsächlich so, dass ich mich jeden Tag freue, die Bibel zu lesen? Wenn ich ehrlich bin: Nein. Ist es wirklich so, dass ich mich jeden Tag freue, mich um den Schwächeren zu kümmern und dem zu geben, der weniger hat als ich? Die Antwort ist ebenfalls Nein, auch nicht immer.

Ist es wirklich so, dass ich jedes Mal nach Hause komme und mich total freue, die Hannelore zu sehen? Nein, auch nicht immer. Manchmal will ich einfach nur nach Hause kommen, Ruhe haben, mich hinsetzen und nichts hören.

Und wisst ihr, wie der Alltag als Christ immer wieder mal aussieht? Ich rede jetzt von mir und von Gesprächen, die ich mit Leuten habe. Als Christ sage ich vielleicht Folgendes – und ich würde es nicht überraschen, wenn einige von euch sagen: Ja, genau. Es geht ungefähr so:

Ich weiß, dass ich Christ bin, dass ich Jesus kenne, und ich bin im Prinzip froh und dankbar, Christ zu sein. Das kann ich ehrlich sagen. Ich glaube, die meisten von euch würden das auch ehrlich sagen.

Dann sagt man doch: Ich möchte auch ein guter Christ sein, ich möchte zur Ehre Gottes leben, durchaus. Ich möchte auch anderen Menschen von ihm erzählen, damit sie ihn kennenlernen. Aber wenn ich ehrlich bin, fällt mir das wahnsinnig schwer.

Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass der einzige Ort, wo ich über Jesus rede, der Bibelkreis ist – aber sonst nirgends. So hat man dann oft ein schlechtes Gewissen, weil man eigentlich nicht das tut und lebt, was man glaubt. Gott verlangt von mir mehr.

Dann ist es bei den meisten von uns so: Du bist so eingespannt in deinem Beruf, in deiner Karriere, dass du gerade noch Raum findest für deine Frau. Dann musst du noch Raum schaffen für deine Kinder, die brauchen auch etwas von dir. Dann willst du auch noch ein bisschen Freizeit oder Hobbys haben, die du gerne tust. Aber du schaffst davon sowieso nur drei Prozent von dem, was du gerne tun würdest.

Und jetzt kommt noch der Hammer: Gott will auch noch etwas von mir. Jetzt soll ich mich in der Gemeinde einbringen. Jetzt soll ich Gott auch noch zufriedenstellen. Das Ganze wird mir einfach zu viel.

In dieser Position, glaube ich, sind nicht wenige. Was einige dann machen, weil sie sehen: Ich schaffe diese ganze Ballett nicht mehr – da ist Gesundheit, Karriere, Frau, Kinder und dann noch Gott und Gemeinde –, das wird mir zu viel.

Was dieser Mensch dann macht, dieser Christ: Er nimmt Abstand von Gott. Er lässt Gott nicht mehr so an sich heran und sagt: Ja, ich will schon Christ sein, Gott, aber ich brauche jetzt ein bisschen Abstand, weil mir das Ganze sonst zu viel wird.

Die Gefahr ist, dass man dann gleichgültig wird und Desinteresse zeigt.

Die wahre Rolle Jesu im Leben

Und da möchte ich euch das wirklich ans Herz legen – das ist mir extrem wichtig: Wenn das Christsein für dich zu einer zusätzlichen Belastung im Leben geworden ist, dann hast du etwas ganz Wesentliches missverstanden.

Ich bin so dankbar für diese Erkenntnis, die ich euch jetzt mitteilen möchte: Jesus ruft Menschen nicht, um ihnen noch mehr Aufgaben im Leben aufzubürden. Jesus will dein Leben nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Und etwas, das habe ich auch lange nicht verstanden: Jesus hat kein Interesse daran, Priorität Nummer fünf in deinem Leben zu sein. Überraschenderweise hat er auch kein Interesse daran, Priorität Nummer eins zu sein. Er will weder das eine noch das andere.

Denn Jesus kam nicht, um eine zusätzliche Aufgabe auf deiner To-do-Liste zu sein. Das sieht dann meistens so aus: Jesus Priorität Nummer eins, Familie Nummer zwei, Firma Nummer drei. Morgens mache ich stille Zeit – abgehakt, Gott ist zufrieden. Dann kommt meine Frau dran, Frühstück mit ihr – auch abgehakt. So, Nummer drei: Jetzt kann ich in die Arbeit gehen. Ich karikiere das ein bisschen.

Aber wisst ihr, was die Wahrheit ist? Jesus will nicht an erster Stelle stehen, um einfach abgehakt und befriedigt zu werden. Jesus will deine Kraft sein in allen anderen Prioritäten deines Lebens.

Er will deine Kraft sein und dich befähigen, deinen Ehepartner zu lieben. Er will deine Kraft sein, um mit den Kindern umzugehen. Er will deine Kraft sein, um in die Arbeit zu gehen.

Das heißt: Jesus ist nicht einfach an erster Stelle abzuhaken, und dann kommen die anderen Prioritäten. Nein, Christus möchte dir in all den Dingen deines Lebens die Fähigkeit geben, überhaupt so zu leben – und zwar in Liebe.

Er will gemeinsam mit dir durch den Tag gehen. Das hat mein Leben als Christ wirklich verändert und ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich gewinnen durfte.

Jesus als Begleiter im Alltag

Einmal, das hat mir auch geholfen, erzähle ich die Geschichte öfter. Sie spielte sich vor vielen Jahren bei einem kleinen Meeting irgendwo in Österreich ab. Nachher kam ein Skilehrer, der auch Holzhacker war und ungefähr in meinem Alter, auf mich zu. Ich hatte gerade über das Gebet gesprochen.

Er sagte: „Hans-Peter, ich mache das auch. Ich gehe spazieren und rede mit Jesus. Ich gehe in den Wald.“ Er ist Holzhacker, Holzfäller. Dann fügte er hinzu: „Aber für mich ist es extrem schwer. Ich gehe spazieren, rede mit Jesus über irgendetwas, und dann höre ich eine Motorsäge.“

Er sagte weiter: „Ich liebe Motorsägen. Dann muss ich zu der Motorsäge gehen und schauen, ob es eine Husqvarna, eine Stihl oder eine andere ist. Ich liebe die.“

Dann erzählte er: „Ich habe das alles durchgecheckt und kann wieder beten. Doch dann höre ich einen Traktor. Ich liebe Traktoren. Ich werde wieder unterbrochen, weil ich wissen muss, ob es ein Ferguson, ein Stein, ein Fendt oder ein anderer ist.“

Daraufhin sagte ich zu ihm: „Weißt du, wenn das dein Problem ist, dann hast du kein Problem. Denn wenn du das nächste Mal spazieren gehst und mit Jesus über etwas redest, und dann hörst du eine Motorsäge, dann sagt Herr Jesus: ‚Hörst du die Motorsäge?‘“

Er antwortet: „Ja, ich höre sie. Ich bin nicht taub.“

Dann sagt Herr Jesus: „Schauen wir uns die Motorsäge an.“

Ich fügte hinzu: „Weißt du, ich sage das jetzt ein bisschen ungeschützt, aber manchmal glauben wir, Gott ist entweder desinteressiert oder dumm. Wir denken, er hat keine Ahnung von Motorsägen. Dabei hat er wesentlich mehr Ahnung als wir.“

Dann sagte ich: „Geh mit Jesus zur Motorsäge, schau sie dir an, zerleg sie von mir aus und baue sie wieder zusammen – mit Jesus. Besprich das mit ihm.“

Und dann hörst du einen Traktor. Dann sagt Jesus: „Ja, Traktor, ja, gehen wir hin zum Traktor.“

„Dann schaut euch den Traktor gemeinsam an, wechselt den Dieselfilter aus oder macht sonst etwas und tut es mit ihm.“

Seht ihr, das ist das Geheimnis des Christseins: Jesus ist nicht nur eine Sache, die noch zum Leben dazukommt. Er ist die Essenz, die Kraft für unser Leben, denn er ist unser Leben.

Christus als Leben und Kraft

Darum sagt Paulus so schön: Mein Leben, das ist Christus. Wer kann so etwas sagen? Paulus sagt nicht: Jesus ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Jesus hat die erste Priorität in seinem Leben. Er sagt: Mein Leben, das ist Christus.

Das könnte ein Säugling sagen. Ein Säugling, wenn er sprechen könnte, würde sagen: Ein frisch geborenes Kind sagt: Meine Mutter ist mein Leben. Und wir wüssten, was das bedeutet, denn ohne die Mutter ist das Baby absolut hilflos und würde bald sterben.

Auch zwei Verliebte können das sagen: Mein Geliebter ist mein Leben. Er ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, sondern ich kann mir mein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen.

Genauso sagt Paulus: Mein Leben, das ist Christus. Dieses absolute Hingeben, mit ihm zu leben, ist, wisst ihr was, sehr entspannend. Es ist das Entspannendste, was es gibt, weil ich nichts alleine tun muss. Gleichzeitig ist es unheimlich spannend, weil ich nie weiß, was er heute durch mich tun wird. So ist es spannend und entspannend zugleich.

Ich glaube, ein falsches Verständnis von diesem Punkt bringt viele Christen zum Burnout. Ich kenne einige Christen, vor allem Hauptamtliche, die für Christus kämpfen und ausbrennen. Sie tun das, weil Christus für sie nur ein Teil ist, den sie befriedigen oder zufriedenstellen wollen.

Aber Jesus sagt: Das will ich nicht. Ich will dein Leben sein.

Praktische Umsetzung im Alltag

Und dann die anderen Dinge des Lebens gemeinsam mit dir tun. Wesentlich ist dabei – und das haben wir gestern besprochen –, wie das praktisch im Leben aussieht. Zum Beispiel haben wir gesagt: Wenn ich Schuld habe, bekenne ich sie. Wenn ich zornig bin, vergebe ich. Wenn ich gierig bin, lerne ich zu geben. Und wenn ich eifersüchtig bin, mache ich Komplimente.

Wisst ihr, da gibt es wieder ein Missverständnis. Mir ist das bewusst geworden, oder es wird mir mehr bewusst, dass man vielleicht nach gestern Abend denkt: „Jetzt muss ich als Christ schon wieder so viele Dinge tun. Ich muss vergeben, ich muss bekennen, ich soll noch mehr geben, als ich schon tue. Und ich sollte dem, den ich eigentlich nicht leiden kann, ein Kompliment machen.“ Das Christenleben ist echt schwer.

Aber wisst ihr, was die Wahrheit ist? Wenn du Schuld hast und sie bekennst, weißt du, was dann geschieht? Dann bist du frei, ein freier Mensch. Wenn du zornig bist und vergibst, hast du deine Last los. Wenn du lernst zu geben, musst du nicht dauernd mit Gier umgehen. Bist du ein freier Mensch. Und wenn du Komplimente machen lernst, musst du nicht dauernd vom Neid zerfressen werden. Du wirst ein freier Mensch.

Seht ihr, all diese Gebote dienen zur Freiheit – nicht: „Ach, schon wieder als Christ muss ich etwas tun, schon wieder unter Druck stehen.“ Ganz im Gegenteil. Darum sagt Jesus: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ Frei, nicht gefangen.

Und darum bin ich gerne Christ. Darum gehöre ich gern zu Jesus.

Schlussgebet

Lieber Vater, es gibt so viel über Dich zu sagen – über Deine Liebe, über Dein Leben, das in und durch uns wirkt. Danke, Herr, für Ostern, an dem Du den Tod, die Sünde und die Schuld ein für allemal besiegt hast. So müssen wir nicht mehr Sklaven des Gesetzes sein.

Wir müssen nicht mehr dies und das tun, sondern sind zur Freiheit berufen – zur Freiheit, frei zu sein. Frei zu sein, zu vergeben, frei zu sein, zu bekennen und ehrlich zu sein. Frei zu sein, nicht zu lügen, frei zu sein, zu geben, was Du uns geschenkt hast, und frei zu sein, zu ermutigen.

Herr, ich danke Dir, dass Dein Wort die Wahrheit ist. Es funktioniert und es stimmt. Darum wollen wir lernen, darin zu leben.

Danke, Herr, dass Du derjenige bist, der mit uns und durch uns all die Prioritäten bewältigen möchte, die wir im Leben haben. Du bist kein Extra, das einfach dazu kommt. Du bist die Kraft, die uns befähigt, die Herausforderungen des Lebens zu meistern – Herausforderungen, die in einer gefallenen Welt oft schwer sind, die uns auszehren, verwirren und manchmal scheinbar kaputtmachen.

Herr, danke, dass wir auch in dieser gefallenen Welt Deine Liebe und Kraft erleben dürfen. Ich bete, dass wir das Stück für Stück lernen. Amen.