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Einführung des Gesprächspartners und Thema
Mein heutiger Gast kennt sich nicht nur in der Praxis des kirchlichen gemeindlichen Lebens sehr gut aus, sondern er weiß auch bestens über die Theorie dieser Praxis Bescheid. Es handelt sich um Professor Doktor Philipp Bartholomay.
Er ist Dozent für praktische Theologie und Prorektor an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen. Zudem war er dreizehn Jahre lang Pastor der freikirchlichen Erlebtgemeinde in Landau in der Pfalz.
Darüber hinaus ist er Teil des Praxisinstituts für Gemeindeerneuerung und Gemeindepublikation Restauratio. Er veröffentlicht Bücher zu praktisch-theologischen Themen, zum Beispiel das Buch Gemeinde mit Mission, damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen. Dieses Buch hat er gemeinsam mit Professor Doktor Stefan Schweyer von der staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel geschrieben.
Philipp ist also wirklich ein Experte, wenn es um die Gemeinde Jesu geht. Deshalb möchte ich heute mit ihm genau über dieses Thema sprechen: Was ist der Platz der Gemeinde in der Gesellschaft und wie kann sie ihrem Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, gerecht werden?
Du darfst gespannt sein.
Erste Einschätzung zur Lage der christlichen Gemeinde in Deutschland
Ja, lieber Philipp, schön, dass du hier bist. Du hast das Leiden Christi in Deutschland sehr auf dem Herzen. Gemeinsam mit Professor Dr. Stefan Schweyer von der STH Basel hast du sogar schon ein Buch mit dem Titel „Gemeinde mit Mission“ geschrieben, damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen.
Darum soll es heute auch thematisch gehen. Meine erste Frage wäre: Wenn du auf die christliche Gemeinde in Deutschland blickst, was geht dir da aktuell durch den Kopf?
Ich habe den Eindruck, dass das Thema Hoffnung momentan sehr präsent ist. Viele Menschen fragen sich, ob wir überhaupt noch Hoffnung für Kirche und Gemeinde in diesen schwierigen Zeiten haben. Es gibt viele Abbruchbewegungen, und wir werden wahrscheinlich gleich noch einmal darauf zu sprechen kommen.
Für mich ist es zunächst eine große Ermutigung zu wissen, dass die Quelle der christlichen Hoffnung nicht unsere Gemeindeaufbau-Skills sind oder das, was wir selbst mitbringen. Die Hoffnung für die Kirche liegt in Jesus Christus, dem auferstandenen und wiederkommenden Herrn. Das ermutigt mich sehr.
In diese grundsätzliche Hoffnung hinein gebe ich meinem Denken über Gemeinde heute einen Rahmen. Ich habe das an verschiedenen Stellen immer wieder so eingebracht: ein Spannungsfeld zwischen Sacharja 4,10 und Habakuk 3,2.
In Sacharja 4,10 heißt es, dass wir die geringen Anfänge nicht verachten sollen. Das scheint mir in dieser Zeit wichtig zu sein, um die Hoffnung nicht zu verlieren, um nicht bitter und zynisch zu werden. Es zeigt, dass Gott handelt, auch wenn es nur kleine Anfänge sind. Hier müssen wir realistisch sein.
Gleichzeitig dürfen wir die Hoffnung haben, wie in Habakuk 3,2, dass Gott sein Werk noch einmal belebt und in unserer Zeit, in unseren Gemeinden und Kirchen noch mehr tut.
Für mich verbindet sich das zu dem Schlagwort „hoffnungsvoller Realismus“. Ich will nüchtern und realistisch sein im Blick auf das, was gerade in unseren Breitengraden im Westen, in Deutschland, kirchlich passiert. Gleichzeitig halte ich an der Hoffnung fest, dass Gott nicht fertig ist und mehr tun kann, als das, was wir beide in unseren Lebzeiten bisher im Blick auf Gemeinde und Kirche erlebt haben.
Ostdeutschland als Prüfstein für Gemeindeaufbau
Danke dir. Was ich ganz interessant finde: Du schreibst in deinem Buch, das ich gerade erwähnt habe, dass Ostdeutschland der Prüfstein für unsere Ansätze und Herangehensweisen im Gemeindeaufbau ist. Kannst du genauer sagen, was du damit meinst?
Ja, Ostdeutschland ist ein Prüfstein für den Gemeindeaufbau, weil ich den Eindruck habe, dass der aktuelle Zustand, die Situation, die wir im Osten unseres Landes haben – also mit sehr viel Konfessionslosigkeit, Säkularisierung und Generationen, die nicht mehr an die Kirche angedockt sind – zunehmend auch im Westen Realität wird.
Der Zustand, der im Osten schon seit Jahrzehnten Normalität ist, breitet sich also immer mehr aus. Deshalb ist das, was wir im Kontext von Gemeinde ausprobieren, sozusagen ein Erprobungsraum. Wir überlegen uns, wie wir im Osten überhaupt mit Menschen ins Gespräch kommen und wie wir ihre Glaubensgleichgültigkeit überwinden können.
Das ist eine Art Testfeld für das, was uns zunehmend auch in anderen Teilen Deutschlands begegnet. Im Osten wurde ja der Satz geprägt: „Die Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“ Und das scheint mir zunehmend auch in anderen Teilen Deutschlands der Fall zu sein.
Das ist deine tägliche Erfahrung, und ich glaube, dass dies auch im Westen immer mehr zur Realität wird. Das ist sozusagen der Hintergrund, warum ich sage, dass wir besonders auf das, was im Osten passiert, achten sollten.
Unterschiedliche Entwicklungen in großen Kirchen und Freikirchen
Okay, danke dir. Es ist interessant, dass du auch sagst, dass im Westen des Landes eine ähnliche Abwärtsspirale zu beobachten ist. Man hört ja immer wieder, dass die großen Kirchen, die lutherische Landeskirche und die römisch-katholische Kirche, mit Mitgliederverlusten zu kämpfen haben. Zumindest habe ich manchmal den Eindruck, dass Freikirchen das etwas anders erleben und dort eher Mitgliederzahlen wachsen. Du bist ja letztlich der Experte. Ist das so? Und wenn ja, warum ist das so? Was ist da dein Eindruck?
Ich glaube, wir sollten bei dieser Frage nicht zu pauschal antworten, sondern etwas differenzierter hinschauen. Was natürlich richtig ist: Die großen Kirchen verlieren in den letzten Jahren jährlich Mitglieder im Umfang einer Großstadt wie Stuttgart oder Frankfurt. Das sind einfach starke Abbruchbewegungen im Bereich der evangelischen und der katholischen Kirche.
Viele Beobachter haben im Gegensatz dazu im Blick auf die Freikirchen gesagt, dass diese noch relativ wettbewerbsstark sind. Das ist so ein Wort, das immer wieder fällt: Freikirchen sind wettbewerbsstärker unterwegs auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten. Sie können sich ein bisschen besser behaupten als die großen Kirchen. Das wird meistens damit begründet, dass die Freikirchen noch ein relativ klares Profil, ihre Glaubensüberzeugungen, Werte und Normen haben. Sie grenzen sich stärker von der säkularen Gesellschaft ab, und das bringt ihnen Stabilität. Gleichzeitig sind sie bemüht, gesellschaftliche Relevanz zu entfalten, also zeitgemäß zu sein, moderner, sie evangelisieren leidenschaftlich. Und das alles zusammen, sagen die religionssoziologischen Beobachter, erhöht ihre Wettbewerbsstärke.
Jetzt bin ich an dieser Stelle ein bisschen kritischer als Freikirchler und nehme wahr – und das dürfen wir meines Erachtens nicht verschweigen –, dass die Freikirchen bei weitem nicht die Abbrüche der Großkirchen kompensieren. Wenn die Großkirchen 700 Leute im Jahr verlieren, landen diese bei weitem nicht in der Breite der freikirchlichen Landschaft. Das meinte ich mit der Aussage, nicht zu pauschal zu sein.
Es gibt freikirchliche Bünde, die wachsen – ja, nicht exorbitant, aber sie wachsen. Es gibt viele Bünde, die stagnieren, und es gibt auch viele, die schrumpfen. Es gibt hier und da Aufbrüche, es gibt wachsende Bewegungen. Auch im Blick auf Migrationsgemeinden ist ziemlich viel Dynamik, auch in unserem Land. Das werden wir weiter beobachten müssen. Das bringt Energie ins System, würde ich sagen, und das ist sehr, sehr erfreulich.
Aber meine These ist – und das haben wir dann auch im Buch so entfaltet –, dass wir für weite Teile des freikirchlichen Milieus von einer Krise der Mission sprechen müssen. Die Zahlen habe ich an dieser Stelle auch schon verschiedentlich präsentiert: In einem relativ stark wachsenden freikirchlichen Bund reden wir von 0,7 Bekehrten pro Gemeinde und Jahr. Das ist in der Summe schon ernüchternd, zumal wenn man sieht, dass 20 Prozent der Gemeinden 80 Prozent der Bekehrten generieren. Dann kann man sich ungefähr vorstellen, wie viele Gemeinden gar kein missionarisches Bekehrungswachstum generieren, sondern bestenfalls mal ein Transferwachstum hier und da.
Das betrifft grob gesagt auch die neueren Bewegungen, wo man sagen muss: Auch dort ist Wachstum in sehr großem Maße von Transfer bestimmt. Das scheint mir die nüchterne Betrachtung der Realität im kirchlich-gemeindlichen Kontext derzeit in Deutschland zu sein.
Leben in einer nachchristentümlichen Gesellschaft
Spannend. Wir werden uns wahrscheinlich gleich noch einmal Gemeinden anschauen, die ein starkes Wachstum haben. Dabei wollen wir betrachten, was diese Gemeinden auszeichnet. Das hast du auch in deinem Buch beschrieben. Außerdem hast du schon angedeutet, dass wir in einer nachchristentümlichen Gesellschaft leben.
Kannst du vielleicht noch einmal erklären, was du damit meinst und was diese Gesellschaft kennzeichnet?
Ja, das ist natürlich ein etwas schwieriger Begriff, der nicht so leicht eingängig ist. Der Punkt ist, dass wir versuchen, die Zeit, in der wir leben, zu beschreiben. In dieser Zeit nehmen das Christliche, die christliche Glaubenspraxis und der Einfluss des Christentums insgesamt ab. Nun suchen wir einen Begriff, ein Label, für diese Zeit, die wir als sehr säkular wahrnehmen.
Viele verwenden dafür den Begriff „nachchristlich“. Das würde aber genau genommen bedeuten, dass der christliche Glaube insgesamt verschwindet und durch andere Glaubensformen oder Weltanschauungen ersetzt wird. Das trifft aber nur teilweise zu.
Mein Koautor Stefan Schwäher und ich sind uns nicht sicher, ob dieser Begriff so ganz passend ist. Deshalb verwenden wir lieber die Bezeichnung „nachchristentümlich“. Diese beschreibt präziser, dass wir in einer Zeit leben, in der die enge Verbindung von christlichem Glauben und Kultur aufgelöst ist.
Der christliche Glaube lebt in ganz unterschiedlichen Gestalten weiter. Wir beide sind ja ein Beweis dafür: Wir sind Gemeinden, wir arbeiten für Institutionen, das Christliche ist nicht verschwunden. Aber das, was wir tun, wird kulturell nicht mehr gestützt. Wir sind also nicht mehr der prägende Teil der Gesellschaft.
Deshalb bedeutet „nachchristentümlich“ letztlich einfach, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass Menschen aus Tradition oder gesellschaftlichen Konventionen heraus Glauben oder die Nähe zur Kirche suchen. Stattdessen ist die innere Motivation entscheidend.
Glauben ist nicht mehr selbstverständlich. Nicht zu glauben ist genauso plausibel. Man muss nicht mehr Christ sein, um beruflich bessere Chancen zu haben, im Bildungssektor voranzukommen oder Sozialleistungen zu erhalten. All das ist nicht mehr gegeben.
Während der Pandemie haben wir gemerkt, dass die Kirche nicht mehr systemrelevant ist. Genau das ist ein Ausdruck einer nachchristentümlichen Epoche. In dieser spielt der Glaube beziehungsweise das Christentum keine kulturprägende oder stützende Rolle mehr.
Mit dem Begriff „nachchristentümlich“ versuchen wir, diesen Zustand zu beschreiben.
Auswirkungen der nachchristentümlichen Gesellschaft auf die Gemeinde
Danke dir. Nun ist auch schon ein Stück weit angedeutet worden, dass diese gesellschaftliche Veränderung natürlich einen Einfluss auf die Gemeinde hat. Vielleicht lässt sich das noch etwas näher erläutern: Was bedeutet diese nachchristliche Gesellschaft konkret für die christliche Gemeinde? Und kann man darin auch etwas Positives sehen, oder ist das eher ausschließlich negativ zu bewerten?
Ja, das ist eine sehr gute Frage. Zunächst einmal müssen wir wahrnehmen, dass es heute normal ist, so zu leben, als gäbe es Gott nicht. Gott spielt gewohnheitsmäßig keine Rolle mehr. Das heißt aber auch, positiv betrachtet, man weiß wenigstens, woran man ist. Niemand kommt einfach aus gesellschaftlicher Tradition zur Kirche, nur weil er auf dem Papier noch Christ ist. Das wird bei immer weniger Menschen der Fall sein.
Insofern weiß man: Wenn sich jemand einer Kirche oder Gemeinde anschließt, dann tut er das aus Überzeugung. Das passt gerade gut zu unserem freikirchlichen Verständnis. Wir wurden immer als Gemeinschaften der Überzeugten bezeichnet – also als die, die wirklich geglaubt haben und aus Überzeugung dabei sind.
Deshalb sagen viele: Die nachchristliche Gesellschaft ist eine echte Chance, wieder sozusagen eine wahre Gemeinde derer zu sein, die wirklich Jesus nachfolgen. Überspitzt gesagt, ist das so wie damals im ersten Jahrhundert: Wir sind eine Kontrastgesellschaft, wir sind anders. Wir machen jetzt jenseits von Tradition und Namenschristentum deutlich, worum es uns geht.
Der Vorteil dabei ist, dass man weiß, woran man ist. Man kann direkt mit den Leuten ins Gespräch kommen und sagen: Ja, christlicher Glaube ist nicht mehr selbstverständlich. Jetzt lass uns doch mal über das Eigentliche reden! Es geht nicht um Tradition, es geht nicht um Kultur, sondern um Christus, um die einzigartige Botschaft dieses Evangeliums.
So ist man eigentlich direkt beim Kern der Sache. Das könnte in einer Zeit, in der wir leben, vielleicht etwas leichter gelingen als in einer Zeit, in der sich jeder mehr oder weniger als christlich versteht, weil er ein paarmal im Jahr in den Gottesdienst geht und auf dem Papier noch evangelisch oder katholisch ist.
Das kann man durchaus als einen, wie soll ich sagen, positiven Nebenaspekt des Vergehens des Christentums bewerten.
Herausforderungen für Freikirchen in der nachchristentümlichen Gesellschaft
Vielen Dank für diese Antwort, Philipp. Du argumentierst in deinem Buch, dass das Ende des Christentums beziehungsweise die nachchristliche Gesellschaft vor allem für Freikirchen eine Herausforderung darstellt. Kannst du da noch einmal näher darauf eingehen?
Ja, ich glaube, dass das eine sehr wesentliche Überlegung ist, gerade für diejenigen von uns, die aus dem freikirchlichen Sektor kommen. Wir sollten uns noch einmal vor Augen führen: Wir sind als Freikirchen – ich meine jetzt die klassischen Freikirchen wie die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden, Baptisten und etwas später die Pfingstgemeinden – im 19. Jahrhundert entstanden. Das war eine Zeit, in der unser Land und unsere Kultur noch mehr oder weniger komplett christentümlich geprägt waren.
Das bedeutet, wir konnten in der missionarischen und evangelistischen Arbeit, die wir als Freikirchen getan haben, noch einen relativ hohen christlichen Grundwasserspiegel voraussetzen. Die Menschen verstanden, worüber wir sprechen. Sie kannten die christlichen Lehren und waren mit der christlichen Ethik vertraut. In weiten Teilen stimmten sie sogar zu, selbst wenn sie nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst gingen.
All das, was wir zu bieten hatten, war also anschlussfähig in der Kultur. Insofern ist es nicht überraschend, dass man beobachten kann, dass die Freikirchen gerade dort in Deutschland stark sind, wo man es religionsgeographisch gut beschreiben kann. Wo gibt es in jedem Dorf zwei oder drei freikirchliche Gemeinden? Nun, das sind die Gebiete, in denen vorher die Erweckungsbewegung in der Landeskirche besonders stark war.
Zum Beispiel in der Gegend, in der ich wohne – in Mittelhessen, im Oberbergischen Land, im Siegerland, im Schwäbischen und in Teilen von Sachsen. Das sind die Regionen, in denen die Freikirchen stark sind, weil sie dort an einen erwecklichen Zustand anknüpfen konnten, der bereits vorhanden war. Sie haben also von dem, manche haben es so formuliert, von dem schon vorbereiteten Boden profitiert, der durch die Volkskirche bereits beackert war, und konnten direkt an das anknüpfen, was schon da war.
Meine These ist nun, dass dies heute eine Herausforderung darstellt, weil sich dieser Kontext geändert hat. Wir haben das vielleicht noch gar nicht wirklich bemerkt. In manchen intensiven Studien bin ich dem ein bisschen nachgegangen und habe festgestellt: Wenn man fragt, wo die Menschen, die heute zu einer Freikirche gehören, vorher waren, dann zeigt sich, dass sie zu einem ganz großen Teil christlich-religiös sozialisiert sind.
Viele waren schon vorher gläubig, kamen aus einer Landeskirche, aus einem CVJM oder aus einer anderen Freikirche. Manche waren vielleicht nicht in unserem Sinne schon echte Jesusnachfolger und bekehrt, aber sie hatten zumindest eine Konfirmation, waren christlich geprägt und sind mit den Großeltern mal in den Gottesdienst gegangen – solche Dinge.
In meiner Studie gehören nur acht Prozent derjenigen, die heute zu einer Freikirche gehören, früher wirklich zur unkirchlichen Gruppe. Das zeigt ein Stück weit, dass wir es bis heute dort, wo wir überhaupt noch Menschen erreichen, leichter haben bei denen, die einen höheren christlichen Grundwasserspiegel besitzen. Dagegen tun wir uns bei der konfessionslosen und säkularen Bevölkerung schwer. Aber genau das ist die wachsende Bevölkerungsgruppe.
Diese Menschen hast du mehrheitlich vor dir. Die Herausforderung ist, wenn wir nicht lernen, unseren Operationsmodus, also die Art und Weise, wie wir evangelisieren, zu verändern, sondern immer noch denken, wir machen es wie vor Jahrzehnten, als der Kontext noch viel christlicher oder christentümlicher war, dann werden wir kaum Brücken zu der Bevölkerungsgruppe finden, die wir heute vor uns haben.
Deshalb, glaube ich, braucht es ein Umplagen im Kopf. Das ist eine Formulierung, die ich verwendet habe und die auf eine alte Opel-Werbung mit Jürgen Klopp anspielt. Es geht darum, mental noch einmal umzudenken und zu sagen: Nein, der Kontext hat sich geändert. Wir müssen anders kommunizieren und anders an die Dinge herangehen, damit die Leute uns verstehen. Wir können es nicht mehr so machen, wie wir es als Freikirchen immer gewohnt waren.
Das ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen und bei der wir, glaube ich, noch Nachholbedarf haben. Das ist grundsätzlich meine Wahrnehmung.
Auslöser für säkulare Menschen, sich mit dem Christentum zu beschäftigen
Spannend, ja, du hast gerade sehr ausführlich beschrieben, wie sich die Gesellschaft entwickelt und dass alles immer säkularer wird. Die Menschen werden in ihrem Alltag weniger mit christlichem Glauben konfrontiert. Nun würde mich interessieren: Was sind eigentlich die Auslöser bei säkularen Menschen, sich überhaupt mit dem Christentum zu beschäftigen? Hast du da Ideen? Hast du da selbst Erfahrungen gemacht?
Ja, das ist eine ganz, ganz wichtige Frage. Zunächst müssen wir uns vor Augen führen, dass wir Brücken für das Evangelium zu den Menschen bauen wollen. Das ist unser Anliegen. Dafür haben wir das Buch geschrieben. Das ist das, was wir mit Mission oder Evangelisation meinen: dass Menschen leidenschaftlich Jesus nachfolgen.
Die Frage ist jetzt: Funktionieren die Brücken, die wir bisher gebaut haben, oder die in früheren Jahrzehnten gebaut wurden, noch? Hier möchte ich noch einmal an das anknüpfen, was ich eben gesagt habe. Es gibt ein sehr anschauliches Beispiel, das man vielleicht auch im Internet recherchieren kann.
Es gibt eine Brücke in Honduras, die heißt „Bridge to nowhere“, also Brücke ins Nirgendwo. Spannend ist, dass diese Brücke irgendwann gebaut wurde, über einen Fluss. Alles war wunderbar: sehr stabil, super Brücke, alles top. Bis ein Wirbelsturm durchgezogen ist und das Flussbett einfach zig Meter versetzt hat. Auf einmal stand die Brücke nicht mehr dort, wo sie über den Fluss führte, sondern direkt daneben. So führte sie ins Nirgendwo und hatte keine wirkliche Funktion mehr.
Das ist ein schönes Bild für den Druckpunkt, auf den du jetzt, glaube ich, hinauswillst: Wie können wir anknüpfen? Was könnten Brücken sein, die bei säkularen Menschen in unserer Zeit funktionieren?
Da scheint es mir zwei, soll ich sagen, gegenläufige Dynamiken zu geben. Auf der einen Seite haben wir in unserer Gesellschaft – und das zeigen auch die Zahlen – eine sehr, sehr große Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben. Diese Haltung „I don't care“, das kümmert mich nicht. „Ich bin happy, mir geht es noch halbwegs gut.“ Selbst die Verwerfungen in unserer Zeit – politisch und gesellschaftlich – haben daran noch nicht viel geändert.
Es gibt manche Ängste, es gibt manche Fragen, aber viele bleiben gleichgültig. Gleichzeitig gibt es die Tendenz, dass Leute sagen: „Okay, ich mache mir trotzdem Gedanken darüber. Kann es nicht doch mehr geben? Muss es nicht mehr geben als das Sichtbare und Materielle, was ich vor Augen habe?“ Manche beschreiben das als ein gewisses Unbehagen.
Ich glaube, viele sagen: „Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber ich wünsche mir so ein bisschen, es gäbe ihn, weil ich doch Fragen habe, ob das, was wir heute hier so vor Augen haben, wirklich alles ist.“ Das heißt, es gibt Menschen, für die die rein säkulare Weltsicht einfach unbefriedigend bleibt und die sich bestimmte Fragen stellen.
Aber jetzt müssen wir uns an dieser Stelle trotzdem bewusst machen: Wir sollten nicht übertreiben und sagen, wir hätten die ganz große Respiritualisierungswelle. Alle sind total spirituell und strecken sich nach dem Transzendenten aus. Man könnte das mit Zahlen belegen, aber das führt hier zu weit. Alle Befragungen, die es in Deutschland gibt, zeigen das nicht.
Die Menschen, die keiner Religion angehören – das ist die wachsende Bevölkerungsgruppe – sind de facto nicht wahnsinnig spirituell. Von denen geben zum Beispiel maximal sieben Prozent an, dass sie sich noch als spirituell bezeichnen würden. Ich sehe also nicht, dass da ein großer Boom vorhanden ist.
Und das ist jetzt die eigentliche Antwort auf deine Frage: Was ich schon immer wieder feststelle – und viele andere kulturelle Beobachter auch –, ist, dass es gewisse spirituelle Grundinstinkte gibt, so nennen wir das im Buch, gewisse Sehnsüchte, die Menschen haben und die einfach nicht weggehen. Einfach, weil der Mensch so ist, wie er ist, weil er sich die großen Fragen stellt: Wo komme ich her? Wer bin ich? Wo gehe ich hin? Gibt es Gerechtigkeit? Wie gehe ich mit meinem ruhelosen Herz um? Wonach sollte ich eigentlich streben?
Ich glaube, das ist sozusagen ein Weg, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich habe umfangreiche Studien gemacht und gesehen, dass Gemeinden, die überdurchschnittlich stark wachsen durch Bekehrungen, sehr stark diese Sehnsuchtsschiene bespielen. Also in Predigten, in der Art, wie sie ihre Gemeinde gestalten und wie sie ihre Kommunikation des Evangeliums aufbauen.
Sie fragen sich: Was bewegt die Leute? Wonach streben sie? Was erfüllt sie? Worauf hoffen sie? Was gibt ihnen Sicherheit, was gibt ihnen Freude, Zufriedenheit und so weiter? Dann versuchen sie, an diese häufig ungestillten Sehnsüchte anzuknüpfen und zu sagen: Herr Jesus Christus könnte eine plausible, tragfähige Antwort darauf sein.
Sehnsucht nach Verbundenheit, nach Beziehung, nach Schönheit, nach Sinn, nach Liebe, nach Würde, nach Anerkennung – diese Sehnsüchte aufzugreifen, die bei vielen Menschen immer noch da sind, sie zu artikulieren und dann zu sagen: Könnte Jesus für dich hier eine plausible Antwort sein? Das wäre, glaube ich, ein Weg, den man heute gehen kann.
Das heißt nicht, dass die klassischen apologetischen Fragen wie die Historizität der Auferstehung oder die Vertrauenswürdigkeit der Bibel nicht mehr wichtig sind. Sie bleiben bis zu einem gewissen Grad immer wichtig.
Aber ich glaube, diese Sehnsüchte, diese Grundinstinkte des Menschen – das wäre eine Brücke, die verspricht, nicht komplett ins Nirgendwo zu führen. Die könnte man mal ausprobieren.
Die zwei Feinde des Evangeliums
Wow, vielen Dank für diesen Einblick. Ich glaube, du stimmst mir zu, dass das Ziel von Gemeinde mit Mission ist, das Evangelium unter die Menschen zu bringen, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Dass er in unserer Stadt am Kreuz auf Golgatha gestorben ist, wieder auferstanden ist und alle, die auf ihn vertrauen, gerettet werden, ewiges Leben haben und ihre Sünden bekennen.
Nun beschreibt ihr in eurem Buch im Zusammenhang mit dem Evangelium, mit dieser frohen Botschaft, dass das Evangelium zwei Feinde hat: die Gesetzlichkeit und den Relativismus. Kannst du noch einmal etwas näher auch den Zuhörern erläutern, was damit gemeint ist?
Ja, das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt, der mir tatsächlich theologisch sehr, sehr wichtig ist und ein Stück Anker oder Leitplanke geworden ist in der Art und Weise, wie ich über Gottes Wort, über Theologie und auch über Gemeindearbeit nachdenke. Letztlich geht es darum, dass das Evangelium nicht nur von einer Seite bedroht wird, sondern von zwei Seiten.
Der eine Feind oder die eine Bedrohung ist die Gesetzlichkeit. Dabei stellt man sich vor: „Okay, ich muss jetzt durch mein Gutsein, durch meine Werke sozusagen mir die Anerkennung, die Annahme, das Heil bei Gott verdienen.“ Das drückt man dann, wenn man halbwegs lutherisch geprägt ist, nicht ganz so klar aus, aber unterbewusst läuft die Argumentation so: „Gott hat mich gerettet, aber jetzt liegt es an mir. Jetzt muss ich zeigen, dass ich würdig bin. Und wenn das nicht gelingt, dann habe ich ein Problem.“
Wenn wir so unterwegs sind, ist das ein klassischer, pharisäischer Ansatz, wie wir ihn in der Bibel sehr plastisch illustriert finden. Dieser Ansatz führt in eine Atmosphäre von pflichtbewusster Anstrengung. Da ist ganz viel innerer Druck: „Ich muss es wuppen, ich muss es Gott beweisen.“ Das führt zu einer Freudlosigkeit im Glauben, zu einem gesetzlichen Krampf.
Wenn wir uns vorstellen, wie Gemeinden aussehen, die stärker von diesem Feind geprägt sind, ist das nicht wahnsinnig anziehend. Das ist dann das, was häufig auch als toxisch bezeichnet wird, als freudlos, als eng.
Das ist der eine Feind.
Aber jetzt wird häufig gesagt: „Okay, dem Feind wollen wir nicht erliegen. Deswegen müssen wir bestimmte biblische Werte, Überzeugungen und Dogmen relativieren und da ein bisschen beliebiger unterwegs sein.“ Das wäre aus meiner Sicht eben gerade auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Das ist der zweite Feind, etwas, was Bonhoeffer beschrieben hat als eine billige Gnade ohne Nachfolge.
Das ist eine Haltung, in der man sich religiös selbst verwirklicht, sagt: „Ja, Gott ist da, ich will auch sein Wort halbwegs ernst nehmen, aber am Ende entscheide ich dann ein Stück, was da gilt und was nicht gilt.“
Mein Eindruck ist, dass wir in unserer Gemeindelandschaft, häufig auch im Bereich des Evangelikalismus in den Freikirchen, wo ich den stärksten Eindruck oder Einblick habe, zwischen diesen Extremen pendeln.
Mir wäre einfach wichtig, immer wieder deutlich zu machen: Wir kämpfen nicht nur an einer Front, wenn ich das jetzt mal so martialisch sagen darf, sondern an zwei. Es gibt nicht nur einen Feind.
Es gibt nicht nur die einen, die sagen, der große Feind ist die Gesetzlichkeit, wir müssen ein bisschen freier unterwegs sein. Und dann würde ich immer sagen: Nein, es gibt auf der anderen Seite auch den Feind.
Die anderen sagen: „Nein, nein, nein, die Freiheit, die Beliebigkeit ist die große Gefahr.“ Und dann landet man aus Versehen in der Gesetzlichkeit.
Einen guten, gesunden Weg der Mitte zu finden, der diese Feinde sozusagen fernhält und sich dieser beiden Gefahren bewusst ist, scheint mir für eine gesunde, nachhaltige Gemeindearbeit und kirchliche Entwicklung wahrscheinlich das entscheidende Fundament zu sein.
Man muss an der Stelle klar und deutlich navigieren und sich dieser beiden Feinde bewusst sein. Nicht nur je nach Kreis, in dem man sich bewegt, ist dann der eine Feind oder der andere der ganz schlimme.
Man sollte immer wieder sagen: „Hey, passen wir auf, es gibt zwei Gefahren, denen wir uns erwehren müssen.“
Gemeindliche Reaktionen auf die nachchristentümliche Gesellschaft
Ja, du hast eben von Philipp gehört, welche zwei Feinde das Evangelium hat. Evangelium bedeutet frohe Botschaft. Das Evangelium schafft eine Versöhnung mit Gott, deinem Schöpfer.
Aber was ist eigentlich das Evangelium konkret, und wie funktioniert das mit der Versöhnung? Hier haben wir vom Bibelfitdienst dir mit Hilfe von bibeltreuen Evangelisten zusammengestellt, was das konkret bedeutet und wie du diese Botschaft auch weitergeben kannst.
Diese Übersicht hier hat schon tausenden Menschen in Deutschland geholfen. Nimm sie dir gern gratis mit. Klicke dafür einfach auf den ersten Link oder das Video und dann weiter mit Philipp.
Gemeindliche Extreme im Umgang mit der Welt
Zwei Gefahren oder Extreme in Bezug auf das Evangelium nehme ich persönlich auch in Bezug auf die Gemeinde wahr, insbesondere im Umgang mit der nachchristlichen Gesellschaft. Zum einen habe ich den Eindruck, dass eine Gemeinde sich komplett aus der Welt zurückzieht und in ihrer eigenen Blase lebt. Zum anderen passt sich eine Gemeinde so sehr der Welt an, dass kaum noch ein Unterschied erkennbar ist.
Das ist zumindest mein Empfinden. Ich habe es nicht systematisch geprüft, aber die Frage ist: Was ist deine Beobachtung und welchen Weg würdest du favorisieren?
Ich glaube, du beobachtest das genau richtig. Das ist sozusagen die gemeindliche Anwendung dessen, was ich eben ein bisschen theologischer vom Evangelium her entfaltet habe. Die große Frage, vor der wir stehen, ist: Wie überbrücken wir die Kluft zwischen der säkularen Gesellschaft und dem, was uns glaubensmäßig wichtig ist?
Du hast völlig Recht, auch hier gibt es genau diese zwei Gefahren, zwei Seiten, auf denen man vom Pferd fallen kann. Die eine Gefahr ist, dass wir uns zurückziehen in unsere christliche Bubble. Um es mal flapsig zu sagen: Wir machen einfach unser schönes Ding, lieben uns, genießen die Gemeinschaft miteinander und warten darauf, dass der Herr wiederkommt.
Dieser Rückzug wäre ein Stück das, was ich eben mit Gesetzlichkeit beschrieben habe. Wir sagen: Wir sind die Guten, wir haben den reinen Glauben, was interessieren uns die anderen? Wir schotten uns ab. Das ist die eine Gefahr.
Die andere Gefahr, die du genannt hast, ist die Anpassung. Wir sagen: Um die Kluft zwischen säkularen Menschen und dem christlichen Glauben, Jesus, der Kirche und der Gemeinde zu überwinden, müssen wir sehr weit auf sie zugehen und uns letztlich an die Umgebung anpassen. Einige Lehren, die heute nicht mehr plausibel oder nicht mehr konsensfähig sind, vielleicht sogar als abstossend empfunden werden, lassen wir weg.
Dann leben wir so eine Art Chamäleon-Dasein, passen uns an die Umgebung an und sind gar nicht mehr als Kontrastgemeinschaft sichtbar.
Der gesunde Weg ist aus meiner Sicht ein Weg, der bewusst diese Extreme vermeidet. Wir gestalten Gemeinde in zweierlei Weise: gleichzeitig offen und menschenzugewandt, aber ebenso intensiv, glaubensstark und theologisch tief, nah am Wort Gottes. Also nah bei Gott und nah bei den Menschen – das ist ja so ein Slogan, den viele Gemeinden haben. Letztlich müssen wir das leben.
Wie können wir eine Gemeinde sein, die sich nicht abschottet, sondern offen, gastfreundlich und einladend ist? Eine Gemeinde, die nah am Menschen ist und sensibel für Fragen, Zweifel, Probleme, Sorgen und auch Einwände gegen den Glauben? Wir müssen all das wahrnehmen – offen, aber deswegen nicht weniger intensiv.
Wir feiern unsere Gottesdienste würdevoll und ehrfürchtig, nehmen die Heiligkeit Gottes ernst und sein Wort ernst. Wir predigen das Evangelium in Klarheit, in Wahrheit, mit allen Schattierungen und allen Aspekten, auch ethisch, die damit verbunden sind. Wir halten die Dinge zusammen.
Ich stimme dir zu und nehme das auch so wahr: Die Gefahr ist immer, dass wir hier ein Entweder-oder-Leben führen und sagen, es gibt nur zwei Wege – entweder den Weg der Abschottung oder den Weg der Anpassung.
Hier würde ich vehement widersprechen. Es ist zwar nicht einfach, aber es gibt den spannungsvollen Weg der Offenheit und der Intensität des Glaubens, nah am Menschen und nah bei Gott. Das darf kein Widerspruch sein.
Das müssen wir einüben, gestalten, uns gegenseitig aneinander schleifen und uns auf diesem Weg helfen. Das scheint mir der Weg des Evangeliums zu sein. Diese Thematik mit den Feinden des Evangeliums findet jetzt Anwendung in der Art, wie wir Gemeinde leben: ob wir uns zurückziehen oder auf die Menschen zugehen, ob wir Abstriche am Wort Gottes machen oder ob wir das Wort Gottes hochhalten.
Leidenschaftskiller für missionarisches Engagement
Jetzt waren wir ein Stück weit analytisch und theoretisch unterwegs. Nun wollen wir etwas praktischer werden. Du warst ja auch über ein Jahrzehnt Pastor. Was sind deiner Erfahrung nach die Haupthindernisse oder vielleicht auch Ausreden, warum Christen nicht missionarisch tätig sind? Denn unser Ziel ist es ja, missionarisch aktiv zu sein.
Zunächst müssen wir wahrscheinlich einfach ehrlich sein: Es sind nicht nur die Ausreden der anderen, sondern auch unsere eigenen. Im Buch sprechen wir an dieser Stelle von „Leidenschaftskillern“, also Dingen, die uns die Leidenschaft für Evangelisation und Mission rauben. Wir zählen dort einige Punkte auf, die ich tatsächlich auch in der Praxis, in der Gemeinde, erlebt habe.
Ein Beispiel wäre eine falsche Demut. Dabei sagen wir: „Hey, wir wollen dem anderen nichts überstülpen.“ Wir leben in einer toleranten Zeit und sind deshalb etwas auf der Bremse. Wir vermeiden, dass unser Gegenüber das Gefühl bekommt, wir wollen ihm etwas aufdrängen. Das würde ich als falsche Demut bezeichnen.
Dann nehme ich wahr – und leide auch selbst darunter –, dass viele Gemeinden sehr selbstbezogen sind. Ich beschreibe das oft mit einer Art Karussellmentalität, genauer gesagt einem Kettenkarussell, das sich nur um sich selbst dreht. Wir drehen uns um unsere Programme, um das Schöne, was wir für Kinder, Jugendliche und Senioren anbieten, unsere Gottesdienste, unsere Gebäude, die gepflegt werden müssen, und vieles mehr, was eine Gemeinde eben so macht. Man hat das Gefühl, wir kümmern uns nur um uns selbst. Wir drehen uns ständig um unsere eigenen Bedürfnisse.
Man kann sich das so vorstellen: Wenn man auf ein fahrendes Kettenkarussell aufspringen will, ist das mitunter schmerzhaft. Dieses Bild verdeutlicht, dass diese Selbstbezogenheit die evangelistische Wirksamkeit nicht fördert.
Ein dritter Punkt ist, dass viele Christen auch resigniert sind. Sie sagen: „Wir haben so viel probiert – Alpha-Kurse, Entdeckergruppen, Straßenaktionen, Gäste-Gottesdienste und so weiter –, aber es ist relativ wenig dabei herausgekommen. Nur wenige sind zum Glauben gekommen, wenige sind geblieben.“ Das kann ich nachvollziehen. Irgendwann kommt da eine gewisse Resignation auf.
Vielleicht hängt das auch mit der Selbstbezogenheit zusammen. Bequemlichkeit spielt ebenfalls eine Rolle. Es kostet uns etwas, aus der Komfortzone herauszugehen und uns verwundbar zu machen. Vielleicht müssen wir auch Ablehnung in Kauf nehmen, wenn jemand sagt: „Komm mir nicht mit deinem Jesus oder irgendeinem komischen Zeug.“ Das kostet uns etwas.
Hier müssen wir uns fragen: Ist uns unser Herr und sein Evangelium das wert? Können wir diese Bequemlichkeit bewusst überwinden in einer Zeit, in der wir uns mit allem Möglichen so schnell ablenken lassen?
Vielleicht ist das größte Problem, dass unser Leben so wahnsinnig schnell und voll ist. Wir müssen bewusst entscheiden: Nein, ich lasse manches sein, damit ich zum Beispiel regelmäßig mit meinem Nachbarn im Garten grillen und Beziehungen pflegen kann. So habe ich irgendwann auch die Chance, ihm von dem zu erzählen, was mir im Herzen wichtig ist.
Es gibt sicher auch noch die Dimension des Bösen, die wir im Buch kurz ansprechen. Es gibt einen Feind, der daran interessiert ist, die Flamme der Leidenschaft für Evangelisation in uns auszulöschen. Das dürfen wir nicht vergessen. An dieser Stelle kämpfen wir nicht nur gegen Fleisch und Blut, sondern gegen Mächte und Gewalten, die kein Interesse daran haben, dass wir Menschen mit dem Evangelium erreichen.
Das sind im Groben einige Bereiche, die ich als Leidenschaftskiller bezeichnen würde. Daran hängt es oft.
Gemeindeleitung als Schlüssel für missionarische Leidenschaft
Danke dir. Ja, du hast gerade gesagt, das sind die Leidenschaftskiller, das sind die Probleme, die uns hindern. Aber was kann jetzt beispielsweise eine Gemeindeleitung tun, die das wirklich auf dem Herzen hat und sagt: „Hey, wir müssen missionarischer werden.“ Was kann sie tun, um Leidenschaft für Mission in ihrer Gemeinde zu entfachen?
Du hattest vor uns auch das Beispiel genannt, dass Leute anfangen zu resignieren, obwohl sie eigentlich eine Leidenschaft haben. Oder eben, wie man diese Leidenschaft erhalten kann, die vielleicht schon da ist.
Es ist schon mal gut, dass du direkt sagst: Was kann eine Gemeindeleitung tun? Denn ich denke nicht so sehr in wahnsinnigen Hierarchien, gerade im freikirchlichen Bereich gilt ja das Priestertum aller Gläubigen, jeder ist gefragt. Trotzdem glaube ich, auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung, dass eine Gemeindeleitung eine Schlüsselrolle spielt, um Gemeinden dahin zu führen, missionarischer zu werden.
Wir haben auch tatsächlich – wenn ich das an der Stelle sagen darf – dieses Buch gar nicht so sehr geschrieben, damit Einzelpersonen inspiriert werden, sondern eher als eine Art Lese- und Arbeitsbuch für Gemeindeleitungen. Diese sollen ihre Gemeinde mitnehmen wollen in einen Prozess der stärkeren evangelistischen und missionarischen Ausrichtung.
Wir glauben, dass im Normalfall die Gemeindeleitung der Herzschrittmacher ist, vielleicht kann man es so sagen, der das System in Tritt bringt und Impulse setzt. Natürlich können das auch andere Personen in der Gemeinde tun, aber normalerweise laufen die Dinge besser, wenn die Gemeindeleitung an der Stelle Wege geht. Deswegen beginnt es bei der Gemeindeleitung.
Diese muss zunächst mal Feuer fangen. Dass das passiert, ist ein Geschenk des Geistes – das muss am Ende Gott tun. Das möchte ich festhalten: Das können wir nicht machen. Aber wir können Schritte gehen, wir können danach ausstrecken. Dabei wird sicher Gebet eine wichtige Rolle spielen.
Ich würde in Beratungsprozessen Leitungskreisen sagen: Schaut euch doch mal an, wie Paulus betet, zum Beispiel in Epheser 6. Er bittet darum, dass für ihn gebetet wird, damit er bei der Verkündigung die richtigen Worte findet. Er bittet darum, dass er seinen Auftrag erfüllen kann und die Botschaft offen weitergeben darf. So ungefähr lautet der Duktus.
Also beten wir dafür, dass Gott uns Türen öffnet und diese Leidenschaft schenkt. Kolosser 4,3 wäre noch so eine Stelle: „Bittet Gott, dass er uns eine Tür auftut für seine Botschaft.“
Ich glaube nicht, dass eine Gemeindeleitung mit erhobenem Zeigefinger sagen sollte: „Hey, wir machen zu wenig Evangelisation, jetzt rafft euch mal alle und gebt Gas!“ Das führt meiner persönlichen Erfahrung nach zu relativ wenig Leidenschaft und Begeisterung, weil sie nicht von innen kommt. Es erzeugt nur ein schlechtes Gewissen. Manchmal ist ein schlechtes Gewissen auch mal gut und okay, aber es ist nicht nachhaltig.
Deswegen ist der Versuch wichtig, wie man Freude an diesem großartigen Evangelium und an der Schönheit Jesu entfachen kann – innerhalb der Gemeinde. Wenn das passiert, dann drängt es uns auch, andere teilhaben zu lassen an dem, was uns so bedeutsam ist.
Je mehr wir Christus und sein Evangelium lieben, je mehr wir davon erfasst sind und die Schönheit dessen feiern, desto mehr steigt die Leidenschaft, das auch an andere Männer und Frauen in unserer Umgebung weiterzugeben.
Deswegen würde ich es immer theologisch angehen und sagen: Mehr Feuer und Leidenschaft für das Evangelium, mehr evangeliumszentriertes Gemeindeleben – und dann ist das Evangelistische eine logische Konsequenz davon.
Was man konkret machen kann als Leitung, ist, dass man konsequent der Gemeinde den Blick nach außen schärft und sagt: „Freunde, wir sind nicht für uns da.“ Evangelisation hat eine hohe Priorität für Gott selbst. Wenn wir Jesus nachfolgen, können wir uns nicht nur um uns selbst drehen.
Da kann man strukturell arbeiten. Vielleicht noch ein paar Hinweise aus der Praxis: Ich habe festgestellt, weil ich hingefahren bin und Gemeinden beobachtet habe, dass Gemeinden, die stark durch Bekehrungen wachsen – das hat mich sehr fasziniert – vor jedem Gottesdienst und vor jeder Gemeindeveranstaltung beten, dass heute hier und jetzt Menschen zum Glauben kommen.
Ich kenne andere Gemeinden, die beten eher dafür, dass der Beamer nicht ausfällt, die Technik funktioniert und dass sich der Mann am Klavier oder die Frau nicht verschielt. Alles auch wichtige Dinge, aber dort, wo Gott Bekehrungswachstum schenkt, habe ich festgestellt, da gibt es ein leidenschaftliches Gebet: „Herr, schenke, dass heute Menschen zu dir finden.“
Das passiert natürlich auch dort nicht jeden Sonntag und nicht 3000 wie am Anfang der Apostelgeschichte an einem Tag. Aber sie beten anders.
Das kann man fördern, indem man einfach sagt: Wir fangen so an zu beten. Wir nehmen uns als Gemeindeleitung Zeit, vor jeder unserer Sitzungen für diese Dinge zu beten. Haben wir als Gemeinde noch die Vision, Menschen zu erreichen? Oder haben wir uns in unserer Gemütlichkeit eingenistet?
Vielleicht kann man auch die eine oder andere Person zum Anwalt für Evangelisation machen und sagen: „Hey, da gibt es zwei, drei Leute, die sind da besonders begabt. Die fördern wir und geben ihnen bewusst eine Plattform.“ So wird die Gemeinde immer wieder zurückgeholt.
Die Gravitationskraft zieht uns immer zu uns selbst. Wir drehen uns um unsere Bedürfnisse, unsere Kinder, unsere Geschmäcker, das, was wir uns wünschen. Da einen Anwalt für Evangelisation zu haben, der immer wieder den Zeigefinger hebt, mahnt und sagt: „Leute, es gibt Menschen, die Jesus brauchen. Was tun wir?“, das versetzt das System ein bisschen in Unruhe.
Das sind Wege, die man gehen kann. Dabei kann man auch verschiedene Werkzeuge einsetzen und nochmal nachdenken: Wie kriege ich diese Leidenschaft und dieses Feuer entzündet und wachgehalten bei meinen Leuten?
Veränderungen in der Evangeliumsverkündigung in der nachchristlichen Zeit
Ja, vielen Dank, Philipp. Nun haben wir es geschafft – oder besser gesagt, die Gemeindeleitung hat es geschafft. Die Gemeinde ist leidenschaftlich für Missionen engagiert.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie können wir beziehungsweise die Gemeinden in einer nachchristlichen Zeit die Menschen mit dem Evangelium erreichen?
Wir hatten das ja schon ein Stück weit angeschnitten, erinnerst du dich an die Brücken? Die Frage ist, ob sich in der Evangeliumsverkündigung in den letzten hundert bis zweihundert Jahren etwas verändert hat. Was sagst du dazu?
Also, ich bin jetzt nicht der Experte, der die zweihundert Jahre Evangelisationsgeschichte in Deutschland rekapitulieren kann. Ich möchte meine Antwort an einem Beispiel festmachen.
Ein guter Freund von mir hat in Ostdeutschland eine Gemeinde gegründet. Er hat dann die Umgebung analysiert: Wie ticken die Menschen? Was haben sie auf dem Herzen? Wie können wir mit ihnen in Beziehung treten? Was sind die Brücken hin zu ihnen? Das war die zentrale Frage.
Er sagt, was sie als Allererstes festgestellt haben, ist, dass sie großartige Antworten auf Fragen haben, die kein Mensch mehr stellt.
Wir haben Antworten – das ist so wie die Brücke. Die Antworten sind stabil, theologisch richtig, orthodox, biblisch fundiert und super. Sie haben an anderen Zeiten und an anderen Orten wunderbar funktioniert und gut zu den Fragen der Menschen gepasst.
Aber jetzt haben wir Menschen, die andere Fragen stellen, andere Lebenssituationen haben und einen anderen Background. Den Grundwasserspiegel habe ich vorhin schon genannt – der ist deutlich gesunken.
Also: Was sind die Fragen, die Menschen heute stellen? Und welche Antworten haben wir darauf? Das wird eine Schlüsselfrage sein, an der wir uns bewegen müssen. Ich habe das vorhin „Unparken im Kopf“ genannt.
Die ganzen Lebenswelten und Ausgangspunkte haben sich verändert.
Letztlich ist der große Punkt, dass wir in Bezug auf Evangelisation wahrnehmen müssen: Wir können nicht mehr erwarten, dass die Menschen einfach von alleine zu uns kommen.
Da ist zwar die große Sehnsucht, und dann überlegen sich die Menschen am Sonntagmorgen nur noch, zu welcher Gemeinde sie gehen. Aber das ist nicht die Realität.
Sie werden ja nicht durch irgendeinen kulturellen Rückenwind in unsere Arme getrieben. Sie werden sich uns nur dann anschließen oder bei uns andocken und sich dem stellen, was wir anzubieten haben, wenn wir in irgendeiner Art und Weise in Beziehung mit ihnen leben.
Deshalb würde ich als die eine große Antwort auf die Frage, was sich geändert hat und was sich ändern muss, sagen: Wir brauchen ein Umdenken.
Weg von dem Gedanken: „Wir laden die Leute zu uns ein, und dann werden sie schon kommen.“
Noch vor ein paar Jahrzehnten war es so: Wir machen einen coolen Gästegottesdienst, die Musik ist schön und attraktiv, wir haben coole Plakate – und dann kommen die Leute zu uns.
Das wird heute nicht mehr funktionieren. Wir müssen auch zu ihnen hingehen.
Es braucht also nicht nur eine Komm-Struktur, sondern auch eine Geh-Struktur hin zu den Menschen. Wie können wir in Beziehung mit ihnen treten?
Beides, sozusagen in Gemeinsamkeit: Nicht nur hingehen, sondern auch die Menschen zu uns einladen.
Kommen und Gehen in dieser Struktur – so wird Evangelisation, glaube ich, stattfinden müssen. Und dann wird sie auch wirksam sein.
Merkmale wachsender Gemeinden durch Bekehrungen
Ja, Philipp, was sind in deinen Augen Merkmale einer Gemeinde, die Bekehrungen fördert?
Ja, damit habe ich mich tatsächlich relativ intensiv beschäftigt. Ich bin der Sache sozusagen auf die Spur gegangen, indem ich mir Gemeinden genauer angeschaut habe, die tatsächlich überdurchschnittlich stark durch Bekehrungen wachsen. Ich habe mit Leuten Interviews geführt, Umfragen gemacht und so weiter. Mein Ziel war es einfach herauszufinden, welche bestimmten Charaktereigenschaften Gemeinden haben, die an dieser Stelle besonders wirksam sind.
Dabei kam Folgendes zutage: Ich habe festgestellt, dass diese Gemeinden – und darüber haben wir eben gesprochen – zunächst einmal eine ganz starke missionarische Leidenschaft haben. Das sind die Gemeinden, von denen ich vorhin gesagt habe, dass sie vor jedem Gottesdienst und vor jeder Gemeindeveranstaltung um Bekehrungen beten. Diese Gemeinden haben Feuer und wollen Menschen für Jesus gewinnen.
Aber das allein scheint nicht zu funktionieren. Bei diesen Gemeinden ist diese Leidenschaft verbunden mit einem zweiten Aspekt: Sie haben sich auf den Weg gemacht, unsere nachchristliche, säkulare Kultur besser zu verstehen. Sie haben also nicht nur Leidenschaft, sondern diese Leidenschaft wird kanalisiert durch den Wunsch, neu darüber nachzudenken, wo die Brücken in der heutigen Kultur sind – für die Menschen von heute.
Diese zwei Dinge verbinden sich. Dazu kommen zwei weitere Aspekte, die mir in diesen Gemeinden aufgefallen sind. Zum einen gehört es zur Kultur oder man legt großen Wert darauf, dass Menschen in der Gemeinde intensive Beziehungen zu Menschen pflegen, die noch nicht glauben. In diesen Gemeinden ist es ein großes Thema, Freiräume zu schaffen, damit die Gemeindemitglieder nicht ihre ganze Freizeit in Gemeindeaktivitäten verbringen, sondern im Alltag Zeit und Raum haben, um mit ihren Nachbarn zu grillen und über lange Zeiträume echte Freundschaften zu pflegen. So sind sie wirklich nahe an den Menschen dran und können durch diesen Beziehungsfaktor auch einladend für das Evangelium wirken.
Zum anderen zeigte sich, dass nur die Beziehungen zu Nichtchristen – also nur das „Hingehen“, wie ich es genannt habe – nicht ausreicht. Es braucht parallel oder gleichzeitig auch Gemeindeveranstaltungen, die sensibel auf noch nicht glaubende Gäste eingehen. Das sind Gottesdienste, in denen offen kommuniziert wird: „Hey, hier ist auch Zweifeln erlaubt. Du musst nicht schon so sein wie wir, um hier willkommen zu sein.“
Dazu gehören Alphakurse, Entdeckergruppen und verschiedenste Gemeindeveranstaltungen oder Programme, die Leute abholen. Das Spektrum reicht von ganz niederschwelligen Angeboten wie gemeinsamem Sport, bei dem auch Christen dabei sind, bis hin zu apologetischen Vorträgen oder besonderen Gottesdiensten. Wir beschreiben das im Buch so ein bisschen als ein Spektrum an Veranstaltungen, sodass Menschen, die in Beziehung zu anderen stehen, jederzeit einen Andockpunkt für ihre Freunde und Bekannten im Bereich der Gemeinde haben. So können sie diese mit anderen Christen verknüpfen.
Das sind also die vier Aspekte. Umrahmt wird das Ganze durch einen fünften Aspekt, den wir im Buch sehr breit entfalten. Hier kann ich ihn nur kurz anreißen: Es ist der Aspekt der Gastfreundschaft.
Gastfreundschaft meint eine Atmosphäre in der Gemeinde, die geprägt ist von Offenheit – die wir schon angesprochen haben – und von einer gastfreundlichen Haltung, die den Fremden, den Andersartigen liebt. Das ist sehr spannend. Als ich da noch einmal tiefer eingestiegen bin, habe ich festgestellt, dass Gastfreundschaft im Neuen Testament wörtlich aus dem Griechischen übersetzt „Fremdenliebe“ heißt, Philoxenia – die Liebe zu dem, der ganz anders ist.
Das ist eine große Herausforderung für Gemeinden heute. Sie müssen sich auf den Weg machen und fragen: Wie können wir durch unser ganzes Sein, durch die Art, wie wir Menschen begegnen – vor dem Gottesdienst, im Foyer, im Gottesdienst, bei Festen in der Stadt oder wo auch immer wir uns unter die Leute mischen – Liebe zum Fremden ausstrahlen? Damit tun wir das, was Jesus praktiziert hat, der die Volksmenge mit dem Herzen aufgenommen hat.
Übrigens ist Fremdenliebe oder Gastfreundschaft auch ein Kriterium für Gemeindeleiter und Älteste im Neuen Testament. Sie sollen gastfreundlich sein, also den Fremden lieben.
Diese Kultur zu prägen, ist wichtig, damit sich Leute, die in unserem Setting wirklich fremd sind – die vielleicht noch nie in ihrem Leben in unserem Gottesdienst waren – willkommen fühlen. Das kann jeder nachvollziehen, der schon einmal irgendwo war, wo er nicht wusste, wie er sich verhalten soll: Wann muss ich aufstehen, wann hinsetzen? Welche Kleidung trage ich? Was passiert hier? Passiert hier gleich etwas Verrücktes?
Wie signalisieren wir Menschen, dass wir sie lieben? Dass sie ganz entspannt dabei sein können, in der Nähe und Distanz, die für sie gerade gut ist? Können wir es aushalten, wenn sie schwierige Fragen stellen, auch mal Gegenwind geben, Einwände haben oder kritisieren? Wenn sie sagen, warum sie das Christentum blöd finden?
Diese Haltung auszuhalten und zu lieben, diese Kultur zu pflegen, wird ein Schlüssel sein. Wir glauben wirklich, dass Gastfreundschaft ein Schlüsselkriterium für gesunde, missionarisch wirksame Gemeinden in unserer Zeit ist.
Kontextualisierung – Bedeutung und biblische Grundlage
Ein wichtiger und tiefer Punkt von Philipp hilft gern mit, dass mehr Menschen diesen Beitrag sehen. Wir haben dafür schon alles vorbereitet, damit du jetzt gern diese Glocke hier unten rechts unter dem Video drücken kannst. Der Algorithmus erledigt dann den Rest. Vielen Dank an alle, die das machen. Das ist auch eine schöne Wertschätzung für die Klarheit von Philipp. Danke dafür.
Du hast jetzt schon einige Punkte angesprochen, wie man Menschen in seinem Umfeld erreichen kann. Beim Thema Gemeindebau und Evangelisation hört man immer wieder das Schlagwort „Kontextualisierung“. Für einige Christen hat dieser Begriff jedoch auch eine negative Bedeutung, weil er für sie ein Stück weit für die Verwässerung des Evangeliums steht.
Vielleicht kannst du mal sagen, was in deinen Augen mit Kontextualisierung gemeint ist und ob es dafür auch eine biblische Grundlage gibt?
Ja, ich glaube, Thomas, das ist eine sehr, sehr wichtige Frage, der wir uns stellen müssen. Du hast völlig Recht: Das Thema Kontextualisierung ist vor allem in eher konservativen Kreisen teilweise ein echtes Feindbild. Es kann sogar passieren, dass man schnell als Irrlehrer der Kontextualisierung bezeichnet wird. Umso wichtiger ist es, dass wir uns nüchtern mit der Sache beschäftigen.
Ich würde vier Dinge nennen, die mir im Blick auf Kontextualisierung oder ein gesundes Kontextualisierungsverständnis wichtig erscheinen.
Das Erste: Wenn man Kontextualisierung als Verwässerung des Evangeliums versteht, dann ist das ein Missverständnis. Kontextualisierung bedeutet nicht, wie viele fälschlicherweise denken, dass man Menschen das gibt, was sie hören wollen. Das ist Kontextualisierung explizit nicht. Das würden die besten Vertreter dieser Theorien auch nie so sagen.
Kontextualisierung bedeutet vielmehr, dass wir die biblische Botschaft, das Evangelium, das Wort Gottes, das uns lieb und teuer ist und das Menschen vielleicht oft gar nicht hören wollen, trotzdem in ihre Lebenssituationen und Denkweisen einbringen. Also in den Kontext, aus dem die Leute kommen. Manchmal wollen sie es hören, manchmal auch nicht. Aber wir versuchen, es so zu kommunizieren, dass es verständlich ist – mit Gedankengängen und Argumenten, die die Menschen, die wir erreichen wollen, nachvollziehen können. Kontextualisierung ist also richtig verstanden ein Akt der Liebe zu Menschen und gerade kein Akt der Verwässerung des Evangeliums.
Wir passen uns nicht einfach nur der Kultur an, sondern unsere Art und Weise, wie wir kommunizieren und welche Brücken wir bauen, wird an die Umgebung angepasst, damit wir besser verstanden werden. Manchmal bedeutet das, dass wir uns der Kultur annähern, und manchmal, dass wir die Kultur hinterfragen und konfrontieren. Beides ist Kontextualisierung, aber wir müssen das klug machen. Verwässerung ist ein Missverständnis.
Das Zweite, was ich dazu sagen würde, ist: Wir kontextualisieren immer. Es geht nicht ohne Kontextualisierung. Das lässt sich an ein paar einfachen Beispielen zeigen.
Allein die Tatsache, dass die meisten unserer Gemeinden ihre Gottesdienste auf Deutsch feiern, ist ein Akt der Kontextualisierung. Wenn wir uns fragen: Wäre es nicht viel bibeltreuer, unsere Gottesdienste in der Muttersprache Jesu, also auf Aramäisch, zu feiern? Warum machen wir das eigentlich nicht? Weil wir uns an den Kontext anpassen, in dem normalerweise Deutsch gesprochen wird.
Für manche Migrantengemeinden ist das gar nicht selbstverständlich. Sie müssen überlegen, wie lange sie bei ihrer Herkunftssprache bleiben wollen oder ob sie sich eher im deutschen Kontext kontextualisieren und die Gottesdienstsprache umstellen. All das sind legitime Fragen, die unterschiedlich beantwortet werden können. Ohne Kontextualisierung wird es nicht gehen.
Eine Migrantengemeinde kontextualisiert sich entweder im Blick auf die Leute, die ihre Muttersprache sprechen, oder im Blick auf den deutschen Kontext, in den sie migriert sind. Aber eine Entscheidung muss getroffen werden.
Auch dass wir unsere Gottesdienste zu einer bestimmten Uhrzeit feiern und normalerweise pünktlich beginnen, hat mit unserer deutschen Kultur zu tun. Das ist in anderen Teilen der Welt völlig anders, ohne dass wir sagen könnten, Geschwister auf anderen Kontinenten seien weniger bibeltreu als wir.
Mir fällt auf, dass wir häufig dazu neigen, die Ausdrucksformen des Glaubens absolut zu setzen, unter denen wir zum Glauben gekommen sind. Wenn jemand in den 1970er-Jahren in einem bestimmten gemeindlichen Milieu zum Glauben kam, wird diese Person dazu neigen zu sagen, dass das die reinste Form des christlichen Glaubens ist. Die Lieder, die Gottesdienstform, die Art zu reden – all das ist das Nonplusultra.
Dann kontextualisieren wir nur eben in den 1970er-Jahren, weil wir das als reinste Form betrachten, aber nicht im Blick auf unsere Zeit, die Kultur und die Menschen heute.
Insofern: Der zweite Punkt lautet, dass es nicht ohne Kontextualisierung geht. Wir tun es immer. Die Frage ist nur, ob wir es bewusst oder unbewusst tun.
Du hast nach der biblischen Grundlage gefragt. Das ist mein dritter Punkt.
Hier könnte man viele Beispiele nennen. Eine starke Belegstelle ist Paulus in 1. Korinther 9, wo er sagt: „Ich bin den Juden wie ein Jude geworden und denen unter dem Gesetz wie einer unter dem Gesetz und denen ohne Gesetz wie einer ohne Gesetz“ usw.
Das heißt definitiv nicht, dass er sich überall wie ein Chamäleon anpasst und das Evangelium verwässert, nur um den Leuten zu sagen, was sie hören wollen. Vielmehr versucht er, Juden auf eine Art und Weise anzusprechen, die für ihren jüdischen Kontext verständlich ist. Und Griechen spricht er so an, dass sie es verstehen.
Das wird besonders deutlich in den Predigten in der Apostelgeschichte. Wenn die Apostel vor jüdischen Zuhörern predigen, dann wird Jesus als Messias, als Gesalbter verkündigt. Das war ein verständliches und wichtiges Konzept für jüdische Zuhörer.
Wenn sie vor heidnischem Publikum sprechen, dann reden sie von Jesus als Kyrios, als Herr, der in Konkurrenz zu allen anderen Herren und Göttern steht und über dem Kaiser. Bei Juden knüpfen sie ans Alte Testament an, was für Nichtjuden keine Rolle spielt. Deshalb machen sie es dort anders und zitieren, wie in Apostelgeschichte 17 in Athen, Dichter und Denker aus dem athenischen intellektuellen Kontext.
Das sehen wir in der Bibel. Übrigens verstehen Bibelübersetzer und Missionare das in der Regel intuitiv.
Es gibt eine schöne Geschichte zur Bibelübersetzung für die Inuit, für die Eskimos. Wie übersetzt man den Begriff „Lamm Gottes“, wenn es in dieser Kultur kein Verständnis dafür gibt, was ein Lamm ist? Man kontextualisiert und übersetzt mit „Seehund“, damit die Leute verstehen, welches Konzept dahintersteht.
Oder der gute Hirte: Es gibt keine Schafe, wie erklärt man, was ein guter Hirte ist? Dann muss man ihn als Babysitter für Schlittenhunde bezeichnen, damit in dieser Kultur klar wird, worum es geht.
Dafür gibt es eine gute biblische Grundlage.
Und nun noch ein vierter und letzter Punkt: Das muss man den Kritikern zugutehalten – es gibt Gefahren der Kontextualisierung.
Wir sind wieder bei unserem Spannungsfeld wie bei den zwei Feinden. Es gibt eine Überkontextualisierung, bei der wir uns zu sehr anpassen. Dann ändern wir nicht nur das Wort „Lamm Gottes“, sondern das ganze Konzept dessen, was Jesus für uns getan hat. Das wäre eine Anpassung an den Zeitgeist, an den Kontext, an die Kultur.
Aber es gibt auch eine Unterkontextualisierung, bei der wir uns zu wenig Mühe geben, das, was wir zu sagen haben, so zu formulieren, dass möglichst wenig Kommunikationshürden für die Menschen entstehen, die wir erreichen wollen.
Wir können also zwei Fehler machen: Zu viel kontextualisieren oder zu wenig kontextualisieren. Wir sollten einen Weg finden, der diese beiden Extreme vermeidet.
Wenn ich das hinzufügen darf: Dabei sollten wir eine Kultur pflegen, in der wir nicht gleich mit der Keule um uns schlagen und sagen, der eine hat schon wieder zu viel kontextualisiert und der andere zu wenig. So hauen wir uns nur die Köpfe ein.
Stattdessen sollten wir mit Gelassenheit einander helfen, gemeinsam einen guten Weg zu finden. Nicht bei allem sofort das rote Lämpchen angehen lassen und denken, jetzt gehen wir in eine ganz falsche Richtung.
Man muss das behutsam machen. Die Gefahren gibt es, und es ist gut, dass wir darüber reden. Aber Kontextualisierung ist ein Thema, weil es es nie ohne Kontextualisierung gab. Wir sehen das im Neuen Testament, und im einundzwanzigsten Jahrhundert ist es nicht anders.
Götzen der heutigen Gesellschaft erkennen und verstehen
Vielen Dank für diese Ausführungen. Du schreibst in deinem Buch auch im Zusammenhang mit Kontextualisierung, dass man die Götzen einer Gesellschaft erkennen sollte. Da wäre jetzt meine Frage an dich: Was sind die Götzen Deutschlands im Jahre 2025, und warum sollte eine Gemeinde diese kennen?
Ja, welche Götzen im Jahr 2025? Da könnte man jetzt eine lange Liste machen. Es fängt wahrscheinlich an mit solchen Dingen wie Konsum oder Habsucht. Sex ist sicher ein Götze unserer Zeit, aber auch solche Dinge wie Individualismus. Das ist eine ganz starke Prägekraft in unserer Zeit, die letztlich vom Evangelium wegführt.
Ich glaube, es ist zunächst einmal wichtig, dass wir verstehen: Der Kern des Götzendienstes, wenn wir diese biblische Thematik aufgreifen, ist ja, dass man sein Vertrauen auf etwas anderes setzt als auf den lebendigen Gott. Insofern kann dann auch jeder Hörer oder Zuschauer sich jetzt Gedanken machen, was die Dinge sind, auf die Menschen in unserem Land ihr Vertrauen setzen – als Ersatz für den lebendigen Gott, an den wir als Christen glauben. Und da kann es unzählige Dinge geben, die im Alltag unser Herz in Beschlag nehmen.
Luther hat im Großen Katechismus gesagt: Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott. Also wenn du dein Herz an etwas hängst, was nicht Gott selbst ist, dann ist das die Übertretung des ersten Gebots.
Die Frage, warum es wichtig ist, diesem Götzen auf die Spur zu kommen, hat auch etwas mit Kontextualisierung zu tun. Denn wir haben ja gesagt, wir hinterfragen auch unsere Kultur. Wir passen uns nicht nur an, sondern wir fragen auch kritisch: Wo hängt denn die Kultur ihr Herz an etwas Falsches?
Deswegen wird es gut sein zu überlegen, was die Dinge sind, bei denen Leute sagen: Hier gibt mir etwas Sicherheit, Hoffnung, Zuversicht, Freude, Anerkennung oder Würde. Und wo diese Götzen sozusagen den Platz einnehmen, den Gott selbst oder Christus eigentlich einnehmen sollte.
Man kann das am Beispiel des Individualismus vielleicht noch einmal kurz festmachen. Wir sagen, dass ein Mensch die Sehnsucht hat, als Individuum wahrgenommen und anerkannt zu werden. Das ist etwas, das wir bejahen können, denn diese Sehnsucht ist von Gott in uns hineingelegt. Gott sagt, er hat die Haare auf unserem Kopf gezählt. Das bedeutet, er sieht uns als Einzelperson – den Thomas und den Philipp –, er nimmt uns wahr, und wir sind als Einzelpersonen wichtig.
Kritisieren müssten wir es dann, wenn Individualismus zum Götzen wird, indem wir sagen: Ich entscheide allein über mein Leben, ich bin mir selbst genug, ich muss das beste Ich in mir hervorbringen, ich brauche nur mich selbst und so weiter. Dann ist meine Individualität zu meinem Götzen geworden und hat Gott selbst als denjenigen ersetzt, der mir Wert und Würde gibt.
Das wäre jetzt so ein Beispiel, wo wir sagen: Wir bejahen die Sehnsucht nach individueller Würde, aber wir hinterfragen oder kritisieren eine Individualität, die Gott außen vor lässt und den Menschen auf den Thron seines eigenen Lebens setzt.
Und da merkt man, das ist dann eine Art von Kontextualisierung, die die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen heute in besonderer Weise ernst nimmt, aber an entscheidender Stelle dann eben auch vom Evangelium her kritisiert.
Das entwickelt auch evangelistisch eine Dynamik. Wir hauen den Leuten nicht ihre Götzen um die Ohren. Übrigens macht das Paulus auch nicht so. In Apostelgeschichte 17 sagt er: „Wow, ihr betet den unbekannten Gott an, großartig, ihr habt eine Sehnsucht nach Gott in eurem Herzen.“ Das findet er gut, das ist sein Anknüpfungspunkt. Er kontextualisiert.
Dann sagt er: „Okay, aber jetzt erkläre ich euch mal, dass ihr doch an einer Stelle falsch abgebogen seid, und ich erkläre euch mal, wer der wahre Gott eigentlich ist, an den ihr euer Herz hängen solltet.“ Und dann merken wir, dass das in Athen und auch in unserer Zeit eine Dynamik entfaltet, bei der wir sagen: Guck mal, ihr hängt euer Herz an die falschen Dinge. Wir haben vom Evangelium her ein besseres Angebot zu machen.
Dazu braucht es aber Kontextualisierung. Götzen kennen heißt, ich begebe mich hinein in den Kontext, ich verstehe, woran Menschen ihr Herz hängen. Und dann versuche ich, in einer relevanten Art und Weise eine plausible, vom Evangelium durchdrungene Alternative vorzustellen – liebevoll, langmütig, geduldig –, so dass die Leute das verstehen und hoffentlich die Schönheit Jesu erkennen.
Ermutigung an einen nicht missionarisch ausgerichteten Gemeindeleiter
Ja, danke dir, Philipp. Vielleicht noch eine letzte Frage. Stell dir mal die Situation vor, du hättest jetzt einen Pastor oder einen ältesten Gemeindeleiter vor dir sitzen, dessen Gemeinde kaum missionarische Aktivitäten zeigt. Der Pastor oder ältere Gemeindeleiter ist damit jedoch vollkommen zufrieden und sieht keinen Grund zur Veränderung. Was würdest du ihm sagen?
Also, ich hoffe zunächst mal, alles, was ich ihm sagen würde, würde ich sehr liebevoll formulieren – nicht mit der Keule und nicht mit schlechtem Gewissen. Aber ich würde versuchen, ihn zu sensibilisieren und vom Neuen Testament her zu überzeugen, auch vom Alten Testament, dass Gott selbst ein missionarischer Gott ist.
Gott hat sich auf den Weg gemacht, um die Beziehung zu ihm nach dem Sündenfall in Genesis 3 wiederherzustellen. Er zieht Menschen zu sich, um sich in ihrem Leben zu verherrlichen, Götzendienst auszumerzen und sie zurückkehren zu lassen auf den Thron ihres Lebens. Das ist Gottes Mission, und wir klinken uns nur in Gottes Mission ein.
Dann könnte man es zuspitzen und sagen: Guck mal, wir können uns schlecht Nachfolger Jesu nennen und an der Stelle Jesus nicht nachfolgen. Jesus sagt: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch.“ Jesus wurde gesandt, er hat sich inkarniert, er wurde Mensch, er hat seine Bequemlichkeit aufgegeben. Er hätte ja auch im Himmel bleiben können, um uns zu retten und zu erlösen. Er wurde gesandt und sagt uns in Johannes 20,21: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch.“
Wenn wir dem bewusst oder unbewusst irgendwie widersprechen, dann verneinen wir sozusagen unsere Identität als Jesusnachfolger.
Deswegen würde ich versuchen, zu vermitteln: Gemeinde muss zwingend – um es nochmal mit dem Titel unseres Buches zu sagen – eine Gemeinde mit Mission sein. Die kann von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich ausgestaltet werden. Aber das Ziel muss immer sein. Wir müssen jetzt gar nicht vom Missionsauftrag reden, Matthäus 28 könnte man sicher auch nochmal referenzieren, aber irgendwie lethargisch und zurückgezogen einfach nur Gemeinde für sich selbst zu sein, ist letztlich mit dem Evangelium von Christus, seiner Hingabe, Menschwerdung und seiner Mission nicht kompatibel.
Insofern würde ich versuchen, diese Person mitzunehmen und zu sagen: Hey, lasst uns mit hoffnungsvollem Realismus uns diese Aufgabe stellen – unabhängig davon, wie die Ergebnisse dann sind, unabhängig von Zahlen. Aber einfach treu eine offene und intensive Gemeinde gestalten, damit Menschen leidenschaftlich Jesus nachfolgen und sich ihm zuwenden.
Dafür würde ich werben, hoffentlich liebevoll, leidenschaftlich und mit guten biblischen Argumenten.
Wir danken Markus für die Bereitstellung seiner wertvollen Inhalte!