Einführung in den Galaterbrief und das Thema der Seelsorge
Zu Galater 6, diesem großen Brief, der für Martin Luther zu den entscheidenden Briefen des Neuen Testaments gehört.
Galater 6,1-5: Liebe Brüder, wenn jemand von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht – und zwar mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Sieh dabei auf dich selbst, damit du nicht auch versucht wirst.
Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.
Jeder aber prüfe sein eigenes Werk, und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht im Vergleich mit einem anderen. Denn jeder wird seine eigene Last tragen.
Erstaunlich! Dieser Text, der uns heute für unser Gesamtthema gegeben ist, aber schon das Wort „Text“ ist für unsere Gemeindeglieder oft unverständlich. Sie haben keine Juristen vor sich, die einen juristischen Text vorlegen.
Wir müssten viel öfter vom Wort des Christus sprechen. Lasst das Wort des Christus reichlich bei euch wohnen, wie es im Kolosserbrief heißt.
Schon im Alten Testament hat Jesus die Worte der Propheten aufgenommen – sie sind seine Worte, das Wort des Christus, die eigenen Worte des Herrn Jesus Christus.
„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das sind die Worte Jesu. Und es sind auch die Worte seiner Apostel, über die er verfügt hat: „Wer euch hört, der hört mich.“
Wir müssen schon im Sprachgebrauch aufpassen, dass wir nicht zu viel von paulinischer Theologie oder frühkatholischer, petrinischer Theologie sprechen, sondern vom Wort des Christus, das er mit seinem Geist durchhauchen will.
Sanftmut und Gemeindeseelsorge im Umgang mit Verfehlungen
Aber wie gesagt, es ist erstaunlich: Wir sollen mit sanftmütigem Geist denen helfen, die uns in unseren Gemeinden so viel Kummer bereitet haben. Diese merkwürdigen Kadetten und Kadettinnen, die mit ihrem schwarzhaftigen Geist viel in der Gemeinde zerstört und auch das Ansehen unserer Gemeinde geschädigt haben.
Der Begriff „Artit“ im Griechischen bedeutet „einrenken“. Das ist ein medizinischer Terminus technicus für Menschen, die Gefahr laufen, eine Luxation zu erleiden. Deshalb müssen sie beim Trimmdichpfad vorsichtig sein, damit sie sich nicht zu sehr an der Leiter festhalten. „Artit“ heißt also: Sie wieder einrenken!
Diese schwierigen Menschen, von denen wir froh sind, dass sie endlich weg sind und nicht mehr auftauchen – diese Kanzelschwalben – sie sollten wir nicht vergessen. Vielleicht reden wir viel zu viel und zu oft über Gemeindewachstum. Manchmal denke ich, es ist fast eine Krankheit, dass wir so fixiert auf die Außenstehenden sind.
Unser erstes Missionsfeld müsste doch die sein, die im Laufe der Zeit abgeblättert sind. Diejenigen, die bei Hausbesuchen sagen: „Früher habe ich auch in Ihrem Chor mitgesungen, ich war früher auch in der Jugendgruppe.“ Aber durch irgendein dummes Gerede oder eine Erbschaftsstreitigkeit sind sie von Jesus und seiner Gemeinde weggekommen.
Wir sollten das Einrenken als eine der ersten Aufgaben ansehen. Wie wir solchen Menschen nachgehen und ihnen mit sanftmütigem Geist wieder eine Brücke bauen, damit sie heimkommen können zu dem, wonach sie vermutlich mehr sehnen, als wir es uns vorstellen können.
Geschwisterlichkeit und Inklusion in der Gemeinde
Erstaunlich ist schon das Wort im ersten Satz: „Liebe Brüder.“ Wir haben uns auch vom Zeitgeist anstecken lassen, der meint, er müsse immer den Feministen Recht geben.
Liebe Christen und Christinnen, sagen Sie auch „liebe Deutsche und Deutschinnen“, „liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“? Was soll das denn? Die Adelphoi – wer ein bisschen Griechisch kann, weiß, dass dabei die Frauen mitgemeint sind. Natürlich heißt Adelphe die Schwester und Adelphe die Schwestern, aber dieser Plural Adelphe meint, wie wir es in Gemeinschaftskreisen sagen, liebe Geschwister. Es sind doch nicht bloß die Brüder gemeint, wenn es ums Einrenken geht.
In meiner Bibel steht Aquila und Priscilla, die damals Timotheus und Apollos geholfen haben, die Wahrheit völlig zu verstehen. Also, liebe Geschwister, die Frauen sind mitgemeint. Sie haben oft eine viel größere Gabe im Seelsorgerlichen. Helft wieder zurecht mit sanftmütigem Geist.
Liebe Geschwister, wenn etwas offenbar wird, ist das Kind noch gar nicht in den Brunnen gefallen. Es wäre doch ganz ausgezeichnet gewesen, wenn Apostel Paulus den Galatern hätte sagen können: „Ihr seht doch, wohin ihr mit eurem Gesetzesfanatismus kommt. Schaut doch mal, was es da für Pannen in eurer Gemeinde gibt.“ Nein, er kann es gar nicht sagen, sofern das passieren sollte. „Erschreckt nicht darüber, das ist der Normalfall in der Gemeinde Jesu.“
Der geistliche Kampf und die Realität von Versuchung
Das war doch kein Fanatismus des Paulus, als er in Epheser 6 schrieb: Seid stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den bösen Geistern im Himmel.
Ihr könnt schon froh sein, wenn ihr die Stellung einigermaßen haltet am bösen Tage und Widerstand leisten könnt, ohne mitgeschwemmt zu werden.
Der Petrus war doch nicht auf falsche Mythen hereingefallen, als er sagte, der Teufel gehe umher und suche, wen er verschlinge. Die beiden Apostel wollten doch nur das wiedergeben, was Jesus gesagt hat.
In Matthäus 12 heißt es: Wenn der böse Geist aus einem Menschen ausgefahren ist, geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit, die schlimmer sind als er, und kehrt zurück.
Wenn ein Mensch ergriffen wird, wollen die armen Menschen doch nicht sündigen, sondern sie werden gepackt. Die Pranke des Teufels hat zugeschlagen. Habt doch Erbarmen mit denen!
Das will der Apostel Paulus deutlich machen: eine richtige Sicht der Dinge.
Ich habe gebeten, dass wir das Lied, das wir gestern Abend gesungen haben, noch einmal singen, und zwar mit den Versen, die wir gestern nicht gesungen haben: Sieh, wie die Finsternis dringend hereinbricht.
Doch nicht nur in unserer Welt – wir schimpfen über unsere Welt und was in Zeitungskiosken zu sehen ist und was das Fernsehen bietet – dringt die Finsternis herein, sondern auch in unsere Gemeinden.
Die Herausforderung der Gemeinde im Angesicht von Sünde und Versuchung
Ich kenne sie nicht persönlich, aber von der großen Gemeinschaft in der Prälatur Ulm der Pastorinnen und Pastoren – etwa 500, für die ich als Prälat mitverantwortlich war, was ungefähr der Rolle eines Präses bei den freien evangelischen Gemeinden entspricht – ging ich davon aus, dass ein Zehntel durch Drogen oder Alkohol zerstört ist. Bei etwa einem Fünftel dieser Gemeinschaft ist die Ehe eigentlich längst zerbrochen.
Die Finsternis dringt also hinein. Es menschelt auch in unseren Gemeinden, und es kämpft in Pfarrherzen und Pastorenfamilien. Wenn das stimmt, was Jesus zu Petrus gesagt hat, dann hat Satan euer Begehr. Wunderbar von Luther übersetzt heißt es, dass Satan wie ein Bräutigam um seine Braut wirbt, so wirbt der Teufel um euch, um eure schwachen Stellen zu entdecken.
Der Satan hat euer Widerspruch schon längst, aber er will den Weizen haben. Wenn ein Mensch getroffen wird, dann ist das die Versuchung in der Nähe. Sieh darauf, dass du nicht auch versucht wirst. Der Peiratmos, der das Peiratsein beherrscht, ist in der Nähe.
Das ist nicht bloß eine Panne, kein Kinkerlitzchen, wenn jemand von einem Fehler ereilt wird, sondern eine Not. Es ist nicht leicht, tagsüber deine Wahrheit und nachts deine Treue zu verkündigen. Der Feind versucht mich immer dort und will mich dir entführen.
Michael Hahn, der Gründer der Hahnischen Gemeinschaften in Württemberg, hat diese Zeile gedichtet:
„Der fromme Mann, der Feind versucht mich immer da und will mich dir entführen, Herr Jesus, nimm dich meiner an!“
Die Bedeutung von Sanftmut und gegenseitiger Hilfe in der Gemeinde
Wenn ein Mensch von einem Fehler übereilt wird, gibt es manche Ausleger, die sagen, der Apostel Paulus sei ein guter Seelsorger. Er spricht von Paraptoma, also von einem kleinen Vergehen.
Nein, in Römer 4,25 heißt es: Er ist um unserer Parathomata willen hingegeben, Jesus. Das sind nicht bloß leichte Sünden, sondern hier sind die Weichen gestellt – weg von Jesus, hin in den Abgrund.
Wenn so ein Mensch ereilt wird, dann hilft ihm wieder Recht, ihr, die ihr geistlich seid. Welche Register zieht nun der Apostel Paulus? Was in der Gemeinde für Register gezogen werden, wird aus diesem Abschnitt deutlich.
Im vorausgehenden Kapitel, letzter Vers, heißt es: Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Dieses Konkurrenzdenken entsteht, weil manche mit ihrer Erbschaftsgeschichte nicht fertig werden.
Übrigens durfte ich 14 Jahre in Schondorf Dekan sein, Superintendent. Ich habe viele Heilungen erlebt, Wunder durch Handauflegungen und Gebetserhöhungen – nur eines nicht: dass eine schwierige Erbschaftsgeschichte unter Christen normal und gut ausgeht.
Das ist keine seltene Not, besonders bei Schwaben, vielleicht gerade dort. Verstehen Sie, warum der Apostel Paulus und Jesus das Geld, den Mammon, als Götzen bezeichnet haben?
Mir graut es immer wieder, wenn es heißt, in Deutschland lebt im Augenblick eine Generation, ungefähr in meinem Alter, die so viel vererbt wie keine vorherige Generation. Wie viel Streit wird es da noch geben um das bisschen Geld!
Also lasst uns nicht herausfordern und nicht nach eitler Ehre trachten – wir sind ja nicht so die Versager darin.
Selbstprüfung und Demut als Grundlage christlichen Lebens
Kapitel 6, Vers 3
Wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er in Wirklichkeit nicht wenig, sondern gar nichts ist, der betrügt sich selbst. Es gibt Menschen, die sich ständig mit anderen vergleichen und dabei denken: „Ich bin wunderbar.“
Die große Not der Christenheit heute in Deutschland, besonders der ernsthaft frommen Christen, besteht darin, dass wir uns mit denen messen, die völlig am Rand stehen. Wir denken dann: „Wir sind doch noch ganz gut, wir haben noch ethische Maßstäbe, und wir sind doch noch ganz fromm.“
Bei uns Landeskirchlern ist es oft so, dass jemand, der dreimal im Jahr zum Gottesdienst geht, sich schon für evangelikal hält. Und dann passt er auf, dass es nicht zu viel wird, damit die Nachbarn nicht über ihn lächeln.
Weil wir uns ständig an denen messen, die gar nicht mehr kommen, kann man in einen Abgrund stürzen. Wenn man sich nur an anderen orientiert, statt zu fragen: „Herr Jesus, wie denkst du über mich? Wie stehe ich vor dir?“
Welche Maßstäbe zieht der Apostel Paulus selbst? In 1. Korinther 5 fordert er: „Tut das Böse von euch hinaus.“ Im 1. Timotheusbrief heißt es: „Straft ihn vor den anderen, damit auch die anderen zittern und Angst bekommen.“
Vielleicht wird aus den Korintherbriefen deutlich, dass der Apostel selbst in Unruhe war, ob er die Gemeinde in Korinth nicht zu scharf angepackt hat. Wichtig ist, dass es ihm um die Ehre Jesu geht, nicht um das Image der Gemeinde oder seine eigene Autorität als Apostel.
Die Herausforderung der Pastorenexistenz und das Ringen um Seelsorge
Tagen wäre hundert Jahre alt geworden. Es ist schade, dass er nicht mehr lebt. Als alter Mann hat er erzählt, wie er einst in Halle dem Wingolf beigetreten ist, dieser christlichen Studentenverbindung. Dabei hat Otto Michel ins Mikrofon beinahe geweint.
Sie hatten ein Sittlichkeitsprinzip. Ich wollte jedoch kein Sittlichkeitsprinzip haben, sondern Jesus. Verstehen Sie, wir sind heute in der Gefahr, wegen der vielen Unmoral nur noch eine ethische Orientierung zu haben. Uns geht es nicht um ein Sittlichkeitsprinzip, sondern darum, dass der Herr Jesus wohl in meinem Leben sein kann und nicht traurig über mich sein muss.
Welches Register zieht der Apostel Paulus, wenn der Teufel zugeschlagen hat, der große Versucher, wenn jemand von einer Verfehlung ereilt wurde?
Noch einmal zu unserer Pastorenexistenz: Es ist für unsere Ehegefährten unsagbar schwer, unsere Eigenheiten und Defizite hautnah miterleben zu müssen. Und uns doch permanent in Bibelstunden, in der Seelsorge und auf der Kanzel zu hören, der mich Menschen erkauft hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels.
Unsere Ehegefährten können doch rufen: Nein, ich habe es anders erlebt. Das, was uns gestern schon gesagt wurde.
Unsere Kinder müssten sagen, wie es um uns steht. Unsere Ehegefährten müssten das sagen. Pastorennöte — wir müssen doch von der Kanzel hundertprozentig unsere Sache vertreten und wissen doch: Was sind wir armen Menschen vor dir, obwohl wir doch nichts sind.
Ich bin vorher von Bruder Schülze gefragt worden nach dem, was an Familienerbe da ist. Verschleudere ich dieses Erbe, oder gebe ich auch etwas weiter? Oder lebe ich vom Kapital?
Aber wie gesagt: Die Frage ist, welches Register der Apostel Paulus bei den Galatern zieht, dieser liebenswerten Gemeinde, die doch überzeugt war, dass wenn man Jesus gehört hat, es auch Fortschritte geben muss.
Rechtfertigung, Heiligung und das Leben mit Christus
Von einer Herrlichkeit zur anderen müssen wir doch verklärt werden, das steht doch in der Bibel, nicht? Ich will Neues aufwachsen lassen. Es muss doch so weit kommen, dass wir ein Leben führen können, an dem Jesus seine helle Freude hat.
Und genau darum ging es doch den Galatern. In Württemberg gab es eine ähnliche Geschichte einmal, im Freundeskreis unseres Erweckungspredigers Ludwig Hofacker. Dort haben Dr. Christian Gottlob Barth und sein Freund Andreas Osiander gesagt: Rechtfertigung ist der Einstieg, aber dann kommt die Heiligung, damit wir ein jesusgemäßes Leben führen.
Dagegen hat der schon sterbenskranke Ludwig Hofacker Einspruch erhoben. Er sagte: Es mag sein, dass der Herr Jesus in seiner Auferstehungskraft auch dies und jenes Gute in meinem Leben wirkt. Aber angenommen werden in der Ewigkeit möchte ich als ein armer Sünder, der wie jener Schächer am Kreuz vom Erbarmen des Herrn Jesus ins Paradies mitgenommen wird. Das soll mein Halt sein, dass Jesus bis zum letzten Augenblick für mich als Versager da ist.
Also die Frage: Selbst wenn es Heiligung gibt, worauf verlasse ich mich? Paulus ist ja ungeheuer scharf in seiner Argumentation mit den Galatern umgegangen. Er sagte: Ihr habt Christus verloren, wenn ihr so auf die Heiligung, auf ein heiligungsgemäßes Leben pocht. Ihr habt Christus von euch geworfen. Ihr braucht ihn doch gar nicht mehr. Er war eine Schubrakete, die habt ihr als ersten Schub abgestoßen, und nun läuft das Ding.
Und ich möchte jeden Tag mit Jesus leben, so heißt es im Galaterbrief 2,20: Ich lebe, nein, Christus lebt in mir. Merken Sie die Dynamik dieses Engagements: Ich möchte mit Christus leben.
Das Gesetz des Christus als Gesetz der Liebe und Lastenteilung
Es gibt zwei zentrale Worte im Galaterbrief, Galater 3,1, denen Christus als der Gekreuzigte vor Augen gemalt wird. So begann die Missionspredigt in den galatischen Landen. Nun zieht Paulus dieses Bild noch einmal hervor und malt ihnen Jesus vor Augen – als den Lastträger.
Einer trage des andern Last, dann werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Liebe Galater, wenn euch das Gesetz schon so wichtig ist, dann nehmt doch einmal die Gesetzmäßigkeit, unter die Jesus sein Leben gestellt hat.
Er sagt: Ich muss hinauf nach Jerusalem, ich muss den Willen des Vaters erfüllen, ich muss unter armen Menschen dienen, mein Leben hingebend als Erlösung für viele. Jesus hat Gottes- und Nächstenliebe in einem verbunden – in diesem Ich. Er muss um Gottes Willen und um der Menschen willen der Heiland werden.
Nun nimmt der Apostel Paulus eine Redeweise aus Jesaja 53 auf: Gott warf unsere aller Sünde auf ihn. Er trug unsere Last. In Matthäus 8,17 wird das Wirken des Herrn Jesus als Heiler und Seelsorger zusammengefasst. Dort heißt es, es erfülle sich, was geschrieben steht: Er hat unsere Lasten getragen.
Das griechische Wort „bastat“ bedeutet genau das – es ist auch in Römer 15 zu finden: „Wir, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen.“ Wie auch Christus kein Gefallen an sich hatte, ist Ihnen schon aufgefallen, dass dieses „bastat“ – dieses Tragen – vom Apostel Paulus die komprimierte Essenz von Jesaja 53 ist?
Er, der den Galatern Christus als Gekreuzigten vor Augen gemalt hat, malt ihn jetzt noch einmal mit den Farben von Jesaja 53 vor ihre Augen: das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt.
Die theologische Bedeutung des Tragens und der Gemeinschaft mit Christus
Wir sind im Deutschen in der Theologie gewohnt, stark lexikalisch vorzugehen. Wo bleiben Vergleiche und Konkordanzen? Das gesamte Kittelsche Wörterbuch ist im Grunde so aufgebaut und denkt lexikalisch.
Der Hebräer hingegen denkt in Vorgängen. Auch wenn ganz andere Verben verwendet werden, drücken sie oft dasselbe aus. Wenn Kain sagt: „Meine Schuld ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte“, und Jeremia klagt: „Ich muss die Schuld meines Volkes tragen“, wird dem gegenübergestellt, dass Gott das armselige Israel getragen hat wie ein Mann seinen Sohn. Er hat uns getragen auf Adlers Flügeln.
Noch deutlicher wird das in Jesaja 53: Er trägt unsere Last, unsere Sünde, unsere Unvollkommenheit. Sie ist auf ihn geworfen, und er trägt uns mit unseren Lasten.
Im Römerbrief sagt der Apostel Paulus, dass Gott diese sündige Welt in unvorstellbarer Geduld trägt. Ein Ereignis wie der 11. September vor zwei Jahren lässt die ganze Welt fragen: Wie kann Gott das zulassen? Wenn Gott auch nur den kleinsten Finger zurücknehmen würde, könnte viel Schlimmes passieren. Wenn er unsere Welt nicht mehr tragen würde, mit all der Ungerechtigkeit, die darin herrscht, dann wäre das Chaos groß. Doch er trägt sie wie ein Seiltänzer und passt darauf auf, dass keine Erschütterung sie trifft.
Man kann die ganze Bibelstundenreihe über das Tragen unseres Gottes halten. Das entscheidende Wort lautet: „Er trägt mich voll Innigkeit.“ Denken Sie an die Tragetücher, die bei jungen Müttern wieder üblich geworden sind. Das Kind wird auch nach der Geburt ganz nah bei der Mutter getragen, in ihrer Wärme, in ihrer Nähe. Diese Tragetücher beschreiben das gleiche Gefühl, das jene Frau ausdrückte, als sie sagte: „Selig ist der Leib, der dich getragen hat.“
Wenn uns etwas vereint, dann ist es das, dass wir alle einmal von unserer Mutter in großer Geduld und Treue getragen, ernährt, gewärmt und geschützt wurden.
Das Leben in Gemeinschaft mit Christus und die praktische Umsetzung
Paulus sagt nicht nur: Nehmt Jesus als Vorbild. Er sagt auch etwas anderes: Nicht nur habe ich euch Jesus vor Augen gemalt, sondern ich lebe – nein, Christus lebt in mir.
Diese Kraft des Herrn, der mich erkauft hat und sich mit mir verbunden hat, wird hier betont. Ein Ausleger hat es so formuliert: Jesus hat sich mit mir zusammengeschweißt, zusammengekoppelt, er hat an mich angedockt. Ich bin mit ihm verbunden. Trotz meiner Sünde hat er sich meiner angenommen. Es gibt nichts Gewisseres in meinem Leben als meine Unvollkommenheiten. Und Jesus sagt: „Gut, da packe ich an, da bin ich mit dabei.“
Jetzt darf ich mit diesem Jesus verbunden sein. Selbst wenn der Teufel kommt – in Matthäus 12 steht: Wer mit mir sammelt, nicht nur wir mit Jesus, sondern mit ihm sammelt. Am Kreuz sagt Jesus zu dem, der mit ihm gekreuzigt wurde: „Du wirst mit mir im Paradies sein.“
Jesus will, dass seine Leute wirklich wesensmäßig in ihn hineinwachsen. „Ich lebe“, sagt Paulus, „nein, Christus lebt in mir.“ In Philipper 2 heißt es: „Ein jeder unter euch sei so gesinnt, wie es der Gemeinschaft mit Christus Jesus entspricht.“ Es geht nicht nur darum, Jesus als Vorbild zu nehmen, sondern weil wir Gemeinschaft mit ihm haben, soll sein Wesen in uns übergehen.
Man sagt sogar von Eheleuten, dass sie sich im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden. Meine liebe Frau sagt dazu: „Oh, da haben wir noch einen weiten Weg.“ Es gibt sogar Menschen, die behaupten, Hundeliebhaber würden ihrem Hund im Laufe der Zeit immer ähnlicher sehen. Wenn das möglich ist, dann sollte es doch auch möglich sein, dass, wenn wir mit Jesus leben, ein wenig seiner Art auf uns übergeht.
Seelsorge als Dienst der Demut und Sanftmut
Paulus spricht genau davon: Er ermutigt dazu, die Menschen zu ertragen, die einem auf die Nerven gehen und das Image der Gemeinde belasten. Oft sind es Sünden, Entgleisungen und Rechthaberei, gepaart mit viel Dummheit, die dazu führen können, dass Gemeindepastoren Menschenverächter werden. Sie erleben so viele dunkle Momente im Leben.
Jeder solle die Gesinnung haben, wie Jesus Christus sie hatte, so wie es der Gemeinschaft mit Jesus entspricht. Deshalb heißt es: „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk“ (Vers 4). Der griechische Ausdruck „dokimazō“ ist derselbe wie im letzten Kapitel des zweiten Korintherbriefs: „Prüft euch doch selbst, erforscht euch doch selbst, ob ihr im Glauben steht“ (2. Korinther 13,5).
Dabei geht es nicht darum, ob man das Glaubensbekenntnis herunterbeten kann oder die richtige Theologie hat, sondern ob Jesus Christus in einem wirkt. Prüft euch selbst! Paulus möchte euch nicht kontrollieren, sondern fordert euch auf, euch selbst zu prüfen.
Diese Frage führte den jungen August Hermann Francke in tiefste Verzweiflung, bevor Gott ihn daraus befreite: Was wäre in meinem Leben anders, wenn es Jesus nicht gäbe? Vielleicht wäre er kein junger Pfarrer, sondern Lehrer, weil er gern mit Menschen umgeht, oder Wissenschaftler, weil er gerne forscht. Sein Geld würde er nicht anders einteilen, wenn es Jesus nicht gäbe.
Prüft euch selbst: Was ist wirklich? Bin ich nur ein bisschen von Jesus berührt, oder hat Jesus mein Leben so verändert, wie er es selbst möchte? Ein jeder prüfe sein eigenes Werk. Dann wird er seine eigene Last tragen können, aber nicht dauerhaft allein. Er kann die Last auch wieder an Jesus abgeben, der gerne die Lasten für uns trägt.
Leitungsverantwortung und die Herausforderung der Gemeindeleitung heute
Ich habe einst in der Festschrift für unseren jetzigen Bischof, Doktor Gerhard Meyer, als er noch Leiter des Bengelhauses war, einen Beitrag über die Leitungsverantwortung in der christlichen Kirche geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits deutlich, dass er Nachfolger im Amt der Ulmer Prälatur werden würde.
Dabei wurde mir klar: Es ist mindestens in volkskirchlichen Kreisen fast unmöglich geworden, eine kirchenleitende Funktion auszuüben. Alle, die leiten sollten – vom Gemeindepfarrer bis hin zu den vorgesetzten Superintendenten und Professoren – haben heute kaum noch die Vollmacht, ein klares leitendes Wort zu sprechen. Gleichzeitig fehlt bei denjenigen, die sich leiten lassen sollen, die Bereitschaft, sich tatsächlich führen zu lassen.
Es ist eine revolutionäre Tat, wenn man lächelnd sagt: „Diesen Besuch kriege ich auch noch hinter mich.“ Und bis zum nächsten malenden Brief bleibt noch Zeit. Die Bereitschaft, sich seelsorgerlich leiten zu lassen, hat ungemein abgenommen.
Was gibt es für eine Lösung? Nur die Lösung des Apostels Paulus, die Lösung des Herrn Jesus: „Der Größte sei euer Diener, der Kleinste unter euch ist der Meister, der ist der Große.“ Nur Menschen, die Demut gelernt haben, können wirklich anderen helfen und sie zurechtbringen.
Diejenigen, die von Gott oft kurz und klein geschlagen wurden, sind die großen Seelsorger.
Persönliche Erfahrungen und das Vorbild sanfter Seelsorge
In meiner Heimatgemeinde, der ich unheimlich viel verdanke, hatten wir immer drei Pastoren. Einer war der große theologische Lehrer, einer der große Prediger, und in der Mitte war einer, der von Gestalt her klein war. Wie man ihn damals in der Nachkriegszeit nannte, hatten wir schon angefangen mit dem englischen Ausdruck „the little“, also „der Kleine“, nicht? Manche sagten es dann auf Schwäbisch: „the little“.
Er war vom Krieg angeschlagen, mit einer schweren Lungenverletzung. Seine Predigten waren so, dass man mild lächelte, schon als Abiturient. Aber als ich vor ein paar Jahren zu meinem altvertrauten Frisör ging – damals brauchte ich noch einen Frisör – hat Karlheinz gesagt: „Weischer, wer ein richtiger Pfarrer war? Das war der Pfarrer Litlempel. Der hat noch zwanzig Jahre nach der Konfirmation meinen Vornamen gewusst.“
Er war der Seelsorger, der die Menschen der Gemeinde mit Namen kannte, nach dem Vorbild seines Herrn, so wie ich bei meinem Namen genannt werde. Ich wage es kaum zu sagen, und doch möchte ich Ihnen ein Heim geben. Denken Sie mal darüber nach, ob nicht im Augenblick in unseren Christengemeinden ein falsches Leitbild verbreitet wird.
Der Führer, der Visionen hat und seine Kompanien nach Begabungen einteilt – Herr Jesus hat es anders gemeint. Er sagte: „Lieder ist einer, ich, und ich bin euer Diener. Und wer mir nachfolgen will, der soll Diener sein.“ Zurechtbringen kann nur einer, der nicht die Spur von Überheblichkeit hat, der sich herabbeugen kann zu den Niedrigen, der Erbarmen hat mit denen, die ereilt wurden in ihren Paraptormata, in ihren Verfehlungen, die erschrocken sind darüber und vor sich selbst noch nicht wahrhaben wollen.
Sanftmut heißt nicht, wie es eine moderne Übersetzung vorschlägt, „mit Nachsicht“. Denken Sie mal daran, wo Jesus sanftmütig war: bei der Frau am Brunnen von Sychar. Ohne Kritik, aber mit Klarheit. Er hat ihr nicht die Maske vom Gesicht gerissen. Er hat noch dem Judas in der Nacht des Verrats eigentlich eine Brücke gebaut. Ist das nötig? Verrätst du Menschen so mit einem Kuss? Er hätte ja nur sagen müssen: „Oh nein, oh Herr, es ist ein Fehler, ich bin von Mächten mitgerissen worden.“
Wenn Jesus zu Zachäus sagt: „Ich muss in dein Haus einkehren“, wie viel Erbarmen zeigt er mit der großen Sünderin, die zu ihm kommt.
Umgang mit Verfehlungen in der Gemeinde
Wann erfahren wir etwas, wenn ein Fehltritt geschehen ist? Viele Fragen habe ich überhaupt nicht beantwortet. Wir haben ja auch noch Zeit zur Aussprache. Aber wie werden solche Dinge bereinigt?
Wann erfahren wir davon? Wir erfahren doch meist nur durchs Geschwätz, wenn andere Leute sagen: „Haben Sie auch schon gehört, Herr Pastor? Da ist etwas passiert, in der Ehe stimmt es nicht mehr, die Kinder haben beim Lidl geklaut.“ Wie kann ich dann Menschen auf solche Paraptomata ansprechen? Ich habe schon gehört, dass bei Ihnen Not ist. Oder wann spreche ich Menschen auf ihre Verfehlungen an?
Hoffentlich nicht nach der Bibelstunde oder nach dem Gottesdienst, wo unsere Nerven ohnehin blank liegen. Wo wir eigentlich jedem sagen müssten: „Sie dürfen morgen kommen, aber im Augenblick kann ich gerade nicht.“ Da dürft ihr auch mal unsere Schwäche zugeben.
Wie sprechen wir Menschen an, damit nicht ein Sittlichkeitsprinzip herauskommt? Wilhelm Weigle, der große Seelsorger von Essen, sagte zu den jungen Leuten unter Tränen: „Lieber Freund, du hast doch Jesus betrübt, und wir beide wollen doch sehen, dass wir nicht miteinander Jesus weiterhin betrüben.“
Wo kann man uns das anmerken, dass wir mit sanftmütigem Geist, mit dem Geist des Erbarmens zurechthelfen wollen? Der Herr bewahre uns davor, dass wir meinen, wir seien Könner in der Seelsorge. Wir sind Anfänger in der Behandlung bei unserem Herrn Jesus und auch mit 73 Jahren noch Anfänger in der Seelsorge bei den Gemeindegliedern.
Und können wir sagen: „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk und meine bloß nicht, es sei etwas, es ist nichts.“ So dürfen wir Worte des Herrn Jesus auslegen, an denen wir uns ganz neu orientieren können.
Herr, hab Dank für dein Wort und dass du uns bis heute getragen hast. Wir warten nur noch darauf, dass du uns mit unserer Last erst recht und richtig tragen darfst. Amen.