
Freudigkeit
Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.
Ich habe noch vier Gottesdienste auf dieser Kanzel, ehe mein Dienst hier zu Ende ist. Dabei habe ich überlegt, was ich in diesen Gottesdiensten thematisieren könnte. Ich möchte vier ausgewählte Worte aus meinem Lieblingspsalm 34 nehmen.
Dazu lese ich Vers 3: „Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, dass es die Elenden hören und sich freuen.“ Diesen Vers habe ich bereits beim Sängerfest gepredigt. Nun möchte ich gewissermaßen die Fortsetzung dazu geben.
Noch einmal: „Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, dass es die Elenden hören und sich freuen.“ Herr, heilige uns in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Amen.
Die Bedeutung der Freudigkeit im christlichen Leben
Wenn man die Bibel aufmerksam liest – und ich hoffe, dass Sie das tun –, dann streichen Sie wenige Namen christlich aus Ihrem Leben. Christen sind automatisch Menschen, die eigenständig in der Bibel lesen.
Wer die Bibel aufmerksam liest, dem fällt auf, dass die Menschen der Bibel eine Eigenschaft besitzen, die in der Welt einfach unbekannt ist. Diese Eigenschaft kommt als Wort im Sprachschatz der Zeitungen nicht einmal vor. Sie ist so unbekannt, dass sie nur wirklichen Christen eigen ist. Diese Eigenschaft heißt Freudigkeit.
Was ist Freudigkeit? Ich möchte Ihnen einen Zettel geben und sagen: Schreiben Sie mal auf, was Freudigkeit ist. Paresia – das ist ein mittelhochdeutsches Wort und bedeutet eigentlich Freidigkeit. Es heißt Freiheit, ja genau, es hängt mit „frei“ zusammen.
Wir sagen Freudigkeit, und denken dabei an Freude. Man könnte sagen, Sie sind immer freudig – das ist auch ein Teil davon. Aber das allein drückt es noch nicht aus.
Was ist Freudigkeit? Bedeutet das Mut zu haben? Das gehört auch dazu, das ist ein Teil davon. Aber es drückt sich noch nicht richtig aus. Ist es die Fähigkeit, Hoffnung zu sehen, wo andere nur grau in grau sehen? Auch das gehört zur Freudigkeit.
Diese Worte sind schwer zu definieren. Ich war eine Zeit lang versucht, es mit Vitalität zu übersetzen. Das klingt menschlich aber so maßlos langweilig, verstehen Sie? Freudigkeit, so Petrus, nicht einfach nur Freudigkeit, sondern Vitalität gehört auch dazu.
„Ihr werdet hüpfen wie die Mastkälber“, sagt die Bibel am Schluss des Alten Testaments. Das ist Vitalität, von Gott geschenkt. Aber das ist auch noch nicht alles.
Was in aller Welt ist Freudigkeit? Fragen Sie einen Theologen, der gibt Ihnen eine Erklärung. Am Ende sagen Sie: Das ist großartig, aber kapiert habe ich es nicht. Fragen wir lieber die Bibel.
Da ist also diese Szene. Haben Sie zugehört? Ich habe Sie extra gebeten, sich zu setzen, damit Sie es in sich aufnehmen können.
Die Freudigkeit der Apostel vor dem Hohen Rat
Da stehen die beiden Fischer Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat, der Prominenz ihres Volkes, angeklagt. Sie werden beschuldigt, mit der Botschaft von der Auferstehung Unruhe im Volk zu stiften. Wissen Sie, diese Botschaft bringt tatsächlich Unruhe. Dass bei uns die Christenheit keine Unruhe verursacht, liegt nur daran, dass kaum jemand die Auferstehung ernsthaft erwartet, nicht wahr?
Sie bringen also Unruhe ins Volk mit der Botschaft von der Auferstehung Jesu. Nun sind sie also angeklagt. Da sitzen die Männer, streichen ihre Bärte und runzeln die Stirn. Und warum können sie das? Verzeihen Sie, ich kann es nur so ausdrücken: Da schmettert Petrus, dieser Fischer, der in höflichen Formen nicht allzu routiniert ist, der ganzen Prominenz ins Gesicht: „Es ist in keinem anderen Heil für die ganze Welt als in diesem Jesus.“
Und nun kommt das, was mich interessiert. Es heißt: „Sie sahen aber an die Freudigkeit des Petrus und wunderten sich.“ Man müsste meiner Meinung nach logisch weitergehen und sich wundern, dass sie freudig waren, obwohl sie doch Gefangene waren, in einer prekären, in einer fiesen Lage. Ich sage auf Deutsch, so wie es Fremdwörter ausdrücken: Sie waren in einer dummen Lage.
Aber es heißt weiter: „Sie sahen an die Freudigkeit und wunderten sich, weil sie wussten, dass die beiden ungelehrte Leute waren.“ Das heißt: Die Schriftgelehrten und Ältesten Israels kannten den Begriff „Freudigkeit“ noch. Sie hätten aber gesagt, Freudigkeit ist geistige Überlegenheit. Und die kannst du unmöglich bei ungebildeten Fischern finden.
Verstehen Sie, das ist der Zusammenhang: Freudigkeit ist geistige Überlegenheit. Das gehört auch zur Freudigkeit dazu. Und es ist phantastisch, dass diese Fischer geistig überlegen sind.
Ah, meine Freunde, es ist nicht notwendig, dass wir genau definieren können, was Freudigkeit ist oder sagen können, was sie bedeutet. Aber es ist sehr notwendig, dass wir sie haben. Sonst hat der ganze Christenstand keinen dreifachen Wert.
Psalm 34 als Quelle der Freudigkeit
Und wenn ich nun Freudigkeit studieren will, dann muss ich den vierunddreißigsten Psalm lesen. Dieser Psalm ist mir seit meiner Zeit als junger Pfarrer, als ich meine ersten Enttäuschungen erlebte, außerordentlich wichtig geworden – und das durch einen blinden Mann namens Tuxon, der mir, deinem Onkel, gewissermaßen den Weg dazu gezeigt hat.
Das ist der Psalm der Freudigkeit. David hat ihn gedichtet, und zwar 34 Verse lang. Ich möchte ihn als kleines Vermächtnis hinterlassen, denn es gibt einige Dinge, die ich weitergeben möchte, wissen Sie? Seltsamerweise hat David diesen Psalm in der tiefsten Krise seines Lebens geschrieben – als es nicht mehr tiefer gehen konnte, als er wirklich keinen Platz mehr zwischen Himmel und Erde hatte, wo er bleiben konnte. Sie wissen, wo man verzweifelt.
Und gerade da hat er den Psalm der Freudigkeit gedichtet: „Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Meine Seele soll sich rühmen des Herrn.“ Das ist nun kein unvernünftiger Enthusiasmus oder bloßer Trost. Nein, der Herr ist nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens sind. Das ist er – bei den zerbrochenen Herzens – und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Das heißt: Freudigkeit ist in keiner Weise abhängig von den Umständen. Ich kann krank sein, zum Beispiel an Ischias leiden, ich kann Zahnschmerzen haben, ich kann mein Geld verloren haben, ich kann durch eine Prüfung gefallen sein – ich wünsche es Ihnen nicht, aber Freudigkeit hängt nicht von solchen Umständen ab.
Wovon denn dann? Meine Freunde, im Psalm 34 wird ein klein wenig gesagt, von den Quellen, aus denen die Freudigkeit fließt. Das war jetzt eine lange Einleitung, nehmen Sie es mir nicht übel. Ich musste sie für den letzten Sonntag ein wenig ausnützen. Die Quellen, aus denen die Freudigkeit fließt – das ist die Überschrift, nicht wahr?
Die erste Quelle der Freudigkeit: Gewissheit um den Herrn
Drei Punkte
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn. Die erste Quelle, aus der die Freudigkeit fließt, ist die feste Gewissheit um den Herrn. Das feste Wissen um den Herrn – ich will Ihnen das ausführen.
Sehen Sie, für den modernen Menschen – moderne Menschen kann man ja beinahe nicht mehr aussprechen, ohne dass man lächeln muss, nicht? Also, für den „modernen“ Menschen in Anführungsstrichen: Der doofste Mondkalb hält sich heute für einen modernen Menschen, nicht? Für diesen modernen Menschen ist es selbstverständlich, dass alles, was mit Bibel, mit Christentum, mit Religion zusammenhängt, eine unklare und verschwommene Sache ist.
Ist doch klar, ist auch kein Wunder. Ach, sagt der moderne Mensch, Christentum – mich fragte ein Mann, ein Direktor hier von so einem Industriewerk: „Ich habe so viele Vorträge gehört über Christenaufrüstung, Christenwirtschaft, aber was ist denn Christ? Das weiß kein Mensch. Das ist das Verschwommenste, was es gibt.“
Ach, sei der moderne Mensch, schon die vielen Konfessionen, nicht? Gehört zum Christentum Kardinalszüten und Bischofstäbe, Weihrauch und Orgeln? Oder ist das auch noch Christentum, wo bloß ein Posaunenchor sitzt, einmal mit vier Zuchtposaunen, wie ich gehört habe? Die vielen Konfessionen und dann die Unsicherheit der Kirche: Die Kirche, die feierlich erklärt hat, dass sie gegen Aufrüstung sei, und jetzt alles hat – von Pazifisten bis zum Militärbischof. Was denn nun? Ja, was denn nun?
Ach, sagen die Leute, Christentum ist so verworren. Dann die vielen Sekten – nicht Insekten, Sekten, verstehen Sie? Und dann geschieht das Merkwürdige: Viele von Ihnen sagen heute, da das alles verworren ist, mache ich mir ein eigenes Christentum. Und das ist der Gipfel aller Verworrenheit, nicht?
Wissen Sie, das kriege ich als Pfarrer dann dauernd zu hören: „Ich glaube an den Herrgott, aber wie kann er alles zulassen? Also ist er vielleicht doch nicht da. Im Üben bin ich vorzüglich, aber selbstverständlich, Kirche muss sein, Kirchensteuer zahle ich und so.“ Das ist die Höhe aller Verworrenheit, das Christentum, das sich der Mensch dann selber zurechtmacht.
Ich sage es nochmal zusammen: Für die meisten Leute ist das Christentum ein quallartiges, nebelhaftes Gebilde, nicht ganz unnütz für die Erziehung der Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahr, ein Gebilde, dem man sich mit Ehrfurcht fernhält. „Habe ich recht gesprochen, Genossen?“, fragen die Russen.
Und nun, wie anders der David, bitte, wie anders der David! Meine Seele soll sich rühmen des Herrn – da ist nicht die Spur von Nebel, nicht die Spur von Unglauben. Da ist einer, da ist einer, an dem mein Herz vor Freude überquillt. Da ist einer, der aus dem Nebel hervortritt, den ich deutlich sehe: der Herr, der Herr Jesus Christus.
Da ist einer, der mich liebt, der mich kennt und den ich liebe und den ich kenne. Und da ist nichts mehr von Qualhaftigkeit und Nebelhaftigkeit, verstehen Sie? Da ist ein Stufenverhältnis von einer geradezu fantastischen Großartigkeit in Schärfe.
Darf ich zwischendurch sagen: Wundern Sie sich nicht, dass ich sage, David habe den Herrn Jesus Christus gekannt? Wer in der Geschichte zu Hause ist – das sind noch etwa sieben Prozent in Deutschland – der weiß, dass David über tausend Jahre vor dem Kommen Jesu gelebt hat. Wie kann er von Jesus reden? Die Bibel muss durch die Bibel ausgelegt werden.
In der Apostelgeschichte wird erzählt, dass Petrus eine Pfingstpredigt hält, und da sagt er – Apostelgeschichte 2 –, bitte lesen Sie nach –, dass David im Geist Jesus gesehen hat und dass er von der Auferstehung des Gekreuzigten gepredigt, verkündigt, gesungen hat. Das ist für mich maßgebend, nicht?
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn – da ist einer, der Sohn Gottes, der Herr Jesus Christus, da ist völlige Klarheit. Sehen Sie, der Herr Jesus hat einmal ein schönes Wort gesagt, das ist wundervoll: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus, erkennen.“
Da kommt aus dem Nebel einer auf mich zu, mein Herz wird bewegt. Viele von Ihnen kennen ihn noch gar nicht, aber sie werden angezogen. Er tritt immer deutlicher heraus, und nun erkenne ich ihn: mein Herr und mein Gott, Jesus, Sohn Gottes. Das ist das ewige Leben, Jesus zu erkennen.
Und ich sage Ihnen, das ist Freudigkeit. Wenn man aus diesem schrecklichen Gewirr von Religion und Christentum und Kirche und was weiß ich alles herauskommt und den Heiland gefunden hat, da ist keine Verworrenheit mehr.
Die zweite Quelle der Freudigkeit: Konsequenz im Denken
Nun sagen viele: Ja, ja, wir kennen Jesus, sonst wären wir ja nicht hier im Jugendgottesdienst. Ihr kennt Jesus. Da sage ich: Moment mal, wie kennt ihr ihn? Vom Hörensagen?
Ich kenne Kennedy, das ist der Präsident von den USA. Ich weiß genau, was er für eine Rolle hat, und ich weiß, dass er einen Schaukelstuhl liebt und einige Schäden an der Wandscheibe hat und so weiter, nicht? Unsere junge Generation von Politikern wirkt beunruhigend auf die Welt, das wissen wir alles. Aber er kennt meinen Namen nicht, hat nie mit mir gesprochen. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, nicht? Kenne ich ihn oder kenne ich ihn nicht? Ich kenne ihn vom Hörensagen, aber ich weiß bestimmt, dass er da ist. Aber ich kenne ihn nicht.
So kennen die meisten von Ihnen den Herrn Jesus. Sie haben viel von ihm gehört, vielleicht auch über ihn nachgedacht. Aber David ist ihm begegnet. Er ist von Ewigkeit beim Vater und konnte David begegnen. Danke Gott, dass hier Leute sind, die Jesus so kennen.
Ich will Ihnen ganz persönlich sagen: Ich hätte keinen Mut, vor ihm auf so eine Kanzel zu steigen, wenn ich nicht gerade eben noch mit ihm gesprochen hätte und ihn gebeten hätte, jetzt hier zu sein und sich meiner armen Predigt anzunehmen. Die Quelle der Freudigkeit ist ein festes Wissen um den Herrn: Jesus, am Kreuz gestorben, Jesus, auferstanden aus dem Grabe, Sohn Gottes. Ihn wirklich erkannt zu haben – das ist die Quelle der Freudigkeit.
Und dieses Kennen Jesu, das muss ich noch sagen, ist eine merkwürdige Sache. Vor dreißig oder vierzig Jahren habe ich ihn kennengelernt, oder fünfundvierzig. Und auf einmal entdeckte ich, dass ich ihn schlecht kenne. Paulus drückt das so aus: In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit. Ich werde gar nicht mit ihm fertig. Zinsen drückt das so wundervoll aus: Der Glaube ist ein Eigending.
Erst scheint er für Kinder zu gering, weil ich Jesus Schäblein bin. Und dann glaubt ein Mann sich dran und stirbt wohl, er es fassen kann. So ist das mit Jesus kennen. Und dann glaubt ein Mann sich dran und begreift, dass er in eine Welt gestoßen ist, die unendlich ist, nicht? Und stirbt wohl, er es fassen kann.
Wir wollten nach den Quellen der Freudigkeit fragen. Das Erste ist ein gewisses Wissen um diesen Herrn, heraus aus der Nebelhaftigkeit aller religiösen Vorstellungen.
Die dritte Quelle der Freudigkeit: Tiefe Erfahrung mit dem Herrn
Zweiter Punkt, zweite Quelle der Freudigkeit: eine unerbittliche Konsequenz im Denken. Ich möchte es so ausdrücken: eine unerbittliche Konsequenz im Denken.
Ich will den Herrn loben allezeit. Das heißt, keinen anderen mehr loben, so wie Sie auch Jesus loben. Sie haben eben gesungen, das war Herr Bern, er wurde gelobt, nicht wahr? Aber Sie loben auch noch eine ganze Menge anderer Dinge. Verstehen Sie, das ist die Inkonsequenz.
Was loben wir nicht alles? „Meine Seele soll sich rühmen des Herrn.“ Wir haben oft eine verzweifelte Neigung, uns an Politiker zu hängen. „Meine Seele soll sich rühmen“ – etwa Hitler, Adenauer. Müssen wir seine Frau aussprechen hören: Adenauer! „Meine Seele soll sich rühmen“ oder Willy Brandt. Verstehen Sie? Trotz aller Christlichkeit haben wir eine verzweifelte Neigung, uns an irgendeinen Menschen zu rühmen. Oder wir rühmen uns selbst.
Wir haben eine verzweifelte Gabe, uns selbst zu rühmen. Da geht ein junger Mann an einer Spiegelscheibe auf der Straße vorbei. Ich sehe, wie er hineinschaut, und jede Miene sagt: „Sieh, wie hat mein Schöpfer mich so schön geschaffen!“ Meine Seele soll sich ja – nein, nein, so soll meine Seele sich nicht rühmen.
Wir rühmen uns unserer Abenteuer, unserer Geschicklichkeit als Geschäftsleute, unseres Reichtums, unseres Wagens. Ich pflege zu sagen: Ein junger Mann rühmt sich seiner Kraft. Und eine alte Oma, die es nicht mehr kann, rühmt sich einfach ihrer vielen Krankheiten. Jeder hat etwas, worauf er sich rühmt, nicht wahr?
Das Tollste, was mir vorgekommen ist: Jemand erzählte mir neulich, wie unsagbar demütig und bescheiden er sei. Der hat sich seiner Bescheidenheit gerühmt. Stellen Sie sich das vor! Das gibt es, kriegen wir hin!
Jetzt kommt etwas wirklich Wichtiges. „Meine Seele soll sich rühmen des Herrn.“ Wenn Sie den ganzen Psalm lesen, steht als Hintergrund ein Bankrott. Ich kann mich nicht mehr der Menschen rühmen und nicht mehr meiner selbst rühmen.
Der Hintergrund dieses Wortes ist eine abgrundtiefe Verzweiflung. Bitte verstehen Sie: Der Hintergrund dieses Wortes ist eine Hölle. Durch diese Hölle ist der junge Mann geführt worden, der David war. Damals war er ein junger Mann.
Diese Hölle bestand darin, dass der Herr ihm sein eigenes Herz aufdeckte, ihn in sein Licht stellte. Da konnte er nur noch singen. Ich sage es mit den Worten Paul Gerhards: „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd’, da sei er Liebe zu jeder Schändlichkeit.“ Ich sage: In ihrem Herzen ist die Anlage zu jeder Schändlichkeit.
David sah in seinem eigenen Herzen verzweifelte Gottlosigkeit. Er konnte nicht mehr rühmen. David konnte nicht mehr Menschen rühmen.
Als er diesen Psalm gedichtet hatte, hatte er die grauenvollste Ungerechtigkeit vom König Saul erlebt, den er geliebt und dem er gedient hatte. Und dieser König verfolgte ihn listig und gemein. Da zerbrach ihm der Glaube an Menschen.
Und jetzt sage ich: Wer überhaupt ein Mensch ist, dem der Glaube an sich selbst zerbrochen ist und der Glaube an die Menschen zerbrochen ist, der versteht, was für ein Jubelschrei es ist: „Doch Herr, meine Seele soll sich rühmen des Herrn!“ Ich versinke jetzt nicht im Pessimismus. Da ist ein Heiland: Jesus!
Mit einem naiven Lebensoptimismus unserer Tage versteht man die Bibel gar nicht, mit diesem dummen Geschwätz: Man muss an Menschen glauben, ans Gute, an sich selbst, an die Großen, an einen Omnibus. So kommt man der Bibel nicht bei. Man muss die Realität sehen: Wir zerbrechen an uns selbst, wenn wir Gott sehen, und wir zerbrechen an Menschen.
Und dann: „Meine Seele soll sich rühmen des Herrn.“ Da ist einer! Sehen Sie, das ist konsequent im Denken.
Wir sagen: Wir sind Christen. Natürlich sind wir Christen, sonst säßen wir nicht hier. Aber wir sagen: Rühmen? Natürlich rühmen wir auch Jesus, selbstverständlich. Wir sind ja christlich. Wir rühmen uns selbst, rühmen alle möglichen Leute, und unter Politik verstehen wir also Hörigkeit gegenüber irgendeinem Politiker – und Jesus auch, natürlich.
David sagt: „Meine Seele soll sich rühmen des Herrn allein.“ Jesus, das habe ich begriffen. Anders kann man von ihm gar nicht reden, als ihn wirklich in den Mittelpunkt zu stellen oder es sein zu lassen.
David kann etwa so sagen, wenn ich es auslege: Ich habe vor Gott entdeckt, dass mein Leben unrein ist. Aber dieser Jesus, der am Kreuz starb, ist meine Gerechtigkeit. Ich habe vor Gott nichts zu bringen als ihn.
Ich bin ein Versager. Ich bin jetzt überall fertig, wie ein Psalm dichtet. Aber Jesus liebt mich. Ich sitze in der Wüste bei einem Stein, habe nichts mehr, wie ein Psalm dichtet. Aber Jesus kennt mich und liebt mich.
Ich kann Menschen nicht mehr glauben. Sie haben mich grauenvoll enttäuscht. Aber Jesus enttäuscht mich nicht und lehrt mich, diese Menschen zu lieben.
Wissen Sie, wenn jemand anfängt mit Menschenverachtung, dann sage ich: Was bist du denn für eine Type? Jesus lehrt mich, diese Menschen zu lieben, an denen ich zerbrochen bin.
„Meine Seele soll sich rühmen des Herrn.“ Ach, wissen Sie, ich wünsche uns allen diese Konsequenz im Denken unseres christlichen Glaubens.
Habe ich mit Jesus zu tun, fasse ich: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab. Dann soll dieser Sohn mein Herr sein. Dann will ich nicht ruhen, bis ich ihn erkenne als die Offenbarung Gottes, bis ich in die Tiefe seiner Erkenntnis einsteige. Dann soll er mein Leben bestimmen.
Die dritte Quelle der Freudigkeit: Persönliche Erfahrung und Vergebung
Lassen Sie mich zum Schluss noch kurz etwas sagen. Verzeihen Sie, es wird vier Minuten zu lang, aber das liegt einfach an den Alterserscheinungen. Darum gehe ich jetzt, verstehen Sie?
Die Quellen der Freudigkeit – ein gewisses Wissen um den Herrn, nicht mehr eine verborene Religion, sondern eine klare Konsequenz im Denken. An dieser Stelle steht Jesus, dann Jesus allein. Und dann höre ich auf, noch anderes zu rühmen. Er ist die Freude meiner Seele.
Drittens: Freudigkeit kommt aus einer tiefen Erfahrung mit dem Herrn, aus einem Geheimnis mit dem Herrn, aus einem Erlebnis mit ihm. Meine Seele soll sich rühmen des Herrn. Spüren Sie nicht, wie zwischen den Zeilen spricht, dass ich mit diesem Herrn Jesus ein gemeinsames Erlebnis habe, das mich an ihn bindet?
Als ich noch ein junger, unbekehrter Bursche war, hat mich das bei Christen immer wieder fast geärgert: dass so reife, erfahrene Christen ein letztes Geheimnis mit dem lebendigen Herrn hatten, das ich nicht kannte und in das ich nicht eindringen konnte. Der Christenstand hat dieses Geheimnis, diese Erfahrung mit dem Herrn. Hiob drückt es aus: Das Geheimnis des Herrn stand über meiner Hütte.
Ich kann anderen viel bezeugen, worin dieses Geheimnis besteht. Lassen Sie mich an einem Beispiel deutlich machen: Ich bekomme jedes Jahr einmal eine Postkarte oder einen Brief von einem kleinen Nest, weit ab von der Bahn. Ich glaube, da fährt nicht mal ein Omnibus hin. An der Schweizer Grenze, wissen Sie, so hinter Waldshut, wo die Welt aufhört, wo so ein Grenzgebiet ist – Aselfingen. Kein Mensch von Ihnen weiß, wo Aselfingen liegt. Das hat, glaube ich, sogar der Postminister in seinem Buch vergessen.
Und da kommt jedes Jahr ein Brief von einem Mann, der so ein kleines Lädchen hat, wie es in solchen Dörfern üblich ist, wo es alles gibt – nicht nur vom Hering bis zum Peitschen für die Kühe.
Wie kommt das? Im Jahr 1915 waren wir junge Soldaten. Dann schlug eine Granate mitten unter uns ein, friedlich schanzende Leute, die nichts Böses ahnten. Wir waren einen Tag vorher angekommen und hatten keine Ahnung vom Krieg. Das war ein Schock. Die meisten waren tot. Ich sehe noch einen wegrennen, dem war der Unterkiefer weggeschlagen, der so gurgelnd schrie. Und ich fühlte mich heil.
Jetzt wollte ich, der nächste Schuss konnte ja jeden Augenblick kommen, wenn die Batterie hergerichtet war. Wir waren offenbar eingesehen. Ich wollte davon. Da trafen mich die Augen von einem, auch so einem jungen Kerl von achtzehn Jahren, der mir das Bein zerschmetterte. Er sah mich nur an, und ich hatte solche Angst. Ich bin kein Held, aber da bin ich doch hingekrochen. Man war ja eingesehen, offenbar.
Dann kroch er auf meinen Rücken. Ich trug ihn den Bärchen, so auf dem Rücken, überströmt vom Blut dieses jungen Mannes. Und seitdem schreibt er mir jedes Jahr.
Wir sprechen nicht von dem Erlebnis, das ist ja lange her, das ist uns allen entschwunden, aber das hat uns verbunden. Wissen Sie? So darf ich sagen: So ist es zwischen einer gläubigen Seele, zwischen David und dem Herrn Jesus. Also sage ich: Zwischen mir und Jesus, zwischen Jesus und mir.
Ich lernte eines Tages das Feuer des Gerichts Gottes kennen. Kennen Sie das nicht? Die Angst, dass man in die Hölle kommen kann? Kennen Sie das nicht? Sind Sie so blind? Wissen Sie etwas vom Zorn Gottes über unsere Sünden, über unsere Selbstsucht, über unseren Egoismus, über unser widerliches Wesen?
Auf einmal war das Feuer des Gerichts Gottes auf mir. Und dann kam Jesus und trug mich heraus. Er trug mich für Zeit und Ewigkeit aus dem Feuer des Gerichts Gottes. Er hat am Kreuz meine Schuld weggetragen.
In den Worten der Bibel heißt es so schön, dass es in keinem Literaturbuch sonst stehen könnte: Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. Je älter ich werde, desto schöner kommt mir dieses Wort vor, nicht nur ästhetisch, sondern einfach inhaltlich, so dass einem schwindelig werden könnte.
Die Strafe liegt auf ihm. Da stehen wir vor dem gekreuzigten Heiland mit der Dornenkrone, auf dass wir Frieden hätten. Er hat mich in Frieden getragen.
Das ist die Quelle der Freudigkeit: Vergebung der Sünden durch Jesu Blut. Vergebung der Sünden durch Jesu Blut.
Wurschteln Sie nicht weiter, sondern ruhen Sie nicht, bis Sie das Feuer des Gerichts Gottes kennenlernen, aber dann Vergebung der Sünden durch das Blut des Lammes, das am Kreuz stirbt. Das gibt Freudigkeit.
Ich schließe mit einem Freudigkeitsvers von Paul Gerhardt, der auf den gekreuzigten Herrn Jesus zeigt: Der, der ausgelöscht hat, was mit sich führt den Tod, der ist der, der mich rein wäscht, macht Schnee weiß, was Blut rot.
Jetzt kommt’s: Ihm darf ich mich freuen, habe einen Heldenmut, darf kein Gericht scheuen, wie sonst ein Sünder tut.
Lassen Sie uns beten: Ach, Herr, hilf uns doch, aus den Worten, aus den Gedanken, aus den Nichtigkeiten, aus dem Geschwätz in die Realitäten, in die Wirklichkeit Deines Gerichts und Deiner Gnade und Deiner gnädigen Gegenwart zu kommen. Amen.