
Abschluss der Predigtreihe und Bedeutung der Einanderstellen
Wir kommen heute Morgen an das Ende unserer Predigtreihe über die Einanderstellen im Neuen Testament. Diese Einanderstellen sollen deutlich machen, dass es in einer neutestamentlichen Gemeinde normal ist, seelsorgerlich miteinander zu sprechen.
Begleitende Seelsorge ist ein Auftrag, den wir alle haben – nicht nur einige wenige. Die komplexen Seelsorgefragen werden dann in der beratenden Seelsorge besprochen, so haben wir das genannt. Ihr erinnert euch noch an die Grafik, die ich hier vorne hatte.
Wenn begleitende Seelsorge in einer Gemeinde gelebt wird, dann sind manche Fragen vielleicht gar nicht so komplex. Hier gilt: Vorbeugen ist besser als heilen. Ich brauche vielleicht gar keine beratende Seelsorge, weil ich in der begleitenden Seelsorge die Ermutigung erlebe, die ich dringend brauche.
Deshalb komme ich vielleicht gar nicht erst in eine depressive Phase. Oder das Gespräch mit anderen Christen hilft mir, Jesus wieder neu in den Fokus zu bekommen und eben nicht ständig auf meine Probleme zu starren.
Herausforderungen im Umgang miteinander in der Gemeinde
Der Umgang mit anderen Christen in der Gemeinde ist nicht immer nur hilfreich. Manchmal sind die anderen auch eine Herausforderung für mich, und ich für die anderen.
Diese alltägliche Situation spricht Paulus heute Morgen in den Versen an, die ihr jetzt schon hinter mir eingeblendet seht: Römer 15,5-7. Ich möchte diese Verse zunächst lesen. Paulus sagt dort:
„Der Gott des Ausharrens und der Ermunterung gebe euch, gleichgesinnt zu sein untereinander in Christus Jesus, damit ihr einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht. Deshalb nehmt einander auf, wie auch Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit.“
Überschrieben ist der Abschnitt mit dem letzten Vers, den ich gerade gelesen habe: „Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat.“
„Nehmt einander an“ ist die zentrale Botschaft dieses Textes. So formulieren es fast alle Übersetzungen. Nur die revidierte Elberfelder schert hier mal wieder aus und übersetzt: „Nehmt einander auf.“
Ich habe mir das Wort genauer angeschaut. Man kann es tatsächlich so übersetzen: „Nehmt einander auf.“ Aber im Grunde genommen geht die Übersetzung, die ihr hinter mir seht, schon einen Schritt weiter.
Denn wenn ich jemanden aufnehme, dann muss ich ihn vorher angenommen haben. Wenn ich jemandem anbiete, „Du kannst bei mir wohnen“ oder zu ihm sage, „Du kannst zum Essen zu mir kommen“, dann drückt das schon meine innere positive Haltung ihm gegenüber aus. Das heißt, ich muss ihn angenommen haben.
Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung der Annahme
Theoretisch ist das klar. Als Christen verstehen wir uns, wir haben uns alle lieb, wir haben denselben Herrn und dasselbe Ziel – zumindest in der Theorie.
In der Praxis fällt es manchmal jedoch schwer, mit Menschen auszukommen, die genauso zur Familie Gottes gehören wie ich. Wenn Paulus in diesen Versen schreibt: „Nehmt einander an“, dann sagt er damit zwischen den Zeilen auch, dass die Christen in Rom Stress miteinander hatten. Wer diese Verse im Zusammenhang liest, entdeckt schnell, warum sie Stress hatten und was die Ursachen dafür waren.
In Vers 1 begegnen wir den Schwachen, so werden sie dort genannt. Doch diese Schwachen sind in Römer 14,3 immerhin so stark, dass sie jeden richten, der das Christsein nicht genau so lebt, wie sie es vorgeben. Hier haben wir es also mit Persönlichkeitsproblemen zu tun.
Wenn wir zu Vers 8 springen – der nicht mehr zum Text gehört, den wir gelesen haben, aber den man in der Bibel nachschlagen kann – versucht Paulus den römischen Christen klarzumachen, dass die Judenchristen genauso Christen sind wie sie selbst, also weder besser noch schlechter.
Ich vermute, hier ging es um kulturelle Probleme. Es fiel den Christen der ersten Stunde also auch nicht leicht, miteinander klarzukommen.
Ich glaube, wir können die Probleme, die sie damals hatten, sehr gut in unserem Alltag nachempfinden. Oft ist es die Persönlichkeit des anderen, die meinen Blutdruck richtig in Wallung bringt. Dann fällt es mir schwer, ihn so anzunehmen, wie er ist.
Persönlichkeitsunterschiede als Ursache von Spannungen
Der Klassiker ist natürlich, dass der andere ein anderes Temperament hat als ich. Da müssen Choleriker und Phlegmatiker zusammenarbeiten. Sie müssen miteinander klarkommen. Für den Choleriker gibt es immer eine Schnellstraße, um das Problem zu lösen. Und wenn dabei jemand überfahren wird, ist das egal. Der Phlegmatiker sagt dagegen: „Man beachte die Ampeln.“ Und wenn da keine stehen, werden welche aufgestellt, damit man ja nicht zu schnell durchs Leben geht. Das will alles gut überlegt sein.
Bei solchen Unterschieden im Temperament ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zwischen den beiden knallt, wenn sie nicht gelernt haben, einander anzunehmen. Aber es gibt ja noch andere denkbare Unterschiede.
Da arbeiten zum Beispiel der Ordnungsliebende und der Freiheitsliebende in einem Dienstbereich in der Gemeinde zusammen. Der eine sagt: „Also das Material, das wir hier haben, das müssen wir am besten systematisch sortieren, mit Farben, sehr gut. Ja, also, dass ich gleich Signalfarben habe. Und siehst du hier, ich greife danach und zack, ich habe, was ich suche.“ Der Freiheitsliebende kann darüber nur den Kopf schütteln. „Warum soll ich eigentlich meine Zeit mit Sortieren vergeuden? Ich finde auch so, was ich suche. Es dauert nur etwas länger, aber wenn ich die Zeit des Sortierens mit einrechne, dann bin ich mindestens genauso schnell.“
Es kann eine stressige Zusammenarbeit werden zwischen diesen beiden Persönlichkeiten. Nehmt einander an!
Dann gibt es den Detailverliebten und den Generalisten. Wenn die beide einen Flyer zusammen erstellen, wird das spannend. Der Generalist setzt sich richtig ein. Er investiert zwei Stunden, um das Bild zu suchen, das gerade zu diesem Thema passt. Super, ich habe das Bild! Bis der Detailverliebte es sieht. Dem fällt auf: „Die Fingernägel der Frau sind ja gar nicht geschnitten auf dem Bild, und die Anzugshose des Mannes ist unten umgeschlagen. Das trägt man heute nicht mehr so.“ Solche Kommentare können einen auf die Palme bringen.
Und dann gibt es den Veränderungsbefürworter. Alle zwei Monate werden in der Wohnung die Möbel umgestellt. Das Lebensmotto lautet: Beständig ist nur der Wandel. Die meisten Menschen sind aber Veränderungsverhinderer oder Gewohnheitstiere. Ich habe von Leuten gehört, die sagen immer noch, die Sachen liegen im blauen Schrank, obwohl der Schrank schon jahrelang grün angestrichen ist.
Nagelt mich jetzt sicher nicht auf die Farben fest, aber was mal blau war, das bleibt in der Sprache blau, auch wenn es mittlerweile grün ist.
Zu welcher Gruppe du gehörst, wirst du feststellen, wenn du in die Gemeinde kommst. Und da, wo du immer sitzt, sitzt eine ganze Gästegruppe, sodass du nicht mal den Stuhl nebenan wählen kannst – kein Platz für dich frei. Eine grausame Vorstellung, oder?
Vermischung von Persönlichkeits- und geistlichen Kriterien
Im Römerbrief werden Persönlichkeitsunterschiede thematisiert, die zudem mit geistlichen Kriterien vermischt werden. Das ist sehr naheliegend. Für uns kann das bedeuten, dass die einen einen Glaubensabfall sehen, wenn jemand ein Liederbuch, das sich über zwanzig Jahre bewährt hat, austauschen möchte. Stattdessen kaufen sie ein anderes Liederbuch, das zwar auch gute Lieder enthält, aber keine Veränderung zulässt.
Die Befürworter von Veränderungen hingegen würden alle drei bis vier Jahre ein neues Liederbuch bevorzugen. Dabei kommt es nicht selten zu Streitigkeiten. Die Gruppe mit dem blauen Liederbuch verurteilt die Gruppe mit dem gelben Liederbuch. Die Blauen unterstellen den Gelben, dass sie nur ein gelbes Liederbuch wollen, weil sie nicht mehr konsequent Jesus nachfolgen möchten.
Die Gelben kontern darauf mit dem Vorwurf, die Blauen wollten nur blockieren. Sie sagen, sie hätten noch keine vernünftigen Argumente gehört.
Nehmt einander an! Das ist gerade dann sehr wichtig, wenn es um Fragen geht, die große Konflikte auslösen können. In solchen Situationen ist es wichtig, dem anderen Respekt entgegenzubringen, selbst wenn man eine andere Meinung hat.
Ich muss mich immer bemühen, den anderen zu verstehen. Das bedeutet nicht, dass ich unterschreibe, was er denkt, aber ich muss verstanden haben, was er meint.
In der Gemeinde fällt es mir manchmal schwer, einander verstehen zu wollen, weil ich ja eine so fest gefasste Meinung habe. Diese scheint mir natürlich genauso richtig zu sein, wie die Einstellung des anderen falsch ist.
Oft denke ich: Wir brauchen sowieso nicht zu reden, denn ich habe sowieso Recht, also warum Zeit verschwenden? Wenn ich so denke und handle, dann lebe ich nicht das, wovon Paulus hier spricht: Nehmt einander an!
Missverständnisse und Vorurteile in der Gemeinde
Aber es ist nicht nur die Persönlichkeit des Anderen oder seine Einstellung, die mich aufregt. Sehr oft fühle ich mich in der Gemeinde auch missverstanden, weil man meint, meine Situation beurteilen zu können, ohne wirklich zu wissen, wie sie tatsächlich ist.
Ein Klassiker ist zum Beispiel, dass Verheiratete schnell sagen: „Das sollen die Singles machen, die haben ja Zeit.“ Dazu kann man nur sagen: Ein schlechtes Gedächtnis vergoldet die Vergangenheit. Als Single arbeite ich ganz normal, ich erledige meinen Haushalt, muss kochen und mir extra Zeit für Freunde einplanen – und so weiter. Warum also sollte ich mehr Zeit haben? Das stimmt einfach nicht.
Wenn jemand das behauptet, kann er damit jemanden ziemlich verletzen. Es fällt dann schwer, diese Person anzunehmen. Aber auch hier hilft ein Vers von Paulus weiter. Er sagt nicht: Nimm den anderen nur an, wenn er nett und freundlich zu dir ist. Da gibt es einfach einen Punkt, an dem steht: Nimm den anderen an.
Dann gibt es noch so den Konflikt zwischen Chef und Angestelltem. Auch das kann ein Spannungsfeld sein, das bis in die Gemeinde hineinreicht. Als Angestellter sage ich oft: „Ja, ja, den Chefs geht es immer gut.“ Aber ich habe keine Ahnung von der Verantwortung, die sie tragen. Ich weiß nicht, wie viele schlaflose Nächte sie kosten. Stattdessen urteile ich sehr pauschal, anstatt den anderen erst einmal verstehen zu wollen.
Das ist der erste Schritt, um ihn anzunehmen. Nehmt einander an, dazu fordert Paulus uns auf – egal wie verschieden der andere ist und egal in welchen gesellschaftlichen Rollen er steckt.
Die Herausforderung der inneren Haltung
Es fällt uns schwer, den anderen so anzunehmen, wie er ist, weil wir allzu schnell unserer inneren Prägung nachgeben. Ich schaue auf den anderen herab.
Diese Einstellung ist tief in uns verwurzelt. Wir haben gewissermaßen das Verlangen, besser, größer oder schöner als der andere zu sein – oder, wenn es ausgeprägter ist, sogar sein zu müssen. Deshalb beurteilen wir andere oft nach dem, was wir selbst können. Das wird zum Maßstab, an dem sich alle zu orientieren haben.
Vielleicht bin ich handwerklich begabt. Ich nehme etwas in die Hand, und dann steht da etwas. Die Leute, die im Büro sitzen, erscheinen mir dagegen weniger wichtig. Sie müssen sich halt mitfinanzieren, weil sie meinen Lohn ausrechnen und so weiter. Das habe ich gar nicht im Blick. Sie tun ja eigentlich nichts, aber sie sitzen halt da – so ist das in unserer Gesellschaft.
Wenn ich mich mit der Computerwelt auskenne, und dann kommen Leute, die nicht einmal die einfachsten Programme bedienen können, dann denke ich: „Hey, die kommen aus dem Mittelalter!“ Das ist wieder so ein Maßstab. Das muss man auf jeden Fall können. Es gibt sogar Leute, die haben gar kein Handy – das gibt es ja gar nicht.
Ich mache mich selbst zum Maßstab. Ich erinnere mich noch gut: Vor mir stand ein ungefähr Zwölfjähriger, der kopfschüttelnd war. Ich war Ende zwanzig. Er hatte mich gerade gefragt, mit welcher Patrone, mit welchem Kaliber man einen Biber erschießt. Er war ein Indianer. Ich konnte ihm die Frage nicht beantworten.
Er schaute mich irgendwie mitleidig an. Was weiß dieser Mann, wenn er eine so einfache Frage, die ich ihm stelle, nicht beantworten kann? Der Maßstab ist ganz anders, was ich wissen muss.
Das zeigt die Denkweise: Was ich weiß, das ist wichtig. Dieses Wissen kann ein Bollwerk sein, das es mir schwer macht, den anderen anzunehmen. Solche falschen Denkweisen lassen mich eher auf den anderen herabschauen.
Kulturelle Unterschiede als Herausforderung
Wir sind verschieden. So leitet Paulus diesen Abschnitt ab Vers 1 ein. Ab Vers 8 wird es besonders spannend, denn hier geht es um Kultur. Es waren Juden und Griechen.
Ich bin überzeugt, dass, wenn sich Juden für Jesus entscheiden und hier 15 Juden mit diesem kulturellen Hintergrund bei uns wären, das uns sehr beschäftigen würde. Das kann ich euch sagen.
Übertragen wir das auf Kulturen: Kultur ist eine Strategie zur Daseinsbewältigung. Das bedeutet, sie betrifft mein gesamtes Leben und mein gesamtes Denken. Kulturen sind sehr verschieden, und kulturelle Unterschiede werden bleiben. Ich muss lernen, damit umzugehen. Dabei darf ich meine eigene Kultur nicht als das Nonplusultra ansehen. Andere Menschen ticken anders – nicht schlechter und nicht besser, sondern einfach anders.
Bei den Amerikanern ist es zum Beispiel so, dass, wenn du in deutscher Manier einen Tadel aussprichst, das sie sehr tief verletzt. Schon allein die Frage: „Warum machst du das so?“ wird als massive Kritik empfunden. Das ist eine andere Kultur.
Wir Deutschen haben ohnehin den Ruf, die Kultur der Oberlehrer zu haben. Uns wird nachgesagt, dass wir alles immer kontrollieren und argumentieren müssen. Den anderen anzunehmen bedeutet, seine Kultur als gleichwertig anzusehen. Ich bin mir bewusst, dass manches in meinem Leben kulturelle Prägung ist. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Manches ist auch gemeindliche Prägung. Und das ist gut so – so bin ich geprägt.
Aber man kann Dinge auch anders machen. Diese Überzeugung ist enorm wichtig, wenn ich den anderen annehmen will.
Familienkulturen als besondere Herausforderung
Eine ganz spezielle Kultur sind Familienkulturen, die können ganz schön stressen. In der einen Familie denkt jeder für sich selbst über das Problem nach. Danach wird die Lösung präsentiert, die man auch verteidigen kann, weil sie gut durchdacht ist.
In der anderen Familie bespricht man das Problem von Anfang an gemeinsam. Dabei versucht man, zusammen eine Lösung zu finden. Das Prinzip lautet: „Interessiert mich doch nicht, was ich vor zehn Minuten gedacht habe. Hey, wir sind gedanklich jetzt schon weiter!“
Stell dir vor, ein Mann und eine Frau aus diesen beiden Familien heiraten und bringen ihre jeweilige Kultur natürlich mit in die Ehe. Sie sehen die durchdachte Lösung des anderen als einen ersten Ansatz, über den man diskutieren kann. Wow, das wird spannend!
Man kann es auch umdrehen: „Ich kann nicht damit umgehen, dass der andere still über Fragen nachdenkt, ohne sie zu besprechen.“ Wir sind so verschieden. Wie gehen wir damit um? Wie gelingt uns das in unserem Alltag?
Gottes Vorbild für Annahme und Geduld
Und damit komme ich zu dem zweiten sehr entscheidenden Punkt: Paulus sagt hier, wie Christus euch angenommen hat. Die ersten Worte unseres Textes zeigen, dass es ein Weg ist, bis ich in diese Haltung hineinkomme. Ja, ich will den anderen so annehmen, wie Christus mich angenommen hat.
Ich glaube, dass es nicht zufällig ist, dass hier Gott als ein Gott des Ausharrens und der Ermunterung vorgestellt wird. Dieser Gott muss es mir schenken, dass ich den anderen wirklich annehmen will, so wie der andere ist und nicht so, wie ich ihn gern hätte.
Wenn ich mich damit beschäftige, Gottes Willen zu einer ganz bestimmten Frage zu entdecken, dann gibt es sicher viele Hilfen. Aber ich finde drei Hilfen sehr entscheidend.
Einmal suche ich zuerst nach einer Anweisung. Zum Beispiel: Soll ich gastfreundlich sein oder nicht? Dann entdecke ich in Römer 12,13: „Trachtet danach, gastfreundlich zu sein.“ Alles klar, ich weiß Bescheid. Erna, lad die Leute ein.
Aber nicht alles steht so explizit in der Bibel. Also mache ich mich auf die Suche nach Prinzipien. Darf ein Christ Geld für sich besitzen, oder soll er lieber in einer Gütergemeinschaft leben? Im dritten Mosebuch entdecke ich dann, dass Gott Privateigentum schützt. Auch im Neuen Testament gibt es in vielen Gemeinden Privateigentum.
Also lerne ich aus diesem Prinzip: Gütergemeinschaft ist eine Option, die heute noch gelebt wird. Ich glaube, in mancher Schwesternschaft lebt man das zum Beispiel. Aber obligatorisch ist Gütergemeinschaft nicht. Ich kann das so machen, aber ich muss das nicht so machen.
Und wenn ich keine Anweisung habe und kein Prinzip entdecken kann, dann hilft mir sehr oft die Frage weiter: Wie ist Gott? Um diese Frage geht es in unserem Text, weil Gott ein Gott des Ausharrens ist. Das heißt, er ist geduldig. Und weil er ein Mutmacher ist, will ich auch so sein.
Diese Eigenschaften brauche ich unbedingt, wenn es darum geht, den anderen anzunehmen. Um den anderen anzunehmen, brauche ich Geduld. Und der andere braucht auch Geduld mit mir.
Ich brauche Gottes Ausharren nicht, damit der andere so wird wie ich. Ich brauche Gottes Ausharren, damit wir einen Weg finden, gut miteinander umzugehen.
Und wenn es mir schwerfällt, den anderen anzunehmen, dann ist es Gott selbst, der mir Mut macht, den Kopf nicht hängen zu lassen. Sondern es als Herausforderung zu sehen, den anderen anzunehmen, auch wenn er so anders ist als ich.
Jesus als Vorbild der Annahme und Demut
Was hilft mir dabei? Das, was mir immer hilft, ist der Blick auf Jesus. Das ist die zweite, zentrale Aussage in unserem Text: Wie Christus euch angenommen hat.
Ich glaube, dass ich viel zu oft mit meinem Blick hängen bleibe bei dem Gedanken, dass der andere eben anders ist als ich. Hör auf, auf das Problem zu starren, und beschäftige dich stattdessen mit der Frage: Wie ist Jesus? Er hat mich aufgenommen. Er hat mich angenommen, ohne Wenn und Aber.
In Epheser 2,19 steht: „Du bist nicht mehr Fremder oder Nichtbürger, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse.“ Das macht deutlich, dass der Herr Jesus mich zu einer tiefen Gemeinschaft mit ihm eingeladen hat – so wie ich bin, nicht wie ich sein muss. Nur meine Schuld musste ich ihm geben. Dazu musste ich sagen: Herr Jesus, ich bin ein Sünder. Ich habe die Trennung von dir in Ewigkeit verdient. Es gibt nichts, was meine Sünde auslöscht, außer deinem Blut, das du für mich gegeben hast.
Und ich bin der Grund – so haben es auch manche Lieder ausgedrückt – dass du am Kreuz für mich starbst. Aber du lädst mich ein, im Gebet zu dir zu kommen, dir meine Sünde auch namentlich zu bringen und dich um Vergebung zu bitten. Wenn ich so aus Überzeugung mit Gott spreche, dann passiert das Unglaubliche: Gott vergibt mir meine Schuld, und ich bekomme eine Beziehung zu ihm.
So hat Jesus mich aufgenommen – ich bin sein Kind. Aber der andere ist es auch. Und genauso, wie der Herr Jesus mich liebt, so ist der andere auch Gottes große Liebe. Ich werde mit dem anderen die Ewigkeit bei Gott verbringen. Warum mache ich mir das Leben auf der Erde mit ihm so schwer? Sage doch bewusst Danke dafür, was Gott in dem anderen und durch den anderen tut. Mach dir bewusst: Jesus ist auch für den anderen ans Kreuz gegangen.
Vielleicht fällt es mir so schwer, den anderen anzunehmen oder aufzunehmen, weil ich gedanklich ständig um mich selbst kreise und nicht auf Jesus schaue. Wenn ich aber auf Jesus schaue, sehe ich vor allem den Sohn Gottes, der mir in Philipper 2 die Einstellung vorlebt: „Achtet den anderen höher als euch selbst.“ Das ist so anders als mein Betriebssystem, das mir sagt: Schau auf den anderen herab, such dir einen Punkt, an dem du dich über den anderen stellen kannst.
Die Aussage des Herrn Jesus kann ich praktisch leben, indem ich im Leben des anderen nach Fähigkeiten oder Einstellungen suche, bei denen der andere für mich ein Vorbild ist oder Dinge besser kann. Indem ich genau hinschaue und entdecke, wo ich den anderen jetzt loben kann – und es dann auch tue.
Die Ansage „Achtet den anderen höher als euch selbst“ kann ich leben, indem ich Gott darum bitte und sage: Vater, hilf mir, dass ich mich darüber freuen kann, dass der andere Dinge besser kann als ich. Das könnte ein mutiges Gebet sein: Dass der andere Dinge besser kann als ich, das finde ich gut.
Wenn ich den Herrn Jesus sehe, dann sehe ich, was Demut heißt. Demut heißt, Gottes Platzanweisung zu verstehen und zu leben. Jesus hat gesagt: „Ich bin demütig, lernt von mir.“
Dass ich den anderen nicht annehmen kann, hat viel mit meiner Arroganz zu tun, weil ich denke, ich bin besser als die anderen. Aber Berge treffen sich nicht am Hochmutsgipfel, sie begegnen sich im Demutstal. Dort, wo ich meine Grenzen und Schwächen kenne und zu ihnen stehe, ist tiefe Gemeinschaft möglich – auch wenn wir so verschieden sind.
Dort wird es möglich, einander von Herzen anzunehmen.
Ergänzung und Förderung in der Gemeinde
Ich muss doch nicht immer der Beste sein. Paulus zeigt in Römer 12, vor allem auch in 1. Korinther 12, dass die anderen Christen nicht meine Konkurrenz sind, sondern mich ergänzen.
Wenn ich mit der Einstellung des Königs Saul unterwegs bin, dann kann ich die anderen nicht annehmen. Wenn ihr euch 1. Samuel 18 durchlest, werdet ihr entdecken, dass Saul David nicht neben sich stehen lassen konnte. Ob ich so wie Saul unterwegs bin, erkenne ich daran: Ich kann in meinem Team oder meiner Dienstgruppe niemanden neben mir stehen lassen, der besser ist als ich. Ich fördere auch niemanden in seinem Potenzial, damit er besser werden könnte als ich. Wo kommen wir denn dahin?
Vielleicht kommen wir genau dahin, wo Gott mich hin haben möchte. Schade, denn mit dieser Einstellung bin ich der Drehzahlbegrenzer des ganzen Teams. Das Team kommt nicht weiter. Meine Fähigkeiten setzen die Grenze – und ich will nicht, dass irgendjemand darüber hinauskommt.
Es würde dem Team helfen, wenn ich mich auf Dinge konzentriere, die ich gut kann, und andere Aufgaben, die ich nicht so gut kann, an Leute abgebe, die es besser können als ich. Wenn ich meinen Auftrag sogar darin sehen würde, andere zu fördern, damit sie Dinge besser können – das ist gelebte Demut.
Ich kenne meine Platzanweisung, die Gott mir gegeben hat, und ich lebe diese Platzanweisung. Gleichzeitig fördere ich andere, ihre Platzanweisung zu leben. So hat es Jonathan, der Sohn Sauls, gemacht. Er hat Davids Qualitäten gesehen, und es war ihm wichtig, dass David schließlich König wird.
Sein Vater hat ihn immer wieder gewarnt: „Jonathan, es kostet dich deinen Thron, wenn du David hochkommen lässt. Lass diesen Mann nicht hochkommen.“ Jonathan hatte eine andere Sicht.
Wenn ich den anderen annehmen will, ist es wichtig, ihn als geliebtes Kind des himmlischen Vaters zu sehen und zu verstehen, dass Gott ihn mit seinen Gaben als meine Ergänzung an meine Seite gestellt hat.
Wenn wir unsere beiden Freunde von vorhin, den Detailverliebten und den Generalisten, gemeinsam auf einer Hochzeit wieder treffen würden, dann weiß der Detailverliebte garantiert, welcher Tischschmuck verwendet wurde. Wenn der Generalist bemerkt hat, dass die Braut ein weißes Kleid anhatte, war er schon sehr aufmerksam. Aber frag ihn bitte nicht, was der Tischschmuck war.
Hier merkt man: Die beiden ergänzen sich. Ist es nicht toll, dass sie sich ergänzen können?
Ich persönlich freue mich auch über das Treffen aller Dienstbereiche. Da sitzen Geschwister, die gewisse Dinge einfach besser können als ich. Und ich glaube, sie können Dinge auch besser als andere Vollzeitkräfte hier im Haus.
Nicht super? Gott stellt uns zusammen, um uns gegenseitig zu ergänzen. So hat Gott sich das gedacht. Er hat uns so zusammengestellt, dass wir nicht gegeneinander, sondern miteinander auf ein großes Ziel hinarbeiten. Paulus nennt dieses Ziel die Herrlichkeit Gottes.
Das heißt: Gott offenbart sich in seiner Macht durch mein Leben, wenn ich den anderen so annehme, wie er ist. Dadurch wird Gott groß gemacht, dadurch bekommt er Ehre. Das ist so entscheidend.
Willst du Gott ehren? Dann nimm den anderen an – das ist die Quintessenz dieser Verse. Der andere ist meine Ergänzung, mein Ohr, mein Auge, meine Hand.
Hör auf, den anderen erziehen zu wollen. Den Erziehungsauftrag habe ich für meine leiblichen Kinder oder, wenn du Lehrerin oder Erzieherin bist, für die Kinder, die dir anvertraut sind.
Wenn ich das aus den Augen verliere und keinen Erziehungsauftrag für den anderen habe, kommen Gebete wie: „Vater im Himmel, mach dem Hans doch klar, dass er feinfühliger mit den Leuten in seinem Umfeld umgehen soll, und stell ihm doch jetzt endlich mal jemanden in den Weg, der ihm was auf den Deckel gibt.“
Ich glaube, dass Gott auf solche Gebete antwortet und sagt: „Thomas, lass das mal meine Sorge sein, wie ich das mache. Du bist nicht der Erzieher meiner Gotteskinder – das bin immer noch ich. Du darfst zu ihm beten, dass mein Bild in seinem Leben sichtbarer wird. Aber die Erziehungsmethode ist meine Verantwortung und nicht deine.“
Meine Verantwortung ist, mich von Gott erziehen zu lassen. Das Vorbild dafür ist der Herr Jesus. Das meint Paulus, wenn er in Vers 5 sagt: „Christus gemäß soll es sein.“
So lese ich es auch in Römer 8, Vers 29: Ich soll dem Vorbild des Herrn Jesus ähnlich werden. Das kann ich nicht selbst. Aber der Herr Jesus lebt sein Leben in meinen Schuhen – und das ist die faszinierende Nachricht, die mir Hoffnung gibt.
Es ist kein leerer Spruch, den Jesus in Johannes 14, Vers 12 sagt: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke tun, die ich tue.“
Weil er selbst in mir sein Leben lebt. Das geht nur, weil der Vater damals durch das Leben des Herrn Jesus gehandelt hat. So will der Herr Jesus auch durch mein Leben handeln.
Eine offensichtliche Auswirkung ist: Ich werde andere annehmen und aufnehmen.
Ich wünsche uns, dass wir gemeinsam dahin unterwegs sind, Jesus ähnlicher zu werden. Dass wir uns darüber freuen können, dass der andere von Gott begabt ist, seinen Platz auszufüllen, und ich meinen Platz ausfülle.
Gemeinsam leben wir so Basisseelsorge, über die Gott sich freut – weil wir uns gegenseitig annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Amen.