Es ist genug

Elia am Ende
Konrad Eißler
0:00:00
0:22:07

Der, der am Ende war, erlebte den, der immer erst am Anfang ist, nämlich Gott mit seiner Fürsorge, mit seiner Seelsorge und mit seiner Vorsorge. - Predigt - nicht nur für Erschöpfte - aus der Stuttgarter Stiftskirche


Es ist genug! murmelt er bitter: Es reicht! Es langt! Das Maß ist voll! Dabei handelt es sich um keinen Beduinenbub, der aus Angst vor seinem Herrn Reißaus genommen hat. Ein Bote Gottes haut ab. Ein Sprecher Gottes streicht die Segel. Ein Prophet wirft den Bettel hin. Kraftprotze, Überflieger, Superstars gibt es in der Bibel nicht, nur verwundbare Menschen, die sehr schnell aus der Spur laufen. Elia ist am Ende - am Ende mit seinen Nerven. Eben hat er noch eine siegreiche Stunde auf dem Karmel mit dem schmählichen Untergang der Baalspriester erlebt, aber “die Stunde nach der heiligen Stunde ist immer die kritische Stunde” hat Sören Kierkegaard gesagt. Vor seiner Tür steht ein königlicher Bote mit einem Brief, wahrlich kein Bittbrief um Audienz oder gar eine Einladung zum Diner am Hof, sondern eine eidesstattliche Erklärung Isebels: “Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht bis morgen dir das tue, was du meinen Priestern getan hast!” Und Elia hat nicht gespottet: “Wenn Eurer königlichen Hoheit mit einem Käpplein Blut gedient ist, wohlan!” Und Elia hat nicht geantwortet: “Wenn Eure königliche Hoheit sich mit dem König aller Könige anlegen will, wohlauf!” Und Elia hat die schriftliche Drohung nicht kurzerhand in den Kamin speditiert. Der Mann, der vor Königen und Generälen und Priestern und Pfaffen gestanden hat wie ein Fels, wird weich in den Knien wie Butter. Wegen einer eisernen Lady, die wieder Gift und Galle spuckt, zieht er den Schwanz ein. Weil er um sein Leben fürchtet, begibt er sich auf die Flucht. Elia ist am Ende, auch am Ende mit seiner Kraft. Der Eilmarsch durchs Land hindurch, über die Grenze hinweg, in die Wüste hinein hat seine Kräfte aufgezehrt. Unter der sengenden Sonne des Negeb geht es nicht mehr weiter. So wird ein kleiner Wacholderstrauch zur vorläufigen Endstation. In seinem Schatten streckt er Hände und Füße von sich, “Lasst mich schlafen, lasst mich schlafen”, so wie Fafner im Nibelungenring immer sagt. Elia ist am Ende, auch am Ende mit seinem Glauben. “Umsonst”, so geht es wie ein Mühlrad durch seinen müden Kopf. Umsonst war mein Kampf auf dem Karmel. Was hat’s gebracht? Umsonst war meine ganze Predigt. Was hat’s genützt? Umsonst war mein unermüdliches Gebet. Was hat’s geholfen? O Gott, alles habe ich eingesetzt und nichts ist herausgekommen. Es ist alles umsonst. Es ist alles so sinnlos. Es hat alles ja doch keinen Zweck. Der am Boden Liegende hat nur noch diese eine Melodie, diesen einen Kehrreim, diesen einen Refrain des Pessimismus: Es ist genug. Elia am Ende.

Aber ich frage: Nur er? Viele sind’s doch, die bitter vor sich hinmurmeln: Es reicht! Es langt! Das Maß ist voll! Dabei handelt es sich um keine Schulbuben, die aus Angst vor dem Lehrer Reißaus nehmen. Erwachsene hauen ab. Gestandene Leute streichen die Segel. Christen werfen den Bettel hin. Die Nerven spielen nicht mehr mit, weil sich die Isebels immer mächtiger aufspielen. Wehe dem, der vor Gewaltherren nicht kuscht oder nicht nach ihrer Pfeife tanzen will. Ihr Machtpotential ist ins Unermessliche gestiegen. Ein einziger Knopfdruck ihres Fingers genügt, um den Erdball in eine Feuerkugel zu verwandeln. Und die Kraft wird immer weniger, weil sich der Marsch durch die Wüste hinzieht. Es gibt ja nicht nur eine Wüste im Negeb, sondern auch eine in der Familie, im Betrieb in der Klinik, im Pflegeheim. Unter der sengenden Hitze des Streits oder des Machtgerangels oder der Krankheit oder des Altwerdens geht es nicht mehr weiter. Fast jeder hat seine Endstation, an der am liebsten alles verschlafen würde. Und der Glaube ist nur noch wie ein glimmender Docht. Umsonst, so geht es durch viele Köpfe. Eltern sagen so, die jahrelang für ihre Kinder gesorgt, gebetet, gekämpft haben, um sie christlich zu erziehen. “Umsonst war unser Kampf; ausgezogen sind sie; in einer Kommune leben sie alternativ.” Mitarbeiter sagen so, die jahrelang für ihren Jugendkreis gearbeitet, geworben, gesorgt haben, um junge Leute zu Jesus zu führen. “Umsonst war unsere Arbeit; weggelaufen sind sie; in den Discos treiben sie sich herum. Was hat’s genützt?” Pfarrer sagen so, die jahrelang für ihre Gemeinde gepredigt, gesprochen, gelitten haben, um ihnen das Reich Gottes wichtig zu machen. “Umsonst war unser Dienst. Weggeblieben sind sie; an Wochenenden haben sie andere Verpflichtungen. Was hat’s geholfen?” O Gott, so viel haben wir eingesetzt und so wenig ist herausgekommen. Es ist alles umsonst. Es ist alles so sinnlos. Es hat alles doch keinen Zweck. Auch bei uns geht es nach diesem Refrain des Pessimismus. Es ist genug. Menschen am Ende.

Damit ist aber die Geschichte nicht aus, liebe Freunde. Wer am Abgrund sitzt, der lerne, was Martin Luther so formulierte: “Je tiefer einer ist, desto besser sieht ihn Gott.” Wer am Boden liegt, der höre, was der Psalmist so sagt: “Du bist um mich und siehst alle meine Wege.” Wer am Ende ist, der wisse, dass Gott immer erst am Anfang ist mit seiner Fürsorge, mit seiner Seelsorge und mit seiner Vorsorge. So wie bei Elia.

1. Gottes Fürsorge fängt an. Das ist das Erste. Mitten aus dem bleiernen Schlaf heraus wird der Erschöpfte geweckt. Eine Hand hat ihn berührt, und wie er die müden Augen öffnet, steht ein Bote Gottes vor ihm. Der tröstet ihn nicht mit optimistischen Parolen: “Kopf hoch, alter Junge, das wird schon wieder!” Der tadelt ihn nicht mit gewichtigen Vorwürfen: “So läuft man seinem Herrn nicht aus dem Geschirr.” Der spornt ihn nicht mit moralinsauren Appellen an: “Ein Mann zeigt keine Schwäche.” Der Bote weist auf Wasser und Brot und sagt: “Steh auf und iss!” Das ist Gottes Fürsorge, die keinen in der Wüste liegenlässt. Auch der Ausgepowerte und Ausgebrannte soll sich stärken und laben. Es stimmt schon, was David gesungen hat: “Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du schenkest mir voll ein.” Natürlich könnte Elia angesichts dieses Wüstenpicknicks zweifelnd zurückfragen: Nur Wasser und Brot? Komme ich damit wieder auf die Füße? Werde ich dadurch genügend gestärkt? Erreiche ich damit das Ziel? Ist das alles? Und Gott nimmt als Antwort den pessimistischen Kehrreim positiv auf: Es ist genug! Meine Mahlzeit reicht über den Tag hinaus. An diesem Lebensmittel holt sich keiner den Tod. Deshalb iss und trink!

Liebe Freunde, Gott sorgt für seine Leute zwar mit geringen Mitteln, aber solchen, die Kraft genug geben. Vor uns steht nicht nur ein Bote Gottes, sondern der Sohn Gottes, der von sich sagen konnte: “Ich bin das Brot des Lebens!” und: “Wen dürstet, der komme zu mir und trinke.” Er weist auf den Teller, der immer wieder auf dem Altar steht: “Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird!” Er weist auf den Krug: “Nehmet hin und trinket, das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für viele vergossen wird.” Im Abendmahl will er seinen Leuten Kraft geben, um aufzustehen und weiterzugehen. Herrenmahl ist Mahlzeit unterwegs. Und wem dabei die Zweifel kommen, ob denn ein Bissen Brot und ein Schluck Wein helfen könne, wenn man total ausgebrannt ist, und wem dabei die Fragen kommen, ob denn diese Gaben irgendetwas mit Christus zu tun hätten, wenn der vor 2000 Jahren in den Himmel gefahren ist, und wem dabei die Anfechtungen kommen, ob es denn überhaupt noch eine Hilfe gäbe, wenn einer am Ende ist, der höre diese Einladung: Steh auf und iss! Der Gehorsam ist nie das schlechteste Motiv gewesen, wieder den Schritt zu seinem Tisch zu wagen und auch die Erfahrung zu machen: “Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.” Gottes Fürsorge fängt mit dem Mahl an. Ein Zweites:

2. Gottes Seelsorge fängt an, oben auf dem Gebirgsstock Sinai. Elia hat mit einem 40-tägigen Gewaltmarsch diesen heiligen Berg des Volkes Israel erreicht. An dieser Stelle ist Mose angekommen, um mit seinem Gott zu reden. An dieser Stelle hat Mose seine Hände ausgestreckt, um die zwei Tafeln, die 10 Gebote in Empfang zu nehmen. An dieser Stelle lag Mose auf den Knien, um für seine Leute zu bitten. An dieser Stelle muss doch wieder eine Gottesbegegnung möglich sein. Und dann zieht ein Gewitter auf, das jeder Kenner des Hochgebirges fürchtet. Zuerst braust ein Sturm los, der Felsbrocken packt und in’s Tal hinunterschleudert. Aber Elia entdeckt darin nichts Göttliches. Dann bebt die Erde, dass Felswände einbrechen und Wege verschütten. Aber Elia entdeckt darin nichts Ewiges. Dann zucken Blitze durch das Dunkel und erhellen die Nacht. Aber Elia entdeckt darin nichts Tröstliches. Erst als dieses Inferno zu Ende ist und es ganz still um ihn wird, hört er die Stimme Gottes. Wieder könnte er kritisch zurückfragen: Nur Worte? Kein Pfand deiner Wirklichkeit? Kein Beweis deiner Herrlichkeit? Kein Beleg deiner Ewigkeit? Ist das alles? Und Gott wiederholt: Es ist genug. Mit meinem Wort kann man leben. Mit meinem Wort kannst du sterben. Mit meinem Wort kannst du auferstehen. Mehr als mein Wort brauchst du nicht.

Und mehr brauchen wir auch nicht, liebe Freunde. Gott ist nicht im Sturm der Geschichte, der mächtig durch unsere Welt braust. Er ist auch nicht im Beben persönlicher Erschütterungen, die durch unser Leben gehen. Er ist erst recht nicht im Feuer der Gurus wie Bhagwan oder Maharishi Mahesch Yogi, die gegenwärtig die religiöse Nacht erhellen. Gott ist und bleibt in seinem Wort, das uns dann wieder zu Ohren kommt, wenn wir immer wieder, am Morgen oder Abend, dem Donnerwetter der Zeit entfliehen und über der Bibel stille werden. Dort redet er zu uns, durch die Propheten: “Ich will das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.” Durch die Psalmen: “Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquicken meine Seele.” Durch die Apostel: “Gelobt sei Gott, der Vater der Barmherzigkeit und allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Trübsal.” Gottes Seelsorge fängt mit dem Wort an. Ein Letztes:

3. Gottes Vorsorge fängt an. Elia muss an seinen Arbeitsplatz zurück. Keiner kann sich in einem frommen Paradiesgärtlein zur Ruhe legen. Gott will seine Leute nicht im Liegestuhl, sondern an der Arbeit. Aber Elia wird nichts zu lachen haben. Isebel wird noch da sein, diese unglaubliche Despotin, die jedem die Zähne zeigt. Ahab wird noch da sein, dieser jämmerliche Waschlappen, der politisch unberechenbar bleibt. Baal wird noch da sein, dieser stumme Götze, der Leute in seinen Bann schlägt. Aber, so sagt es ihm sein Gott: 7000 werden auch noch da sein, diese unbeugsamen Gläubigen, die vor keinem Götzen einen Knicks machen. Elia ist nie allein. Links und rechts sind andere, die mit stehen. Die Gemeinschaft der Heiligen ist Realität. Noch einmal könnte er kritisch zurückfragen: Nur 7000? Ist das nicht eine kümmerliche Zahl? Ist das nicht ein erbärmlicher Haufe? Ist das nicht ein Klacks gegen die Meute Baals? Wir könnten kritisch zurückfragen: Nur 7000? Im Neckarstadion sind es 30000. In der Ägyptenausstellung sind es 50000. In der Friedenskette sind es 100000. Nur 7000, die mit Gott Ernst gemacht haben und die es mit Gott ernst meinen? Ist das alles? Und Gott unterstreicht zum letzten Mal: Es ist genug. Die Masse hat nie kapiert, um was es geht. Das Volk Gottes war ein armseliger Haufe unter den Peitschen des Pharao. Die Kinder Israel waren ein versprengtes Häuflein zwischen den stolzen Babyloniern. Die 12 Jünger waren eine verachtete Clique inmitten der Judenschaft. Die Christen waren zu allen Zeiten die geduldete oder gehasste Minderheit. Aber mit diesem schäbigen Rest tut Gott sein Werk, auch heute noch. Da mögen Despoten die Zähne zeigen und Machthaber unberechenbar bleiben, da mögen alte und neue Religionen mächtig Wind machen, wer sich zu diesem Herrn schlägt, ist nie allein. Links und rechts sind andere, die mit einem stehen. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen! Wohin ich auch gehe, hat Gott vorgesorgt, dass ich nie auf einsamem Posten stehen muss. Gottes Vorsorge fängt mit der Gemeinde an.

“Und Elia ging”. Der, der am Ende war, erlebte den, der immer erst am Anfang ist, nämlich Gott mit seiner Fürsorge, mit seiner Seelsorge und mit seiner Vorsorge. Auch heute ist er wieder zu erleben. Jeder, der genug vom Leben hat, hat mit Mahl, Wort und Gemeinde genug zum Leben. Doch, es ist genug.

Amen