Begrüßung und Tagesgebet
Herzlich willkommen! Schön, euch zu sehen und dass wir wieder gemeinsam einen vollen Arbeitstag verbringen dürfen.
Es ist mein Gebet, dass wir zusammen viel lernen. Außerdem bete ich, dass unsere Gemeinden nach diesen Tagen besser aufgestellt sind, um den Herausforderungen der Postmoderne zu begegnen.
Lasst mich zu Beginn beten. Ich würde euch bitten, dazu aufzustehen.
Herr, lieber Vater, danke, dass wir als Christen aus verschiedenen Regionen Paraguays und sogar aus verschiedenen Ländern hier zusammen sein dürfen. Danke, dass wir dich als unseren einzigen Gott anbeten dürfen.
Danke, dass wir uns Gedanken darüber machen können, wie wir unsere Gemeinden angesichts der enormen Herausforderungen, die auf uns zukommen oder in denen wir schon stecken, darauf vorbereiten können.
So befehle ich dir jetzt diesen Tag an. Führe und leite unsere Gedanken. Segne unsere Gemeinschaft. Amen.
Organisatorische Hinweise und Tagesablauf
Zu Beginn möchte ich einige wichtige Informationen mit uns teilen. Wenn ihr euren Ablaufplan hervorholt, werdet ihr einige Punkte sehen. Ich möchte diese wiederholen, da sie für uns heute wichtig sind.
Nach dem Imbiss, der von zehn bis zehn Uhr dreißig stattfinden wird, werden wir hier eine Zeit der Zeugnisse haben. Ich bitte uns alle jetzt schon, darüber nachzudenken und euch innerlich vorzubereiten. Erzählt uns nachher gemeinsam, wie ihr Gott erlebt habt, wo ihr Gottes Wirken seht und was in euren Gemeinden passiert – sowohl positive Entwicklungen als auch Herausforderungen. Ihr könnt euch mental darauf einstellen, um das später mit uns allen zu teilen.
Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass wir am Nachmittag die Vollversammlung der Südamerikanischen Konferenz haben. Dazu seid ihr natürlich alle herzlich eingeladen. Am Abend werden wir hier gemeinsam einen Gottesdienst mit Abendmahl feiern.
So habt ihr einen Überblick über den ganzen Tag. Falls es noch etwas gibt, das wir alle wissen sollten und ich nicht erwähnt habe, ist jetzt die Gelegenheit, dass ihr das sagen könnt.
Ganz wichtig: Das Abendprogramm beginnt heute nicht um 19:30 Uhr, sondern um 19:00 Uhr.
Gibt es noch etwas? Während der Vollversammlung der Südamerikanischen Konferenz wird eine Jugendveranstaltung unten in T3 stattfinden.
Geistliche Ermutigung und Anbetung
Ich mag Paulus, und Paulus sagt ein paar sehr interessante Dinge. In Epheser 5,18 heißt es: „Und sauft euch nicht voll Wein, das ist eine klare Anordnung, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“
Es ist ein Befehl, ein Imperativ, eine Aufforderung: Werdet erfüllt, werdet voll des Heiligen Geistes. Dann nennt er einige – wie soll ich sagen – Konsequenzen, einige Zeichen dafür, dass wir die Fülle des Heiligen Geistes haben.
Ermuntert einander mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. Singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen. Diese Geistesfülle, die wir ja haben, wollen wir jetzt gemeinsam feiern und besingen.
In diesem Fall bitte ich, dass Werner Giesbricht und Ursula uns jetzt darin anleiten. Komm, jetzt ist die Zeit. Ich hoffe, dass ihr euch hier mittlerweile fast so zu Hause fühlt, wie ich es schon wieder tue.
Ich habe eine ganze Reihe guter Erinnerungen an Semta, weil ich hier 21 Jahre meines Lebens verbracht habe: fünf Jahre studiert und 16 Jahre unterrichtet. In diesen fünf Jahren habe ich nur ein vierjähriges Studium abgeschlossen, aber ich habe zusätzlich noch mehr Fächer dazu genommen.
Hier habe ich auch meine Frau kennengelernt. Das Herz Ursulas zu erobern dauerte fast ein Jahr – so rechtfertigt das. Das ist eines der guten Dinge, die ich hier in Semta erlebt habe, aber noch vieles mehr. Semta ist mir sehr ans Herz gewachsen und ist immer noch sehr, sehr wichtig für mich.
Lasst uns singen! Komm, jetzt ist die Zeit, wir beten an. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist.
Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist.
Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, komm, so wie du bist. Bitte an, so that you are, so that you are, so that you are, so that you are, so that you are, so that you are, so that you are, so, so that you, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so, so.
Jede Zunge wird dich bekennen als Gott, jeder wird sich beugen vor dir. Doch der größte Schatz bleibt für die bestehen, die jetzt schon mit dir gehen.
Jede Zunge wird dich bekennen als Gott, jeder wird sich beugen vor dir. Doch der größte Schatz bleibt für die Bestimmten, die jetzt schon mit dir gingen.
Komm, jetzt ist die Zeit, wir beten an. Komm, jetzt ist die Zeit, gib ihm dein Herz. Komm so wie du bist und bete an. Komm so wie du bist vor deinen Gott. Komm.
Darf ich stehen, o Herr, in dem heiligen Raum? Möchte dich anbeten und dein Antlitz schauen. Darf ich bitten, aufzustehen!
Einheit und Zusammenarbeit in der südamerikanischen Konferenz
An dieser Konferenz nehmen Christen aus mindestens fünf verschiedenen Ländern teil. In Gesprächen mit einigen von euch habe ich immer wieder gehört, dass wir enger zusammenarbeiten sollten – also über unsere Regionen und Ländergrenzen hinweg –, damit wir näher zusammenwachsen und besser zusammenarbeiten können.
Wir leben zwar in verschiedenen Ländern, Regionen und Städten und haben ganz eigene Herausforderungen und Probleme. Doch wir teilen auch viele Gemeinsamkeiten und ähnliche Herausforderungen. Das ist das Wichtige an einer südamerikanischen Konferenz: den überregionalen Zusammenhalt zu fördern und zu stärken sowie die Zusammenarbeit zu intensivieren.
Zum einen ist das aus praktischen Gründen notwendig, denn wir brauchen einander. Wir sind klein und auf die anderen angewiesen. Zum anderen denke ich, dass es ein biblisches Gebot ist. Vielleicht ist es euch aufgefallen, dass die Einheit der Gläubigen weltweit ein wichtiger Bestandteil unseres Bekenntnisses ist, zum Beispiel im apostolischen Glaubensbekenntnis. Dort bekennen wir, dass wir an die heilige, weltweite Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen glauben.
Wir glauben nicht an viele weltweite heilige Kirchen, sondern an die eine weltweite heilige Kirche; nicht an viele Gemeinschaften der Gläubigen, sondern an die eine weltweite Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist ein tief neutestamentlicher Gedanke.
Ich lese aus Epheser 4,3-5, den ich bereits zitiert habe: „Befleißigt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens unter uns Gläubigen.“ Das ist ein biblischer Befehl, die Einheit unter Gläubigen zu bewahren.
Ab Vers 4 heißt es: „Ein Leib und ein Geist“, schreibt Paulus, „eine Gemeinde, nicht viele Leiber, nicht viele Geister“ – das wären Dämonen –, „wir haben einen Heiligen Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung, nicht in vielen Hoffnungen, in einer Hoffnung eurer Berufung, einer Berufung, nicht vielen Berufungen, ein Herr“ (Vers 5), „nicht viele Herren, ein Glaube, eine Taufe, nicht viele Taufen.“
Das ist das Fundament unserer Einheit und das Fundament dieser Konferenz: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, eine Gemeinde, eine Hoffnung.
Deshalb hat die christliche Theologie schon seit jeher anerkannt, dass die Gemeinde zwei Aspekte hat. Wir sind einerseits Vollgemeinde vor Ort – in Loma Plata, Neuhalbstadt, Ascensión, Friesland, Fohlendam, Curitiba oder wo auch immer. Andererseits sind wir immer Vollgemeinde im universalen, weltweiten Sinn.
Diese beiden Aspekte der Gemeinde dürfen wir nie vergessen. Deshalb ist es so wichtig, was wir hier machen: überregional als Christen zusammenzukommen und zusammenzuarbeiten.
Ich denke auch, dass das, was wir hier tun, unser evangelistisches Zeugnis in der Gegenwart stärken kann. Immer wieder habe ich mit Menschen gesprochen, die am Glauben zweifeln und sich nicht bekehren können, weil es so viele Gemeinden gibt, die fast im Konkurrenzkampf zueinander stehen. Dann fragen sie sich: „An welchem Gott, welcher Gemeinde soll ich denn glauben?“
Ich erinnere mich an einen missionarischen Einsatz in Madagaskar, einem Inselstaat vor der Ostküste Afrikas. Wir waren als Gruppe in einem Krankenhaus. Ich ging zu einem kranken Mann ans Bett und erklärte ihm das Evangelium. Er sagte zu mir: „Weißt du, ich kann nicht glauben. Es gibt so viele Gemeinden. Welchem Gott, welcher Gemeinde meinst du denn?“
Ich denke, dass es daher wichtig ist, dass Jesus vor seinem Tod im sogenannten hohen priesterlichen Gebet (Johannes 17,21) für seine Jünger betet. Ein wesentlicher Teil dieses Gebets lautet, dass sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit auch sie in uns eins seien, damit die Welt – die da draußen ist und noch nicht dazugehört – glaube, dass du mich gesandt hast.
Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns für die Einheit unter uns Gläubigen kämpfen, denn wir beten den einen großen Gott an, der diese Welt geschaffen hat. Und den wollen wir jetzt auch besingen:
„Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte,
Die du geschaffen durch dein Allmalswort,
Wenn ich auf all jene Wesen achte,
Die du regierst und nährest fort und fort,
Dann jauchzt mein Herz dir, großer Herrscher, zu:
Wie groß bist du, wie groß bist du!“
...
Das Thema von heute Morgen lautet „Postmoderne und Gott“. Mir gefällt es immer wieder, wie Michael das Thema der Postmoderne mit dem Neuen Testament verbindet. Wir merken, dass es gewisse Parallelen gibt zwischen dem, was wir heute erleben, und dem, was die ersten Christen oder sogar in den ersten Jahrhunderten erlebt haben.
Ich bin in diesen Tagen auf ein Zitat von Quintus Aurelius Symmachus gestoßen, der von 345 bis 402 lebte. Er war ein antiker römischer Staatsmann und wehrte sich gegen den Einfluss des christlichen Glaubens. Sein Einwand klingt fast postmodern: Er verteidigte die römischen Staatsgottheiten mit der Begründung, dass das religiöse Geheimnis Gottes so groß und gleichzeitig so dunkel für den Menschen sei, dass es viele verschiedene Wege zu Gott geben könne. Es gibt also viele Wege, und man könne nicht auf nur einem Weg zu einem so großen Geheimnis gelangen.
Die Antwort der Christen ist dagegen ziemlich einfach: Es gibt nicht viele Wege, sondern nur zwei Wege – den schmalen Weg zu Gott und den großen breiten Weg, der alle anderen Religionen umfasst und nicht zu Gott führt. Das war die Antwort der Christen im Neuen Testament und in den ersten Jahrhunderten.
Ich freue mich darauf, jetzt mehr darüber zu lernen, wie wir in der Postmoderne Gott predigen.
Jesus ist uns heute vor allem in Erinnerung, weil er am Kreuz von Golgatha gestorben ist und wieder auferstanden ist. Er ist uns aber auch noch in Erinnerung, weil er zu seiner Lebzeit viele Wunder getan hat. Das lesen wir gerne und gehen davon aus, dass es derselbe Jesus Christus ist, der auch heute noch unser Herr ist.
Jesus ist uns auch durch seine Reden bekannt, die er gehalten hat. Die bekannteste seiner Reden ist die Bergpredigt. Wir wissen heute nicht genau, wo sie gehalten wurde; die meisten vermuten, dass es am Nordrand des Sees Genezareth war. Dort wurde sogar eine Kirche gebaut, die Kirche der Seligpreisungen, die daran erinnert, dass Jesus dort gepredigt haben soll.
Auch wenn der genaue Ort vielleicht ein paar Kilometer abweicht, wissen wir, dass Jesus dort gesprochen hat. In der Bergpredigt bündelte er vieles von dem, was er den Menschen weitergeben wollte. Viele Aussagen daraus kennen viele von uns bis heute auswendig.
Ich möchte nun einen Abschnitt aus Matthäus 6 vorlesen. Das Ganze beginnt mit Jesu Ausführungen zum richtigen Beten. Er erwähnt, dass es damals einige Menschen gab – und ich glaube, das ist heute nicht anders –, die versuchten, Gott durch viele Worte auf ihre Seite zu ziehen. Andere versuchten, durch Gebete den Eindruck von Frömmigkeit vor anderen zu erwecken. Auch das war damals üblich und gibt es heute noch.
Nachdem Jesus das zurückweist und sagt, dass das nicht die richtige Art ist, mit Gott umzugehen, lehrt er die Jünger das Vaterunser (Matthäus 6, ab Vers 8):
„Darin sollt ihr ihn nicht gleichen, denn euer himmlischer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn darum bittet. Deshalb sollt ihr auf diese Weise beten:
Unser Vater, der du bist im Himmel,
Geheiligt werde dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Gib uns heute unser tägliches Brot
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern,
Und führe uns nicht in Versuchung,
Sondern errette uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“
Wenn wir über Gott nachdenken, stoßen wir auf mehrere Probleme. Zum einen können wir Gott nicht direkt sehen oder besuchen. Gott ist uns einerseits ganz nahe, wie uns die Bibel sagt, und das spüren die Menschen auch. In der Bibel finden wir Aussagen, dass Gott jedem Menschen nahe ist und die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gepflanzt hat.
Im Römerbrief 1 heißt es, dass das Gewissen des Menschen und die Natur bezeugen, dass es einen Gott gibt. Andererseits ist uns Gott relativ fern, weil wir ihn nicht direkt sehen können und kein Mensch vor uns Gott in seiner himmlischen Herrlichkeit gesehen hat.
Wir Menschen sind daher darauf angewiesen, uns Gottesbilder zu schaffen. Wenn ich eine Pause machen würde, um euch Zeit zu geben, wie stellt ihr euch Gott vor? Bei Kindern ist das oft interessant: Sie malen oft ein übergroßes Wesen oder einen alten Mann auf einem Thron in den Wolken. Im Mittelalter malte man manchmal ein Dreieck in die Wolken, um zu zeigen, dass Gott eigentlich unvorstellbar ist. Für Muslime ist es streng verboten, sich ein Bild von Gott zu machen.
Ich meine hier nicht nur äußere Gottesbilder, die in Stein gehauen oder auf Leinwand gemalt sind, sondern unsere inneren Gottesbilder. Wie stellst du dir Gott vor? Bei manchen ist da innerlich große Leere, bei anderen kommen eigene Erfahrungen oder Bibelverse. Das zeigt, wie schwierig es ist, sich etwas vorzustellen, was wir nie gesehen haben.
Es gibt mehrere Wege, zu einem Gottesbild zu gelangen. Ein Weg, wie es im 19. Jahrhundert Religionskritiker wie Ludwig Feuerbach kritisierten, ist, dass der Mensch sich Gott als Projektion seiner eigenen Wünsche macht. Das passiert oft in anderen Religionen, aber manchmal auch in christlichen Kreisen. Man stellt sich ein ideales Wesen vor, wie man es sich wünscht, und nennt es Gott. Das ist im Grunde Abgötterei, denn es ist ein von uns geschaffener Gott.
Ich erlebe das immer wieder, sowohl bei Menschen, die keine Christen sind, als auch bei Christen, die sagen: „Wenn Gott so oder so ist, dann glaube ich an ihn, aber nicht so.“ Sie tun so, als ob Gott von ihrer Vorstellung abhängig wäre. Dabei ist Gott ganz losgelöst davon. Vielmehr sollten wir unser Bild von Gott korrigieren lassen, statt Gott vorzuschreiben, sich unserem Bild anzupassen.
Manche Menschen übernehmen ein Gottesbild aus einer Gemeinschaft, weil sie es attraktiv finden. Wenn ihr durch verschiedene christliche Kreise, sektiererische Gruppierungen oder fremde Religionen geht, werdet ihr merken, dass jede Gruppe ein spezifisches Gottesbild hat.
Im Islam zum Beispiel steht der absolut Heilige, Unnahbare, Mächtige im Mittelpunkt. Der Muslim versteht sich als jemand, der sich Allah unterwirft – der Muslim ist nichts, Allah ist immens groß, und sie berühren sich eigentlich gar nicht.
Jede Religion und Sekte hat ihr Gottesbild, das sie vertritt. Ich halte diese Vorgehensweise auch für problematisch, denn man übernimmt einfach ein Bild, das andere entworfen haben, ohne Garantie, dass es die Realität beschreibt und nicht nur eine Erfindung ist.
Deshalb schlage ich vor, dass wir uns von Gott sagen lassen, wer er ist. Gott weiß am besten, wer er ist. Wenn wir wissen wollen, wie er ist, sind wir auf seine Worte angewiesen. Wie sonst könnten wir von Gott erfahren?
Manche verwechseln ihr Bauchgefühl, das Reden anderer oder eigene Erfahrungen mit Gott. Das sind im besten Fall Spuren Gottes, im schlechtesten Fall haben sie nichts mit Gott zu tun.
Wir können Gott nur begreifen, wenn wir darauf schauen, wie er sich uns selbst mitteilt. Wenn Gott keinen Kontakt mit uns Menschen wollte, hätten wir keine Chance, ihn wahrzunehmen.
Gott müsste sich nur in eine andere Galaxie zurückziehen, und wir würden nichts von ihm wissen. Doch der Gott, der in der Bibel als Geist beschrieben wird, kann hier gegenwärtig sein, aber sich auch zurückhalten.
Der Weg, den wir wählen müssen, ist nicht, was wir uns überlegen, sondern was Gott von sich selbst mitteilt. Ich habe den Eindruck, dass gerade im Vaterunser viel davon enthalten ist, wie Gott ist und wer Gott ist. Dem möchte ich jetzt nachgehen.
Danach werde ich skizzieren, wie die Gottesvorstellungen der Postmoderne sind, sie vergleichen und Schlussfolgerungen ziehen, wie wir ein möglichst korrektes, zutreffendes Bild von Gott haben und leben können.
Das Vaterunser beginnt mit dem Begriff „Vater“. Hier steckt etwas Besonderes drin: Gott teilt sich uns als Vater mit. Allerdings nicht als Vater für jeden, denn Jesus redet hier zu seinen Jüngern, denjenigen, die Gott nachfolgen wollen, die Kinder Gottes geworden sind.
In manchen anderen Religionen, wie im Hinduismus, ist man von Geburt an Kind Gottes und gehört dazu. Das macht aber keinen Unterschied im Leben. Die Bibel zeigt uns etwas anderes: Gott ist der Schöpfer, von dem wir geschaffen sind, aber nicht automatisch unser Vater.
Gott ist unser Vater erst, wenn wir seine Kinder werden wollen. Er zwingt uns nicht, er lässt uns die Wahl. Manche Menschen bleiben ihr Leben lang Schöpfung und Richter, weil sie diesen Schritt nicht tun.
Jesus beschreibt in seinem Gespräch mit Nikodemus die Neugeburt. Wie werden wir Kinder Gottes? Jesus sagt, man muss von neuem geboren werden. Das geht nicht durch Regeln, Zeremonien oder Gemeindemitgliedschaft, sondern nur, indem man sein Leben Gott ausliefert, eine Bankrotterklärung abgibt, den alten Menschen sterben lässt und ein neues Leben annimmt.
Dann verspricht die Bibel ein neues Leben. Äußerlich ist das nicht sichtbar – niemand trägt einen Heiligenschein. Manche Esoteriker meinen, Auren sehen zu können. Ich halte nicht viel von solchen Spekulationen.
Wenn du neugeboren bist, schenkt Gott dir den Heiligen Geist, der etwas Neues in dir beginnt. Wenn dein alter Körper stirbt, bekommst du einen neuen Körper für die Ewigkeit. Dann wird der Veränderungsprozess vollendet.
Wenn du diesen Prozess begonnen hast, darfst du zu Gott „Vater“ sagen.
Welches Gottesbild sollen wir als Christen haben? Er ist unser himmlischer Vater. Dabei müssen wir definieren, was wir unter Vater verstehen. Heute gibt es unterschiedliche Vaterbilder: den autoritären Vater, den abwesenden Vater, den kuscheligen Vater.
Das Bild „Vater“ genügt nicht allein. Wir müssen unterscheiden, damit wir ihn nicht mit dem irdischen Vater verwechseln, der gut oder schlecht, freundlich oder streng sein kann.
Deshalb heißt es: „Unser Vater, der du bist im Himmel.“ Der himmlische Vater ist anders als unser irdischer Vater – immer.
Er ist unser Vater, weil er uns gewollt hat, geschaffen hat, begleitet und retten will. Wenn wir mit ihm leben, verändert er uns.
Vater drückt aus, dass er uns nahekommt und wir zu seiner Familie gehören. Die intensivsten Verbindungen auf Erden sind die zwischen Eltern und Kindern. So können wir eine intensive Beziehung zu Gott haben, die nicht nur Distanz ist.
Ein wichtiger Aspekt im Vaterunser ist, dass dort nicht „mein Vater“ steht, sondern „unser Vater“. Jesus hat von Anfang an im Blick, dass wir nicht individualistisch Gott gegenüberstehen, sondern dass Gott viele Kinder hat, durch Generationen und kirchliche Geschichte hindurch.
Wir gehören zusammen, haben einen gemeinsamen Vater. Nicht jeder einen anderen, sondern alle denselben.
Das bedeutet auch, dass wir im Austausch miteinander unser Bild von Gott ergänzen können, weil jeder seine Erkenntnis und Erfahrung mitbringt.
Weiter heißt es: „Geheiligt werde dein Name!“ Im Hebräischen identifizierte der Name die ganze Person. Es ging nicht nur darum, den Namen nicht auszusprechen, sondern die Person Gottes zu heiligen.
Der Gott, an den wir glauben, ist nicht nur Teil unseres Alltags, nicht nur ein Freund oder Nachbar, sondern etwas Besonderes. Heilig bedeutet Aussondern.
Heilig waren die Geräte in der Stiftshütte und im Tempel, die nur für Opfer vor Gott benutzt wurden. So will Gott auch sein: nicht nur Teil deines Alltags, sondern etwas Außergewöhnliches.
Gott kommt uns als Vater nahe, ist aber gleichzeitig heilig, und dessen sollen wir uns bewusst sein.
Dann bitten wir: „Dein Reich komme!“ Wer ein Reich hat, ist Herrscher. Gott ist nicht nur der Vater an meiner Seite, sondern Herr aller Herren, König aller Könige (Offenbarung).
Das Reich Gottes ist kein Territorium allein, sondern ein geistliches Reich, das in der Ewigkeit die heilige Stadt Jerusalem umfasst. Jesus wird tausend Jahre auf der Erde herrschen, auch das ist Reich Gottes.
Gott will Herrscher in unserem Leben sein. Es ist sein Reich, nicht unseres. In einem Reich bestimmt der Herrscher die Regeln, nicht die Mitglieder.
Wir wünschen uns, dass das Reich Gottes auf der Erde sich ausbreitet. Wir können dazu beitragen, aber wir dürfen nicht unser eigenes Konzept eines Glücksreichs aufbauen.
Das war das Problem vieler Menschen, die versuchten, das Jenseits ins Diesseits zu ziehen, zum Beispiel im Kommunismus. Dort sollte jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und nach seinen Bedürfnissen bekommen, alle sorgen füreinander, alle sind gleich – das klingt fast wie im Himmel.
Doch in der Praxis endete das oft mit Gewalt, weil Menschen gezwungen wurden, gleich zu sein, und manche gleicher als andere waren. Das klappte nicht.
Wir sollen nicht unser Konzept von Himmel und Reich Gottes aufbauen, sondern immer wieder fragen: „Gott, was ist dein Konzept?“
Am Ende müssen wir darauf vertrauen, dass Gott das Reich aufrichtet, das er will.
Er tut das nicht durch soziale oder politische Konzepte, sondern zuerst, wenn wir beten: „Dein Reich komme!“
Wenn du Teil des Reiches Gottes bist, regiert Gott in deinem Herzen.
Dann bitten wir: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“ Gottes Wille geschieht im Himmel, da ist er unumschränkter Herrscher.
Auf der Erde geschieht Gottes Wille nicht immer unmittelbar. Manchmal ist Gottes Wille eher ein Appell, eine Herausforderung.
Wenn Gott sagt: „Du sollst nicht lügen“, heißt das nicht, dass du plötzlich nicht mehr lügen kannst. Gottes Wille ist kein unwiderstehliches Gesetz.
Gott lässt dir die Freiheit, zu seinem Willen Ja oder Nein zu sagen.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, zwingt sie aber nicht.
Wenn du betest: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden“, unterstellst du dich bewusst Gottes Willen.
Das klingt gut in Anbetungsliedern, aber im Alltag ist es schwer. Viele singen das, aber tun im Alltag, was ihnen gefällt. Das ist eine Lüge.
Besser wäre es, wenn man schweigt, als so zu beten.
Manche postmoderne Menschen beten das, meinen aber: „Mein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden!“ Sie suchen Methoden, wie sie Gott umbiegen können, um zu verstehen, was richtig ist.
Das ist ein Irrtum. Der postmoderne Mensch dreht sich nur um sich selbst, seine Bedürfnisse und sein Bauchgefühl.
Gott tut das nicht.
Wenn wir Christen sind, sollten wir uns um Gott drehen, denn Gott ist das Zentrum der Weltgeschichte, nicht wir.
Luther sagte einmal, wir sind nur ein Madensack.
Wenn wir uns in 50 Jahren wieder treffen, werden wir hier nicht mehr sein. Ich hoffe, ihr wisst dann, wo ihr sein werdet.
Warum drehst du dich in der kurzen Zeit hier auf Erden in erster Linie um dich selbst?
Das ist die Postmoderne: die Postmoderne deiner Bedürfnisse.
Was brauche ich, was tut mir heute gut?
Das kann religiös oder nicht religiös sein.
Auch in der Gemeinde fragen viele: „Was bringt mir die Gemeinde?“ Wenn sie nichts bringt, suchen sie eine andere.
Dabei sollte die Frage sein: „Was bringst du der Gemeinde?“
Genauso bei Gott: Manche fragen: „Was bringt mir Gott? Was ist dein Angebot heute?“
Wenn das ein Sonderangebot mit Wundern wäre, würden sie es kaufen.
So geht es nicht.
Wir sollen Gott dienen, nicht Gott uns.
Paulus beschreibt sich im Neuen Testament oft als Sklave (Doulos), nicht als Herr (Kyrios).
Wir waren Sklaven der Sünde und des Teufels, jetzt sind wir freigekauft – als Sklaven Gottes.
Wir können froh sein, einen liebevollen Sklavenhalter zu haben.
Wir sind nicht völlig frei, denn ohne Gott könnten wir nicht leben.
Gott lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte, schenkt dir heute das Leben, hat dich geschaffen.
Du kannst gar nicht ohne Gott leben, auch wenn du es willst – das ist eine Illusion.
Gott ist ständig um dich herum und begleitet dich.
Deshalb wünscht Gott nicht, dass du gottlos bist.
Das bedeutet, dass du immer wieder wollen musst: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden!“
Nicht, dass du Gott nur hineinziehst, damit dein Leben glücklicher wird.
Der postmoderne Mensch will sein Leben gestalten und Gott als spirituelle Verschönerung oder Horizonterweiterung.
Das ist nicht der Gott der Bibel.
Gott möchte bewusst, dass du deinen Willen unter seinen stellst.
Das zeigt sich im Alltag: bei Zeiteinteilung, Lebensplanung, Umgang mit Menschen, Geld, Beruf.
Gott will, dass du nicht nur in der Theorie sagst: „Okay, Gott, wenn du willst, greif ein, sonst mache ich, was ich will.“
Sondern dass du konkret betest: „Dein Wille geschehe hier auf der Erde!“
Manchmal ist es leichter, für den großen Maßstab zu beten, schwerer für den eigenen.
Viele wollen die Welt retten, aber nicht heute.
Oder sie wollen fromm werden, aber nicht heute.
„Dein Wille geschehe“ soll heute geschehen, da, wo du bist, hier auf der Konferenz.
Morgen ist wieder heute, und dann betest du wieder: „Dein Wille geschehe!“
Hier zeigt sich Gott, wie er sich uns vorstellt: nicht nur als Wunscherfüller oder Berater, sondern als Herrscher mit Anspruch.
Dann heißt es: „Gib uns unser tägliches Brot!“
Die meisten von uns wären mit etwas Brot nicht zufrieden.
In manchen Ländern wäre eine Schüssel Reis, Maniok oder Brot genug.
Ich könnte jetzt in der Küche anrufen und sagen: „Heute Mittag bitte nur Brot und Wasser.“
Und ihr könntet dankbar sein, denn wir haben gebetet: „Gib uns unser tägliches Brot!“
Martin Luther hat ausgelegt, dass „unser tägliches Brot“ alles bedeutet, was wir zum Leben nötig haben.
Er zählt auf in seiner Sprache, die heute etwas unverständlich ist.
Das sind unsere notwendigen körperlichen Bedürfnisse.
Wir dürfen heute auch Gemüse und Fleisch essen, nicht nur Brot.
Hier geht es um das Lebensnotwendige, nicht um Luxus oder Reichtum.
Viele Jünger hatten keinen Reichtum, und den brauchen wir manchmal auch nicht.
Häufig schadet uns Luxus mehr, weil er unsere Seele bindet.
Jesus warnt: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden an seiner Seele nimmt?“
Wenn die Jünger fragen: „Wie kommt das Reich ins Himmelreich?“, heißt es, dass Reichtum oft an die Erde bindet.
Je mehr wir besitzen, desto mehr sind wir gebunden.
Wir beten um das Grundsätzliche und erkennen: Gott ist ein Gott, der versorgt.
Gott sagt nicht: „Hilf dir selbst, dann helfe ich dir.“
Das ist nicht der Gott, an den wir glauben.
Gott erwartet, dass wir etwas tun, greift aber unabhängig davon in unser Leben ein und versorgt uns mit dem Nötigen.
Für viele ist das wichtig, die Gott nur noch am Sonntag ansprechen oder nur für geistliche Sachen.
Gott will auch in deinem Alltag eingreifen und dich versorgen.
Vielleicht sagst du: „Ich brauche Gott nicht, das mache ich selbst.“
Das ist Selbstüberhöhung.
Dann könnte Gott dir alles wegnehmen, damit du merkst, was du wirklich kannst.
Schon unsere Gesundheit nehmen wir als selbstverständlich hin, doch Gott erhält sie.
Auch der Frieden in unserem Land ist ein Geschenk Gottes.
Wir müssen uns bewusst sein, dass wir von Gott abhängig sind.
Gott will, dass wir das erkennen und ihn als Versorger anerkennen.
Dann heißt es: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Manche fragen: „Wie kann ein Christ das beten, wenn uns die Schuld doch schon vergeben ist?“
Unsere ewige Schuld, die uns von Gott trennt, ist vergeben.
Aber die Schuld, die wir täglich anhäufen, müssen wir immer wieder bekennen und Vergebung bitten.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, ich bin schon lange Christ, aber ich bin nicht sündlos geblieben.
Deshalb brauchen wir immer wieder das Kommen zu Jesus und das Bitten um Vergebung.
Gott ist ein Gott, der Schuld vergibt.
Das ist exklusiv im Vergleich zu den meisten anderen Weltreligionen.
Dort bist du für deine Schuld selbst zuständig, musst sie abbüßen oder gute Taten tun, um Gott gnädig zu stimmen.
Wir kennen einen Gott, an den wir uns wenden dürfen und der uns Vergebung schenkt.
Es muss uns nicht peinlich sein, wir können zu Jesus kommen und Vergebung bekommen.
Das ist etwas Besonderes und Exklusives.
Als nächstes heißt es: Gott ist ein Gott, der uns vom Bösen erretten kann.
Theologen sind sich nicht ganz einig, ob das Böse allgemein Sünde meint oder den Teufel.
Für uns ist das nicht entscheidend.
Wenn wir unter Druck oder Anfechtung stehen, ist Gott derjenige, der uns beisteht und erlösen kann.
Das gilt auch, wenn wir nicht den Teufel dahinter sehen.
Vielleicht ist es ein Mensch, der uns fertig macht.
Wir können zu Jesus kommen, zu Gott, und er hört uns zu und kann eingreifen.
Das Böse in der Welt und in unserem Leben kann er beenden.
Dann bitten wir, dass Gott uns von der Versuchung befreit.
Am Ende wird Gott noch einmal als Herrscher beschrieben.
Er hat die Kraft, die Herrlichkeit und die Ewigkeit.
Das zeigt uns, dass Gott weit über unsere Vorstellung hinausgeht.
Wenn wir einen Gott haben, der Schuld vergibt, uns versorgt und beisteht im Kampf gegen das Böse, dann ist dieser Gott auch kompetent genug, weil er Herrscher des Universums und ewig ist.
Das war nur ein Ausschnitt aus der Theologie, der Lehre von Gott.
Wir könnten viele weitere Bibelverse lesen, die das erläutern.
Dieser Ausschnitt ist wichtig, weil er von Jesus selbst gelehrt wurde.
Ich möchte ihn auf die Situation der Postmoderne anwenden.
Ein postmoderner Mensch – egal ob Christ oder nicht – will oft von Gott nichts wissen.
In der Postmoderne ist Gott nicht überall präsent.
Viele bauen ihr Leben ohne Gott auf.
Eine Strömung der Postmoderne, der Konstruktivismus, geht davon aus, dass es keine neutrale Beschreibung der Welt oder Gottes gibt.
Jeder konstruiert die Welt selbst, das Kind ist Mittelpunkt.
Wenn man so denkt, hat Gott keinen Platz – höchstens als Dekoration.
Das ist nicht der Gott der Bibel.
Es gibt auch postmoderne Christen, die an Gott glauben, aber sehr individualistisch.
In der Postmoderne gibt es keine feste Wahrheit.
Wenn ich sage, Gott ist so, sagt ein anderer: „Für dich, aber für mich anders.“
Es gibt keinen übergeordneten Maßstab.
Postmoderne Christen lesen die Bibel oft so, dass jeder sie interpretiert, wie er will.
Das ist ein Gottesbild, das wir uns machen, aber nicht das, wie Gott sich selbst vorstellt.
In der Postmoderne wird Gott eher als Kraft empfunden denn als Person.
Eine Kraft kann ich für meine Zwecke nutzen, sie erfüllt mich, gibt Glücksgefühle.
Das ist neutral, keine Person dahinter.
Das ist in vielen postmodernen Zusammenhängen verbreitet.
Gott zeigt sich dem postmodernen Menschen vor allem durch sein Gefühlsleben.
Rationale Erklärungen sind für Beruf und Wissenschaft, Gott ergänzt das, was man fühlt.
Gott ist für den postmodernen Menschen vor allem ein nutzbarer Gott – einer, den ich gebrauchen kann.
Vor allem ein Gott der Liebe, wobei Liebe sehr unterschiedlich definiert wird.
Dieser Gott ist eher ein Partner, der sich je nach Lebensphase ändert.
Vielleicht will ich in einer Phase Grenzen, in der nächsten nicht.
Gott als Berater, dessen Meinung ich höre, aber selbst entscheide.
Der Mensch steht im Mittelpunkt.
In der Postmoderne ist man offen, verschiedene Gottesvorstellungen zu vermischen.
Postmoderne Religiosität ist oft Patchwork-Religiosität.
Man mischt Ideen aus Christentum und anderen Religionen, übernimmt Rituale und Begriffe.
Das kann bereichernd sein und gut tun.
Diese Religiosität hat auch ihre Stärken.
Sie hat sich gegen dogmatische Vorstellungen von Gott abgegrenzt.
Sie berücksichtigt, dass wir Gott nie ganz fassen können.
Wer meint, Gott vollständig zu haben, hat den falschen Gott.
Wir müssen uns immer bewusst sein, dass wir Gott nur teilweise verstehen können.
Das hängt von unserer Intelligenz, unserem Leben und der Offenbarung ab.
In der Bibel heißt es, niemand hat Gott je gesehen, außer Jesus Christus.
Deshalb sollten wir vorsichtig mit Festlegungen sein.
Die Postmoderne betont diese Wahrheit, dass Gott größer ist als unsere Vorstellungen.
Anselm von Canterbury definierte Gott als „das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.“
Das bedeutet, wir können Gott nur annähernd denken.
Wir müssen uns an das halten, was Gott uns offenbart hat.
Unser Hirn hat nicht die Kapazität, Gott vollständig zu erfassen.
Wir wissen etwas von Gott, aber nicht alles.
Das ist nicht Gott selbst, denn das können wir mit menschlichen Worten nicht ausdrücken.
Das kann auch nicht selbst erfahren werden.
Das ist ein Aspekt, den die Postmoderne gut betont.
Gott will erfahrbar sein.
In der Bibel ist „Glauben“ ein Beziehungsbegriff.
Es meint nicht nur das Fürwahrhalten, sondern eine praktische Beziehung zu Gott.
Deshalb sagt Jakobus: „Der Glaube ohne Werke ist tot.“
Das bedeutet nicht, dass wir uns anstrengen müssen, um Gott zu gefallen.
Es heißt nur, wenn du glaubst, aber dein Leben zeigt das nicht, bist du ein Lügner.
Glauben kann auch Vertrauen heißen.
Vertrauen zeigt sich in Taten.
Wenn du sagst, du vertraust deiner Frau, aber ihr gibst nicht den Autoschlüssel, dann vertrauest du ihr nicht wirklich.
Genauso bei Gott.
Wenn du sagst, du vertraust Gott, aber lebst wie ein Ungläubiger, dann sind das leere Worte.
Die Postmoderne betont, dass Glauben nicht nur dogmatische Bekenntnisse sind, sondern sich im Leben bewähren müssen.
Der Postmoderne legt zu viel Wert auf seine Erfahrungen und sein Bauchgefühl.
Der Christ aus der Moderne kann lernen, dass nicht nur Diskussionen über Gott alles klären, sondern auch der Lebensvollzug.
Das Gottesbild der Postmoderne ist an manchen Stellen falsch.
Postmoderne Christen wollen Gott oft in Feiern, Anbetung und Wundern erfahren.
Die Anbetung hat häufig nicht Gott zum Zentrum, sondern das eigene Erleben.
Das merkt man an der Musik, die ausgesucht wird.
Ich habe fast niemanden erlebt, der fragt: „Welche Musik gefällt Gott?“
Wenn ich nur Musik aussuche, die mir gefällt, geht es oft um meinen Spaß.
Das ist postmodern: Es dreht sich um mich.
Viele wollen Wunder erleben, weil das ein tolles Erlebnis ist.
Nicht die Frage, was Gott tun will, steht im Vordergrund.
Gott tut Wunder, aber um sich zu verherrlichen, nicht für eine Show oder unser Wohlgefühl.
Das Problem des postmodernen Menschen ist, dass Gott nur Zulieferer für Gefühle und Erlebnisse ist.
Das ist ein Schwachpunkt postmoderner Gottesvorstellung.
Unsere Gottesvorstellung bestimmt unser tägliches Handeln.
Wenn ich Gott nur als Mensch sehe und in einer schweren Lage bin, verzweifle ich schnell.
Ein Mensch kann mir nicht weiterhelfen.
Wenn ich Gott als Mensch sehe, kommt er mir nahe, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.
Manche sehen nur Jesus als Menschen und vergessen, dass er auch Gott ist.
Andere sehen ihn nur als Gott und fühlen sich ihm fern.
Das Wichtige ist, beides zu sehen und zu erfahren: Gott, der menschlich ist und uns nahekommt, und Gott, der majestätischer Herrscher ist.
Das brauchen gerade postmoderne Menschen.
Manche sehen Gott nur als Erlebnis.
Leben mit Gott führt zu Erlebnissen, aber Gott erschöpft sich nicht darin.
Wir lernen dann nicht mehr zu unterscheiden, ob ein Erlebnis wirklich von Gott ist.
Postmoderne Menschen, die oft esoterisch sind, sehen in jeder Kleinigkeit Gottes Wirken.
Ein Buch, das weltweit verbreitet ist, heißt „Ein Kurs in Wundern“.
Es klingt christlich, ist es aber nicht.
Es mischt viele Religionen und lehrt, überall Wunder Gottes zu erkennen.
Wenn man so geeicht ist, sieht man überall Wunder und fühlt sich glücklich.
Das Ziel ist nicht, Gott zu erkennen, sondern ein gutes Gefühl zu vermitteln.
Manchmal laufen Dinge einfach so.
Wir müssen unterscheiden: Nicht alles ist übernatürliches Eingreifen Gottes.
Es gibt auch Menschen, für die Gott nur ein Konzept ist.
Sie können endlos darüber diskutieren.
Das ist gut, denn die Bibel hat auch dogmatische Abhandlungen über Gott.
Aber das allein reicht nicht.
Wir brauchen die Ergänzung von Erleben und Erfahrung.
Je nachdem, ob wir zu sehr auf der einen oder anderen Seite sind, müssen wir nachjustieren.
Was wir jetzt brauchen, ist, postmodernen Menschen zu helfen, die andere Seite Gottes zu erkennen.
Viele postmoderne Menschen kommen in die Krise, wenn sie schweres Leid erfahren.
Ein Gott, der nur mein Kumpel ist und mir Glücksgefühle gibt, wo ist der, wenn ich Krebs habe?
Dann kommt oft der große Zusammenbruch.
Wir kennen aber einen Gott, der auch Leiden zulässt und manchmal schickt.
Wir brauchen eine Theologie des Leidens, nicht nur der Gesundheit.
Leiden war immer Kennzeichen der Frommen.
Jesus sagt am Ende der Seligpreisungen, dass Verfolgung kommen wird.
Die Jünger starben wahrscheinlich gewaltsam.
Paulus rühmt sich seines Leidens und seiner Verfolgung.
Wir brauchen eine Theologie, die das Leiden einschließt.
Der postmoderne Gott funktioniert nur bei Schönwetter.
Wo Verzweiflung, Krankheit, Gewalt sind, ist er oft nicht präsent.
Wir müssen erkennen, dass Dasein Gottes nicht heißt, dass er alles wegnimmt, sondern dass er an der Seite ist.
Das ist etwas, was wir in der Postmoderne brauchen.
Wir brauchen auch eine apologetische Initiative, um Gott zu verteidigen und zu begreifen.
Nur so können wir unterscheiden, was wirklich von Gott ist.
Postmoderne Menschen definieren oft alles, was ihnen religiös stimmt, als Gottes Wirken.
Wir müssen lernen, zu unterscheiden.
Das fällt postmodernen Menschen schwer.
Sie fahren oft einen Zickzackkurs.
Wir müssen ihnen helfen.
Wir sollten das auch in unserem eigenen Leben umsetzen.
Wir können Menschen der Postmoderne nur helfen, wenn wir nicht nur reden, sondern es leben.
Gefühle und Emotionen gehören zum Leben mit Gott.
Wenn Gottesdienste ohne Gefühle sind, ist das nicht in Ordnung.
Wir sind Menschen.
Ich rede als jemand, der als gefühllos gilt, aber auch ich habe Gefühle.
Wir müssen lernen, Gefühle und Erfahrungen mit Gott zuzulassen.
Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, das als Zentrum zu sehen.
Auch nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen.
Wir müssen erkennen, dass Gott der liebende Vater ist.
Manchmal bin ich genervt.
Ich war eingeladen zu einer Uni-Gruppe in Deutschland der SMD.
Nach dem Gebet sagte ein Student immer wieder „Papi“.
Ich fragte ihn, ob er immer so rede.
Er sagte ja, weil im Vaterunser „Vater“ und „Papi“ steht.
Ich sagte ihm, dass die häufigste Anrede für Gott im Neuen Testament „Kyrios“ ist, der Herrscher.
Das gefällt ihm nicht.
Er sagte, „Kyrios“ ist die häufigste Anrede, aber es gefällt ihm nicht.
Das ist der postmoderne Mensch: Er sucht sich aus, was ihm gefällt.
Gott als Herrscher fühlt sich nicht gut an.
Gott als „Papi“ ist nett.
Das ist eine Komponente Gottes, die wir finden.
Wir brauchen neben dem, was die Postmoderne positiv hat, eine Korrektur.
Was uns hilft, ist der Blick in die Ewigkeit.
Das größte Problem der Postmoderne ist, dass sie die Ewigkeit vergessen hat.
Die Ewigkeit spielt keine Rolle mehr, höchstens als schöner Gedanke.
Ein Gott muss hier und jetzt nutzbar sein.
Wir müssen diesen Blick in die Ewigkeit bewahren.
Hier möchte ich aufhören und für Rückfragen Raum geben.
Ich hoffe, ihr konntet einige Gedanken mitnehmen und seid herausgefordert, euer Gottesbild zu erweitern – nicht irgendwohin, sondern aufgrund der Offenbarung Gottes.
Wenn du postmodern geprägt bist, nimm mehr von den Aspekten, die das Postmoderne korrigieren.
Wenn du eher traditionell-modern bist, nimm Elemente der Postmoderne, die zum Wesen Gottes passen, wie die Nähe Gottes als Vater und seine Erfahrbarkeit.
Vielen Dank.
Wir singen jetzt gemeinsam ein Lied: „Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich, der Herr freue sich seiner Werke. Ich will singen dem Herrn mein Leben lang, ich will loben meinen Gott, solang ich bin.“
Zur ersten Frage: Kommt das Leid der Krankheit immer vom Bösen oder kann sie auch von Gott kommen? Muss Gott immer heilen, wenn ich darum bete?
Das ist ein Thema für eine lange Predigt, aber ich versuche, es kurz zu machen.
Muss Leiden immer vom Teufel kommen? Nein. Es gibt viele Beispiele, wo Gott direkt Leiden und Krankheit schickt.
Denkt an Miriam, die sich gegen Mose erhebt und Aussatz bekommt – von Gott.
Denkt an diejenigen, die das Abendmahl nicht unterscheiden – Gott schickt Krankheit.
Gott schickt Krankheit.
Der Irrtum des postmodernen Menschen ist, dass Gott nur für Wohlgefühl sorgen muss.
Der Gott, an den wir glauben, ist viel größer und hat eine weitere Perspektive.
Er sieht nicht nur, ob du dich jetzt wohlfühlst, sondern ob es für dich und dein Umfeld richtig ist.
Manchmal schickt er Krankheit, um dich zu segnen.
Dann musst du sie nicht nur loswerden wollen, sondern erkennen, was Gott in dir wirken will.
Natürlich gibt es auch Krankheiten, die vom Teufel kommen, um uns zu quälen.
Manchmal ist Krankheit ein Ergebnis der gefallenen Welt.
In der Bibel gibt es unterschiedliche Ursachen für Krankheit.
Wenn wir nicht wissen, woher sie kommt, können wir Gott einfach bitten: „Herr Jesus, nimm mir das weg!“
Wenn Gott nicht antwortet, solltest du dein Gebet ändern: „Herr Jesus, offensichtlich willst du das nicht. Zeig mir, was ich daraus lernen soll.“
Gott benutzt manchmal unangenehme Dinge, damit wir lernen.
In der Bibel lernten Menschen am meisten dort, wo sie litten.
In Israel führte Wohlstand oft zu Abgötterei, und dann kam Krieg und Gefangenschaft, die zur Umkehr führten.
Weil Gott uns liebt, mutet er uns manchmal Krankheit zu.
Ein Gott, der nur Glücksgefühle gibt, nimmt den Menschen nicht ernst.
Das wäre wie bei Kindern, denen man immer nur gibt, was sie wollen, ohne sie zu erziehen.
Muss Gott immer alle Krankheiten wegnehmen?
Gott nimmt heute Krankheiten weg, auch unheilbare.
Ich habe das selbst erlebt, bei Kindern, in der Gemeinde.
Es gibt Gebetserhörungen.
Aber wir müssen beten wie Jesus im Garten Gethsemane: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“
Denn wir wissen nicht immer, was Gott will.
Wenn jemand krank ist, darf ich Gesundheit wünschen.
Ich darf zu Gott kommen und bitten.
Aber ich muss auch bereit sein, zu akzeptieren, wenn Gott nein sagt.
Wir sollen im Glauben beten, aber uns bewusst sein: „Dein Wille geschehe!“
Wenn Gottes Wille anders ist als mein Wunsch, muss ich mich unterordnen.
Zur Frage: Von wann bis wann geht die Postmoderne?
Die Postmoderne begann schleichend, nicht an einem bestimmten Datum.
Man setzt allgemein die späten 1960er Jahre als Beginn an.
Die Postmoderne hat sich seit den 1990er Jahren in breiteren Kreisen etabliert.
Jüngere Menschen sind stärker von der Postmoderne geprägt, weil sie mehr damit aufgewachsen sind.
Ältere Menschen sind oft weniger intensiv geprägt.
Die Postmoderne ist nicht prinzipiell böse, aber einseitig.
Manche Philosophen sehen die Postmoderne als Übergangsphase.
In der Spätantike gab es auch viele postmoderne Gedanken.
Es könnte eine Gegenreaktion geben, aber wann und wie, ist unklar.
Im Moment dominiert die Postmoderne weltweit.
Zur Frage, ob die pfingstlerische Bewegung ein Ausdruck der Postmoderne ist und wie wir der Theologie des Wohlstandes begegnen:
Die klassische Pfingstbewegung entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, vor der Postmoderne.
Sie entstand aus einer Sehnsucht nach einer lebendigen Gotteserfahrung.
Die charismatische Bewegung der 60er und 70er Jahre ist eher eine Manifestation postmoderner Religiosität.
Sie ist erfolgreich, weil sie dem postmodernen Menschen entspricht: individuelle Erlebnisse, wenig feste Regeln.
Ich habe selbst charismatische Gottesdienste besucht und erlebt, dass manche Veranstaltungen kaum von schamanistischen oder esoterischen Veranstaltungen zu unterscheiden sind.
Das zeigt die Gefahr der Religionsvermischung.
Der postmoderne Mensch kann charismatisch sein, dann aber auch zum Schamanen oder Dalai Lama gehen.
Zur Theologie des Wohlstands:
Ich würde sie nicht predigen.
Jesus hatte kein eigenes Haus, die Apostel waren arm.
Der Wohlstandsprediger hat oft mehrere Villen und Privatjets.
Das ist ein falscher Fokus.
Manche hoffen, wenn sie nur fromm sind, werden sie reich.
Das passiert selten, außer man gründet eine Zweiggemeinde.
Das ist oft schamanistisch: Man glaubt, mit bestimmten Methoden Reichtum zu generieren.
Das stößt auf Gegenliebe, weil jeder sich Reichtum wünscht.
Ich empfehle mein Buch über die charismatische Bewegung, dort gehe ich auch auf das Wohlstandsevangelium ein.
Gott segnet manchmal materiell, aber das ist nie das höchste Ziel.
Manchmal schadet Reichtum mehr, als er nützt.
Wer viel besitzt, trägt auch Verantwortung.
Gott wird Rechenschaft fordern, wie du das eingesetzt hast.
Wenn du nur sagst: „Ich habe das Leben genossen“, wird es im Himmel Rüffel geben.
Wir sollen das, was Gott uns gibt – Begabungen, Zeit, Gesundheit, Besitz – für seine Sache einsetzen.
Zur Frage: Gibt es in der Postmoderne noch Atheismus?
Unsere Gesellschaft ist fragmentiert.
Nicht alle sind postmodern.
Viele sind modern, andere sind Kommunisten, Sozialisten.
Die Postmoderne kommt stark aus Europa und Nordamerika, aber nicht alle dort sind postmodern.
Es gibt auch Atheisten, die Einfluss ausüben.
Es gibt atheistische Postmoderne, die oft Gott als Psychotechnik sehen.
Manche nutzen NLP und nennen es Gott.
Es gibt auch reine Atheisten, die nichts mit Postmoderne zu tun haben wollen.
Die Gesellschaft besteht aus verschiedenen Fraktionen, die sich beeinflussen.
Ich habe mich auf die Postmoderne konzentriert, weil sie in den letzten 20 Jahren prägend war.
Zur Frage: Wo holen wir postmoderne Christen ab, um ihnen ein reelles Gottesbild zu vermitteln?
Das hängt davon ab, ob sie in der Familie, Gemeinde, Nachbarschaft oder am anderen Ende der Welt sind.
Wichtig ist, postmoderne Christen nicht als Gegner zu sehen, sondern als Menschen, die Jesus nachfolgen wollen.
Honoriert, wo sie positive biblische Erkenntnisse haben.
Gebt Einblick in euer Leben, denn Postmoderne interessiert sich mehr für Leben als für abstrakte Wahrheiten.
Korrigiert euer eigenes Gottesbild durch Gebet und Bibelstudium.
Lest auch Bibelstellen, die ihr sonst ignoriert.
Fragt bei jedem Text: Was zeigt mir das über Gott?
Das verändert das Gottesbild und wirkt sich im Alltag aus.
Euer Gottesbild bestimmt den Umgang mit anderen Christen.
Stellt Fragen, die zum Nachdenken anregen.
Konfrontiert postmoderne Christen mit der Realität ihres Lebens, besonders bei Leid.
Zeigt, dass es in der Bibel viele Leidende gibt.
Manche hören nicht zu, da sind Grenzen gesetzt.
Dogmatische Diskussionen allein erreichen postmoderne Christen nicht.
Erzählt von eurem Leben, nennt Bibelstellen, die andere Aspekte Gottes zeigen.
Honoriert, wo postmoderne Christen biblisch leben.
Bitte betet, dass Gott ihnen zeigt, dass es mehr Aspekte seiner Persönlichkeit gibt.
Vielen Dank, Michael.
Wir können nicht alle Fragen beantworten.
Wer möchte, kann sich privat an Michael wenden.
Gleich ist Pause.
Bitte sagt, wenn ihr heute Abend nicht zum Essen bleibt, damit nicht zu viel vorbereitet wird.
Wer heute nicht essen will, hebt die Hand.
Die Ordner zählen.
Danke.
Ich wünsche uns eine erholsame Pause.
Wir haben jetzt einen besonderen Teil.
Bisher saßen wir und hörten zu.
Früher gab es Berichte aus Gemeinden.
Wir wollen das jetzt anders machen und Zeugnisse geben.
Zuerst noch einige Informationen.
Morgen Vormittag ist die Gedenkfeier zum 60-jährigen Bestehen.
Sie findet auf Spanisch statt, mit Übersetzung für Nicht-Spanischsprechende.
Bitte Handy und Kopfhörer mitbringen.
Studenten können diese ausleihen.
Das Mittagessen ist spätestens um zwölf Uhr bereit.
Wenn wir vorher fertig sind, stellt euch draußen bereit.
Ein Klingelton bedeutet: „Kommt essen!“
Als Chacenius sind wir es gewohnt, mittags noch etwas zu schlafen.
Hier gibt es keine Betten, aber viel Platz zum Hinlegen.
Wenn jemand zu laut schnarcht, suchen wir eine Lösung.
Jetzt haben wir eine besondere Person, die immer bei den südamerikanischen Konferenzen dabei war.
Diese Person hat heute Geburtstag: Bruder Wilfried Hein aus Uruguay.
Bitte stehen Sie auf!
Wir gratulieren herzlich.
Sie sind uns ein gutes Vorbild.
Können Sie verraten, wie alt Sie heute werden?
77 – schön, danke.
Wir singen ein Geburtstagslied und danach ein Lied zur Einstimmung auf die Zeugnisse.
Das Lied wurde von John Newton geschrieben, kurz nach seiner Bekehrung.
Er war ein Sklavenhändler und ein Zeugnis.
Es wird ein schöner Übergang sein, wenn wir nachher Zeugnisse hören.
In der Gemeindearbeit erleben wir viele wunderbare Dinge, wie Gott wirkt.
Es gibt viele Herausforderungen, auch in Bezug auf Postmoderne.
Wir wollen heute Gelegenheit geben, darüber zu berichten.
Der Apostel Paulus wurde von der Gemeinde ausgesandt.
Am Ende der ersten Missionsreise lesen wir in Apostelgeschichte 14,26-27:
„Und von da fuhren sie mit dem Schiff nach Antiochia, wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren, zu dem Werk, das sie nun ausgerichtet hatten. Als sie ankamen, versammelten sie die Gemeinde und verkündeten, wie viel Gott durch sie getan hatte und wie er den Heiden die Tür des Glaubens geöffnet hatte.“
Sie erzählten, was Gott gemacht hatte.
Dazu wollen wir heute Gelegenheit geben.
Ich bitte, dass die Personen, die etwas mitteilen möchten, nach vorne kommen.
Die Übersetzung wird gemacht.
Wenn ihr von hinten sprecht, können sie nicht übersetzen.
Bitte kommt nach vorne.
Ich habe drei Personen gefragt, die den Anfang machen.
Danach ist Raum für andere.
Wilfried Kran beginnt mit einer kurzen Erfahrung, die ihm Mut gemacht hat.
In der Gemeinde ist es manchmal schwierig, Mitarbeiter zu bekommen.
Manchmal wird man mutlos, wenn man viele fragt und wenig Zusagen bekommt.
In einem Hauskreis erlebte ich ein jüngeres Ehepaar, das aktiv in der Gemeindearbeit ist.
Der Mann sagte: „Seit ich eine Aufgabe in der Gemeinde übernehme, fühle ich mich Teil des Leibes, ich gehöre dazu, ich weiß, welcher mein Platz ist, und ich fühle mich gebraucht.“
Er sagte auch, dass negative Kritik nicht so leicht ist.
Das macht mir Mut, weiter nach Mitarbeitern zu suchen und Menschen auf ihre Gaben anzusprechen.
Als Nächstes spricht Raphael Friesen, Jugendleiter in der Concordia-Gemeinde Asunción.
Pornografie ist eine große Herausforderung bei Jugendlichen.
Ich hatte Mühe, den Statistiken zu glauben, dass 80 % der Jungen und 40 % der Mädchen regelmäßig pornografisches Material konsumieren.
Doch Gespräche mit Jugendlichen bestätigten das.
Wir müssen offener über Sexualität sprechen.
Das darf kein Tabuthema mehr sein.
Es ist unangenehm, aber wir müssen es überwinden.
Eine weitere Herausforderung ist die Informationsflut.
Facebook und andere Medien liefern täglich hunderte Nachrichten.
Längere WhatsApp-Nachrichten werden oft nicht gelesen.
Ich bin in über zehn WhatsApp-Gruppen.
Irgendwann schaltet man ab, weil die Kapazität begrenzt ist.
Ein starkes Gebetsleben zu entwickeln ist schwer, weil es viele Ablenkungen gibt.
Viele Möglichkeiten bieten mehr Spaß als Beten.
Das ist ein Kampf.
Konkurrenz ist groß.
Jugendliche haben viele Angebote.
Unsere Trumpfkarte ist, dass sie die Kraft des Heiligen Geistes erfahren können.
Das Evangelium muss ihnen etwas bringen.
Beziehungen sind wichtiger als Programme.
Ein gutes Programm allein zieht keine Jugendlichen an.
Jugendliche brauchen Menschen, die sich für sie interessieren.
Deshalb legen wir Wert auf Hauskreise und Kleingruppen.
Danke.
Dann spricht Dietmar Kliver aus Brasilien.
Er ist dankbar, an der Konferenz teilzunehmen.
Er konnte nicht alles verstehen, weil es schnell ging.
Vor zwölf Jahren beschäftigte er sich mit dem Thema Postmoderne.
Er findet es wichtig, die Zeit, in der wir leben, zu verstehen.
Er fühlt sich mit vielen Punkten identifiziert.
Es ist schwierig, dass Menschen Verantwortung übernehmen wollen.
Es ist schwer, Glauben weiterzugeben.
Die Zeit des Apostels Paulus war nicht leichter.
Gemeindedisziplin durchzusetzen ist heute schwierig.
Manchmal wird sie als Lieblosigkeit empfunden.
Jugendliche hinterfragen den Glauben.
Das schockiert uns.
Wir müssen uns mit der Welt und anderen Religionen auseinandersetzen.
Wir brauchen Mut, das Gehörte umzusetzen.
Danke, Dietmar.
Nun kommt Bruder Wilfried Hein.
Er war bei den Seminaren in Montevideo von 1957 bis 1959.
Seine Eltern waren am Anfang der Ansiedlung.
Er wurde in Deutschland geboren und kam mit zwölf Jahren nach Paraguay.
Er schätzt die Gnade Gottes, die sie immer wieder erlebt haben.
Er erwähnt die damalige Seminarleitung mit Direktor Nelson Littweiler.
Er unterstützt Beate Pedder de Friesen bei der Dokumentation der Geschichte.
Er ist seit einem Jahr allein, seine Frau ist verstorben.
Sie hatten eine gute Ehe und viele Kinder und Enkel.
Sie sind dankbar, dass alle auf Gottes Wegen wandeln.
Er möchte Mut machen, weiter die Botschaft zu verkündigen.
Psalm 115,1 sagt: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Gnade und Wahrheit willen.“
Er zitiert Lukas 12,54-56, wo Jesus sagt, dass die Menschen die Zeit nicht deuten können.
Das ist heute eine Herausforderung.
Er ist Jugendleiter und fragt, wie man Jugendlichen ein biblisches Gottesbild vermitteln kann.
Das Thema bringt viele Herausforderungen, besonders in der Jugendarbeit.
Niki Wiebe stellt sich vor, Jugendleiter der Manoa-Gemeinde.
Victor Unger aus Brasilien erzählt, wie Gott wirkt.
1999 gab es eine Konferenz in Brasilien, wo man sich nicht einig war.
Sie besuchten Gemeinden in Bolivien, Mexiko, Belize und Paraguay.
Sie erlebten, dass moderne Brasilianer dort nicht passten.
Sie suchten Hilfe in Deutschland.
2000 fuhren sie nach Deutschland und besuchten Gemeinden.
Sie fanden Unterstützung und gründeten Gemeinden.
Heute gibt es sieben Gemeinden mit 40 bis 200 Mitgliedern.
Eine Bibelschule mit 80 Schülern.
Gott wirkt.
Ich komme aus Uruguay und freue mich, bei diesem Kongress dabei zu sein.
Ich war von 1986 bis 1989 Student hier.
Postmoderne ist auch hier ein Thema.
In der Stadt hatten wir andere Erfahrungen als auf dem Land.
Postmoderne kommt auch in die Gemeinden.
Ich freue mich, viele wiederzusehen.
Danke für die Organisation.
Ich möchte fünf Dinge erzählen, die uns in der Gemeinde beschäftigen.
Erstens: Wir haben uns neu besonnen, was unser Auftrag ist.
Wir sind schwach im Zeugnis mit Worten.
Wir fördern das Bewusstsein und die Befähigung, Jünger zu machen.
Zweitens: Seit dreieinhalb Jahren haben wir eine spanische Abteilung mit 60 bis 100 Leuten.
Wir hatten mehrere Taufeste.
Das ist ein Modell, das auch in Paraguay, Brasilien und Uruguay wichtig wird.
Drittens: Wir haben die Leitungsstruktur überarbeitet.
Wir haben einen Ältestenrat mit sieben Personen.
Das bringt Segen, aber auch Herausforderungen.
Nicht alle verstehen das.
Viertens: Wir haben die Wahlordnung überarbeitet.
Demokratie kann in Gemeinden Probleme machen.
Wir wollen Berufungsprozesse, die Berufung durch Gott, Gemeinde und Leitung verbinden.
Das ist ein komplexer Prozess.
Fünftens: Ich bin fast 60, habe acht Mitarbeiter zwischen 22 und 35.
Ich rede viel mit ihnen.
Sie leben nah an der postmodernen Realität.
Ich ermutige ältere Gemeindeleiter, junge Leute einzubeziehen.
Wir sind auf dem Weg und vertrauen Gott.
Nach dem Zeugnis singen wir ein Lied.
Erika Pauls, Direktorin der Fakultät Fidelis in Curitiba, bedankt sich.
Wir sind verschieden wie ein bunter Blumenstrauß.
Wir sind eins in Jesus Christus.
Wir haben viel Arbeit und brauchen Arbeiter.
Wir haben zwei Fakultäten.
Schickt eure jungen Leute zur Ausbildung.
Ich war 30 Jahre in Rio de Janeiro.
Ein Erlebnis: Ich spielte Flöte nachts, als ich nicht nach Hause konnte.
Am nächsten Tag lag ein Brief unter der Tür.
Jemand schrieb, dass meine Musik sein Leben gerettet hat.
Er wollte sich das Leben nehmen, aber die Musik hielt ihn zurück.
Später erfuhr ich, dass sie eine Missionarin war, die zurückkehrte und ihren Dienst erfüllte, bevor sie starb.
Musik ist wichtig.
Geh weiter, gib Liebesworte, sing und spiel.
Danke.
Wir singen: „Würdig das Land, das geopfert wird!“
Er ist würdig, Lobpreis zu empfangen.
Wer möchte weitermachen?
Reinhold Thiessen, Gemeindeleiter in Lamaplata, berichtet.
Er hat viel Jugendarbeit gemacht.
Er war überrascht, wie sehr er selbst postmodern geprägt ist.
Das liegt daran, dass er lange mit Jugendlichen gearbeitet hat.
Heute hat er mehr Probleme, die Gemeinde zu verstehen.
Es ist wichtig, aktuell zu sein und zu wissen, was die Menschen bewegt.
Das Thema ist wichtig für uns.
Ronny Dirksen aus Mernow, Prediger in Weidenfeld, erzählt.
Er studierte in Kanada und hat die Postmoderne dort erlebt.
Er schätzt die biblische Grundlage, die er bekam.
Kanadische Mennoniten sind schon stark postmodern geprägt.
Er arbeitet mit Indianern, die in wenigen Jahren von der Steinzeit in die Postmoderne springen.
Das ist eine Herausforderung.
Er betont die Notwendigkeit von Grenzen in der Theologie.
Er freut sich über Lehrer, die klare biblische Grundlagen vermitteln.
Danke.
Ich danke allen für ihre Mitteilungen.
Unser Gott ist groß und wirkt viel.
Wir wollen das nicht nur in dieser Stunde erzählen, sondern auch draußen bei Gesprächen.
Ich spreche ein Gebet, das auch das Tischgebet ist.
Vater im Himmel, wir loben und preisen dich für deine Gegenwart und Werke.
Danke, dass wir dich Vater nennen dürfen und deine Kinder sind.
Du kennst jeden von uns beim Namen.
Du gibst uns Aufgaben.
Hilf uns, diese nicht als Last zu sehen, sondern mit Freude und Mut zu erfüllen.
Danke für diesen Vormittag.
Segne unsere Gemeinschaft und die Speise.
Hilf uns, uns deinem Willen zu unterstellen.
Amen.
Der Herr segne euch.
Einführung in das Thema: Postmoderne und Gottesbild
Ich bitte dich, schon nach vorne zu kommen. Das Thema heute Morgen lautet „Postmoderne und Gott“. Es gefällt mir immer wieder, wie Michael das Thema der Postmoderne mit dem Neuen Testament verbindet. Dabei merken wir, dass es gewisse Parallelen gibt zwischen dem, was wir heute erleben, und dem, was die ersten Christen oder sogar die Christen in den ersten Jahrhunderten erlebt haben.
In diesen Tagen bin ich auf ein Zitat von Quintus Aurelius Symmachus gestoßen. Er lebte von 345 bis 402 und war ein antiker römischer Staatsmann. Symmachus wehrte sich gegen den Einfluss des christlichen Glaubens. Sein Einwand gegen den christlichen Glauben klingt fast postmodern. Er verteidigte die römischen Staatsgottheiten mit der Begründung, dass das religiöse Geheimnis, das Geheimnis Gottes, so groß und gleichzeitig so dunkel für den Menschen sei, dass es viele verschiedene Wege zu Gott geben könne.
Es gibt also viele Wege, so seine Ansicht. Er sagte, man könne nicht auf nur einem Weg zu einem so großen Geheimnis gelangen. Die Antwort der Christen war ziemlich einfach: Es gibt nicht viele Wege, sondern nur zwei Wege. Einmal den schmalen Weg zu Gott und dann den großen, breiten Weg, der alle anderen Religionen umfasst. Diese anderen Wege führen nicht zu Gott.
Das war die Antwort der Christen im Neuen Testament und in den ersten Jahrhunderten. Ich freue mich darauf, jetzt mehr darüber zu lernen, wie wir in der Postmoderne Gott predigen können.
Jesus Christus und die Bergpredigt als Grundlage
Jesus ist uns heute vor allem deshalb in Erinnerung, weil er am Kreuz von Golgatha gestorben ist und anschließend wieder auferstanden ist.
Darüber hinaus erinnern wir uns auch daran, dass er zu Lebzeiten viele Wunder vollbracht hat. Diese Berichte lesen wir gerne, und wir gehen davon aus, dass es derselbe Jesus Christus ist, der auch heute noch unser Herr ist.
Jesus ist uns außerdem durch seine Reden bekannt, die er gehalten hat. Die bekannteste unter ihnen ist die Bergpredigt. Wo genau sie stattgefunden hat, wissen wir heute nicht mit Sicherheit. Die meisten vermuten, dass es am Nordrand des Sees Genezareth war. Dort wurde sogar eine Kirche errichtet, die Kirche der Seligpreisungen, die an diesen Ort erinnert, an dem Jesus die Bergpredigt gehalten haben soll.
Auch wenn der genaue Ort vielleicht ein paar Kilometer abweicht, wissen wir, dass Jesus dort gepredigt hat und gesprochen hat. In der Bergpredigt hat er vieles gebündelt, was er den Menschen vermitteln wollte. Es sind viele Aussagen enthalten, die wahrscheinlich viele von uns bis heute auswendig kennen.
Ich möchte jetzt einen dieser Abschnitte vorlesen, von dem ich ausgehe, dass ihn viele auswendig können. Diesen Abschnitt möchte ich vorlesen und anschließend einige Worte dazu sagen.
Wir finden ihn im Matthäusevangelium, Kapitel 6. Dort beginnt Jesus mit einigen Ausführungen zum richtigen Beten. Er erwähnt, dass es damals einige Menschen gab – und ich glaube, das ist heute nicht grundlegend anders – die versuchten, Gott durch viele Worte auf ihre Seite zu ziehen. Es gab zum Beispiel Leute, die durch Gebete den Eindruck von Frömmigkeit vor anderen erwecken wollten. Auch das war damals üblich, und auch heute gibt es das noch.
Nachdem Jesus diese Art des Betens zurückweist und sagt, dass das nicht die richtige Weise ist, mit Gott umzugehen, lehrt er seine Jünger das Vaterunser.
In Matthäus 6, ab Vers 8 heißt es: „Darin sollt ihr ihnen nicht gleichen; denn euer himmlischer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn darum bittet.“
Deshalb sollt ihr auf diese Weise beten:
„Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Gib uns heute unser tägliches Brot
und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern errette uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“
Gottesbild und Herausforderungen in der Postmoderne
Wenn wir über Gott nachdenken, stehen wir vor mehreren Herausforderungen. Zum einen können wir Gott nicht direkt sehen. Ein Besuch bei Gott ist nicht möglich. Dennoch sagt uns die Bibel, dass Gott uns ganz nahe ist. Menschen spüren das auch. In der Bibel finden wir Aussagen, dass Gott jedem Menschen nahe ist und dass Gott die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gepflanzt hat. Im Römerbrief 1 wird beschrieben, dass das Gewissen des Menschen und die Natur bezeugen, dass es einen Gott gibt.
Auf der anderen Seite ist Gott für uns relativ fern, weil wir ihn nicht direkt sehen können. Kein Mensch hat Gott in seiner himmlischen Herrlichkeit gesehen. Deshalb sind wir als Menschen darauf angewiesen, uns Gottesbilder zu schaffen. Wenn ich eine kleine Pause machen würde – was ich jetzt nicht tue – und euch Zeit gäbe, wie stellt ihr euch Gott eigentlich vor? Besonders bei Kindern ist das interessant: Sie malen oft ein übergroßes Wesen oder, je nach Prägung, einen alten Mann auf einem Thron in den Wolken. Im Mittelalter wurde manchmal einfach ein Dreieck in die Wolken gemalt, um zu zeigen, dass Gott eigentlich nicht darstellbar ist. Für Muslime ist es bis heute streng verboten, sich ein Bild von Gott zu machen.
Ich meine dabei nicht nur äußere Gottesbilder, wie Statuen oder Gemälde, sondern unsere inneren Gottesbilder. Wie stellst du dir Gott innerlich vor? Bei manchen ist da große Leere, bei anderen kommen eigene Erfahrungen oder Bibelverse ins Spiel. Wir merken, dass es schwierig ist, uns etwas vorzustellen, was wir nie gesehen haben.
Es gibt verschiedene Wege, zu einem Gottesbild zu gelangen. Ein Weg, den Religionskritiker des 19. Jahrhunderts wie Ludwig Feuerbach kritisierten, ist, dass der Mensch sich Gott als Projektion seiner eigenen Wünsche vorstellt. Das passiert häufig in anderen Religionen, aber auch manchmal in christlichen Kreisen. Man stellt sich ein ideales Wesen vor, so wie man es sich wünscht, nennt es Gott und betet es an. Das ist im Grunde genommen Abgötterei, denn es ist ein von Menschen geschaffenes Bild.
Ich erlebe oft, dass Menschen, egal ob Christen oder Nichtchristen, sagen: „Wenn Gott so oder so ist, dann glaube ich nicht an ihn.“ Sie versuchen, Gott nach ihren Bedürfnissen zu gestalten, als ob Gott von unserer Vorstellung abhängig wäre. Dabei ist Gott völlig unabhängig. Es sollte darum gehen, dass wir unser Bild von Gott korrigieren lassen, statt Gott vorzuschreiben, sich unserem Bild anzupassen.
Manche Menschen übernehmen auch einfach das Gottesbild einer Gemeinschaft, weil sie es attraktiv finden. Wenn man durch verschiedene christliche Kreise, Sekten oder fremde Religionen geht, merkt man, dass jede Gruppe ein spezifisches Gottesbild vertritt. Im Islam ist es zum Beispiel der absolut Heilige, der unnahbare und mächtige Gott, dem sich der Muslim unterwirft. Jede Religion und jede Sekte hat ihr eigenes Gottesbild.
Auch diese Vorgehensweise ist problematisch, denn man übernimmt einfach ein Bild, das andere entworfen haben, ohne Garantie, dass es die Realität beschreibt. Deshalb schlage ich vor, dass wir uns von Gott selbst sagen lassen, wer er ist. Gott weiß am besten, wer er ist. Wenn wir wirklich wissen wollen, wie er ist, sind wir auf seine Worte angewiesen. Wie könnten wir sonst etwas von Gott erfahren?
Manche verwechseln ihr Bauchgefühl, das Reden anderer Menschen oder ihre Erfahrungen mit Gott. Das sind im besten Fall Spuren Gottes, im schlechtesten Fall haben sie gar nichts mit Gott zu tun. Wir können Gott nur begreifen, wenn wir darauf schauen, wie er sich uns selbst mitteilt. Wenn Gott keinen Kontakt mit uns Menschen haben wollte, hätten wir keine Chance, ihn zu erkennen. Er könnte sich irgendwo in einer anderen Galaxie verstecken, und wir würden nichts von ihm wissen.
Gott, wie wir ihn in der Bibel kennen, ist Geist und könnte hier gegenwärtig sein, aber wenn er keine Lust auf die Menschen hätte, würde er sich nicht zeigen. Deshalb müssen wir uns an das halten, was Gott von sich selbst mitteilt.
Ich habe den Eindruck, dass gerade im Vaterunser viel davon steckt, wie Gott ist und wer Gott ist. Darauf möchte ich nun eingehen und danach skizzieren, wie die Gottesvorstellungen der Postmoderne aussehen. Wir wollen diese miteinander vergleichen und Schlussfolgerungen ziehen, wie wir ein möglichst korrektes und zutreffendes Bild von Gott haben und leben können.
Das Vaterunser beginnt mit dem Begriff „Vater“. Hier steckt etwas Besonderes drin: Gott teilt sich uns als Vater mit. Allerdings nicht als Vater für jeden, denn Jesus spricht hier zu seinen Jüngern, zu denen, die Gott nachfolgen wollen und Kinder Gottes geworden sind. In manchen Religionen, zum Beispiel im Hinduismus, ist man von Geburt an Kind Gottes, das macht aber keinen Unterschied im Leben. Die Bibel zeigt uns etwas anderes.
Gott ist dein Schöpfer, aber du bist nicht automatisch sein Kind. Du bist von Geburt an Geschöpf Gottes, aber Kind wirst du erst durch deine Zusage, dass du sein Kind werden willst. Gott zwingt dich nicht dazu, er lässt dir die Wahl. Manche Menschen leben ihr Leben in einer Gemeinde, aber Gott bleibt für sie nur Schöpfer und Richter, weil sie diesen Schritt nie getan haben.
Jesus spricht mit Nikodemus über die Neugeburt, die Voraussetzung dafür ist, Kinder Gottes zu werden. Das geschieht nicht durch Regeln, Zeremonien oder Gemeindemitgliedschaft, sondern einzig dadurch, dass man sein Leben Gott ausliefert, eine Bankrotterklärung abgibt und sagt: Ich schaffe es nicht allein, ich brauche dich. Dann schenkt Gott neues Leben.
Dieses neue Leben ist äußerlich nicht sichtbar. Niemand trägt einen Heiligenschein, wie man es aus mittelalterlichen Darstellungen kennt. Manche Esoteriker sprechen von einer Aura, aber das ist Spekulation. Heilige Grenzen werden in der Bibel kaum erwähnt, höchstens bei Mose, dessen Angesicht leuchtete.
Wenn du neugeboren bist, hast du den Heiligen Geist empfangen, der etwas Neues in dir beginnt. Wenn dein alter Körper stirbt – und darauf können wir uns freuen –, bekommst du einen neuen Körper und wirst in der Ewigkeit Gottes sein. Dann wird der Veränderungsprozess vollendet sein. Wenn du diesen begonnen hast, darfst du zu Gott Vater sagen.
Welches Gottesbild sollen Christen haben? Er ist unser himmlischer Vater. Dabei müssen wir klären, was wir unter Vater verstehen, denn es gibt viele unterschiedliche Vaterbilder. Manche Väter sind Monarchen, manche abwesend, manche sind heute eher Kuschelfederväter. Das Bild „Vater“ allein genügt nicht; wir müssen genauer hinschauen, damit wir Gott nicht zu sehr mit irdischen Vätern verwechseln.
Deshalb heißt es „Unser Vater, der du bist im Himmel“. Der himmlische Vater ist anders als unser irdischer Vater. Er ist nicht unser Vater, weil er uns biologisch geboren hat, wie manche Mormonen glauben, die an eine göttliche Mutter und viele Geistkinder glauben. Nein, im Himmel gibt es nur den himmlischen Vater, der uns gewollt hat, geschaffen hat, begleitet und retten will.
„Vater“ drückt aus, dass Gott uns sehr nahekommt und wir zu seiner Familie gehören. Die Bindungen zwischen Eltern und Kindern sind die intensivsten auf der Erde, so können wir auch eine intensive Beziehung zu Gott haben, die nicht distanziert ist.
Das zweite, was im Vaterunser steht, ist „unser Vater“, nicht „mein Vater“. Jesus sieht von Anfang an, dass wir nicht individualistisch Gott gegenüberstehen, sondern dass Gott viele Kinder hat, durch Generationen und kirchliche Geschichte hindurch. Wir gehören zusammen, haben einen gemeinsamen Vater.
Das bedeutet auch, dass wir im Austausch miteinander unser Bild von Gott ergänzen können, denn jeder bringt eigene Erkenntnis und Erfahrung mit.
Weiter heißt es: „Geheiligt werde dein Name!“ Im Hebräischen steht der Name für die ganze Person. Es geht nicht nur darum, den Namen nicht auszusprechen, wie manche Juden es tun, oder ihn zu segnen, wie Muslime, sondern die Person Gottes zu heiligen. Der Gott, an den wir glauben, ist nicht nur Teil unseres Alltags, er ist etwas Besonderes. Heilig bedeutet ausgesondert.
Heilige Geräte in der Stiftshütte und im Tempel durften nur für Opfer benutzt werden, nicht für alltägliche Zwecke. So will Gott auch sein: Er kommt uns nahe als Vater, ist aber gleichzeitig heilig. Das sollen wir uns bewusst machen.
„Geheiligt werde dein Name“ ist ein Gebet, dass Gott sich selbst heiligt, weil das seiner Person entspricht.
„Dein Reich komme!“ Hier wird deutlich, dass Gott nicht nur Vater an unserer Seite ist, sondern Herr aller Herren, König aller Könige, wie wir in der Offenbarung lesen. Das Reich ist kein Territorium, sondern ein geistliches Reich, das auch die Ewigkeit umfasst.
Jesus wird tausend Jahre auf der Erde herrschen; auch das ist Reich Gottes. Es ist nicht nur irdisch, sondern auch in unserem Leben. Gott will Herrscher sein, denn es ist nicht dein Reich, sondern Gottes Reich, in dem du ein Teil bist.
In einem Reich bestimmt der Herrscher die Regeln, nicht die Mitglieder. Wir wünschen uns, dass Gottes Reich auf der Erde sich ausbreitet. Wir können dazu beitragen, aber wir sollen nicht versuchen, unser eigenes Glücksreich auf Erden zu errichten.
Das war oft der Grund für Unglück, wenn Menschen das Jenseits ins Diesseits ziehen wollten, wie beim Kommunismus. Der klang gut, aber endete meist in Gewalt, weil Gleichheit erzwungen wurde.
Wir sollen nicht unser Konzept von Himmel und Reich Gottes aufbauen, sondern Gottes Konzept suchen und darauf vertrauen, dass er das Reich aufrichtet. Das tut er nicht primär durch soziale oder politische Konzepte, sondern zuerst, wenn wir beten: „Dein Reich komme!“
Das bedeutet, wenn Gott in deinem Herzen regiert und bestimmt, bist du Teil seines Reiches.
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“ Im Himmel geschieht Gottes Wille unumschränkt. Auf der Erde geschieht er nicht immer unmittelbar, weil Gottes Wille oft ein Appell ist, dem wir uns unterordnen sollen.
Wenn Gott sagt: „Du sollst nicht lügen“, heißt das nicht, dass du plötzlich nicht mehr lügen kannst. Gott lässt dir die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, aber zwingt sie nicht.
Wenn wir beten „Dein Wille geschehe“, unterstellen wir uns bewusst Gottes Willen. Das klingt gut in Liedern, ist aber im Alltag schwer. Viele singen es, leben aber nach eigenem Willen. Das ist unehrlich.
Manche postmodernen Christen beten „Dein Wille geschehe“ und meinen eigentlich „Mein Wille geschehe“. Sie suchen Methoden, Gott umzubiegen, damit er ihren Willen versteht. Das ist ein Irrtum.
Der postmoderne Mensch dreht sich oft nur um sich selbst, seine Bedürfnisse und Gefühle. Gott ist aber das Zentrum der Weltgeschichte, nicht wir. Luther sagte einmal, wir sind nur „Madensack“. In 50 Jahren werden wir nicht mehr hier sein, und die Frage ist, warum wir uns hier und jetzt so sehr um uns selbst drehen.
Das ist die Postmoderne: die Postmoderne der Bedürfnisse. Was brauche ich? Was tut mir gut?
Das kann religiös oder nicht religiös sein. Auch in Gemeinden fragen viele nur: Was bringt mir die Gemeinde? Wenn sie nichts bringt, suchen sie eine andere. Dabei wäre die wichtige Frage: Was bringst du der Gemeinde?
Genauso bei Gott: Was bringt mir Gott? Was ist dein Angebot? Ein Sonderangebot „zehn Wunder auf einmal“? So funktioniert es nicht. Wir sollen Gott dienen, nicht er uns.
Paulus beschreibt sich oft als Sklave (Doulos) Gottes, nicht als freier Bürger. Wir sind freigekauft, aber immer noch Sklaven Gottes – zum Glück einen liebevollen Sklavenhalter.
Wir können gar nicht ohne Gott leben, selbst wenn wir es wollten. Gott lässt die Sonne über Gerechte und Ungerechte aufgehen. Er schenkt uns das Leben.
Wir sollten nicht gottlos leben wollen. Wir müssen immer wieder wollen, dass Gottes Wille geschehe, und nicht Gott nur in unser Leben ziehen, damit es glücklicher wird.
Der postmoderne Mensch will sein Leben gestalten, Gott nur als spirituelle Verschönerung, als Horizonterweiterung oder Genusssteigerung.
Das ist nicht der Gott der Bibel. Der Gott der Bibel möchte, dass wir unseren Willen bewusst unter seinen Willen stellen. Das zeigt sich im Alltag, in der Zeiteinteilung, Lebensplanung, im Umgang mit anderen Menschen und in der Verwendung unseres Geldes.
Wir sollen nicht nur sagen: „Gott, wenn du willst, greif ein, sonst mache ich, was ich will“, sondern konkret beten: „Dein Wille geschehe hier auf der Erde“, im großen Maßstab und im eigenen Leben.
Viele sagen: „Ich will die Welt retten, aber nicht heute.“ Wir sollen heute unseren Willen Gottes tun, hier und jetzt.
Gott erhebt Anspruch, dass sein Wille im Himmel und auf Erden gilt, auch in deinem Leben.
Dann folgt im Vaterunser: „Gib uns unser tägliches Brot!“
Die meisten wären mit etwas Brot nicht zufrieden. In manchen Ländern reicht eine Schüssel Reis oder Maniok, aber wir wären nicht zufrieden.
Martin Luther erklärte „unser tägliches Brot“ als alles, was wir zum Leben unbedingt brauchen, und zählt auf, was das sein kann.
Es geht um notwendige körperliche Bedürfnisse, nicht um Luxus. Jesus konzentriert sich bewusst auf das Lebensnotwendige.
Viele Jünger hatten keinen Reichtum, und oft schadet Luxus mehr, als er nützt, weil er die Seele bindet.
Jesus warnt: Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden an seiner Seele nimmt?
Wenn die Jünger fragen, wie das Reich Gottes kommen kann, ist Reichtum oft ein Hindernis.
Je mehr wir besitzen, desto mehr sind wir gebunden.
Wir beten um das Grundsätzliche und erkennen, dass Gott ein Gott der Versorgung ist.
Gott sagt nicht: „Hilf dir selbst, dann helfe ich dir“, sondern er greift in unser Leben ein und versorgt uns mit dem Lebensnotwendigen.
Das ist wichtig, besonders wenn Gott nur noch am Sonntag oder für geistliche Dinge angesprochen wird.
Vielleicht denkst du, du brauchst Gott nicht, das machst du alles selbst. Das ist Selbstüberhöhung.
Dann könnte Gott dir alles wegnehmen, damit du merkst, was du wirklich kannst.
Schon unsere Gesundheit nehmen wir als selbstverständlich hin, aber Gott erhält sie.
Auch der Frieden in unserem Land ist zerbrechlich.
Wir sind immer von Gott abhängig, auch wenn wir es nicht täglich sehen.
Gott will, dass wir ihn als Versorger erkennen.
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“
Manche fragen, wie Christen das beten können, da unsere Schuld doch vergeben sei.
Unsere ewige Schuld ist vergeben, aber die täglichen Schuldlasten müssen wir immer wieder bekennen und um Vergebung bitten.
Ich bin schon lange Christ, aber sündlos bin ich nicht geblieben.
Wir brauchen immer wieder das Kommen zu Jesus und die Bitte um Vergebung.
Gott ist ein Gott, der Schuld vergibt – das ist exklusiv im Vergleich zu den meisten anderen Religionen.
Dort muss man Schuld selbst abbüßen oder durch gute Taten Gott gnädig stimmen.
Wir können zu Jesus kommen, wenn wir versagen, ohne uns zu verstecken.
Das ist etwas Besonderes.
Dann ist Gott ein Gott, der uns vom Bösen erretten kann.
Theologen sind sich nicht ganz einig, ob das Böse allgemein gemeint ist, die Sünde oder der Teufel dahinter.
Für uns ist entscheidend, dass Gott uns beistehen will, wenn wir unter Druck oder Anfechtung stehen.
Gott kann uns erlösen von Leiden, Angriffen oder Mobbing.
Wir können mit allem zu Gott kommen; er hört zu und kann eingreifen.
Wir bitten ihn auch, uns von Versuchungen zu befreien.
Am Ende wird Gott als Herrscher beschrieben, der Kraft, Herrlichkeit und Ewigkeit besitzt.
Das zeigt uns, dass Gott weit über unsere Vorstellung hinausgeht.
Wenn wir einen Gott haben, der Schuld vergibt, uns versorgt und beisteht, dann ist er auch kompetent genug, weil er Herrscher des Universums und ewig ist.
Das, was wir hier gelesen haben, ist nicht die ganze Theologie, sondern ein Ausschnitt, der von Jesus selbst gelehrt wurde.
Ich möchte das nun auf die Situation der Postmoderne anwenden.
Viele postmoderne Menschen wollen von Gott gar nichts wissen.
In der Postmoderne ist Gott nicht überall präsent, viele bauen ihr Leben ohne Gott auf.
Eine Strömung der Postmoderne, der Konstruktivismus, geht davon aus, dass es keine neutrale Beschreibung der Welt oder Gottes gibt.
Jeder entwirft sich seine eigene Welt.
So hat Gott keinen Platz, höchstens als Dekoration.
Es gibt auch postmoderne Christen, die an Gott glauben, aber sehr individualistisch.
In der Postmoderne gibt es keine feste Wahrheit.
Jeder hat seine eigene Wahrheit.
Auch das Bibellesen ist subjektiv.
Es geht nicht mehr um dogmatische Korrektheit, sondern darum, was jeder gerade denkt.
Gott wird als Kraft empfunden, nicht als Person.
Eine Kraft kann man für eigene Zwecke nutzen.
Das entspricht Vorstellungen aus Schamanismus, Daoismus, Konfuzianismus.
Diese Kraft ist neutral, keine Person dahinter.
Gott zeigt sich dem postmodernen Menschen vor allem durch Gefühle.
Rationale Erklärungen sind für Beruf und Wissenschaft zuständig.
Gott ergänzt das, was man nicht rational erfassen kann.
Gott ist ein nutzbarer Gott, der etwas bringt, was man braucht.
Vor allem ein Gott der Liebe, wobei Liebe unterschiedlich definiert wird.
Gott wird als Partner gesehen, der sich je nach Lebensphase verändert.
Gott ist erlebbar, vielleicht Berater, aber nicht mehr.
Der Mensch steht im Mittelpunkt.
Postmoderne sind offen für Vermischung verschiedener Gottesvorstellungen.
Man mischt Ideen aus Christentum, Hinduismus, Buddhismus, weil es bereichernd ist.
Diese Patchwork-Religiosität hat Stärken: Sie setzt sich gegen dogmatische Vorstellungen ab.
Sie berücksichtigt, dass Gott nie ganz fassbar ist.
Wer meint, Gott in der Tasche zu haben, hat den falschen Gott.
Karl Barth sagte: Gott ist im Himmel, du bist auf Erden.
Gott ist eine riesige Kluft entfernt.
Wer meint, Gott vollkommen zu verstehen, irrt.
Wir begreifen Gott nur teilweise, so weit unser Verstand und Offenbarung reicht.
Auch in der Bibel wird gesagt, niemand hat Gott je gesehen.
Menschen haben Jesus gesehen und Manifestationen Gottes, aber nur Jesus ist der eingeborene Sohn.
Wir sollten vorsichtig sein mit Festlegungen.
Die Postmoderne lehrt uns, dass Gott größer ist als unsere Vorstellungen.
Anselm von Canterbury definierte Gott als „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“.
Wir können Gott nur annähernd denken.
Wir müssen uns an das halten, was Gott uns offenbart hat.
Unser Verstand reicht nicht aus, Gottes Weisheit und Größe zu erfassen.
Wir wissen etwas von Gott, aber nicht alles.
Das andere gibt es nur bei Gott in der Ewigkeit.
Gott will erfahrbar sein, das ist auch in der Postmoderne wichtig.
Glauben ist ein Beziehungsbegriff, nicht nur bloses Fürwahrhalten.
Glaube bedeutet Vertrauen, das sich in Taten zeigt.
Jakobus sagt: „Der Glaube ohne Werke ist tot.“
Wenn du deiner Frau nicht vertraust, zeigen deine Taten das.
Genauso bei Gott: Wenn du genauso lebst wie ein Ungläubiger, vertraust du Gott nicht.
Die Postmoderne betont, dass Glaube sich im Leben bewähren muss.
Der Postmoderne legt zu viel Wert auf Erfahrungen und Gefühle, das ist nicht biblisch.
Wir müssen die Herausforderung spüren, dass Gott eine Person ist, die unser Leben verändert.
Das betont die Postmoderne zu Recht.
Ein postmoderner Mensch will logische Antworten.
Das ist zu allen Zeiten so.
Man kann trefflich über Leid und Gott diskutieren.
Aber wenn du selbst leidest, muss sich das existenziell bewähren.
Darauf weist die Postmoderne zurecht hin.
Nicht nur Begriffe, sondern Erfahrbarkeit und Leben sind wichtig.
Der Postmoderne legt zu viel Wert auf Gefühle, der Christ aus der Moderne kann daraus lernen.
Postmoderne Gottesbilder sind an manchen Stellen falsch.
Postmoderne Christen wollen Gott in Feiern, Anbetung und Wundern erfahren.
Die Anbetung hat oft nicht Gott, sondern das eigene Ich im Zentrum.
Man erkennt das an der Musik, die ausgesucht wird.
Kaum jemand fragt: Welche Musik gefällt Gott?
Wenn du nur Musik wählst, die dir gefällt, geht es oft um Spaß, nicht um Gott.
Das ist postmodern, alles dreht sich um mich.
Viele wollen Wunder erleben, weil es ein tolles Erlebnis ist.
Gott tut Wunder, aber um sich zu verherrlichen, nicht als Show oder zur Unterhaltung.
Postmoderne Menschen drehen sich so stark um sich, dass Gott nur Zulieferer für Gefühle ist.
Das ist ein Schwachpunkt postmoderner Gottesvorstellungen.
Unsere Gottesvorstellung bestimmt unser Handeln.
Wenn du Gott nur als Mensch siehst, verzweifelst du leichter in schweren Zeiten.
Ein Mensch kann dir nicht wirklich helfen.
Der Vorteil ist, er kommt dir nahe.
Manche sehen nur Jesus als Mensch, andere nur als Gott.
Beides ist Teil der Wahrheit.
Wenn du nur das Göttliche siehst, fühlst du dich schuldig und unheilig.
Das kann zu Distanz führen.
Wichtig ist, beides zusammen zu sehen und zu erfahren.
Gott als Mensch, der uns nahekommt, und Gott als majestätischer Herrscher.
Das braucht der postmoderne Mensch.
Manche sehen Gott nur als Erlebnis.
Leben mit Gott bringt Erlebnisse, aber Gott erschöpft sich nicht darin.
Dann kann man nicht mehr unterscheiden, ob ein Erlebnis von Gott kommt.
Postmoderne Menschen sehen oft überall Gottes Wirken, auch wo keines ist.
Ein weltweit viel gelesenes Buch postmoderner Frömmigkeit ist „Ein Kurs in Wundern“.
Es klingt christlich, ist es aber nicht.
Es mischt viele Religionen.
Der Kurs lehrt, überall Wunder Gottes zu erkennen.
Das Ziel ist nicht, Gott zu erkennen, sondern ein gutes Gefühl zu haben.
Man interpretiert Alltägliches als Wunder.
Ich bin offen für Wunder, aber vieles läuft einfach so.
Nicht alles ist übernatürliches Eingreifen Gottes.
Es gibt auch Menschen, für die Gott nur ein Konzept ist.
Sie können endlos darüber streiten.
Das ist gut, wir haben dogmatische Abhandlungen in der Bibel.
Aber das allein reicht nicht.
Wir brauchen eine gegenseitige Ergänzung von Moderne und Postmoderne.
Gott beschreibt sich in der Bibel konkret.
Wir können Eigenschaften sammeln und definieren.
Wir können Gott auch erfahren.
Je nachdem, ob wir zu sehr auf der einen oder anderen Seite sind, müssen wir nachjustieren.
Was wir jetzt brauchen, ist, postmodernen Menschen zu helfen, die andere Seite Gottes zu erkennen.
Viele kommen in eine Krise, wenn sie Leid erleben.
Ein Gott, der nur mein Kumpel ist und mir Glücksgefühle gibt, hilft nicht bei Krebs.
Dann kommt oft der Zusammenbruch.
Wir kennen einen Gott, der auch Leiden zulässt und manchmal schickt.
Wir brauchen eine Theologie des Leidens, nicht nur der Gesundheit.
Leiden war in der Bibel immer ein Kennzeichen der Frommen.
Jesus sagt: „Selig seid ihr, wenn man euch verfolgt.“
Die Jünger wurden verfolgt und starben oft gewaltsam.
Paulus rühmt sich seines Leidens.
Wir brauchen eine Theologie des Leidens, die uns hilft, geistlichen Zusammenbruch zu vermeiden.
Gott gibt uns manchmal Leid, um uns zu lehren.
Der postmoderne Gott stößt an Grenzen.
Man versucht, das Leiden schnell wegzubekommen, aber das passiert nicht.
Der Gott der Bibel liebt uns und gibt uns manchmal Leid.
Der postmoderne Gott ist nur schönwettertauglich.
Leiden, Verzweiflung, Krankheit und Alter sind Teile des Lebens, in denen Gott da ist.
Dasein heißt nicht, alles wegzunehmen, sondern bei uns zu sein.
Das brauchen wir in der Postmoderne.
Wir brauchen auch eine apologetische Initiative, um Gott zu verteidigen und zu begreifen.
So können wir unterscheiden, was von Gott ist und was nicht.
Postmoderne Menschen verwechseln oft ihre religiösen Gefühle mit Gottes Stimme.
Wir müssen ihnen helfen, zu unterscheiden.
Das ist schwierig und führt oft zu Zickzackkursen.
Wir sollten das auch in unserem Leben umsetzen.
Gefühle und Emotionen gehören zum Leben mit Gott.
Gottesdienste ohne Gefühle sind nicht normal.
Ich spreche als jemand, der als typisch gefühllos gilt.
Wir müssen lernen, Gefühle und Erfahrungen mit Gott zuzulassen, aber nicht als Zentrum.
Wir dürfen nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen.
Gott ist der liebende Vater.
Manchmal bin ich genervt, wenn jemand Gott immer „Papi“ nennt.
Ich habe ihm gesagt, dass im Neuen Testament die häufigste Anrede „Kyrios“ ist, der Herrscher.
Das gefällt manchen postmodernen Menschen nicht.
Sie wählen aus, was ihnen passt.
Gott als Herrscher fühlt sich nicht gut an.
Gott als „Papi“ ist nett, aber unvollständig.
Wir brauchen beides.
Wir sollten uns als Christen immer wieder die Ewigkeit vor Augen halten.
Das größte Problem der Postmoderne ist, dass sie die Ewigkeit vergisst.
Ewigkeit spielt kaum eine Rolle.
Gott muss hier und jetzt nutzbar sein.
Wir sollten den Blick in die Ewigkeit nicht verlieren.
Hier möchte ich aufhören und Raum für Fragen geben.
Ich hoffe, ihr konntet einige Gedanken mitnehmen.
Erweitert euer Gottesbild aufgrund der Offenbarung Gottes.
Wenn du postmodern geprägt bist, nimm die Aspekte, die die Postmoderne korrigieren.
Wenn du modern geprägt bist, nimm die postmodernen Elemente, die Gottes Wesen entsprechen.
Vielen Dank.
Eine erste Frage lautet: Kommt das Leid der Krankheit immer vom Bösen oder kann es auch von Gott kommen? Muss Gott immer heilen, wenn ich darum bete?
Das ist ein großes Thema, ich versuche es kurz zu machen.
Leiden und Krankheit kommen nicht immer vom Teufel.
Es gibt Beispiele in der Bibel, wo Gott direkt Leiden und Krankheit schickt, z. B. Miriam mit Aussatz (4. Mose 12), oder Krankheit bei denen, die das Abendmahl nicht unterscheiden (1. Korinther 11,27-30).
Gott schickt Krankheit.
Der Irrtum postmoderner Menschen ist, dass Gott immer nur für unser Wohlgefühl sorgen muss.
Der Gott der Bibel hat eine größere Perspektive.
Er sieht, ob etwas für dich und dein Umfeld richtig ist.
Manchmal schickt er Krankheit, um dich zu segnen.
Du musst sie nicht immer traurig sehen, sondern als Gottes Wirken.
Es gibt auch Krankheiten vom Teufel, die quälen sollen.
Manchmal ist Krankheit Folge der gefallenen Welt.
Es gibt unterschiedliche Ursachen.
Wenn wir nicht wissen, woher Krankheit kommt, bitten wir Gott kindlich: „Nimm sie weg!“
Wenn Gott nicht tut, sollten wir beten: „Herr, zeig mir, was ich lernen soll.“
Gott nutzt oft unangenehme Dinge zum Lernen.
In Israel führte Wohlstand oft zu Abgötterei und Krieg.
Gott liebt uns und mutet uns manchmal Krankheit zu.
Ein Gott, der nur Glücksgefühle schenkt, wäre eine Affenliebe.
Das wäre keine echte Liebe, wie bei Kindern, die immer nur bekommen, was sie wollen.
Muss Gott immer Krankheiten wegnehmen?
Gott tut das auch heute.
Ich habe es erlebt bei mir, bei Kindern und anderen.
Gebetserhörungen gibt es.
Aber wir beten wie Jesus im Garten: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“
Wir wissen oft nicht, was Gott mit Krankheit will.
Wenn wir Gesundheit wünschen, dürfen wir das sagen.
Aber wir müssen auch bereit sein, Gottes Nein zu akzeptieren.
Wir beten im Glauben, aber unterordnen uns Gottes Willen.
Wann beginnt und endet die Postmoderne?
Das kann niemand genau sagen.
Sie begann schleichend, nicht mit einem Datum.
Man setzt sie meist in den späten 1960er Jahren an.
Damals gab es Umbrüche an Universitäten.
Die Postmoderne verbreitete sich ab den 1990er Jahren bei Intellektuellen, Künstlern und Politikern.
Sie ist ins Alltagsleben eingeflossen.
Jugendliche sind stärker geprägt, weil sie mehr davon mitbekommen haben.
Ältere Menschen sind oft weniger stark beeinflusst.
Die Postmoderne ist nicht prinzipiell böse, aber einseitig.
Manche Philosophen sehen sie als Übergangsphase.
In der Spätantike gab es auch postmoderne Gedanken.
Nach der Postmoderne könnte eine neue Ideologie kommen.
Manche junge Menschen suchen heute wieder das Extreme.
Das ist auch nicht besser.
Postmoderne Menschen drücken sich anders aus, aber wollen oft Macht.
Wir sollten uns an Gott festhalten.
Wenn Werte zerstört sind, werden Menschen leichter manipulierbar.
Feste Überzeugungen machen ideologieresistenter.
Ist die pfingstliche Bewegung ein Ausdruck der Postmoderne? Wie begegnen wir der Theologie des Wohlstandes?
Die klassische Pfingstbewegung entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, vor der Postmoderne.
Sie entstand aus Sehnsucht nach Gotteserfahrung.
Die charismatische Bewegung entstand in den 60er und 70er Jahren.
Die dritte Welle in den 80ern ist eher postmoderne Religiösität.
Charismatische Frömmigkeit ist individuell, erlebnisorientiert und frei.
Die Bewegung ist zersplittert.
Ich habe charismatische Gottesdienste besucht und Ähnlichkeiten mit Esoterik erlebt.
Es besteht die Gefahr der Religionsvermischung.
Postmoderne Menschen wechseln auch zwischen charismatischen, schamanistischen und buddhistischen Praktiken.
Es gibt Elemente postmoderner Frömmigkeit in der charismatischen Theologie.
Zum Wohlstandsevangelium: Ich würde es nicht predigen.
Jesus hatte kein Haus, die Apostel wenig Besitz.
Wohlstandsprediger haben oft mehrere Villen und Privatjets.
Das ist fragwürdig.
Manche hoffen, durch Frömmigkeit reich zu werden.
Das ist oft schamanistische Vorstellung.
Ich empfehle mein Buch über die charismatische Bewegung, darin auch Kapitel zum Wohlstandsevangelium.
Gott segnet manchmal materiell, aber das ist nie das höchste Ziel.
Manchmal schadet Reichtum mehr als er nützt.
Wer viel besitzt, hat auch viel Verantwortung.
Gott wird Rechenschaft fordern.
Gibt es in der Postmoderne noch Atheismus? Wie äußert er sich?
Die Gesellschaft ist fragmentiert.
Nicht alle sind postmodern geprägt.
Es gibt viele Milieus mit unterschiedlichen Überzeugungen.
Es gibt stramme Atheisten und atheistische Postmoderne.
Manche Atheisten sehen Gott als psychologische Technik.
Andere sind reine Atheisten.
Es gibt Mischungen.
Wie holen wir postmoderne Christen ab, um ihnen ein reelles Gottesbild zu vermitteln?
Das hängt von der Beziehung ab.
Wichtig ist, sie nicht als Gegner zu sehen, sondern als Menschen, die Jesus nachfolgen wollen.
Honorieren, wo sie positive Erkenntnisse haben.
Gib Einblick in dein Leben.
Postmoderne Menschen interessieren sich mehr für Lebenserfahrungen als für abstrakte Wahrheiten.
Korrigiere dein eigenes Gottesbild im Gebet und Bibelstudium.
Lies auch Bibelstellen, die du sonst ignorierst.
Überlege bei jedem Text, was er über Gott sagt.
Das verändert dein Bild und zeigt sich im Alltag.
Unser Gottesbild bestimmt unseren Umgang miteinander.
Stelle Fragen, die zum Nachdenken anregen.
Konfrontiere sie mit der Realität ihres Lebens, besonders bei Leid.
Manche hören nicht zu.
Dogmatische Diskussionen allein reichen nicht.
Erzähle von deinem Leben und wie du mit Gottesbildern umgehst.
Betet gemeinsam.
Ich danke euch für eure Mitteilungen.
Unser Gott ist groß, er wirkt viel.
Wir wollen das Zeugnis nicht auf diese Stunde beschränken.
Wir machen das auch beim Zusammensitzen.
Lasst uns mit einem Gebet schließen und dann gemeinsam essen.
Vater im Himmel, wir loben dich für deine Gegenwart und Werke.
Danke, dass wir dich Vater nennen dürfen.
Du kennst uns beim Namen und gibst uns Aufgaben.
Hilf uns, sie mit Freude und Mut zu erfüllen.
Segne unsere Gemeinschaft und die Speise.
Hilf uns, uns deinem Willen zu unterstellen.
Amen.
Der Herr segne euch.
Das Vaterbild im christlichen Glauben
Welches Gottesbild sollen wir haben, wenn wir Christen sind? Er ist unser himmlischer Vater.
Dabei müssen wir genauer definieren, was wir unter „Vater“ verstehen, denn heute gibt es in der Pädagogik sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Vatersein. Manche sind aus der Vergangenheit geprägt. Ich weiß das von einigen russlanddeutschen Geschwistern: Dort ist der Vater der Monarch, den man nur mit „Sie“ anspricht. Das schafft eine große Distanz – das wäre ein mögliches Vaterbild.
Andere Väter sind abwesend. Sie haben das Kind gezeugt, sind aber danach verschwunden. Das Kind hat zwar einen Vater, doch dieser ist nicht präsent. Auch das ist ein Vaterbild.
Heute in Deutschland ist besonders populär das Bild des Kuschelfathers. Das heißt, der Vater trägt weiche Hausschuhe, hat ein stets liebevolles, sanftes Gesicht und ist ständig am Drücken und Kuscheln. Das ist das Idealbild des modernen Vaters.
Wir merken also: Das Wort „Vater“ allein reicht nicht aus. Wir müssen genauer hinschauen, wie dieser Vater im Detail definiert ist, damit wir ihn nicht zu sehr mit dem irdischen Vater verwechseln – der gut oder schlecht sein kann, freundlich oder weniger freundlich, streng oder nachsichtig.
Deshalb sagen wir auch: „Unser Vater, der du bist im Himmel.“ Denn der himmlische Vater ist anders als unser irdischer Vater – und zwar immer. Wir dürfen dieses Bild nicht zu stark auf das Irdische übertragen. Dennoch ist er unser Vater.
Er ist nicht unser Vater, weil er uns biologisch durch eine himmlische Mutter geboren hat. Es gibt Missverständnisse, zum Beispiel bei den Mormonen. Sie glauben, dass es eine göttliche Mutter gibt und viele Geistkinder, die gezeugt wurden und dann auf die Erde kommen, um sich weiterzuentwickeln. Das ist jedoch keine christliche Botschaft, sondern eine mormonische Lehre.
Im Himmel gibt es nur den himmlischen Vater. Er hat uns gewollt, schon bevor wir geboren wurden. Er hat uns geschaffen, begleitet uns, will uns retten und verändert uns Stück für Stück, wenn wir mit ihm leben.
Vater drückt hier aus, dass er uns sehr nahekommt und dass wir zu seiner Familie gehören. Normalerweise sind die Verbindungen zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Eltern und Kindern, die intensivsten Beziehungen, die wir auf der Erde erleben. Genauso können wir eine intensive Beziehung zu Gott haben, die nicht nur von großer Distanz geprägt ist.
Gott ist unser Vater, wenn wir seine Kinder geworden sind.
Gemeinschaftlicher Charakter Gottes
Etwas ganz Wichtiges für unser Gottesbild in der Moderne, der Postmoderne, ist hier enthalten.
Das Zweite, was darin steht, wurde heute bereits erwähnt: Interessanterweise heißt es hier nicht „Mein Vater, der du bist im Himmel.“ Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen und hätte manchem individualistischen postmodernen Menschen eher entsprochen. Stattdessen lesen wir: „Unser Vater, der du bist im Himmel.“
Das bedeutet, dass Jesus von Anfang an im Blick hatte, dass wir nicht individualistisch Gott gegenüberstehen, sondern dass Gott viele Kinder hat. Nicht in allen möglichen Religionen, sondern viele Kinder durch die Generationen und die kirchliche Geschichte hindurch. Deshalb gehören wir auch zusammen. Wir haben einen gemeinsamen Vater. Nicht du hast einen Vater, du hast einen anderen, du hast einen anderen im Himmel, sondern wir haben alle denselben.
Das bedeutet auch, dass wir im Austausch miteinander, im Austausch unserer begrenzten Erkenntnis, unser Bild von Gott immer weiter ergänzen können – von den wahren Kindern Gottes natürlich – denn jeder bringt seine Erkenntnis und seine Erfahrung mit.
Das, was wir dann im Weiteren haben, beschreibt auch, was Gott für uns sein will. Da wird gesagt: „Geheiligt werde dein Name!“
Im Hebräischen identifizierte man mit dem Namen die ganze Person. Es ging also nicht nur darum, irgendeinen Namen nicht auszusprechen, wie das manche Juden bis heute tun, oder vor einem Namen immer „der Gesegnete“ zu sagen, wie es die Muslime tun. Es ging darum, die Person Gottes zu heiligen.
Das bedeutet: Der Gott, an den wir glauben, ist nicht nur Teil unseres Alltags. Er ist nicht nur wie ein Freund oder Nachbar, sondern etwas ganz Besonderes. Heiligen bedeutet „aussondern“. Heilig waren die Geräte in der Stiftshütte und im Tempel. Sie durften nicht einfach zum Essen oder zum Grillen draußen im Garten benutzt werden, sondern nur, um Opfer vor Gott zu bringen.
Genauso will Gott auch sein: Er will nicht nur Teil deines Alltags sein, sondern etwas Außergewöhnliches, etwas, das daneben steht. Er kommt dir nahe als Vater, aber er ist gleichzeitig heilig – und dessen sollst du dir bewusst sein. Also ein heiliger Gott, und wir bitten ihn darum, dass er sich selbst heiligt. Wir wünschen uns das auch, weil es seiner Person entspricht.
„Geheiligt werde dein Name“ und „Dein Reich komme“ – hier wird wiederum deutlich, wer ein Reich hat, ist normalerweise auch Herrscher. Hier wird klar: Gott ist nicht nur der Vater an meiner Seite, der mir die Hand hält, wenn ich es brauche, sondern er ist gleichzeitig Herr aller Herren, König aller Könige, wie wir das in der Offenbarung lesen.
Das kommt durch das Reich zum Ausdruck. Dieses Reich ist natürlich kein Territorium alleine, sondern ein geistliches Reich. Es umfasst aber auch in der Ewigkeit die heilige Stadt Jerusalem, eben die Ewigkeit bei Gott, seine Herrschaft. Wir wissen auch, dass Jesus dann tausend Jahre auf der Erde herrschen wird, auch da ist das Reich Gottes.
Aber es ist nicht nur das Irdische, sondern auch das im eigenen Leben. Dort will Gott Herrscher sein. Es ist ja nicht dein Reich, in dem du bist, sondern Gottes Reich, wo du ein Teil davon bist. In einem Reich bestimmt normalerweise der, dem das Reich gehört, die Regeln und regiert – nicht derjenige, der Mitglied dieses Reiches ist.
Hier wünschen wir uns, dass das Reich Gottes auf der Erde sich ausbreitet. Das heißt, wir können etwas dazu beitragen, dass das passiert. Aber dieser Wunsch bedeutet auch, dass ich nicht versuche, meine Konzepte von irgendeinem Glücksreich auf der Erde aufzubauen.
Das war ja gerade das, was die Menschen am meisten unglücklich gemacht hat, wenn sie versucht haben, das Jenseits ins Diesseits zu ziehen und ein Reich der Glückseligen aufzubauen. Das war beispielsweise die Absicht des Kommunismus, die sich ja gut anhört: Jeder arbeitet, was er kann, und jeder bekommt, was er braucht, alle sorgen füreinander und sind gleich. Das klingt fast wie im Himmel.
Allerdings endete das Ganze, wo man es umsetzte, meistens mit einem großen Blutbad. Die Leute mussten erst einmal alle gezwungen werden, gleich zu sein, und dann waren einige gleicher als andere. Das klappte von vornherein nicht.
Da merken wir: Wir sollen nicht unser Konzept von Himmel und vom Reich Gottes aufbauen, sondern immer wieder danach fragen, was Gottes Konzept ist und wie das aussieht. Am Ende müssen wir darauf vertrauen, dass wir es nie schaffen werden, sondern dass Gott das Reich aufrichten muss, das er will.
Wenn Gott das Reich aufrichtet, dann tut er das nicht in erster Linie durch irgendwelche Konzepte – soziale, politische oder sonstige –, sondern zuerst, wenn du betest: „Dein Reich komme.“ Das heißt, wenn du Teil dieses Reiches Gottes bist, wenn Gott in deinem Herzen regiert und bestimmt.
Das ist ja der Inhalt dieses Gebetes in erster Linie: Da ist das Reich Gottes, wenn du dich Gott auslieferst, der in deinem Leben bestimmen will.
Und das ist auch genau das Nächste, wenn wir dann lesen: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“
Dass der Wille Gottes im Himmel geschieht, wissen wir ja sowieso. Dort ist ja nur Gott der unumschränkte Herrscher. Hier auf der Erde merken wir allerdings, dass Gottes Wille nicht immer so unmittelbar geschieht. Manchmal ist Gottes Wille eher ein Appell, dass wir uns danach richten.
Wenn Gott zum Beispiel sagt: „Ich will, du sollst nicht lügen“ – wie läuft das jetzt? Kannst du plötzlich nicht mehr lügen? Das ist ja der Wille Gottes, oder? Könnten wir sagen, der Wille Gottes ist unwiderstehlich? Wenn du etwas sagen willst, bleibt dir das Wort im Halse stecken, weil es eine Lüge ist?
Das wäre eine Möglichkeit. Gott könnte das, wenn er wollte. Aber hier gibt es den Willen Gottes als Absichtserklärung, als Herausforderung: „Ich will, dass du das tust.“ Aber Gott lässt dir die Freiheit, zu seinem Willen Ja oder Nein zu sagen.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, aber er zwingt sie nicht in den Himmel. Er lässt ihnen die Möglichkeit, Ja oder Nein zu sagen.
Wenn du betest: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden“, dann unterstellst du dich ganz bewusst dem Willen Gottes. Das klingt gut in Anbetungsliedern, aber das ist schwer im Alltag.
Viele Menschen singen das, aber im Alltag machen sie trotzdem, was ihnen gefällt. Dann ist das eigentlich eine Lüge. Besser wäre es, wenn man beim Vaterunser beten schweigt.
Manche postmoderne Menschen beten das auch, auch postmoderne Christen, und sagen „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden“, meinen aber eigentlich „Mein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden“. Sie suchen dann nach Methoden, wie sie Gott umbiegen können, doch endlich zu verstehen, was das Richtige ist.
Gott will dich in eine Richtung führen, du willst das nicht, und dann wirst du richtig intensiv beten und noch intensiver geistmagische Rituale vollziehen, damit Gott endlich versteht, was richtig ist.
Das ist der totale Irrtum. Gerade der postmoderne Mensch hat sein Problem darin, dass er sich ständig nur um sich dreht – um sein Denken, seine Bedürfnisse, sein Bauchgefühl. Gott tut das aber nicht.
Wenn wir Christen sind, sollten wir uns eigentlich ständig um Gott drehen, denn Gott ist das Zentrum der Weltgeschichte – nicht du oder ich.
Wie Luther es einmal sagte: Wir sind nur ein Madensack. So hat er das ausgedrückt. Das ist doch auch so.
Ich schätze, wenn wir uns hier in 50 Jahren wieder treffen, ist das hier ziemlich leer. Ich werde dann auch nicht mehr da sein. Ich hoffe, ihr wisst dann, wo ihr sein werdet.
Jetzt ist die Frage: Warum drehst du dich in der kurzen Zeit, die du hier verbringst, in erster Linie um dich selbst? Das ist die Postmoderne – die Postmoderne deiner Bedürfnisse: Was brauche ich? Was tut mir heute gut?
Das kann religiös sein oder nicht religiös. Auch im Religiösen fragen viele nur danach, was ihnen gut tut. Auch in der Gemeinde fragen sie nur: Was bringt mir die Gemeinde? Wenn sie nichts bringt, suchen sie eine andere.
Dabei wäre vielmehr die Frage: Was bringst du der Gemeinde? Genauso bei Gott fragen manche: Was bringt mir Gott? Gott, was ist dein Angebot heute? Sonderangebot: zehn Wunder bei einmal Beten? Ja, das würde ich gleich einkaufen.
So geht es aber nicht. Es ist umgekehrt: Wir sollen Gott dienen, nicht Gott soll uns dienen.
Der häufigste Begriff, den Paulus im Neuen Testament benutzt, um sich selbst zu beschreiben, ist „Dullos“, also Sklave, nicht „Kyrios“.
Kyrios ist der Herr, dem er sich unterordnet. Er benutzt auch das Bild, dass wir eigentlich unter der Sklaverei der Sünde und des Teufels waren und jetzt freigekauft sind – aber nicht als freie demokratische Bürger, sondern als Sklaven Gottes.
Wir können froh sein, dass wir jetzt einen liebevollen Sklavenhalter haben. Aber wir sind immer noch nicht vollkommen frei, denn wir können gar nicht vollkommen frei leben.
Ganz ohne Gott könnten wir ja gar nicht leben. Gott, der die Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte, Gott, der dir heute das Leben schenkt, Gott, der dich geschaffen hat – du kannst gar nicht ohne Gott leben, selbst wenn du es willst.
Das ist eine Illusion. Gott ist ständig um dich herum und begleitet dich. Deshalb wünscht er dir gar nicht, gottlos zu sein.
Das bedeutet, dass du immer wieder wollen musst: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden“ – und eben nicht, dass du Gott nur hineinziehst, damit dein Leben noch ein bisschen glücklicher wird.
Das ist der postmoderne Mensch: Er sagt, ich will mein Leben gestalten und Sachen ausprobieren. Gott kommt da noch mit hinein, als spirituelle Verschönerung, als Horizonterweiterung, als Steigerung meines Genusslebens, weil ich schon so viel habe.
Dieses spirituelle gute Gefühl, wenn ich beim Singen oder Beten bin, kann ich nicht im Supermarkt kaufen.
Aber genau das ist nicht der Gott, der uns in der Bibel begegnet. Dieser Gott möchte, dass du bewusst deinen Willen unter seinen Willen stellst.
Das ist nicht nur eine schöne Sache im Gebet oder in der Anbetungszeit, sondern zeigt sich jeden Tag bei der Zeiteinteilung, bei der Lebensplanung, beim Umgang mit anderen Menschen und natürlich auch darin, wofür du dein Geld investierst und welchem Beruf du dich entscheidest.
All diese Fragen will Gott, dass du nicht nur in der Theorie sagst: „Okay, Gott, wenn du willst, greif ein, sonst mache ich, was ich will“, sondern dass du konkret darum betest, dass dein Wille hier auf der Erde geschehe – im großen Maßstab.
Manchmal ist es leichter, für den großen Maßstab zu beten, und schwerer, für den eigenen, in erster Linie in meinem Leben – und zwar nicht irgendwann, sondern heute.
Viele sagen: Ich will die Welt retten, aber bitte noch nicht heute. Oder: Ich werde jetzt ganz fromm, aber auch noch nicht heute. Der Wille Gottes soll heute geschehen – da, wo du lebst, wo du bist, jetzt hier auf der Konferenz.
Natürlich ist morgen wieder heute, und am nächsten Tag gilt dasselbe Gebet: „Dein Wille geschehe.“
Hier sehen wir Gott, wie er sich uns vorstellt: Ein Gott, der nicht nur an deiner Seite steht als Wunscherfüller oder Berater, sondern ein Gott, der einen absoluten Anspruch erhebt: Sein Wille soll gelten, im Himmel wie auf der Erde und auch in deinem Leben.
Weitere Aspekte des Vaterunsers: Versorgung und Vergebung
Und dann haben wir hier das Nächste: Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden. Gib uns unser tägliches Brot!
Nun, die meisten von uns wären wahrscheinlich mit etwas Brot allein nicht zufrieden. Es gibt Länder auf der Welt, in denen man mit einer Schüssel Reis, Maniok oder Brot ganz zufrieden wäre. Aber wir wären das wahrscheinlich nicht.
Ich könnte jetzt gerade bei der Küche anrufen und sagen: „Wir haben heute Morgen das Vaterunser gebetet, heute Mittag bitte nur Brot und Wasser.“ Und dann könntet ihr immer noch dankbar sein, denn wir haben ja gebetet: „Gib uns unser tägliches Brot!“ Wir haben es.
Martin Luther, den schätze ich sehr, hat das dann ausgelegt und gesagt, unser täglich Brot heißt alles, was wir unbedingt zum Leben nötig haben. In seiner schönen, wenn auch heute etwas unverständlichen Sprache, zählt er auf: schön und fromm gemahl, schön und fromm Nachbarn und so weiter und so fort.
Erweitert betrachtet meint das also, dass hier unsere notwendigen körperlichen Bedürfnisse angesprochen werden. Wir dürfen heute Mittag auch Gemüse und Fleisch essen, nicht nur Brot. Ich glaube, das ist hier mitgemeint. Was aber nicht gemeint ist: Ich möchte immer den Luxus haben. Das ist nicht mehr drin.
Hier konzentriert sich Jesus bewusst auf das Lebensnotwendige und nicht auf Luxus oder Reichtum. Viele der Jünger hatten ja auch gar keinen Reichtum zur Verfügung. Und den brauchen wir manchmal auch gar nicht. Denn häufig schadet uns Luxus mehr, als dass er uns nutzt, weil er unsere Seele daran bindet. So warnt Jesus ja auch: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und Schaden nimmt an seiner Seele?“
Das ist genau das Problem. Oder wenn die Jünger ihn fragen: „Wie ist es dann möglich, dass ein Reicher ins Himmelreich kommt?“ Weil eben manchmal der Reichtum so sehr an die Erde binden kann. Das merken wir alle: Umso mehr wir besitzen, umso mehr sind wir dadurch gebunden.
Hier geht es also darum, um das Grundsätzliche zu beten und darauf zu schauen. Das, was wir hier als Gottesbild haben, ist: Gott ist ein Gott, der versorgt. Das ist etwas Besonderes. Gott sagt nicht: „Sorg du halt selbst dafür.“ Im Deutschen gibt es das Sprichwort: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Das ist nicht der Gott, an den wir glauben.
Nicht Gott sagt: „Jetzt streng dich mal ordentlich an, dann wird das schon gehen.“ Wir glauben an einen Gott, der zwar erwartet, dass wir etwas tun, aber der ganz unabhängig davon in unser Leben hinein eingreift und uns versorgt – zwar mit alltäglichen Sachen.
Das ist für viele von uns gerade wichtig, wenn sie Gott nur noch auf den Sonntag verschoben haben oder Gott nur noch für geistliche Dinge ansprechen. Gott ist ein Gott, der auch in deinem Alltag eingreifen will und dich versorgen will mit dem, was du lebensnotwendig brauchst.
Vielleicht sagst du ja: „Ich brauche Gott gar nicht, das mache ich schon alles selbst.“ Dann ist das eine vollkommene Selbstüberhöhung und Einbildung. Es könnte sein, dass Gott dann auch mal sagt: „Jetzt nehme ich dir mal alles weg, damit du merkst, was du wirklich kannst.“
Denn wenn Gott das tun würde, dann würden wir alle ziemlich dumm aussehen. Schon allein unsere Gesundheit nehmen wir selbstverständlich jeden Tag hin, aber es ist Gott, der sie erhält. Genauso der momentane Frieden hier in diesem Land.
Wir wissen: Ganz schnell kann irgendwo ein Krieg ausbrechen, und plötzlich ist alles kaputt. Fällt eine Bombe auf dein Haus, ist alles weg. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir – auch wenn wir das nicht jeden Tag so deutlich sehen – immer in der Abhängigkeit von Gott sind, von unseren grundlegenden Lebensbedürfnissen.
Gott will, dass wir uns das vor Augen führen. Er will, dass wir ihn erkennen als den, der uns jeden Tag versorgt mit dem, was wir brauchen. Das ist auch ein Teil des Wesens Gottes.
Vergebung, Erlösung und Gottes Herrschaft
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Manche fragen sich vielleicht: Wie kann ein Christ das beten? Unsere Schuld ist uns doch schon vergeben. Ja, unsere Schuld, die uns ewig von Gott trennt, ist uns vergeben. Aber die Schuld, die wir jeden Tag neu aufhäufen, da sollen wir immer wieder zu Jesus kommen und ihm Vergebung bitten.
Leider ist das so. Ich weiß nicht, wie es euch geht, ich bin schon einige Jahre Christ, aber seit meiner Bekehrung bin ich nicht sündlos geblieben. Deshalb braucht es immer wieder das Kommen zu Jesus und das Eingeständnis: „Oh Herr Jesus, hier habe ich versagt, bitte vergib mir.“
Als Nächstes sehen wir hier, dass Gott ein Gott ist, der Schuld vergibt. Das ist ganz exklusiv im Vergleich zu den meisten anderen Weltreligionen. Dort bist du für deine Schuld selbst zuständig. Du musst sehen, wie du sie irgendwie bezahlst, entweder indem du sie im Fegefeuer abbüßt oder so viele gute Taten tust, dass du Gott gnädig stimmen kannst.
Wir kennen einen Gott, an den wir uns wenden dürfen. Wenn wir versagt haben, müssen wir nicht am Boden liegen bleiben. Es muss uns nicht peinlich sein, wir müssen uns nicht vor jedermann verstecken. Stattdessen können wir zu Jesus kommen und Vergebung bekommen – etwas ganz Besonderes und Exklusives. Gott ist ein Gott, der Schuld vergibt. Das finden wir hier deutlich.
Außerdem ist Gott ein Gott, der uns vom Bösen erretten kann. Beim „Bösen“ sind sich Theologen nicht ganz einig. Es kann das Böse allgemein, also die Sünde, meinen oder den Bösen, also den Teufel, der dahintersteckt. Für uns sind diese theologischen Unterscheidungen nicht entscheidend. Wir wissen: Wenn wir unter Druck kommen oder angefochten werden, ist Gott derjenige, der uns beistehen will und uns erlösen kann – vor jedem Leiden auf der Welt und vor jedem Angriff.
Auch wenn wir nicht immer den Teufel dahinter sehen – manchmal ist es ein Mensch, der uns fertig macht – wissen wir, dass wir zu Jesus und zu Gott kommen können. Es ist ja derselbe Gott. Er hört uns zu und hat die Möglichkeit, uns zu erlösen.
Egal ob es Mobbing am Arbeitsplatz, Krankheit oder Perspektivlosigkeit ist – wir können mit all diesen Dingen zu Gott kommen. Er hört zu, er kann eingreifen, und er kann das Böse in der Welt und in unserem Leben beenden.
Dann bitten wir ihn auch darum, dass er uns von der Versuchung befreit. Das hatte ich schon erwähnt.
Am Ende wird Gott noch einmal als derjenige beschrieben, der das Reich hat – also als der Herrscher. Es wird betont, dass er die Kraft, die Herrlichkeit und die Ewigkeit besitzt. Hier wird uns Gott vor Augen gemalt, der weit über unsere Vorstellungskraft hinausgeht.
Das wird uns zum Schluss noch einmal verdeutlicht, damit wir wissen: Wenn wir einen Gott haben, der Schuld vergibt, der uns das Lebensnotwendige gibt und der uns im Kampf gegen das Böse beisteht, dann ist dieser Gott auch kompetent genug dafür. Er hat genügend Ressourcen, um das zu tun, weil er Herrscher des Universums ist und ewig lebt – nicht nur zeitlich begrenzt.
Deshalb soll unser Augenmerk noch einmal darauf gerichtet werden.
Theologie und Postmoderne: Herausforderungen und Chancen
Nun, das, was wir jetzt gelesen haben, ist ja nicht die ganze Theologie. Im Bereich der Theologie spricht man auch noch einmal von der Lehre von Gott. Natürlich könnten wir viele Verse aus dem Alten und Neuen Testament lesen, die das noch weiter erläutern. Das hier ist lediglich ein Ausschnitt daraus.
Trotzdem finde ich diesen Ausschnitt ganz wesentlich wichtig, weil er uns ja von Jesus selbst gelehrt worden ist. Ich möchte ihn jetzt auf die Situation der Postmoderne anwenden.
Ein postmoderner Mensch – und zwar ganz gleich, ob er in der Gemeinde ist, denn es gibt ja auch postmoderne Christen, oder ob er irgendwo in der Gesellschaft lebt – ein großer Teil der postmodernen Menschen will von Gott gar nichts wissen. In der Postmoderne ist Gott nicht unbedingt überall präsent, sondern viele Leute bauen ihr Leben ohne Gott auf. Viele postmoderne Menschen sind also nicht religiös in diesem Sinne.
Das liegt daran, dass Gott für sie selbst ist; es dreht sich alles um sie selbst. Eine Strömung der Postmoderne, der Konstruktivismus, die man zum Teil auch in der Pädagogik findet, geht davon aus, dass es gar keine neutrale Beschreibung der Welt gibt – und schon gar nicht von Gott. Stattdessen entwirft jeder Mensch die Welt selbst. Im Extremfall darf dann auch der Pädagoge nicht sagen, so und so funktioniert die Welt, sondern das Kind muss aus sich selbst die Welt konstruieren. Das Kind ist dann Mittelpunkt dieser Welt.
Das ist so eine Form. Wenn man so denkt und lebt, dann hat Gott da keinen Platz. Gott hat höchstens Platz als kleines Dekorationsobjekt irgendwo. Aber das ist natürlich nicht Gott, wie wir ihn in der Bibel verstehen.
Es gibt aber auch eine Gruppe postmoderner Menschen, auch postmoderner Christen, die schon davon ausgehen, dass es Gott gibt. Allerdings ist Gott gemessen an der Postmoderne beispielsweise auch dort sehr individualistisch. Denn in der Postmoderne gibt es keine feste Wahrheit, und niemand darf mit einer Wahrheit auftreten. Wenn ich sage, Gott ist so, dann sagt ein postmoderner Mensch: Für dich, aber für mich ist er anders. Es gibt keinen übergeordneten Maßstab.
Selbst bei postmodernen Christen, die in der Bibel lesen, sieht das postmoderne Bibellesen folgendermaßen aus: Ich lese euch irgendeinen Bibeltext vor, und jeder deutet ihn, wie er will. In der Postmoderne geht es auch nicht mehr darum, dass du das sprachlich korrekt oder dogmatisch richtig machen musst. Du machst es einfach so, wie du in diesem Moment darüber denkst. Das ist die Wahrheit für dich, für den Nachbarn ist eine andere Wahrheit.
Dann merken wir, dass das natürlich nicht mehr Gott aus uns selbst heraus ist, sondern dass es hier nicht mehr darum geht, wie Gott sich selbst vorstellt, sondern wie du ihn in diesem Moment siehst oder entwirfst. Es ist ein Gottesbild, das wir uns machen. Das ist in der Postmoderne weit verbreitet – es ist relativistisch.
In der Postmoderne wird Gott auch viel eher als Kraft empfunden als als Person. Denn mit einer Person muss ich mich auseinandersetzen. Eine Kraft kann ich für meine eigenen Zwecke nutzbar machen. Sie durchströmt mich, erfüllt mich, gibt mir Glücksgefühle, und ich kann sie einsetzen für irgendwelche Interessen, die ich habe.
Gott wird mehr als Energie, mehr als Kraft verstanden. Da sind auch Vorstellungen aus dem Schamanismus, Daoismus und Konfuzianismus mit drin, wo Gott eher als die große Energie und Kraft begriffen wird. Diese Kraft ist aber neutral. Es ist keine Person, die dahintersteht. Das ist in vielen postmodernen Zusammenhängen recht weit verbreitet – also Gott als Kraft.
Gott zeigt sich in erster Linie dem postmodernen Menschen durch sein Gefühlsleben. Für das berufliche Leben, das wissenschaftliche Leben sind rationale Erklärungen zuständig. Aber Gott soll gerade das ergänzen, was man nicht durch rationales Nachdenken erfassen kann. Und das ist in erster Linie das, was man empfindet und fühlt. Da ist Gott gegenwärtig.
Gott ist für den postmodernen Menschen in erster Linie ein nutzbarer Gott, also einer, den ich irgendwie gebrauchen kann. Er bringt in mein Lebenskonzept etwas, was ich noch nicht habe. Vor allem ist das ein Gott der Liebe, wobei Liebe, wie ich gestern schon gesagt habe, sehr unterschiedlich definiert wird und was man genau darunter versteht.
Dieser Gott wird mehr als eine Art Partner begriffen. Das heißt: Wenn sich meine Lebensphase ändert, dann ändert sich auch Gott damit. Je nachdem, was ich in welcher Lebensphase brauche. Vielleicht möchte ich in manchen Lebensphasen gerne Grenzen, also betone ich einen Gott mit Grenzen. Später will ich diese Grenzen sprengen, und dann tut Gott das auch.
Gott ist ein Partner, der sich verändert, je nach Lebensphase und je nach Fragen, die ich in meinem Leben habe. Gott ist erlebbar, vielleicht sogar eine Art Berater. Aber bitte sehr nicht mehr, denn ein Berater darf seine Meinung sagen, aber ich entscheide, was ich damit mache. Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt.
Man ist in der Postmoderne auch offen, verschiedene Gottesvorstellungen miteinander zu vermischen. Der postmoderne Mensch entscheidet sich ungern nur für eine Variante, weil das zu stark einengt. Er ist eher offen für alles. So finden wir im christlichen und auch im nichtchristlichen religiösen Bereich, dass die typisch postmoderne Religiosität eine Patchwork-Religiosität ist. Das heißt, man mischt verschiedene Ideen und Gedanken miteinander.
Das finden wir auch in manchen christlichen Kreisen, wo plötzlich Gebetsrituale aus dem Hinduismus und Buddhismus übernommen werden. Man tauscht nur ein paar Begriffe aus, einfach weil das bereichernd ist und man sich dabei gut fühlt.
Diese Art der postmodernen Religiosität hat natürlich auch ihre Stärken. Sie hat sich ja von einer überwiegend dogmatisch bestimmten Vorstellung von Gott abgesetzt, bei der man zwanzig Eigenschaften Gottes auswendig gelernt hat und so ist Gott. Aber das hatte mit dem eigenen Leben wenig zu tun.
Die postmoderne Religiosität berücksichtigt auch, dass wir Gott nie ganz fassen können. Das ist eine Wahrheit, die wir begreifen müssen. Wer meint, er hätte Gott irgendwo in der Tasche, hat mit Sicherheit den falschen Gott. Hier müssten wir vielleicht mit Karl Barth sagen: Gott ist im Himmel und du bist auf Erden.
Was er damit meint, ist, dass wir gar keine Möglichkeit haben, Gott zu beschreiben und ihm nahezukommen. Erst einmal ist eine riesige Kluft da. Deshalb gilt: Wer meint, Gott vollkommen begriffen zu haben, bei dem ist irgendetwas falsch gelaufen. Wir müssen uns immer dessen gewiss sein, dass wir Gott nur zum Teil begreifen und verstehen können. Zum einen so weit, wie unsere intellektuelle Kapazität reicht, zum anderen so weit, wie unser Leben reicht und so weit, wie die Offenbarung reicht, die Gott uns mitgegeben hat.
Aber auch in der Bibel finden wir Gott nicht vollkommen. Wir finden sogar Aussagen wie: Niemand hat Gott je gesehen. Ja, gut, die Menschen haben damals Jesus gesehen. Sie haben auch einige Manifestationen Gottes gesehen, in der Wolkensäule, in der Feuersäule, im brennenden Dornbusch. Aber auch das waren nur Manifestationen Gottes.
Gott selbst hat nach biblischer Auskunft niemand gesehen, außer dem eingeborenen Sohn, Jesus Christus. Deshalb sollten wir vorsichtig sein mit unseren Festlegungen.
Die Postmoderne hat uns diese Wahrheit gezeigt, dass Gott immer noch größer ist als das, was wir uns vorstellen. Deshalb hat Anselm von Canterbury Gott definiert als "das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann". Das finde ich eigentlich ganz gut.
Damit sagt er, dass wir Gott letztendlich auch gar nicht denken können, sondern immer nur annäherungsweise. Das Höchste können wir uns ja gar nicht vorstellen.
Das heißt aber nicht, dass wir einfach schweigen oder nur spekulieren müssen und in der Unsicherheit bleiben. Nein, wir wissen eine ganze Menge von Gott, aber eben nur das, was er uns mitgeteilt hat. Das müssen wir uns bewusst machen.
Wir sind Menschen, und unser Hirn hat gar nicht die Kapazität, Gott in seiner Weisheit, Größe, Macht und Geschichte vollständig zu begreifen. Wir sollen uns an dem festhalten, was er uns gesagt hat. Wir müssen aber immer deutlich machen, dass das auch nur ein Teil ist.
Nicht, dass andere Religionen einen anderen Teil hätten – nein, es gibt keinen anderen Teil hier auf der Erde. Das Andere ist nur bei Gott zu finden, in der Ewigkeit. Aber dafür sind wir nicht geschaffen, das zu erfassen.
Wir wissen etwas von Gott, das hat er uns mitgeteilt. Aber das ist nicht alles, was es über Gott zu wissen gibt, und es ist auch nicht Gott selbst. Denn das können wir mit menschlichen Worten gar nicht ausdrücken, und das können wir auch nicht selbst erfahren.
Da ist durchaus ein Aspekt, den die Postmoderne betont und der gut ist: Gott will ein Gott sein, der erfahrbar ist. Das ist auch in der Postmoderne eigentlich eine gute Sache.
In der Bibel wird der Begriff "Glauben" gerade als Beziehungsbegriff verwendet. Er meint eben nicht nur das bloße Fürwahrhalten, sondern dass die Beziehung zu Gott im Alltag praktisch werden muss.
Deshalb kommen solche Aussagen über Jakobus: "Der Glaube ohne Werke ist tot." Damit will er nicht sagen, jetzt müssen wir uns ordentlich anstrengen, damit Gott uns akzeptiert. Er will damit einfach nur sagen: Wenn du sagst, du glaubst, aber in deinem Leben ist davon nichts zu sehen, dann bist du ein Lügner.
Denn Glauben, pistojo, kann auch übersetzt werden als Vertrauen. Vertrauen beweist sich gerade in der Tat.
Wenn du sagst, du vertraust deiner Frau, und sie bittet um deine Kreditkarte, und du sagst: Nein, die bekommst du nicht – vertraust du deiner Frau dann wirklich? Da wären deine Worte leere Worte, denn deine Taten zeigen, dass es nicht so ist.
Oder deine Frau sagt: Gib mir mal den Autoschlüssel. Du sagst: Nein, mein Auto, das bekommst du nicht. Dann sag doch einfach ehrlich: Ich vertraue meiner Frau nicht. Das hört sich zwar nicht so schön an, aber es ist die Wahrheit.
Genauso ist es bei Gott: Wenn du sagst, du vertraust Gott, dann muss sich das im Alltag niederschlagen. Wenn du genauso lebst wie dein ungläubiger Nachbar, dann vertraust du Gott eben nicht. Dann sind das nur leere Worte, die du sagst, weil sie sich gut anhören oder weil andere sie gerne hören wollen.
Das betont die Postmoderne stärker: Gott und die Beziehung zu Gott sind nicht nur eine Frage von dogmatischen Bekenntnissen, sondern auch eine Frage, inwieweit sich das im Leben bewährt und umsetzt.
Nun hat der Postmoderne das Problem, dass er nur auf das schaut, was Erfolg verspricht. Das ist dann wieder nicht biblisch. Aber wir müssen deutlich die Herausforderung spüren, dass Gott eben eine Person ist, die in unserem Alltag präsent ist, in unserem Denken präsent ist, die uns verändert und unser Handeln sowie unsere Werte verändert.
Das betont die Postmoderne, und das sollten wir, glaube ich, als Herausforderung annehmen. Gerade dann können wir auch einem postmodernen Menschen eher begegnen.
Ein postmoderner Mensch will logische Antworten. Klar, jeder Mensch will das zu allen Zeiten der Weltgeschichte. Der eine etwas mehr, der andere etwas weniger, meistens als Jugendlicher mehr und später etwas weniger. Auch Lebensphasen sind da unterschiedlich.
Aber jeder Mensch ist nicht zufrieden nur mit dem, was im Kopf ist. Das werdet ihr auch merken. Man kann trefflich darüber diskutieren, wie das mit dem Leiden und Gott ist. Da kann man gute Antworten finden, und die stimmen sogar.
Aber eine ganz andere Frage ist es, wenn du selbst im Leiden bist. Da muss sich das dann existenziell beweisen, was wir mit Worten ausdrücken. Und genau darauf kommt es an.
Darauf weist uns die Postmoderne zu Recht hin. Die Fragestellung der Postmoderne – nicht nur Begriffe, sondern Erfahrbarkeit und Leben – stimmt zum Teil, aber eben nicht vollständig.
Dort, wo der Postmoderne viel zu viel Wert auf seine Erfahrungen und sein Bauchgefühl legt, da muss der Christ aus der Moderne vielleicht lernen, dass nicht nur die Diskussion um Gott alles klärt, sondern auch der eigene Lebensvollzug.
Das Bild der Postmoderne von Gott ist an manchen Stellen eben falsch. Der postmoderne Mensch, wenn er Christ oder religiös ist, will Gott auch in erster Linie erfahren – in Feiern, in Anbetung, in Wundern. Wobei die Anbetung häufig gar nicht so sehr Gott zum Zentrum hat, sondern sich selbst.
Das ist ganz häufig der Fall. Ihr könnt das schon allein daran feststellen, wie Menschen darauf reagieren, wie sie aus sich herauskommen und wie sie Musik aussuchen, die ihnen gefällt. Ich habe noch fast niemanden erlebt, der danach fragt, welche Musik Gott gefallen würde.
Das wäre auch eine interessante Frage. Und jetzt will ich gar nicht sagen, dass ich die Antwort weiß. Vielleicht kommt nachher jemand von den Musikstudenten und sagt: „Michael, sag uns mal, welche Musik gefällt denn Gott?“ Ich habe keine deutliche Antwort.
Aber wenn ich nur die Musik aussuche, die mir gefällt, dann ist der Gedanke nahe, dass es vielleicht doch darum geht, dass ich Spaß haben will. Und weil ich Christ bin, drücke ich das noch ein bisschen fromm aus.
Aber dann ist die Frage: Ist das nicht wiederum nur postmodern – es dreht sich alles um mich?
Bei vielen geht es auch darum, Wunder erleben zu wollen. Wunder sind ein tolles Erlebnis für mich. Es ist nicht die Frage danach, was Gott hier tun will.
Ich will ja gar nicht bezweifeln, dass Gott heute Wunder tut. Ich kann im Gegensatz dazu sagen: Er tut sie, aber er tut sie, um sich zu verherrlichen und nicht, damit wir eine schöne Show haben oder uns gut fühlen.
Das ist das Problem des postmodernen Menschen, weil er sich so stark um sich dreht, dass auch Gott nur der Zulieferer für Gefühle und Erlebnisse ist, um Defizite auszufüllen, die wir haben. Das ist einer der Schwachpunkte der postmodernen Gottesvorstellung.
Unsere Gottesvorstellung bestimmt ja immer, egal welche wir haben, unser tägliches Handeln.
Stelle ich mir Gott beispielsweise nur als Mensch vor und bin in einer schweren Lebenslage, zum Beispiel bei einer schweren Krebserkrankung, dann werde ich viel schneller verzweifeln. Ein Mensch kann mir ja nicht wirklich weiterhelfen.
Wenn ich Gott in erster Linie als Mensch sehe, was soll ich ihm dann sagen? Dann kann ich ihm höchstens mein Herz ausschütten, aber er kann nichts ändern.
Wenn ich Gott nur als Mensch sehe, habe ich allerdings den Vorteil, dass er mir sehr nahekommt, weil ich mit Menschen ja sprechen kann, die mich verstehen.
Aber wir sehen, das ist eben nur ein Teil der Person Gottes.
Deshalb wird uns gerade in der Bibel an Jesus deutlich gemacht, dass er ganz Gott und ganz Mensch ist – auch da ist das Jesusbild zugleich Gottesbild.
Manche sehen nur die eine Seite und sehen Jesus nur als Menschen. Dann ist er mir nahe, ich kann mich mit ihm unterhalten, er versteht mich, er ist bei mir beim Fußballspielen oder Kaffeetrinken oder sonst etwas.
Das hört sich gut an und ist ein Teil der Wahrheit. Aber man vergisst manchmal, dass er auch Gott ist.
Es gibt Christen, die ihn nur als Gott betrachten. Dann schwebt er irgendwo über dem Boden und hat mit der Realität meines Lebens gar nichts mehr zu tun.
Ich wage vielleicht gar nicht, ihn mit den Kleinigkeiten meines Alltags zu behelligen, weil er so sehr Gott und so sehr heilig ist, dass ich mir denke: „Komm mir bloß nicht zu nah, denn ich weiß, wie unheilig und sündig ich bin. Wenn er zu mir kommt, fühle ich mich nur schlecht. Also bleib du da, ich bleibe hier.“
Das kann passieren, wenn wir nur das Göttliche, das Herrliche, Majestätische, Herrschaftsmäßige an Gott sehen.
Das Wichtige ist gerade, dass wir beides zusammen sehen und zusammen erfahren: Gott, der ganz menschlich ist und uns nahekommt, ist eine Realität, und das braucht gerade der postmoderne Mensch.
Aber Gott auch zu sehen als den majestätischen Herrscher, der unermesslich über uns steht und dem wir uns nur unterordnen können, ist eine ganz wichtige Sache.
Genauso ist es für manche, die Gott nur noch als Erlebnis sehen. Ja, das Leben mit Gott führt zu Erlebnissen, die gehören mit dazu zur Frömmigkeit. Aber Gott erschöpft sich eben nicht darin. Das ist zu wenig.
Wir lernen dann nicht mehr zu unterscheiden, ob das Erlebnis nun überhaupt etwas mit Gott zu tun hat oder nicht.
Menschen, die darauf geeicht sind – postmodern, manchmal auch etwas esoterisch –, sehen in jeder Kleinigkeit Gottes Wirken.
Es gibt ein weltweit vielgelesenes Buch von Leuten postmoderner Frömmigkeit: „Ein Kurs in Wundern“. Das klingt erst einmal christlich, ist es aber nicht, obwohl viele Bibelverse vorkommen. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Religionen, typisch postmodern.
Dort wird der Mensch angeleitet, im Alltag überall die Wunder Gottes zu erkennen.
Wenn du einmal so geeicht bist, kannst du überall Wunder Gottes erkennen. Du fühlst dich richtig glücklich dabei.
Manchmal erkennst du Wunder Gottes sogar da, wo gar keine sind. Man nennt das self-fulfilling prophecies. Du siehst etwas und interpretierst es hinein, und emotional tut dir das gut. Das ist das Ziel des Kurses.
Das Ziel ist nicht wirklich, Gott zu erkennen, sondern dir ein gutes Gefühl zu vermitteln, weil du plötzlich meinst, überall geschehe ein Wunder.
Du gehst gerade nach draußen, und in dem Moment kommt ein Taxi vorbei. Du sagst: „Boah, ein Wunder, das habe ich gerade gebraucht!“
Heute gehst du zum Mittagessen, und gerade da gibt es etwas zu essen. „Boah, das ist ein Wunder!“
Wir müssen sehen: Ich bin durchaus offen für Wunder. Aber manche Dinge laufen eben auch einfach so.
Deshalb müssen wir sehen, dass Gott erfahrbar ist und Wunder tut. Aber wir müssen auch unterscheiden, dass manche Dinge einfach normal ablaufen und nicht jedes Ereignis ein übernatürliches Eingreifen Gottes ist.
Es gibt aber auch Leute, für die Gott nur ein Konzept ist. Sie können endlos darüber streiten, es verstehen, aufschreiben und verteidigen.
Auch das ist gut. Wir haben in der Bibel dogmatische Abhandlungen darüber, wer Gott ist, wie Gott ist und wie Gott handelt.
Aber eben das alleine ist auch wieder zu wenig.
Hier bräuchte es eigentlich eine gegenseitige Ergänzung des einen und des anderen, des Modernen und des Postmodernen.
Wenn wir uns nur für eine Seite entscheiden, verlieren wir ganz viel.
Gott beschreibt sich uns in der Bibel ganz konkret. Wir können Eigenschaften nennen, die er hat und die in der Bibel erwähnt werden. Wir können sie sammeln und versuchen zu definieren. Das hilft uns weiter.
Und wir können Gott auch erfahren und erleben.
Wir müssen beides haben. Je nachdem, ob wir mehr auf der einen oder anderen Seite in Gefahr sind, vom Pferd zu fallen, müssen wir da nachjustieren – in der Gemeinde oder in unserem persönlichen Leben.
Umgang mit postmodernen Christen
Was wir jetzt tun müssen, angesichts der postmodernen Herausforderung für den christlichen Glauben, ist zum Beispiel, einem postmodernen Menschen zu helfen, die andere Seite Gottes zu erkennen. Viele postmoderne Menschen geraten in eine tiefe Krise, wenn sie beispielsweise von schwerem persönlichem Leid getroffen werden.
Ein Gott, der mein Kumpel ist, der mich immer versorgt und mir schöne Glücksgefühle schenkt – wo ist dieser Gott, wenn ich wirklich an Krebs sterbe? Zunächst hofft man noch, dass alles vorübergeht. Aber was ist, wenn es nicht vorübergeht? Dann folgt häufig der große Zusammenbruch und die große Krise. Denn wir kennen aus der Bibel einen Gott, der auch Leiden zulässt, ja manchmal sogar Leiden schickt.
Vielleicht brauchen wir in der Gemeinde immer wieder auch eine Leidenstheologie, nicht nur eine Theologie der Gesundheit und des Wohlbefindens. Gerade das Leiden war doch in der Bibel immer ein Kennzeichen der Frommen. Deshalb sagt Jesus am Ende der Seligpreisungen: Selig seid ihr, wenn man euch verfolgt und gegen euch vorgeht, denn genau das haben sie mit den Propheten vor euch getan. Mich haben sie verfolgt, euch werden sie auch verfolgen. Sie werden euch vor Gerichte und Richter zerren und so weiter. Ihr kennt das alles.
Wir wissen, dass wahrscheinlich alle Jünger bei Johannes auf gewaltsame Weise gestorben sind. Paulus rühmt sich im 2. Korintherbrief seiner Leiden: so oft zusammengeschlagen, so oft gesteinigt, so oft im Gefängnis gewesen. Manchmal überliest man den Skandal dieser Aufzählung. Es ist eine endlose Liste von Leiden, und Paulus rühmt sich dessen.
Ich glaube, dass wir gerade angesichts der Postmoderne, die vor allem auf sich selbst, auf Glücksgefühle und Erlebnisse ausgerichtet ist, neu eine Theologie des Leidens brauchen. Dabei geht es nicht um Leiden als eine Art Masochismus – wer leidet am meisten? Lasst uns gegenseitig peitschen und auspeitschen, damit wir viel leiden! Nein, wir müssen nicht dafür sorgen, es gibt genug Leiden in der Welt.
Wir müssen das Leiden nur anerkennen und dürfen keinen geistlichen Zusammenbruch erleiden, wenn Gott uns unsere Portion Leid zuweist. Ich bin überzeugt: Wenn du Christ bist und lebendig im Glauben, wird dir Gott auch eine Portion Leiden zuweisen, weil du manche Dinge nur dadurch lernen kannst. Hier stößt der postmoderne Gottesbegriff an seine Grenzen.
Man versucht oft so lange, an dem Modell zu schrauben, bis man die Methode gefunden hat, wie Gott möglichst schnell das Leiden wieder wegnimmt. Aber genau das passiert eben nicht. Dein Gottesbild ist eingeschränkt, wenn du so denkst. Der Gott der Bibel ist anders: Weil er dich liebt, gibt er dir manchmal auch Leiden. Weil er dich liebt, gibt es manchmal auch Verfolgung.
Der postmoderne Gott ist ein Schönwettergott, der nur dann lebbar ist, wenn du nicht von den negativen Seiten des Lebens betroffen bist: von innerer Verzweiflung, Krankheit, Alleingelassensein, äußerer Gewalt oder Alter. Aber all das sind Teile unseres Lebens, und Gott ist auch dort da.
Dasein bedeutet nicht, dass er alles wegnimmt, sondern dass er an deiner Seite ist. Er ist viel größer als das, was du erlebst, und er ist auch in deinem Leid gegenwärtig. Das ist, glaube ich, etwas, was wir in der Postmoderne brauchen.
Für den postmodernen Christen brauchen wir auch eine apologetische Initiative. Das heißt, Gott mit dem Nachdenken zu verteidigen und zu begreifen. Nur so können wir unterscheiden, was bei der postmodernen religiösen Empfindlichkeit wirklich von Gott ist und was nicht.
Der postmoderne denkende Mensch definiert schnell alles, was ihm religiös gefällt, als Teil Gottes oder seines Handelns. Hier müssen wir lernen, für uns und für andere zu unterscheiden, was wirklich von Gott ist und was nicht. Denn wenn ich Entscheidungen aufgrund meiner inneren Gefühle treffe, gehen sie oft in die falsche Richtung – häufig gegen das, was Gott will.
In uns rufen mehrere Stimmen: die Stimme unserer Erziehung, die Stimme unserer Gesellschaft, die Stimme unserer Wünsche, die Stimme der Anfechtung durch den Teufel – und da ist auch die Stimme Gottes. Wir müssen dem postmodernen Menschen beibringen, dass nicht jede religiöse Stimme, die er innerlich hört, gleich Gott ist. Das Unterscheiden fällt postmodernen Menschen schwer.
Deshalb fahren sie oft einen Zickzackkurs, bei dem plötzlich Dinge herauskommen, die ganz offensichtlich nicht dem Wesen Gottes entsprechen. Hier müssen wir helfen und unterstützen.
Wir sollten das natürlich auch in unserem eigenen Leben umsetzen. Menschen der Postmoderne können wir nur helfen, wenn wir selbst, zum Teil ja auch wir selbst dazugehören, nicht nur darüber reden, sondern es im eigenen Leben leben.
Wir dürfen nicht nur sagen: „Pass auf, deine Emotionen und Gefühle sind vielleicht gar nicht von Gott.“ Sondern wir müssen deutlich machen, dass Gefühle und Emotionen zum Leben mit Gott dazugehören.
Wenn Gottesdienste oder Gemeindeleben völlig ohne Emotionen und Gefühle auskommen, ist etwas nicht in Ordnung. Wir sind alle Menschen. Ich spreche jetzt als jemand, der weltweit als eher gefühllos gilt – oder zumindest als jemand, der nur wenig Gefühle zeigt. Das sagt man den Deutschen nach.
Deshalb werden einige von euch merken, dass sie noch deutsch geprägt sind. Dann beobachtet ihr jemanden, der sehr stark seine Gefühle zeigt, und merkt erst, wie deutsch ihr eigentlich seid. Zum Glück können wir sagen: Gott liebt auch uns Deutsche. Wir dürfen auch in den Himmel kommen.
Ich muss zugeben, obwohl ich deutsch bin, habe ich manchmal auch Gefühle. Es ist nicht so, als ob sie ganz abhandengekommen wären. Wir müssen lernen, dass Gefühle, Emotionen und Erfahrungen mit Gott ihren Platz in der Beziehung zu ihm und in der Gemeinde haben.
Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, im postmodernen Denken Gefühle zum Zentrum zu machen. Sie sind nicht alles und nicht der primäre Weg, auf dem sich Gott offenbart. Wir dürfen auch nicht auf die andere Seite fallen.
Wir müssen auch erkennen, dass Gott der liebende Vater ist. Manchmal bin ich da ehrlich gesagt auch etwas genervt. Ich war einmal eingeladen bei einer Uni-Gruppe der SMD in Deutschland und hielt dort einen Vortrag. Vorher war ich in der Wohngemeinschaft einiger Studenten, und wir beteten zusammen.
Einer der Studenten sagte immer wieder „Papi, Papi, Papi“. Nach dem Gebet fragte ich ihn: „Redest du immer so, Papi?“ Er antwortete: „Ja, das dürfen wir ja, weil im Vaterunser Vater steht, aber auch möglicherweise Papi.“ Ich sagte ihm, dass das schon in Ordnung sei, aber ich fragte ihn auch, was die häufigste Anrede für Gott im Neuen Testament ist.
Dieses „Papi“ finden wir, soweit ich weiß, nur ein- oder zweimal. Er wusste das, denn er hatte Theologie studiert. Die häufigste Anrede für Gott ist „Kyrios“, der Herrscher. Das gefiel ihm aber nicht so gut.
Das ist typisch für den postmodernen Menschen: Es gibt Dinge, die ihm gefallen, und die sucht er sich aus. Das ist dann sein Gottesbild. Gott als Herrscher fühlt sich nicht gut an, damit kann er nicht so leben. Aber Gott als Papi, das ist nett. Er sitzt auf seinem Schoß, wird umarmt, und alles ist gut.
Aber den Herrscher will er nicht so gerne. Das ist auch eine Seite Gottes, die wir finden. Hier müssen wir neben den positiven Aspekten der Postmoderne auch eine gewisse Korrektur vornehmen.
Ich glaube, was uns allen hilft, ist, als Christen immer wieder den Blick in die Ewigkeit zu richten. Das größte Problem ist, wenn wir Gottesbilder schaffen, die nur auf unsere irdischen Verhältnisse ausgerichtet sind.
Der eine möchte Gott als Polizisten, weil er sich über seinen Nachbarn ärgert und sagt: „Jetzt müssen sich alle endlich an die gute mennonitische Ordnung halten.“ Das kann gut sein, aber manchmal muss man unterscheiden: Das ist nicht göttlich, und Gott ist nicht mennonitisch.
Manche sind jetzt vielleicht erschrocken oder sagen: „Michael, das hast du doch nicht verstanden.“ Nein, wir müssen lernen zu unterscheiden, was irdisch ist, was unsere Erkenntnis von Gott ist und was Gott selbst ist.
Dafür hilft der Blick in die Ewigkeit, und dafür leben wir ja. Der Gott, an den ihr glaubt, soll euch nicht nur die paar Jahre auf der Erde begleiten, sondern mit euch in alle Ewigkeit sein. Dort sieht alles ganz anders aus.
Ein Hauptproblem der Postmoderne ist, dass sie die Ewigkeit vergessen hat. Die Ewigkeit spielt keine Rolle mehr, höchstens noch als schöner Gedanke, aber sie beeinflusst das Leben hier nicht mehr.
Ein Gott muss nutzbar sein hier, heute und jetzt. Deshalb müssen wir uns gegenseitig ermutigen, diesen Blick in die Ewigkeit nicht zu verlieren.
Abschluss und Einladung zu Fragen
An dieser Stelle möchte ich nun eine Pause machen und die Möglichkeit für Rückfragen geben.
Ich hoffe, dass ihr einige Gedanken mitnehmen konntet und dass es euch herausfordert, euer eigenes Gottesbild zu erweitern. Dabei soll die Erweiterung nicht irgendwohin führen, sondern auf der Mitteilung Gottes, der Offenbarung Gottes basieren. Vielleicht gibt es Aspekte, die in eurem Leben bisher eine zu geringe Rolle gespielt haben und die ihr nun mit einbeziehen könnt.
Wenn du eher postmodern geprägt bist, dann nimm mehr die Aspekte auf, die diese Postmoderne korrigieren. Bist du hingegen eher traditionell-modern geprägt, dann nimm die Elemente der Postmoderne auf, die in bestimmten Punkten dem Wesen Gottes entsprechen. Zum Beispiel, dass Gott individuell ist, dass Gott sich zeigt, dass Gott der nahe Vater ist und erfahrbar ist. Das ist typisch für die postmoderne Gottesvorstellung, und auch diese Aspekte können in dein Bild von Gott einfließen.
Vielen Dank! Ihr könnt jetzt fleißig eure Fragen aufschreiben. Die Ordner werden sie einsammeln.
Wir möchten jetzt gemeinsam ein Lied singen. Ich denke, den Kanon „Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich“ können wir alle auswendig, oder?
Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich,
der Herr freue sich seiner Werke.
Ich will singen dem Herrn mein Leben lang,
ich will loben meinen Gott, solang ich bin.
Beginn der Fragerunde: Krankheit und Leid
Die erste Frage, beziehungsweise der erste Zettel, der mir hier zugekommen ist, enthält eigentlich zwei Fragen: Kommt das Leid der Krankheit immer vom Bösen, oder kann sie auch von Gott kommen? Und muss Gott immer heilen, wenn ich darum bete?
Diese Stichworte ermöglichen es mir, gleich noch einmal eine Predigt von einer Stunde zu halten. Ich hoffe, ihr seid gut darauf eingestellt. Ich versuche jedoch, es etwas kürzer zu machen, auch im Hinblick auf die Pause, die dann kommt.
Muss Leiden und Krankheit also immer vom Teufel kommen? Hier müssen wir eindeutig biblisch sagen: Nein. Denn wir haben zahlreiche Beispiele, in denen Gott direkt Leiden und Krankheit schickt. Denken wir an Miriam, die sich gegen ihren Bruder Mose erhebt und dann Aussatz bekommt – das ist von Gott. Oder denken wir an die, die das Abendmahl nicht unterscheiden; auch hier schickt Gott Krankheit, wie wir lesen.
Natürlich schickt Gott Krankheit. Der Irrtum, der beim postmodernen Menschen besteht, ist die Vorstellung, dass Gott ständig nur für unser Wohlgefühl sorgen muss. Aber der Gott, an den wir glauben, ist viel, viel größer. Er hat eine weitere Perspektive. Er sieht nicht nur, ob du dich in diesem Moment wohlfühlst, sondern er sieht, ob das für dich generell und dein Lebensumfeld richtig ist. Und manchmal, wenn Krankheit richtig ist, dann schickt er sie dir und segnet dich damit.
Dann ist es eigentlich nicht so, dass du ständig darüber traurig sein musst und sehen musst, wie du sie loswirst. Vielmehr solltest du sie als das erkennen, was Gott in dir wirken will. Natürlich gibt es auch Krankheiten, die vom Teufel kommen, die uns einfach quälen sollen. Manchmal gibt es Krankheiten, die einfach ein Ergebnis der gefallenen Welt sind, in der wir leben.
In der Bibel gibt es also ganz unterschiedliche Ursachen von Krankheit. Wenn wir nicht wissen, woher sie kommt, können wir Gott einfach in kindlicher Weise bitten: „Herr Jesus, nimm du mir das weg, ich leide so sehr darunter.“ Und wenn du merkst, Gott tut es nicht, dann solltest du vielleicht dein Gebet verändern und sagen: „Herr Jesus, offensichtlich willst du das so nicht. Dann zeig mir doch, wofür das gut ist, was soll ich hier lernen?“
Manchmal benutzt Gott gerade solche unangenehmen Dinge, damit wir lernen. Wenn wir die ganze Bibel durchgehen, schauen wir, wo die Menschen am meisten von Gott gelernt haben – fast immer dort, wo sie gelitten haben. Deshalb hat Gott das immer wieder zugelassen.
Was war in Israel in den Jahren, in denen es gut ging – reich, gesund und ohne Kriege? Man musste nur zwanzig, dreißig Jahre warten, und dann kam der Materialismus und die Abgötterei. Dann musste mal wieder ein Krieg her, mal wieder eine Gefangenschaft, und die Menschen begannen zu weinen und zu sagen: „Oh ja, wir suchen Gott.“ Dann kam plötzlich wieder die Umkehr zu Gott.
Weil Gott uns so sehr liebt, mutet er uns manchmal Krankheit zu. Ein Gott, der ständig nur dafür sorgen würde, dass wir ein Glücksgefühl nach dem anderen hätten, wäre eine Affenliebe, wie man sagt. Das heißt eine Liebe, die den Menschen gar nicht ernst nimmt. Das wäre so, als wenn ihr bei euren Kindern immer nur das tut, was das Kind gerade will. Das Kind will nicht arbeiten? Okay, dann nicht arbeiten. Das Kind will Süßigkeiten? Jetzt Süßigkeiten. Das Kind will nicht zur Schule? Also nicht zur Schule.
Das ist keine echte Liebe, weil es dem Kind auf Dauer eben gar nicht gut tut. Und genau so ist das auch mit Gott.
Wie ist das, wenn wir beten: Muss Gott immer alle Krankheiten wegnahmen? Zuerst einmal möchte ich betonen: Gott nimmt Krankheiten weg, auch heute. Ich habe das bei mir selbst erlebt, bei unseren Kindern, für die wir gebetet haben, beim Mitlehrer in der Gemeinde, für den wir gebetet haben. Gott greift ein und nimmt Krankheit weg, sogar unheilbare Krankheit – also nicht nur irgendwelche Kleinigkeiten, bei denen wir ja nie genau wissen, ob das jetzt von Gott war oder ob vielleicht die Erkältung nach 14 Tagen sowieso zu Ende gewesen wäre.
Ich meine jetzt wirkliche Gebetserhörungen. Die gibt es auch heute noch.
Aber – und das ist das Aber – wir müssen immer beten, wie Jesus im Garten: „Nein, Herr Jesus, ich glaube, du tust das, und ich weiß, du hast die Kraft dafür, aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“
Warum? Weil du ja nicht immer weißt, was Gott damit machen will. Wenn jemand krank ist oder ich selbst krank bin, wünsche ich mir Gesundheit – ich wahrscheinlich, ihr auch. Deshalb darf ich zu meinem himmlischen Vater kommen und ihm das sagen.
Aber ich muss auch bereit sein, zu akzeptieren, wenn er sagt: Nein. Das gibt es nicht.
Da muss ich auch bereit sein, das zu akzeptieren.
Deshalb sollten wir im Glauben und in der Überzeugung beten, aber uns immer bewusst sein: „Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden“, nicht meiner. Und wenn Gottes Wille anders ist als das, was ich mir gerade vorstelle, dann sollte ich auch die Größe oder die Demut haben, mich Gott zu unterstellen.
Zeitliche Einordnung der Postmoderne
Von wann bis wann geht die Postmoderne?
Herr Präsident! Heute sprechen wir noch so, als ob postmoderne Menschen, darunter auch Jugendliche, existieren würden oder irgendwie dazugehören. Wie könnte die Welt in zwanzig Jahren aussehen? Welche Folgen wird das haben? Es geht wahrscheinlich um die langfristigen Konsequenzen.
Die Postmoderne geht vom 1. Januar 1959 bis zum 5. September 2052. Nein, das ist natürlich keine korrekte Antwort. Das kann ich euch nicht sagen, und kein anderer Mensch kann es euch sagen. Denn die Postmoderne hat schleichend begonnen. Es hat sich nicht ein Professor hingesetzt und gesagt: „Heute erfinde ich die Postmoderne.“ Sondern das kam nach und nach. Es war immer ein Übergang von einer Phase zur nächsten.
Ich habe das, glaube ich, gestern schon erwähnt: Man setzt im Allgemeinen an den späten Sechzigerjahren an. Dort gab es einige Umbrüche im Denken an den Universitäten. Dort waren die Anfänger der Postmoderne. Ich meine jetzt nicht die typische 68er-Studentenrevolte. Die hat nur am Rande damit zu tun. Aber dort waren die Vordenker der Postmoderne.
Dass sich die Postmoderne im breiteren Rahmen Platz geschaffen hat, ist seit den Neunzigerjahren der Fall. Allerdings erst in den Kreisen der Intellektuellen, Künstler, Politiker usw. Nach und nach ist sie dann auch ins Alltagsleben eingeflossen.
Wenn wir jetzt sagen, es gibt ab und zu auch mal ein paar Jugendliche, die von der Postmoderne bestimmt sind, dann stimmt das. Aber wir müssen die Tragweite noch viel weiter spannen: Wir alle sind von der Postmoderne beeinflusst, nur etwas stärker oder weniger.
Da junge Menschen eben noch nicht so eine lange Lebensgeschichte hinter sich haben, sind sie stärker beeinflusst. Weil ihr schon von ganz verschiedenen Dingen beeinflusst worden seid, wirkt das postmoderne Denken bei älteren Menschen meistens nicht ganz so intensiv.
Aber wenn ihr ehrlich zu euch seid, werdet ihr feststellen, dass manche dieser postmodernen Überzeugungen nicht nur für eure Enkel gelten, sondern genauso für diejenigen, die schon im Seniorenalter sind. Wir leben eben in dieser Welt.
Manchmal merken wir das erst, wenn wir in einer anderen Welt wären. Wenn wir wirklich mal 50 oder 100 Jahre zurückschrauben könnten, würden wir merken, wie stark wir alle postmodern geprägt sind.
Aber wie gesagt: Jüngere Menschen sind, nicht weil sie böse sind, sondern einfach weil sie jünger sind, natürlich stärker geprägt. Sie haben an ihren Schulen, an der Universität, in der Ausbildung und in den Medien viel mehr diesen Einfluss der Postmoderne mitbekommen. Deshalb sind sie stärker davon geprägt.
Ich habe ja mehrfach deutlich gemacht: Das ist nicht prinzipiell böse, nur prinzipiell einseitig. Das ist das Problem. Manche Aspekte der Postmoderne sollten wir erkennen, denn sie sind durchaus biblisch und gut. Nur müssen wir erkennen, welche das sind. Dann können wir sie aufnehmen, und die anderen müssen wir ausgleichen, um ein Gleichgewicht zu schaffen.
Deshalb ist es nicht ganz klar, wann die Postmoderne zu Ende geht. Viele Philosophen und Soziologen sagen, wahrscheinlich ist die Postmoderne nur eine Übergangsphase.
Deshalb ist es interessant: Wir hatten vorhin gehört, dass in der Spätantike auch so viele postmoderne Gedanken vorhanden waren. Im Nachhinein hat man das als Übergangsphase von der Antike hin zum christlichen Mittelalter betrachtet.
Gerade in dieser Übergangsphase werden viele Dinge infrage gestellt, Werte über Bord geworfen. Menschen ziehen sich in ihr eigenes Gefühlsleben zurück, weil außen alles unsicher wird. Es kommt möglicherweise etwas Neues danach.
Wenn wir fest glauben und beten: Maranatha, Herr Jesus kommt bald!, dann kommt vielleicht danach das Reich Gottes. Aber wenn das noch nicht passiert, könnte eine neue Ideologie kommen, die die Menschen bestimmt.
Ich beobachte im Moment bei manchen jungen Menschen, dass sie gar nicht mehr nur postmodern sein wollen. Manche lieben plötzlich wieder das Extreme. Man sagt, man rede Klartext, wie Donald Trump. Das mögen manche.
Aber das ist auch nicht viel besser. Da kommen wir nur vom Wasser in die Traufe. Klartext reden wir auch nicht wirklich. Das ist nur eine andere Form, wie sich Leute inszenieren.
Das eine ist ein Machtmensch, das andere auch. Der postmoderne Machtmensch schaut dich mit einem Hundeblick an und betreibt etwas ganz anderes: „Ah, mein Erleben und mein Gefühl, und wir sind alle so gut und halten die Kerzen.“ Das ist der postmoderne Mensch.
Im Grunde möchte auch der postmoderne Mensch häufig seine Interessen durchsetzen. Er hat etwas, das er möchte, und strebt manchmal nach Macht.
Der nachpostmoderne Mensch tut das vielleicht nicht. Aber ob das besser wird? Hier sollten wir uns lieber ganz fest an Gott halten.
Denn was immer wieder passieren kann, ist, dass irgendeine neue Ideologie entsteht. Vielleicht ein Weltherrscher, wie der Antichrist, der seine Macht aufbaut.
Wenn erst mal alle Werte zerstört und nivelliert sind, wenn jeder Mensch nur noch auf sich und sein Gefühl schaut, dann wird er viel schneller zum Spielball ideologischer Mächte und Beeinflussungen.
Dort, wo Menschen feste Überzeugungen haben, an ihnen festhalten und sie begründen können, sind sie ideologieresistenter. Deshalb kommt wahrscheinlich etwas Neues danach.
Nur wann, wo und wie, das ist schwer zu sagen. Im Moment merken wir immer noch, dass der Geist der Postmoderne sehr stark dominiert. Und das zunehmend nicht mehr nur in Nordamerika und Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt.
Pfingstliche Bewegung und Wohlstandstheologie
Ist die pfingstlerische Bewegung ein Ausdruck der Postmoderne? Und wie begegnen wir der Theologie des Wohlstands? Ich glaube, du hattest gestern etwas in diese Richtung gesagt.
Ich hatte gestern kurz darüber gesprochen. Ich würde nicht sagen, dass die Pfingstgemeinde oder die charismatische Bewegung direkt ein Ergebnis der Postmoderne sind. Die klassische Pfingstbewegung geht ja auf den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zurück, und damals redete man noch gar nicht von der Postmoderne.
Die Pfingstbewegung entstand vielmehr aus einer Phase der Stagnation und der Traditionalisierung vieler Gemeinden in den USA. Besonders junge Leute sehnten sich danach: „Wir wollen jetzt mal richtig Gott erfahren, wir wollen die Wunder erleben wie im Neuen Testament.“ Dann kam das Zungenreden auf und die Theorie, dass jeder Christ auch in Zungen reden müsse. In diesem Zusammenhang würde ich noch nicht so stark von einem postmodernen Einfluss sprechen.
Wenn wir aber von der charismatischen Bewegung sprechen, die erst in den 60er und 70er Jahren entstand, und besonders in der zweiten bzw. dritten Welle der charismatischen Bewegung in den 80er Jahren, tendiere ich eher dazu, sie als eine typische Manifestation postmoderner Religiosität zu sehen. Deshalb ist sie auch außerordentlich erfolgreich, weil sie einem postmodern empfindenden Menschen sehr stark entspricht.
Eine charismatische Frömmigkeit ist sehr stark auf das individuelle Erleben ausgerichtet: Dir geht es gut, du hast viele Erlebnisse. Es gibt keine festen Regeln, oder nur wenige. Der Prophet stellt manchmal welche auf, oder der Apostel, aber sonst bist du eigentlich frei. Du kannst sogar selbst Apostel werden und deine eigene Gemeinde gründen. Deshalb ist die Bewegung auch sehr stark zersplittert.
Ich glaube schon, dass dort Elemente der Postmoderne vorhanden sind. Ich habe manche charismatischen Gottesdienste selbst besucht. Ich rede also nicht nur aus der Entfernung. Ich war sogar einige Jahre lang Mitglied einer charismatischen Gemeinde in meiner Studentenzeit – nicht, weil sie so charismatisch war, sondern weil sie so missionarisch engagiert war.
Hinterher habe ich aber immer mehr gesehen: Das geht ja immer weiter weg von der Bibel, was dort praktiziert wird. Dann habe ich manche Veranstaltungen besucht, bei denen Schamanen und Esoteriker auftraten. Und ich habe auch Veranstaltungen besucht, die von charismatischen Christen durchgeführt wurden. Manchmal war das eins zu eins dasselbe – kein Unterschied, vielleicht zwei, drei Vokabeln anders. Die Bühnenshow, die Versprechen, wie die Leute auftreten – alles genau dasselbe.
Das sollte uns zum Nachdenken bringen. Hier ist die Gefahr einer Religionsvermischung sehr groß. Es wird nur noch der Begriff Jesus oder Christus verwendet, aber manchmal nicht mehr der biblische Jesus, sondern der, den man durch irgendwelche persönlichen Erfahrungen mitgebracht hat. Das spricht den postmodernen Menschen ungemein an.
Der postmoderne Mensch kann heute charismatisch sein, dann morgen zum Schamanen gehen und anschließend zum Dalai Lama. Weil das alles irgendwie zueinander passt und miteinander mischbar ist. Deshalb sind Elemente postmoderner Frömmigkeit in der charismatischen Theologie erkennbar.
Wie ist das mit der Theologie des Wohlstands? Wenn ich jetzt Pastor eurer Gemeinde wäre, könnte ich die auch predigen. Nein, ich würde es nicht tun, ich hätte ein schlechtes Gewissen dabei. Ich frage mich immer, wie die Leute das tun.
Jesus sagt: Die Vögel haben Nester, die Füchse haben Höhlen, und der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sein Haupt hinlegt (Matthäus 8,20). Aber der charismatische Wohlstandsprediger hat nicht nur eine Villa, sondern zwei oder drei, dazu einen Privatjet. Er fühlt sich dabei gut und sieht das als Segen Gottes.
Dann frage ich mich: Wieso ist Jesus so wenig gesegnet worden? Warum sind die Apostel so wenig gesegnet worden? Da merken wir, dass etwas nicht stimmt. Das Augenmerk ist auf die vollkommen falsche Sache gerichtet.
Ich würde eher sagen: Wenn du schon so viel hast, dann setze es doch zum Wohl deiner Gemeinde ein, statt eine Villa zu bauen. Aber manche dieser Prediger treffen auch auf viel Gegenliebe, weil ihre Mitglieder hoffen: Wenn ich nur fromm genug bin, dann habe ich auch bald eine Villa wie der Prediger.
Was natürlich so gut wie nie passiert – es sei denn, du gründest eine Zweiggemeinde, dann bist du wieder derjenige, der das Ganze bekommt. Dahinter steckt auch ein bisschen schamanistische Vorstellung. Das heißt, du hast irgendwelche Methoden, mit denen du Reichtum generieren kannst. Jeder Mensch wünscht sich gerne Reichtum, obwohl er ihm manchmal schadet.
Deshalb stößt eine solche Frömmigkeit auf Gegenliebe, selbst wenn du im Moment noch nicht reich bist. Früher, in vorchristlicher Zeit, ging man eben zum Schamanen, der dann die Geister beschwor, damit der Acker besser wächst und die Kühe mehr tragen. Man hoffte, dass es funktioniert.
Heute gehst du zum Apostel, der bestimmte Gebete spricht, Segen gibt und dir die Hände auflegt. Du zitterst dabei und denkst: „Boah, jetzt geht es richtig voran.“ Im Grunde genommen ist das aber genau das Suchen nach etwas vollkommen Falschem.
Falls euch das interessiert: Ich empfehle euch mein Buch, den zweiten Band von „Die charismatische Bewegung“. Dort gehe ich insbesondere den Lehren der charismatischen Bewegung nach, im Positiven wie im Negativen. Es soll nicht nur heißen, alle sind böse. In einem Kapitel gehe ich auch auf das Wohlstandsevangelium ein: Woher es kommt, wie es biblisch einzuordnen ist.
In der Bibel finden wir natürlich manchmal auch Wohlstand als Segen Gottes, aber nur manchmal, nicht immer. Häufig schadet er dem Menschen mehr, als er ihm hilft. Wer das will, kann ich euch die Bibliografie geben. Ihr könnt das Buch beim Zemtau oder anderswo bestellen; die tun das gerne. Dort könnt ihr ausführlich nachlesen, mit biblischer Reflexion im Alten und Neuen Testament. Ich zitiere auch aus den Werken verschiedener Autoren.
Das war erst mal die Kurzfassung. Ich bin eher skeptisch. Ich bin überzeugt: Gott segnet, das steht in der Bibel. Manchmal segnet er auch materiell, aber das ist nie unser höchstes Ziel. Es ist auch nie ein Versprechen Gottes, dass es für jeden kommt. Manchmal schadet es uns sogar.
Manchmal segnet Gott materiell, und dann sollen wir uns freuen und Halleluja singen. Aber dann bist du umso mehr verantwortlich, das, was Gott dir schenkt, nicht nur egoistisch für dich selbst einzusetzen.
Jeder Besitz beinhaltet gleichzeitig eine Verantwortung. Umso mehr du besitzt, umso verantwortlicher bist du. Gott wird einmal Rechenschaft darüber fordern, wie du das, was er dir geschenkt hat, eingesetzt hast.
Wenn du nur sagst: „Och, ich habe das Leben richtig genossen!“, dann gibt es ein paar Schläge im Himmel. Vielleicht wirst du noch gerettet, weil du gläubig bist, aber es gibt schon mal ein paar Rüffel. Denn das ist nicht das, was wir tun sollen.
Wenn Gott dir etwas anvertraut hat – seien es deine Begabungen, deine Lebenszeit, deine Gesundheit oder deinen Reichtum –, dann bist du verpflichtet, es für die Sache Gottes einzusetzen und nicht dafür, dass es dir noch ein bisschen besser geht.
Atheismus und gesellschaftliche Vielfalt
Wenn in der Postmoderne jeder sein eigenes Gottesbild hat, stellt sich die Frage: Gibt es da überhaupt noch den Atheismus? Und falls ja, wie äußert er sich?
Zunächst muss man deutlich machen, dass wir in einer Welt leben, in der nicht nur eine einzige Ideologie die Menschen bestimmt. Das bedeutet, wir haben viele verschiedene Gruppen und eine fragmentarische Gesellschaft. Nicht jeder, dem wir begegnen, ist postmodern.
Es gibt nach wie vor viele Menschen, die in der Moderne verhaftet sind und an eine feste Wahrheit glauben. Ebenso gibt es noch zahlreiche Kommunisten und Sozialisten, die an ihrer Ideologie festhalten und diese für die Wahrheit halten. Auch das ist nicht postmodern.
Die Postmoderne ist eine Strömung, die vor allem aus Europa und Nordamerika stammt. Aber selbst in diesen Regionen sind nicht alle Menschen ausschließlich von der Postmoderne geprägt. Deshalb muss man ganz klar sagen: Natürlich gibt es auch die Atheisten.
Ich habe bereits in dieser Woche darüber gesprochen. Auch Atheisten versuchen, einen starken Einfluss in der Gesellschaft auszuüben. Aber sie bilden nur eine Fraktion. Man muss sich die Gesellschaft als ein Geflecht verschiedener Gruppen vorstellen, die jeweils um Einfluss ringen. Diese Gruppen beeinflussen sich gegenseitig. Daneben gibt es Menschen, die zwischen den Lagern stehen und von verschiedenen Strömungen ein Stück weit mitbestimmt sind.
In der Soziologie spricht man in diesem Zusammenhang von Milieustudien. Dort werden etwa fünf Milieus unterschieden, zu denen man selbst irgendwie gehört. Manche dieser Milieus sind stärker konservativ und orientieren sich an traditionellen Werten, andere sind progressiv und offen für Neues.
Nicht jeder ist also gleichermaßen intensiv von der Postmoderne geprägt. Es gibt auch Menschen, die weiterhin überzeugte Atheisten sind und dafür kämpfen, dass sich der Atheismus durchsetzt. Zudem existiert eine atheistische Postmoderne. Diese Atheisten reden manchmal von Gott, verstehen diesen aber lediglich als eine Art Psychotechnik.
Das bedeutet, sie sehen Gott als etwas, das der Psyche des Menschen helfen kann. Ein atheistischer Postmoderner nutzt zum Beispiel gerne NLP, das neurolinguistische Programmieren. Dabei geht er davon aus, dass es etwas Übergeordnetes gibt, das manche auch Gott nennen. Doch durch bestimmte Sprachmethoden kann man dieses Übergeordnete kontrollieren und sich zunutze machen.
Es gibt also auch Mischformen. Gleichzeitig existieren aber auch die reinen Atheisten, die nichts von der Postmoderne wissen wollen.
Die Welt, und auch Länder wie Deutschland oder Paraguay, sind also nicht nur von einer einzigen Ideologie geprägt. Vielmehr kämpfen verschiedene Strömungen gegeneinander, mal hat die eine mehr Einfluss, mal die andere. Manchmal vermischen sich diese auch.
Man kann also nicht einfach sagen, eine Ideologie dominiert überall. Ich habe mich hier auf die Postmoderne konzentriert, weil sie in den letzten 20 Jahren besonders prägend war, vor allem für neue Entwicklungen. Aber sie ist bei Weitem nicht die einzige.
Umgang mit postmodernen Christen in der Gemeinde
Wo hole ich postmoderne Christen ab, um ihnen ein reelles Gottesbild zu vermitteln? Das hängt natürlich davon ab, ob diese postmodernen Christen in deiner Familie sind, in der Gemeinde, Nachbarn oder am anderen Ende der Welt leben. Die Möglichkeiten sind je nach Situation unterschiedlich.
Ganz wichtig ist es zuerst, den postmodernen Christen nicht in erster Linie als Gefahr oder Gegner zu sehen, sondern als Menschen, die, hoffentlich, Jesus wirklich nachfolgen wollen – so wie du selbst. In dieser Gemeinschaft ist es dann wichtig, einerseits zu würdigen, wo er positive Erkenntnisse über Gott hat und diese auch umsetzt. Davon können wir uns vielleicht sogar herausfordern lassen.
Andererseits ist es wichtig, dass du ihm einen Einblick in dein Leben gibst. Postmoderne Menschen interessieren sich nicht so sehr für abstrakte Wahrheiten, sondern mehr für das, was im eigenen Leben oder im Leben anderer geschieht. Deshalb musst du dir zunächst klar darüber werden, wie dein eigenes Gottesbild aussieht.
Dieses Gottesbild solltest du im Gebet und im Lesen der Bibel immer wieder korrigieren und weiterentwickeln. Dabei ist es auch hilfreich, sich mit Bibelstellen auseinanderzusetzen, die du sonst vielleicht weniger liest. Jede Gruppe hat ihre „Leib- und Magen“-Bibelferse, und das gilt auch für postmoderne Christen. Bestimmte Bibelstellen werden oft ignoriert, während andere herausgegriffen werden, weil sie scheinbar besser passen.
Es ist wichtig, dass du dich immer wieder mit der Bibel auseinandersetzt und bei jedem Text darüber nachdenkst: Wie zeigt sich Gott hier? Lies Bibelverse nicht nur zur Erbauung, sondern überlege jedes Mal, was sie dir über das Wesen Gottes sagen. So wirst du merken, dass sich dein Gottesbild nach und nach verändert und sich häufig auch im Alltag zeigt.
Unser Gottesbild bestimmt nämlich unseren Umgang mit anderen Christen, unser Denken und unser tägliches Leben. Wenn du mit postmodernen Christen in Gemeinde oder Familie zu tun hast, werden sie durch den Anteil, den du an deinem Leben gibst, merken, dass es auch andere Aspekte Gottes gibt.
Manchmal hilft es auch, einem postmodernen Menschen einfach gute Fragen zu stellen, die ihn zum Nachdenken anregen. Es kann auch sinnvoll sein, ihn mit der Realität seines eigenen Lebens zu konfrontieren – zum Beispiel, wenn er Leid erlebt hat und frustriert ist oder sich darauf konzentriert, dass das Leid unbedingt verschwinden muss.
Dann kannst du ihm vielleicht andere Wege aufzeigen und erklären, dass es in der Bibel viele Menschen gibt, die gelitten haben. Es gibt aber auch Menschen, die so fest in ihrer Haltung sind, dass sie darauf nicht hören. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem postmodernen Christen, dem ich sagte: „Schau mal, auch Paulus war krank.“ Darauf antwortete er: „Ja, aber Paulus hat das Gesetz der Heilung noch nicht begriffen.“
Da muss man natürlich sagen: Es gibt auch Grenzen dessen, was du vermitteln kannst. Nur durch dogmatische Diskussionen erreichst du einen postmodernen Christen nicht. Du kannst auf Bibelverse hinweisen und betonen, dass diese dich angesprochen und dir geholfen haben. Erzähle von deinem eigenen Leben und wie du mit solchen Themen umgehst.
Nenne auch einige Bibelaspekte, in denen ein anderes Gottesbild stärker zum Tragen kommt und so Korrekturen möglich sind. Stelle Rückfragen zum Leben des anderen, aber würdige auch, wo in seinem Leben biblische Aspekte vorhanden sind, von denen wir lernen können.
Eine dogmatische Konfrontation ist hier eher nicht sinnvoll. Stattdessen sollte man zusammen die Bibel erforschen und vom eigenen Leben berichten. Das Anteilgeben muss glaubwürdig sein für den anderen. Und dann bleibt nur, dafür zu beten, dass Gott demjenigen zeigt, dass es noch weitere Aspekte seiner Persönlichkeit gibt – über die hinaus, die in der postmodernen Frömmigkeit betont werden.
Vielen Dank, Michael.
Übergang zur Pause und Zeugnisse
Leider können wir jetzt nicht alle Fragen beantworten, da sich ein ganzer Stapel angesammelt hat und die Zeit leider vorbei ist. Wie wir bereits am Donnerstagabend gesagt haben, könnt ihr euch gerne privat an Michael wenden, falls wir hier nicht alle Fragen beantworten können. Er ist hier und spricht gerne mit euch.
Gleich haben wir Pause. Um 10:30 Uhr geht es dann mit Zeugnissen weiter. Wie gesagt, bitte bereitet euch innerlich darauf vor.
Bevor wir in die Pause gehen, möchte ich noch eine Bitte der Küche weitergeben: Bitte sagt Bescheid, wenn ihr heute Abend nicht hier zu Abend essen wollt. So vermeiden wir, dass 50 oder 60 Mahlzeiten zu viel vorbereitet werden. Ich bitte jetzt alle, die heute nicht zu Abend essen werden, die Hand zu heben, falls ihr das schon wisst.
Kann das jemand zählen? Die Ordner da hinten? Alles klar, vielen Dank!
Ich wünsche uns allen eine erholsame Pause.
Vorbereitung auf Zeugnisse und organisatorische Hinweise
Wir haben jetzt einen ganz besonderen Teil vor uns. Bisher haben wir gesessen und vor allem zugehört.
In der Vergangenheit war es auf den Konferenzen üblich, dass aus den Gemeinden verschiedene Berichte zu bestimmten Themen vorgelesen wurden, die vorher besprochen waren. Im Vorstand der Konferenz haben wir uns nun darauf geeinigt, dies etwas anders zu gestalten. Wir möchten Gelegenheit geben, um Zeugnisse mitzuteilen.
Der Moment dafür ist jetzt da. Das wollen wir bald umsetzen. Zuerst werden wir noch gemeinsam singen. Einige Informationen möchte ich noch weitergeben, und dann wollen wir die Gelegenheit für Zeugnisse eröffnen.
Zuerst noch ein paar Informationen: Morgen Vormittag findet die gesamte Gedenkfeier zum 60-jährigen Bestehen statt. Die Feier wird in spanischer Sprache abgehalten. Für diejenigen, die kein Spanisch verstehen, wird eine Übersetzung angeboten.
Wir bitten diese Personen, ihr Handy und Kopfhörer mitzubringen, damit sie die Übersetzung auf Deutsch mitverfolgen können. Es wurde mir mitgeteilt, dass man diese Geräte auch bei den Studenten ausleihen kann. Ich hoffe, die Studenten sind bereit, diese auszuleihen. Vielleicht erhalten sie die Geräte nach der Feier wieder zurück.
Das Mittagessen soll spätestens um zwölf Uhr bereitstehen. Wenn wir hier vorher fertig sind, stellt euch draußen irgendwo hin und unterhaltet euch in der Pfleggemeinschaft. Irgendwann wird ein Klingelton ertönen. Das bedeutet dann: „Kommt zum Essen!“
Als Chacenius sind wir es gewohnt, uns über Mittag noch etwas hinzulegen oder zu schlafen. Hier sind keine Zimmer mit Betten und Matratzen vorbereitet, aber dieser Saal ist groß und bietet viel Platz. Ihr könnt gerne reinkommen, euch irgendwo hinlegen oder hinsetzen und ein Mittagsschläfchen halten.
Wenn um zwei Uhr noch jemand zu sehr schnarcht, werden wir nach Möglichkeiten suchen, das zu beenden.
Geburtstagsfeier und Lied zum Übergang
So, dann haben wir hier etwas ganz Besonderes auf dieser Konferenz. Eine Person, die mir gesagt wurde, dass sie bisher immer auf den südamerikanischen Konferenzen dabei gewesen ist. Genau diese Person hat heute Geburtstag, und das muss doch gefeiert werden. Das ist Bruder Wilfried Hein aus Uruguay. Können Sie bitte einmal aufstehen? Wir gratulieren ganz herzlich zu Ihrem Geburtstag. Sie sind uns ein gutes Vorbild.
Können Sie uns verraten, wie viele Jahre Sie heute werden? Bitte? 77. Schön, danke.
Wir wollen ein Geburtstagslied singen und danach ein anderes Lied, das uns einstimmen soll auf die Zeugnissen. Wer will das denn singen? Dieses Lied wurde von John Newton geschrieben, kurz nach seiner Bekehrung. Er war ein Sklavenhändler und ist auch ein Zeugnis. So, ich denke, es wird einen schönen Übergang machen, wenn wir nachher auch Zeugnisse hören. O Gnade Gottes, wunderbar! Wer will?
In der Gemeindearbeit erleben wir immer wieder viele wunderbare Dinge, wie Gott wirkt und was Gott macht. Es gibt da viele Herausforderungen, auch in Bezug auf das Thema Postmodernität. Darüber haben wir in diesen Tagen viel gehört, und wir wollen heute Gelegenheit geben, darüber zu berichten, davon zu erzählen.
Mir gefällt immer wieder, was der Apostel Paulus machte. Er wurde von der Gemeinde gerufen, ihm wurden die Hände aufgelegt, er wurde ausgesandt. Das heißt dann am Schluss der ersten Missionsreise, das lesen wir in Apostelgeschichte 14,26: "Und von da fuhren sie mit dem Schiff nach Antiochia, wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren zu dem Werk, das sie nun ausgerichtet hatten. Als sie aber dort ankamen, versammelten sie die Gemeinde und verkündeten, wie viel Gott durch sie getan und wie er den Heiden die Tür des Glaubens aufgetan hätte."
Sie erzählten, was Gott gemacht hatte, und dazu wollen wir heute Gelegenheit geben. Ich bitte die Personen, die etwas mitteilen möchten, nach vorne zu kommen, weil die Übersetzung jetzt auch gemacht wird. Wenn ihr von der Versammlung aus sprecht, können sie dort hinten nicht übersetzen. Also bitte, seid so frei und kommt nach vorne, wenn ihr etwas mitteilen wollt.
Ich habe drei Personen befragt, die den Anfang machen, und danach gebe ich Raum für alle, die dann kommen möchten.
Ich bitte, dass Wilfried Kran zuerst kommt. Er hat eine kurze Erfahrung, die ihm persönlich Mut gemacht hat in der Gemeindearbeit.
Wie wir auch in einem der Vorträge hörten, ist es manchmal schwierig, Mitarbeiter zu bekommen. Man befragt viele Personen, bevor man eine Zusage bekommt, und dann wird man manchmal mutlos. So jedenfalls ist es mir ergangen.
Dann habe ich eine sehr positive Erfahrung in unserem Hauskreis gemacht. Wir sind eine kleine Gruppe, zu der auch ein jüngeres Ehepaar gehört, das aktiv in der Gemeindearbeit tätig ist. Dieser Mann erzählte bei einem Hauskreis, und ich will hier ein bisschen weitergeben, was er mir sagte und was mir dann auch sehr wichtig war.
Er sagte: "Von dem Moment an, als ich eine Aufgabe in der Gemeinde übernahm, fühle ich mich Teil der Gemeinde. Ich bin Teil von diesem Leib, ich bin Teil von dieser Arbeit, ich gehöre dazu, ich weiß, welcher mein Platz ist, und ich fühle mich gebraucht."
Er sagte auch noch, dass es nicht so leicht ist, wenn man einfach nur negativ kritisiert wird. Das ist eine Sache, die mir persönlich Mut macht: Auch wenn es manchmal schwierig ist, Mitarbeiter zu kriegen, in gewissen Bereichen, dann doch immer wieder zu suchen und Menschen auf ihre Gaben und Fähigkeiten hinzuweisen und ihnen Mut zu machen, sich für diese Arbeit einzusetzen.
Als Nächsten hatte ich Raphael Friesen gefragt.
Ich bin Rafael Friesen, Jugendleiter hier in Asunción von der Concordia-Gemeinde.
Herausforderungen in unserer Arbeit: Einmal muss ich sagen, dass Pornografie eine große Herausforderung bei unseren Jugendlichen ist. Ich hatte lange Mühe, den Statistiken Glauben zu schenken, wenn geschrieben wurde, dass 80 % der Jungen und vielleicht auch schon 40 % der Mädchen mit steigender Tendenz regelmäßig sich pornografisches Material anschauen. Das konnte ich mir irgendwie nicht vorstellen. Ich schaute mir die Leute an und sagte, ich traue diesen Personen das nicht zu. Bis ich anfing, mit den Leuten darüber zu sprechen, und dann merkte ich, dass es tatsächlich so ist.
Das führt uns dazu, dass wir viel direkter über Themen wie Sexualität sprechen. Das darf kein Tabuthema mehr sein, und ich überwinde mich auch immer mehr, Jugendliche direkt darauf anzusprechen. Lange habe ich mich davor gewehrt, weil ich das Gefühl hatte, ich dränge in einen privaten Bereich ein, was unangenehm ist. Und das ist ja auch so: Der Privatbereich ist auch unangenehm.
Aber um das überwinden zu können, sehe ich keinen anderen Weg, als dass wir anfangen, offen darüber zu sprechen und uns gegenseitig helfen, das zu bewältigen.
Eine andere Herausforderung: Wir sind übersättigt mit Informationen. Facebook und all die anderen Medien – jeden Tag bekommen wir Hunderte von Nachrichten. Wir merken das zum Beispiel, wenn wir unsere Jugendlichen per SMS oder WhatsApp einladen. Wenn die Nachricht länger als drei Reihen ist, haben sie oft schon nicht gelesen, was in der vierten oder fünften Reihe steht. Deswegen müssen wir das Wichtigste ganz oben hinschreiben und so kurz wie möglich halten.
Ich zum Beispiel bin nur wegen meiner Arbeit in über zehn WhatsApp-Gruppen drin, und das bewegt sich den ganzen Tag. Irgendwann schaltet man ab, denn wir haben nur eine gewisse Kapazität, wie viel Informationen wir aufnehmen können. Das ist auch eine große Herausforderung.
Ein starkes Gebetsleben zu entwickeln, ist nicht einfach für Jugendliche heute, wo es tausend Möglichkeiten gibt und immer noch bessere Optionen, die mehr Spaß machen, als sich hinzusetzen und wirklich zu beten. Bis spät in die Nacht wach zu bleiben und Dinge zu tun, die nicht unbedingt schlecht sind, aber die mir meine Energie rauben und es mir schwer machen, am nächsten Tag früh aufzustehen, um meine Stillzeit zu machen – das haben wir so viel. Das ist ein Kampf.
Ein weiterer Kampf ist die große Konkurrenz, die wir haben. Wir sind nicht mehr die einzige Bar im Dorf, die kommen nicht mehr alle nur zu uns. Die Jugendlichen haben hundert Möglichkeiten. Jeden Samstagabend machen wir unsere Jugendstunde. Unsere Trumpfkarte ist einfach das, was wir haben, was die anderen nicht haben: Wenn die Jugendlichen erfahren können, dass die Kraft des Heiligen Geistes heilend in ihr Leben eindringen kann und das Leben dadurch verändert wird.
Die Frage, was habe ich davon, ist berechtigt. Das ist eine gute Sache, und sie müssen spüren: Ich habe etwas davon, das Evangelium bringt mir wirklich etwas.
Dann haben wir die Jugendlichen. Und ein letztes, was ich hier sagen will: Nicht in erster Linie gute Programme ziehen Jugendliche an. Das haben wir lange gedacht. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir eine gute Jugendstunde gemacht haben. Wenn aber ein Jugendlicher nach der Jugendstunde draußen alleine steht und niemand mit ihm spricht, wird er das nächste Mal nicht kommen. Ein gutes Programm kann ich mir im Internet anschauen oder irgendwo sonst.
Aber was ich brauche, sind Beziehungen, Leute, die sich für mich interessieren. Deshalb legen wir sehr viel Wert auf Beziehungen. Wir haben sehr viel Wert auf Hauskreise, auf Kleingruppen, und versuchen so, diesen Herausforderungen entgegenzuwirken.
Danke.
Dankeschön, Raphael.
Dann habe ich auch noch Dietmar Kliver aus Brasilien gefragt. Brasilianer sind etwas kleiner.
Guten Morgen, Dietmar Kliver aus Wittmersum, einer Gemeindearbeit dort.
Also, ich bin sehr dankbar, dass ich dabei sein konnte, dank der Organisation von CEMTA, der südamerikanischen Konferenz, auch Michael – ich weiß nicht, wo er jetzt sitzt, da hinten, ja.
Es war für mich wirklich sehr wichtig, ich konnte nicht ganz teilnehmen. Ich freue mich, dass man es wieder herunterladen kann und das nochmal hören. Ich muss es auch, weil es einfach alles zu schnell ging für meinen Kopf.
Ich sagte sogar: Mein Kopf ist doch nicht kleiner als der von Michael. Er spricht so schnell, ja, also das geht alles nur so, und ich hatte meine Schwierigkeiten zu folgen.
Vor zwölf Jahren habe ich mich mit diesem Thema auch ein klein wenig beschäftigt, und mir ist es schade, dass ich mich in dieser ganzen Zeit nicht etwas mehr damit beschäftigt habe. Denn ich denke, es ist von großer Wichtigkeit, dass wir verstehen, in welcher Zeit wir leben, dass wir die Botschaft, das, was Gott uns gibt, wirklich auch in dieser Realität, in der wir leben, weiterbringen können.
Ich fühle mich sehr identifiziert mit mehreren Punkten, auch wie Wilfried es schon sagte: die Schwierigkeit, dass heute Leute in der Gemeinde sich engagieren und Verantwortung übernehmen wollen. Es wird immer schwieriger, den Glauben weiterzugeben, mit anderen Leuten über den Glauben zu reden.
Ja, wir haben gehört, wie schwierig das ist.
Aber die Zeit des Apostels Paulus war wohl nicht besser als unsere.
Die Schwierigkeit zum Beispiel, Gemeindedisziplin durchzuziehen in der heutigen Zeit, denn Gemeindedisziplin scheint eher eine große Lieblosigkeit gegenüber anderen zu sein.
Und dann hat man oft die Erfahrung mit Jugendlichen aus unserer Gemeinde, die plötzlich den biblischen, christlichen Glauben in Frage stellen.
Das schockiert uns sogar.
Ich dachte, es ist so wichtig, dass wir als Prediger und Leiter uns mit diesem Thema befassen, andere Weltanschauungen anschauen, dass wir die Religionen kennenlernen und andere religiöse Gruppen.
Und dass wir dadurch auch Antwort geben können und ihnen zeigen, was für einen wertvollen Glauben wir haben.
Also gehe ich mutig zurück und bin auch wirklich dankbar, mehrere der Dinge, die ich gehört habe, versuchen umzusetzen zum Bau des Reiches Gottes.
Also euch herzlichen Dank!
Dankeschön, Dietmar!
Jetzt soll ich auch klein bleiben, ja?
So, bitteschön, wer ist der Nächste?
Unsere Zeit ist begrenzt. Wenn ich auf einmal aufstehe und neben euch hier stehe, so die Sprache haben wir eher schon verstanden, dann, ja?
Bitte schön, Herr Hein, kommen Sie!
In unserer Umgebung und in uns selbst vollbringt und tut Gott viel.
Ich habe das Seminar immer wieder geschätzt und habe die Jahre 1957, 1958 und 1959 hier in Montevideo das Seminar besucht. Das war jedes Jahr ein besonderes Geschenk, weil meine Eltern am Anfang in der Wirtschaft, an der Ansiedlung waren.
Wir kamen aus Deutschland, sind zweimal geflüchtet, und ich bin auch in Deutschland geboren und mit zwölf Jahren nach Uruguay gekommen.
Aber wir haben eben von der Gnade Gottes gesungen, und das ist das Wunderbare, das wir immer wieder erlebt haben.
Wir haben unsere Leitung, die damalige Seminarleitung, sehr geschätzt, Direktor Nelson Littweiler mit seiner Frau. Ihr könnt da vieles nachlesen in der Broschüre oder in dem Buch, das gerade herausgekommen ist.
Das war mir eine Herausforderung, Beate Pedder de Friesen zu unterstützen mit Informationen, weil sie nicht in dieser Zeit miterlebt hat, sondern jetzt die Geschichte schreiben wollte.
Das würde ich auch sagen: Ich bin seit einem Jahr alleine. Meine Frau Anita Epp, die Epps-Familie ist in Fernheim bekannt, sie ist heimgegangen. Wir haben die goldene Hochzeit noch sehr gut verlebt, aber dann ging es mit der Gesundheit nicht mehr so gut.
Ich bin dankbar, dass wir ein sehr gutes Ehe- und Familienleben hatten. Wir haben viele Kinder und Enkelkinder – fünf Kinder, vier in Uruguay und einen in Kanada. Wir sind dankbar, dass sie alle auf diesen Wegen wandeln, die ins Alter kommen. Einige sind auch hier, darunter meine Tochter, mein Enkelsohn und viele Verwandte.
Ich möchte noch dies eine Sache sagen, die mir seit der Goldenen Hochzeit wichtig geworden ist:
Zwischen Träumen und Versäumen windet sich der Lebenspfad. Hindernisse sind zu räumen, selten geht es schnurgerade. Wage und erwarte stets ein schöneres Land, noch bedenke: „Deine Wanderkarte hält ein Höher in der Hand.“ Das ist wunderbar.
Ich möchte in dem Vers noch Psalm 115,1 erwähnen: "Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Gnade und Wahrheit willen."
Ich möchte Mut machen, das weiter zu verkündigen, was uns anvertraut ist, und diese Herausforderungen aufzunehmen, die von hierher oder uns hier in diesen Tagen gesagt werden.
Dankeschön!
In Lukas 12,54-56 sagt Jesus: "Ihr könnt sagen, wenn der Nordwind kommt, dass es regnen wird, oder wenn der Südwind kommt, dass es heiß werden wird, aber ihr könnt die Zeit nicht deuten, in der ihr lebt."
Ich denke, das haben wir heute an diesen Tagen so manche gemerkt, dass wir die Zeit, in der wir leben, gar nicht richtig verstehen, wir können sie nicht richtig deuten.
Das hat uns wohl viel geholfen, und ich denke, es wird auch eine Herausforderung bleiben für uns, dass wir weitersehen, wie wir uns dieser Herausforderung stellen können.
Ich selber bin Jugendleiter einer Gemeinde im Tschako.
Wie gehe ich mit den Jugendlichen um? Wie mache ich es, dass dieser Jugendliche ein Gottesbild bekommt, das bibeltreu ist und nicht etwas, das er sich selbst vorstellt?
Ich denke, diese ganze Thematik bringt uns viele Herausforderungen, auch in unserer weiten Gemeindearbeit, besonders in der Jugendarbeit, darauf zu bauen, dass wir ein Gottesbild weitergeben können, das bibelgerecht ist.
Mein Name ist Niki Wiebe, ich bin Jugendleiter der Manoa-Gemeinde.
Mein Name ist Victor Unger, ich komme aus Brasilien, aber ursprünglich hier aus Volendam aus der Kolonie in Paraguay. Ich habe mein Leben aber meistens in Brasilien verbracht. Dort habe ich auch meinen Glauben gefunden, aber hier in Friesland, wenn jemand von Friesland ist, dort habe ich nicht gelebt.
Dann führte Gott das so, dass ich auch ins Seminar gehen konnte. In drei Semestern habe ich dort nur studiert, weil ich mehr von der Bibel wissen wollte.
Geheiratet habe ich in Brasilien, und deshalb bin ich dort geblieben.
Ich möchte nur eine kurze Geschichte erzählen, wie Gott wirkt.
1999 hatten wir unsere Konferenz in Brasilien als Gemeinde vor Ort. Wir waren uns auf der Konferenz nicht einig – um nicht direkt Streitereien zu sagen. Jedenfalls verstanden wir uns nicht.
Beim Rausgehen gingen wir die Treppe runter in unserer Kirche in Damburg, und dann ruft ein Bruder von hinten zu mir: "Victor, weißt du nicht, wo wir waren? Däunitzschäne." Da mag man es nicht einmal, war das Stridebrücke. Ich sagte: "Ernst?" War Ernst Löwe? Ja, sagte ich, ich weiß was. Ja, aber dort trug man Geld.
Da sagte er: "Ludert mal Stone", wenn man seine Worte hasst.
Dann sagte ich ihm, dass wir in Bolivien damals ungefähr sechzigtausend Mennoniten hätten und in Mexiko vielleicht 80.000 bis 100.000 und Belize vielleicht noch mal so viel. Selbst hier in Rio Verde und Paraguay auch, später sogar in Argentinien. Das sind sehr traditionell gebundene Leute, die in der Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts stehen geblieben sind, in aller Hinsicht, dass die Stadtwahl wohl mit der Hand gemacht wurde.
Dann haben wir uns dort außerhalb des Konferenzgebäudes in unserer Kirche zu fünft versammelt, die Interesse hatten. Er hatte die Rechtigung bezahlt, und wir sind sofort nächsten Monat, im Oktober oder November, nach Bolivien gefahren und haben die Kolonien besucht.
Als wir zurückkamen, sagte er: "Wenn du fahren willst, dass wir dann anfangen, die Rechnung ist auf zwei Jahre meine."
Ich habe das mit meiner Frau besprochen, und wir sind hingefahren, zweitausend Kilometer.
Nach einem Jahr Tätigkeit habe ich schon eingesehen, dass wir moderne Brasilianer da auch nicht hinpassen, weder in der Kleidung, noch in der Sprache, noch im Ansehen. Wir sind da nicht fertig.
Dann rief ich unseren Konferenzleiter an, damals war es Alfred Pols. Da sagte ich: "Alfred, ich kann hier bleiben." Ja, aber ich glaube, wir können da nicht anfangen.
Da sagte er: "Was meinst du?"
Ich sagte: "Ich glaube, die Russlandsmennoniten aus Deutschland würden hier reinpassen."
Da sagte er: "Fahr hin."
Na ja, fahr hin, es ist leicht gesagt, fahr hin, aber es muss ja bezahlt werden.
Da hatten wir nicht das Geld. Ich bin zum Reisebüro gegangen und sagte: "Wenn ihr das Vertrauen habt, dass ich die Rechnung erst auf der Rückseite bezahle, dann fahren wir dorthin."
Sie sagten: "Gut, wenn du zurückkommst, zahlst du."
Dann sprach ich hier in Paraguay mit Siegfried Siemens, muss für irgendjemand ein Begriff sein, der spielt Harmonika und hat auch Kontakt mit Seminaren hier gehabt, und einer, der Klavier spielt, und einer spielte die Harfe.
Mit drei Mann von hier, meiner Frau und mir, also zu fünft, sind wir dann nach Deutschland gefahren.
Im Februar 2000 war es ziemlich kalt.
Dann haben wir die erste Gemeinde in Frankfurt besucht, und von der Frankfurter Gemeinde sind wir dann immer wieder eingeladen worden, immer in neue Gemeinden.
Im Ganzen waren es achtzehn Gemeinden.
In der achtzehnten Gemeinde meldete sich ein junger Mann, Peter Giessbericht. Er sagte: "Herr Unger, wenn es geht, werde ich mit unseren Ältesten sprechen, und dann werden wir sehen, was wir machen können. Ich möchte dahin."
Dieser junge Bruder hatte damals fünf Kinder. Die Gemeinde hat ihn mit seiner ganzen Familie dorthin geschickt, mit allen Rechten und Pflichten. Er arbeitet heute noch dort mit zwei anderen Familien, auch aus Deutschland, aber russlanddeutsche.
Ich mache es kurz, damit es auch zeitlich auskommt.
Die Situation heute: Wir sahen keine Möglichkeit, dass wir in Brasilien etwas machen konnten.
Dann blieb ich noch mit ihm zusammen, also im Ganzen dreieinhalb Jahre, und 2004 sind wir nach Hause gefahren.
Meine Frau ist inzwischen auch heimgegangen.
Aber dort sind heute sieben Gemeinden mit einem Durchschnitt zwischen 40 und 200 Mitgliedern pro Gemeinde, eine Bibelschule mit 80 Schülern und 30 Absolventen, die aus der eigenen Gegend stammen.
Wir sahen keine Möglichkeit und hatten noch nicht.
Gott macht solche Werke, das muss uns immer bewusst sein.
Dankeschön!
Und ich muss sagen, ich komme aus Uruguay. Einige lachen vielleicht, ja, aber wir kommen dieses Mal aus Uruguay. Das ist auch für uns eine Überraschung.
Ich freue mich, dass wir an diesem Kongress mitmachen. Ich habe mich schon letztes Jahr gefreut, weil ich letztes Jahr in einer Versammlung mitmachen konnte.
Ich war der Vertreter von der Vertreter.
Und dann hatte ich mich schon gefreut, dass dieser Kongress hier im Center ist.
Da haben wir uns schon geplant: Da müssen wir mitmachen, weil wir, ich und meine Frau, hier schon fast 30 Jahre zurück gelernt haben, von 1986 bis 1989.
Wir freuen uns immer, wenn wir hier wieder zurückkommen.
Es war für uns eine gute Zeit, um die Bibel zu lernen und zu lernen, was Gott durch uns wollte.
Dieses Thema der Postmodernität ist auch ganz interessant, weil wir aus Brasilien kommen und gewohnt waren, in einer Stadt und einer Gemeinde in der Stadt zu wohnen.
Jetzt sind wir in einer Gemeinde auf dem Land.
Wir merken, dass wir auch mit der Postmodernität kämpfen müssen, dass sie nicht einfach so in die Gemeinde reinkommt, wie sie will.
Ich freue mich auch, viele Leute wiederzusehen, die auch Studenten und Lehrer waren. Es ist ein guter Segen für uns, diese Zeit hier gehabt zu haben.
Dankeschön für all das hier.
Es war gut, mitzumachen.
Danke für die ganze Organisation hier, alles, und Gottes Segen auch denjenigen, die sich hier so beschäftigt und viel gearbeitet haben.
Auf Wiedersehen!
Ich will euch fünf Dinge erzählen, die wir als Gemeinde erleben, die vielleicht eine Anregung für euch sein können.
Wenn jemand darüber weiter mit mir sprechen möchte, kann das gerne machen.
Fünf Dinge, die uns in den letzten Jahren beschäftigt haben und bei denen wir unterwegs sind:
Das Erste ist, dass wir uns in den letzten Jahren immer wieder neu besonnen und gefragt haben, welcher unser Auftrag ist.
Wir haben uns neu gesagt, dass wir als Mennonitengemeinde Concordia – da bin ich Gemeindeleiter – schwach sind in dem, was Zeugnis mit Worten ist, dass wir anderen Leuten unsere Geschichte mit Jesus erzählen.
Darin sind wir deutsche Mennoniten sehr oft schwach, jedenfalls in unserer Gemeinde.
Wir haben ganz gezielt Wege gefunden und geschaffen, um das zu fördern, um das Bewusstsein zu fördern, aber auch Befähigungen auf diesem Gebiet einzuführen.
Da haben wir kleine Schritte gemacht, wir sind auf dem Weg, im Reich Gottes Jünger zu machen.
An zweiter Stelle, und das hängt damit zusammen, haben wir seit dreieinhalb Jahren bei uns eine spanische Abteilung in unserer Gemeinde, nämlich die Hispano, die Iglesia Mennonita Concordia.
Dort versammeln sich jeden Sonntag um sieben Uhr abends zwischen 60 und 100 Leute.
Wir haben mehrere Taufeste gehabt seither.
Ich glaube, das ist ein Modell, in verschiedenen Formen, in dem wir in Paraguay, Brasilien und Uruguay in Zukunft viele Erfahrungen machen werden.
Manche sind schon auf dem Weg, andere werden diese Wege neu suchen.
Da haben wir jetzt dreieinhalb Jahre Erfahrung.
Wir haben heute fast mehr Fragen als Antworten, aber wir sind auf dem Weg und vertrauen darauf, dass Gott uns weiterführen wird.
Eine dritte Sache, die für uns neu ist und wo wir auf dem Weg sind, ist, dass wir vor zwei Jahren die Leitungsform, die Leitungsstruktur unserer Gemeinde grundlegend überarbeitet haben.
Wir haben uns neu gefragt, welche Art Leitung, welche Art Gemeindeleitung wir in der Bibel finden.
Wir haben dann das, was wir bis dahin als unseren Gemeinderat hatten, mit den Vertretern aus den verschiedenen Arbeitsbereichen, durch das ersetzt, was wir heute einen Ältestenrat nennen.
In diesem Ältestenrat werden Personen spezifisch für die Leitung der Gemeinde gewählt.
Im Moment haben wir einen Ältestenrat, in dem neben mir sechs Personen Mitglieder sind, die dafür gewählt wurden, die Gemeinde zu leiten und verschiedene Arbeitsbereiche zu überwachen.
Eine Leitungsform, die uns viel Segen gebracht hat, die uns aber auch manche Not bereitet hat.
Nicht alle Menschen, nicht alle Gemeindeglieder können verstehen, warum das eine gute Sache sein sollte.
Für mich als Gemeindeleiter ist das ein sehr segensreicher Wechsel gewesen und eine sehr hilfreiche Sache.
Eine vierte Sache, die uns in den letzten Jahren, besonders im letzten Jahr, beschäftigt hat, ist eine Statutenveränderung, eine Statutenerneuerung.
Darüber werde ich nicht im Einzelnen sprechen, nur eine Sache erwähnen.
Das ist die Sache, die uns am meisten Not gemacht hat und die uns viele Stunden im Komitee und im Ältestenrat gekostet hat, und das ist die Wahlordnung.
Wie wählen wir Menschen, wie berufen wir Menschen?
In manchen Gemeinden – und wir haben das auch bei manchen unserer Gemeindeglieder – hat die Demokratie Überhand genommen.
Demokratie ist etwas Gutes, aber sie kann auch zu Engpässen führen und dazu, dass eine Mehrheit eine Gemeinde in die Irre führt.
Wir haben uns gefragt, wie ein Berufungsprozess anders aussehen kann.
Mit dem Prozess sind wir noch nicht ganz fertig, wir sind dabei, letzte Formulierungen zu machen.
Wir wollen einen Prozess der Berufung und der Wahl einführen, in dem einerseits die Berufung durch Gott, die Berufung durch die Gemeinde und die aktive Mitbeteiligung der gegenwärtigen Gemeindeleitung zusammenspielen.
Das Zusammenspiel ist nicht ganz einfach in Worte zu fassen und in Schritte zu formulieren, denen alle mitgehen können.
Da sind wir auf dem Weg.
Die langen Sitzungen sind bald zu Ende, dann können wir uns wichtigeren Dingen zuwenden.
Und eine letzte Sache:
Ich bin mittlerweile fast 60 Jahre alt – ein wunderbares Alter, meinen manche, und andere sagen, das ist eben schon alt.
Ich habe ein Team, das heißt, das Team in unserer Gemeinde von den aktiven Gemeindemitarbeitern, das heißt die, die einen Arbeitsbereich anleiten.
Die meisten davon sind mit einer Teil- oder Vollzeit-Anstellung da.
Es sind acht Mitarbeiter.
Alle acht Mitarbeiter sind zwischen 22 und 35 Jahre alt, also durchschnittlich halb so alt wie ich.
Das bedeutet immer wieder, auf sie zu hören, mit ihnen zu reden, sie anzuleiten und zu formen.
Vor allem merke ich immer wieder, dass das, was sie erleben, sehr nah an der Wirklichkeit einer postmodernen Welt ist.
Es ist für mich ein großes Vorrecht.
Ich möchte euch, die ihr auch schon ältere Gemeindeleiter seid, sehr ermutigen:
Habt keine Angst, junge Leute voll einzusetzen.
Junge Leute, die gerade über zwanzig oder um die dreißig sind, sind wunderbare Mitarbeiter.
Ihr habt einen davon hier vorne gesehen: Raphael, deine Punkte habe ich ja nicht wiederholt, das sind wichtige Punkte auch für uns.
Diese fünf Dinge – da sind wir dran, da ist Gott mit uns am Arbeiten.
Wir suchen Wege, die biblisch begründet sind und in unserer Welt heute ein Zeugnis sein können.
Wir sind dankbar, dass wir wieder Hoffnung haben, um weiterzumachen.
Nach diesem Zeugnis singen wir zusammen ein Lied.
Guten Tag, mein Name ist Erika Pauls, ich bin hier als Direktorin der Fakultät Fidelis Curitiba der Mennonitischen Fakultät.
Ich danke für die Organisation.
Wir sind alle so verschieden wie dieser wunderschöne Blumenstrauß.
Wären es nur rote Rosen, wäre es eintönig.
Also sind wir alle ganz verschieden und doch eins in Jesus Christus.
Heute wurde viel gesagt, gerade eben: Welches ist unser Auftrag, welche ist unsere Mission?
Dann wurde von Arbeit gesprochen.
Ja, wir haben viel Arbeit, sie liegt vor uns.
Wo sind die Arbeiter?
Dann wurde wieder gesagt, die Arbeiter müssen vorbereitet werden.
Wer bereitet sie vor?
Wir haben zwei Fakultäten.
Also, es ist hier wirklich ein besonderes Anliegen an alle, die hier sind:
Schickt eure jungen Leute, auch wenn sie nicht mehr so jung sind.
Ich bin schon mehr als du, ich bin 66 und arbeite auch mit einem jungen Team zusammen.
Also schickt sie zu unseren Fakultäten.
Lasst sie ausbilden!
Ihr habt hier eine so wunderschöne Fakultät, auch in Curitiba.
Heute Morgen hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit eurem Direktor Helmut Siemenz.
Wir sind dabei, einen Weg zu finden, wie wir gemeinsam zusammenarbeiten können, besonders auf unserem mennonitischen Grund, auf unserer Basis, die Jesus Christus ist.
Die Bibel als unser Fundament und die Gemeinschaft, die Gemeinde, die wir pflegen wollen, und unseren Auftrag an die Umgebung.
Ich möchte noch ganz kurz etwas hervorheben: ein Erlebnis.
Ich war 30 Jahre in Rio de Janeiro an der Universität, fern von meinen Eltern.
Eines Abends wollte ich so gerne nach Hause, es ging auf Weihnachten zu, ich konnte nicht wegen meiner Arbeit und Verpflichtungen.
Ich nahm unser Gesangbuch, unser Gemeindebuch und meine Flöte.
Ich öffnete das Fenster, blickte zur Christusstatue und spielte die Lieder durch.
Das ging so heimlich, ich glaube, bis beinahe halb zwei Uhr morgens.
Dann sagte ich: "Jetzt reicht es, ich lege mich hin."
Am nächsten Morgen lag ein Brief unter meiner Tür.
Ich erzähle euch gleich, wie wichtig Musik ist.
In dem Brief stand geschrieben:
"Ich danke dir für mein Leben, du hast mein Leben gerettet, deine Musik.
Ich hatte die Pistole in der Hand.
Ich wollte mit meinem Leben ein Ende machen.
Da ging es mir so, ich wartete ab, bis die Musik zu Ende ist.
Schon fing eine neue an, und noch eine, bis ich nicht mehr konnte und legte die Pistole beiseite.
Und sagte: 'Gott, ich gehe meinen Weg.'"
Nie habe ich gewusst, wer das wohl war.
Okay, nach Jahren, bei einem Auftrag und Zusammenarbeit mit Schweiz und Deutschland, war ich in der Schweiz.
Dann ging ich mit meiner Schwester zu einem Gottesdienst in einer evangelischen Kirche.
Da waren auch viele Jugendliche.
Der Pastor rief auf: "Komm, gib doch ein Zeugnis, was du erlebt hast."
Ich saß ganz hinten, ich kannte die Leute nicht mehr.
Was? Ich soll da hingehen?
In der Menge fühlte ich das ganz klar: Geh und sag den Leuten dein Erlebnis mit der Flöte.
Das hat doch keinen Sinn. Geh!
Der Pastor rief immer wieder: "Ist da noch jemand?"
Okay, ich ging.
Nach dem Zeugnis kam ein älterer Mann zu mir, mit Tränen in den Augen.
Er sagte: "Ich weiß, wer die Person war.
Es war meine Freundin, eine Missionarin.
Sie ging nach Brasilien und arbeitete dort unter den Goldgräbern.
Sie war dort in einem Konflikt.
Sie schrieb mir Briefe und sagte, sie könne nicht mehr zurückgehen zu der Arbeit.
Es hatte keinen Sinn."
Dann bekam ich die Briefe nicht mehr.
Auf einmal bekam ich einen Brief, in dem stand:
"Eine Flötenmusik heute Nacht hat mich zurückgerufen und zurückgebracht zu Gott.
Ich gehe jetzt meinen Weg."
Sie ging zurück und hat ihre Arbeit erfüllt.
Dann fragte ich ihn: "Was ist aus ihr geworden?"
Sie ist dort ums Leben gekommen, weil es so schwer und hart bei den Goldgräbern zuging.
So viel Gewalt und so viele Morde.
Was wollte ich hiermit sagen und bezeugen?
Musik ist auch sehr, sehr wichtig.
Geh weiter, gib jedem ein Liebeswort, und wenn du Musik kannst, spiel sie, sing sie.
Es kann Leben verändern und retten.
Danke!
Würdig das Land, das geopfert wird!
Wenn das geopfert ist, würdigt das Land.
Bitte mal so.
Er ist es würdig, dass wir ihm immer wieder Lobpreis bringen, auch durch Zeugnisse.
Wer möchte weitermachen?
Guten Morgen, ich bin Reinhold Thiessen, Gemeindeleiter der Mennonitengemeinde Manoa, La Plata.
Was ich hier kurz sagen möchte: Vor einiger Zeit habe ich viel in der Jugendarbeit gearbeitet, auch als Jugendleiter.
Da wurde ein Test gemacht, zu welcher Zeit wir uns eigentlich bewegen – ab der modernen oder postmodernen Zeit.
Ich war wirklich überrascht, inwieweit ich selber in der postmodernen Zeit stecke, vielleicht weiter als viele Jugendliche.
Das hat mich zum einen Teil erschreckt.
Aber warum war das so?
Weil ich so viele Jahre in der Jugendarbeit mitgemacht habe.
Mein Prinzip war immer, zu wissen, was die Jugendlichen möchten und brauchen.
Nicht nur immer zu sagen: "Du brauchst das und das", sondern auch zu hören, was die Jugendlichen heute wirklich bewegt, in welcher Zeit sie leben.
Heute habe ich ein größeres Problem.
Ich arbeite in der Gemeinde, und da weiß ich, was die Gemeinde braucht.
Aber was sie wirklich wollen, ist viel problematischer bei älteren Leuten.
Sie bewegen sich in einer anderen Zeit, in der sie nicht so mit den Gefühlen herauskommen.
Da versuche ich jetzt mitzuwirken.
Aber immerhin ist es wichtig, dass wir aktuell sind mit dem, was sich in den Leuten bewegt.
Deswegen ist das Thema jetzt sehr wichtig für uns.
Ich bin Ronny Dirksen aus der Kolonie Mernow.
Ich bin seit 2006 Prediger in der Mennonitengemeinde Weidenfeld.
War hier am Seminar Student von 2001 bis 2004.
Ich bin dem Seminar immer wieder dankbar für die gute biblische theologische Grundlage, besonders Herrn Werner Franz, Helmut Siemens und einige andere, die damals meine Lehrer waren.
Seit 2006, als ich Prediger wurde, oder etwas später, habe ich bei ASIM gearbeitet, einer Organisation, die mit Indianern in der Chaco-Zone arbeitet.
Von 2012 bis 2014 war ich zwei Jahre in Kanada.
Ich habe dort zwei Jahre an der Canadian Mennonite University internationale Entwicklungshilfe studiert, mit Schwerpunkt Frieden und Konfliktlösung.
Ich habe eine gute Beratung von Werner Franz bekommen.
Ich war auch in der Zeit Mitglied einer mennonitischen Gemeinde in Kanada.
Ich habe dort gemerkt, wie weit die Postmoderne dort schon Einzug gehalten hat.
Mit Herrn Helmut Siemens hatten wir damals ein Fach Postmoderne.
Mir hat die Grundlage, die ich am Seminar bekommen habe, geholfen, dort vieles zu sehen, was die eigenen Mennoniten in Kanada wahrscheinlich schon nicht mehr wahrnehmen.
Ich wage zu sagen, dass Herr Michael Kotsch ganz schiefe Blicke bekommen würde in der CMU oder in der mennonitischen Gesellschaft in Kanada, wenn er so klare Behauptungen macht.
Das ist dort schon nicht mehr angebracht.
Gender Mainstreaming ist etwas ganz Normales auch an der CMU.
Ich bereue die zwei Jahre Studium dort überhaupt nicht.
Aber für theologisch-biblische Grundlagen sind die dort schon ziemlich wackelig bei den kanadischen Mennoniten.
Seit dem letzten Jahr, oder seit zwei Jahren, bin ich in der Gemeinde Weidenfeld als Prediger tätig.
Ich arbeite wieder bei derselben Schule wie vorher.
Man merkt auch, dass die indianischen Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, in wenigen Jahren von der Steinzeit in die Postmoderne gesprungen sind.
Sie werden es noch viel schwieriger haben als wir heutzutage.
Das ist für uns eine Herausforderung.
Auch mit den Leuten, die um uns wohnen oder mit denen wir arbeiten, ihnen Grenzen zu zeigen.
Ich glaube, wir brauchen alle, besonders wenn man ein Grundstudium in Theologie hat, Grenzen.
Der Student will oft vom Lehrer wissen, wo die Grenzen sind.
Dass man nicht nur eine große Plattform geboten bekommt, auf der man sich bewegen kann, sondern dass es auch Grenzen gibt.
Ich freue mich immer wieder, wenn Lehrer und Redner eingeladen werden, die uns eine klare biblische Grundlage und Ausrichtung geben können.
Vielen Dank!
Ich danke ganz herzlich, dass ihr mitgemacht habt für die vielen Mitteilungen.
Unser Gott ist groß, er macht vieles.
Er leitet uns, wenn wir uns leiten lassen.
Wir können ihn immer wieder erfahren.
Von seinen großen Werken können wir immer wieder erzählen.
Da gibt es viel zu erzählen, und das wollen wir nicht auf diese eine Stunde hier drinnen beschränken.
Wir wollen das draußen, wenn wir zusammen sitzen und Tee trinken, auch immer wieder machen.
Dazu mache ich Mut.
Wir schließen den Teil hier jetzt ab.
Ich möchte noch ein Gebet sprechen, das zugleich auch das Tischgebet ist.
Dann gehen wir raus, um noch gemeinsam zu essen.
Nein, unser Haupt zum Gebet.
Vater im Himmel, wir loben und preisen dich für deine Gegenwart, für die vielen Werke, für das, was du tust.
Danke, Herr, dass wir dich Vater nennen dürfen, dass wir uns als deine Kinder zählen dürfen.
Du kennst uns, jeden einzelnen von uns.
Du hast uns beim Namen gerufen.
Wir dürfen deine Kinder sein.
Dazu gehört auch, dass du uns Aufgaben gibst.
Das ist ein Vorrecht, das wir haben.
Hilf uns, dass wir das nicht als Last empfinden, sondern dass wir voller Freude und Mut immer wieder an diese Arbeit herangehen und sie zu deiner Verherrlichung erledigen.
Danke, Herr Roch, für diesen heutigen Vormittag.
Wir bitten dich: Segne uns die Gemeinschaft, die wir weiter pflegen wollen.
Segne auch die Speise, die vorbereitet wurde.
Gib, dass wir uns immer wieder unter deinen Willen stellen.
Amen.
Der Herr segne euch.
Jugendleiter berichtet über Herausforderungen
Als Nächsten hatte ich Raphael Friesen gefragt.
Ich bin Rafael Friesen, Jugendleiter hier in Asunción von der Concordia-Gemeinde.
Herausforderungen in unserer Arbeit
Einmal muss ich sagen, dass Pornografie eine große Herausforderung bei unseren Jugendlichen ist. Lange hatte ich Mühe, den Statistiken Glauben zu schenken, wenn geschrieben wurde, dass 80 Prozent der Jungen und vielleicht auch schon 40 Prozent der Mädchen mit steigender Tendenz regelmäßig pornografisches Material konsumieren. Das konnte ich mir irgendwie nicht vorstellen.
Ich schaute mir die Leute an und sagte: Ich traue diesen Personen das nicht zu. Bis ich anfing, mit den Jugendlichen darüber zu sprechen. Dann merkte ich, dass es tatsächlich so ist.
Das führt dazu, dass wir viel direkter über Themen wie Sexualität sprechen. Das darf kein Tabuthema mehr sein. Ich überwinde mich auch immer mehr, Jugendliche direkt darauf anzusprechen. Lange habe ich mich davor gedrückt, weil ich das Gefühl hatte, in einen privaten Bereich einzudringen, was unangenehm ist. Und das ist ja auch so: Der Privatbereich ist tatsächlich oft unangenehm.
Aber um das überwinden zu können, sehe ich keinen anderen Weg, als offen darüber zu sprechen und uns gegenseitig zu helfen, damit umzugehen.
Eine andere Herausforderung
Wir sind übersättigt mit Informationen. Facebook und all die anderen Medien liefern uns jeden Tag Hunderte von Nachrichten.
Wir merken das zum Beispiel, wenn wir unsere Jugendlichen per SMS oder WhatsApp einladen. Wenn die Nachricht länger als drei Zeilen ist, lesen sie oft schon nicht mehr, was in der vierten oder fünften Zeile steht. Deswegen müssen wir das Wichtigste ganz oben hinschreiben und die Nachricht so kurz wie möglich halten.
Ich selbst bin nur wegen meiner Arbeit in über zehn WhatsApp-Gruppen aktiv, und da bewegt sich den ganzen Tag etwas. Irgendwann schaltet man ab, denn wir haben nur eine begrenzte Kapazität, Informationen aufzunehmen. Das ist auch eine große Herausforderung.
Ein starkes Gebetsleben zu entwickeln, ist heute für Jugendliche nicht einfach. Es gibt tausend Möglichkeiten und immer noch bessere Optionen, also solche, die mehr Spaß machen, als sich hinzusetzen und wirklich zu beten.
Bis spät in die Nacht wach zu bleiben und Dinge zu tun, die nicht unbedingt schlecht sind, aber mir meine Energie rauben und es schwer machen, am nächsten Tag früh aufzustehen, um meine Stillzeit zu machen – davon haben wir so viel. Das ist ein Kampf.
Ein weiterer Kampf ist die große Konkurrenz, die wir haben. Wir sind nicht mehr die einzige „Bar im Dorf“. Die Jugendlichen kommen nicht mehr nur zu uns. Sie haben hundert Möglichkeiten. Jeden Samstagabend wollen wir unsere Jugendstunde machen.
Unsere Trumpfkarte ist das, was wir haben, was die anderen nicht haben: Wenn die Jugendlichen erfahren können, dass die Kraft des Heiligen Geistes heilend in ihr Leben eindringen kann und das Leben dadurch verändert wird.
Die Frage, was habe ich davon, haben wir in der Postmoderne gelernt. Ich glaube, das ist berechtigt und eine gute Sache. Die Jugendlichen müssen spüren: Ich habe wirklich etwas davon. Das Evangelium bringt mir wirklich etwas.
Dann haben wir die Jugendlichen.
Ein Letztes, was ich hier sagen will: Nicht in erster Linie gute Programme ziehen Jugendliche an. Das haben wir lange gedacht.
Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht: Wir waren uns alle einig, wir haben eine gute Jugendstunde gemacht. Wenn aber ein Jugendlicher nach der Jugendstunde draußen alleine steht und niemand mit ihm spricht, dann wird er das nächste Mal nicht kommen.
Denn ein gutes Programm kann ich mir im Internet anschauen oder irgendwo anders.
Aber was ich brauche, sind Beziehungen – Leute, die sich für mich interessieren.
Deshalb legen wir sehr viel Wert auf Beziehungen. Wir legen großen Wert auf Hauskreise, auf Kleingruppen und versuchen so, diesen Herausforderungen entgegenzuwirken.
Danke.
Dankeschön, Raphael.
Zeugnis aus Brasilien
Dann habe ich auch noch Dietmar Kliver aus Brasilien gefragt. Brasilianer sind etwas kleiner. Guten Morgen, Dietmar Kliver aus Wittmersum, einer Gemeindearbeit dort.
Ich bin sehr dankbar, dass ich dabei sein konnte, dank der Organisation von CEMTA, der Südamerikanischen Konferenz, auch Michael – ich weiß nicht, wo er jetzt sitzt, da hinten, ja. Es war für mich wirklich sehr wichtig. Ich konnte nicht ganz teilnehmen. Ich freue mich, dass man es wieder herunterladen kann und es nochmal hören. Ich muss es auch, weil einfach alles zu schnell ging für meinen Kopf.
Ich sagte sogar: Mein Kopf ist doch nicht kleiner als der von Michael. Er spricht so schnell, ja, das geht alles nur so, und ich hatte meine Schwierigkeiten zu folgen. Vor zwölf Jahren habe ich mich mit diesem Thema auch ein klein wenig beschäftigt, und mir ist es schade, dass ich mich in dieser ganzen Zeit nicht etwas mehr damit beschäftigt habe. Denn ich denke, es ist von großer Wichtigkeit, dass wir verstehen, in welcher Zeit wir leben, dass wir die Botschaft, das, was Gott uns gibt, wirklich auch so in dieser Realität, in der wir leben, weiterbringen können.
Ich fühle mich sehr identifiziert mit mehreren Punkten, auch wie Wilfried es schon sagte: die Schwierigkeit, dass heute Leute in der Gemeinde sich engagieren und Verantwortung übernehmen wollen. Es wird immer schwieriger, den Glauben weiterzugeben und mit anderen Leuten über den Glauben zu reden. Ja, wir haben gehört, wie schwierig das ist. Aber die Zeit des Apostels Paulus war wohl nicht besser als unsere.
Ein Beispiel ist die Schwierigkeit, Gemeindedisziplin durchzuziehen in der heutigen Zeit. Denn Gemeindedisziplin scheint eher eine große Lieblosigkeit gegenüber anderen zu sein. Und dann hat man auch oft die Erfahrung mit Jugendlichen aus unserer Gemeinde, die plötzlich den biblischen, christlichen Glauben in Frage stellen. Das schockiert uns sogar.
Ich denke, es ist so wichtig, dass wir als Prediger und Leiter uns mit diesem Thema befassen, die Welt anschauen, die Religionen kennenlernen und andere religiöse Gruppen. Dadurch können wir auch Antworten geben und ihnen zeigen, was für einen Glauben und wie wertvoll unser Glaube doch ist.
Also gehe ich mutig zurück und bin auch wirklich dankbar, vieles von dem, was ich gehört habe, zu versuchen umzusetzen zum Bau des Reiches Gottes.
Euch herzlichen Dank! Dankeschön, Dietmar!
Zeugnis von Wilfried Hein
Jetzt soll ich also auch klein bleiben, ja? So, bitteschön, wer ist der Nächste? Unsere Zeit ist begrenzt. Wenn ich auf einmal aufstehe und neben euch hier stehen komme, dann haben wir die Sprache eher schon verstanden, ja? Bitte schön, Herr Hein, kommen Sie!
In unserer Umgebung und in uns selbst vollbringt und tut sich viel. Ich habe das Seminar immer wieder geschätzt. Es begann im Jahr 1957, 57, 58 und 59 habe ich hier in Montevideo das Seminar besucht. Das war jedes Jahr ein besonderes Geschenk, weil meine Eltern am Anfang mit der Wirtschaft und der Ansiedlung beschäftigt waren. Wir kamen aus Deutschland, sind zweimal geflüchtet, und ich bin auch in Deutschland geboren. Mit zwölf Jahren kam ich dann hierher.
Wir haben von der Gnade Gottes gesungen, und das ist das Wunderbare, das wir immer wieder erlebt haben. Wir haben unsere damalige Seminarleitung sehr geschätzt: Direktor Nelson Littweiler mit seiner Frau. Ihr könnt vieles darüber in der Broschüre oder in dem Buch nachlesen, das jetzt gerade herausgekommen ist.
Das war für mich eine Herausforderung, Beate Pedder de Friesen zu unterstützen mit Informationen, weil sie diese Zeit nicht selbst miterlebt hat, sondern jetzt die Geschichte schreiben wollte.
Ich möchte auch sagen: Ich bin seit einem Jahr alleine. Meine Frau Anita Epp, die Familie Epp ist in Fernheim bekannt, ist heimgegangen. Wir haben die goldene Hochzeit noch sehr gut gefeiert, aber dann ging es mit ihrer Gesundheit nicht mehr so gut. Ich bin dankbar, dass wir ein sehr gutes und verliebtes Familienleben hatten.
Wir haben viele Kinder und Enkelkinder – fünf Kinder, vier in Uruguay und einen in Kanada. Wir sind dankbar, dass sie alle auf diesen Wegen wandeln. Einige von ihnen sind auch hier, darunter meine Tochter, mein Enkelsohn und viele weitere Verwandte.
Ich möchte noch etwas sagen, das mir seit der goldenen Hochzeit wichtig geworden ist: Zwischen Träumen und Versäumen windet sich der Lebenspfad. Hindernisse sind zu räumen, selten geht es schnurgerade. Wage und erwarte stets ein schöneres Land, noch bedenke: „Deine Wanderkarte hält ein Hörer in der Hand.“ Das ist wunderbar.
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einen Vers aus Psalm 115 erwähnen: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Gnade und Wahrheit willen.“
Ich möchte Mut machen, das weiter zu verkündigen, was uns anvertraut ist, und die Herausforderungen anzunehmen, die hierher oder uns in diesen Tagen gesagt werden.
Dankeschön!
Weitere Zeugnisse und Abschluss
In Lukas 12,54-56 sagt Jesus: Ihr könnt sagen, wenn der Nordwind kommt, dass es regnen wird, oder wenn der Südwind weht, dass es heiß werden wird. Aber ihr könnt die Zeit, in der ihr lebt, nicht deuten.
Ich denke, das haben wir heute oft gemerkt: Wir verstehen die Zeit, in der wir leben, nicht richtig. Wir können sie nicht richtig deuten. Das hat uns wohl oft geholfen, und ich denke, es wird auch eine Herausforderung bleiben, wie wir uns dieser Herausforderung stellen können.
Ich selbst bin Jugendleiter einer Gemeinde im Tschako. Wie gehe ich mit den Jugendlichen um? Wie sorge ich dafür, dass sie ein Gottesbild bekommen, das bibeltreu ist und nicht nur eine eigene Vorstellung? Diese Thematik bringt viele Herausforderungen mit sich, besonders in der Gemeindearbeit und Jugendarbeit. Es ist wichtig, ein Gottesbild weiterzugeben, das der Bibel gerecht wird.
Mein Name ist Niki Wiebe, ich bin Jugendleiter der Manoa-Gemeinde. Mein Name ist Victor Unger. Ich komme aus Brasilien, stamme aber ursprünglich aus Volendam, einer Kolonie in Paraguay. Mein Leben habe ich größtenteils in Brasilien verbracht. Dort habe ich auch meinen Glauben gefunden, aber hier in Friesland, wenn jemand aus Friesland kommt, habe ich ihn nicht gesucht. Gott führte es so, dass ich auch ins Seminar gehen konnte. Ich absolvierte drei Semester, weil ich mehr von der Bibel wissen wollte.
Ich heiratete in Brasilien und blieb deshalb dort. Ich möchte nur eine kurze Geschichte erzählen, wie Gott wirkt. 1999 hatten wir eine Konferenz in Brasilien mit den Gemeinden vor Ort. Dort waren wir uns nicht einig, um nicht direkt von Streit zu sprechen, aber wir verstanden uns auch nicht richtig. Beim Verlassen der Kirche in Damburg, als wir die Treppe hinuntergingen, rief ein Bruder von hinten zu mir: „Victor, weißt du nicht, wo wir waren?“ „Däunitzschäne?“ fragte ich. „Da mag man es nicht“, sagte er. „War das Stridebrücke?“ fragte ich. „Nein“, sagte er, „Ernst Löwe.“ „Ja, ich weiß, aber damals trugen wir Geld“, antwortete ich. Er sagte: „Ludert mal Stone, wenn man seine Worte hasst.“
Dann erzählte ich ihm, dass wir damals in Bolivien ungefähr sechzigtausend Mennoniten hatten, in Mexiko vielleicht achtzig bis hunderttausend, in Belize noch einmal so viele und auch hier in Rio Verde und Paraguay, später sogar in Argentinien. Das sind sehr traditionell gebundene Leute, die in vielerlei Hinsicht im Mittelalter stehen geblieben sind. Die Stadtwahl war wohl mit der Hand gemacht.
Dann versammelten wir uns außerhalb des Konferenzgebäudes in unserer Kirche zu fünft, die Interesse hatten. Er hatte die Reise bezahlt, und so fuhren wir im nächsten Monat – es war Oktober oder November – nach Bolivien, um die Kolonien zu besuchen. Als wir zurückkamen, sagte er: „Wenn du fahren willst, um dort anzufangen, ist die Rechnung auf zwei Jahre meine.“ Ich besprach das mit meiner Frau, und wir fuhren 2000 dorthin.
Nach fast einem Jahr Tätigkeit erkannte ich, dass wir modernen Brasilianer dort nicht passten – weder in der Kleidung, noch in der Sprache oder im Ansehen. Wir waren dort nicht fertig. Dann rief ich unseren Konferenzleiter, damals Alfred Pols, an und sagte: „Alfred, ich kann hier bleiben, aber ich glaube, wir können hier nicht anfangen.“ Er fragte: „Was meinst du?“ Ich antwortete: „Ich glaube, in Deutschland, bei den Russlandmennoniten, würden wir besser reinpassen.“ Er sagte: „Fahr hin.“ „Na ja, fahr hin“, sagte ich, „das ist leicht gesagt, aber es muss ja auch bezahlt werden.“ Wir hatten das Geld nicht.
Also ging ich zum Reisebüro und sagte: „Wenn ihr das Vertrauen habt, dass ich die Rechnung erst nach der Rückkehr bezahle, dann fahren wir dorthin.“ Sie sagten: „Gut, wenn du zurückkommst, zahlst du.“ Dann sprach ich hier in Paraguay mit Siegfried Siemens, der für manchen ein Begriff sein könnte. Er spielt Harmonika, hat Kontakt zu Seminaren hier und kennt jemanden, der Klavier spielt, und einen, der Harfe spielt. Mit drei Männern von hier, meiner Frau und mir, also zu fünft, fuhren wir nach Deutschland.
Im Februar 2000 war es ziemlich kalt. Wir besuchten die erste Gemeinde in Frankfurt. Von dort wurden wir immer wieder eingeladen, auch in neue Gemeinden. Insgesamt waren es achtzehn Gemeinden. In der achtzehnten Gemeinde meldete sich ein junger Mann, Peter Giessbericht. Er sagte: „Herr Unger, ich werde mit unseren Ältesten sprechen, und dann sehen wir, was wir machen können. Ich möchte dorthin.“ Dieser junge Bruder hatte damals fünf Kinder. Die Gemeinde schickte ihn mit seiner ganzen Familie dorthin, mit allen Rechten und Pflichten. Er arbeitet dort noch heute, zusammen mit zwei anderen Familien, ebenfalls aus Deutschland, aber Russlanddeutsche.
Ich mache es kurz, damit es zeitlich passt: Wir sahen keine Möglichkeit, in Brasilien etwas zu starten. Ich blieb noch insgesamt dreieinhalb Jahre dort, und 2004 fuhren wir nach Hause. Meine Frau ist inzwischen auch heimgegangen. Heute gibt es dort sieben Gemeinden mit einem Durchschnitt von 40 bis 200 Mitgliedern pro Gemeinde, eine Bibelschule mit 80 Schülern und 30 Absolventen aus der eigenen Gegend.
Wir sahen keine Möglichkeit und hatten noch nichts. Gott wirkt solche Werke, das muss uns immer bewusst sein. Danke!
Ich muss sagen, ich komme aus Uruguay. Einige lachen vielleicht, aber wir kommen diesmal aus Uruguay. Das ist auch für uns eine Überraschung, und ich freue mich, dass wir an diesem Kongress teilnehmen. Ich habe mich schon letztes Jahr gefreut, weil ich damals Vertreter war und an einer Versammlung teilnehmen konnte.
Wir haben uns schon damals vorgenommen, bei diesem Kongress mitzumachen. Meine Frau und ich haben hier fast 30 Jahre zurück gelernt, von 1986 bis 1989. Wir freuen uns immer, wenn wir hierher zurückkommen. Es war eine gute Zeit, um die Bibel zu lernen und zu verstehen, was Gott durch uns wollte.
Das Thema Postmodernität ist auch sehr interessant. Wir kommen aus Brasilien, waren gewohnt, in einer Stadt und einer Stadtkirche zu leben. Jetzt sind wir in einer Gemeinde auf dem Land. Wir merken, dass wir auch mit der Postmodernität kämpfen müssen, damit sie nicht einfach so in die Gemeinde einzieht, wie sie will.
Ich freue mich, viele Leute wiederzusehen, die Studenten und Lehrer waren. Es ist ein großer Segen für uns, diese Zeit hier zu verbringen. Danke für alles, die ganze Organisation und Gottes Segen für alle, die sich hier so engagiert und viel gearbeitet haben. Auf Wiedersehen!
Weitere Zeugnisse und Gemeindeentwicklung
Ich möchte euch fünf Dinge erzählen, die wir als Gemeinde erlebt haben und die vielleicht auch euch eine Anregung sein können. Wer darüber weiter mit mir sprechen möchte, kann das gerne tun.
Diese fünf Dinge haben uns in den letzten Jahren beschäftigt und wir sind auf dem Weg, sie umzusetzen.
Das Erste ist, dass wir uns in den letzten Jahren immer wieder neu besonnen und gefragt haben, welcher unser Auftrag ist. Wir haben uns neu gesagt, dass wir als Mennonitengemeinde Concordia – ich bin Gemeindeleiter – Schwächen darin haben, Zeugnis mit Worten zu geben, also anderen Leuten unsere Geschichte mit Jesus zu erzählen. Darin sind wir deutsche Mennoniten sehr oft schwach, jedenfalls in unserer Gemeinde.
Wir haben deshalb ganz gezielt Wege gefunden und geschaffen, um dieses Zeugnisgeben zu fördern. Dabei wollen wir das Bewusstsein dafür stärken, aber auch Befähigungen auf diesem Gebiet einführen. Wir haben kleine Schritte gemacht und sind auf dem Weg, im Reich Gottes Jünger zu machen.
An zweiter Stelle, und das hängt damit zusammen, haben wir seit dreieinhalb Jahren eine spanische Abteilung in unserer Gemeinde, nämlich die Hispano, die Iglesia Menonita Concordia. Dort versammeln sich jeden Sonntag um sieben Uhr abends zwischen 60 und 100 Leute.
Seither haben wir mehrere Taufeste gefeiert. Ich glaube, das ist ein Modell, das in verschiedenen Formen in Paraguay, aber auch in Brasilien und Uruguay in Zukunft viele Erfahrungen ermöglichen wird. Manche Gemeinden sind schon auf diesem Weg, andere werden diese Wege neu suchen.
Wir haben jetzt dreieinhalb Jahre Erfahrung gesammelt. Heute haben wir fast mehr Fragen als Antworten, aber wir sind auf dem Weg und vertrauen darauf, dass Gott uns weiterführen wird.
Eine dritte Sache, die für uns neu ist und bei der wir auf dem Weg sind, betrifft die Leitungsform und Leitungsstruktur unserer Gemeinde. Vor zwei Jahren haben wir diese grundlegend überarbeitet.
Wir haben uns neu gefragt, welche Art von Leitung und Gemeindeleitung wir in der Bibel finden. Das, was wir bis dahin als unseren Gemeinderat hatten – mit Vertretern aus verschiedenen Arbeitsbereichen – haben wir durch das ersetzt, was wir heute Ältestenrat nennen.
In diesem Ältestenrat werden Personen speziell für die Leitung der Gemeinde gewählt. Im Moment besteht der Ältestenrat neben mir aus sechs Mitgliedern. Diese sind dafür gewählt, die Gemeinde zu leiten und die verschiedenen Arbeitsbereiche zu überwachen.
Diese Leitungsform hat uns viel Segen gebracht, aber auch manche Schwierigkeiten bereitet. Nicht alle Menschen, nicht alle Gemeindeglieder können verstehen, warum das eine gute Sache sein soll. Für mich als Gemeindeleiter ist dieser Wechsel jedoch sehr segensreich und eine große Hilfe.
Eine vierte Sache, die uns in den letzten Jahren, besonders im letzten Jahr, beschäftigt hat, ist eine Statutenveränderung, eine Erneuerung der Gemeindestatuten. Darüber möchte ich nicht im Einzelnen sprechen, sondern nur eine Sache hervorheben, die uns am meisten beschäftigt hat und viele Stunden im Komitee und im Ältestenrat gekostet hat: die Wahlordnung.
Wie wählen wir Menschen, wie berufen wir Menschen? In manchen Gemeinden – und das gilt auch für einige unserer Gemeindeglieder – hat die Demokratie Überhand genommen. Demokratie ist grundsätzlich etwas Gutes, aber sie kann auch zu Engpässen führen. Sie kann dazu führen, dass eine Mehrheit eine Gemeinde in die Irre führt.
Wir haben uns gefragt, wie ein Berufungsprozess anders aussehen kann. Mit diesem Prozess sind wir noch nicht ganz fertig. Wir arbeiten an den letzten Formulierungen.
Wir wollen einen Berufungs- und Wahlprozess einführen, bei dem die Berufung durch Gott, die Berufung durch die Gemeinde und die aktive Mitbeteiligung der gegenwärtigen Gemeindeleitung zusammenspielen.
Dieses Zusammenspiel ist nicht leicht in Worte zu fassen oder in Schritte zu formulieren, denen alle folgen können. Wir sind auf dem Weg. Die langen Sitzungen werden bald zu Ende sein, dann können wir uns wichtigeren Dingen zuwenden.
Und eine letzte Sache: Ich bin mittlerweile fast 60 Jahre alt. Das ist ein wunderbares Alter, meinen manche, andere sagen, das ist eben schon alt.
Ich habe ein Team in unserer Gemeinde, das Team der aktiven Gemeindemitarbeiter – also diejenigen, die einen Arbeitsbereich anleiten. Die meisten davon sind mit einer Teil- oder Vollzeitstelle angestellt. Es sind acht Mitarbeiter.
Alle acht Mitarbeiter sind zwischen 22 und 35 Jahre alt, also im Durchschnitt halb so alt wie ich. Das bedeutet, dass ich immer wieder auf sie hören, mit ihnen reden, sie anleiten und formen muss.
Vor allem merke ich, dass das, was sie erleben, sehr nah an der Wirklichkeit einer postmodernen Welt ist. Für mich ist es ein großes Privileg, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Ich möchte auch diejenigen ermutigen, die schon ältere Gemeindeleiter sind: Habt keine Angst, junge Leute voll einzubeziehen. Junge Leute, die gerade Anfang zwanzig oder um die dreißig sind, sind wunderbare Mitarbeiter. Einen davon habt ihr hier vorne gesehen: Raphael. Deine Punkte habe ich nicht wiederholt, aber sie sind auch für uns wichtig.
Diese fünf Dinge sind Themen, an denen wir arbeiten. Gott ist mit uns auf diesem Weg. Wir suchen nach Wegen, die biblisch begründet sind und in unserer heutigen Welt ein Zeugnis sein können.
Ich bin dankbar, dass wir wieder genug Hoffnung haben, um weiterzumachen. Nach diesem Zeugnis singen wir gemeinsam ein Lied.
Zeugnis aus Curitiba: Musik als Lebensretterin
Guten Tag, mein Name ist Erika Pauls. Ich bin Direktorin der Fakultät Fidelis in Curitiba an der Mennonitischen Fakultät. Ich danke für die Organisation.
Wir sind alle so verschieden wie dieser wunderschöne Blumenstrauß. Wären es nur rote Rosen, wäre es eintönig. Wir sind also alle ganz verschieden, und doch sind wir eins in Jesus Christus.
Heute wurde viel gesagt, gerade eben: Welches ist unser Auftrag, welches ist unsere Mission? Dann wurde von Arbeit gesprochen. Ja, wir haben viel Arbeit vor uns. Wo sind die Arbeiter? Es wurde auch gesagt, die Arbeiter müssen vorbereitet werden. Wer bereitet sie vor?
Wir haben zwei Fakultäten. Es ist hier wirklich ein besonderes Anliegen an alle, die hier sind: Schickt eure jungen Leute, auch wenn sie nicht mehr ganz jung sind. Ich bin schon älter als viele, ich bin 66, und arbeite auch mit einem jungen Team zusammen. Also schickt sie zu unseren Fakultäten. Lasst sie ausbilden!
Ihr habt hier eine wunderschöne Fakultät, ebenso wie in Curitiba. Heute Morgen hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit eurem Direktor Helmut Siemenz. Wir sind dabei, einen Weg zu finden, wie wir gemeinsam zusammenarbeiten können – besonders auf unserem mennonitischen Grund, auf unserer Basis, die Jesus Christus ist. Die Bibel ist unser Fundament, ebenso die Gemeinschaft, die Gemeinde, die wir pflegen wollen, und unseren Auftrag an die Menschen ringsherum.
Ich möchte noch ganz kurz etwas hervorheben, ein Erlebnis: Ich war 30 Jahre in Rio de Janeiro an der Universität, fern von meinen Eltern. Eines Abends, es war kurz vor Weihnachten, wollte ich so gerne nach Hause, konnte aber wegen meiner Arbeit und Verpflichtungen nicht.
Ich nahm unser Gesangbuch, unser Gemeindebuch und meine Flöte, öffnete die Fenster, blickte zur Christusstatue und spielte die Lieder durch. Das machte ich heimlich, ich glaube, es ging bis beinahe halb zwei Uhr morgens. Dann dachte ich: Jetzt reicht es, ich lege mich hin.
Am nächsten Morgen lag ein Brief unter meiner Tür. Ich erzähle euch gleich, wie wichtig die Musik ist. In dem Brief stand: „Ich danke dir für mein Leben. Du hast mein Leben gerettet. Deine Musik hat mich erreicht. Ich hatte die Pistole in der Hand, wollte meinem Leben ein Ende machen. Doch ich wartete ab, bis die Musik zu Ende war. Dann fing eine neue an, und noch eine, bis ich nicht mehr konnte. Ich legte die Pistole beiseite und sagte: ‚Gott, ich gehe meinen Weg.‘“
Ich wusste nie, wer das war, in diesem großen Hochhaus. Jahre später, bei einem Auftrag und der Zusammenarbeit mit der Schweiz und Deutschland, war ich in der Schweiz. Ich ging mit meiner Schwester zu einem Gottesdienst in einer evangelischen Kirche. Dort waren viele Jugendliche. Der Pastor rief auf: „Komm, gib doch ein Zeugnis, was du erlebt hast.“
Ich saß ganz hinten und kannte die Leute nicht mehr. Ich dachte: Was? Soll ich da hingehen? Doch ich fühlte ganz klar: Geh und erzähle den Leuten dein Erlebnis mit der Flöte, auch wenn es keinen Sinn zu machen scheint. Der Pastor fragte immer wieder: „Ist da noch jemand?“ Also ging ich nach vorne.
Nach meinem Zeugnis kam ein älterer Mann zu mir, voller Tränen, und sagte: „Ich weiß, wer die Person war. Es war meine Freundin, eine Missionarin. Sie ging nach Brasilien, arbeitete dort unter den Goldgräbern und geriet in einen Konflikt. Sie schrieb mir Briefe und sagte, sie könne nicht mehr zurückgehen zu der Arbeit, es habe keinen Sinn mehr.“
Dann bekam ich plötzlich einen Brief von ihr. Darin stand: „Eine Flötenmusik in der letzten Nacht hat mich zurückgerufen zu Gott. Ich gehe jetzt meinen Weg.“ Sie kehrte zurück und erfüllte ihre Arbeit.
Ich fragte den Mann, was aus ihr geworden sei. Er antwortete: „Sie ist dort ums Leben gekommen. Es war so schwer und hart bei den Goldgräbern, mit viel Gewalt und vielen Morden.“
Was wollte ich hiermit sagen und bezeugen? Musik ist sehr, sehr wichtig. Geht weiter, gebt jedem ein Liebeswort, und wenn ihr Musik machen könnt, spielt sie, singt sie. Musik kann Leben verändern und retten.
Danke!
Zeugnisse aus weiteren Gemeinden und Abschlussgebet
Würdig ist das Land, das geopfert wird! Wenn es geopfert ist, würdigt das Land. Er ist es wert, dass wir ihm immer wieder Lobpreis bringen, auch durch Zeugnisse.
Wer möchte weitermachen?
Guten Morgen, ich bin Reinhold Thiessen, Gemeindeleiter der Mennonitengemeinde Manoa, Lamaplata. Was ich jetzt kurz sagen möchte: Vor einiger Zeit habe ich viel in der Jugendarbeit gearbeitet, auch als Jugendleiter. Dabei wurde ein Test gemacht, um herauszufinden, in welcher Zeit wir uns eigentlich bewegen – ob in der modernen oder postmodernen Zeit. Ich war wirklich überrascht, wie sehr ich selbst schon in der postmodernen Zeit stecke, vielleicht sogar weiter als viele Jugendliche.
Das hat mich zum einen Teil etwas erschreckt. Aber warum war das so? Weil ich viele Jahre in der Jugendarbeit mitgemacht habe und mein Prinzip immer war, zu wissen, was die Jugendlichen möchten und brauchen. Nicht nur ihnen zu sagen, was sie brauchen, sondern auch zu hören, was sie heute wirklich bewegt. In welcher Zeit stecken sie heute wirklich?
Heute habe ich ein etwas größeres Problem. Ich arbeite in der Gemeinde, und da weiß ich schon immer, was die Gemeinde braucht. Aber was sie wirklich wollen, ist viel problematischer, vor allem bei älteren Leuten. Sie bewegen sich in einer anderen Zeit und kommen nicht so leicht mit ihren Gefühlen heraus. Dabei versuche ich jetzt mitzuarbeiten.
Es ist immer wieder wichtig, dass wir aktuell bleiben mit dem, was die Menschen bewegt. Deshalb ist dieses Thema für uns sehr wichtig.
Ich bin Ronny Dirksen aus der Kolonie Mernow. Seit 2006 bin ich Prediger in der Mennonitengemeinde Weidenfeld. Von 2001 bis 2004 war ich Student am Sempter. Ich bin Sempter immer wieder dankbar für die gute biblisch-theologische Grundlage, besonders Herrn Werner Franz, Helmut Siemens und einigen anderen, die damals meine Lehrer waren.
Seit 2006, als ich Prediger wurde, habe ich auch bei ASIM gearbeitet, einer Organisation, die mit Indianern in der Charterzone zusammenarbeitet. Von 2012 bis 2014 war ich zwei Jahre in Kanada und habe an der Canadian Mennonite University internationale Entwicklungshilfe studiert, mit Schwerpunkt auf Frieden und Konfliktlösung.
Ich habe eine gute Beratung von Werner Franz erhalten und war in dieser Zeit Mitglied einer mennonitischen Gemeinde in Kanada. Dort habe ich aber auch gemerkt, wie sehr die Postmoderne schon Einzug gehalten hat.
Mit Herrn Helmut Siemens hatten wir damals am Samstag ein Fach zur Postmoderne. Mir hat die Grundlage, die ich dort erhalten habe, geholfen, vieles zu sehen, was die eigenen Mennoniten in Kanada wahrscheinlich schon nicht mehr wahrnehmen.
Ich würde sogar sagen, dass Herr Michael Kotsch in der Canadian Mennonite University oder in der mennonitischen Gesellschaft in Kanada ganz schiefe Blicke bekommen würde, wenn er so klare Behauptungen aufstellen würde. Dort ist das schon nicht mehr angebracht. Gender Mainstreaming ist auch an der CMU etwas ganz Normales.
Ich bereue überhaupt nicht die zwei Jahre Studium, die ich dort gemacht habe. Aber theologisch-biblisch sind die Grundlagen bei den kanadischen Mennoniten schon ziemlich wackelig.
Seit zwei Jahren bin ich wieder in der Gemeinde Weidenfeld als Prediger tätig und arbeite an derselben Schule wie vorher. Man merkt, dass die indianischen Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, in wenigen Jahren von der Steinzeit in die Postmoderne gesprungen sind. Für sie ist das noch viel schwieriger als für uns heute.
Das stellt uns vor eine Herausforderung, auch im Umgang mit den Menschen, die um uns herum wohnen oder mit denen wir arbeiten. Wir wollen ihnen helfen, Grenzen zu erkennen.
Ich glaube, wir alle brauchen Grenzen. Besonders wenn man ein Grundstudium in Theologie macht, ist es wichtig, dass man weiß, wo die Grenzen sind. Der Student möchte oft vom Lehrer hören, wo diese Grenzen liegen. Nicht nur, dass eine große Plattform geboten wird, auf der man sich bewegen kann, sondern dass es auch klare Grenzen gibt.
Ich freue mich immer wieder, wenn Lehrer und Redner eingeladen werden, die uns eine klare biblische Grundlage und Ausrichtung geben können. Vielen Dank!
Ich danke ganz herzlich für die vielen Mitteilungen. Unser Gott ist groß, er wirkt vieles und leitet uns, wenn wir uns leiten lassen. Wir können ihn immer wieder erfahren.
Von seinen großen Werken können wir immer wieder erzählen. Es gibt viel zu erzählen, und das wollen wir nicht nur auf diese eine Stunde hier drinnen beschränken. Wir wollen das auch draußen, wenn wir zusammen sitzen und Tee trinken, immer wieder tun. Dazu möchte ich ermutigen.
Wir schließen diesen Teil jetzt ab. Ich möchte noch ein Gebet sprechen, das zugleich auch das Tischgebet ist. Danach gehen wir gemeinsam essen.
Lasst uns beten:
Vater im Himmel, wir loben und preisen dich für deine Gegenwart und für die vielen Werke, die du tust. Danke, Herr, dass wir dich Vater nennen dürfen und uns als deine Kinder zählen dürfen. Du kennst jeden von uns beim Namen und hast uns gerufen, deine Kinder zu sein.
Dazu gehört auch, dass du uns Aufgaben gibst. Das ist ein Vorrecht, das wir haben. Hilf uns, diese nicht als Last zu empfinden, sondern voller Freude und Mut immer wieder an diese Arbeit heranzugehen und sie zu deiner Verherrlichung zu erledigen.
Danke, Herr, für diesen heutigen Vormittag. Wir bitten dich, segne die Gemeinschaft, die wir weiter pflegen wollen. Segne auch die Speise, die vorbereitet wurde, und gib, dass wir uns immer wieder deinem Willen unterstellen.
Amen.
Der Herr segne euch.