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Gib der Gemeinde dein Ja-Wort

08.11.2020
Ortsgemeinde, oder gar Gemeindemitgliedschaft? Braucht man denn sowas? Ist das nicht alles nur Vereinsmeierei? Kann man sein Christsein nicht einfach für sich Zuhause leben? Warum das nicht so ist und warum Gott sich wünscht, dass du deiner Gemeinde das Ja-Wort gibst erfährst du in dieser Predigt.

Persönlicher Zugang zum Glauben und zur Gemeinde

Ja, schönen guten Morgen auch von meiner Seite. Ich merke schon die Lücken und finde es trotzdem irgendwie schade, dass noch so viel Platz frei ist. Aber ich freue mich dennoch, dass wir Gottesdienst feiern können, dass wir zusammen sein können und heute auch darüber nachdenken können, warum das vielleicht gar nicht so unwichtig ist.

Ich bin, wie ich aufgewachsen bin, ja, ich würde sagen, schon irgendwann gläubig geworden. Wenn man mit einem halbgläubigen Elternhaus aufwächst, ist es manchmal eine spannende Sache: Ab wann ist der Punkt da, an dem man das selbst versteht und mitgeht, und ab wann nicht? Ich würde sagen, dass das bei mir schon im Teenageralter der Fall war. Ob ich das ernst genommen habe, ist eine andere Frage. Ich bin lange Jahre meines Lebens ohne Gemeinde aufgewachsen. Ich hatte keine Gemeinde, zu der ich gehen konnte. Es gab vielleicht ein paar Veranstaltungen, bei denen man immer wieder war, aber eine richtige Gemeinde gab es nicht.

Ich habe damit eigentlich halbwegs gut leben können. Nicht, weil ich keine Christen um mich hatte, sondern weil ich keine feste Gruppe hatte, nichts dauerhaft Regelmäßiges. Irgendwie hat es funktioniert. Und ich war relativ lange überzeugt – auch nachdem ich in die Gemeinde ging –, dass mein Glaubensleben komplett Privatsache wäre. Das geht niemanden etwas an außer Gott, mir und vielleicht ein paar wenigen Leuten. Dabei entscheide ich sehr genau, welche Leute das sind. Das ist meine persönliche Sache.

Ich bin überzeugt, dass viele heute ähnlich denken. Ich weiß nicht, wie es dir geht, ich kann nicht in deinen Kopf schauen. Vielleicht hast du auch noch nie darüber nachgedacht, vielleicht denkst du auch ganz anders. Aber ich glaube, viele von uns sind immer davon überzeugt, dass unser Glaubensleben Privatsache ist, dass es nur Gott und mich etwas angeht und dass es eigentlich nicht so viel Unterschied macht, ob ich in eine Gemeinde gehe oder nicht.

Ja gut, gute Predigten möchte ich schon anhören, und ein paar Freunde, die mit mir glauben, hätte ich auch gern. Aber es reicht ja der Kreis, den ich mir aussuche, also die Leute, mit denen ich mich gut verstehe und die zu mir passen. Wenn du Gemeinde gehst, ist Gemeinde für dich vielleicht auch mehr so eine Art Verein, in dem man mit anderen Leuten zusammen sein Hobby lebt. Da sucht man sich aus, wo man sich möglichst gut versteht, und irgendwie wird es schon klappen, wird es schon funktionieren.

Vielleicht hast du sogar manchmal Angst vor Gemeinde, Angst vor Gruppenzwang und Kontrolle. Vielleicht, weil du das in einer anderen Gemeinde irgendwo erlebt hast, vielleicht, weil du es in Vereinen erlebt hast, dass viel Druck da ist. Ich kann ja mal darüber nachdenken, was für Druck entstehen kann, wenn man zum Beispiel mit dem Fußball aufhören will. Aber auch bei anderen Dingen kennen wir das, dass Gruppen Druck ausüben können.

Vielleicht hast du Angst, deine eigenen Freiheiten aufzugeben, weil du dich eingeengt fühlst, eingegrenzt. Und ja, wir brauchen uns nichts vormachen: Wir leben in einer Gesellschaft, die dankenswerterweise Freiheit, individuelle Freiheit, als ein hohes Gut versteht, die das wertschätzt und ernst nimmt. Bei uns ist es wichtig, dass das Individuum seine Freiheit leben kann.

Übrigens habe ich diese Woche in einer Statistik gelesen, dass in der jüngeren Generation dieser Wunsch nach individueller Freiheit abnimmt und der Wunsch nach Sicherheit immer höher wird. Man ist bereit, Freiheit aufzugeben, um Sicherheit zu gewinnen – eine Studie, nur mal interessant.

Aber ja, wir sehen individuelle Freiheit als unheimlich wertvoll an. Gleichzeitig merken wir vielleicht an der einen oder anderen Stelle, wenn wir ehrlich sind, dass die Freiheit des Persönlichen schnell zu einer Gesellschaft voller Egoisten führen kann. Und vielleicht haben wir auch davor Angst.

Wir alle kennen genügend Berichte – vielleicht haben wir es teilweise auch selbst erlebt – über Gesellschaften, in denen Freiheit nichts wert ist und das Individuum nichts zählt, sondern die Gemeinschaft alles ist. Die Folgen davon haben wir in den letzten 150 Jahren überall auf der Welt beobachten können.

Ob sich das Nationalsozialismus, Kommunismus oder Ähnliches nennt – man kann es in Ländern wie Nordkorea und anderen weiter beobachten, wo die Freiheit nichts ist und die Gemeinschaft alles ist.

Die Bedeutung von Gemeinde zwischen Individualität und Gemeinschaft

Was aber ist nun Gemeinde? Ist Gemeinde nur ein Club von Individualisten, die sich treffen, um gemeinsam ein Hobby zu leben? Oder ist Gemeinde der große Zwang, bei dem das Individuum sich komplett aufgeben muss und eine riesige Gruppe wird?

Und ja, was bedeutet es, Mitglied in einer Gemeinde zu sein, dazuzugehören? Darüber möchte ich heute mit uns nachdenken.

Wir, als Älteste, haben gesagt: Ich nehme das mal wieder auf, weil ich eh eine freie Predigt gehabt hätte. Im Dezember kommt Weihnachten, und im Januar werde ich mit einem Buch weitermachen. Wir haben gedacht, das schadet nicht, immer wieder darüber zu reden.

Wir hatten gerade mit Karina, dass jemand Mitglied wurde, vielleicht kommt jemand anders wieder. Da dachte ich, es schadet nicht, wenn wir auch mal darüber sprechen, warum wir biblisch davon überzeugt sind.

Vielleicht gehst du auch mit der Überzeugung in die Gemeinde, weißt aber eigentlich gar nicht so genau, warum. Du investierst Zeit, und ja, da wollen wir heute ein paar Grundlagen dafür legen: Warum Gemeinde relevant ist, warum die Ortsgemeinde wichtig ist, warum es gut ist, Mitglied zu sein, was überhaupt die Aufgaben der Gemeinde für ihre Mitglieder sind und noch darüber nachzudenken, ob es diese perfekte Gemeinde gibt.

Das ist eine spannende Frage, die wir alle immer wieder im Kopf haben.

Es gibt ein Buch, das ich interessant finde: „Perfekte Gemeinde sucht perfekten Pastor“. Das hat einen tollen Titel, der zum Nachdenken und Grübeln anregt.

Und ja, das soll jetzt keine Werbung sein, dass wir Gemeinde brauchen. Es geht nicht um diese Gemeinde hier, sondern überhaupt darum, dass du in einer Gemeinde verankert bist.

Es geht nicht darum, dass du zwingend hier Mitglied werden musst. Deswegen wollen wir heute darüber nachdenken.

Die persönliche Verantwortung vor Gott und die Rolle der Gemeinde

Als Erstes: Was ist eigentlich Gemeinde? Bevor ich da tiefer einsteige, möchte ich eine Abgrenzung machen. Dein persönliches Glaubensleben hängt nicht allein an der Gemeinde.

Ihr könnt mal kurz Markus 16,16 aufschlagen. Das ist am Ende des Markus-Evangeliums, wo Jesus den Missionsauftrag gibt. Dort sagt er etwas über die Leute, die das Evangelium hören, das die Jünger verbreiten und weitergeben. Er spricht darüber, was in deren Leben passiert. Er sagt: Wer glaubt und getauft wird, wird errettet werden. Wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden – ein hartes Urteil.

Aber es macht eine Sache klar: Hier ist nicht von einer Gemeinde die Rede, hier ist nicht von einer Gruppe die Rede, sondern von einzelnen Personen. Es setzt einen Kontext, nämlich dass jeder Einzelne, wenn es um seine persönliche Rettung und seine Versöhnung mit Gott geht, zuerst als Individuum vor Gott steht. Aus dieser Situation kommt keiner von uns heraus.

Es ist mir wichtig, das am Anfang wirklich klarzustellen, damit wir sehen: Wir stehen alleine vor Gott. Das kann dir keine Gemeinde, keine anderen Christen abnehmen. Und das müssen wir, glaube ich, auch wirklich festhalten und uns verinnerlichen. Du musst mit Gott persönlich ins Reine kommen. Ich werde später noch einmal darauf eingehen, was das bedeutet.

Gemeindemitgliedschaft oder Gemeinde kann dich nicht retten. Das ist mir wichtig, wenn ich über den Wert von Gemeinde spreche, dass wir da keine Überhöhung vornehmen. Auch wenn du Christ geworden bist, zählst du als einzelne Person bei Gott.

Wenn ihr in Lukas 15 das Gleichnis anschaut, wo Jesus dem einen verlorenen Schaf nachgeht, um es zu retten und zurückzuholen, dann gilt das auch heute noch für unser Leben. Gott nimmt dich als einzelne Person ernst und nicht nur als Teil einer großen Gruppe. Wir zählen bei Gott ganz persönlich.

Es ist mir wichtig, das vornewegzustellen, um dem entgegenzuwirken, was wir vielleicht in radikalen Systemen auf dieser Welt erleben, die Gemeinschaft über alles setzen und den Einzelnen nicht mehr wertschätzen oder in den Fokus nehmen. Das soll bei Gott nicht so sein.

Aber das ist nicht alles. Es ist nicht so, dass wir nur eine Gruppe von einzelnen Leuten sind. Wenn du gläubig wirst, passiert automatisch etwas. Das kannst du gar nicht verhindern.

Davon lesen wir in 1. Korinther 12,13. Paulus schreibt dort über eine Gemeinde, die verschiedene Begabungen erhalten hat. Die Leute sind als Gruppe zusammengesetzt, eben dort in Korinth. Im 13. Vers trifft er eine wichtige Feststellung, auf die es mir ankommt – mir geht es nicht um das ganze Kapitel.

Er sagt: „Denn wir sind alle durch den einen Geist in einen Leib eingefügt und mit dem einen Geist getränkt worden, Juden und Nichtjuden, Sklaven und Freie.“ Paulus schreibt in diesem Kontext, dass Gemeinde zusammengefügt ist zu einem Leib. Das ist ein Bild, das er verwendet. Er sagt, dass Christus der Kopf dieses Leibes ist und dass jeder Einzelne irgendwo ein Teil dieses Körpers ist.

Er spricht davon, dass sich der Fuß nicht sagen kann, er wäre gern etwas anderes. Jeder hat seine Aufgabe. Aber Paulus stellt hier etwas fest: Durch den Geist Gottes sind wir alle in diesen Leib eingefügt.

Ich glaube, das macht etwas klar: In dem Moment, in dem du gläubig wirst, wirst du automatisch Teil dieses Leibes Christi. Dann gehörst du automatisch zu denen, die zu Christus gehören. Das wird hier mit dem Bild von Leib beschrieben – Körper wäre vielleicht das bessere Wort heutzutage.

Dann bist du Teil von Gemeinde, für die dieser Leib steht.

Die unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen

Für wen gilt es, was bedeutet es, und wann komme ich hier wirklich rein? Das ist auch das, was ich vorhin meinte, wenn ich von Glauben spreche.

Ich denke, es gilt für Menschen, die erkannt haben, dass ihr Leben nicht perfekt ist, die sich vor Gott und vor anderen Menschen schuldig wissen. Menschen, die erkannt haben, dass sie sich nicht selbst retten können, indem sie möglichst gut und perfekt leben, sich anstrengen und versuchen, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen. Sie haben erkannt, dass es etwas anderes braucht: dass Gott selbst Mensch wird, das in Jesus Christus tut, perfekt lebt und für deine und meine Schuld stirbt, um die Strafe zu tragen, die wir eigentlich verdient haben.

Wer jetzt sein ganzes Vertrauen auf dieses Rettungswerk Christi setzt, glaubt, dass es reicht, dass Jesus für unsere Schuld bezahlt hat. Die Hoffnung dieses Menschen liegt nicht darin, dass er es jetzt besser hinbekommt oder endlich die Generation wird, die ein besseres Leben lebt. Stattdessen setzt er seine Hoffnung in Jesus – nicht in andere Menschen, nicht in sich selbst, sondern in Gott.

Wer das glaubt und bekennt, dem verspricht Gott, dass er ein neues Herz bekommt, dass er gerettet wird und dass Gott sein Leben verändern will. Das bedeutet auch, dass er automatisch zu diesem Körper gehört, den Paulus hier beschreibt. Paulus spricht hier von der Gemeinde.

Jetzt ist es so: Du bist nicht automatisch in der Gemeinde, nur weil du gläubig wirst – vielleicht ja, vielleicht nein. Es ist nicht zwingend so. Wie sieht das also genau aus?

Wenn die Bibel von Gemeinde spricht, dann ist das heute ein Wort, das wir im Deutschen mit unserer Bedeutung verwenden. Wenn wir sagen, wir gehen in die Gemeinde, meinen wir einen bestimmten Ort, wo wir hingehen. Das ursprüngliche Wort, das dort stand – vielleicht hast du es schon mal gehört – ist Ekklesia. Es bedeutet eigentlich „die Herausgerufenen“. Menschen, die irgendwo weggezogen sind, herausgerufen wurden aus einer anderen Situation und gesammelt wurden.

Das macht deutlich, worum es geht: Es sind Menschen, die aus einer anderen Welt kommen, aus einem anderen Denken und Handeln. Sie sind herausgerufen worden zu einer neuen Gruppe.

Gott verwendet im Neuen Testament verschiedene Bilder. Paulus spricht von einem Körper, und Gott spricht auch von seinem ewigen Volk.

Hier haben wir ein Problem: Diese Herausgerufenen sind nicht automatisch sichtbar. Sie bekommen keinen Stempel auf die Stirn, und du weißt ja, im Park klebt sich jemand einen Fisch an das Auto – aber das alleine reicht nicht. Sie sind nicht klar erkennbar.

Sie haben keinen Landbesitz, wenn wir von diesem Volk Gottes sprechen. Du kannst nicht sagen: „Ja, nächstes Jahr machen wir Urlaub im Volk Gottes.“ Nein, dorthin kannst du nicht reisen, du kannst kein Flugticket buchen. Es ist nicht sichtbar.

Es gibt auch keinen sichtbaren – und ich betone jetzt „sichtbaren“ – Regierungssitz oder Regierungschef oder Ähnliches. Es gibt kein Schloss, in dem er residiert.

Aber die Bibel spricht davon, dass dieses Volk einen ewigen König hat, der über sein Volk regiert.

Die doppelte Staatsbürgerschaft der Gläubigen

Und warum komme ich darauf, dass wir Gottes Volk sind?

Dazu möchte ich mit euch noch einen Text aus dem Epheserbrief lesen, aus dem zweiten Kapitel, Verse 11 bis 22. Ich setze jetzt langsam ein Beispielthema, das wir heute stärker im Blick haben werden, also Epheser 2,11-22.

Paulus beschreibt hier kurz vorher, was es bedeutet, dass wir gerettet worden sind, und schreibt anschließend über die Auswirkungen für uns. Er sagt dort:

„Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt an Heide wart und unbeschnitten genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung. Daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt. Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. Durch das Opfer seines Leibes hat er das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen abgetan, damit er in sich selber aus den Zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst.

Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündet euch, die fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist Zugang zum Vater.“

Erst einmal kurz bis hierher. Gleich komme ich auch auf den Punkt. Paulus beschreibt hier, was Jesus getan hat. Er hat Leute, die eigentlich irgendwo außerhalb standen, zusammengeführt. Er redet hier von Heiden und Juden. Das war auch ein Problem in der Gemeinde, wie Tobi, glaube ich, deutlich erklärt hat, als er den Epheserbrief gepredigt hat oder predigt. Jesus hat beide zusammengefügt. Warum? Weil er für sie gestorben ist, weil er beide retten musste und zusammengefügt hat.

Und jetzt passiert etwas mit diesen Heiden. Das lesen wir in Vers 19:

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist.“

Mir geht es darum, dass Paulus hier beschreibt: Wenn wir gläubig werden, dann sind wir Mitbürger Gottes. Dann gehören wir in dieses ewige Königreich Gottes hinein, das hier aber nicht sichtbar ist.

Wenn ihr in den ersten Petrusbrief reinschaut, dann schreibt Petrus davon, dass wir als Fremde in dieser Welt leben, gleich am allerersten Vers im ersten Kapitel, wer es nachschlagen will. Und Paulus schreibt einmal an die Philipper, dass unser Bürgerrecht im Himmel ist, woher wir auch erwarten den Heiland, unseren Herrn Jesus Christus.

Ihr merkt, das ist ein Thema, das sich durchs Neue Testament zieht: dass wir eigentlich eine doppelte Staatsbürgerschaft haben, so würde ich das nennen. Du bist natürlich, der größte Teil von uns wahrscheinlich, irgendwo hier in Deutschland verankert, weil du hier gerade lebst. Aber in deinem Leben ist noch eine andere Realität. Wenn du gläubig geworden bist, hast du noch eine Staatsbürgerschaft, nämlich die des Himmels.

Das ist das, was ich vorher meinte: Es ist nicht sichtbar. Du kannst dir zwar den Fisch aufs Auto kleben, aber du bekommst keinen Stempel, keinen neuen Personalausweis, und der Heiligenschein taucht auch nicht sofort über deinem Kopf auf, wenn du gläubig wirst. Aber die Bibel, das Neue Testament, geht davon aus, dass das Realität ist – eine nicht sichtbare Realität. Wir sind Teil von Gottes Volk.

Dieses Volk ist hier nicht als ein Volk auf der Erde platziert. Es hat auch nicht den Auftrag, sich hier ein Land zu erobern und so weiter, auch wenn es durchaus Christen gab, die das immer wieder falsch verstanden haben und dadurch viel Schande über Gottes Volk gebracht haben. Nein, das ist nicht unser Job.

Die Ortsgemeinde als sichtbare Gemeinschaft

Trotzdem gibt es dieses Volk. Und jetzt kommen wir an einen spannenden Punkt: Was hat das mit der Ortsgemeinde zu tun? Warum trifft man sich hier als Gemeinde?

Also, die erste Frage: Was ist überhaupt Gemeinde? Es sind die Leute, die gerettet worden sind, die herausgerufen wurden und zu Gottes neuem Volk geworden sind – das aber nicht sichtbar ist.

Wenn wir dann weiter ins Neue Testament hineinschauen, stellen wir fest, dass das „Wir treffen uns hier als Gemeinde in Hasbrück“ gar nichts Neues ist. Das gab es nämlich vor 2000 Jahren schon.

Wir werden uns nicht nur eine Stelle anschauen, sondern den großen Überblick betrachten. Geh mal die Apostelgeschichte durch: Wie viele Gemeinden gründet Paulus? An fast jedem Ort, wo sie hinkommen, gründen sie Gemeinden.

Wohin sind denn die meisten Briefe im Neuen Testament geschrieben? An Gemeinden. Es gibt den Korintherbrief, den Galaterbrief, den Epheserbrief, den Philipperbrief, den Thessalonicherbrief, den Kolosserbrief usw.

Hast du mal nachgeschaut, worüber Paulus überwiegend an Timotheus und Titus schreibt? Er schreibt darüber, was sie zu tun haben, damit die Ortsgemeinde funktioniert.

Die meisten Bibelbriefe im Neuen Testament drehen sich um lokale Gemeinden. Paulus legt einen unheimlich großen Wert darauf, Leute heranzubilden. Deshalb sind auch die Briefe an Titus und Timotheus mitgeschrieben. Diese sollen fähig sein, die Ortsgemeinde in eine gute Richtung zu führen und zu leiten.

Ja, es gibt nicht den einen Brief im Neuen Testament, der sagt: „Du musst in eine Ortsgemeinde gehen“ oder „Ortsgemeinde ist wichtig“. Das steht nicht so drin.

Aber das ist so, wie wenn ich vor einem Wald stehen würde und sagen würde: „Wo ist denn jetzt dieser eine Baum, der sich Wald nennt?“ Die ganzen Bäume zusammen sind der Wald.

Wenn du das Neue Testament ernsthaft liest, kann die Frage gar nicht offen bleiben, ob es Ortsgemeinden gibt und ob sie eine Wichtigkeit haben. Das Prinzip ist tief verankert.

Ich denke einfach, dass es keinen einzelnen Vers gibt, der explizit schreibt, dass eine Ortsgemeinde notwendig ist. Das liegt daran, dass das zur damaligen Zeit gar keine Frage war. Es war selbstverständlich, dass die Christen, die an einem Ort leben, sich in einer Gruppe treffen.

Dabei geht es – und das ist mir wichtig – nie um ein Gebäude. Es geht auch nicht um Struktur an sich, sondern um die Gruppe der Menschen, die gläubig sind an einem Ort. Das ist das Prinzip dahinter.

Und jetzt können wir die Frage stellen: Ja gut, das waren halt ein Teil der Christen, die gläubig waren an dem Ort. Muss ich denn dazugehören? Brauche ich denn andere Christen um mich?

Ich werde das nachher noch genauer erklären, aber das erst mal als Schnellabriss.

Die erste Gemeinde und die Bedeutung von Gemeinschaft

Wenn ihr einen Blick auf die allererste Stelle im Neuen Testament werft, wo Gemeinde entsteht und der erste große Aufbruch stattfindet – nämlich in Apostelgeschichte 2 – dann seht ihr eine verängstigte Jüngerschaft. Die traut sich kaum, etwas zu sagen. Ihr habt Petrus, der gerade erst richtig versagt hat und Jesus mehrmals verleugnet hat. Dann kommt der Heilige Geist an Pfingsten – ihr kennt die Erzählung – und Petrus öffnet seinen Mund. Daraufhin bekehren sich dreitausend Menschen. Wow!

Was dort passiert, könnt ihr in Apostelgeschichte 2,42 lesen. Dort steht, was die Menschen, die sich aufgrund von Petrus' Predigt bekehrt hatten, getan haben. Es heißt: „Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen, und an diesem Tag wurden etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.“

Es wird nicht ausdrücklich geschrieben, dass sie beständig in der Gemeinde blieben, aber das, was sie taten, zeigt, dass dies automatisch geschah. So könnt ihr durch das ganze Neue Testament gehen und sehen, dass Christen, die gläubig werden, zu einer Gemeinde gehören. Heute nennt man diesen Zustand oft „Koinonia“, was man ungefähr mit „gemeinschaftlicher Zustand“ oder „Zusammengehörigkeit“ übersetzen kann.

Im Neuen Testament versammeln sich Christen trotz großem Druck als Gemeinde. Das ist wichtig zu bedenken, denn wir leben heute in einer verwöhnten Situation, die für Christen eine absolute Ausnahme ist. Wenn du dich heute entscheidest, dich taufen zu lassen, schauen vielleicht ein paar deiner Freunde komisch oder unterstellen dir etwas. Wenn du dich damals in Jerusalem hast taufen lassen, hattest du innerhalb kürzester Zeit richtig dicke Probleme mit den anderen Juden um dich herum.

Wenn du dich heute in arabischen Ländern taufen lässt, kann das dein Leben kosten. Wenn du dich heute in arabischen Ländern zu einer Gemeinde hältst, kann das ebenfalls lebensgefährlich sein. Wenn du dich damals in Jerusalem und in Israel zur Gemeinde gehalten hast, also zu Beginn von Apostelgeschichte 2, dann ist vielleicht ein Saulus ums Eck gekommen und hat dich ins Gefängnis gesteckt oder Schlimmeres. Für uns klingt das heute wie ein nettes Hobby. Dem Verein oder einer Gemeinde beizutreten, klingt wie eine einfache Entscheidung. Für die Leute damals war es eine Entscheidung, die ihr Leben kosten konnte – und sie haben sie trotzdem getroffen. Das war keine kleine Sache.

Wir suchen vielleicht nach einer Bibelstelle, die sagt, dass du in eine Ortsgemeinde gehen musst. Eine solche Stelle finden wir nicht. Aber liegt das vielleicht daran, dass es für die Menschen damals selbstverständlich war, dass die Gläubigen sich in der Gemeinde vor Ort hielten? Wir finden kein einziges Beispiel im Neuen Testament, wo ein Christ komplett alleine gelebt hätte. Aber wir finden viele Beispiele, wo Christen in Gemeinschaft mit anderen Christen um sie herum lebten und zusammen waren.

Das bedeutet nicht, dass es immer die große Gemeinde von dreitausend Menschen in Jerusalem sein muss. Es können durchaus auch kleine Hausgemeinden sein, die wir ebenfalls im Neuen Testament finden. Darum geht es nicht. Es geht nicht um die Größe oder die Struktur. Es geht darum, dass Menschen, die Christen werden, zusammen mit anderen Christen sind und dass dies fest verankert ist.

Eine Stelle, die jeder kennt und die wahrscheinlich jeder erwartet, finden wir im Hebräerbrief, genauer in Hebräer 10,25. Dort spricht der Verfasser eine Warnung aus: „Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Zusammenkünfte nicht versäumen, wie es sich schon einige angewöhnt haben. Wir müssen uns doch gegenseitig ermutigen, umso mehr, je näher der Tag heranrückt, an dem der Herr kommt.“

Ich glaube, das Zeugnis des Neuen Testaments macht deutlich, dass sich jeder Christ zu einer Gemeinde halten sollte, zu anderen Christen um ihn herum. Wir brauchen sie.

Ortsgemeinde als Botschaft und Identitätsbestätigung

Was bedeutet eigentlich der Begriff Ortsgemeinde? Wie steht sie im Verhältnis zur großen Gemeinde, die eher unsichtbar ist? Und wie wird man Mitglied einer Ortsgemeinde?

Ich möchte heute mit einem Bild arbeiten, das uns ein Stück weit begleiten wird und das meiner Meinung nach auch in der Bibel verwendet wird. Ich vergleiche eine Ortsgemeinde mit einer Botschaft.

Wenn du heute zum Beispiel in Brasilien deinen Ausweis, deinen Geldbeutel und alles Mögliche verlierst – sagen wir mal als Deutscher –, dann kommst du nicht mehr nach Hause. Das ist ein echtes Problem. Vielleicht ist uns das gar nicht richtig bewusst, wenn wir das noch nicht erlebt haben. Du stehst dann erstmal da, weil du am Flughafen nicht mehr in den Bereich kommst, von dem aus du in den Flieger einsteigen willst. Du hast keine Chance, sondern musst zur Botschaft gehen. Dort leben andere Menschen aus deinem Land, und diese haben dann erst einmal einen Auftrag. Sie müssen klären, ob du Deutscher bist. Sie müssen dir deine Identität bestätigen und dir bestätigen, dass du zu diesem Reich oder Volk gehörst. Dabei muss ich aufpassen: Wenn ich von „deutsch“ und „Reich“ spreche, meine ich hier nicht das Politische, sondern die Zugehörigkeit zu diesem Volk.

Ich glaube, wir können die Ortsgemeinde ganz gut mit so einer Botschaft vergleichen. Die Ortsgemeinde ist ein Stück weit die Sichtbarmachung dieser existierenden Realität, dieses Volkes Gottes, das in der Welt an sich nicht sichtbar ist. Aber in einigen kleinen Gruppen kann es sichtbar werden – als sozusagen Botschaften in einem fremden Land.

Dieses Bild möchte ich etwas weiterführen. Warum? Weil Paulus auch davon schreibt, dass wir Botschafter an Christi Statt sind. Ich glaube, das Bild ist durchaus biblisch verankert und hilft uns zu verstehen, was Ortsgemeinde ist.

Was ist die Aufgabe einer Ortsgemeinde? Eine echte Botschaft bestätigt die Nationalität eines Bürgers. Das ist auch die Aufgabe der Gemeinde. Und jetzt wird es spannend, denn das unterscheidet sich grundlegend von der Vorstellung, dass ich mir einfach einen Verein suche, um mit anderen mein Hobby zu leben.

Ich glaube, Gemeinde hat als allererstes die Aufgabe, zu klären, ob jemand, der zu ihnen kommt, Teil ihres Volkes ist. Und das ist zunächst unangenehm, wenn ich das begründen will.

In Matthäus 18,15-18 lesen wir, was die Gemeinde zu tun hat. Das ist übrigens eine der ganz wenigen Stellen, in denen Jesus selbst das Wort Gemeinde benutzt. Es geht um Gemeindezucht, eine unangenehme Aufgabe, die ich kurz anreißen möchte, auch wenn es heute nicht das Hauptthema ist.

Dort heißt es: „Wegsündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde; hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Das ist ein ziemlich herausfordernder Text. Übrigens ist er auch der Schlüssel, um den sogenannten „Schlüssel des Petrus“ zu verstehen, aber das wäre ein anderes Thema.

Worum geht es hier? Ich glaube, die Ortsgemeinde hat die Verantwortung, Menschen auszuschließen, deren Leben und Zeugnis nicht mit dem Evangelium und Glauben übereinstimmen. Das ist eine Haltung, die heute kaum noch passt zu unserem Wunsch nach Freiheit und Individualität.

Dabei geht es beim Ausschluss nicht um Kleinigkeiten. Es geht nicht darum, dass ich sage: „Hach, Michis Frisur gefällt mir heute nicht, du kannst bitte wieder nach Hause gehen“ oder „Du lachst zu viel, das ist nicht okay“. Es geht auch nicht um Reibereien oder Ärgernisse.

Es geht vielmehr darum, dass Menschen zentrale Glaubensinhalte verleugnen. Zum Beispiel die Verleugnung, dass wir durch Jesus Christus gerettet werden müssen, oder dass allein in Jesus Christus Rettung ist. Es geht um Menschen, in deren Leben deutlich Sünde sichtbar ist und die keine Bereitschaft zur Umkehr zeigen.

Das ist mir sehr wichtig, weil viele Gemeinden diesen Prozess missbraucht haben. Menschen, die keine Bereitschaft zur Umkehr zeigen, also nicht einsehen wollen, dass sie wirklich sündigen, sollen nach einem langen Prozess, wie er hier beschrieben wird, ausgeschlossen werden.

Es geht also nicht um Leute, die mir persönlich nicht gefallen, sondern um solche, bei denen tiefgreifende Zweifel bestehen, ob sie wirklich zum Volk Gottes gehören.

Diese Verantwortung hat die Gemeinde bekommen. Das bedeutet, Menschen vom Zugang zu dieser Botschaft auszuschließen. Konkret heißt das, den Zugang zu Predigt, Abendmahl, Taufe und vielen anderen Privilegien, die wir als „Staatsbürger“ der Gemeinde genießen, zu verwehren.

Auch wenn man den Text hier missverstehen kann – Friedrich wird das sicher noch im Detail erklären – wird an vielen Stellen in der Bibel deutlich, dass dies nicht das letzte Urteil über eine Seele bedeutet. Das ist Gott vorbehalten.

Aber ich glaube, das Bild von der Botschaft passt hier sehr gut.

Wenn jemand zur Botschaft kommt und sagt: „Ich habe meinen Ausweis verloren, könnt ihr mir bitte bestätigen, dass ich Deutscher bin?“, dann muss die Botschaft Nachforschungen anstellen. Sie muss Dokumente suchen, vielleicht die Heimatgemeinde kontaktieren und herausfinden, ob die Person wirklich Deutscher ist oder nicht.

Dabei kann sie Fehler machen, und die Person kann trotzdem in Wirklichkeit deutscher Staatsbürger sein. Aber die Botschaft wird sich große Mühe geben, das zu klären.

Wir sehen übrigens auch, dass Gemeinden im Neuen Testament solche Praktiken hatten. In 1. Korinther 5, den Briefen an Timotheus und Titus werden solche Situationen angesprochen.

Warum erwähne ich das? Wenn Gemeinden Menschen ausschließen können, weil sie in deren Leben nicht mehr die Realität sehen, dass Jesus für sie gestorben und bezahlt hat, dann müssen sie diese Menschen vorher auch einmal angenommen haben.

Das steht zwar nicht in einem einzelnen expliziten Vers im Neuen Testament, aber in der Gesamtheit wird deutlich: Gemeinden leben zusammen. Wenn sie Menschen ausschließen, weil sie deren Glauben nicht mehr sehen, dann mussten sie diese Menschen zuvor als Teil des Volkes Gottes anerkannt haben.

Ich glaube, das ist ein großes Recht und ein wichtiges Thema der Ortsgemeinde: Christen, die in der Gemeinde sind, sagen zu den Menschen, die zu ihnen kommen: „Ich sehe in deinem Leben, dass du zu Jesus gehörst. Ich sehe, dass du zu diesem Volk Gottes gehörst.“

Vielleicht denkst du jetzt: „Das hätte ich mir selbst auch sagen können, das weiß ich doch.“ Zwei Dinge sind dabei wichtig:

Erstens zeigt das Neue Testament an mehreren Stellen, auch im Alten Testament, dass wir Menschen sehr gut darin sind, uns selbst etwas vorzumachen. Wir können uns einreden, wie gut wir sind – manchmal auch, wie schlecht wir sind –, aber wir täuschen uns selbst.

Deshalb ist es enorm wichtig, andere Menschen zu haben, die uns das bestätigen. Aus zwei Perspektiven:

Zum einen, wenn ich mir vielleicht etwas Falsches vormache und nicht so echt bin, wie ich meine, dass ich bin, dann halten mir andere den Spiegel vor und sagen: „Vorsicht, du läufst gerade ziemlich daneben.“

Zum anderen, wenn ich Zweifel habe oder unsicher bin, brauche ich Menschen um mich herum, die mir sagen: „Hey, das, was ich in deinem Leben sehe, zeigt mir, dass Gott bei dir wirkt. Das zeigt mir, dass du dazugehörst.“

Das Interessante ist: Gemeinden und Christen können hier von zwei Seiten „vom Pferd fallen“. Die eine Seite bestätigt alles und jeden, solange jemand nur irgendwie glaubt. Diese Gemeinden tun sich oft schwer, Menschen abzuweisen, wenn es notwendig wäre.

Die andere Seite tut sich schwer damit, jemandem zu sagen: „Ich finde es schön, wie Jesus in deinem Leben wirkt. Ich freue mich, Gottes Handeln in deinem Leben zu beobachten.“ Diese Bestätigung und Ermutigung ist genauso wichtig.

Wir können das nicht alleine schaffen. Spätestens wenn du in Situationen kommst, in denen du Glaubenskrisen hast oder an dir selbst zweifelst, brauchst du andere Menschen, die dich tragen und dir helfen.

Die zentrale Rolle von Taufe und Abendmahl in der Gemeinde

Wie tut Gemeinde das nun? Ich glaube, dass Gott zwei ganz wichtige Dinge in die Gemeinde verankert hat – und nicht in unser Privatleben. Im Neuen Testament sehen wir, dass diese Dinge immer im Rahmen von Gemeinde ausgelebt werden. In der Regel gibt es dabei eine Ausnahme, die wichtig ist: Taufe und Abendmahl.

Ich glaube, bei den Aposteln gab es bei der Taufe ein Stück weit Ausnahmen, ansonsten ist das im Großen und Ganzen in der Gemeinde verankert. Die Taufe ist die Startbasis. Wenn wir als Gemeinde jemanden taufen, bringen wir damit zum Ausdruck, dass wir glauben, dass das in seinem Leben Realität geworden ist. Das Abendmahl bestätigt uns regelmäßig gegenseitig, dass Jesu Blut für unsere Schuld bezahlt hat.

Aus diesem Grund ist es nicht einfach, zu einer Gemeinde zu gehören. Es ist nicht so, dass ich mir meinen Verein aussuche und dort einfach mein Hobby auslebe. Gemeinde bedeutet mehr: Ich halte mich zu meinem Volk, zu den Leuten, die mit mir in eine Schicksalsgemeinschaft verwoben sind. Es sind Menschen, die mir meine Identität bestätigen. Das ist mehr als nur ein Verein.

Deshalb sollte ich bereit sein, mich in dieses Volk einzufügen. Wenn ich zu einer Botschaft gehe, bleibe ich in dem Bild, dass ich meine Auswahl verloren habe – und ja, vielleicht bin ich sogar in einem Kriegsgebiet. Plötzlich steht das Land um uns herum gegen uns. Solche Situationen gibt es. Eine Botschaft ist wie ein Gebiet eines anderen Landes, von dem die Botschaft herkommt. Dann halte ich mich zuerst an die Leute in der Botschaft. Ich gebe ihnen auch ein Stück weit Autorität über mein Leben und lasse sie die Dinge tun, damit sie mir wirklich helfen können.

Das klingt jetzt erst einmal so, als würde ich mich komplett aufgeben. Nein, das passiert nicht. Vielmehr lasse ich die anderen machen, weil es um mich geht und ich irgendwo Hilfe brauche.

Ich denke, dass es ähnlich ist, wenn wir in Gemeinde hineinkommen. Wenn wir anerkennen, dass wir Teil dieser Ortsgemeinde sind, dann unterstellen wir uns dieser Gemeinde. Das heißt nicht, dass ich mich dem Gebäude unterstelle. Es heißt auch nicht, dass ich mich der Struktur unterstelle. Und in erster Linie heißt es auch nicht, dass ich mich der Leitung unterstelle. Sondern ich unterstelle mich der Gemeinde – nämlich den anderen Geschwistern, die hier dazugehören.

Das gilt sogar für die Leitung, für die Ältesten. Sie unterstehen der Gemeinde in ihrem persönlichen Leben. Jeder von uns braucht das. Wir sind nicht in der Lage, unseren Glauben alleine zu leben.

So glaube ich, dass Mitgliedschaft in der Gemeinde bedeutet, dass eine lokale Gemeinde dir deine Identität bestätigt und mit dir gemeinsam in deinem Glaubensleben vorwärtsgeht.

Natürlich hat Gott Gemeindeleitung eingesetzt und so weiter. Das ist alles irgendwo mit drin, aber das ist jetzt nicht die Hauptsache.

Bist du dir bewusst, dass du andere brauchst? Dass du deinen Glauben nicht für dich allein leben kannst?

Weitere Aufgaben und Herausforderungen der Ortsgemeinde

Was sind weitere Aufgaben der Ortsgemeinde? Ich möchte nur kurz darüber sprechen, weil ich glaube, dass sie wichtig sind und eine Bedeutung für uns als Mitglieder haben.

Das Abweisen und Bestätigen habe ich als das Zentrale gesehen, weil ich glaube, dass es das Skelett bildet, an dem sich der Rest dann anfügt. Zunächst muss klar sein, wer zu diesem Volk Gottes dazugehört. Dann muss ich auch die Bereitschaft haben, mich in diese Gruppe hineinzuziehen und verbindlich dabei zu sein. So baue ich das Skelett auf.

Wenn das Skelett da ist, kann man das Fleisch daran befestigen. Damit meine ich die Dinge, die Spaß machen, die schön sind und die Schönheit schaffen. Das Skelett allein sieht nicht gut aus. Aber wenn die Klarheit da ist, dann kann das Fleisch drankommen.

Wie sieht dieses Fleisch aus? Ich glaube, dass es ein Ort ist, an dem Liebe gelebt werden kann. Die Gemeinde hat die große Aufgabe bekommen, das Evangelium, die Botschaft Gottes, weiterzugeben. Sie tut dies unter anderem dadurch. Johannes 13,34 schreibt uns das, und ihr kennt diesen Vers alle: „Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! So, wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben. An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.“

Die Gemeinde verkündet Gottes Evangelium unter anderem dadurch, dass sie sich gegenseitig liebt. Und jetzt zu meinem Punkt: Das kannst du nicht alleine tun. Das schaffst du nicht allein. Du kannst dich selbst lieben, aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, andere zu lieben. Wie willst du das alleine für dich tun?

In 1. Johannes 4,20 heißt es: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, aber hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.“ Du kannst viel davon reden, dass du Gott liebst. Du kannst viel davon reden, dass du die weltweite Gemeinde liebst, diese unsichtbare. Aber wenn du nicht in der Lage bist, deine Geschwister, die auch glauben und mit dir am selben Ort leben, zu lieben, dann streichst du das alles durch.

Denn was ist schon dabei, Menschen zu lieben, mit denen du nicht viel zu tun hast? Was ist dabei, Menschen zu lieben, mit denen du viele Hobbys gemeinsam hast und mit denen du dich sowieso super verstehst? Ganz ehrlich: Das kriegt jeder hin. Das ist nicht die Kunst. Ja, manchmal gelingt es vielleicht auch nicht so gut. Die Kunst ist, Menschen zu lieben, mit denen ich nicht viel mehr gemeinsam habe, als dass wir durch Jesus Christus errettet sind. Menschen, die von ihrem Charakter, von ihren Interessen, von ihrer Art völlig gegensätzlich zu mir sind.

Dort wird sichtbar, ob ich wirklich liebe. Dazu brauchst du Gemeinde. Wenn du deinen Bruder lieben willst, dann sind deine Geschwister, die Gemeinde, der richtige Ort. Das mal.

Mach mal einen 360-Grad-Blick hier im Raum. Du musst jetzt nicht alle mich anschauen, sondern einfach mal hier im Raum herumsehen. Bei wem ist dir in letzter Zeit so ein bisschen Schnappatmung gekommen? Bei wem hast du dir schwergetan und ähnliches? Wer macht es dir schwer? Wer sind diese Leute? Das sind die, von denen hier die Rede ist. Dort kann Liebe sichtbar werden, wo die Welt sie nicht kennt. Dort zeigt sich, ob wir wirklich lieben.

Es gibt viele andere Bilder, die erst in der Gemeinde sichtbar werden können: dass wir eine Herde sind, dass wir Brüder und Schwestern sind, dass wir ein Leib sind, dass wir Gottes Bau sind und vieles mehr. Diese Bilder werden erst durch die Ortsgemeinde sichtbar.

Das ist das Fleisch, das an das Skelett außenrum drankommt, wenn ich sage: Ja, ich gehöre zu dieser Gruppe dazu. Ich gebe mich hinein in die Gruppe und lebe mit ihr zusammen.

Du kannst viele andere Bilder nehmen, wie Familie und so weiter. Es wäre alles wert, sie einzeln zu betrachten. Dort können diese Bilder als Gemeinde sichtbar werden.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass Paulus oder die anderen Briefschreiber im Neuen Testament, wenn sie diese Bilder aufgreifen, immer an lokale Gemeinden schreiben? Sie schreiben an Gemeinden, damit sie so leben sollen. Du brauchst Gemeinde dafür. Du kannst das nicht allein.

Wir haben doch alle eine tiefe Sehnsucht danach, genau das zu erleben. Das ist doch eigentlich unser Wunsch: einen Ort zu erleben, an dem diese Liebe gelebt wird.

Natürlich hat die Gemeinde noch viele weitere zentrale Aufgaben, wie das Wort Gottes zu verkündigen, sich unter diesem Wort zu versammeln, die Gemeinde vor Irrlehrern zu bewahren, sie außen vor zu halten und vor falschen Wegen zu schützen. Mir fehlt die Zeit, auf all diese Dinge einzugehen.

Das sind alles noch einmal einzelne Themen, die dran sind. Das bekommst du, wenn du auch Mitglied wirst.

Realistische Erwartungen an Gemeinde und die eigene Verantwortung

Ich möchte noch auf eine Frage eingehen, weil ich weiß, dass sie bei dem einen oder anderen gerade im Kopf rattert. Es wäre ja schön, wenn meine Gemeinde so wäre – oder wenn es überhaupt noch so eine Gemeinde gäbe, in der alles funktioniert, in der die Liebe so gelebt wird, in der die Bilder stimmen und das Skelett passt. Dann würde es mir leichtfallen, mich so hinzugeben.

Ich möchte kurz mit euch darüber nachdenken, denn auch ich bin oft verletzt und enttäuscht. Auch hier habe ich immer wieder Verletzungen und Enttäuschungen erlebt. Manchmal kommt mir der Gedanke, es wäre so viel einfacher, meinen Glauben einfach für mich alleine zu leben. Sonntagmorgen schaue ich mir eine gute YouTube-Predigt an und mache dann für mich weiter.

Wenn ich aber ehrlich darüber nachdenke, muss ich zwei Dinge bekennen. Erstens: Indem ich Mitglied einer Gemeinde werde, werde ich zum Problem für die Gemeinde. Und indem du Mitglied einer Gemeinde wirst, wirst du zum Problem für deine Gemeinde. Indem wir Mitglieder der Gemeinde werden, werden wir zum Problem der Gemeinde.

Ich glaube, wir müssen alle zugeben, dass jeder von uns seinen Charakter mitbringt, der immer noch von Sünde geprägt ist – auch wenn für die Schuld bezahlt ist. Deshalb machen wir die Gemeinde imperfekt. Gemeinde ist nicht immer der Ort, an dem Liebe völlig sichtbar wird. Bevor wir also auf die anderen schauen, müssen wir uns das persönlich eingestehen: Wir sind mit Schuld daran, dass Gemeinde nicht dieser perfekte Ort ist.

Zweitens möchte ich mit der Illusion aufräumen, dass in der Urgemeinde alles anders war. Wir haben immer diesen einen Vers aus der Apostelgeschichte im Kopf, wo steht, dass sie alles gemeinsam hatten und alles teilten. Das wirkt wie der Himmel auf Erden – Friede, Freude, Eierkuchen, alles perfekt. Irgendwie hat sich bei vielen von uns und auch bei mir manchmal das Bild verfestigt: Damals war alles gut, und wenn ich da gelebt hätte, wäre das ein Traum gewesen, in dieser Gemeinde zu sein.

Ich möchte kurz an die Gemeinde in Rom erinnern, die scheinbar Unklarheit darüber hatte, was das Evangelium wirklich bedeutet. Als Heiden meinten sie, besser zu sein als die Israeliten. Wo soll ich bei der Gemeinde in Korinth anfangen? Diese Gemeinde war total zerstritten, duldet die übelsten Sünden in ihrer Mitte, und beim Abendmahl können sie kaum aufeinander warten. So liberal, wie die damals waren, können wir uns heute kaum eine Gemeinde vorstellen.

Soll ich bei der Gemeinde in Galatien weitermachen? Sie war das Gegenteil von Korinth. Dort musste man jede exakte Regel einhalten, um überhaupt halbwegs akzeptiert zu werden. Man musste fast neue Opfer bringen und konnte nie sicher sein, ob man wirklich noch gläubig war. Bei den Ephesern gab es Lagerbildungen zwischen Heiden und Juden, sodass Paulus ihnen einen langen Brief schreiben musste. In der Offenbarung wird den Ephesern sogar vorgeworfen, dass sie ihre erste Liebe verlassen haben.

Vielleicht geht es uns da auch manchmal so, dass wir uns den einen Baum in der Apostelgeschichte anschauen und den Wald im Neuen Testament nicht mehr sehen. Die Urgemeinde hatte auch damals riesige Probleme und war nicht perfekt. Warum? Weil wir als Gemeinde zusammen in Richtung Ewigkeit straucheln – so würde ich es fast nennen. Wir sind noch nicht in der Ewigkeit angekommen, sondern auf dem Weg dorthin.

Dazu sind wir zusammengestellt als Botschafter in einer Welt, die gegen uns steht und mit dieser Situation nichts anfangen kann. Ich will keinen Kampf aufmachen, aber eine Welt, die mit der Tatsache, dass wir Vergebung haben und Vergebung brauchen, oft im Konflikt steht.

Ich möchte dich bitten, deine Erwartungen an Gemeinde vielleicht manchmal zu überdenken, sehr realistisch zu werden und demütig über dich selbst zu sein. Wenn du immer auf der Suche nach der perfekten Gemeinde bist, garantiere ich dir eines: Du wirst sie nie finden.

Liebe deine Gemeinde – nicht die Organisation, sondern die Menschen um dich herum. Ja, es gibt Situationen, in denen es richtig ist, eine Gemeinde zu verlassen. Zum Beispiel dort, wo Gottes Wort nicht mehr der letzte Maßstab ist, wo man kein Anliegen mehr für die Gemeinde hat, wo Vorschriften eingeführt werden, die über die Bibel hinausgehen und Druck aufbauen, oder wo Unterhaltung mehr im Fokus steht als das Leben zur Ehre Gottes.

Aber ich glaube, das gilt es sehr genau zu prüfen. Im Normalfall solltest du der Gemeinde dein Ja-Wort geben – mehr, als du es bei einem Sportverein tun würdest oder bei einem Hobby. Gemeinde ist Gottes Volk, zu dem du gehörst. Du solltest Teil der Vertretung dieses Volkes an deinem Ort sein, Teil der Botschaft dieses Volkes an diesem Ort. So können Menschen um dich herum – und das ist die zweite Aufgabe neben dem Bestätigen – die Verkündigung ihres Ursprungslandes wahrnehmen.

Es bleibt eine große Aufforderung: Wenn du zu Gottes Volk gehörst, dann ist deine Heimat in einer Gemeinde.

Die Gemeinde als Schicksalsgemeinschaft auf dem Weg zur Ewigkeit

Das Ganze ist keine Pflichtveranstaltung, sondern etwas viel Mehr. Wir warten gemeinsam, so wie Menschen, die vielleicht zusammen in einer Botschaft eingeschlossen sind.

Es gibt einen guten Film darüber, wie Menschen in der amerikanischen Botschaft im Iran eingeschlossen waren – damals in Persien, während der Revolution. Sie warteten darauf, gerettet zu werden und herauszukommen. Genau das ist unsere Situation: Wir warten zusammen.

Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam auf dem Weg ist, während um uns herum Kämpfe toben. Wir warten auf den Moment, in unser Heimatland zu gehen – gemeinsam, als Gemeinschaft – in die Ewigkeit. Amen.