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Einleitung und Fragestellung
Heute Morgen wollen wir das Thema Gleichgewicht in der Lehre behandeln. Ich hatte das auf der Einladung wie folgt umschrieben:
Ab wann muss man von einer Irrlehre sprechen? Woran erkennt man gesunde beziehungsweise ungesunde Lehre? In welchen Lehrfragen kann man in guten und treuen verschiedenen Meinungen sein? Was ist erst- und was zweitrangig, oder ist alles erstrangig? Wie sind Spaltungen vermeidbar? Wie soll man mit extremen Ansichten umgehen? Wie kann man mit Unterschieden umgehen?
Der Weg des Glaubens und das Vorbild Christi
Zunächst wollen wir das Thema so angehen, dass wir uns vergegenwärtigen, dass das Christentum im Neuen Testament mit einem Weg verglichen wird. Das ist sehr eindrücklich in der Apostelgeschichte zu sehen. Dort heißt es in Apostelgeschichte 9,2, dass Saulus, als er die ersten Christen verfolgte, sich vom Hohen Priester Briefe nach Damaskus an die Synagogen erbat, damit er, wenn er etliche fände, die des Weges wären, sowohl Männer als auch Frauen, sie gebunden nach Jerusalem führe. Die Christen werden hier also als die des Weges bezeichnet, als solche, die auf dem Weg sind.
Dieser Weg wird weiter erwähnt in Kapitel 19. Paulus ist in Ephesus in einer Diskussion mit der jüdischen Synagoge, und dort gibt es einen Konflikt. In Vers 9 heißt es: Als aber etliche sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge übel redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Sie begannen also in der Synagoge, übel von dem Weg zu reden. Das ist der Weg des christlichen Zeugnisses.
In Vers 23 desselben Kapitels geht es weiter. Dort gibt es einen Aufruhr in Ephesus, weil der Götzendienst zurückging und damit auch das Geschäft. Es entstand aber um jene Zeit ein nicht geringer Lärm betreffs des Weges. Auch hier ist deutlich: Der Weg ist das Christentum.
Dann lesen wir in Apostelgeschichte 24,14. Paulus sagt dort bei seinem Verhör: Aber dies bekenne ich dir, dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, also dem Gott meiner Väter diene, indem ich allem glaube, was in dem Gesetz und in den Propheten geschrieben steht. Auch hier ist der Weg das Christentum, das von anderen eine Sekte genannt wird.
Und dann heißt es in Vers 22 von Felix, dass er genauere Kenntnisse betreffs des Weges hatte. Auch das bezieht sich auf das Christentum. Es wird als ein Weg vorgestellt. Und jeder, der zum Glauben kommt, kommt auf diesen Weg.
Nun haben wir in Sprüche 8,20 das Vorbild der Weisheit Gottes, die wir auf den Herrn Jesus beziehen können. Dort heißt es: Ich wandle auf dem Pfad der Gerechtigkeit, mitten auf den Steigen des Rechts. Dieser Weg des Glaubens ist der Pfad der Gerechtigkeit, die Steige des Rechts. Und der Herr Jesus, die Weisheit Gottes, wandelt mitten auf diesem Weg.
Man kann rechts davon gehen oder links davon, und man ist immer noch auf dem Weg. Aber der Jesus geht mitten auf dem Weg. Das heißt, in ihm haben wir das absolute Gleichgewicht. Er war weder links- noch rechtslastig in seinem Leben als Mensch hier auf der Erde. In allem war er vollkommen ausgeglichen. Wenn man die Evangelien liest, wird man immer wieder neu davon betroffen. Es gab bei ihm nichts Extremes. Alles war in göttlicher Harmonie und göttlichem Gleichgewicht.
Das heißt nicht, dass er von gewissen Menschen nicht als extrem eingestuft worden wäre. Natürlich gab es solche, die sagten, er sei wahnsinnig. Es gab solche, die sagten, er sei von einem Dämon besessen. Aber wenn wir die Evangelien wirklich überdenken, sehen wir: Bei ihm ist alles im Gleichgewicht.
Gefahren des Abweichens und die Verantwortung des Menschen
Nun, der christliche Glaube ist der Wandel mit dem Herrn. Von Henoch lesen wir in 1. Mose 5,22 und 24, dass Henoch mit Gott wandelte, bis er dann entrückt worden war.
Das hebräische Wort für wandeln ist sehr beachtenswert. Es ist nicht das normale Wort Halach, sondern Hithalech. Hithalech bedeutet: „zur Freude eines anderen wandeln“. Der Hitpael ist eine Stammform im Hebräischen und drückt manchmal aus, dass eine Handlung zur Freude eines anderen geschieht.
Darum ist das in Hebräer 11,5 so wiedergegeben worden. Dort heißt es: „Henoch gefiel Gott wohl.“ Woher kommt das? Es wird sogar gesagt, es sei ihm dieses Zeugnis ausgestellt worden. Aber im Alten Testament steht nichts davon.
Gehen wir zur ältesten Bibelübersetzung, der Septuaginta aus dem dritten Jahrhundert vor Christus: Die haben Hithalech übersetzt mit „Henoch gefiel Gott wohl“. Das ist also eine sinngemäß absolut korrekte Übersetzung.
Also wandelte Henoch mit Gott, gewissermaßen mit dem Herrn, der in der Mitte des Weges geht. Das ist unser Beispiel. Er wird uns auch als Beispiel vorgestellt, in Hebräer 11,5, unter den Glaubenshelden.
Nun gibt es natürlich eine Gefahr, dass wir schneller gehen als der Herr. Jesaja 30 können wir kurz aufschlagen, Vers 21: „Und wenn ihr zur Rechten oder zur Linken abbieget, so werden deine Ohren ein Wort hinter dir her hören: Dies ist der Weg, wandelt darauf.“
Wenn man also das Wort hinter seinem Rücken hört: „Dies ist der Weg“, dann war man offensichtlich zu schnell, oder? Schneller als der Herr und dann erst noch nach links oder nach rechts abgebogen.
Es gibt Ehepaare, die spazieren so. Es ist ganz komisch, ich kann das nicht verstehen, aber das gibt es wirklich. Und das sollte eben auch im Glaubensleben nicht so sein. Wahrscheinlich haben solche Ehepaare auch manchmal noch andere Probleme, dass sie so spazieren: er mit dem Hund und sie hinten zum Beispiel.
Das sollte eben auch im Glaubensleben nicht sein. Also im Gleichschritt mit dem Herrn gehen, nahe bei ihm, das heißt in der Mitte, da wollen wir das Gleichgewicht finden.
Nun haben wir aber gleich gesehen in Jesaja 30,21 die Gefahr des Abweichens nach rechts oder nach links. Und ich habe hier eine ganze Liste von Bibelstellen aufgeführt unter Punkt vier, wo dieses Problem des Abweichens nach rechts und nach links angesprochen wird.
Zum Beispiel können wir noch lesen 5. Mose 5,32, wo bereits in der Tora, im Gesetz, gesagt wird: „So achtet denn darauf zu tun, wie der Herr, euer Gott, euch geboten hat; weicht nicht ab zur Rechten noch zur Linken, auf dem ganzen Weg, den der Herr, euer Gott, euch geboten hat, sollt ihr wandeln usw.“
So haben wir also eine Fülle von Stellen, nicht nur weiter noch in 5. Mose 17,11 und 28, sondern auch in Josua, 2. Könige, 2. Chronika, Sprüche. Immer wieder werden wir gewarnt vor diesen beiden Möglichkeiten des Abweichens.
Nun, wieso gibt es überhaupt die Möglichkeit des Abweichens? Gott könnte uns doch auf dem Weg hundertprozentig erhalten. Und als Argument könnte man ja 1. Samuel 6,12 anführen.
Nach dem Diebstahl der Bundeslade wollten die Philister schließlich die Bundeslade an Israel zurückgeben, und sie haben sie auf einen Wagen gesetzt, mit jungen Kühen dran. Sie haben gesagt: Wenn die nach Israel gehen, auf dem Weg und nicht abweichen nach rechts oder nach links, dann ist es ein Zeichen, dass der Gott Israels hier am Werk war.
Und dann haben sie das so gemacht, und 1. Samuel 6,12 zeigt, dass diese Kühe, obwohl es junge Kühe waren, schön auf dem Weg vom Gaza-Gebiet nach Israel hinüberliefen und schön auf dem Weg blieben.
Also: Gott kann Kühe auf dem Weg bewahren, sodass sie nicht nach rechts oder nach links abweichen. Warum tut er es nicht unbedingt bei uns?
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil wir keine Kühe sind, sondern Menschen mit Verantwortung vor Gott. Also werden wir von dieser Verantwortung nicht entbunden. Darum haben wir wirklich die Möglichkeit des Abweichens.
Hinzufügen und Wegnehmen als Grundmuster der Irrwege
Nun können wir diese Abweichung nach links und rechts in 5. Mose 4 speziell mit zwei Gefahren gegenüber der Bibel in Verbindung bringen. Wir haben ja gerade gelesen: 5. Mose 32 weicht nicht ab, weder zur Rechten noch zur Linken. Und in Kapitel 4, Vers 2, lesen wir: Ihr sollt nichts hinzutun zu dem Wort, das ich euch gebiete, und sollt nichts davon tun, damit ihr die Gebote des Herrn, eures Gottes, beobachtet, die ich euch gebiete.
Diese Warnung vor dem Wegnehmen oder Hinzufügen zur Bibel wird in 5. Mose 12,32 wiederholt. Dann finden wir das Problem auch in Sprüche 30,6 angesprochen und natürlich ganz am Ende der Bibel in der Offenbarung. Dort werden Gerichte angedroht für die, die hinzufügen oder wegnehmen: Offenbarung 22,18-19.
Wenn wir die Geschichte des Glaubens überschauen, schon die Zeit Israels und dann die Zeit der Christenheit, dann war genau das immer wieder ein Wurzelproblem. Und wir sehen das sehr eindrücklich, geradezu kristallisiert, in den Evangelien in zwei Gruppen, die immer wieder vorkommen: die Sadduzäer und die Pharisäer.
Die Sadduzäer waren eine Partei von führenden Priestern. Auch die hohepriesterliche Familie gehörte dazu, ebenso viele der reichen, führenden Priester. Es war eine aristokratische Partei, sehr volksfern, aber dem Luxus verschrieben. Sie waren wirklich liberal. Sie anerkannten nur die fünf Bücher Mose. Sie glaubten nicht an eine weitere Existenz nach dem Tod. Also nicht nur, dass sie die Auferstehung ablehnten, sie glaubten auch nicht, dass die Seele nach dem Tod weiter existiert. Sie glaubten nicht an die Existenz von Engeln und Geistern. Ich habe dazu Matthäus 22,23 und Apostelgeschichte 23,8 angeführt, wo das auch deutlich hervorgeht.
Wir kennen sie natürlich auch aus außerbiblischer Information. Der größte Teil der Bibel war für sie sowieso nicht akzeptabel. Darum musste der Herr ihnen gegenüber auch die Auferstehung mit Stellen aus den fünf Büchern Mose beweisen. Das hat er dann mit 2. Mose 3 getan, weil sie eben durch Stellen wie Daniel 12 oder Hiob 19: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, usw. nicht überzeugt worden wären. Das hatte für sie kein Gewicht. Und der Herr hat das als Anlass genommen, sie wenigstens mit dem, was sie glaubten, zu überführen. Sie nahmen also ganz deutlich von der Bibel weg.
Der Herr Jesus warnt in Matthäus 16,11 vor dem Sauerteig der Sadduzäer. Und da muss ich erklären: Der Sauerteig ist in der Bibel durchwegs ein negatives Bild für Sünde. Wenn man Sauerteig in den Teig einfügt, dann wird in Kürze alles angesteckt. Genau so wirkt die Sünde. Sie steckt an. Und dann bläht der Sauerteig auf, das heißt, er gibt vor, dass hier mehr da ist, als tatsächlich da ist.
Darum wird in 1. Korinther 5,6-8 das ungesäuerte Brot Brot der Wahrheit genannt, weil es nicht mehr vorgibt, als da ist. So sehen wir: Sauerteig ist ein Bild der Sünde, des Bösen, das ansteckt und verdirbt, andere verdirbt, durchsäuert. Und da wird also ernstlich vor diesem Sauerteig gewarnt.
Auf der anderen Seite finden wir in den Evangelien eine weitere israelische Gruppe, die Pharisäer. Sie waren, wie wir wissen, gesetzlich und fügten dem Wort Gottes ihre Lehren hinzu. Auch wenn sie gesagt hätten, das sei kein Hinzufügen, sondern sie versuchten einfach, ganz genau zu erklären, wie die Gebote gemeint sind: Ihre Erklärung und ihre Definition gingen so weit, dass sie oftmals kilometerweit über die Aussagen der Bibel hinausgingen. Da fügten sie also letztlich dem Wort Gottes hinzu.
In Matthäus 23,1 und folgende spricht der Herr seine ernsten Wehe gegen die Pharisäer aus. In Markus 7,1-23 geißelt er ihre Art der hinzufügenden Auslegung, und nochmals in Matthäus 16,11 warnt er vor dem Sauerteig der Pharisäer.
Diese beiden Extreme, das Wegnehmen oder das Hinzufügen, gewissermaßen den Weg weiter zu machen als den biblischen Weg oder ihn enger zu machen als den biblischen Weg, beides ist ein Irrweg.
Wahrnehmung, Bewertung und die eigene Position
Nun, wir beobachten uns ja gegenseitig. Und wir katalogisieren dauernd, ohne uns das vielleicht besonders bewusst zu sein. Aber da muss man sich im Klaren sein.
Nächster Punkt: Wer rechts auf dem Weg geht, dem erscheinen nicht nur diejenigen, die links auf dem Weg gehen, beziehungsweise sogar nach links abgewichen sind, als Linke. Nein, selbst diejenigen in der Mitte gelten niemals als linkslastig. Das ist ja logisch. Wer gar vom Weg nach rechts abgewichen ist, dem erscheinen selbst die Rechtslastigen auf dem Weg als Linke. Und das Ganze gilt natürlich analog für links.
Daraus geht hervor: Wenn wir andere beurteilen, dann hängt das direkt davon ab, wo wir selber stehen. Also, wir müssten wissen: Sind wir auf dem Weg in der Mitte, oder links oder rechts davon? Oder sind wir rechts davon abgewichen oder links davon abgewichen? Und wenn man will, kann man natürlich eine amerikanische Straße mit noch mehr Unterteilungen auf dem einen Weg machen. Dann ist das Ganze noch ein bisschen komplizierter.
Aber ich habe mir das mal so überlegt. Und gerade kürzlich haben wir ein Gespräch mit jemandem gehabt, der war so geschockt über extreme gesetzliche Menschen, ob das Christen sind, sei sogar dahingestellt. Aber auf der anderen Seite über solche, die unmoralisch sprachen, und so war er überhaupt nicht geschockt, fand das lustig. Ja, aber wenn er schon geschockt ist von Rechtsextremen, sollte er auch geschockt sein von Linksextremen. Sonst würde ich sagen, zeigt das, dass der Betreffende ganz klar längstlastig ist.
Also die Testfrage, die wir uns selber stellen können: Bin ich über liberale Tendenzen gleichermassen geschockt wie über gesetzliche Neigungen? Das hilft vielleicht, uns selber irgendwie zu situieren, denn beides ist Sünde, denn beides ist letztlich ein Bruch mit Gottes Wort.
Nun, das einfach zum Weg und zu den verschiedenen Möglichkeiten und Tendenzen. Im Neuen Testament finden wir die Gemeinde Gottes seit dem Pfingsttag, Apostelgeschichte 2. Wir wissen ja, denke ich, dass ganz am Anfang an Pfingsten nur Juden zum Glauben kamen. Also die Gemeinde, die christliche Gemeinde, die Kirche, bestand am Anfang nur aus Juden, und es fing sehr gut an. Nach Apostelgeschichte 4 waren sie ein Herz und eine Seele. Aber sehr kurz danach, das wird noch so gesagt in Kapitel 4,32 in der Apostelgeschichte, lesen wir in Apostelgeschichte 6: In diesen Tagen aber, als die Jünger sich vermehrten, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden.
Es ist der erste offene Konflikt in der Gemeinde, abgesehen von Einzelpersonen, Ananias und Saphira im Kapitel zuvor. Aber es ist der erste Gemeindekonflikt, kann man sagen.
Spannungen in der frühen Gemeinde und der Umgang mit Vielfalt
Jetzt haben wir hier zwei Gruppen: Hellenisten und Hebräer. Das sind beides Juden. Die Hebräer waren Juden, die durch die hebräischsprachige Kultur im Land Israel geprägt waren. Sie waren im Allgemeinen eher streng und von den Nichtjuden abgesondert.
Die Hellenisten waren Juden, die durch die griechischsprachige Kultur der Juden im Ausland geprägt waren. Damals gab es in der ganzen Mittelmeerwelt jüdische Synagogen und jüdische Kolonien, außerordentlich viele zum Beispiel in Ägypten. Die Judenheit in Ägypten, damals in Alexandria, soll etwa eine Million betragen haben. Ein Großteil von Alexandria war damals jüdisch.
Die griechischsprachigen Juden hatten natürlich einen sehr intensiven Kontakt mit Nichtjuden, und das prägte sie. Sie waren vielfach liberal oder etwas liberal und in diesem Sinn auch weltoffener gegenüber anderen heidnischen Kulturen.
Nun ist interessant: Der erste Konflikt in der Gemeinde war nicht eine Lehrfrage, die besprochen wurde, sondern es war einfach so, dass die Hellenisten feststellten, dass ihre Witwen nicht gleich gut behandelt wurden wie die hebräischen Witwen. Es ist also interessant, dass dieses Problem genau zwischen diesen beiden Gruppen entstanden ist. Da war ein viel tieferes Problem. Bei der Behandlung, bei der Versorgung der Witwen, hat sich das ausgewirkt, aber das Problem war viel tiefer. Das waren zwei Gruppen, die in einem Spannungsfeld zueinander waren, die aber von Gott in die Gemeinde zusammengefügt worden waren.
Gehen wir weiter: In Apostelgeschichte 8 kommt das Evangelium zu den Samaritern. Das war eine Mischbevölkerung. Sie hatte noch etwas Blut von den zehn Stämmen, von den wenigen, die nicht deportiert worden waren nach Assyrien, und sie hatten sich vermischt mit heidnischen Völkern, die von den Assyrern in dieses Gebiet, nach Nordisrael, verfrachtet worden waren. Von den Juden wurden sie abgelehnt als Nichtjuden. Sie selber betrachten sich als die eigentlich Richtigen. Übrigens noch heute: Es gibt ja nicht mehr viele Samariter oder Samaritaner, aber die heutigen betrachten sich immer noch als wirklich authentisch im Gegensatz zu den Juden. Das so nebenbei.
Nun, diese beiden Gruppen waren von Natur aus, von ihrer Geschichte her, völlig verfeindet. In Johannes 4,9 haben wir die Begegnung des Herrn mit der Samariterin am Brunnen. Da erklärt Johannes am Schluss von Vers 9: Denn die Juden verkehren nicht mit den Samaritern. Das war so ein Tabu. Verkehr war ein Tabu zwischen diesen Gruppen. Und die Samariter, wie man aus Vers 20 und 22 sieht, haben auf dem Berg Garizim angebetet, und die Juden in Jerusalem. Das war eine schwere Streitfrage über den richtigen Ort der Anbetung.
Man muss bedenken: Die Samaritaner haben nur die fünf Bücher Mose von Israel übernommen. Den Rest des Alten Testaments haben sie abgelehnt. In den fünf Büchern Mose, in 5. Mose, steht 21-mal, dass Gott einen Ort auserwählen wird als Ort der Opfer und der Anbetung. Aus den späteren Schriften, eben aus der Geschichte mit David, lernen wir, dass Gott Zion auserwählt hat als Ort der Opfer. Aber das haben die Samaritaner abgelehnt. Sie haben gesagt, dieser Ort ist der Berg Garizim. Sie haben dann sogar in den Zehn Geboten, in 2. Mose 20, eine Fälschung hineingemacht, wo ein Gebot steht: Du sollst auf dem Garizim anbeten. Also Bibelfälschung. Das hat nicht erst angefangen mit Zeugen Jehovas und so, sondern das ist schon sehr alt.
Also, die haben da einen schweren Meinungsunterschied gehabt über das Wesen des Glaubens, einen völligen Bruch. Nun kommt es in Apostelgeschichte 8 zu einer Erweckung in Samaria. Jetzt werden zur Gemeinde nebst den Hellenisten und Hebräern auch noch Samaritaner hinzugefügt. Und das ist uns klar: Da sind die Konflikte ja programmiert.
Nächster Punkt: 1. Korinther 12,13. Denn auch in einem Geist und in der Kraft eines Geistes sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden. Hier geht es um die Taufe mit dem Heiligen Geist. Was ist das? Die Grundbedeutung des Wortes taufen, baptizo im Griechischen, bedeutet, in ein anderes Element einführen. Bei der Wassertaufe wird man in das Element Wasser eingeführt, bei der Taufe mit Heiligem Geist wird man in den Leib Christi eingefügt. Also wer nicht getauft ist mit dem Heiligen Geist, ist gar kein Christ. Und die Taufe mit dem Heiligen Geist ist das heilsgeschichtliche Ereignis, dass ich ein Glied am Leib Christi werde.
Interessant ist auch noch: Paulus sagt dieser Gemeinde mit so vielen Problemen in Korinth: Denn wir alle – er sagt nicht diejenigen, die schon am weitesten sind, sondern wir alle. Wie konnte er das wissen, dass sie alle mit dem Heiligen Geist getauft waren? Ganz einfach, weil er wusste, dass sie Heilige waren. 1. Korinther 1,2 spricht er die Geheiligten in Christus an, die in Korinth sind. Und wenn er davon ausgehen konnte, dass sie wirklich bekehrt waren, Heilige, geheiligt waren in Christus, dann konnte er sagen: Wir sind alle zu einem Leib getauft worden durch den Geist.
Nun haben wir aber hier Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie. Griechen, dieser Ausdruck bezeichnet im Neuen Testament heidnische Bürger des römischen Reiches. Griechisch war ja die Weltsprache im römischen Reich, nicht Lateinisch. Man kam überall rund um das Mittelmeer mit Griechisch durch, außer in Spanien. Also wenn Paulus spät in seinem Leben noch nach Spanien gegangen ist, dann musste er dort Latein sprechen, aber sonst mit Griechisch. Darum sind Griechen im Neuen Testament insbesondere römische Bürger, geprägt von der griechischen Kultur. Die Römer bauten ja auf der griechischen Kultur auf.
Nun haben wir da noch eine neue Gruppe drin. Wenn man schaut, wie die alten Römer über Juden dachten, hatten sie echt Probleme mit diesem Volk. Es gab nämlich auch Juden in der römischen Legion, aber die wollten immer etwas Spezielles essen, und am Samstag wollten sie nicht arbeiten. Im Allgemeinen hatte man kein Verständnis für sie. Da war schon von Natur aus ein starkes Spannungsfeld. Und nur nach 1. Korinther 12 sehen wir: Gott hat auch römische Bürger aus dem Heidentum durch Bekehrung hineingeführt.
Dann haben wir Sklaven und Freie, also verschiedene, weit voneinander entfernte soziale Klassen. Das bringt ja auch Spannungen. Wir sehen: In Gottes Plan mit der Gemeinde waren Spannungen von Anfang an programmiert.
Galater 3,28: Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. Hier haben wir wieder die Gruppen Juden, Griechen, Sklave, Freier, aber dann Mann und Frau. Da sind nochmals zwei Gruppen, die waren natürlich auch schon von ganz am Anfang drin. Wir haben ja von den Witwen gelesen, von den hellenistischen Witwen, die übersehen worden waren.
Nun, das ist auch eine Tatsache, dass zum Beispiel ein Mann anders denkt und empfindet als eine Frau. Glücklicherweise ist das so, denn in der Ergänzung gibt es etwas Gutes, und für sich allein ist manches manchmal etwas extrem. Also: In der Ergänzung sind in der Gemeinde Männer und Frauen, aber hier in diesen Unterschieden sind auch Spannungen vorprogrammiert. Aber nach Gottes Plan sollte die Gemeinde nicht eine Männer- oder eine Frauengesellschaft sein, sondern gemischt.
Kolosser 3,11: Ja, wenn jemand einen Männerabend macht, dann kann er das machen, aber eine Männergemeinde kommt nicht infrage. Oder ein Frauenfrühstück, das ist auch recht, sogar gut, aber das ist keine Gemeinde, ja? Kolosser 3,11: Wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.
Da haben wir Grieche, Jude und gleichzeitig Beschneidung, Vorhaut. Juden wurden am achten Tag nach der Geburt beschnitten, die Heiden waren durch die Vorhaut gekennzeichnet im Gegensatz dazu. Nun, das ist doch gewissermaßen zweimal das Gleiche. Aber wir können sagen: Bei der Gegenüberstellung Beschneidung/Vorhaut steht der religiöse Unterschied im Vordergrund, während dann Grieche/Jude mehr den kulturellen Unterschied hervorhebt. Also vom Hintergrund her: kulturelle Unterschiede, religiöse Unterschiede.
Und dann werden noch neu, was wir bisher noch nicht gefunden haben, auch noch die Barbaren erwähnt. Das sind nun eben keine Griechen, sondern das sind Leute, die römisches Bürgerrecht hatten. Die konnten sich innerhalb des Römischen Reiches, also innerhalb des Territoriums, befinden oder auch außerhalb. Aber sie wurden von den Römern als Untermenschen betrachtet. Übrigens kommt das Wort Barbar aus dem Griechischen. Da steht barbaros im Grundtext, das ist ein wortmalerischer Ausdruck, weil die Griechen fanden, die Barbaren sprechen so barbarbarbarbarbarbarbarbarbar. Das sind die Barbaren, von denen man im Altertum zum Teil sogar bezweifelte, ob sie eine Sprache hätten.
Aber nun sehen wir: Jetzt sind auch noch Barbaren in die Gemeinde eingefügt worden, und speziell wird noch die Skythe erwähnt. Die Skythen waren ein wildes Reitervolk zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Das ist ein Volk, das auch zu den späteren Russen beigetragen haben soll. Und die können auch heute noch am Schwarzen Meer recht wild schießen, wie wir wissen. Also das sind die Skythen, die da noch speziell erwähnt werden, also ganz besonders wilde, militärisch gesinnte Barbaren. Die kamen auch in die Gemeinde hinein.
Und wir wissen, das war so in den ersten Jahrzehnten des Christentums. Der Kolosserbrief wurde um 62 geschrieben. Aber in der Zwischenzeit ist noch einiges dazugekommen, sogar Schweizer sind noch dazugekommen usw. Und auch Menschenfresser haben sich bekehrt. Wer zum Beispiel die Geschichte von Don Richardson kennt, Das Friedenskind, der hat ja unter einem Kopfjägerstamm gearbeitet. In der Völkerkunde lernt man: Stämme sind entweder Kopfjäger oder Menschenfresser, aber nicht beides zusammen. Und der hat tatsächlich einen Stamm angetroffen, der von dieser Regel noch nie etwas gehört hatte. Und es gab auch dort einen Aufbruch, und eine Gemeinde konnte entstehen.
Also ich will einfach sagen, andeutungsweise: Die Gemeinde ist gemischt, völlig durchmischt von Menschen, die ganz unterschiedliche Hintergründe mitgebracht haben. Und in diesen Unterschieden allein sind Spannungen vorprogrammiert. Wir sind auch alle ganz unterschiedlich erzogen worden. Das bringt automatisch potenzielle Schwierigkeiten in die Gemeinde hinein. Aber wir sehen: Gottes Plan war nie, eine Motorfahrergemeinde zu gründen. Man hat ja festgestellt, wenn Motorradfahrer Motorradfahrer evangelisieren, dann kommen mehr Motorradfahrer zum Glauben, als wenn Hausfrauen Motorradfahrer evangelisieren. Das ist auch gut so. Man hat auch herausgefunden, dass wenn Polizisten Polizisten evangelisieren, dann geht es auch besser, als zum Beispiel, wenn Motorradfahrer Polizisten evangelisieren.
Nun, dass man bestimmte Menschengruppen besser erreicht als andere, je nachdem, wo man selber steht, das ist eine Tatsache. Aber das hat mit Gemeinden noch nichts zu tun. Nun gibt es natürlich die Auffassung, man sollte auch die, die sich so besonders nahe sind, zusammenfügen in einer Ortsgemeinde. Und das ist sicher unüblich. Darum sollte auch nicht angestrebt werden, eine Gemeinde nur von jungen Leuten. Dann hat man all die alten Probleme weg, ja, aber man hat dann dafür auch all diese Lösungen, die die Älteren bringen können, weg und so weiter.
Also Gottes Plan für die Gemeinde ist eine Durchmischung. Und wir versammeln uns nicht zu Jesus Christus, unserem Herrn, hin, weil wir uns sympathisch finden von unserem Hintergrund, sondern weil wir in Christus alles gefunden haben. Das muss die Voraussetzung sein.
Gottes Absicht mit der Gemeinde und die Kraft der Liebe
Aber warum hat dann Gott ein solches Projekt geschaffen, von dem man ja von Anfang an wissen konnte, dass es große Probleme geben würde?
Nun, der nächste Punkt ist: Gott wollte in seiner Gemeinde ganz verschiedene Menschen in Christus zusammenfügen. Die Schwierigkeiten waren vorauszusehen, doch Christentum bedeutet, Schwierigkeiten mit der Hilfe von oben zu überwinden, durch den Geist Gottes und durch die Autorität der Schrift. Genau darin zeigt sich das Gebot der Liebe, 1. Johannes 13,34.
An diesem feierlichen Vorabend, als die Schatten von Golgatha bereits auf den Herrn Jesus gefallen waren, sagte er: Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Vers 34: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, gleich wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt.
Gerade das soll ja das Zeugnis nach außen sein: dass wir bei all dieser Unterschiedlichkeit und bei all diesen aufbrechenden Schwierigkeiten Gottes Hilfe bei der Lösung von Schwierigkeiten erleben können. Gerade darin wollte Gott ein spezielles Zeugnis geben, weil das, sagen wir, eben außerhalb des Christentums etwas ist, dem man möglichst ausweicht.
Warum schafft man Vereine? In den Vereinen kommen diejenigen zusammen, die sich alle auch für Kaninchen interessieren. Dort kommen nicht solche zusammen, die sich für Weltraumfahrt interessieren. Was man in unserer Gesellschaft sucht, sind Interessensgemeinschaften und gerade nicht die völlige Durchmischung. Gott wollte mit der Gemeinde eine völlige Durchmischung von verschiedenen Menschen zeigen, aber geeint in Christus.
Nun, heute leben wir ja in einer Kultur, die schon einige Jahrzehnte nichts mehr von Krieg weiß. Das hat zu einer Verweichlichung in unserer Gesellschaft geführt, sodass man mit Schwierigkeiten im Leben viel schlechter umgeht als zu Zeiten, in denen man viel mehr Schläge im Leben verarbeiten musste. Das hat ja auch mit dazu beigetragen, dass Depression zu einer Volkskrankheit geworden ist.
Es ist ja nicht so, dass wir heute an sich mehr Probleme hätten als, sagen wir, vor zweihundert Jahren. Damals konnte einem das Haus niederbrennen, und man hatte keine Feuerversicherung. Aber heute ist ja alles, was man kann, auch weitgehend abgesichert, und trotzdem ist es eine Volkskrankheit geworden. Das hängt damit zusammen, dass wir allgemein heute mehr Mühe haben, Dinge zu tragen und durchzustehen.
Zum Beispiel: Früher, wenn es in einem Ort eine Gemeinde gab und es Probleme gab, dann konnte man nicht einfach 50 Kilometer weiter gehen, weil man kein Auto hatte. Also war auch die Möglichkeit, aus Konflikten auszusteigen, viel kleiner als heute. Und so musste man auch innerhalb einer Dorfgemeinschaft versuchen, die Probleme zu lösen. Man hatte also viel weniger Ausweichmöglichkeiten.
Auch in der Ehe hat man früher nicht so schnell eine Scheidung eingehen können. Heute, wenn man sich nicht mehr versteht, dann ist es klar: Dann ist es am Ende, dann ist nun Zeit für die Auflösung. Dabei gilt: Wenn das Feuer erlischt, dann muss man wieder Holz hinein tun. Dann muss man nicht sagen: Jetzt ist das Feuer fertig. Wenn man wieder Holz hinein tut, dann kann es wieder zur Flamme kommen.
Also ist man heute auch viel weniger bereit zu arbeiten, in Beziehungen zu investieren; man läuft viel schneller davon. Das ist eine Schwierigkeit unserer Zeit. Das müssen wir irgendwie zur Kenntnis nehmen und nun eben an diesem Problem arbeiten.
Praktische Lösungen in der Apostelgeschichte
Im Neuen Testament finden wir Beispiele für Problemüberwindung. Wie war das damals beim ersten grossen Problem?
Gemeindeproblem in Apostelgeschichte 6: Es gab da ein Murren zwischen zwei Gruppen, zwischen den eher strengen und den eher freiheitlichen. Die Reaktion der Apostel, Apostelgeschichte 6,2: Die Zwölf aber beriefen die Menge der Jünger und sprachen: Es ist nicht gut, dass wir das Wort Gottes verlassen und die Tische bedienen.
Die haben sich also zusammengefunden, um das Problem zu besprechen. Ja eben, wenn ein Problem auftaucht, kann man einfach nicht darüber reden, das geht auch. Aber da hat man sich zusammengefunden, und die Apostel sagen: Schaut, das wäre jetzt nun nicht gut, wenn wir aufhören zu predigen und nun diese Verteilung der Gelder auch noch übernehmen. Also, da sollen gewisse Leute ausersehen werden, um speziell für dieses Problem der Verteilung zuständig zu sein.
Vers 3: So seht euch nun um, Brüder, nach sieben Männern aus euch, von gutem Zeugnis, voll heiligen Geistes und Weisheit, die wir über dieses Geschäft bestellen wollen. Wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren.
Das Problem wurde gelöst, indem man speziell sieben Männer, voll Heiligen Geistes und Weisheit, einsetzte zur Lösung des Problems, also Männer mit Weisheit unter der Leitung und Kraft des Geistes Gottes. Und die Apostel sagen: Wir wollen weiter im Gebet verharren und in der Wortverkündigung, also Gebet und Bibellehre, plus Menschen, Brüder, die die Weisheit haben, um das Problem gezielt angehen zu können. Das führte zur Lösung damals.
Apostelgeschichte 8: Da kamen ja eben diese Samaritaner zum Glauben, da ging aber alles etwas eigenartig. Philippus hat evangelisiert, viele kamen zum Glauben, sie wurden getauft und empfingen nicht den Heiligen Geist, ganz eigenartig. Und erst als die Apostel Petrus und Johannes kamen, ihnen die Hände auflegten, empfingen sie den Heiligen Geist.
Nun, das war ein Spezialfall, denn nach Epheser 1,13-14 wird lehrmässig erklärt, dass man mit dem Heiligen Geist versiegelt wird, nachdem man das Evangelium geglaubt hat. Bei den Samaritern war ein Spezialfall. Hätten die den Heiligen Geist empfangen, ohne weiteres, wäre die Folge gewesen: die erste Kirchenspaltung. Denn diese beiden Völker waren ja so verfeindet. Jetzt mussten aber die Apostel von Jerusalem kommen, die Hände auflegen. Händeauflegung ist ja immer das Symbol der Einsmachung, Identifizierung, schon beim Opferdienst. Der Schuldige identifizierte sich durch das Michah, durch die Handauflegung, Aufstützung eigentlich; sein ganzes Gewicht übertrug er auf das unschuldige Tier. So identifizierte er sich mit dem Stellvertreter.
Die Samaritaner mussten sich identifizieren mit den Aposteln aus den Juden. Und dann antwortete Gott mit dem Heiligen Geist als Zeichen: Jetzt gehört ihr auch zur Gemeinde. Das war also der erste Moment, wo wirklich eine neue Volksgruppe in die Gemeinde hineingefügt wurde. Und an diesem kritischen Moment gab Gott also nicht sofort den Heiligen Geist, sondern erst nach diesem Symbol: Wir gehören zusammen.
Nun hätten sie nachher eine Spaltung machen wollen: Mit den Juden haben wir nichts zu tun. Wie war das dort? Wann habt ihr den Heiligen Geist bekommen? Als die Juden uns die Hände aufgelegt haben. Ja also, wir gehören zusammen. Die mussten sich also einigen auf die Autorität der Apostel. Und so sehen wir: Die Lösung entspricht hier Apostelgeschichte 2,42, wo es von den ersten Christen heisst, sie verharrten aber in der Lehre der Apostel usw. Das erste Kennzeichen der ersten Christen war: Die Lehre der Apostel war für sie ein Punkt, in dem sie verharrten.
Nun sehen wir die Spannung Juden-Samaritaner. Sie musste immer wieder gelöst werden durch das Zurückgehen auf das Wort der Apostel. Da ist der Orientierungspunkt für die Lösung der Schwierigkeiten. Wir können sagen: die Bibel als Referenzpunkt bei aufbrechenden Unterschieden, und zwar eben die ganze Bibel. Die Samariter hatten ja nur die fünf Bücher Mose. Ein nächster Schritt war die Anerkennung des ganzen Alten Testaments. Da mussten sie auch zur Einsicht kommen, das mit dem Garizim war falsch, und von unserem Hintergrund her haben wir eine Bibelfälschung als wichtiges Element unseres Glaubens gehabt. Das mussten sie ablegen, denn die Apostel beriefen sich auf das ganze Alte Testament und dann mit dem Wort der Apostel eben auch das Neue Testament.
Apostelgeschichte 11: Wir wissen ja, es gab ja eine grosse Verfolgung der Gemeinde nach der Ermordung von Stephanus. Da wurden diese Juden hinausgetrieben, und sie begannen zu evangelisieren, da, wo sie hinkamen. Das führt uns zu Kapitel 11, aber wir machen jetzt zuerst eine Viertelstunde Pause und dann gehen wir ans Problem.
Wir kommen jetzt zu dem Problem in Apostelgeschichte 11. Ich habe bereits erklärt, in Apostelgeschichte 7. In Apostelgeschichte 8, Vers 4 kam es zur Zerstreuung der Gemeinde in Jerusalem, die dann begann zu evangelisieren. Da setzt nun 11,19 an: Die nun zerstreut waren durch die Drangsal, welche wegen Stephanus entstanden war, zogen hindurch bis nach Phönizien und Zypern und Antiochien und redeten zu niemandem das Wort als allein zu Juden.
Wir wissen ja, das Programm zur Weltinformation in Apostelgeschichte 1,8 besteht aus vier Punkten, auf dem Ölberg gegeben: Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, in Judäa, in Samaria und bis an das Ende der Erde. Nun haben wir hier bereits die drei ersten Bereiche hinter uns: Jerusalem, Judäa, die jüdischen Städte um Jerusalem, und dann Samaria, Apostelgeschichte 8. Jetzt gehen sie weiter zu Punkt vier, bis an das Ende der Erde, aber sie kommen in den Libanon, Phönizien, nach Zypern, ins Mittelmeer und nach Antiochien, nach Syrien, aber sie sprechen nur zu Juden. Sie haben den Missionsauftrag so verstanden: bis an das Ende der Erde, einfach zu Juden.
Nun gab es aber ganz progressive Vers 20: Es waren aber unter ihnen etliche Männer von Zypern und Kyrene, welche, als sie nach Antiochien kamen, auch zu den Griechen redeten, indem sie das Evangelium von dem Herrn Jesus verkündigten. Und des Herrn Hand war mit ihnen, und eine grosse Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn.
Interessant, die durchbrechen nun diese Barriere des Judentums und sprechen plötzlich auch zu Heiden. Aber was sind das für Juden gewesen? Das sind keine Hebräer, sondern das waren Hellenisten, nämlich Männer von Zypern und Kyrene. Das waren typische Auslandjuden, die eben nicht eine so grosse Schwelle hatten gegenüber nichtjüdischen Menschen. Das waren also diejenigen mit der Tendenz zu mehr liberal. Die waren aber auch schneller bereit, mit dem Evangelium hinauszugehen. Und jetzt entstand plötzlich eine Gemeinde in Nordsyrien. Antiochien gehört heute zur Türkei, aber eigentlich gehört es zu Syrien. Atatürk hat im letzten Moment noch Antiochien geholt, damals Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nun, da in Nordsyrien entsteht zum ersten Mal in der Apostelgeschichte eine Gemeinde aus Nichtjuden. Das bringt natürlich Spannungen. Schauen wir Vers 21, die Reaktion: Und die Hand des Herrn war mit ihnen, und eine grosse Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn. Es kam aber die Rede von ihnen zu den Ohren der Gemeinde, die in Jerusalem war.
Also Gott hat sich ganz deutlich, der Herr hat sich zu ihnen bekannt. Aber jetzt hört man davon in Jerusalem, dass da eine Gemeinde mit potenziellen Schwierigkeiten entsteht. Das waren nämlich Leute, die kannten nicht schon das Alte Testament, die hatten keinen Hintergrund. Und das bringt natürlich Probleme, wenn jetzt da plötzlich eine neue Gemeinde entsteht, und die haben nicht drei Jahre oder fünf Jahre gewartet. Was machen sie?
Vers 22: Es kam aber die Rede von ihnen zu den Ohren der Versammlung, die in Jerusalem war, und sie sandten Barnabas aus, dass er hindurchzöge bis nach Antiochien, welcher, als er hingekommen war und die Gnade Gottes sah, sich freute.
Sie schicken Barnabas, einen Mann in der Apostelgeschichte, der immer wieder die Fähigkeit hatte, Probleme zu lösen. Einen ganz ausgeglichenen Menschen schicken sie hin. Und der sieht nicht einfach die Probleme als Erstes, sondern er sieht die Gnade Gottes und freut sich darüber. Aber er sieht auch die potenziellen Gefahren, und darum lesen wir weiter: Und alle ermahnte, mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren.
Warum konnte er das? Denn er war ein guter Mann und voll heiligen Geistes und Glaubens. Es war ein guter Mann, und darum konnte er auch die gute Sache sehen. Er war voll heiligen Geistes und voll Glauben, darum konnte er eben auch diese Jungbekehrten ermahnen, wirklich ganz mit Herzensentschluss bei dem Herrn Jesus Christus zu bleiben, damit es eine gute Fortsetzung gibt.
Dann ging Barnabas nach Tarsus, die Türkei, holte dort Paulus, und ein ganzes Jahr lang haben sie zusammen die Gemeinde dort am Ort in der biblischen apostolischen Lehre unterwiesen. Also die Lösung des Problems, dass jetzt da ganz neue Leute hineinkommen, die auch keinen alttestamentlichen Hintergrund hatten, war: die Gnade Gottes sehen und diese Leute ganz systematisch ein Jahr lang in der Lehre der Apostel zu unterweisen, in der Lehre der Bibel.
Ein weiteres Problem: Im gleichen Kapitel können wir bleiben. Petrus hat ja den Auftrag, zu einem Römer nach Hause zu gehen. Das war für einen Juden etwas ganz Schwieriges, weil die Hebräer damals nie zu einem Nichtjuden in sein Haus gingen, weil sie sich rituell verunreinigen könnten. Der Herr hat ihm gesagt: Du musst dorthin gehen, du musst dort predigen. Und wir kennen die Geschichte aus Apostelgeschichte 10, dass dann viele da zum Glauben gekommen waren.
Die Reaktion, Kapitel 11, Vers 1: Die Apostel aber und die Brüder, die in Judäa waren, hörten, dass auch die Nationen das Wort Gottes angenommen hätten. Und als Petrus nach Jerusalem hinaufkam, freuten sie sich riesig über sein Werk. Nichts davon, was in meiner Bibel steht. Und als Petrus nach Jerusalem hinaufkam, stritten die aus der Beschneidung mit ihm und sagten: Du bist zu Männern eingekehrt, die Vorhaut haben, und hast mit ihnen gegessen.
Davon steht übrigens nichts, dass er da gegessen hätte, unkoscheres Zeug oder so. Aber war für sich schon mal klar: Du bist dort hineingegangen und hast auch gegessen. Das gab nun eine riesige Spannung, eben dadurch, dass diese Griechen in die Gemeinde gekommen waren. Und jetzt, wie löst Petrus das Problem? Der temperamentvolle Petrus reagiert, Vers 4: Petrus aber fing an und setzte es ihnen der Reihe nach auseinander und sprach.
Er blieb ganz ruhig. Beweis: Wenn man unruhig ist, dann kann man die Dinge nicht der Reihe nach darlegen. Ja, dann springt man ein bisschen herum. Er bleibt ruhig und erklärt alles ganz genau, wie es gegangen ist. Und die Reaktion am Schluss seiner Darlegung, Vers 18: Als sie aber dies gehört hatten, beruhigten sie sich und verherrlichten Gott und sagten: Dann hat Gott also auch den Nationen und den Heiden die Busse gegeben zum Leben.
Er konnte sie durch seine Ruhe, durch seine sachliche Darlegung der Dinge, konnte er die Leute beruhigen. Und nicht nur beruhigen, die haben dann sogar Gott gelobt für das aufgebrochene Werk. Also ruhige Darlegung und Klärung der Dinge.
Ein ungelöster Konflikt und die Frage nach Mitteldingen
Jetzt gehen wir zu einem weiteren Problem in Apostelgeschichte 15.
Paulus war ja mit Barnabas auf der ersten Missionsreise. Danach kehrte er zurück nach Antiochien, und ich lese nun 15,35: Paulus aber und Barnabas verweilten in Antiochien und lehrten und verkündigten mit noch vielen anderen das Wort des Herrn. Nach etlichen Tagen aber sprach Paulus zu Barnabas: Lasst uns nun zurückkehren und die Brüder besuchen in jeder Stadt, in welcher wir das Wort des Herrn verkündigt haben, und sehen, wie es ihnen geht. Die Gemeinde, die auf der ersten Missionsreise entstanden war, sollte nun besucht werden.
Barnabas aber war gesonnen, auch Johannes, genannt Markus, mitzunehmen. Paulus aber hielt es für billig, den nicht mitzunehmen, der aus Pamphylien von ihm gewichen und nicht mit ihm gegangen war zum Werk. Auf der ersten Missionsreise kam ja Johannes Markus mit, Kapitel 13,6. 13,5 wird das gesagt. Und als es dann sehr schwierig und unwirtlich wurde in Pamphylien, Vers 13, ging Markus wieder nach Hause und brach also diesen Missionseinsatz vorzeitig ab.
Nun wollte Barnabas diesem jungen Christen eine zweite Chance geben für eine Missionsarbeit. Paulus aber sagt: Nein, der kommt nicht mit. Er hat sich auf der ersten Reise nicht bewährt, das geht nicht. Da muss man aber noch bedenken, nach Kolosser war Barnabas mit Markus verwandt, also die Verwandtschaftsbeziehung hat da auch noch eine Rolle gespielt.
15,38: Paulus aber hielt es für billig, den nicht mitzunehmen, der aus Pamphylien von ihm gewichen und nicht mit ihm gegangen war zum Werk. Es entstand nun eine Erbitterung, so dass sie sich voneinander trennten, und Barnabas den Markus mitnahm und nach Zypern segelte. Paulus aber wählte sich Silas und zog aus, von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen. Er durchzog aber Syrien und Zilizien und befestigte die Gemeinden.
Sie konnten das Problem nicht lösen. Barnabas, der bisher dauernd große Probleme lösen konnte in der Apostelgeschichte, nun kam es zum Bruch zwischen Barnabas und Paulus, zu einer Erbitterung. Sie brachen die Zusammenarbeit ab. Barnabas nahm Markus mit, Paulus nahm sich neu Silas mit.
Nun, das Ganze geschah in der Gemeinde zu Antiochien, und die Gemeinde griff nicht ein. Doch seltsam! Wer hatte Recht? Jeder konnte gute Argumente bringen. Barnabas hätte sagen können: Einen jungen Gläubigen muss man ermutigen, den muss man nicht jetzt auf der Seite lassen, dem muss man eine zweite Chance geben. Paulus sagt: Eine solche Arbeit, da brauchen wir Leute, auf die wir zählen können, auch wenn es schwierig wird. Beides sind gute Argumente, und sie konnten sich nicht einigen. So brachen sie den gemeinsamen Dienst ab.
Die Gemeinde griff nicht ein. Es gibt keine Gemeindezucht, es gibt keine Stellungnahme für den einen gegen den anderen. Das Einzige, was auffallen könnte, ist, dass es nur bei Paulus im Text heißt, dass er von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen wurde. Bei Barnabas lässt man das einfach nicht stehen. Das könnte aber ein Hinweis von Lukas sein, dass die Mehrheit eben die Position von Paulus unterstützte, aber sie haben nicht eingegriffen. Das ist erstaunlich.
Die haben also, sagt Guth, wenn sie sich nicht einigen können in dieser Dienstfrage, dann sollen sie in guten Treuen stehen gelassen werden. Aber dadurch gab es auch keine Gemeindespaltung. Und man mag nachlesen: 1. Korinther 9,6. Circa vier Jahre später erwähnt Paulus den Barnabas in dem Brief, und er spricht in Hochachtung von ihm, quasi auf gleicher Ebene. Also nichts von Bitterkeit oder: Mit Barnabas kann man sowieso nichts anfangen. Nichts davon. Das heißt also, auch die Zeit hat eine Beruhigung bringen können.
Interessant also: Diese Frage wurde nicht geklärt. Wir kommen später nochmals auf Apostelgeschichte 15 zurück, es gab nämlich in den Versen zuvor schon einen Riesenknall in Antiochien. Und dieser Knall wurde angegangen bis zum Schluss und dann gelöst. Also im gleichen Kapitel haben wir nun eine Frage, die wird offen gelassen, und eine andere Frage, die wird durchgezogen bis zum Schluss. Wir kommen darauf zurück, das ist ganz wichtig.
Weiter müssen wir an Römer 14 und 1. Korinther 8 denken. Jetzt könnten wir die ganzen Kapitel durchlesen, aber dort finden wir, dass es Unterschiede gibt, die einfach getragen werden müssen. Paulus spricht von solchen, die wollen nur Gemüse essen, kein Fleisch, von solchen, die achten einen Tag mehr als den anderen, und andere, die schauen jeden Tag gleich an. Es gibt die Frage: Darf man Wein trinken oder nicht usw. Und Paulus sagt in diesem Kapitel, das sind gewissermaßen Mitteldinge.
Es ist nicht eine Sünde, wenn jemand nur Gemüse isst, obwohl Gott in 1. Mose 9 die Erlaubnis gegeben hat zum Fleischgenuss. Aber es gab ja viele jüdische Gläubige, die haben immer noch ihre koscheren Gesetze eingehalten, denn das war ja ihr Lebenshintergrund. Und nun plötzlich zu wechseln, war schwierig. Und da wird gezeigt: Schaut ihr, ihr dürft die nicht verachten. Wir dürfen zwar als Christen Fleisch essen, und es braucht nicht koscher zu sein, in dem Sinne, dass es kein Schweinefleisch sein dürfte usw. Das ist erlaubt, das war nur unter Gesetz verboten. Aber die Christen, die nun immer noch ein schlechtes Gewissen haben von ihrem Hintergrund, die sollen einfach stehen gelassen werden.
Und da gab es natürlich jüdische Gläubige, die haben nach wie vor Sabbat beobachtet und die verschiedenen Feste gefeiert, einen Tag vor dem anderen. Das war natürlich ein Problem für die anderen, die aus dem Heidentum kamen. Denen wurde ganz klar gesagt, durch den Galaterbrief finden wir das: Ihr dürft nichts von diesen Dingen einhalten, ihr dürft nicht unter das Gesetz vom Sinai gestellt werden. Aber Juden, die sich bekehrt hatten, die durften das weiterhin tun. Darum ging auch Paulus in die Synagogen, Paulus ging in den Tempel, war sogar bereit, Opfer zu bezahlen, alles in der Apostelgeschichte.
Das sind diese beiden Dinge. Also es gibt Fragen wie hier, die gehören zu den Mitteldingen. Die sind nicht in sich böse, aber da braucht es Weisheit, eben dass der eine den anderen nicht verachtet und dass der andere ersteren nicht verurteilt. Diese beiden Spannungen, also verachten und verurteilen, und er spricht auch über solche, die schwach sind im Glauben, beziehungsweise im Gegensatz zu denen, die in dieser Frage stark wären. Da wird gezeigt: Man muss auch Rücksicht nehmen auf andere. Wenn das mit dem Alkohol Probleme gibt für einen anderen, dann erklärt Paulus, soll man bereit sein, überhaupt darauf zu verzichten, einfach aus Rücksichtnahme für den anderen.
Also ist Gemeinde der Ort, wo man Unterschiede in den Mitteldingen ertragen kann, wo man nicht verachtet, nicht verurteilt in diesen Dingen, wo man auch bereit ist, auf ein Recht zu verzichten, wenn es dem anderen hilft. So auch in 1. Korinther 8 wird dieser Grundsatz dargelegt.
Gesunde und kranke Lehre
Jetzt gehen wir weiter und kommen zum Thema gesunde, kontrastierende Lehre. Wir sehen in 1. Timotheus zweimal, in 2. Timotheus einmal und in Titus zweimal wird das Wort oder der Ausdruck gesunde Lehre verwendet.
Wir lesen zum Beispiel Titus 1,9: Von einem Ältesten wird erwartet, dass er enthaltsam ist, anhängend dem zuverlässigen Wort nach der Lehre, auf dass er fähig sei, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen. Mit der gesunden Lehre zu ermahnen.
Titus 2,1: Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt. Das griechische Wort hygienō heißt gesund sein. Wir kennen das von Hygiene. Das sind Dinge, die man beachten muss, damit man gesund bleibt.
Es wird weiter in 1. Timotheus 6,3 von gesunden Worten gesprochen und in 2. Timotheus 1,13 vom Bild gesunder Worte. Nun, was ist das Gegenteil von einer gesunden Lehre, und zwar einer zusammenhängenden gesunden Lehre? Also das Bild gesunder Worte setzt gewissermaßen voraus, dass da eine Übersicht, eine Gesamtsicht der biblischen Lehre da ist, die gesund sein muss. Nun, das Gegenteil ist eine kranke Lehre.
Schauen wir, was die gesunde Lehre in ihren Auswirkungen bewirkt. Titus 1,13 und 2,2 sprechen davon, dass Gläubige gesund im Glauben sein sollen. Ein gesunder Glaube gibt es, ein kranker Glaube gibt es auch.
Weiter wird in Titus 2,2 davon gesprochen, dass Menschen gesund sein sollen in der Liebe. Gibt es auch kranke Liebe? Komisch, oder? Und gesund im Ausharren gibt es auch krankes Ausharren. Ja, vielleicht ein Beispiel für ungesunde Liebe kann sein, wenn im Namen von geschwisterlicher Liebe die Distanz zwischen Männern und Frauen in der Gemeinde zu klein wird. Dann kann man sagen: Ja, wir sind doch alle Brüder und Schwestern. Aber dann ist die Liebe nicht mehr gesund. Es gibt also auch eine kranke Liebe unter Gläubigen.
Dann gesund im Ausharren: Ja, wenn wir auf Gott vertrauen und auf Gebetserhörung vertrauen, dann ist das etwas Gesundes. Aber wenn ich sage, ich bin krank und ich bete zu dem Herrn, dass er mich gesund macht, und dann sage ich: Jetzt bin ich gesund, und ich bin immer noch krank, dann ist das ein krankhafter Glaube. Das ist nicht die Wahrheit. Und diese Problematik habe ich effektiv so konkret erlebt, dass jemand sagt: Ja, jetzt habe ich für diese Person gebetet, die ist jetzt gesund. Sie ist nicht gesund. Das wäre ein krankes Ausharren. Aber die gesunde Lehre führt eben zu einem gesunden Ausharren, zu einer gesunden Liebe, zu einem gesunden Glauben.
Weiter wird in Titus 2,8 dann auch davon gesprochen, dass jüngere Leute angewiesen werden sollen, dass sie gesunde, nicht zu verurteilende Rede haben, also auch die Art, wie wir sprechen. Herr Lindsay hat erzählt, beziehungsweise geschrieben, dass er nach seiner Bekehrung nochmals einen Englischkurs nehmen musste. Er war ja Amerikaner und musste einen Englischkurs nehmen, damit er lernte, anständig zu sprechen: gesunde, nicht zu verurteilende Rede.
Dann sehen wir in 1. Timotheus 6,3 bis 5, dass gesunde Lehre zu Ehrfurcht vor Gott führt. Dort wird von Gottseligkeit oder Ehrfurcht vor Gott gesprochen. Gesunde Lehre führt also auch zu einer gesunden Ehrfurcht, Frömmigkeit vor Gott.
Die Ergebnisse ungesunder Lehre finden wir dort sehr schön zusammengestellt. 1. Timotheus 6,3: Wenn jemand anders lehrt und nicht beitritt den gesunden Worten, die unseres Herrn Jesus Christus, und der Lehre, die nach der Gottseligkeit ist, so ist er aufgeblasen und weiß nichts, sondern ist krank an Streitfragen und Wortgezänk, aus welchen entsteht Neid, Hader, Lästerungen, böse Verdächtigungen, beständige Zänkereien von Menschen usw.
Kranke Lehre führt zu Aufgeblasenheit, und Paulus sagt: Die wissen nichts. Sie meinen natürlich, wenn sie aufgeblasen sind, meinen sie, sie wissen sehr viel. Aber er sagt: Die haben fehlendes Wissen. Sie sind krank an Streitfragen und Wortgezänk, und eine Folge ist Neid, Hader, Lästerungen, böse Verdächtigungen, beständige Zänkereien. Also solche Dinge können Wurzeln in einer ungesunden Lehre haben.
Ungesunde, kranke Lehre, können wir allgemein sagen, schädigt das Glaubensleben, schädigt die Entwicklung im Glauben, auch die Beziehung untereinander und zum Herrn. Und effektiv kann ungesunde Lehre Menschen krank machen.
Jedoch die tolle Frage: Macht Glauben krank? Ja, wir haben gesehen, die Bibel spricht im Prinzip von einem gesunden Glauben und damit auch von einem kranken Glauben. Und kranker Glaube, kranke Lehre macht Leute krank, natürlich. Aber man könnte nicht behaupten, dass gesunde biblische Lehre die Leute krank macht.
Also wenn Menschen depressiv werden aus dem Glauben heraus, dann muss man sehen, wo sind da Gedankengebilde, die eigentlich nach rechts und nach links überzogen sind gegenüber der Bibel. Denn das macht krank, und so können Gläubige sogar depressiv werden. Und da muss man eben diese Fehlgedanken, Fehlüberlegungen, korrigieren, zurückkorrigieren mit der Bibel auf Maßstab. Dann können Leute gesund werden.
In 2. Timotheus 2,17 spricht Paulus von ihrer Lehre. Ich lese schon ab Vers 16: Die ungöttlichen, eitlen Geschwätze aber vermeide, denn sie werden zu weiterer Gottlosigkeit fortschreiten, und ihr Wort wird um sich fressen wie ein Krebs, unter welchen Hymenäus und Philetus sind, die von der Wahrheit abgeirrt sind, indem sie sagen, dass die Auferstehung schon geschehen sei, und den Glauben etlicher umkehren.
Also hier wird von dieser kranken Lehre, von dieser falschen Lehre gesprochen. Ihr Wort frisst um sich wie ein Krebs, griechisch gangraina, da kommt unser Wort Gangrän her. Es kann also ein Gangrän sein, bedeutet so ein Brand der Zersetzung, bewirkt man am Gewebe durch Fäulniserreger, und das kann also bis zum Abfallen von Körpergliedern führen. Es kann aber auch effektiv irgendein Krebsgeschwür bezeichnen. Also eine kranke Lehre führt zu Krebsgeschwür im Glauben.
In dieser verlesenen Stelle haben wir gefunden, was Kennzeichen sind: ungöttliche, eitlen Geschwätze. Sie werden zu weiterer Gottlosigkeit fortschreiten. Das ist nicht Atheismus gemeint, und Gottlosigkeit meint hier im Grundtext Ehrfurchtslosigkeit vor Gott und seinem Wort. Und interessant: Es schreitet fort. Genauso wie der Gangrän oder der Krebs ist ja eine Krankheit in Entwicklung. Das ist nichts Statisches. Also wenn ungesunde Lehre hineinkommt in eine Gemeinde, dann bleibt sie nicht statisch, sondern sie entwickelt sich. Das hat sie in sich. Es gehört zum Wesen der Krankheitserreger, dass sie sich ausbreiten wollen.
Und da haben wir gesehen, bei diesem Beispiel Hymenäus und Philetus: Sie kehren den Glauben etlicher um. Also sie können auch den Glauben anderer effektiv zerstören, schädigen. Sie sagen, die Auferstehung sei schon geschehen. Das kann ich verstehen, oder? Kommt es darauf an? Wenn sie jetzt sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, wir wissen, dass sie nicht geschehen ist, aber was macht das schon? Ja, was ist da geschehen? Ich meine, wenn wir unseren Körper anschauen, dann wissen wir, dass er altert immer noch, er wird immer noch krank usw. Und wir wissen, es kommt einmal die Auferstehung. Das bringt die zukünftige Erlösung des Körpers nach Römer 8, die Erlösung des Leibes.
Jetzt sagen die: Die Auferstehung sei schon geschehen. Ja, möglicherweise haben sie die Auferstehung umgedeutet, also wörtliche Begriffe nur noch symbolisch aufgefasst. In der liberalen Theologie sagt man zum Beispiel auch: Jesus Christus ist auferstanden, er ist am dritten Tag wirklich auferstanden, körperlich auferstanden? Nein, er lebt weiter in unseren Gedanken. Da werden biblische Begriffe umgedeutet oder da werden Verheißungen, die in der Zukunft liegen, so dargestellt, als hätten wir sie schon heute.
Ja, wenn man zum Beispiel sagt, ein Gläubiger darf nicht mehr krank werden, denn Christus hat am Kreuz die Konsequenzen der Sünde getragen, dann nimmt man zum Beispiel auch etwas, was zukünftig ist, vorweg. Denn nach der Bibel können wir sehr wohl krank werden, auch ohne Sünde. Aber Paulus sagt, wir seufzen jetzt noch in unserem Leib, und wir warten auf die Erlösung des Leibes, Römer 8. Also wenn man sagen würde: Das haben wir bereits jetzt, dann wäre das eigentlich sehr vergleichbar mit: Die Auferstehung sei schon geschehen. Und Paulus sagt: Das kehrt den Glauben etlicher um.
Ein schwerer Lehrkonflikt und seine Klärung
Nun wollen wir noch ein anderes konkretes Beispiel anschauen: Apostelgeschichte 15. Ich habe bereits erklärt, dass es in Antiochien vor dem Konflikt zwischen Barnabas und Paulus schon einen Konflikt gab. Aber das hatten die in Jerusalem schon von Anfang an vorausgesehen.
In Antiochien gibt es also einen Konflikt. Nun ist er da, Apostelgeschichte 15,1: Und etliche kamen von Judäa herab und lehrten die Brüder. Sie kamen also von Judäa und gingen nach Nordsyrien: Wenn ihr nicht beschnitten worden seid nach der Weise Moses, so könnt ihr nicht errettet werden.
Das Problem kam nicht aus Antiochien, sondern es waren die Alteingesessenen, die das Problem nach Antiochien gebracht haben. Und zwar geht es hier um eine falsche Lehre. Sie sagten: Das Heil ist abhängig von der Beschneidung. Wenn ihr nicht beschnitten werdet, also gewissermassen ins Judentum eingepflanzt werdet, dann könnt ihr nicht gerettet werden.
Und wir wissen aus dem Galaterbrief, dass das ganz vehement bekämpft wird. Denn die Gemeinde, die Kirche, ist nicht eine jüdische Richtung, sondern sie ist im Ratschluss Gottes etwas völlig Neues. Man muss nicht Jude werden, um zur Gemeinde zu gehören. Man muss nicht Jude werden, um errettet zu werden.
Früher wurden Menschen Juden und begannen, den Gott Israels anzubeten. Zum Beispiel Rahab, die Hure Rahab von Jericho, die wurde Jüdin und lernte den Gott Israels persönlich kennen. Aber jetzt ist es ganz anders. Sie sagten aber, davon hängt das Heil ab.
Man kann es übrigens vergleichen mit der Lehre, die bereits etwa im zweiten Jahrhundert nach Christus entstanden ist: Wenn man nicht getauft ist, geht man verloren. So ist die Kindertaufe eingeführt worden, mit diesem Argument.
Nun, diese Frage wurde nicht offen gelassen. Ja, da können wir, die denken so, wir denken ein bisschen anders, aber wir verstehen uns schon gut, wenn wir einfach nicht darüber sprechen. Schauen wir nun die Konsequenz dieser falschen Lehre.
Vers 2: Als nun ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen ihnen und den Paulus und Barnabas, ordneten sie an, dass Paulus und Barnabas und etliche andere von ihnen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Streitfrage.
Sie gingen dann hinauf. Es kam zu einer grossen Zusammenkunft, wo diese Frage besprochen und dann geklärt wurde. In Vers 24 wird noch gesagt, dass diese falsche Lehre die Gläubigen in Antiochien beunruhigt und ihre Seelen verstört hatte.
Also können wir hier fünf Kennzeichen zusammentragen: Nach Vers 2 Zwiespalt, massive Diskussion, nicht geringer Wortwechsel und Streit; es ging ja um eine Streitfrage. In Vers 24: Beunruhigung, Verstörung.
Die Frage wurde nach Jerusalem gebracht. Die Apostel und die Ältesten dort haben zusammengesessen. Zuerst wurde sehr viel diskutiert. Als aber viel Wortwechsel entstanden war, stand Petrus auf und sprach zu ihnen. Petrus bringt einen Beitrag, dann Vers 12 Barnabas und Paulus tragen etwas bei, Vers 13 Jakobus, und in Vers 22 kommt es zu einer Erklärung.
Dann deuchte es den Aposteln und den Ältesten samt der ganzen Gemeinde gut, Männer aus sich zu erwählen und sie mit Paulus und Barnabas nach Antiochien zu senden. Mit der Antwort wird die Sache so umschrieben, Vers 28: Denn es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen, keine grössere Last auf euch zu legen als diese notwendigen Stücke.
Sie haben also die Sache besprochen. Offensichtlich kam da jeder, der wollte, zu Wort. Es gab einen massiven Wortwechsel. Man hat also nicht Maulkörbe aufgesetzt, man konnte sich ausdrücken. Aber dann haben wir Leute, die einer nach dem anderen ruhig die Dinge darlegen und biblisch argumentieren. Und am Schluss kamen sie, nicht nur die Ältesten und die Apostel, sondern die ganze Gemeinde, Vers 22, zu einem einstimmigen Beschluss: Es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen.
Die Folgen der richtigen, gesunden Lehre haben wir in Vers 31: Freude, Trost, Ermunterung, Stärkung, Frieden. Ist doch interessant: fünf gegen fünf Kennzeichen im gleichen Kapitel, gesunde Lehre, falsche Lehre, kranke Lehre. Im gleichen Kapitel ein Konflikt, der wird gelöst, ein Konflikt, der wird nicht gelöst.
Der erste Konflikt war ein Konflikt über die Lehre der Rettung, und da kann man nicht stehen lassen. Das muss biblisch, apostolisch, man muss auf die Apostel zurückgehen, gelöst werden. Hingegen in einer praktischen Frage der Missionierung, da kann es ganz deutliche Unterschiede geben, in guten Treuen. Und da muss man einfach einen Weg finden. Wenn es nicht zusammengeht, dann machen wir halt zwei Visionsgruppen, aber nicht eine Lösung durchdrücken, bis das Porzellan zerschlagen ist.
Aber das war nicht eine Sache, die irgendwie die Fundamente des Glaubens in Frage stellte, und darum konnte man die Sache stehen lassen. Aber die Lehre des Heils durfte nicht stehen gelassen werden. Sie wurde also in einer Besprechung biblisch gelöst, bis man wusste: Es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen. Und zwar wird die ganze Sache von der Bibel her begründet und wird so gelöst.
Gewichtung in der Schrift und die Frage der Sektiererei
Die ganze Bibel ist ja Gottes Wort. Wenn es nun im Verständnis Unterschiede gibt, ist nicht alles gleich schlimm. In Matthäus 5,19 spricht der Herr Jesus in der Bergpredigt und warnt vor denen, die die geringsten Gebote auflösen: „Wer irgendeines dieser geringsten Gebote auflöst und also die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel. Wer aber sie tut und lehrt, der wird groß heißen im Reich der Himmel.“
Es überrascht, dass der Herr von den geringsten Geboten spricht. Das bedeutet ja, dass es auch größere Gebote gibt. Der Herr Jesus macht also Unterschiede in der Gewichtung. Dasselbe sehen wir in Matthäus 23,23. Dort spricht er zu den Pharisäern: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Krauseminze und den Anis und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseitegelassen: das Gericht und die Barmherzigkeit und den Glauben. Dieses hättet ihr tun und jenes nicht lassen sollen.“ Er spricht von den wichtigeren Dingen des Gesetzes. Damit sagt er aber nicht, dass das, was weniger wichtig ist, einfach weggelassen werden darf.
Sie haben die Verzehntung sehr genau genommen, aber wesentliche Dinge wie Gerechtigkeit, gerechte Entscheide, also das Gericht, oder Barmherzigkeit und Glauben, die Beziehung zu Gott, die persönliche Beziehung zu Gott, das haben sie unter den Tisch gewischt. So macht der Herr also Unterschiede, und das zeigt uns, dass wir auch in der Gewichtung Unterschiede machen müssen. Man kann also nicht alle Aussagen der Bibel auf die gleiche Stufe stellen, und wir werden darauf noch deutlicher zu sprechen kommen.
Jetzt gehen wir zum Problem der Sektiererei, denn das ist ja eine Konsequenz aus der kranken Lehre. Das Wort Sekte oder Parteiung kommt vor in 1. Korinther 11,19: Parteiungen in Korinth in der Gemeinde. In Galater 5,20 werden unter den Werken des Fleisches, neben Hurerei usw., auch Sekten erwähnt, also Parteibildung. Das griechische Wort heißt Hairesis; daher kommt unser Wort Heresie, also Irrlehre. Das Wort Hairesis stammt von dem Verb haireo und bedeutet auswählen. Eine Sekte ist also die Auswahl aus der Fülle der Schrift. Man wählt sich Lieblingslehren aus und dann auch Lieblingsführer und Lieblingslehrer.
So werden die Sadduzäer innerhalb des Judentums als Hairesis, als Sekte, bezeichnet in Apostelgeschichte 5,17. Die andere Richtung, die Pharisäer, werden ebenfalls als Sekte bezeichnet, in Apostelgeschichte 15,5 und 26,5. Sie hatten also ihre Vorlieben für bestimmte Lehren, und sie hatten auch ihre Vorlieben für bestimmte Lehrer. So bildeten sie innerhalb von Israel Parteiungen.
Das Wort hat also in erster Linie die Bedeutung, bestimmte Lehren auszuwählen. Daraus bildet man eine Gruppe, die sich um diese Lehre schart, das heißt die Parteiung. Ein nächster Schritt ist dann: Man kann ja auch etwas Richtiges aus der Schrift auswählen, aber immer nur davon reden und alles andere weglassen. Das ist sektiererisch. Der nächste Schritt ist jedoch, dass man auch eine falsche Lehre wählen kann. In 2. Petrus 2,1 wird dieses Wort Hairesis gebraucht im Sinn von Irrlehre.
Wir sprechen ja normalerweise unter bibeltreuen Christen nicht von Sekten und Sektiererei, sondern diejenigen, die fundamentale Irrlehren haben, wie Zeugen Jehovas, Mormonen, christliche Wissenschaft usw., bezeichnen wir als Sekten. In der Sektenkunde lernt man die verschiedenen Systeme kennen. Aber das ist eigentlich nur der Sinn von 2. Petrus 2,1. Unter bibeltreuen Christen kann es sehr wohl Sektiererei geben, eben in diesem Sinn von Parteiung, indem man Lieblingslehren, ob sie nun richtig oder falsch sind, auswählt und eine Lieblingsgruppe bildet.
In Korinth gab es ja Parteiungen, wie gesagt, und das wird schon erwähnt in 1. Korinther 1,12 und 3,4. Paulus sagt, es gibt solche, die sagen: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber Christi.“ Vier verschiedene Richtungen in einer Gemeinde. Wie kamen die auf die verrückte Idee? Paulus war ja ein Korinther-Evangelist; durch ihn sind sie zum Glauben gekommen. Später kam Apollos, und der hat sie in der Lehre weitergeführt. Paulus hat gepflanzt, Apollos hat begossen. Und von Petrus wussten sie auch, dass er in Johannes 21 am Schluss einen besonderen Hirtendienst als Auftrag bekommen hatte.
Sie spielten verschiedene Gaben gegeneinander aus: Evangelist gegen Lehrer gegen Hirte. Können Sie das übertragen? Das Wichtigste ist Evangelisieren, und diejenigen, die dauernd Bibel studieren, das sind komische Leute. Den ganzen Tag vor der offenen Bibel, und dabei gehen doch Leute verloren. Ja, das ist ein gutes Argument, oder? Aber dann gibt es solche, die sagen: Ja nein, ohne die Lehre kommen wir nicht weiter. Dann werden wir in Kürze ein Opfer von allen möglichen Verführungen. Ich bin jetzt Apollos. Und dann sagen andere: Was soll das, theoretisches Zeug und so, und immer an die anderen denken? Wir haben so viele Gläubige, die Probleme haben, wir brauchen Hirten, wir brauchen Seelsorge.
Ja, aber die Wahrheit ist: Gott hat all diese Gaben gegeben. Und noch mehr darüber hinaus. Nicht damit wir sie gegeneinander ausspielen, sondern dass sie in ihrer Ergänzung zur Auswirkung kommen. Und die allerschlimmsten waren die vierte Gruppe: „Ich aber bin Christi.“ Das sind die, die sagen: Ich brauche keinen Bibelunterricht, ich brauche keine Evangelisten, wir brauchen keine Hirten, was wir brauchen, ist einfach Christus. Das stimmt doch, wir haben doch in Christus alles. Ja, aber Christus hat uns die verschiedenen Gaben in der Gemeinde gegeben, und wenn wir die Gaben verachten, verachten wir Christus. Das ist eine sehr hinterhältige Gruppe gewesen.
Verschiedene Gaben und Akzente werden gegeneinander ausgespielt, obwohl diese verschiedenen Gaben und Akzente von Gott herkommen, aber in der Ergänzung zur Auswirkung kommen sollen. Da muss man also unterscheiden. Wenn in einer Gemeinde Parteiungen entstehen, dann ist es kein Grund zum Davonlaufen, sondern man muss die biblische Einheit wieder zurückfinden. Und da gibt es nach Titus 3,10 eben Leute, die besonders darauf aus sind, solche Parteiungen in einer Gemeinde entstehen zu lassen. Titus 3,10: „Törichte Streitfragen aber und Geschlechtsregister und Zänkereien und Streitigkeiten über das Gesetz vermeide; denn sie sind unnütz und eitel. Einen sektierischen Menschen weise ab nach einer ein- und zweimaligen Zurechtweisung, da du weißt, dass ein solcher verkehrt ist und sündigt, indem er durch sich selbst verurteilt ist.“
Das ist wie beim Fußballspiel. Sektierer muss man behandeln wie Fußballspieler: zuerst die gelbe Karte, dann die rote, und weg ist er. Ganz einfach, aber in der Praxis so schwierig. Und man kann wirklich sagen: Viele Gemeinden hätten eine Spaltung verhindern können, wenn sie das biblische Prinzip in Bezug auf die Sektierer beachtet hätten, nicht in Bezug auf die, die so schnell beeinflusst worden sind oder so, sondern in Bezug auf die Sektierer: gelbe Karte, rote Karte und weg.
Und da wird auch in Römer 16,17-18 ganz speziell gewarnt vor solchen, die solche Spaltungen anrichten und mit ganz süßen Worten sprechen. So, das zum Thema Sektiererei.
Weitere Irrlehren: Evangelium, Christus, Moral und Schrift
Jetzt gehen wir zu Irrlehren, die im Neuen Testament erwähnt und bekämpft werden. Da haben wir bereits gefunden: die Lehre des Heils in Apostelgeschichte 15 und im Galaterbrief wird in Frage gestellt. Rettung durch Glauben allein. Der Mensch muss noch etwas beitragen. Und das ist nach 2. Korinther 11,4 ein anderes Evangelium. Das können wir nicht stehen lassen, das darf man nicht in gutem Treuen nebeneinander lassen.
Wir wissen ja, dass die Reformatoren damals als Sektierer und Spalter verschrien wurden. Sie hätten die Einheit der Kirche zerstört. Ja, also solchen Leuten hätte man gelbe Karte, rote Karte geben sollen. Aber warum haben die Reformatoren einen solchen Krach ausgelöst? Weil ein anderes Evangelium da war. Also die Lehre, dass Glauben plus die eigenen Werke zum Heil führen, durfte nicht stehen gelassen werden. Darum kann man die Reformatoren nicht als Sektierer abstempeln, und es ist ganz schlimm, wenn Evangelikale sich heute für diese Streitereien im sechzehnten Jahrhundert entschuldigen. Das ist wirklich ein Verrat am Evangelium. Die mussten so handeln, genau so wie der Galaterbrief einer der schärfsten Briefe im Neuen Testament ist. Der lässt das nicht offen.
Weiter die Lehre über Gott. Paulus warnt in 1. Timotheus 6,20-21 vor der fälschlich so genannten Erkenntnis, griechisch Gnosis, die den Glauben vieler zerstört hat. Die Gnosis war eine Richtung, eine Bewegung mit vielen Gesichtern im ersten Jahrhundert, und sie drang in verschiedene Gemeinden ein. Gnosis heißt Wissen. Man sagte: Wenn jemand gläubig ist, ist das gut, aber das ist erst eine Stufe. Man muss auch eine höhere geistliche Stufe erreichen. Gläubig sein ist gut, aber es braucht eine weitere Stufe. Und sie betonten also die Erkenntnis, das Wissen, aber nicht ein intellektuelles Wissen. Die Gnosis war nicht intellektuell, sondern sehr stark mystisch. Also unterschied man die Gläubigen in verschiedenen Stufen.
Und diese Lehre sagte auch, die Materie sei schlecht. Materie ist etwas Negatives, aber der Geist, das Geistige, das ist gut. Und daraus ist dann auch der Schluss gezogen worden, Jesus sei nicht ein wirklicher Mensch gewesen. Denn sonst hätte er ja einen Körper angenommen, der Materie wäre, und Materie ist schlecht. Also habe er nur einen Scheinleib angenommen. Damit haben sie die Menschwerdung Christi geleugnet. Der erste Johannesbrief, der zweite auch, und das Johannesevangelium sind Kampfschriften gegen die Gnosis. Übrigens kann man sagen, dass ein großer Teil der neutestamentlichen Briefe Kampfschriften sind. Das ist doch interessant, gerade wenn manchmal gesagt wird: Was soll man sich da mit falschen Lehren und so und Unterschieden auseinandersetzen, die Liebe deckt alles zu. Aber das neutestamentliche Christentum hat uns da, wo es wirklich fundamentale Dinge sind, mit Kampfschriften versorgt.
Und das schöne Johannesevangelium, wenn man es so liest, klingt nicht polemisch. Da wird uns wirklich die Größe und Herrlichkeit des Sohnes Gottes vorgestellt. Es ist nicht diese bösartige Polemik, sondern hier wird positiv der Reichtum des Glaubens in Christus vorgestellt, und gleichzeitig wird das Falsche widerlegt. Aber es dreht sich nicht dauernd um den Kampf, und trotzdem sind es Kampfschriften. Also da wurde die Menschwerdung Christi geleugnet. 1. Johannes 4,1 erklärt: Jeder Geist, der leugnet, dass Jesus im Fleisch gekommen ist, das ist ein falscher Geist, der Geist des Antichristen. Dann 1. Johannes 2,22 wird erklärt, dass Antichristen diejenigen sind, die den Vater und den Sohn leugnen. Also wenn die Gottessohnschaft Christi geleugnet wird, dann handelt es sich um eine antichristliche Lehre.
Und in 2. Johannes 7 warnt Johannes eine Frau, denn viele Verführer sind in die Welt ausgegangen, die nicht Jesus Christus im Fleisch kommend bekennen. In 1. Johannes 4,1 und folgende heißt es, sie bekennen nicht, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist ein erstes Kommen. Hier: Sie bekennen nicht, Jesus Christus im Fleisch kommend. Das ist im Griechischen oft eine sichere Zukunft. Sie bekennen also nicht, dass Jesus Christus als Mensch wiederkommt. Und das gehört zu fundamentalen Irrlehren.
Dann wird gesagt, diese Irrlehrer halten nicht fest an der Lehre über Christus. Vers 9: Jeder, der weitergeht und nicht bleibt in der Lehre des Christus, hat Gott nicht. Wer in der Lehre bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn. Die Irrlehren haben sich entwickelt, gehen immer weiter. Aber biblisches Christentum, obwohl wir auf einem Weg sind, bleibt in der biblischen Lehre dasselbe. Das bleibt.
Und da wird gesagt, die Lehre des Christus, das bedeutet, wie in der Fußnote erklärt wird: die Lehre über Christus. Wer ist Jesus Christus? Er ist Gott, er ist Gottes Sohn. Damit hängt die ganze Dreieinigkeitslehre zusammen. Und nirgends wird eine solche Lehre so scharf verurteilt wie im zweiten Johannesbrief. Vers 10 kann man lesen. Das ist die schlimmste Art von falscher Lehre, wenn Gott, Gottes Wesen, die Person Christi angegriffen wird. Hier handelt es sich nach 2. Korinther 11,4 um einen anderen Jesus, der verkündigt wird. Hier gibt es keine Kompromisse.
Dann kurz noch, wir sind am Schluss, die Lehre über Ethik und Moral. 1. Korinther 5 erzählt von einem Fall in der Gemeinde Korinth. Da hat jemand außerehelichen Geschlechtsverkehr begangen, und Paulus sagt: Wenn das geschehen ist, muss die Gemeinde durch Gemeindezucht eingreifen. Man kann sie also nicht einfach so stehen lassen: Das ist dem seine Sache, das geht die Gemeinde nichts an. Er sagt, man müsse handeln, er müsse ausgeschlossen werden, bis er zur Buße kommt. Und da erwähnt er auch noch weitere Dinge wie: neben außerehelichem Geschlechtsverkehr gehört auch Homosexualität natürlich dazu, Habsucht, also wenn einer zum Beispiel mit trügerischem Konkurs macht, das ist ein Ausdruck von Habsucht, Raub in einem Banküberfall, Alkoholismus und Götzendienst. Wir sehen das hier als ganz schwere moralische Verfehlungen. Da geht es nicht um irgendetwas, sondern um ganz schwere Dinge. Da muss die Gemeinde eingreifen.
Nach Judas 4 und 2. Petrus 2 gab es auch schon damals Irrlehrer, die die Gnade Gottes in Freizügigkeit verkehrt und die Autorität Christi geleugnet haben. In 1. Korinther 10,14-16, das ist ein Schreibfehler, wird zum Beispiel verboten, dass Gläubige Gemeinschaft mit Dämonen haben. Das heißt also: Wenn okkulte, esoterische Dinge in die Gemeinde hineingebracht werden, sind das Dinge, die ausdrücklich verboten sind. In 2. Korinther 11,4 spricht Paulus von der Möglichkeit, dass die Korinther einen anderen Geist empfangen, einen falschen Geist. Das wird zusammen erwähnt mit: ein anderer Jesus, ein anderes Evangelium.
Der Kolosserbrief ist die Widerlegung einer mystisch-asketischen Vervollkommnungslehre, vermischt mit jüdischer Gesetzlichkeit. In all diesen Fragen wird kein Kompromiss möglich gemacht.
Dann komme ich noch zum zweitletzten Punkt, die Lehre über die Heilige Schrift. Paulus erklärt in 2. Timotheus 3,14-16: „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was du von Kind auf gelernt hast in der Heiligen Schrift.“ Und er erklärt in Vers 16: Alle Schrift ist von Gott inspiriert. Das sagt er in einem Kapitel, das über die Endzeit spricht, 3,1. Die Schrift hat also vorausgesehen, dass gerade in der Endzeit die Inspiration der Bibel massiv in Frage gestellt wird. Und das ist tatsächlich im zwanzigsten Jahrhundert so gekommen. Zuerst ist das in die großen Kirchen eingedrungen, und seit einigen Jahrzehnten kommt das auch in die evangelikalen Kirchen hinein, dass also die volle Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel in Frage gestellt wird.
Aber da sehen wir eine ganz klare Aufforderung: „Du aber bleibe!“ Und das ist in Übereinstimmung mit 1. Johannes 2,24: „Ihr, was ihr von Anfang gehört habt, bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang gehört habt, so werdet auch ihr in dem Sohn und in dem Vater bleiben.“ Wir sind zwar auf dem Weg, und wir sind nicht mehr gleich gekleidet wie die Christen im ersten Jahrhundert. Wir haben nicht mehr den gleichen Lebensstil wie die Christen im ersten Jahrhundert, aber auch nicht denselben wie im fünften Jahrhundert. Auch nicht denselben wie im sechzehnten Jahrhundert, in der Reformation. Natürlich, wir ändern uns kulturell. Wir sind keine Exoten, oder sollten es nicht sein. Aber das biblische Fundament bleibt immer dasselbe, ob im ersten oder im einundzwanzigsten Jahrhundert.
Wenn das in euch bleibt, was von Anfang war, das ist die Lehre der Apostel. Die ersten Christen, Apostelgeschichte 2,42, verharrten in der Lehre der Apostel. Und Johannes sagt in 2. Johannes 9: Wer weitergeht und nicht bleibt in der Lehre des Christus, hat Gott nicht. Also da, wo wir über die Bibel hinausgehen.
Einheit, Absonderung und der tägliche Weg mit dem Herrn
Und so sehen wir: Das bringt uns in ein Spannungsfeld zwischen Einheit und Absonderung.
In Johannes 17,21 hat der Herr Jesus gebetet, dass sie alle eins seien. Die katholische Kirche hat diesem Vers sehr viel Bedeutung beigemessen, unter dem Gedanken Ut unum sint, dass sie alle eins seien. Darum sollen all die verstreuten Brüder und Schwestern zurückkommen zur Einheit.
Nach 1. Korinther 12,13 wissen wir: Wir sind ja alle zu einem Leib zusammengefügt worden. Epheser 4,3 spricht davon, dass wir die Einheit des Geistes bewahren sollen.
Aber auf der anderen Seite spricht Paulus in 2. Korinther 6,14-17 von der Absonderung von Ungläubigen, die Mitglieder der Gemeinde sind. Die Gemeinde ist nicht eine Mischung aus Gläubigen und Ungläubigen. Die Ungläubigen kommen natürlich in die Predigt und so, natürlich, aber sie gehören nicht eigentlich zur Gemeinde.
2. Timotheus 2,21 spricht vom Sich-Wegräumen von Irrlehren, wie Hymenäus und Philetus, die ihren Glauben zerstören. Hebräer 13,13 sagt den jüdischen Christen: Jetzt müsst ihr euch vom jüdischen System, vom Lager, absondern. Christus ist dort verworfen worden, und da, wo er verworfen ist, da können wir nicht mehr bleiben. Geht zu ihm hinaus; er hat außerhalb des Tores von Jerusalem gelitten.
Und in Offenbarung 18,4 wird von dieser endzeitlichen Verführung durch Babylon gesprochen. Da heißt es ausdrücklich: Und ich hörte eine andere Stimme aus dem Himmel sagen: Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet! Ganz klar: Babylon muss verlassen werden.
So sind wir in einem Spannungsfeld zwischen Einheit und Absonderung. Und wir müssen unterscheiden zwischen dem, was die Bibel wirklich als fundamental falsch betrachtet, und dem, was eben Dinge sind, die wir tragen müssen. Sie sind gerade ein Zeugnis dafür, dass wir mit Unterschieden umgehen können, in gegenseitiger Liebe und Achtung. Daran werden sie erkennen, dass ihr meine Jünger seid.
So sehen wir also: Die Frage ist eine dauernde Frage, jeden Tag neu. Wir sind ja auf dem Weg, also wir sind dynamisch, nicht statisch. Die biblische Lehre bleibt dieselbe, aber wir sind persönlich in der Gefahr, rechtslastig, linkslastig zu werden oder sogar wegzugehen. Als Gemeinde sind wir in der Gefahr, uns so zu bewegen. Und wir sind in diesem Spannungsfeld: Wir haben den Aufruf zur Einheit, und wir haben auch den Aufruf, bei den fundamentalen Dingen eben abzuschneiden.
Das macht diese Sache eben schwierig. Aber es geht darum, dass wir jeden Tag mit dem Herrn leben. Wenn wir ein endgültiges Rezept hätten, dann müssten wir nicht mehr mit ihm leben. Aber er hat uns das nicht gegeben, damit wir mit ihm leben müssen und jede Einzelfrage in Ruhe vor dem Herrn Klarheit bekommen müssen.
Ja, jetzt kommst du dran.
Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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