Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt! Amen!
Wir hatten uns vorgenommen, in diesem Sommer ein Stück aus der Apostelgeschichte zu besprechen. Dabei hörten wir, wie Paulus nach Europa kommt.
In Apostelgeschichte 16,12 steht: „Und wir kamen gen Neapolis und von dannen gen Philippi.“ Philippi ist die Hauptstadt des Landes Mazedonien und eine Freistadt.
Wir blieben in dieser Stadt einige Tage.
Herr, heilige uns in deiner Wahrheit, denn dein Wort ist die Wahrheit. Amen!
Die Bedeutung eines scheinbar unscheinbaren Moments
Ich nehme es niemandem übel, wenn er denkt: „Das ist doch kein richtiger Text. Was soll hier für eine Predigt kommen? Pastor Busch, bist du verrückt? Es gibt doch so schöne Worte: ‚Der Herr ist mein Hirte‘, nicht? Oder: ‚Der dir all deine Sünde vergibt‘. Warum predigst du über diesen Text?“
Ich hoffe, ich kann Ihnen durch unseren Text eine bessere Meinung vermitteln. Der Dichter Stefan Zweig hat einmal den Ausdruck „Sternstunden der Menschheit“ als Titel eines Buches geprägt. Ich glaube, die wahren Sternstunden der Menschheit sind jene, bei denen ein scheinbar unscheinbarer Vorgang der Weltgeschichte einen Impuls gibt, der die Welt in eine bessere Richtung lenkt.
Heute möchte ich auf so einen Vorgang warten. Nein, genauer gesagt, es geht um einen scheinbar unscheinbaren Vorgang der Weltgeschichte, der einen so starken Impuls gibt, dass sie in eine neue und bessere Richtung kommt. Und genau von so etwas ist hier die Rede.
Unterschätzen Sie unseren Text nicht! Paulus bringt das Evangelium von der freien Gnade Gottes für Sünder in unseren Erdteil. Dieses Evangelium hat erst unseren Erdteil zu dem gemacht, was wir unter Europa verstehen – oder besser gesagt, was Europa sein sollte. Ja, ich möchte darunter verstehen, was es sein sollte.
Darüber habe ich in den letzten Sonntagen viel gesprochen. Es lohnt sich auf jeden Fall, den Apostel Paulus bei diesen ersten Schritten in Europa zu begleiten. Und genau das wollen wir heute Morgen tun – über Schrift, über Text und über Predigt.
Die erste Station: Neapolis – Ankunft und Aufbruch
Wir begleiten Paulus auf seiner Reise, die drei Stationen umfasst. Die erste Station ist Neapolis. Dort landet sein Schiff, das aus Kleinasien kommt. Neapolis ist eine kleine Hafenstadt an der mazedonischen Küste.
Ich glaube, Paulus war kein gefühlloser Mann. Er war sehr bewegt und voller Spannung, als er das Schiff verließ und in Neapolis an Land ging. Er betrat einen neuen Erdteil – damals eine große Sache. Was er vor sich sah, kann ich zwar nicht aus eigener Erfahrung berichten, aber ich habe es mir genau beschreiben lassen. Vor ihm erstreckten sich riesige Gebirge, die kaum Platz am Strand für die kleine Hafenstadt Neapolis ließen.
Nun wusste Paulus: Über diese Gebirge muss ich. Hinter diesen Gebirgen liegt die große Aufgabe. Wir wollen Paulus auf seinem Weg begleiten. Ich habe mir vorgestellt, ich wäre ein Reporter, ein Journalist. Ich hätte gehört, dass Paulus hier ankommt. Besonders findig – denn alle anderen haben es gar nicht kapiert – habe ich begriffen, was das bedeutet. Also finde ich mich dort ein, als Paulus vom Schiff kommt, und hänge mich an seine Fersen, um ihn zu begleiten.
Da stellt sich natürlich die erste Frage, die ein Journalist hat: Paulus – damals sagte man sich „du“ zueinander, was sehr nett war – Paulus, du kommst nun hier nach Europa. Als was kommst du? Kommst du als Tourist? Als Reisender auf Spesen? Oder als Tourist auf Spesen? Das gibt es heute auch nicht mehr. Was es nicht gibt, gibt es nicht.
Paulus antwortet: „Ich komme als Apostel. Das ist mein Titel, den mir Gott verliehen hat, nicht eine Behörde. Apostel heißt nur Bote. Ich komme als Bote, aber des größten Herrn, des Herrn Jesus Christus. Ich komme als Bote an alle Länder, Kontinente und alle Zeiten.“
Er, der Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, der Mensch wurde – Wunder aller Wunder – der für die Sünden der Welt am Kreuz hing, der die Tür zum Leben ist, der auferstanden ist von den Toten und erhöht ist über alles: Dieser Herr Jesus Christus hat mich ausgesandt, allen zu sagen: „Wendet euch zu mir, alle Welt! So werdet ihr errettet!“
Ich bin Bote für diese Botschaft. „Wendet euch zu mir“, sagt Jesus, „alle Welt! So werdet ihr errettet.“ Und dann fügt Paulus hinzu: „Und wenn mein Mund mal verstummt“ – er sieht wohl im Geist, dass er mal irgendwo in diesem Europa einen Märtyrertod sterben wird, das steht am Ende, nicht? – „Wenn mein Mund mal verstummt, dann darf diese Botschaft nicht verstummen.“
An alle Welt: „Wendet euch zu mir, alle Welt! So werdet ihr errettet.“
Ich möchte jetzt den Jungen in Melsen sagen: Habt ihr euch in Vergalerien, in Alt und Jung, schon wirklich zu Jesus gewandt? Wisst ihr, was Errettung heißt? Dann schweigt still, wenn vom Christentum die Rede ist.
Paulus als Bote, Streiter und Sämann
So sagt der Reporter zu Paulus: „Ein Bote bist du also nur ein wenig.“
Ja, sagt Paulus, „ich bin noch mehr, ich bin noch mehr.“
„Was bist du denn sonst noch?“ fragt der Reporter.
Dann nehme ich meinen Stenogrammblock und schreibe auf, was Paulus mir sagt:
„Ich bin Streiter, Kämpfer, weißt du. Der Teufel hat sich einmal vor der Sohle Gottes gerühmt, es sei ihm alles übergeben. Wenn ich die Welt ansehe, glaube ich ihm das. Und Jesus hat es ihm nicht bestritten. Aber“, sagt Paulus, „nun bin ich ein Streiter und will dem Teufel landstreitig machen im Namen Jesu, der die Welt versöhnt hat.“
Und jede Predigt, meine Freunde, ist nicht einfach eine schlichte Kulthandlung. Sie ist nicht mehr und nicht weniger, als dass man dem Teufel landstreitig machen will. Paulus sagt es so: „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Herren der Welt, die in der finsteren Welt herrschen, mit den bösen Geistern im Himmel.“
So sage ich: Das ist eine große Sache. „Paulus, bist du noch etwas?“
„Ja“, sagt er, „ich bin noch mehr. Ich bin ein Sähmann, ich bin ein stiller Sähmann, der den Samen des Evangeliums, diesen lebendigen Samen des Evangeliums, auf den Acker der Herzen streuen will.“
Er sagt, Paulus: „Ich mache mir keine Illusionen. Das hat mein Herr schon gesagt, dass viel von diesem lebendigen Samen des Evangeliums auf harten Boden fallen wird, wo nichts aufgeht. Wenn ich hier ein Weizenkorn hinlege, geht nichts auf. Es gibt Herzen, die sind härter als dieses Pult hier. Das weiß ich“, sagt Paulus, „und ich weiß es auch. Das gehört zum Schweren des Predigtamts.“
„Ich bin nicht Apostel, es gibt einmalige Apostel. Wir sind Prediger, aber wir haben seine Botschaft weiterzutragen. Das gehört zum Schweren, zu sehen, dass Herzen hart sein können. Am härtesten sind nicht die bösen Sünder und Mörder, sondern die Selbstgerechten, die kein Heil annehmen, die in sich selber gerecht und gut sein wollen.“
„Ich weiß“, sagt Paulus, „es wird viel Same fallen, auch Eckart. Oh, die Sorgen der Welt und die Gier nach Geld und die Lüste der Welt – alles erstickt!“
„Ich weiß es wohl, und das weiß ich auch, bin ich Paulus, aber ich weiß, wie das Evangelium in Herzen aufgehen kann. Und dann auf einmal kommt die Welt und erstickt alles. Aber“, sagt Paulus, „der Herr wird auch guten Herzens Acker geben, wo der Samen des Evangeliums hinfällt und Frucht bringt. Ich will säen hier, ich will säen! Ich will nach der Regel handeln: ‚Streut euren Samen aus, dann lasst Gott sorgen, er lässt ihn wachsen fein zum Erntemorgen.‘“
Der beschwerliche Weg und die innere Haltung des Paulus
Und so zieht Paulus nun aus Neapolis hinaus in dieses wilde Gebirge. Wir begleiten Paulus, liebe Freunde. Wir haben das Flugzeug der Gedanken, wir fliegen über das Gebirge und erwarten jemanden am anderen Ende, nicht wahr? Wir lassen diesen Mann, diesen merkwürdigen Mann – Seemann, Streiter, Bote, Briefträger, Kriegsheld, aber nicht stiller Ackersmann – mit seinen Freunden in das Gebirge hineinlaufen.
Der Apostel Paulus hat später im 2. Korintherbrief von den vielen Gefahren erzählt, die er erlebt hat. Er spricht dort von Gefahren durch Flüsse, von Räubern, von Hunger und Durst sowie von Blöße und Kälte. „In Blöße und Kälte“, so heißt es im 2. Korintherbrief. Ich bin überzeugt, dass er bei der Durchquerung dieses mazedonischen Gebirges – heute gibt es dort nur eine sehr schlechte Passstraße, wie man mir sagte – einiges von dem erlebt hat, was er hier aufzählt: Gefahren durch Flüsse, durch Räuber, Hunger und Durst, Blöße und Kälte.
Aber er lässt sich nicht aufhalten. Er gibt nicht auf. Ich glaube, wir wären unterwegs umgekehrt und hätten gesagt: Das ist zu schwierig. Doch Paulus lässt sich nicht aufhalten. Warum? Weil er außer Sämann, Bote und Streiter noch etwas anderes ist, das er uns jetzt nicht direkt gesagt hat. Er ist außerdem Sklave Jesu Christi, so nennt er sich in seinen Briefen. „Ich gehöre nicht mehr mir, ich bin durch Jesus erkauft mit seinem Blut.“
Wenn in Ihrem Herzen das Licht über dem Christenstand aufgegangen ist, dann haben Sie das begriffen: Jesus hat mich erkauft, hat das Lösegeld für mich bezahlt, den letzten Tropfen Blut. Nun muss ich sein Eigen sein und will es auch sein. Ohne eine bewusste Entscheidung geht das nicht. Paulus ist klar für Jesus Christus. Ich hätte es beinahe so ausgedrückt: Marionette Gottes. Was das bedeutet, meine Freunde – und wir sollten es ja auch sein, nicht? – das möchte ich Ihnen bewusst und ungeschickt klar machen.
In totalitären Staaten, die wir erlebt haben und die es noch gibt, trifft man ganz eigentümliche Menschen. Sie haben sich vollständig aufgegeben und denken, reden und handeln nur noch so, wie der Staat es will. Sie sind Maschinen der Ideologie. Wissen Sie, wenn ich diese Prozesse mit den Esten und Juden erlebt habe, die erschossen wurden, dann musste ich meine Pflicht tun. Da war kein eigenes Denken mehr, kein Gewissen, nur: Ich musste meine Pflichten erfüllen. Der Staat wollte das. Nicht so, verstehen Sie? Unheimlich.
Das ist eine grauenvolle Sache: Dass es immer mehr Menschen gibt, die sich aufgeben. Gibt es das nicht auch heute? Bei uns darf ich nur sagen: Wir haben samstags viele Stunden, in denen Jungs gern da sind, aber ein Drittel war gestern nicht da, weil Fußballspiel war. Verstehen Sie, wie wir langsam durch die Massenmedien gekapert werden?
Aber jetzt mache ich weiter. Diese dämonische Entachtung kann uns klar machen, was ein richtiger Christenstand ist. Paulus hat sich dem Herrn Jesus zugewandt. Das heißt: Jetzt ist er von sich selbst losgelöst, und Jesus, der Herr, hat in ihm Wohnung genommen – so sagt er selbst: „Ich will in ihm Wohnung nehmen.“ Nun ist sein Denken, Reden, Wollen und Tun von Jesus regiert und erfüllt.
Nun können Sie sagen: Man vergleicht das mit diesen schrecklichen Dingen totalitärer Staaten. Das sage ich, damit Sie es verstehen. Im Grunde ist es aber völlig anders, denn Jesus ist Erlöser und Heiland. Wenn er mich ganz erfüllt, ist das das Beste, was mir geschehen kann. Davon sind wir noch weit entfernt, ja, Sklaven Jesu Christi zu sein. Aber sehen Sie, das müssen wir wollen.
Die zweite Station: Die Ebene bei Philippi – Geistliche Schlacht und historische Reflexion
Nun muss ich zur zweiten Station kommen. Wir begleiten Paulus; wir sahen ihn in Neapolis abmarschieren, und nun erreichen wir die zweite Station: die Ebene bei Philippi.
Ganz richtig, manche haben Shakespeare im Kopf, wenn sie Philippi hören. Wir sehen uns hier wieder, denn genau dieses Philippi ist gemeint – und die Geschichte, die damit verbunden ist. Die Ebene bei Philippi liegt vor uns. Paulus ist durch das Gebirge durchgedrungen, und nun breitet sich eine große Ebene aus, durchzogen von Wasserläufen, sehr fruchtbar. Am Horizont erheben sich hohe Berge, und zu Recht sieht man die grauen Mauern und Türme einer stark befestigten Stadt: Philippi.
Wir wandern mit Paulus in diese Ebene hinein. Da Paulus ein hochgebildeter Mann war, weiß er, dass er hier über blutgetränkten Boden geht. In der Ebene bei Philippi fand eine der grausamsten Schlachten der Antike statt, 42 vor Christus. Ich hoffe, die Jüngeren kennen die Schlacht bei Philippi. Sie ebnete dem Römer Octavian den Weg zum Kaiserthron. Als er der erste römische Kaiser wurde, nannte er sich nicht mehr Octavian, sondern Augustus, der Erhabene, der Gott.
Dieser Augustus kommt auch in der Weihnachtsgeschichte vor. Deshalb könnte Paulus gewusst haben, wer Augustus war. Hier, auf dieser Ebene, fand die entscheidende Schlacht statt, die wir mit Paulus jetzt durchschreiten.
Ich bin überzeugt, dass Paulus über diese Ebene der Schlacht von Philippi sehr nachdenklich ging. Er dachte daran, dass hier eine entscheidende Schlacht geschlagen wurde. Nun kommt er nach Europa und will selbst eine Schlacht schlagen – eine Durchbruchsschlacht, eine geistliche Schlacht. Der Feldherr in dieser Schlacht heißt Jesus Christus, der auferstandene Herr.
Ich möchte als guter Reporter versuchen, die Gedanken nachzuvollziehen, die Paulus beim Durchschreiten der Ebene bewegten. Ich glaube, Paulus war zuerst einfach erschüttert, wie ähnlich die Ereignisse damals und jetzt waren. Als Octavian Augustus die entscheidende Schlacht bei Philippi schlug, sah es anfangs schrecklich nach Niederlage und Untergang aus. Am ersten Tag der Schlacht wurde er besiegt, sein Lager geplündert, und es schien, als sei es mit Octavian endgültig vorbei.
Doch am dritten Tag standen seine Soldaten auf. Es waren alte caesarsche Legionäre, erfahrene Kämpfer aus vielen Schlachten. Sie warfen ihre Speere weg, nahmen die Schwerter zur Hand und kämpften erbittert weiter. Es war grausames Morden, aber sie errangen den Sieg. Das war der Schritt für Augustus zum Weltherrscher.
Paulus dachte sicher: War es bei meinem Herrn nicht ganz ähnlich? Bei Jesus sah es doch auch nach Untergang und Niederlage aus, als er am Kreuz hing und rief: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Alle waren geflohen. Doch am dritten Tag – wie merkwürdig – stand er von den Toten auf. Jetzt kann er sagen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“
Ich müsste mich sehr täuschen, wenn Paulus solche Gedanken nicht gekommen wären. Und wenn nicht ihm, dann kommen sie mir und Ihnen. Erlauben Sie mir, dass ich hier weitermache.
Ich bin überzeugt, Paulus schüttelte diese Gedanken ab: Was für dummes Zeug, dass ich Augustus und meinen Heiland vergleiche! Es ist ja völlig anders bei beiden. Augustus ließ seine Soldaten für sich bluten. Jesus aber hat für sein Volk geblutet und sich töten lassen.
Das ist der Unterschied zwischen allen Ideologien und Welterlösern: Sie lassen Völker für sich verbluten. Jesus aber hat für sein Volk sein Leben gegeben und sein Blut vergossen. Die Kinder Gottes leben heute davon, dass Jesu Blut für sie geflossen ist und sie von aller Sünde reinigt.
Und was wollte Augustus? Wofür kämpfte er? Für seine Macht, für seinen Einfluss. Jesus hingegen kämpft um Menschen, nicht um Macht, sondern um Menschen.
Haben Sie schon gespürt, wie Jesus um Ihre Seele ringt? Er will Menschen, um sie zu erretten – von Schuld, von sich selbst, von der vergänglichen Welt, vom Tod, von der Hölle, vom Teufel. Jesus sucht Menschen, um sie wirklich zu retten.
Augustus kämpfte um seine Macht, Jesus kämpfte um unser Heil.
Ich sehe Paulus über die blutgetränkte Ebene von Philippi schreiten. Weil Augustus und Jesus schon in der Weihnachtsgeschichte so merkwürdig zusammengekoppelt sind, hat ihn dieser Gedanke bestimmt bewegt.
Ja, ich bin überzeugt, dass ihn noch manches mehr im Blick auf Augustus beschäftigt hat. Wir haben eine Münze gefunden, auf der dieser Kaiser Augustus abgebildet ist. Allerdings war diese Münze erst später geprägt, mit seinem Pflegevater Julius Caesar zusammen. Darauf steht: „Caesar Gott Theos“ und „Octavian Augustus Gottessohn“. So hat er sich nennen lassen: der Augustus, Gottessohn.
Er nannte sich Kyrios, das heißt Herr. Auf einem Stein bei Briene steht, dass dieser Kaiser Augustus, Gottes Sohn und Heiland, Herr war.
Als Paulus über die Ebene bei Philippi ging, war dieser Kaiser Augustus längst gestorben und vergessen. Schreckliche Nachfolger hatten sich seines Thrones bemächtigt.
Man kann sich vorstellen, wie Paulus das Herz weit wurde. Nun kam er, der schlichte Bote, der Sämann, und verkündigte den wirklichen Sohn Gottes – nicht von unten, sondern von oben gekommen, aus der Dimension Gottes.
Jetzt verkündigte er den wahren Soter, den Heiland, der immer lebt, der nicht eines Tages im Grab bleibt, sondern immer lebt und immer errettet.
Er verkündigte den wahren Kyrios, den Herrn, solange das nicht begriffen wird, sind die Menschen verlorene, arme Leute, solange Jesus nicht Herr ihres Lebens geworden ist.
„Ich komme und verkündige den wahren Heiland der Welt.“
Ah, wir hätten Paulus diese Gedanken nicht nehmen dürfen, als er über die Ebene bei Philippi ging.
Lassen Sie mich noch kurz ein drittes sagen.
Die dritte Station: Philippi – Begegnung mit der römischen Welt und das Warten auf Gottes Führung
Die dritte Station, Neapolis, die Ebene Philippi, ist Philippi selbst. Wir haben dort einige Tage verweilt. Begleiten Sie uns weiter und werden Sie nicht müde. Paulus musste marschieren, während Sie bequem auf einem Stuhl sitzen, nicht wahr? Für Paulus war es wahrscheinlich viel heißer als hier in diesem Raum, in der Ebene. Also bleiben Sie geduldig und gehen Sie mit uns ganz hinein nach Philippi.
Drittens: Philippi. Philippi war eine Freistadt. Ich weiß nicht, wie der gute alte Luther auf die Idee kam, den griechischen Begriff hier mit „Freistadt“ zu übersetzen. Im Griechischen steht dort „Kolonia“, was eine Kolonie bedeutet. Manche verbinden mit dem Wort „Kolonie“ vielleicht sofort negative Vorstellungen, aber die Sache ist einfach: Die Römer beherrschten damals das gesamte Abendland und gründeten hier eine römische Siedlung, eine sehr befestigte Stadt, einen römischen Stützpunkt – eine Kolonie.
Ich sehe Paulus vor mir, wie er mit seinen Freunden, dem Arzt Lukas und anderen, durch die engen Gassen dieser befestigten Stadt geht. Er erlebt eine ganz neue Welt. Mit Römern hatte er bisher kaum zu tun gehabt, aber hier begegnet ihm förmlich die Weltherrschaft. Überall spricht man von der Macht des Imperium Romanum.
Meine Freunde, Paulus konnte damals nicht ahnen, dass sein Evangelium eines Tages mit dieser römischen Macht einen Bund eingehen würde. Für mich ist das das schlimmste Bündnis der Weltgeschichte: das Evangelium und das römische Imperium. Daraus entstand eine Machtkirche. Ich möchte Ihnen, da unser Weg weitergeht, mit aller Deutlichkeit sagen: Lassen Sie sich nicht verführen! Evangelium von Jesus und Macht sind wie Feuer und Wasser. Es graust mich, wie heute alle Kirchen an Macht gewinnen, aber an Vollmacht verlieren.
Im Evangelium geht es um Dienen, nicht um Herrschen. Jesus ist gekommen, um uns zu dienen, und er will uns freimachen, anderen zu dienen. Nicht ewig nur um sich selbst kreisen, sondern anderen zu dienen. Doch davon wusste Paulus damals noch nichts. Welche schrecklichen Wege die Kirche Jesu Christi noch gehen würde!
Paulus geht durch die Straßen und engen Gassen dieser befestigten Stadt und sucht etwas. Wissen Sie, was er sucht? Er sucht ein paar Leute aus Israel. Wenn Sie die Apostelgeschichte lesen, werden Sie sehen, dass Paulus immer zuerst in der Synagoge predigte. Israel war der erste Berufene, dort kannte man Gott, dort gab es einen Anknüpfungspunkt, von dem aus er starten konnte.
Doch in Philippi findet er das, was er bisher überall gefunden hat, nicht: keine Synagoge, keine jüdische Gemeinde, keinen aus Israel. Es müssen welche da sein, aber wo sind sie? Er muss warten. Wir haben dort etliche Tage verbracht und gewartet.
Die Führung Gottes, die ihn bisher von Neapolis bis hierher geleitet hat, setzt plötzlich aus. Wenn der Strom ausfällt, gibt es nichts anderes, als zu warten. Warten fällt uns allen schwer. Es gibt Phlegmatiker, die es leichter können, aber ich selbst kann es sehr schlecht – und Sie vermutlich auch nicht besser. Paulus konnte es bestimmt auch nicht.
Er wollte Europa erobern, doch Gott setzte ihn dort hin, ohne dass er gleich loslegen konnte. Wie geht Gott mit seinen Leuten um? Wenn wir Gottes Kinder sind, wissen wir, wie Gott uns im entscheidenden Augenblick alles nimmt, was wir uns gedacht haben. Wir sind dann ganz arme Leute, Bettler.
Ich bin überzeugt, dass Paulus in diesen Tagen zum Kreuz seines Heilandes getrieben wurde – an den Ort, wo das Herz still wird, wo man sein Ich mit ihm sterben lässt und alle Wünsche aufgibt. Dort wird man froh, dass man als Kind Gottes versöhnt und erkauft ist. So oder so ein Kind Gottes kehrt unter Jesu Kreuz ein.
Meine Freunde, dort erhält der innere Mensch Nahrung und Kraft – auch heute noch. Darum wollen wir jetzt Paulus zurücklassen und unter Jesu Kreuz stehenbleiben – heute, morgen, hoffentlich die ganze Woche und vielleicht ein ganzes Leben lang.
