Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.
Wir hören ein Wort Jesu aus Johannes 10: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen, verlässt die Schafe und flieht. Daraufhin ergreift der Wolf die Schafe und zerstreut sie.
Herr, heilige uns in deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit. Amen!
Verschiedene Wege zur Ruhe und das Wort des Hirten
Jeder Mensch hat seine eigene Methode, seine Ferien zu gestalten. Die meisten gestalten sie jedoch überhaupt nicht, sondern lassen sie sich gestalten. Der eine rast gerne mit Hundertkilometer-Tempo durch sämtliche Sehenswürdigkeiten Europas. Ich hingegen mache es gern so, dass ich tagelang auf stillen Bergpfaden schweigend wandere.
Es ist doch gut, wenn der Pastor tagelang überhaupt kein Wort redet, oder? Das ist für ihn und seine Gemeinde gut. Es ist so wundervoll, wie dann aller Lärm zurückbleibt.
Merkwürdig ist nur: Einen Lärm kann man nicht zurücklassen. Das sind die eigenen Gedanken, die Unruhe unserer Gehirne und Herzen, die mit in die größte Einsamkeit gehen. Oft denkt man, es sei ganz still, doch die Gedanken summen und quälen wie Mücken.
Da mache ich es gern so, dass ich mir ein Bibelwort nehme, das mir beim morgendlichen Bibellesen wichtig wurde. Hoffentlich lest ihr die Bibel morgens! Dieses Wort nehme ich mir gleichsam vor. Dann kreisen die unbewussten und bewussten Gedanken um dieses Wort. So haben sie einen Mittelpunkt gefunden.
Man muss den Gedanken etwas geben, um sich darauf drehen zu können. So ging es mir mit dem Wort aus Johannes 10: „Ich bin der gute Hirte“ – dem Wort vom Hirten, vom Schaf und vom Wolf.
Vor acht Tagen habe ich nachts eine Predigt in einem kleinen Bergdörfchen gehört. Der Vater hatte mit großem Ernst und großer Unbeholfenheit darüber gepredigt, aber so, dass sich das Wort einfach in mir eingeprägt hatte.
Dann geschah es auf einmal – verzeihen Sie, dass ich so persönlich anfange – dass dieses Wort und die bewussten sowie unbewussten Gedanken auf einmal drei ganz einfache, helle und schlichte Fragen an mich stellten.
Es war so, dass ich mich auf einen Steinblock setzen musste und erst einmal diesen drei Fragen standhalten musste. Selbstverständlich für den Pastor eigentlich, aber auch für mich waren es wichtige Fragen, die ich beantworten musste. Diese drei Fragen sprangen aus diesem Bibelwort heraus.
Ich möchte diese drei Fragen an Sie weitergeben und wünsche mir, dass jeder im Herzen still wird und auf seine Weise antwortet.
Ich darf den Text einmal lesen:
„Ich bin der gute Hirte“, sagt Jesus. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mädling aber, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, verlässt die Schafe und flieht.
Die erste Frage: Die persönliche Beziehung zum guten Hirten
Drei wichtige Fragen, die dieser Text stellt
Die erste Frage: Kennst du wirklich den guten Hirten?
Wir sind christliche Menschen, sonst säßen wir nicht hier. Aber die Frage, die der Text stellt, lautet auch: Kennst du wirklich den guten Hirten? Ich habe gesagt: „Mensch, ich predige doch darüber.“ Das wird nicht gewahr, Wilhelm Busch, Karl Heinz, Peter oder wie der heißt, Marianne – kennst du wirklich den guten Hirten?
Sehen Sie, der Herr Jesus spricht hier von sich selbst. Nun ist es ja immer eine schwierige Sache, wenn jemand von sich selbst spricht. Mir sagte vor einiger Zeit jemand: „Wenn Sie von sich erzählen, kann man ja fünfzig Prozent abziehen.“ Ich habe gedacht, dreißig, nicht fünfzig. Aber Sie sehen, welch herziger Toni, beigelaust, herzten meine Freunde. Aber ich muss ehrlich sagen: Wenn Sie von sich erzählen, ziehe ich auch fünfzig Prozent ab, nicht wahr?
Kurz gesagt, es ist eine fragwürdige Sache, wenn wir von uns selbst erzählen. Wir sehen uns immer in einem günstigen Licht. Und nun spricht Jesus von sich selbst – ist das nicht schwierig? Meine Freunde, beim Sohn Gottes ist das etwas ganz, ganz anderes als bei uns. Er ist die Wahrheit. Er ist die Wahrheit, und er muss von sich sprechen, damit wir ihn kennen und an ihn glauben können.
Was sagt denn Jesus von sich? Spricht er gut von sich oder schlecht? Spricht er hochmütig oder demütig von sich? Eigentlich merkwürdig: schlecht. Er nennt sich Hirte, das ist doch etwas Armseliges, etwas Geringes. Sehen Sie, der Herr Jesus sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Das ist großartig gesprochen, und das gefällt mir. Aber wie demütig spricht er hier von sich: „Ich bin ein Hirte.“ Das ist etwas ganz Geringes.
Und doch, meine Freunde, spricht er großartig von sich. Und ich möchte das deutlich machen. Ich empfinde, wie schwer es für Sie wird, zuzuhören – in diesem dummen Luft draußen und drinnen. Aber der Geist Gottes kann geben, dass es hier also, na ja, wie in zwölf Meter Höhe ist oder so.
Wie großartig spricht Jesus hier von sich, indem er sagt: „Ihr seid Schafe, ich bin Hirte.“ Damit drückt er aus, dass er etwas ganz, ganz anderes ist als alle anderen Menschen. Alle anderen sind Schafe, er ist Hirte. Immerhin besteht zwischen Hirten und Schafen ein prinzipieller Unterschied, nicht wahr? Hat noch niemand Schaf und Hirten verwechselt. Und na ja, lassen Sie mal das Schimpfwort jetzt beiseite – da komme ich gleich noch drauf.
Da sagt Jesus, der etwas prinzipiell anderes ist: Sehen Sie, immer wieder fügt man Jesus in die Reihe der großen Geister, der großen Religionsstifter, der großen Moralisten, der großen Philosophen ein – nicht die Großen dieser Welt, sondern die Bibliothek der Großen: Plato, Sokrates, Jesus, Sohn. Meine Freunde, Jesus wird da heftig widersprechen und sagen: „Moment mal, Plato und Sokrates und Laotse und Konfuzius und Nietzsche und alle, die in dieser Reihe genannt werden, gewöhnlich auch Mohammed, sind Schafe, ich bin Hirte.“ Merken Sie, wie hoch Jesus hier von sich spricht? Er ist der Galileer, der über allen steht.
Und nun sagt Jesus mit dem einen Wörtchen, dass er nicht nur der Hirte sei, sondern der gute Hirte – nicht ein guter Hirte, sondern der gute Hirte. Es gibt keine anderen. Es stehen dauernd Leute auf in der Welt, groß und sagen, sie seien die guten Hirten. Glauben Sie nicht, sie sind der einzige gute Hirte. Und nun macht der Herr Jesus das klar an einer Geschichte, die wahrscheinlich so passiert ist:
Da ist am hellen Tag ein Knecht im jüdischen Bergland und passt auf die Herde auf, die friedlich grast. Vielleicht haben sie so Glocken, Bim Bam und so – es ist eine friedliche Sache. Und auf einmal stürzt aus irgendeiner Schlucht ein Wolf heraus, ein ausgehungertes, blutrünstiges, schreckliches Tier. Der Hirte springt auf und rennt, was er kann. Dann nimmt er die Arme, die Beine und läuft davon, so schnell er kann, und denkt: „Ich bin doch nicht verrückt, für den armseligen Lohn mein Leben aufs Spiel zu setzen.“ Und der Wolf kommt und ergreift und zerstreut die Herde.
Jesus sagt: „Du bist ein Feigling.“ Und dann fährt er fort: „So bin ich nicht.“ Das heißt: Bei mir darf der Wolf nicht die Herde verderben, höchstens den Hirten. Doch der Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Und im Augenblick stellt Jesus nun sein Kreuz vor uns. Ha, wie möchte es uns mahnen, diese angenagelten Hände, die die Welt suchen, dieses blutüberströmte, dorngekrönte Haupt. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Ist der Welt irgendwo etwas Größeres geschehen als dieses Kreuz Jesu?
Da spricht Jesus, wo er von seinem Kreuzestod spricht. Die ganze Bibel spricht vom Kreuz. Das ist also offenbar die Hauptsache im Christentum: das Kreuz. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Und nun frage ich Sie noch einmal: Kennen Sie den guten Hirten wirklich? Nicht vom Hörensagen. Jesus sagt im Vers hinterher: „Ich bin bekannt den Meinen, der Welt unbekannt.“ Ich bin bekannt den Meinen. Kennen Sie Jesus so, dass er unauslöschliche Züge in Ihrem Herzen hinterlassen hat?
Ich musste auf die Frage antworten: Kennst du den guten Hirten wirklich? Ich möchte gern, dass Sie still werden und sich selbst diese Frage beantworten: Kennen Sie ihn wirklich?
Die zweite Frage: Zugehörigkeit zum guten Hirten
Im vorigen Jahrhundert, genauer gesagt in der ersten Hälfte desselben, gab es in Europa eine merkwürdige Zeit, die wir heute als die Zeit der Aufklärung bezeichnen. Heutzutage versteht man unter Aufklärung oft einfach die Tatsache, dass man Kindern sagt, es gäbe keinen Klapperstorch. Damals war das anders. Die Zeit der Aufklärung oder des Rationalismus – Ratio bedeutet Vernunft – war eine Epoche, in der man nur das glauben wollte, was die Vernunft nachvollziehen kann.
Die Kirche passte sich dieser Zeit an. Das war immer die Forderung der Mehrheit: „Kirche, du musst endlich mit der Zeit gehen!“ Dies hört man auch heute noch ständig. Doch die Kirche kann nichts Dümmeres tun, als sich dieser Forderung zu beugen. Sie ging mit der Zeit, und die Vernunft wurde in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum Gott.
Schließlich reduzierte die Kirche ihre Botschaft auf drei Worte, die der Vernunft einleuchten sollten: Gott, Tugend und Unsterblichkeit. Gott als ein höheres Wesen, das die Vernunft begreifen kann. Tugend, weil es gut ist, tugendhaft zu sein – das versteht sogar die älteste Großmutter. Und Unsterblichkeit, wobei es egal ist, wie genau man sich das vorstellt, aber die Vorstellung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wurde betont. Auf alten Fahnen und Kanzeldecken konnte man oft noch diese drei Worte sehen: Gott, Tugend und Unsterblichkeit.
Von dem guten Hirten sprach man nicht mehr. Man war religiös, kirchlich oder irgendwie gläubig, aber Jesus, der gute Hirte, der sein Leben für die Schafe lässt, war kaum noch bekannt. Ich habe den Eindruck, dass viele sogenannte Christen heute noch tief in der Aufklärung stecken.
Fragt man heute in Bredeney, einem Stadtteil von Essen, sagen die Leute: „Natürlich, Kirche muss sein. Wir sind dafür, dass die Kirche für Religionssorge sorgt, also für Gott und Tugend – das heißt für Erziehung. Der Pastor soll die Kinder zum Guten anhalten, Tugend ist sehr wichtig. Und Unsterblichkeit: Die Kirche soll für eine anständige Beerdigung sorgen und dabei tröstliche Worte sagen.“ Ich nenne diese Haltung die Religion der aufgeklärten Christen.
Sie sagen: „Wir sind für Religion, für Erziehung zum Guten und für eine anständige Beerdigung.“ Doch den guten Hirten kennt man nicht. Es gibt nicht einmal die Frage, ob man an Gott glaubt. Die entscheidende Frage lautet: Kennst du Jesus, den guten Hirten? Darum geht es. Das ist nicht einfach ein Hobby von mir. Im Wort Gottes steht: „Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben.“ Nicht wer religiös ist, nicht wer kirchlich oder gut ist, sondern wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben.
„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ (Johannes 1,12) Alles hängt daran: Kennst du Jesus? Das ist die Frage.
Nun zur zweiten Frage unseres Textes: Können Sie die drückende Atmosphäre spüren oder bilde ich mir das nur ein? Ich sehe das bei einzelnen Menschen. Wir wollen dem Heiligen Geist viel zutrauen, richtig? Die zweite Frage, die ich auf meinem Stein im Gebirge beantworten musste und die ich Ihnen weitergeben möchte, lautet: Gehörst du dem guten Hirten? Bitte antworten Sie mit Ja oder Nein.
Der Herr Jesus sagte im Text: „Der Mietling, dem die Schafe nicht eigen sind.“ Damit sagt Jesus, der Heiland der Welt, dass er eine Herde hat, die ihm gehört. Und da sprang mich die Frage an: „Pastor Buschmann, kannst du von der Kanzel und im Pilgerraum sagen: Bist du wirklich Eigentum dieses guten Hirten mit Leib und Seele?“
Meine Freunde, um das deutlich zu machen, muss ich etwas weiter ausholen. Es hat uns immer aufgeregt, dass die Bibel uns als Schafe bezeichnet. Schließlich dürfte ich es mir nicht erlauben, Herr Fritz Gimler, einfach zu sagen: „Du bist ein Schaf.“ Da würde selbst mein lieber, sanfter Freund böse werden. Ich kann wirklich erklären, warum die Bibel uns Schafe nennt. Ich will nur sagen, dass die Bibel alle Menschen Schafe nennt – nicht nur die Unterbelichteten, sondern auch die Intellektuellen. Da schreien manche schon: „Schafe!“ Die Bibel unterscheidet nur zwischen verirrten Schafen und geretteten Schafen, zwischen verirrten Schafen und solchen, die beim Hirten sind. Aber Schafe sind wir alle.
Ich will jetzt nicht darauf eingehen, warum die Bibel uns Schafe nennt – die Zeit ist zu kurz. Doch die Bibel sagt, dass alle Schafe – die Verirrten und die Geretteten – Jesus gehören. Denn durch ihn hat Gott die Welt geschaffen, also auch uns. Wir gehören ihm alle: der größte Künstler, Ulbricht, Chruschtschow, Wieser, Eisenhower, der Straßenkehrer, Sie und ich. Wir gehören ihm, weil er uns geschaffen hat. Und er hat uns alle erkauft, als er den teuren Kaufpreis seines Blutes am Kreuz bezahlte.
Mit doppeltem Recht gehört die gesamte Menschheit dem Herrn Jesus an. Wir gehören ihm als Schöpfer und als Erlöser. Er kann mit Recht sagen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28,18)
Aber nun hören Sie zu: Im Reich Gottes herrscht völlige Freiwilligkeit. Darum bin ich so gern im Reich Gottes. Dort steht nicht Paragraph 22: „Du, Mensch, musst hierher.“ Nein, das Reich Gottes ist völlige Freiwilligkeit. Deshalb will Jesus in seiner Herde nur Schafe, die ihm gehören wollen. Sie gehören ihm alle eigentlich, aber seine Herde sind die, die ihm gehören wollen.
Da springt uns die Frage an: Will ich Jesus gehören? Gehören Sie ihm? Die Bibel nennt die verirrten Schafe so, weil „jeder seinen eigenen Weg geht“. Wenn Sie Ihren eigenen Weg weitergehen wollen, dürfen Sie das. Wer seinen Weg in die Hölle gehen will, darf das. Lassen Sie sich von keinem Pastor daran hindern, Ihren eigenen Weg zu gehen. Sie dürfen in die Hölle gehen, wenn Sie wollen. Keine Kirche kann Sie daran hindern.
Doch wenn Ihr eigener Weg fragwürdig geworden ist, weil Sie merken: „Das hier ist alles falsch, das ist alles leer“, und Sie merken, da ist der gute Hirte – dann dürfen Sie zu ihm kommen. Und er stößt niemanden hinaus. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (Johannes 6,37)
Das Schönste ist, dass Menschen hier in Essen zu Jesus kommen. Ich komme von Fehren zurück, bin eine halbe Stunde zu Hause, und schon kommt jemand als erster Besuch. Ich sage: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Jesus mich gefunden hat.“ Schön, der erste Besuch in Essen, nicht wahr? Ich wollte Ihnen mitteilen, dass Jesus mich gefunden hat.
Liebe Freunde, das ist das Herrliche, das unter uns geschieht, was der Herr Jesus hier ausdrückt: „Ihr hört meine Stimme und folgt mir.“ Aber nicht alle verstehen das. Das nennt Schluss dahinter. Ich frage Sie, oder besser gesagt, dieser Bibeltext fragt Sie: Wollen Sie Jesus gehören? Gehören Sie ihm schon?
Der gute Hirte kennt uns gut. Er kennt auch alle unsere dunklen Sünden. Er kennt unser sündiges Herz, das lügen möchte, das unrein sein möchte. Er weiß das alles genau und nimmt es sehr ernst. Trotzdem sagt dieses Wort: Lassen Sie sich weder durch Ihre Sünde, Ihre Schuld noch durch Ihr böses Herz davon abhalten, seiner Stimme zu folgen und sich ihm ganz und gar auszuliefern.
„Gehörst du Jesus?“ fragt dieser Text. „Die Schafe sind mir eigen, darum lasse ich mein Leben für die Schafe.“ Gehörst du dazu? Ja oder nein – das weiß man.
Die Bibel spricht an dieser Stelle so unheimlich klar. In der Apostelgeschichte heißt es immer wieder: „Und es wurden täglich hinzugetan die, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47) Sie wurden hinzugefügt zu der Herde Jesu Christi. Sie waren vorher nicht dabei, dann gehörten sie dazu.
Warum ist es in unserer Kirche zur Sitte geworden, an dieser Stelle nicht mehr klar zu sprechen? Wenn ich unter ernsten Christen frage: „Gehörst du Jesus?“, sagen sie oft: „Das kann man nicht wissen. Ich muss es jeden Tag neu ergreifen“ oder Ähnliches. Merkwürdig, dass wir Menschen des technischen Zeitalters gerade an dieser Stelle Unklarheit lieben.
In der Technik ist alles klar. Ich fahre Auto, und wenn das Auto nicht fährt, dann liegt es an der Benzinleitung oder einem anderen klaren Defekt. Das ist eindeutig. Warum sind wir in wichtigen geistlichen Dingen so verschwommen?
Der Text fragt uns: Gehörst du dem guten Hirten?
Die dritte Frage: Geborgenheit beim guten Hirten
Lassen wir noch kurz ein drittes sagen. Wir sehen, das ist ein Zerbruch der Pläne, und so lange, Freddy, aber ich will es kurz machen.
Die dritte Frage lautet: Kennst du Jesus? Gehörst du Jesus? Bist du geborgen beim guten Hirten? Dritte Frage, nicht wahr? Bist du geborgen?
Sehen Sie, der Herr Jesus spricht in unserem Text vom Wolf. Der Wolf kommt, erfasst und zerstreut die Schafe. Da spricht er in einem merkwürdigen Bild von der Bedrohung des Menschen. Darüber brauche ich jetzt keine große Predigt zu halten. Wer die letzten 14 Tage bewusst miterlebt hat, der weiß von der Bedrohung.
Eine Zeitung schrieb: Das Leben von Millionen Menschen hängt scheinbar ab von der guten oder schlechten Laune eines Mannes. Unheimlich, nicht? Unheimlich – die Bedrohung unseres Lebens. War nicht jeder in den letzten 14 Tagen mal so ein Moment, in dem man immer über einem Abgrund schwebt?
Aber, liebe Freunde, wir Christen wissen doch von einer ganz anderen Bedrohung, von ganz anderen Bedrohungen. Ach, das sehe ich an meinem jungen Kerl: die Macht der Verführung in einer Großstadt. In einem Lied von Eichendorff heißt es von einem jungen Mann, dem Singen und Loben die tausend Stimmen im Grund ziehen hinab.
Sind wir nicht alle sehr bedrohte Leute? Dass Äußeres und noch viel mehr Inneres Unheil uns heute treffen kann? Ich brauche nicht lange darüber zu reden. Jesus sagt, dass die Herde sehr bedroht ist.
Stellen Sie sich mal vor, zehntausend Schafe würden sich zusammentun und sagen: Jetzt ist Schluss mit dem Wolf, jetzt lassen wir ein Bündel Boll den Wolf überwinden. Glauben Sie, dass zehntausend Schafe einen Wolf überwinden können? Nein!
Der Wolf kommt und erhascht uns als Träuflicher. Zehntausend Schafe werden mit dem Wolf nicht fertig. Das heißt, Jesus deckt hier unheimliche Dinge auf: Die Bedrohungen unseres Lebens sind so, dass wir nicht damit fertig werden.
Es gibt den Teufel, und er möchte, dass ich in die Hölle komme, und Sie auch. Und wenn wir uns alle zusammenschließen und reden von Gott, Tugend und Sterblichkeit, dann lacht er.
Und die äußeren Bedrohungen der Welt – aus der Bosheit der Menschen, der Gemeinheit und Machtgier – die Schafe sind wehrlos. Zehntausend Schafe können einen Wolf nicht überwinden. Aber der Hirte kann es unter Einsatz seines Lebens: „Ich lasse mein Leben für die Schafe.“
Deutlicher kann Jesus gar nicht sagen, wie man überhaupt nur leben kann mit Jesus.
Merkwürdig: Als ich gerade an dieser Stelle war, kam mir eine Überlegung, die ich sehr liebe – von einem Bild aus dem 16. Jahrhundert. Peter Bruegel malte ein merkwürdiges Bild. Er hat es unterschrieben: „Der Sturz des Ikarus“.
Schade, dass es nicht so technisch so willkommen ist, wie man es an die Wand hängen kann. Aber ich will es tun – Sie haben ja Fantasie. „Der Sturz des Ikarus“.
Ikarus ist ein Mann der griechischen Sage. Ich will es nur ganz kurz sagen: Er wollte fliegen und klebte sich Flügel aus Wachs zusammen. Mit den Flügeln flog er hoch über alle Welt. Dann kam er der Sonne zu nah, und das Wachs schmolz, so sagt die griechische Sage. Er stürzte ins Meer und ertrank.
Und wie malt das Peter Bruegel? Wissen Sie, dieses Bild vom Ikarus ist ein wundervolles Bild der bedrohten Menschen. Ach, wir schweben hoch – Technik, Fortschritt oder geistlich vielleicht –, ach was, ist mein Herz erhoben – und dann Absturz, bedrohte Menschheit.
Liebe Freunde, wie malt Bruegel das? Das Meer eine lachende Lanze, und da sieht man bloß ganz klein – man muss richtig suchen – ganz klein irgendwo gerade den versinkenden Ikarus mit nur so einem Bein heraus. Aber im Vordergrund, groß, weidet ein Hirte seine Herde.
Wundervoll will diese Malerei des Mittelalters predigen können, dass der verlorene, bedrohte Mensch für ihn keine Hilfe hat. Aber er weidet seine Schafe, was auch geschieht.
Bist du dabei? Bist du geborgen in den Katastrophen der Welt, in der Anfechtung, die der Teufel gegen dich heranführt? Der Teufel will dich kriegen, mein Junge! Den Teufel will ich kriegen!
Bist du geborgen bei Jesus? Nicht wie ein Ikarus, der stürzt, sondern – oder ihr wisst es – Leute in völliger Erkenntnis aller Problematik der Welt und ihrer Abgründe singen wie Kinder: „Weil ich Jesus’ Schäflein bin, freue ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewahren, der mich liebt, der mich kennt.“
Sie singen ihm ins Teufelsgesicht und bei meinem Namen nennt er mich.
Schlussgebet um Erkenntnis und Geborgenheit
Wir wollen weinen. O Herr, unser Heiland, lass uns Licht empfangen, damit wir dich wirklich erkennen.
Gib uns ein Herz, das es ernst meint und dir wahrhaftig gehört. Lass uns in all der Unruhe dieser Welt und in allen täglichen Anfechtungen geborgene und fröhliche Kinder sein.
Hilf uns dabei, Herr. Amen.
