Serie•Teil 8 / 16(Negative) Gefühle
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einleitung und Rahmung der Predigtreihe
Wir machen heute weiter in einer Reihe. Reihen sind ja immer so eine Sache, wenn man nur ab und zu irgendwo auftaucht. Vielleicht sagt der eine oder andere: Ich kenne den Typen da vorne gar nicht.
Mein Name ist Jürgen Fischer, und ich predige im Moment über negative Gefühle, wenn ich hier bin. Negative Gefühle, eine ganze Reihe, die schon eine Weile lang geht. Das ist Vortrag Nummer acht.
Und für alle, die sagen: Oh, da würde ich aber gerne mehr dazu hören, ich habe eine Homepage, die heißt Frogwords, f r o g w o r d s, punkt de. Wenn man auf die Startseite geht, gibt es da auch einen Link zu der Gefühlereihe.
Das bedrängende Thema dieser Predigt
Das Gefühl, über das ich heute predigen möchte, und auch beim nächsten Mal, wenn ich in zwei Wochen wieder da bin, ist das Gefühl, das von allen Gefühlen mir persönlich am meisten Angst macht.
Woran liegt das? Es liegt daran, dass es die Macht hat, den Glauben von Christen zu zerstören. Und das eben nicht nur theoretisch, sondern in diesem Moment, jetzt, wo ich diese Predigt halte, weiß ich ganz konkret um Geschwister, die jetzt in diesem Moment dabei sind, ihren persönlichen Kampf um ihre Beziehung zum Herrn Jesus zu verlieren.
Und das geht mir deshalb so nah, weil ich das sehe. Und weil ich irgendwie danebenstehe und den Eindruck habe, ich kann nichts tun.
Wir leben in einer Welt, die geprägt ist von Leid. Leid ist Realität. Leid in all seinen Facetten. Das kann Krankheit sein, Dummheit, Schmerz, Ablehnung, Trauer, Gemeinheiten, Krieg, Ungerechtigkeit. Man könnte fast endlos so weitermachen: Leid, Leid, Leid. Und das Verrückte ist: Wir stecken mittendrin.
Ein Beispiel gefällig? Vor drei Wochen hat ein guter Freund von mir geheiratet. Mit 25 hat er endlich seinen Traum vorgefunden. Er fährt in Hochzeitsurlaub, war vorher schon ein bisschen matt, und am zweiten Tag geht es ihm so schlecht, dass er ins Krankenhaus muss. Am zweiten Tag seiner Flitterwoche. Und die Diagnose lautet akute Leukämie. Eine Woche später ist er tot.
Seine Witwe, eine junge Frau, schreibt ihm die Todesanzeige: Neun Tage waren wir verheiratet, und sieben davon waren sehr schwer.
Ich weiß nicht, was das mit euch macht. Ich weiß, was es mit mir macht.
Und vielleicht gibst du das nicht zu, aber ist es nicht so, dass in vielen von uns diese Idee steckt, ob wir das wollen oder nicht: Wenn ich Christ bin, dann muss mich Gott vor den ganz üblen Lebenskatastrophen bewahren. Und genau das tut er nicht.
Es gibt Leid, das stimmt. Es gibt Leid, das kann man mit Gebet und Klugheit umschiffen. Ich glaube, dass wir einen klaren Vorteil als Christen im Leben haben, wenn wir beten und wenn wir uns an die Gebote Gottes halten.
Aber die andere Seite ist die: Während ich hier stehe, gibt es Geschwister, die sich die Frage stellen, und zwar ganz ernsthaft stellen: Soll ich aufhören, an Gott zu glauben? Sie sind so frustriert vom Leben und so völlig ohne Hoffnung, dass sie an Gott verzweifeln.
Darüber möchte ich mit euch heute reden, über dieses Gefühl: Verzweiflung.
Wege in die Verzweiflung
Als ich darüber nachdachte, wie ein Mensch in die Verzweiflung gerät, ist mir aufgefallen, dass es irgendwie zwei Wege gibt, auf denen man in die Verzweiflung hineinkommen kann.
Der eine Weg ist so etwas wie der Weg der Katastrophe: überwältigende, mich emotional völlig überfordernde Ereignisse, die plötzlich da sind.
Und dann gibt es noch eine zweite Seite, wie man in die Verzweiflung hineinkommen kann. Einen harmloser wirkenden Weg. Da bin ich am Anfang einfach nur ein bisschen enttäuscht. Ja, ich merke vielleicht: „Ich lebe nicht im Paradies.“ Ich habe irgendwie immer gedacht: Mit Gott wird alles gut. So hat man mir am Anfang auch gesagt: Werde Christ, und Gott kümmert sich um alles. Und dann stelle ich fest: Nein, das Leben macht oft keinen Spaß und dauert ganz schön lange. Irgendwie sind Enttäuschungen und Traurigkeit normal, übrigens auch in Gemeinden und unter Geschwistern.
Und dann kommt dieser langsame Weg. Es geht einen Schritt weiter: Ich fange an, mich zu distanzieren. Meistens komme ich dann nur noch so zum Gottesdienst, komme nicht mehr so zum Hauskreis, höre auf zu beten, lese nicht mehr so in der Bibel. Es ist nicht mehr so interessant, was Gott mir zu sagen hat. Und es braucht dann nicht viel, und aus dieser Enttäuschung, aus diesem Alleinsein und aus dieser Niedergeschlagenheit wächst langsam, aber sicher tiefe Verzweiflung.
Zwei Wege hinein. Und ich kenne beide. Wenn ich meine Gebetsliste durchgehe, kann ich euch für beide Seiten Namen nennen: Leute, die langsam weggedriftet sind und irgendwann war ihnen alles zu viel. Und Leute, die katastrophal, bam, hineingefallen sind und sagen: „Ey, wenn das Gott zulässt, dann ohne mich. Dann mache ich nicht mehr mit.“
Die Frage nach dem Recht zu verzweifeln
Frage: Darf ich als Christ verzweifeln? Diese Frage ist völliger Blödsinn. Es geht bei Verzweiflung nicht darum, ob ich das darf. Es geht um das, was ist. Versteht ihr den Unterschied?
Ein einziger Telefonanruf, ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit, eine Diagnose: Kann dein ganz behagliches, durchschnittliches, mittelklasse Christsein von einem Moment auf den nächsten in Chaos versinken lassen?
Darf ein Christ verzweifeln? Ja, natürlich. Natürlich. Was denkst du denn, wer du bist? Ein Roboter? Ganz ehrlich, glaubst du wirklich, dass alles, was diese Welt für dich bereithält, an dir abperlt wie so ein milder Regen an einer ultra teuren Gore-Tex-Jacke?
Und wenn das passiert, wenn du mitten hineinfällst in diese Verzweiflung, dann bitte, tu diesen Moment nicht mit irgendwelchen platten Sprüchen ab. Da gibt es dann so Bibelverse wie: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gepriesen.“ Ja, das stimmt schon, ja, aber es hilft dir nicht. Es hat Hiob nicht geholfen. Wenn du mir nicht glaubst, lies die Kapitel danach. Es hat ihm nicht geholfen, und es wird dir nicht helfen.
Natürlich ist es gut, der Verzweiflung mit der Wahrheit zu begegnen. Es ist besser, ihr mit Wahrheit zu begegnen, als mit Lügen zu begegnen, logisch. Aber weißt du, Richtigkeiten allein sind in einem Moment der Verzweiflung keine Antwort auf diese verstörenden Gefühle in dir, auf diesen ganzen finsteren Gedankensalat, der sich in deinem Kopf abspielt. Sie sind keine Antwort.
Und genauso wenig ist es eine Antwort, wenn du sagst: Na ja, dann ersticke ich meinen Schmerz halt in Arbeit. Viel Spaß, wenn du diesen Weg gehst. Der Schmerz wird stärker sein, ich garantiere es dir. Er wird dich finden, vielleicht als Albtraum, vielleicht als Autoimmunerkrankung, vielleicht in Form einer nervösen Störung oder einer Sucht. Du kannst vor ihm nicht davonlaufen. Du kannst ihn nicht einfach unter den Teppich kehren.
Vielleicht hast du Glück, mag es solche Leute geben, vielleicht hast du Glück und es passiert in deinem Leben nie etwas, das dich zur Verzweiflung treibt. Aber ehrlich gesagt, ich würde nichts darauf wetten. Es gibt, glaube ich, Leute, die gehen so durchs Leben, da ist irgendwo nichts im Leben passiert, wo die im Nachhinein sagen: Das war besonders schlimm.
Die Realität einer gefallenen Welt
Persönlich denke ich, dass die Überschrift über den meisten Leben eher dem Buch von John Green oder dem Titel dieses Buches gleicht. John Green hat ein Buch geschrieben: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Ich glaube, dass das die Realität ist. Eben bist du noch total zuversichtlich, glaubst daran, dass noch alles gut werden kann, und dann: BAM! Kommt die Realität und macht dir wieder einen Strich durch die Rechnung.
Willkommen in einer Welt, in der das Böse regiert, in der der Schmerz nicht aufhört und der Tod das letzte Wort hat. Das ist die Realität.
Aber wenn ich Christ bin, dann muss es mir doch besser gehen. Ehrlich? Glaubst du das wirklich? Bist du so naiv? Ist dir nie aufgefallen, dass sich das Thema Verzweiflung als eines der Hauptthemen durch die Psalmen zieht? Ist dir das nie aufgefallen?
Und wenn ich das so sage, wirst du sagen: Doch, irgendwie schon. Man liest so die Psalmen, und es ist immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Ja, die haben oft schon echt zu kämpfen.
Woran liegt es, dass wir das nicht wahrhaben wollen, wie sehr die Psalmisten mit Verzweiflung kämpfen? Ich glaube, es liegt daran, dass wir beim Lesen der Psalmen einen falschen Eindruck gewinnen. Man liest die Psalmen, und da gibt es Verzweiflung. Wenn man das dann so durchliest, dann ist am Ende eines Psalms meistens alles wieder gut. Man liest das so: Der ist völlig niedergeschlagen. Aber in vielen, vielen, vielen Psalmen geht es am Ende dann richtig gut aus. Und man liest das so und gewinnt den Eindruck: Na ja, okay, ja, vielleicht hat der Psalmist für kurze Zeit, vielleicht war er wirklich ein bisschen niedergeschlagen und verzweifelt, aber so richtig lange hat das bestimmt nicht gedauert.
Und was uns völlig entgeht, ist die Tatsache, dass Psalmen sehr oft geschrieben sind, nachdem die Sache rum war, im Rückblick. Und man natürlich da das gesamte Paket erzählt, sowohl die Verzweiflung als auch die Rettung. Und dass das, was da geschildert wird, dass das, was da in ein paar Zeilen zum Ausdruck gebracht wird, dass das ein wirklich total langer persönlicher Kampf war.
Und ich möchte, damit wir verstehen, wie sich dieser Kampf anfühlt, und dass es eben nicht darum geht, als Christ fünf Minuten zu beten, drei Anbetungslieder zu singen und zu sagen, damit kriege ich jede Katastrophe in meinem Leben wieder vom Tisch. Deswegen möchte ich mit euch Psalm 88 lesen.
Der dunkelste Klagepsalm als Beispiel
Psalm 88 ist ein Klagepsalm. Es ist der dunkelste Klagepsalm der Bibel. Das einzig Hoffnungsvolle in diesem Vers ist die Art, wie der Autor, Heman der Esrachiter, Gott anspricht. Er sagt nämlich in Vers 2: „Herr, Gott meines Heils.“
Danach, nachdem er das gesagt hat, gibt es nur noch Verzweiflung. Und man muss ab und an, glaube ich, diesen Psalm einmal lesen. Und weil er so selten vorgelesen wird, lese ich ihn jetzt einmal komplett vor.
Und ihr müsst nicht mehr verstehen, als wie es Heman dem Esrachiter emotional geht. Versucht einfach nur einmal, seine Stimmung zu erfassen.
Ein Lied, ein Psalm von den Söhnen Korachs, dem Chorleiter, nach Machalat zu singen, ein Maskil von Heman dem Esrachiter:
„Herr, Gott meines Heils.“
Das war die positive Zeile. Und jetzt geht’s los:
„Des Tages habe ich geschrien und des Nachts vor dir; es komme vor dich mein Gebet, neige dein Ohr zu meinem Schreien. Denn satt ist meine Seele vom Leiden, und mein Leben ist nahe dem Scheol. Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube hinabfahren, ich bin wie ein Mann, der keine Kraft hat. Unter die Toten hingestreckt, wie Erschlagene, die im Grab blieben, derer du nicht mehr gedenkst, denn sie sind von deiner Hand abgeschnitten. Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternis, in Tiefen. Auf mir liegt schwer dein Zorn, und mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt. Meine Bekannten hast du von mir entfernt, hast mich ihnen zum Gräuel gemacht. Ich bin eingeschlossen, kann nicht herauskommen. Mein Auge verschmachtet vor Elend.
Zu dir rufe ich, Herr, den ganzen Tag, ich strecke meine Hände aus zu dir. Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Gestorbenen aufstehen und dich preisen? Wird von deiner Gnade erzählt werden im Grab, im Abgrund, von deiner Treue? Werden in der Finsternis bekannt werden deine Wunder und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens? Ich aber, o Herr, schreie zu dir, und am Morgen möge dir mein Gebet begegnen. Warum, Herr, verwirrst du meine Seele, verbirgst du dein Angesicht vor mir? Elend bin ich und todkrank von Jugend auf, ich trage deine Schrecken, bin verwirrt. Deine Zorngluten sind über mich hingegangen, deine Schrecknisse haben mich vernichtet. Sie umgeben mich wie Wasser den ganzen Tag, sie umringen mich allesamt. Du hast mir Freund und Nachbarn entfremdet; meine Bekannten sind Finsternis.“
Was dieser Psalm über das Erleben von Verzweiflung zeigt
Und selbst wenn uns manche Bilder an dieser Stelle nicht sofort einsichtig sind, eines merken wir, oder? Heman ist völlig am Ende. Er schreit zu Gott. Aber Gott hört ihn nicht.
Kraftlos, von Gott verlassen, einsam, von Gott verworfen, so beschreibt er sich seit Jahren: elend, krank, verängstigt, verwirrt, kurz davor aufzugeben. Wisst ihr, das Leben ist nicht immer so. Aber das ist eben auch Leben, und zwar Leben mit Gott.
Psalm 88 beschreibt Gefühle, weil Psalmen Gefühle beschreiben. Passt auf, wenn ihr Theologie aus diesem Psalm ableitet. Er beschreibt Gefühle. Das Verrückte ist nur: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Psalm einmal deine Gefühle beschreibt. Dass du an einen Punkt kommst, an dem du genau so empfindest. Dass du an einen Punkt in deinem Leben kommst, an dem der ehrlichste Ausdruck deines Glaubens, der aller ehrlichste Ausdruck deiner Gottesbeziehung darin besteht, dass du Gott ins Gesicht schreist: Gott, ich hasse dich! Das ist nicht fair, das ist gemein! Warum tust du mir das an? Hast du mich nicht lieb? Warum gerade ich? Siehst du nicht, dass ich nicht mehr kann? Siehst du nicht, dass ich genug habe?
Oder um zwei Sätze zu sagen, die ich schon gesagt habe, aus meinem persönlichen Repertoire: Das ist doch alles absurd. Das macht doch alles keinen Sinn.
Heman, der Esrachiter, lässt uns einen Blick hineintun in sein ganz persönliches Ringen mit Gott. Damit wir nicht naiv glauben, das Leben sei fair oder einfach oder gerecht. Das ist es nämlich nicht. Jesus sagt: In der Welt habt ihr Angst. Die Frage ist, warum glauben wir das eigentlich nicht?
Petrus bringt im Blick auf Verfolgung eine Form von Leid zur Sprache. Und man könnte das im Blick auf jede andere Form von Leid, die uns begegnet, auch sagen. Im Blick auf Verfolgung sagt er in 1. Petrus 4,12: Geliebte, lasst euch durch das Feuer der Verfolgung unter euch, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden, als begegne euch etwas Fremdes.
Also: Die Leute haben massive Verfolgung, massive Probleme. Sie werden ausgegrenzt, sie verlieren ihren Job, sie werden wahrscheinlich sogar juristisch belangt. Und Petrus sagt: Sag mal, habt ihr nicht verstanden? Das Gegenteil von etwas Fremdem ist das Normale. Und Petrus sagt: Wenn du mitten im Feuer der Verfolgung steckst, wenn es dir so richtig dreckig geht, sag mal, warum regst du dich eigentlich auf? Denkst du etwa, dass das nicht in deinem Leben passiert? Denkst du, das wäre nicht die Normalität? Woher nimmst du das eigentlich?
Falsche Erwartungen an das Leben mit Gott
Kann es sein, dass wir ganz tief in unseren Herzen doch von Gott erwarten, dass er unser Leben kuschelig und schön macht? Wenn irgendetwas davon in deinem Herzen ist, dann machst du tatsächlich mit jedem Gedanken in diese Richtung dem Teufel dein Herz wie ein Scheunentor auf für Enttäuschung und Verzweiflung.
Kann es sein, dass wir vielleicht doch irgendwie Christsein falsch verstehen? Vielleicht müssen wir uns das nicht einmal eingestehen. Es geht mir jetzt nicht darum, dass du sagst: Ja, das habe ich immer schon so gesehen. Sondern es geht um diese geheimen Dinge, die im Herzen passieren. Auf der einen Seite lesen wir, dass wir unser Leben verlieren müssen. Wir lesen davon, dass Gott absolut souverän ist. Wir lesen davon, dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen. Und wir machen immer so eine kleine Fußnote daran. In der Fußnote steht dann: Ja, aber, weil wir im Herzen glauben, Christsein ist doch ein Deal. Wir machen, was Gott sagt, und dafür bekommen wir so einen ganz besonders fähigen Schutzengel an unsere Seite, der wenigstens dafür sorgt, dass die Megakatastrophen nicht passieren.
Und das ist falsch. Ich weiß nicht, wie deutlich ich das sagen muss, aber es ist total falsch. Wenn du das irgendwo in deinem Herzen hast, dann musst du Buße tun und nüchtern werden. Es ist wirklich besoffen, so über Gott zu denken. Es ist besoffen und gefährlich.
Ich mache keine Statistik, aber mein Eindruck ist, weil ich für viele Leute bete, dass immer mehr Christen immer schneller verzweifeln und ihren Glauben hinschmeißen. Es ist ein bisschen erschreckend, wenn ich das sehe, wenn ich das so mitkriege. Und deswegen die Frage: Was macht Verzweiflung eigentlich so gefährlich? Und die Antwort lautet: Es ist die Tatsache, dass Verzweiflung uns Hoffnung raubt.
Hoffnung als Lebensader
Hoffnung ist ein ganz merkwürdiger Begriff. Hoffnung ist etwas, das man, wenn es einem richtig gut geht, gar nicht so stark spürt. Je besser es dir geht und je mehr du hier in dieser Welt angekommen bist, also je kuscheliger dein Sofa, je zufriedener du auf der Arbeit bist, je angenehmer die Beziehung zu deinem Ehepartner oder, was weiß ich, zu den Kiddies und so weiter, je besser es uns geht, umso weniger spüren wir etwas von der existenziellen Notwendigkeit, eine Hoffnung zu haben.
Und Verzweiflung trifft uns an der Stelle, wo wir vielleicht am verwundbarsten sind als moderne Menschen. Moderne Menschen sind reich und haben wenig Hoffnung. Wir brauchen wenig Hoffnung, weil mein Kühlschrank voll ist. Ich muss nicht beten: „Gib uns unser tägliches Brot.“ Ich muss nur meinen Tiefkühler aufmachen. Da ist tägliches Brot für drei Wochen drin. Ohne Scherz, ich habe genug Nudeln und Reis und noch irgendwelches Zeug, um den nächsten Monat zu überleben. Ich werde nicht sterben. „Gib uns unser tägliches Brot.“ Ja, wofür brauchst du das? Da ist eine Spannung.
Und deswegen sind wir nicht mehr so auf Hoffnung hin getrimmt. Wir haben das Existenzielle, diese Notwendigkeit, eine Hoffnung zu haben, sie zu kultivieren, auf Hoffnung hin zu leben, verloren. Und dann kommt irgendeine Sache so, bam, quer rein, und wir stellen mit einem Mal fest: Wir haben da überhaupt nichts. Und das bisschen, was noch an Hoffnung da ist, das wird plötzlich weggenommen.
Also warum ist Verzweiflung so gefährlich? Weil sie uns Hoffnung raubt. Von Abraham heißt es, das ist ja unser Glaubensheld, unser Glaubensvorbild, dass er gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt hat. Das ist ein schöner Satz. Ich mag solche Formulierungen, da braucht man fünf Worte und kann irgendwie eine Stunde darüber nachdenken. Er hat gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt. Also, wo es menschlich gesprochen nichts mehr zu hoffen gab, ging es ums Kinderkriegen im hohen Alter. Da blieb Abraham entgegen aller Erfahrungen hoffnungsvoll, gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt.
Also Glaube in Zeiten der Anfechtung. Und das ist genau dann, wenn Verzweiflung dein Herz packt, braucht es Hoffnung. Hoffnung ist das, was uns am Leben erhält, wenn die Probleme überhandnehmen.
Ich bin ja ein Freund der Sprüche, das werdet ihr immer mal wieder mitkriegen, weil ich da immer mal wieder eintauche. Da gibt es einen Spruch in den Sprüchen, Kapitel 13, Vers 12. Da heißt es: „Hingezogene Hoffnung macht das Herz krank, aber ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens.“
Also, ein Baum des Lebens ist ein Bild in den Sprüchen für Heilung. Es ist auch ein Bild für Unsterblichkeit, spielt aber an der Stelle eine untergeordnete Rolle. Es geht um Heilung, es geht darum, dass etwas Krankes gesund wird, dass mir etwas richtig gut tut. Also: Ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens.
Es gibt wenig Besseres im Leben als einen lange ersehnten Wunsch, der sich erfüllt. Frag eine Mutter, die sich seit Jahren sehnt, schwanger zu werden. Wie das ist, wenn nach all den Enttäuschungen endlich der Frauenarzt sagt: Sie sind schwanger. Ja, wollen wir mal einen Ultraschall machen? Frag den, der jahrelang arbeitslos ist, sich nach einem Job sehnt und endlich unterschreiben darf. Nicht nur, wenn er wieder zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird und dann hört: Ja, es gab einen besseren Bewerber. Sondern: Ja, kommen Sie vorbei, Sie können den Vertrag unterschreiben. Frag den, wie es ihm geht. Ein eingetroffener Wunsch ist wirklich ein Baum des Lebens.
Frag den jungen Mann, der sich eine Frau wünscht, und endlich hat er da eine. Boah, die sind im siebten Himmel. Es stimmt: Ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens. Aber das Gegenteil stimmt halt auch, und das ist das Drama. Wenn wir uns nach Veränderung sehnen und wenn wir uns nach Erlösung sehnen, aber wenn wir immer wieder enttäuscht werden, wenn also quasi es immer wieder nicht klappt, dann macht es unser Herz kaputt.
Und das Herz, das ist das Zentrum des Menschen in der Bibel. Ein krankes Herz, das ist ein Herz, das aufhört, sich Veränderung zu wünschen. Es ist ein Herz, das Angst davor hat, noch einmal enttäuscht zu werden. Ein krankes Herz hört auf, etwas vom Leben zu erwarten. Ein krankes Herz wird mürrisch, zieht sich zurück, wird einsam.
Das Problem ist nur: Du kannst nicht ohne Hoffnung leben. Es geht nicht. Es mag sein, dass wir uns wenig über die Hoffnung, die wir haben, Gedanken machen als moderne Christen in einer Welt, wo es uns einfach saugut geht. Nur das Neue Testament spricht an allen Ecken und Enden von der Hoffnung, die wir haben, von der Hoffnung, die durch den Herrn Jesus in unser Leben hineingekommen ist. Und es sagt uns ganz klar: Wir können nur deshalb anders leben, weil wir diese Hoffnung haben. Nicht, weil wir schlauer sind. Nicht, weil wir einander haben. Das mögen so kleine Goodies sein, die gut sind, ja. Letztlich geht es darum: Wir haben eine Hoffnung.
Und dieser Blick nach vorne, dieser Blick über den Horizont hinaus, wo ich weiß, wo ich hingehe, das bestimmt mein Leben. Und wenn es das nicht tut, weil ich zu sehr in dieser Welt gefangen bin, mit dem, was an aktuellen Problemen vor mir steht, wenn ich quasi nur noch dabei bin, meine To-do-Listen abzuarbeiten und nicht mehr den Schritt zurück wage, um das große Bild zu sehen, wo es eigentlich hingeht, dann werde ich in dieser Klein-Klein-Betrachtung allmählich meine Hoffnung verlieren.
Und wenn dann Verzweiflung kommt und mir noch so das letzte bisschen Hoffnung raubt, dann werde ich mit dem Prediger rufen: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten.“ Ich werde so die ganze Sinnlosigkeit des Lebens begreifen, und ich werde daran zerbrechen. Oder ich werde versuchen, aus dem Leben noch rauszuholen, was rauszuholen ist, so viel Erfüllung wie möglich, und dann einfach als Zyniker abtreten.
Das ist das, was Verzweiflung schafft, und deswegen habe ich Angst vor Verzweiflung. Denn ich merke, wie Verzweiflung meinen Freunden die Hoffnung raubt, dass noch einmal etwas besser werden könnte, die Hoffnung raubt, dass Gott sie lieb hat. Deswegen ist Verzweiflung etwas, wo ich sage: Boah, da müssen wir echt aufpassen. Deswegen habe ich mich getraut, diese Predigt heute zu halten, und werde beim nächsten Mal fortsetzen.
Drei Leitgedanken für den Umgang mit Verzweiflung
Heute ist mir Folgendes wichtig: Es sind drei Punkte, von denen ich mir wünsche, dass ihr sie zum Thema Verzweiflung mitnehmt, weil es jedem von euch passieren kann.
Punkt eins: Verzweiflung ist, ich nenne es mal, ein Gefühlszustand, der schneller, als uns lieb ist, in unserem Leben real werden kann. Es kann sein, dass du heute noch in eine Situation hineinkommst, die dich so überfordert, dass du verzweifelst. Bitte halte das im Blick und hab nicht so diesen Gedanken: Ja, ja, das kriegen wir schon hin. Du kriegst nichts hin.
Zweiter Punkt: Verzweiflung raubt ganz real Hoffnung. Also auch da, wo du stark im Herrn bist, wo du das mit der Hoffnung verstanden hast, wird die Verzweiflung versuchen, das, was an Hoffnung da ist, zu untergraben und dir das wegzunehmen. Verzweiflung will uns an den Punkt bringen, wo auch Christen denken: Okay, jetzt bin ich allein. Jetzt kann keiner mir mehr helfen. Jetzt ist da keiner mehr, der sich um mich kümmert. Nicht einmal Gott. Da möchte dich Verzweiflung hinbringen.
Und der dritte Punkt: Psalm 88. Psalm 88 gibt uns einen ersten Hinweis darauf, wie man mit solchen Momenten der Verzweiflung umgeht. Und es sind mir zwei Dinge von allergrößter Wichtigkeit.
Punkt eins: Es braucht das brutal ehrliche Gespräch mit Gott. Wenn du mittendrin steckst in Verzweiflung, dann wirst du Dinge sagen und auch Gott sagen, die sich nicht nett anhören. Und das müssen sie auch nicht. Psalm 88 ist nicht nett und auch nicht fröhlich, aber es ist das, was er fühlt und was in ihm drinsteckt. Und deswegen müssen wir diese hässlichen Gefühle, die in uns drinstecken, Gott ins Gesicht schreien. Es ist allemal besser, als sie unter den Teppich zu kehren.
Und dann kommt ein zweiter Punkt, den ich vorhin noch nicht gesagt habe, der gehört auch zu Psalm 88. Das ist der verrückteste Punkt, also für mich immer wieder einer der allerverrücktesten Punkte am Christsein schlechthin: Meine Verzweiflung gehört in die Öffentlichkeit. Ich sage das noch einmal, denn das werdet ihr nicht so schnell schnallen: Meine Verzweiflung gehört in die Öffentlichkeit. Sie gehört in die Gemeinschaft der Gläubigen.
Warum sage ich das? Weil Psalm 88 ein Psalm ist, den man im Gottesdienst gesungen hat. Und nicht als den großen Überwinderpsalm, nach dem alles vorbei ist, sondern als ein Psalm, der einfach nur mein verzweifeltes Ringen mit Gott beschreibt. Und ich glaube, dass Sonntag für Sonntag mehr Geschwister in Gottesdiensten sitzen, die, wenn man sie fragen würde: Was möchtest du singen? Was würde deinem Gefühl, deiner inneren Gefühlslage am besten entsprechen? die, wenn sie wählen könnten und Psalm 88 kennen würden, sagen würden: Das Lied wäre cool. Das Lied würde es eigentlich treffen.
Und wir haben uns angewöhnt, die schwärzesten und dunkelsten Momente unseres Lebens mit uns selbst auszumachen. Und deswegen dieser zweite Punkt aus Psalm 88: Meine Verzweiflung gehört in die Öffentlichkeit. Verzweiflung wird gefährlich, wenn ich mich isoliere, wenn ich anfange, mich um meine negativen Gedanken zu drehen, wenn niemand mehr so richtig weiß, wie es mir geht, wenn dieser Gedanke hochkommt: Damit kann ich doch niemanden belasten. Das muss ich doch mit mir selbst ausmachen. Oder noch schlimmer, wenn ich mich dafür schäme, dass ich so denke und empfinde.
Und deswegen von hier vorne einmal gesagt, damit jeder weiß, was Sache ist: Deine Verzweiflung ist gottesdiensttauglich. Deswegen gibt es Psalm 88. Und vielleicht machen wir an dieser Stelle den größten Fehler, gerade wenn wir sagen: Ich kann doch die Geschwister nicht mit meinen Problemen belasten. Ach, ich möchte im Gottesdienst aber nicht klagen. Ganz ehrlich: Das ist eine Mischung aus Stolzsein und Dummheit. Es ist völlig falsch. Wir müssen unsere Not mit denen teilen, die Gott an unsere Seite gestellt hat. Deswegen gibt es uns doch überhaupt.
Es wäre doch absurd zu sagen, wir dürfen miteinander feiern, aber nicht miteinander klagen. Es ist doch genau andersherum, wird ein Schuh draus. Wir klagen miteinander, bis Gott uns tröstet, damit wir wieder feiern können. Worum läuft es denn? Statt dass wir miteinander feiern und die, denen es schlecht geht, sagen: Okay, da gehe ich lieber nicht mehr in den Gottesdienst, es trifft einfach nicht mehr, wie es mir geht. Die praktische Folge, dass wir nicht mehr miteinander weinen und klagen, ist aus meiner Perspektive, dass der Teufel immer mehr Christen zu Fall bringt. Und deswegen wünsche ich mir, dass wir daran umdenken.
Ich weiß, dass die moderne Worship-Kultur dem ein bisschen entgegenläuft. Ja, vielleicht muss man da andere Formen finden, ich weiß es noch nicht. Ich will nicht das eine gegen das andere verdammen. Aber ich merke: Psalm 88 zeigt mir zwei Dinge. Erstens: Wenn du nicht mehr weiter weißt, wenn du echt am Ende bist, weil deine Ehe es nicht bringt, weil dir ein Fehler passiert ist, wo du sagst: Boah, das hätte ich nie gedacht, weil du dich ins Bodenlose schämst, weil man dir etwas angetan hat oder eine Not in dein Leben gekommen ist, wo du sagst: Damit komme ich nicht klar, das überfordert mich, dann ist das, was du brauchst, das Gespräch mit Gott in aller Ehrlichkeit. Bitte keine Floskeln. Sag ihm, was du fühlst. Trau dich, ein paar Dinge zu sagen, die ein bisschen zu grob klingen. Das ist völlig okay. Gott sieht dein Herz.
Und das Zweite: Bring es in die Gemeinschaft der Heiligen. Da gehört es hin.
Ausblick auf die Fortsetzung
So viel zu diesen drei Punkten für heute. Ich möchte nächstes Mal an diesem Punkt weitermachen, einen Schritt darüber hinausgehen und überlegen, wie Verzweiflung nicht einfach nur negativ sein kann, sondern wie Verzweiflung ein Verbündeter sein kann, um dieselbe Hoffnung auf Gott zu haben, wie wir sie bei Jesus finden.
Denn Jesus hatte auch so einen Moment der Verzweiflung in seinem Leben. Und die Frage ist: Warum? Wie kann er uns da ein Vorbild sein?
Ich glaube, es hat damit zu tun, dass wir auf der einen Seite aufpassen müssen, dass Verzweiflung uns nicht verschlingt. Das war heute das Thema. Aber wir müssen Verzweiflung auch zu nutzen lernen. Wenn wir nicht an Verzweiflung vorbeikommen, wenn sie ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens ist, dann müssen wir überlegen: Okay, alle Dinge sollen zum Guten mitwirken. Wie kann so ein negatives Gefühl mich mehr in die Nähe Gottes ziehen?
Aber das machen wir erst beim nächsten Mal. Vielen Dank.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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