Einführung: Das Thema des Psalms und seine Bedeutung
Wie ihr gesehen habt, sind wir jetzt bei Psalm 13. Ich habe ihn einmal mit dem Titel „Bis wann“ überschrieben. Ich weiß nicht, ob ihr das erkennen könnt.
Ich habe dieses Foto gefunden: eine lange Bank. Wir sprechen ja oft davon, dass etwas „auf die lange Bank geschoben“ wird, um deutlich zu machen, dass man sehr lange warten muss. Als Unterüberschrift habe ich geschrieben: „Wie wir aus dem Jammertal zum Jubeln kommen. Bis wann?“
Zu Beginn lese ich euch diesen Psalm vor. Er besteht nur aus sechs Versen und ist ein Psalm von David, gerichtet an den Chorleiter:
„Bis wann, Herr, willst du für immer mich vergessen? Bis wann willst du dein Angesicht vor mir verbergen? Bis wann soll ich Sorgen hegen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen bei Tage? Bis wann soll sich mein Feind über mich erheben?“
„Schau her, antworte mir, Herr, mein Gott, mach hell meine Augen, dass ich nicht zum Tod entschlafe, dass mein Feind nicht sage, ich habe ihn überwältigt, meine Bedränger nicht jauchzen, wenn ich wanke.“
„Ich aber habe auf deine Gnade vertraut, mein Herz soll jauchzen über deine Rettung. Ich will dem Herrn singen, denn er hat wohlgetan an mir.“
Ich weiß nicht, ob ihr so etwas kennt: „Bis wann?“
Es ist leicht, diesen kurzen Psalm zu gliedern. Die Verse 2 und 3 enthalten seine verzweifelten Fragen. Die Verse 4 und 5 sind ein inniges Gebet. Und Vers 6 drückt frohe Zuversicht aus. Ich glaube, es fällt niemandem schwer, diesen Psalm so zu gliedern.
Nun schauen wir uns das einmal genauer an.
Die verzweifelten Fragen des Psalmdichters
Und wir sehen darin vier verzweifelte Fragen. Ich habe mir jeweils das „Bis wann“ unterstrichen. Daraus wird deutlich: Bis wann, Herr, willst du für immer vergessen?
Ich weiß nicht, ob du solche Fragen kennst. Ich glaube, jeder von uns hat schon mal Situationen erlebt, in denen er immer wieder auf die Uhr schaut und sagt: Herr, bis wann? Wie lang noch? Wie lang? Oftmals denke ich darüber nach, wie es vielen im Laufe der Geschichte ergangen sein mag – oder auch jetzt all denen, die verfolgt werden. Ist das nicht ein Gebet, das Christen in Nordkorea beten: Bis wann? Wie lang dauert es noch?
Dem Psalmdichter geht es so, als ob Gott ihn vergessen hätte. Nun kann man spekulieren, in welcher Zeit wohl David diesen Psalm gedichtet hat. Ich möchte annehmen, dass es die Zeit war, in der er auf der Flucht vor Saul war. Ihr müsst euch vorstellen: Er wurde in jungen Jahren von Samuel zum König gesalbt. Im Grunde war er der heimliche König. Und wie viele Jahre war er auf der Flucht vor Saul? Insgesamt zehn Jahre.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er irgendwo am Eingang einer Höhle sitzt, zum Himmel schaut und sich fragt: Gott, bis wann? Wie lange dauert das noch? Man hätte sagen können: David, spuck in die Hände und kämpf gegen Saul! Immerhin hatte er inzwischen 400 Leute bei sich. Da hätte man schon etwas ausrichten können. Vor allem in solchen Situationen, als Saul ihn verfolgte.
David verzieht sich in den hinteren Teil der Höhle, während Saul vorne seine Notdurft verrichtet. Dann legt sich Saul nieder und schläft. Der Heeroberste von David sagt: „Das ist deine Chance!“ Er bittet David, ihn einmal mit dem Speer zu treffen, um Saul wie eine Insekten am Boden zu zerdrücken. Das wäre ein Leichtes gewesen. Man könnte sagen: David, das ist deine Chance, und jetzt ist die Zeit endlich vorbei, in der du fliehen musst.
Doch David weiß: Nein, Gott gibt mir nicht den Auftrag dazu. Er sieht es als Versuchung an, eigenmächtig zu handeln. Ich kann mir gut vorstellen, dass manche seiner 400 Leute ihm gesagt haben: David, das war ein Fehler. Jetzt hättest du König werden können.
David sitzt am Eingang der Höhle und fragt: Bis wann, Herr, willst du mich für immer vergessen? Bis wann willst du dein Angesicht vor mir verbergen? Kennst du das? Es gibt Situationen, da betest du und meinst, dein Gebet reicht nur bis zur Decke. Selbst wenn du draußen im Freien sitzt und betest, hast du das Gefühl, es kommt nicht an. „Gott, wo bist du?“ David hat den Eindruck, Gott verberge sein Angesicht, er schaue weg.
Wie viele Christen haben das schon erlebt? „Bis wann, Gott?“ Ich glaube, dass Gott Dinge zulässt, bei denen wir oft denken: Muss das sein? Könnte das Leben als Christ nicht immer auf sonnigen Höhen verlaufen? Das wäre doch super. Oftmals wird das so bei Evangelisationen verkündet: Nimm Jesus an, und alles wird gut.
Doch jeder von uns weiß, dass oft genau das Gegenteil passiert. Das Herz wird zwar frei, aber die Situationen werden schwierig. Ich habe euch gestern von unserer Pflegetochter erzählt, deren Mutter ihr sagte: „Ich wünschte, du wärst wieder auf Droge.“ Manche Schwierigkeiten kommen erst danach, und Gott lässt sie zu. Gott räumt nicht alles aus dem Weg. Man hat oft den Eindruck, Gott verberge sein Angesicht.
Die dritte Frage, die David stellt, lautet: Bis wann soll ich Sorgen hegen in meiner Seele? Gibt es hier jemanden, der keine Sorgen hat? Man könnte auch sagen: Gott, die Sorgen sind eine komische Erfindung, oder? Wir könnten gut darauf verzichten. Ein sorgenfreies Leben – bis wann soll ich Sorgen hegen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen bei Tage?
Bei uns ist es meistens so – oder bei mir –, dass Sorgen meist nachts kommen. Du liegst im Bett, drehst dich von einer Seite auf die andere. Ich denke oft an diesen Spruch aus den Sprüchen: „Der Faule dreht sich in seinem Bett wie die Tür in der Angel.“ Manchmal habe ich den Eindruck, das ist wie eine Drehtür, und du kommst nicht raus.
Ist euch schon mal aufgefallen, dass die Bibel zwei verschiedene Arten von Denken beschreibt? Es gibt ein Denken, das sich immer im Kreis dreht, und du findest nicht den Ausknopf. Das nennt die Bibel Grübeln. Das ist so, als kennt ihr noch diese Kreisel von früher. So kommt einem das manchmal vor. Der Vorteil bei einem Kreisel ist, dass er nach einer Zeit aufhört. Aber es gibt Nächte, da dreht sich das Grübeln und du bist wie gerädert.
David hat Kummer in seinem Herzen am Tag. Auch das gibt es. Manche Geschwister wünschen sich morgens schon, es wäre Abend. Sie haben keine Lust, sich anzuziehen. Wie viele sind depressiv, niedergeschlagen, verzweifelt, weil sie mit den Sorgen und dem Kummer nicht klarkommen?
Ich kann David sehr gut verstehen. Ich weiß nicht, wie er sich aufgehalten hat im Rahmen all der 400 Leute, die bei ihm waren. Alle hatten eine bedrückte Seele, alle wurden von Saul verfolgt und hatten irgendetwas am Stecken. Fröhliche Stimmung war das nicht.
Und das wissen wir auch: Wo einer schlecht drauf ist, kommen viele dazu, die ebenfalls schlecht drauf sind. Wir meinen oft, es tut gut, wenn dann einer nebenher geht und sagt: „Ja, ich bin auch sauer.“ Denken wir an die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen. Einer war niedergeschlagen und suchte sich einen aus, der auch niedergeschlagen war. Endlich hatte man jemanden, der einen versteht. Beide ließen die Köpfe hängen, zählten die Kieselsteine auf dem Boden und heulten sich gegenseitig ihr Elend vor. Das zieht nur noch weiter runter.
Es gibt Gemeinden, in denen ganze Hauskreise nur so funktionieren – sie machen sich gegenseitig Mut, sauer zu sein.
David sagt: „Bis wann?“ Und dann hat er noch eine Frage: Bis wann soll sich mein Feind über mich erheben? Dabei hatte er Saul gar nichts getan, sondern dieser verfolgte ihn aus Neid, weil er Angst um seinen Thron hatte. So wurde Saul zum Feind von David.
Ich weiß nicht, ob du Feinde hast, ob du Menschen in deiner Umgebung hast, die dir nicht wohlgesonnen sind – vielleicht am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Es gibt solche Nachbarn, die immer nur das Negative suchen.
Als wir damals Hausmeister in der Gemeinde waren, hatten wir so eine Nachbarin. Ihr gehörte das Grundstück nebenan. Sie war immer muffig und suchte immer irgendwo Streit. Das hat sich erst gebessert, als wir Kinder bekamen und die Kinder sie so fröhlich anschauten. Da konnte sie auf einmal nicht mehr so muffelig sein. Kinder helfen manchmal aus so einer Situation heraus.
Aber man hat hier den Eindruck, David hatte wirklich Feinde, die ihn verfolgten. Er musste sich verstecken. Und wie schwierig das gewesen sein muss! Er lebte in Höhlen – das war wahrscheinlich nicht gerade der beste Komfort.
Umgang mit Leid und die Frage nach dem "Bis wann?"
Wie gehen wir damit um, wenn wir solche Fragen haben? Bis wann?
Ich denke an einen jungen Bruder aus unserer Gemeinde. Er liegt jetzt seit fünf Jahren krank da. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Damals kam er ins Krankenhaus, eigentlich wegen einer Lappalie. Es sollte eine Fistel am verlängerten Rückenmark operiert werden. Die Operation gelang, doch die Wunde infizierte sich. Zwei Tage später wurde er entlassen. Doch die Infektion führte zu einer Blutvergiftung. Er lag im Sterben, kam zurück ins Krankenhaus und wurde ins künstliche Koma versetzt.
Er lag ein Vierteljahr im Koma. Die Ärzte bekamen ihn nicht wieder heraus. Er bekam Anfälle, jeweils mit Zuckungen. Das hat sich weiter entwickelt: Sein Rücken ist durchgelegen, die Beine sind steif geworden. Die Ärzte und Therapeuten versuchen, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Das gelingt nur mit einem Lifter, um ihn aus dem Bett in den Rollstuhl zu heben. Er kann sich nicht selbst bewegen.
Drei kleine Kinder, und man fragt sich: Warum? Es sind jetzt fünf Jahre, und es gibt keine Aussicht auf Besserung. „Bis wann, Herr, bis wann?“
Man kann verstehen, wenn seine Frau so fragt, wenn die Kinder so fragen, wenn die Eltern so fragen, wenn er selbst so fragt. Und was sagt man, wenn man an so einem Bett steht? Man kann doch nicht einfach sagen: „Kopf hoch“, oder?
Ich denke auch an einen Älteren in meinem Alter. Vor anderthalb Jahren hatte er einen Autounfall. Eine junge Frau fuhr ihm ins Auto, seine Beine wurden zertrümmert. Seitdem liegt er im Bett. Es heilt nicht. Und man fragt sich: Bis wann?
Ihr könntet sicherlich auch solche Geschichten erzählen. Wir fragen: Herr, warum lässt du deine Lieben so leiden? Hast du die Uhr abgestellt? Bis wann?
Was sagt man zu jemandem, der in so einer Situation ist?
Ich erinnere mich an eine Studienkollegin von mir. Das ist viele Jahre her. Sie war die Beste im Semester. Ein halbes Jahr nach den Prüfungen, am Ende des Studiums, hatte sie einen Verkehrsunfall und wurde völlig zertrümmert. Die Ärzte führten dreizehn Operationen durch, Gesichtschirurgie, um ihr Gesicht nach alten Fotos wiederherzustellen. Sie lag sechs Wochen im Koma. Seitdem hat sie epileptische Anfälle und konnte nur noch in einem verdunkelten Zimmer liegen.
Man besucht eine junge Frau und denkt: Was sagt man da?
Ich hatte ihr während des Studiums vom Herrn Jesus erzählt. Ich hatte sie auch schon einmal mit zur Evangelisation genommen. Aber was sagt man als Gesunder einem Kranken? Ich muss sagen, das, was ich ihr zu sagen versuchte, klang für mich hohl. Wie kann ich jemandem raten, der so leidet?
Wir waren damals schon verheiratet und hatten drei Kinder. Dann fiel mir ein: Sie kannte meinen Vater. Mein Vater war ebenfalls krank gewesen, und das wusste sie. Er hatte sie besucht, und bei ihm war sie zum Glauben gekommen. Sie lebte noch zehn Jahre.
Aber das Eigenartige ist – und daran musste ich denken, als ich diesen Psalm gelesen habe –, die Krankheit besserte sich nicht. Sie hatte weiterhin Anfälle. Sie sah weiterhin nicht so aus wie vorher. Das war schon schwierig. Man besuchte sie, sie sah nicht hässlich aus, aber anders. Man musste sich sagen: Das ist Birgit. Aber sie sah ganz anders aus, als man sie vorher gekannt hatte. Die plastische Chirurgie kann zwar vieles, aber ganz genau konnten sie es nicht machen.
Doch seit sie zum Glauben gekommen war, hatte sich ihr Leben verändert – nicht das Äußere, aber das Innere. Und das war schon eigenartig. Wenn man sie besuchte, ging man selbst getröstet von ihr weg. Sie sagte: „Ich bin dankbar, dass Gott mir meinen Rücken zerschlagen hat, dass er mich zertrümmert hat. Ich wäre sonst nie zum Glauben gekommen.“
Und sie sagte: „Es ist besser, mit epileptischen Anfällen in den Himmel zu kommen, als mit einem gesunden Körper in der Hölle.“
Das war schon eigenartig. Ihre Verwandten sagten: „Birgit, was ist mit dir passiert? Du bist anders geworden.“ Und sie gab Zeugnis, dass ihr Herz heil geworden ist.
Als es dann zum Sterben ging, bat sie mich, die Beerdigung zu halten. Ich muss sagen, ich war fürchterlich aufgeregt. Es war meine erste Beerdigung, die ich gehalten habe. Ich war damals dreißig Jahre alt. Sie sagte zu mir: „Eberhard, erzähle nichts von mir. Erzähle nur von meinem Jesus. Mach eine Evangelisation daraus.“
Und ich werde diese Beerdigung nie vergessen.
Vielleicht noch das: Sie ist wirklich zum Glauben gekommen, obwohl sie nie mehr eine Gemeinde besuchen konnte. Sie fragte mich einmal: „Eberhard, wie kann ich denn auch mal am Brotbrechen teilnehmen? Und ich würde mich gerne taufen lassen.“
Das war körperlich nicht mehr möglich. Ich durfte ihr zusprechen: „Jesus weiß, dass du dich körperlich nicht mehr taufen lassen kannst, aber nimm es so, als ob es jetzt wäre.“
Dann kamen einige Brüder zu ihr und haben mit ihr das Brot gebrochen. Sie sagte: „Jetzt kann ich zu meinem Herrn gehen.“
Ich bin dankbar, das miterlebt zu haben.
Das Ringen mit Gott und die Hoffnung auf Rettung
Da ist etwas Ähnliches wie in diesem Psalm. Zuerst diese Fragen: Herr, warum? Was ist das? Dabei hätte sie eine Karriere machen können. Und sie sagt: „Ich bin dankbar, dass der Herr mich zerschlagen hat.“ Das sind Dinge, bei denen ich oft denke: Ja, der Psalmdichter macht das deutlich.
Das klingt in Vers zwei und drei wie ein heftiger Vorwurf an Gott: „Bis wann? Gott, du hast dein Angesicht vor mir verborgen. Hörst du überhaupt?“ Denken wir an unseren Herrn am Kreuz, der schreit: „Mein Gott, warum?“ Man hat den Eindruck, auch da hat Gott sein Angesicht verhüllt.
Ich denke manchmal, wenn Gott sein Angesicht verhüllt, gerade in solchen Situationen, dann tut es ihm selbst weh – bei Herrn Jesus auf jeden Fall und ich glaube auch bei uns. Auch wenn du auf deine Fragen keine Antwort bekommst, darfst du wissen: Gott hört.
Das finde ich das Erstaunliche bei David immer, dass er trotz dieser Situation in seinem Herzen nicht bitter wird. Er sagt nicht: „Gott, du bist für mich gestorben. Wie viele Menschen machen das? Gott hört ja sowieso nicht, also brauche ich auch nicht zu beten.“ Das bewundere ich bei David immer wieder.
In Vers vier und fünf sehen wir dieses innige Gebet: „Schau her“, sagt er, „schau her, antworte mir, Herr, Herr mein Gott.“ Ich bewundere, wie David mit seinem Gott redet. Er spricht mit ihm wie mit einem Menschen, aber er sagt „Herr mein Gott“. Er schreit nicht „Gott, wo bist du?“ Er sagt nicht: „Es hat keinen Zweck zu beten.“ Stattdessen ruft er trotzdem zu Gott: „Herr mein Gott, mach hell meine Augen, gib mir Hoffnung.“
Das ist schon etwas Eigentümliches mit unseren Augen, oder? Du kannst in den Augen eines Menschen sehen, ob er Hoffnung hat oder nicht. Manche der Drogenabhängigen, die zu uns kommen, haben Augen, die völlig trostlos sind, leer. „Mach hell meine Augen“ – und das ist schon etwas, wenn man merkt, wie sich die Augen verändern, wenn einer zum Glauben kommt.
Bei manchen Menschen hast du den Eindruck, sie sind schon fast gestorben. Da ist keine Hoffnung mehr drin. David sagt: „Mach hell meine Augen, dass ich nicht zum Tod entschlafe.“ Dann nennt er einen weiteren Grund, warum er darum bittet, dass Gott ihn erhört.
Das sahen wir gestern ja schon bei dem Psalm. David bittet Gott nicht nur für sich, obwohl er offensichtlich hier noch auf der Flucht vor Saul ist. Er weiß: Ich werde König werden. Und das ist schon etwas Eigenartiges bei David. Er hatte die Verheißung, dass er König wird, und er ist auf der Flucht vor Saul, aber er weiß: Ich werde König.
Er sagt: „Dass mein Feind nicht sage, ich habe ihn überwältigt, meine Bedränger nicht jauchzen, wenn ich wanke.“ Herr, es geht um das Zeugnis von dir. Es geht nicht nur um mich, es geht um das Zeugnis.
Denken wir vielleicht an die Begebenheit, wo Mose mit Gott ringt. Ihr erinnert euch an die Situation: Mose war auf dem Berg gewesen, hatte die Anweisung bekommen, wie er die Stiftshütte bauen sollte. Dann kommt er vom Berg runter, und das Volk feiert unten mit dem goldenen Kalb und hat das Gesetz schon übertreten, das gerade gegeben worden war.
Gott sagt zu Mose: „Geh abseits, ich vernichte das Volk und mache aus dir ein neues Volk.“ Das wäre doch etwas gewesen, oder? Und dann ist es eigenartig, wie Mose reagiert. Er sagt zu Gott: „Das kannst du nicht machen. Wenn du dieses Volk vernichtest, werden die Feinde sagen, Gott hat es nicht geschafft.“
Das ist eigenartig: Mose packt Gott an die eigene Ehre. „Gott, du hast es versprochen. Du wolltest dieses Volk in die Freiheit führen. Es geht nicht um mich, es geht um dieses Volk.“ Hier ist es ähnlich: David sagt, dass die Feinde nicht über ihn jauchzen, wenn er wankt.
Im Grunde ist es oft so: Wenn jemand, der gläubig ist, auch in der Not dem Herrn treu bleibt, ist das ein größeres Zeugnis, als wenn er im Gutgehen dem Herrn nachfolgt. Auch das müssen wir sehen: Warum lässt Gott bei Gläubigen oft Leid zu? Nicht, weil er den Gläubigen strafen will, sondern weil er anderen Menschen deutlich machen will: Da ist einer, der an mich glaubt, und er hält an mir fest und vertraut mir, auch wenn er in Not ist.
Denken wir an die Geschichte von Hiob. Gott stellt Hiob hinterher den Freunden Hiobs gegenüber dar: Er ist treu geblieben, obwohl Hiob auch manches Mal gesagt hat: „Gott, verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde.“ Er kam auch nicht damit klar, mit dem Weg Gottes mit ihm.
Aber Gott lässt das Leid bei Hiob zu, nicht nur um der Freunde willen. Sondern dieses Buch steht in unserer Bibel. Wie viele Menschen sind dadurch getröstet worden? Mir scheint, dass David das zwischen dem fünften und sechsten Vers verstanden hat. Da sagt er: „Ich aber habe deiner Gnade vertraut, mein Herz soll jauchzen über deine Rettung. Ich will dem Herrn singen, denn er hat wohlgetan an mir.“
Er vertraut auf die Güte Gottes, er jubelt über die Rettung, obwohl die noch gar nicht da ist. Und er sagt: „Ich will dem Herrn singen.“
Der Weg vom Jammertal zum Jubeln
Wie kann ein Mensch in einer solchen Situation, wie David sie in Vers zwei und drei beschreibt, zum Jubeln kommen? Offensichtlich blickt David über diesen Moment hinaus. Er erkennt, dass es nicht nur um ihn selbst geht, sondern um Gott.
Dann nimmt er sich vor: „Ich will dem Herrn singen, mein Herz soll jauchzen.“ In Vers zwei und drei fühlt er sich noch nicht zum Jauchzen bereit. Doch das ist eine bewusste Willensentscheidung, wie in Vers sechs deutlich wird, auch wenn die Rettung vielleicht noch nicht eingetroffen ist.
David sagt: „Ich traue auf deine Gnade, ich weiß, wen ich an dir, Gott, habe, mein Gott.“ In dieser Haltung möchte ich uns allen Mut machen – auch in Situationen, in die wir vielleicht geraten. Ich glaube, jeder von uns kennt solche Momente. Wichtig ist, den Silberstreif am Horizont zu erkennen.
Das ist kein billiges Vertrösten auf die Zukunft, sondern die Gewissheit, dass Gott dahintersteht und ein Ziel mit allem hat – auch mit der Not, die ich gerade durchmache. Gott hat einen Sinn dabei, und er soll geehrt werden.
Deshalb möchte ich zum Abschluss Folgendes sagen: Der Zustand meines Herzens hängt nicht von den Umständen ab, sondern von meinem Vertrauen auf einen großen Gott. So komme ich aus dem Jammertal zum Jubeln. Amen.
