
Einführung: Ein besonderer Karfreitag und das Kreuz als Zeichen
Wir feiern heute einen guten Freitag, wie die Amerikaner sagen. Es ist wirklich ein guter Tag, weil wir daran denken, dass Gott seine Verheißungen, die er über Jahrhunderte im Alten Testament gegeben hat, wahrgemacht hat. Sie sind Wirklichkeit geworden.
Jesus ist vor den Toren Jerusalems schuld- und sündlos für mich gekreuzigt worden. Daran denken wir. Das Kreuz von Golgatha ist so zentral in Gottes Heilsgeschichte, dass viele Gemeinden es sich ins Logo aufgenommen haben. Damit machen sie deutlich: Wir gehören zu dem Mann, der dort am Kreuz sein Leben für uns ließ.
Auch wir als Gemeinde haben in unser Logo ein Kreuz aufgenommen. Wenn man genauer hinschaut, merkt man sogar, dass es drei Kreuze sind. Unser Logo ist nicht so typisch deutsch, wo alles im rechten Winkel und poliert sein muss. Vielmehr ist es wahrscheinlich eher so gestaltet, wie die Kreuze zur Zeit des Herrn Jesus wirklich waren.
Mit diesem Symbol unterstreichen wir das, was Paulus den Korinthern schreibt. Das soll mein Predigttext heute Morgen sein, aus 1. Korinther 1, ab Vers 22 bis zum Schluss des Kapitels, bis Vers 31.
Die Botschaft des gekreuzigten Christus in Korinth
Ich lese ab 1. Korinther 1,22. Dort schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth:
„Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen suchen Weisheit. Wir aber predigen Christus als gekreuzigt – den Juden ein Ärgernis und den Nationen eine Torheit. Für die Berufenen selbst, sowohl Juden als auch Griechen, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen.
Seht eure Berufung, Brüder: Es sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige und nicht viele Edle berufen worden. Vielmehr hat Gott das Törichte der Welt erwählt, damit er die Weisen zuschanden macht, und das Schwache der Welt, damit er das Starke zuschanden macht.
Auch das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nicht ist, damit er das, was ist, zunichte mache. So kann sich vor Gott kein Mensch rühmen.
Aus ihm aber kommt es, dass ihr in Christus Jesus seid, der für uns zur Weisheit von Gott geworden ist, zur Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung.
Damit, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“
Die Herausforderung des gekreuzigten Messias für Zeitgenossen
Der zentrale Satz in diesem Abschnitt ist die Aussage von Paulus: „Wir predigen Christus als gekreuzigt.“ Für die Zeitgenossen des Herrn Jesus war dieser Satz unmöglich.
Den Christus, also den Messias, predigte man doch als Sieger, als Held. Als denjenigen, der jeden Widerstand überwindet. Aber man sprach nicht von einem Messias, der wie ein Verbrecher an einem Kreuz stirbt.
Als Cicero den Senator Rabirius in einem Mordfall verteidigte, sagte Cicero: „Allein das Wort Kreuz sollte nicht nur vom Leib, sondern selbst von den Gedanken, den Augen und den Ohren eines römischen Bürgers weit entfernt sein.“
Ein römischer Bürger durfte damals – außer bei Verrat, das war die einzige Ausnahme – nicht ans Kreuz geschlagen werden. Diese Art zu sterben war zu grausam.
Deshalb schwankte man im alten Rom, wenn von einem gekreuzigten Christus die Rede war, zwischen Fassungslosigkeit und Spott darüber, dass die Christen einen gekreuzigten Christus anbeteten.
Die Wahrnehmung des Kreuzes in der Antike und Kirchengeschichte
Wenn ihr einmal in Rom seid und den Palatin besucht, solltet ihr auch den Kaiserpalast mit dem dortigen Museum besichtigen. Dort werdet ihr eine Strichzeichnung sehen, die etwa 1900 Jahre alt ist. Auf dieser Zeichnung hängt ein Mann an einem Kreuz, allerdings mit einem Eselskopf, um deutlich zu machen, dass das als dumm dargestellt wird. Darunter steht: „Alexander betet seinen Gott an.“
Diese Darstellung zeigt buchstäblich, was Paulus in Vers 23 sagt: Für die Nationen ist der gekreuzigte Christus eine Torheit. Es erscheint als Dummheit, an einen Christus zu glauben, der am Kreuz hängt.
Ich erinnere mich aus der Kirchengeschichte, dass die Missionare, als das Evangelium die Germanen erreichte, mit der Geschichte von Judas besonders punkten konnten. Judas war ein Mann, der ganz eng mit den anderen Jüngern verbunden war, und niemand ahnte, dass er der Verräter sein würde. Für die Germanen war er zunächst der Held.
Doch die Geschichte eines Versagers, der am Kreuz hängt, konnten die kriegerischen Germanen zunächst überhaupt nicht verstehen. Noch weniger konnten sie nachvollziehen, dass Christen das Kreuz betonen sollten. Das ist so, als würde man heute für einen Verein ein Wappen wählen und darin einen elektrischen Stuhl oder einen Galgen abbilden – darüber kann man nur den Kopf schütteln.
Anfangs hatten die Christen andere Erkennungszeichen. Sie nutzten zum Beispiel das V als Symbol, die Taube, den Palmzweig oder den Fisch. Später gab es das Hieromonogramm, das man als „Px“ sieht. Man hätte auch den Stein als Zeichen der Auferstehung oder den Thron als Symbol der Macht wählen können. Doch nein, etwa ab dem sechsten Jahrhundert entschieden sie sich bewusst für das Kreuz.
Sie wollten nicht die Geburt des Herrn Jesus betonen, auch nicht seine Auferstehung oder sein Leben in den Mittelpunkt stellen. Stattdessen wollten sie seinen Tod hervorheben und ihn als gekreuzigten Christus verkünden – so wie Paulus es hier macht.
Die Reaktion der Juden auf den gekreuzigten Messias
Trotzdem erweist sich, dass Jesus auch bei seinen Volksgenossen ein Ärgernis ist, ein Anstoß – hier steht wörtlich „Skandalon“, also ein Skandal. Dies liegt daran, dass sie auf ihren Messias gewartet haben. Dieser Messias sollte für sie in Macht und Herrlichkeit kommen. Doch dieser Messias hängt nicht am Kreuz.
Dass Jesus am Kreuz hängt, ist für die Juden eine gerechte Strafe. Sie erkennen darin, dass er niemals der Messias sein kann. Genau das sagt Paulus hier: Jesus ist für sie ein Ärgernis.
Ich las bei einem jüdischen Professor, dass der Talmud seine Leser ins Totenreich blicken lässt. Demnach teilt Jesus seinen Platz dort mit Titus und Bileam, den beiden anderen Erzfeinden Israels. Titus wird für die Zerstörung des Tempels bestraft, indem man ihn verbrennt, seine Asche einsammelt, ihn wiederherstellt und erneut verbrennt. Bileam ist dazu verdammt, in einer heißen Flüssigkeit die ganze Ewigkeit zu sitzen. Jesus hingegen muss ewig in kochenden Exkrementen sitzen, so sagt es der Talmud.
Damit ist klar: Nach dem Talmud sitzt Jesus ewig in der Hölle. Er ist nicht von den Toten auferstanden. Und genau das wird auch der Platz für seine Anhänger sein, die sich von ihm verführen lassen. Das ist jüdisches Denken.
Es stimmt also, was Paulus hier schreibt: Für die Juden ist Jesus ein Skandal. Er kann nicht der Messias sein, sondern nur ein Irrlehrer und Verführer.
Als ich in Israel in einer Synagoge mit einem Juden über Jesus sprechen wollte, sagte er: „Das ist der Name, den ich nicht einmal in den Mund nehmen werde.“ So wird Jesus bis heute von frommen Juden abgelehnt.
Die Berufenen: Gottes Kraft und Weisheit im Kreuz
Es sind die beiden Gruppen, die Paulus hier in unserem Text nennt. Zum Glück sind es aber nicht die einzigen Gruppen.
Er nennt hier eine weitere Gruppe, die aus beiden besteht – sowohl aus Juden als auch aus den Nationen. Paulus spricht hier von den Berufenen. Das sind Menschen, die aus beiden Gruppen kommen, aber sie verbindet etwas sehr Besonderes.
Paulus sagt in Vers 24, was sie verbindet: Jesus ist für sie Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Deshalb habe ich diese Predigt mit dem Satz überschrieben: Gott ruft dich zum Kreuz, um Jesus als deine Kraft und deine Weisheit zu erleben. Gott ruft dich zum Kreuz, um Jesus als deine Kraft und deine Weisheit zu erleben.
Gott ruft dich zum Kreuz, um Jesus als deine Kraft zu erleben
Zunächst einmal: Gott ruft dich zum Kreuz, damit du Jesus als deine Kraft erleben kannst. Die Tragik in diesem Text liegt darin, dass vielen Menschen egal ist, ob Gott sie ruft oder nicht. Sie wollen nicht, dass Gott in ihr Leben hineinredet. Sie leben ohne Gott in der Welt, sind von ihm getrennt, und diese Trennung von Gott nennt die Bibel Sünde.
Sprachlich spiegelt sich dieser Gedanke der Trennung im Wort „Sund“ wider, wie zum Beispiel beim Fehmarn Sund. Wenn man auf einem deutschen Atlas Schleswig-Holstein betrachtet, sieht man die Insel Fehmarn, die durch einen Sund von diesem Bundesland getrennt ist. So wie die Sünde mich von Gott trennt, lebe ich von Gott getrennt, als wäre ich durch einen Sund von ihm getrennt.
Viele Menschen leben so und finden das völlig in Ordnung, besonders wenn sie zu den drei Gruppen gehören, die Paulus in Vers 26 anspricht. Das sind zum einen Menschen mit abgeschlossenem Studium, sogar mit akademischem Titel. Dann sind es Personen, die weisungsbefugt für mehr als vierzig Mitarbeiter sind. Und schließlich Menschen, die in Gesellschaftsschichten unterwegs sind, die starken Einfluss auf andere haben.
Wenn du zu einer dieser Gruppen gehörst, musst du nicht deprimiert sein. Es steht hier, dass es nicht viele aus diesen Gruppen sind, die auf Gottes Ruf reagieren. Das heißt aber auch, dass es doch einige gibt, die darauf reagieren, auch wenn du immer zu den wenigen aus deiner Gruppe gehören wirst. Jeder, der das Evangelium weitergibt, sollte von Paulus lernen: In Gesellschaftsschichten, die nicht so brillant denken können, die eher Befehlsempfänger sind und keinen großen Einfluss haben, gibt es viel mehr Menschen, die auf Gottes Ruf reagieren als in anderen Gesellschaftsschichten.
Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir Menschen so viel rational erklären wollen, aber Gott überwindet den „Sünden-Sund“ auf eine sehr überraschende Weise – so, wie wir es uns nie vorgestellt hätten. Das passt gar nicht zu unserem Denken. Deshalb haben Akademiker damit wahrscheinlich Probleme, weil es nicht in ein Schema passt. Oder weil wir unser Leben nur nach den Dingen ausrichten, die auf dieser Erde relevant sind, und dabei übersehen, dass es eine jenseitige Welt gibt, auf die wir uns hier auf der Erde vorbereiten können.
Offensichtlich gibt es Personen, die viel eher auf Gottes Ruf reagieren als andere. Die Berufung, von der Paulus hier spricht, ist der Ruf zum Kreuz. Die Beziehung zu Gott beginnt immer am Kreuz auf Golgatha. Nur der gekreuzigte Christus hat die Kraft, mich von der Konsequenz der Sünde freizumachen – von der ewigen Konsequenz, dass ich von Gott getrennt bleibe.
Jesus hat durch seinen Tod mein Leben, das im Minus war, durch sein Kreuz zum Plus gemacht. Er hat am Kreuz für meine Sünde bezahlt. Jesus selbst sagt: „Ich bin das Lösegeld geworden.“ Manche, wie zum Beispiel Origenes, kamen auf die Idee, dass der Herr Jesus mich aus der Macht Satans frei gekauft hat, indem er dem Satan das Lösegeld für mich bezahlt hat. Auch wenn Origenes sehr bekannt ist, ist das kein biblischer Gedanke. Denn wann hätte Satan an meinem Leben ein Anrecht erlangt, das er Gott gegenüber verkaufen könnte?
Das Lösegeld wird natürlich an Gott gezahlt. Das ist menschlich nicht logisch, dass der, der zahlt, auch der ist, der empfängt. Aber es ist biblisch. Gott ist nicht in allen Dingen an meine Logik gebunden, denn Schuld fordert Strafe. Wenn Gott mir meinen Lebensstil einfach vergibt, der gegen ihn gerichtet ist, verliert Gott seine Gerechtigkeit.
Gott hat sehr deutlich gesagt: Wer sich selbst in den Mittelpunkt seines Lebens stellt und nicht ihn zum Mittelpunkt macht, wird die Ewigkeit ohne ihn verbringen. Damit ich die Ewigkeit eben nicht ohne Gott verbringe, musste Jesus sich als Lösegeld geben. So lesen wir es auch sinnbildlich in den Berichten über diesen Tag: Er musste den Kelch trinken, den der Vater ihm gab. Es war ein schwerer Weg.
Wir hören, wie der Herr Jesus betet: „Vater, wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, damit ich ihn nicht trinken muss.“ Auch das ist eine spannende Frage: Was hat Jesus mit diesem Kelch gemeint? Eines ist sicher: Er hat damit nicht in erster Linie seinen natürlichen Tod gemeint.
Manche Menschen, die Jesus später nachfolgten, wurden mit dem Tod bedroht, aber sie hatten keine Angst davor. Ignatius, der Bischof von Antiochia, flehte auf dem Weg nach Rom die Gemeinde an, nicht zu versuchen, seine Freilassung vom Märtyrertod zu erreichen, denn damit nähme man ihm die Ehre, für Jesus zu sterben – das war seine Argumentation.
Auch Polykarp, der Bischof von Smyrna, betete, bevor er verbrannt wurde: „Vater, ich danke dir, dass du mich würdig erachtet hast, meinen Teil unter der Schar der Märtyrer zu empfangen.“ Wenn also manche Nachfolger des Herrn Jesus so bestimmt in den Tod gingen, wäre es seltsam, wenn Jesus selbst Angst vor seinem leiblichen Tod gehabt hätte.
Was dieser Kelch ist, lässt sich relativ schnell herausfinden, wenn man im Alten Testament nachschlägt. Zum Beispiel in Hesekiel 23 oder Jeremia 25 wird der Zorn Gottes eindeutig mit diesem Kelch gleichgesetzt. Das heißt, Jesus erlebt hier den tatsächlichen Zorn Gottes, den ich hätte erleben müssen.
Er, der in tiefer Gemeinschaft mit dem Vater lebt, wird in diesem Moment vom Vater getrennt, weil er den Zorn Gottes erlebt, der mir gilt. Das war der schrecklichste Moment der Ewigkeit, den der Herr Jesus stellvertretend für mich durchlebt hat. Es gibt keinen höheren Preis, den er hätte bezahlen können. Doch genau diesen höchsten aller Preise hat er bezahlt – aus Liebe zu mir.
Weil Jesus die Schuld bezahlt hat, hat er auch die Kraft, mir meine Schuld zu vergeben. Das klingt für uns vertraut, weil wir ja oft schon als Kinder in den Gottesdienst mitgenommen wurden: Gott vergibt Schuld. Aber es ist unfassbar, dass Gott wirklich Schuld vergeben kann.
Ich möchte die Frage heute Morgen mal konkreter machen: Wer kann dem Usbeken vergeben, der bei dem Anschlag in Stockholm mehrere Menschen getötet hat, wenn es ihm leid tut? Wer kann das? Wer kann dem Ganesen vergeben, der in Bonn eine Stuttgarterin vergewaltigt und ihren Mann mit einer Machete bedroht hat, wenn es ihm leid täte? Wer kann ihm diese Tat vergeben?
Wer kann, wenn er noch leben würde, dem Mann vergeben, der in Nizza Hunderte von Menschen verletzt und fast hundert umgebracht hat? Wenn er zu dir käme und fragte: „Kannst du mir das vergeben?“, wo würdest du ihn hinschicken? Was würdest du sagen? „Ja, es gibt einen Weg, und das und das musst du tun, damit diese Tat vergeben wird.“
Wir merken: Auch wenn diese Menschen ins Gefängnis kommen und nach 15 Jahren wieder herauskommen, können wir dann völlig unbeschwert mit ihnen umgehen? Ist diese Tat dann völlig aus ihrem Gedächtnis gelöscht? Nein. Schuld schreibt uns jemand anderes ins Stammbuch, das schreiben wir uns nicht selbst hinein.
Die Antwort seit Karfreitag lautet: Ja, es kann mir jemand Schuld vergeben. Jesus kann allen diesen Menschen vergeben, die ich aufgezählt habe. Und er kann auch dir vergeben, der du moralisch nicht dort stehst, wo diese Menschen stehen, und genauso von Gott getrennt bist wie sie.
Dann stellt sich die Frage: Was kann ich tun, um Gott näherzukommen? Die Antwort ist genau die gleiche: Gott ruft mich zum Kreuz, damit ich Jesus als meine Kraft erlebe und dort Gerechtigkeit und Erlösung bekomme. Um es mit Vers 30 zu sagen – das sind die Worte, die hier verwendet werden: Gott spricht mich gerecht und reißt mich los vom Starkstrom der Sünde.
Wenn jemand am Starkstrom hängt, kannst du ihn nicht anfassen, du kannst ihn nicht losreißen – er hängt fest. Ich habe das einmal gesehen, und es ist schrecklich. Aber Jesus ist derjenige, der isoliert ist und ihn anpacken und losreißen kann, weil der Strom der Sünde seinen Körper nicht mehr erreicht.
Am Kreuz hat der Herr Jesus für mich Gerechtigkeit und Erlösung erkämpft. Deshalb ist Karfreitag ein Tag, den ich feiern kann. Ich habe etwas zu feiern. Sünde kann mich nicht mehr länger von Gott trennen, wenn ich sie Gott im Gebet bekenne und um Vergebung bitte.
Wir beschäftigen uns mit vielen Problemen, übersehen aber dabei das größte Problem, das ich habe: dass zwischen mir und Gott Schuld steht. Wenn ich mir von Jesus diese Schuld nicht vergeben lasse, wartet eine Ewigkeit voller Schrecken auf mich. Deshalb ist es wichtig, dass ich mein eigentliches und größtes Problem wieder in den Blick bekomme.
Die Kernfrage der Reformation, mit der wir uns in den letzten Predigten beschäftigt haben, war: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Die Antwort lautet: Komm zum Kreuz, erlebe Jesus als deine Kraft, weil er die ewige Konsequenz der Sünde zerbricht und mir die Kraft gibt, nicht mehr in alten Lebensmustern unterwegs sein zu müssen.
Du bist als Christ von Jesus berufen, in deiner Erlösung zu leben. Von Jesus heißt es, er wurde in allem versucht, aber er war ohne Sünde. Ich stelle mir das so vor: Jesus hatte Gott, seinen Vater, vor Augen. Um es bildlich auszudrücken – der Vater wartete hier an der Wand hinter dem Kreuz auf seinen Sohn.
Wenn wir uns vorstellen, Jesus wurde da hinten an der Gemeindetür geboren und geht dann diesen Gang entlang, seinen Lebensweg Stück für Stück zum Kreuz. Dabei behält er den Vater ständig im Blick. Das war für den Herrn Jesus das Wichtigste: Gott muss das Ziel meines Lebens sein, und Gott muss die Mitte meines Lebens sein. Nur dann habe ich echte Erfüllung.
Auf diesem Weg durch die Jahre gab es unzählige Versuche, den Blick des Herrn Jesus vom Kreuz und vom Vater wegzulenken und ihn vom Weg abzubringen. Tausende dunkle Gestalten boten ihm wie auf einem Basar alles Mögliche an, wenn er dort entlangging, versuchten ihn vollzureden.
Der eine rief: „Herr Jesus, konzentrier dich mal mehr auf dieses Leben, sieh zu, dass du zu mehr Besitz kommst.“ Satan selbst bot Jesus Macht an: „Hier, das kannst du haben.“ Oder Satan gab Petrus seine Gedanken weiter: „Jesus, das Leiden ist deiner nicht würdig, du solltest auf jeden Fall einen Bogen ums Leiden machen.“
Vielleicht hörte Jesus auch die Stimme des Zweifels: „Meint der Vater es wirklich gut mit dir?“ Bei uns ist es manchmal die Stimme: „Gibt es den Vater überhaupt?“ Was an Jesus so beeindruckend ist: Jeden Tag haben diese Stimmen geredet, und er hat sich von ihnen nicht verführen lassen. Er ging seinen Weg in tiefer Gemeinschaft mit Gott bis zum Kreuz.
Auch in meinem Leben gibt es viele Stimmen, die meinen Blick von dem Vater und seinem Wort wegziehen wollen. Aber Jesus will mir die Kraft schenken, mich von diesen Angeboten nicht verführen zu lassen, indem ich immer wieder sehr bewusst auf ihn schaue.
Das mache ich, indem ich im Gespräch mit ihm bleibe. Wenn ich bete, verlieren diese verführerischen Stimmen ihre Kraft in meinem Leben, auch wenn sie natürlich da sind. Wenn ich regelmäßig Gottes Wort lese, bleibt mein Blick auf den Herrn Jesus ausgerichtet. Dann erkenne ich auch, wie hohl die Angebote sind, die man mir macht, wenn ich sie mit dem vergleiche, was Gott mir bietet.
Ich wünsche dir, dass du den gekreuzigten und auferstandenen Herrn wirklich als deine Kraft erlebst, der Gerechtigkeit und Erlösung gibt. Das ist die erste große Betonung dieses Textes.
Gott ruft dich zum Kreuz, um Jesus als deine Weisheit zu erkennen
Paulus kommt dann zu einem weiteren wichtigen Punkt: Gott ruft dich zum Kreuz, damit du Jesus als deine Weisheit erkennst.
Unser Text macht zunächst deutlich, dass Gottes Weisheit darin bestand, dass der Herr Jesus für meine Schuld gekreuzigt wurde. Auf diesem Weg sind die Weisen dieser Welt nicht gekommen. Sie haben sich viele Erlösungswege ausgedacht, aber keiner dieser Wege führt zum Kreuz. Das Kreuz ist Gottes einziger Weg zum Heil. Darüber schütteln die Weisen dieser Welt bis heute den Kopf und fragen sich: Wie kann man nur so einen Weg wählen?
Wenn du Theologiebücher liest, würde ich dir gar nicht mal empfehlen, bei den entsprechenden Werken nachzuschlagen, denn dort findest du massenweise Fragen wie: Was fange ich mit einem Gott an, der seinen Sohn abschlachten lässt? Oder: Hat Gott es wirklich nötig, seinen Sohn töten zu lassen? Dort findest du Begriffe wie Schlachthausreligion und Ähnliches.
Wer sich tiefer mit dem auseinandersetzen will, was wirklich am Kreuz geschah und wie man gegen den einen oder anderen Zweifel, den man vielleicht auch persönlich hat, biblisch argumentieren kann, dem empfehle ich den Klassiker von John Stott: Das Kreuz. Mehr heißt das Buch nicht, also einfach Das Kreuz von John Stott.
Das Buch ist klar, es hat 500 Seiten, aber es geht in die Tiefe. Es gibt Bücher, die 500 Seiten haben und dennoch nicht in die Tiefe gehen. John Stott arbeitet biblisch sehr gründlich und man kann gut verstehen, was er sagt. Man muss nicht dreimal überlegen, bei den Sätzen drückt er sich relativ klar aus. Er zeigt auch, dass Gott einen Weg zu meiner Erlösung gefunden hat, den niemand erwartet hat.
Und weißt du, auch wenn du John Stotts Das Kreuz gelesen hast, werden wir nicht alles verstehen, was das Kreuz beinhaltet. Aber das muss ich auch nicht. Ich weiß: Dieser gekreuzigte Jesus hängt dort auf Golgatha für meine Schuld. Wenn ich ihm meine Schuld bekenne, ihn um Vergebung bitte und das annehme, dann bin ich gerettet. Mehr muss ich nicht wissen. Aber das sollte ich wissen.
Weisheit betrifft aber nicht nur den Weg, den Gott gewählt hat, um mich zu retten. Weisheit brauche ich auch auf dem Weg mit Gott, wenn ich sein Kind geworden bin. Mir scheinen in Vers 30 die Begriffe Weisheit und Heiligkeit zusammenzuhängen. Denn Heiligkeit heißt ja, ich lebe nach dem Willen Gottes in meinem Alltag. Die Weisheitsliteratur lehrt mich, dass ich heilig lebe, indem ich mich nach göttlichen Prinzipien richte.
Über diese Prinzipien lese ich viel, zum Beispiel in Sprüche, Psalmen, Prediger, Hohes Lied und auch Hiob gehört noch dazu. Nach diesen Prinzipien kann ich handeln, ohne mich jedes Mal fragen zu müssen: Will Gott das jetzt so oder will er es anders? Und dann stehe ich das nächste Mal wieder vor dieser Frage.
Mir scheint, dass das kürzlich in Deutsch erschienene Buch „Leg einfach los“ von Kevin DeYoung in diese Richtung geht. Der Untertitel heißt „Ein befreiender Weg, Gottes Willen zu entdecken“. Man könnte auch sagen: nach Gottes Weisheit zu leben, wenn ich diesen Text zugrunde lege. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, habe aber positive Dinge darüber gehört. Zum Beispiel sagt Albert Mohler über dieses Buch: „In weiten Teilen des Christentums grassiert ein falsches Verständnis des Willens Gottes. Gott muss mir das immer ganz genau zeigen, was er jetzt von mir möchte. Die Gemeinde braucht dringend Korrektur von diesen irrigen Vorstellungen. Erfreulicherweise bietet Kevin DeYoung diese Korrektur.“
Wow, das ist natürlich schon mal ein Wort. In einer Rezension habe ich gelesen: Die Moral von der Geschichte lautet: Lebe für Gott, gehorche der Bibel, denke zuerst an andere anstatt an dich selbst, sei heilig, liebe Jesus Christus. Wenn du diese Dinge tust, dann tue, was immer du möchtest, und du wirst im Willen Gottes wandeln. Gut auf den Punkt gebracht.
Das heißt also: Prinzipien der Weisheit zu kennen und nach diesen Prinzipien zu leben. Weisheit in der Bibel heißt, ich finde mich im Leben nach dem Willen Gottes zurecht. Aber ich lerne Gottes Willen nur kennen, wenn ich sein Wort lese. Dazu gibt es keine Abkürzung.
Wenn du merkst, in deinem Leben geht es geistlich mehr bergab als bergauf, dann beginne doch mal regelmäßig, Gottes Wort zu lesen. Die kommende Reihe über Gemeinde liest Mose ist natürlich eine Steilvorlage dafür.
Manchmal ist es ohne Frage wichtig, dass du dich mit deinen Problemen auseinandersetzt und sie nicht einfach nur verdrängst. Aber manchmal sollten wir uns auch besser intensiv mit Gottes Wort beschäftigen und merken, dass manche Probleme in unserem Leben ihre Dominanz verlieren, weil der Herr Jesus plötzlich viel mehr in den Fokus kommt.
Jesus ist mir doch zur Weisheit gemacht, so lesen wir hier in Vers 30. Der Kolosserbrief sagt sogar: In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Ich glaube, der Schlüssel liegt darin: Wenn ich mich von Gottes Weisheit leiten lasse, beginne ich, das Leben immer mehr aus Gottes Perspektive zu sehen.
Das, was für Menschen so erstrebenswert ist – wie zum Beispiel Weisheit, Macht, gesellschaftlicher Einfluss – das sind wieder diese drei Gruppen – ist für Gott gar nicht so wichtig. Und deswegen, wenn ich mit Gott unterwegs bin, verändern sich meine Prioritäten.
Das, was diese Welt anbietet, kommt bei weitem nicht an die Erfüllung heran, die der Herr Jesus mir sein will – als gekreuzigter und auferstandener Herr. So ein bisschen Anerkennung in der Gesellschaft, in der du lebst, ist doch eine Luftnummer gegen das, worüber wir heute Morgen sprechen.
Jesus starb aus Liebe zu dir. Mensch, wo gibt es denn so etwas? Die Sicherheit auf deinem Konto oder die Immobilien, auf die du dich verlässt, sind doch nichtig gegen die Tatsache, dass Gott mein Leben in seiner Hand hält und mir die Sicherheit gibt, bei ihm die Ewigkeit zu verbringen.
Oder die Freude, die mir manche Vergnügungen bieten, wirken doch wie Lack auf dem Edelstahl der Freude, die Jesus mir bietet. Je mehr ich das Leben aus Gottes Perspektive sehe, desto mehr wird es meine Sehnsucht sein, ihn kennenlernen zu wollen.
Deshalb können die Angebote dieser Welt mich immer weniger faszinieren. Ich glaube, das liegt daran, dass der Herr Jesus so konsequent auf das Kreuz zuging. Er hat durchschaut, was diese Angebote sind, nämlich dass sie nicht wirklich Erfüllung geben können.
Wenn Gott mir mehr von seiner Weisheit zeigen will, dann zeigt er mir mehr von Jesus. Nach Gottes Maßstäben zu leben heißt, leben wie Jesus. Ihn an die erste Stelle zu setzen und das als wichtig zu erachten, was ihm wichtig war.
Bei Jesus waren zwei Dinge ganz wichtig: Das erste war Glaube oder Vertrauen, das zweite Liebe. Das sind die zwei Dinge, die der Herr Jesus betont hat. Erstens, vertraue Gott im Blick auf dein Heil und auch im Blick auf deine Heiligung. Zweitens, lebe Gottes Liebe für den anderen, indem du das Beste für ihn suchst.
Das sind die grundlegenden Prinzipien, nach denen ich mich leiten lassen darf. Und der Herr Jesus in mir ist die Kraft, dass ich das auch leben kann. Das könnte ich ja niemals aus mir selbst.
Er will mir die Kraft geben, das im Alltag umzusetzen. Deshalb sagt er: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst.“ Das heißt, ich muss immer wieder sagen: Ich bin jetzt nicht da. Das bedeutet, ich verleugne mich selbst. Meine Meinung zählt jetzt nicht, auch wenn ich sie gerne durchsetzen würde. Es geht nicht um das, was ich will, sondern um das, was Gott will.
Mich zu verleugnen und das zu leben, ist oft ein echter Kampf. Aber der Blick auf den gekreuzigten Christus hilft mir zu verstehen: Auch Jesus hat diesen Kampf gekämpft. Und das ist die gute Nachricht heute Morgen: Er hat gesiegt.
Dieser lebendige Herr wird auch in mir siegen, wenn ich mit ihm unterwegs bin. Dann darf ich beten: Herr Jesus, du siehst, ich schaffe es nicht, Nein zu sagen zu meinen Wünschen, Nein zu sagen zu meinen Leidenschaften. Aber ich danke dir, dass du in mir die Kraft bist, die Ja sagt zu dem Willen des Vaters, egal wie viel es mich kostet. Ich mache mich fest an dir.
Schluss: Das Kreuz als Ruf und Kraftquelle
Wir aber predigen den gekreuzigten Christus. Das ist Paulus’ Aussage, um die es heute Morgen ging.
Auch wenn die Juden sich darüber ärgern und sagen: „Nein, das ist nicht unser Messias“ – und die Griechen fragen: „Wo ist denn hier die Weisheit?“ – genau daran dürfen wir uns an diesem Karfreitag erinnern. Dabei hören wir den persönlichen Ruf Gottes: Komm zum Kreuz!
Denn hier erlebst du Jesus als deine Kraft. Gerechtigkeit von Gott und Erlösung von der Macht der Sünde werden auch in deinem Leben Wirklichkeit. Du erfährst Jesus als seine Weisheit, weil er dir die Kraft gibt, ein Leben nach Gottes weisen Prinzipien zu führen.
Deshalb nimm von diesem Karfreitag mit nach Hause: Gott ruft dich zum Kreuz, damit du Jesus als deine Kraft und deine Weisheit erleben kannst. Amen.
Wir machen es wie üblich: Ihr betet für euch selbst, gebt dem Herrn Antwort, wo euch sein Wort angesprochen hat. Benjamin wird dann den Gottesdienst mit einem Gebet abschließen.