Einführung: Menschen und Kakerlaken – eine provokative Gegenüberstellung
Oder Kakerlake – das ist vielleicht ein bisschen provokativ, aber dazu kommen wir gleich. Es gibt unliebsame Tiere neben dieser Kakerlake, viele Insekten, die das Licht tunlichst meiden. Die Küchenschabe zum Beispiel, die ihr auch unter dem Namen Kakerlake kennt.
Es ist ein kleines Insekt, das gerade mal ein bis eineinhalb Zentimeter groß wird – jedenfalls hier in Deutschland. Es gibt andere Arten dieser Kakerlake, die bis zu zehn Zentimeter groß werden. Glücklicherweise sind diese größeren Arten hier in Deutschland nicht heimisch.
Diese Kakerlaken leben, wie viele andere Insekten, ihr Leben lang versteckt in irgendwelchen Ecken. Sie sind nur in der Dunkelheit aktiv und meiden das Licht, wenn möglich sogar sehr stark. Ihr könnt das vielleicht beobachten, wenn ihr durch den Wald geht und ein Stück Holz hochhebt oder einen Stein vom Boden nehmt. Was ist dann darunter zu sehen?
Alles, was dort kriecht und fliegt, sucht schnell das Weite. Es rennt oder fliegt schnell in die nächste dunkle Ecke, weil all diese Insekten das Licht hassen. Sie verkriechen sich lieber schnell wieder in ihr dunkles Versteck.
Dasselbe Prinzip finden wir auch bei Menschen. Johannes schreibt in Johannes 3,19: „Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.“
Der Mensch ist nach Johannes also ein bisschen wie eine Kakerlake. Er meidet das Licht und sucht sich lieber schnell wieder seine dunklen Ecken. Genau an dieses Prinzip knüpft Johannes in seinem ersten Brief an.
Johannes schreibt diesen ersten Brief – den ihr auch schon mal aufschlagen könnt, wenn ihr die Bibel dabei habt – um den Gläubigen, an die er schreibt, die Gewissheit zu geben, dass sie ewiges Leben haben. Er möchte ihnen diese Gewissheit schenken.
Dieses Ziel nennt er auch explizit am Ende des Briefes in 1. Johannes 5,13. Dort schreibt er: „Ich habe euch das alles geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, denn ihr glaubt an Jesus, den Sohn Gottes.“
Das ist das Ziel von Johannes mit seinem gesamten Brief. Was macht Johannes also? Er schreibt eine Reihe von Kriterien auf, die einen echten Christen ausmachen. Kriterien, anhand derer wir erkennen können, dass wir wirklich wiedergeboren sind und ewiges Leben haben.
Diese Kriterien kennzeichnen jeden Christen, egal wie alt er ist. Sie gelten für jeden echten Christen, egal ob er sich gerade erst gestern bekehrt hat, schon länger im Glauben steht oder seit Jahrzehnten fest im Glauben lebt. Es sind Kennzeichen, die jeden echten Christen ausmachen.
Das ist die positive Seite des Briefes. Aber mit dieser positiven Seite kommt auch eine negative Seite. Denn wenn dieser Brief Kriterien enthält, die einen echten Christen kennzeichnen – einen echten Christen, der ewiges Leben hat – und diese Kriterien nicht auf dich zutreffen, dann haben wir ein großes Problem.
Johannes ist da sehr klar: Dann besteht nicht einfach nur die Möglichkeit, dass du vielleicht kein ewiges Leben hast. Nein, dann ist es einfach sicher: Wenn diese Kriterien nicht auf dich zutreffen, dann hast du kein ewiges Leben. Punkt.
Das macht Johannes sehr deutlich, und er sieht das sehr schwarz-weiß. Im Grunde fordert uns Johannes mit diesem Brief immer wieder dazu auf, uns anhand dieser Kriterien zu prüfen, ob unser Glaube echt ist und ob wir echte Christen sind.
Das erste Kennzeichen: Wandel im Licht als Zeichen eines echten Christen
Und das erste Prüfkriterium, an dem wir uns messen müssen, ist folgendermaßen: Einen echten Christen erkennt man an seinem Wandel im Licht. Dieser zeigt sich in beständiger Buße und in wachsender Abneigung gegen die Sünde.
Einen echten Christen erkennt man also an seinem Wandel im Licht. Dieser Wandel äußert sich in einem busfertigen Leben und in einer zunehmenden Abneigung beziehungsweise einem wachsenden Hass gegenüber der Sünde.
Ich habe bewusst den Titel „Echter Christ oder Kakerlake“ gewählt. Ihr könnt gerne das Wort Gottes mit mir aufschlagen, und zwar 1. Johannes Kapitel 1. Wir möchten ab Vers 5 bis Kapitel 2, Vers 2 lesen, auch wenn wir uns hauptsächlich mit den Versen im ersten Kapitel beschäftigen möchten.
1. Johannes 1,5: Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.
Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und doch in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.
Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.
Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünde vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.
Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.
Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten.
Er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
Die Autorität und Botschaft des Johannesbriefes
Johannes beginnt in den ersten vier Versen, also vor unserem Abschnitt, zunächst damit, sich ein wenig vorzustellen. Dabei nennt er sich nicht direkt Johannes, das lesen wir nicht. Stattdessen stellt er sich als jemand vor, der Augenzeuge dessen ist, was Jesus auf dieser Erde getan hat. Er betont mehrfach, dass er Jesus gehört hat, ihn gesehen hat und ihn sogar mit eigenen Händen berührt hat. Sie haben den ewigen Gott Jesus gesehen. Dies hebt er in den ersten vier Versen besonders hervor.
Das, was die Zuhörer gehört haben, möchte Johannes weitergeben. In Vers 3 sagt er: „Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“ Vier Verse lang leitet Johannes diesen Brief, diese Botschaft, ein. Dabei macht er deutlich, dass er ein Apostel ist und ein Augenzeuge. Er unterstreicht seine Autorität, weil die Botschaft, die er weitergibt, direkt von Gott und Jesus Christus stammt. Mehrfach betont er, dass er mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört und den menschgewordenen Gott sogar mit eigenen Händen angefasst hat. Diese Autorität hebt er hervor, bevor er zur eigentlichen Botschaft kommt.
In Vers 5 beginnt er dann: „Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen.“ An dieser Stelle lohnt es sich, kurz innezuhalten. Was ist das, was Johannes von Jesus gehört hat? Er leitet mit diesen Worten ein: „Das ist die Botschaft, die wir von Jesus gehört haben.“ Wie würde man diese Botschaft, die Jesus den Jüngern in den Evangelien mitgegeben hat, zusammenfassen? Was wäre die Kernbotschaft, bei der man sagen würde: „Das ist es, was Jesus die Jünger gelehrt hat“?
Wie würde man diesen Satz, den Johannes hier beginnt, beenden? „Und das ist die Botschaft, die wir von ihm, die wir von Jesus gehört haben und euch verkündigen…“ Ohne im Text nachzuschauen, wenn man einfach darüber nachdenkt, was die Kernbotschaft ist, würde man diesen Satz wahrscheinlich so fortsetzen: „Das ist die Botschaft, dass Gott selbst in Jesus auf die Erde kam, um für mich Sünder zu sterben.“ Oder: „Das ist die Botschaft, dass Jesus uns mit Gott versöhnt hat und Gottes Zorn getragen hat, dass er stellvertretend für uns gestorben ist.“ Vielleicht würde man den Satz so beenden.
Natürlich ist das alles richtig. Aber es ist auch bemerkenswert, dass das Erste, woran wir denken, das ist, was für uns gut ist, was Jesus für uns getan hat. Das ist für uns die Quintessenz, das Kernstück der Botschaft Jesu – nämlich das, was uns zugutekommt. Das, was Jesus für uns getan hat.
Das Bemerkenswerte an dem, was Johannes hier schreibt, ist jedoch, dass er nicht bei dem beginnt, was Jesus für uns getan hat. Er beginnt bei Gott und endet auch bei Gott. Im vorletzten Vers dieses Briefes schreibt Johannes: „Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen.“ Jesus ist gekommen, damit wir Gott wirklich erkennen können.
Jesus ist Gott in Menschengestalt und deshalb die perfekte, eigentlich die einzige Quelle, um den Wesen und den Charakter Gottes zu offenbaren und ihn für uns sichtbar zu machen. Die Botschaft von Jesus, das Evangelium, beginnt und endet mit Gott. Am Ende seines letzten Werkes, der Offenbarung 22, schreibt derselbe Johannes, dass Jesus das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende ist.
Deshalb beginnt Johannes seine Botschaft mit dem Charakter Gottes. Und genau dort sollte auch unsere Evangeliumsverkündigung beginnen – bei Gott selbst.
Gottes Wesen als Licht – Bedeutung und Konsequenzen
Und das ist die Botschaft, die wir von ihm, von Jesus, gehört haben und euch verkündigen, euch weitergeben: Gott ist Licht, und in ihm gibt es keine Finsternis.
Johannes trifft in seinen Werken, also im Evangelium und in den Briefen, dreimal eine solche Aussage: Gott ist ... Zum Beispiel heißt es im Johannesevangelium 4, Gott ist Geist. Er ist kein materielles Wesen wie wir, er hat keinen Körper wie wir.
In 1. Johannes 4 heißt es dann: Gott ist Liebe. Anschließend leitet Johannes daraus Eigenschaften ab, die auch wir haben sollten.
In 1. Johannes 1, Vers 5 schreibt er: Gott ist Licht.
Nun, was meint Johannes damit, dass Gott Licht ist? Was heißt es, dass Gott Licht ist? Johannes fasst damit das Kernstück von Gottes Wesen zusammen, von seinem Charakter.
Gottes Licht heißt zum einen, dass er das Leben ist. Er ist die Quelle, der Erhalter sowohl dieses physischen Lebens hier auf der Erde als auch des geistlichen Lebens.
Johannes schreibt im Johannesevangelium 1, Vers 4: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen, und das Licht leuchtete in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.“
Also setzt Johannes das Licht mit dem Leben gleich.
Jesus selbst bestätigt das auch. In Johannes 8 sagt Jesus: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben.“
In beiden Bibelstellen wird das Licht mit dem Leben gleichgesetzt: Gottes Licht ist die Quelle des Lebens.
Und genauso wie das Licht der Sonne Leben auf der Erde ermöglicht, so gibt Gott uns neues, ewiges Leben. Das lesen wir zum Beispiel in 2. Korinther 4,6. Wir haben es auch gerade quasi gesungen: Gott ließ das Licht in unseren Herzen werden.
Paulus vergleicht das an dieser Stelle auch mit der Erschaffung des Lichts am ersten Tag der Schöpfung: Er ließ es in uns Licht werden.
Diese Wahrheit, dass Gott Licht ist, wird in der Bibel auch mit zwei weiteren Prinzipien verknüpft.
Zum einen steht Licht für Wahrheit.
Petrus schreibt zum Beispiel in seinem zweiten Brief: „Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissenen prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten, als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint.“
Petrus vergleicht das Wort Gottes, das völlig gewiss und wahr ist, mit Licht.
In Psalm 119 heißt es auch: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“
Das Licht steht für die Wahrheit Gottes, wie wir sie in seinem Wort finden.
Das Licht steht aber auch für moralische Reinheit.
Paulus schreibt dann an die Epheser: „Denn ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts.“
Die Frucht des Geistes besteht nämlich in lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Darin zeigt sich dieser Wandel im Licht.
Johannes drückt eher die negative Seite aus.
In Johannes 3, Vers 19 heißt es: „Darin aber besteht das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“
Dass Gott Licht ist, steht also für Leben, für Wahrheit, für Reinheit.
Licht steht für die Schönheit und für die Vollkommenheit von Gottes Charakter.
Es gibt keinen Mangel in ihm, keine Unvollkommenheit, keine Schatten, keine dunkle Ecke.
Gott ist das reine und vollkommene Licht.
Gemeinschaft mit Gott bedeutet Wandel im Licht
Johannes sagt in Vers 3, dass er diese Botschaft weitergibt, damit seine Hörer Gemeinschaft mit ihm und damit auch Gemeinschaft mit Gott haben. Die Gläubigen sollen in diese Gemeinschaft des dreieinigen Gottes hineingenommen werden.
Wenn Gott Licht ist, was bedeutet das dann für diejenigen, die in Gemeinschaft mit ihm leben? Es heißt, dass sie im Licht, im neuen Leben wandeln, das Gott ihnen gegeben hat. Damit kommen wir zum eigentlichen Punkt, auf den Johannes hier hinausmöchte. Er leitet von dieser Charaktereigenschaft Gottes ein Merkmal ab, das einen echten Christen kennzeichnet.
Echte Christen wandeln im Licht – das ist der erste Punkt, den wir uns anschauen möchten. Erstens wandeln echte Christen im Licht. Zweitens äußert sich dieser Wandel im Licht darin, dass echte Christen in Buße wandeln. Drittens hassen echte Christen die Sünde.
Wenn man diese Verse liest, und das gilt nicht nur für diese Stellen, sondern für den gesamten Brief, sieht Johannes alles sehr schwarz-weiß. Für ihn gibt es keine Grauzonen. Es gibt Licht und Finsternis, Schwarz und Weiß. Für Johannes gibt es keine Christen, die ein bisschen lau sind, die so halb dabei sind, aber nicht richtig. Das gibt es für ihn nicht. Es gibt keine Christen, die hin- und herwanken.
Schauen wir uns Vers 6 an: „Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und doch in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.“ Auf wen bezieht sich Johannes hier, wenn er von „wir“ spricht?
Im Zusammenhang mit den ersten vier Versen meint er mit „wir“ eigentlich sich und die Apostel, weil er davon spricht, dass „wir ihn gesehen haben“, also Jesus direkt gehört und gesehen haben. Hier jedoch meint er nicht nur sich und die Apostel, auch nicht nur sich und die Hörer oder Leser des Briefes. Vielmehr macht er hier eine hypothetische Annahme, eine allgemeine Aussage.
Also: Wenn irgendjemand sagt, dass er Gemeinschaft mit Gott hat, aber dennoch in der Finsternis wandelt, dann lügt diese Person und lebt nicht die Wahrheit. Johannes schreibt hier nicht von Menschen, die von Gott gar nichts wissen wollen. Er beschreibt auch keinen Menschen, der außerhalb der Gemeinde steht.
Vielmehr beschreibt er jemanden, der in der Gemeinde Gottes sitzt und von sich sagt: „Ich gehöre dazu, ich habe Gemeinschaft mit Gott, ich bin Teil dieser Gemeinde, ich bin Teil von Gottes Gemeinde, ich bin errettet, ich habe ewiges Leben.“ Johannes fordert: Beweise es! Zeig es in deinem Leben!
Wenn du sagst, dass du ewiges Leben hast, ist das erst einmal nur eine Behauptung. Wir haben bereits 1. Johannes 3,19 gelesen, wo über diejenigen gesprochen wird, die in der Finsternis wandeln. Dort heißt es, dass ihre Werke böse sind. Ihr Tun ist schlecht, verkommen und bösartig – und zwar aus Gottes Sicht. Gott definiert, was böse und was gut ist.
Johannes spricht in diesem sechsten Vers von Menschen, die von sich behaupten, gläubig zu sein, deren Leben aber unmoralisch und unrein ist. Das Wort „wandeln“ bezieht sich hier auf die Lebensweise, auf das kontinuierliche Verhalten. Es drückt eine fortlaufende Handlung aus, nicht einen einzelnen Akt im Leben, sondern die gesamte Lebensweise.
Es geht also nicht darum, dass man mal etwas Böses getan hat, jemanden angelogen, zornig oder gereizt war. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass man beständig Dinge tut, die Gott nicht gefallen, und darin lebt. Es geht um gewohnheitsmäßige Sündigung, eine ständige Praxis dessen, was Gott missfällt.
Johannes sagt: Niemand, der behauptet, Christ zu sein, und dennoch in dieser Finsternis lebt, ist tatsächlich gerettet. Wenn das Leben davon geprägt ist, im Widerspruch zu Gottes Willen zu leben, gibt es berechtigte Zweifel an der Echtheit dieses Gläubigen.
Wenn das eigene Leben von schlechten Taten gekennzeichnet ist und man trotzdem von sich denkt, man sei errettet, dann belügt man sich selbst, sagt Johannes.
Im Gegensatz dazu steht Vers 7: „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“
Diejenigen, die Gemeinschaft mit Gott haben, zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihr Leben der Wahrheit, der Gerechtigkeit und dem Leben nach Gottes Willen hingeben. Sie zeigen durch ihr Leben, dass sie Gutes tun – Gutes im Sinne dessen, was Gott als gut definiert, also nach seinem Willen leben.
Diese Menschen bestätigen durch ihr tägliches Leben, dass sie in Gemeinschaft mit Gott leben. Sie zeigen, dass sie Gott kennen und dass Gott ihre Herzen erleuchtet hat. Sie haben neues, ewiges Leben in sich, und das zeigen sie durch ihr Leben.
Auf der einen Seite steht derjenige, der behauptet, Gott zu kennen, aber Sünde auf die leichte Schulter nimmt und keine Notwendigkeit sieht, nach Gottes Willen zu leben. Auf der anderen Seite steht der, der ein echtes und ständiges Streben nach Heiligkeit hat.
Das ist es, was alle kennzeichnen muss, die Gott kennen. Johannes macht klar, es gibt keinen Zwischenbereich, keinen Graubereich. Es gibt Finsternis und Licht. Entweder lebt man noch in der Finsternis oder im Licht Gottes.
Im Licht Gottes zu leben heißt nicht, dass wir vollkommen perfekt oder sündlos sind. Johannes schreibt über die, die im Licht leben, in Vers 7, dass das Blut Jesu Christi uns von aller Sünde reinigt. Achte darauf, wie Johannes schreibt: Er sagt nicht, das Blut Jesu hat uns gereinigt, sondern das Blut Jesu reinigt uns. Das zeigt, dass es eine kontinuierliche Reinigung ist.
Das macht deutlich, dass diejenigen, die im Licht wandeln, trotzdem eine tägliche, fortwährende Reinigung brauchen, weil sie weiterhin sündigen. Johannes macht damit klar, dass ein Wandel im Licht nicht bedeutet, dass wir sündlos sind. Ganz im Gegenteil: Wer von sich behauptet, keine Sünde zu haben, der belügt sich selbst und macht sogar Gott zum Lügner.
Echte Christen zeichnen sich durch ein bußfertiges Leben aus. Sie wandeln in Buße. Dieses bußfertige Leben beschreibt Johannes in den nächsten drei Versen, also ab Vers 8 bis Vers 10.
Dort heißt es: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“ (1. Johannes 1,8-10)
Die Bedeutung von Buße und Sündenbekenntnis
Johannes schreibt diesen Brief nicht nur, um den Empfängern die Gewissheit zu geben, dass sie ewiges Leben haben. Er schreibt auch, um sie unter anderem vor Irrlehrern zu bewahren, die dort aufgetreten sind. Im Grunde genommen enthält jeder Brief wenigstens ein paar Verse, die sich mit irgendeiner Irrlehre beschäftigen, die in den Gemeinden aufgetreten ist.
Es gab eine Irrlehre, die sogenannte Gnosis. Diese Irrlehre war ein wenig von griechischer Philosophie geprägt. Die Anhänger behaupteten, dass alles Geistliche immer gut sei, während alles Physische, Körperliche und Leibliche immer schlecht sei. Dementsprechend konnte ein solcher Irrlehrer ganz einfach von sich behaupten: „Sünde ist für mich überhaupt kein Problem, sie ist für mich kein Thema, weil sie Teil meines physischen Lebens ist. Und das Physische ist sowieso immer schlecht, ich kann da nichts dagegen tun. Also ist es kein Problem für mich. Das Geistliche hingegen ist gut, und danach strebe ich.“
Deshalb war Sünde für sie kein Thema, kein Problem, sondern irrelevant. Dementsprechend konnten sie auch ganz leicht sagen: „Eigentlich bin ich ohne Sünde, aber das Körperliche ist eh nicht von Belang.“ Im Grunde genommen ist das heute ganz ähnlich, nur dass man heute einfach viele Ausreden hat.
Wenn man einen Menschen fragt, würde keiner sagen, dass er perfekt ist oder sündlos beziehungsweise fehlerlos. Aber anstatt die Ernsthaftigkeit von Sünde zu erkennen, bagatellisiert man Sünde heute einfach. Man spricht nur noch von Fehlern, die man begangen hat. Vielleicht spricht man auch von Charakterschwächen, die man hat. Damit müsse man halt klarkommen, es seien Charakterschwächen. Oder man spricht von schlechtem Verhalten, das dadurch entstanden sei, dass andere einen schlecht behandelt haben.
Im Grunde genommen ist heute sowieso jeder irgendwie ein Opfer. Es hat sich eine gewisse Opfermentalität entwickelt. Die weit verbreitete Ansicht ist, dass der Mensch im Grunde genommen schon gut sei und dass alles, was irgendwie falsch sein mag, nicht wirklich falsch, sondern nur unterschiedliche Charakterzüge seien, für die ein Mensch nicht wirklich etwas kann. Anstatt die Verantwortung für das Verhalten zu übernehmen, verlangen die Menschen, so akzeptiert zu werden, wie sie sind.
Selbst ein Mörder wird heute oft als Opfer gesehen, weil er eine schreckliche Kindheit hatte. Ein Mensch, der jähzornig ist, wurde halt nie von seinen Eltern richtig geliebt. Er könne eigentlich gar nicht so richtig dafür, das sei halt sein Charakterzug. All das dient nur dazu, den Zustand des Menschen schönzureden. So umschifft man die eigentliche Ursache, warum Menschen böse und selbstsüchtig sind.
Die Welt ist böse, weil die Menschen, die dort hineingeboren werden, böse sind. Das Kernproblem ist die Sünde. Aber statt sich diesem Kernproblem anzunehmen, erfindet man einfach einen Haufen Ausreden. Im Grunde genommen sagen diese Ausreden nur: „Ich habe eigentlich keine Sünde, ich habe nur einen Haufen Fehler, weil andere mich falsch behandelt haben.“
Bei einem echten, wiedergeborenen Christen ist das anders. Ein echter Christ ist von Bußfertigkeit gekennzeichnet. Er ist bereit, seine Sünde zu bekennen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Das Wort „bekennen“, das wir hier in Vers 9 haben, besteht im Griechischen aus zwei zusammengesetzten Wörtern, nämlich aus den Wörtern „dasselbe“ und „sagen“ oder „reden“ – also „dasselbe sagen oder reden“. Wörtlich könnte man auch übersetzen: „Wenn wir dasselbe über unsere Sünde sagen, daselbe wie Gott.“
Wenn wir also genau so über unsere Sünde denken, wie Gott über unsere Sünde denkt, dann ist das Bekennen. Wenn wir unsere Sünde im Lichte Gottes sehen und mit Gott über unsere Sünde übereinstimmen, dann bekennen wir.
In Jesaja Kapitel 6 sieht Jesaja Jesus auf seinem Thron sitzen. Als er das sieht, sagt er: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und wohne unter einem Volk, das unreine Lippen hat, denn meine Augen haben den König, den Herrn der Herrscher, gesehen.“ In dem Moment, in dem Jesaja sich buchstäblich im Lichte Gottes sieht, als er den Glanz seiner Herrlichkeit erkennt, wird ihm auch bewusst, wie verdorben und unrein er selbst ist.
David schreibt im Psalm 32: „Denn deine Hand lag schwer auf mir Tag und Nacht, so dass meine Kraft vertrocknete wie in der Sommerdürre.“ David malt hier das Bild von jemandem, der in der Wüste sitzt, nichts zu trinken hat und von der Sonne langsam immer mehr ausgetrocknet wird. Genau das passiert mit jemandem, der sündigt, aber im Lichte Gottes lebt. Die Sünde wird aufgedeckt, und er bekennt sie.
Wir lesen weiter in diesem Psalm: „Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg meine Schuld nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen. Da vergabst du mir die Sündenschuld.“ Dieses Prinzip, das David hier beschreibt, sehen wir auch bei Johannes in Vers 9.
Ihr alle kennt diesen Vers: „Wenn wir aber unsere Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünde vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.“
Was bedeutet es, dass Gott treu und gerecht ist, wenn er uns die Sünde vergibt? Treu ist er, weil er seinen Verheißungen treu bleibt. Zum Beispiel heißt es in Jesaja 43,25: „Ich, ich bin es, der deine Missetat auslöscht um meinetwillen und deiner Sünden nicht mehr gedenkt.“ Indem Gott uns vergibt, hält er seine Verheißungen ein. Er ist treu zu den Versprechen, die er im Evangelium gibt.
Und indem er vergibt, ist er auch gerecht. Wie kann er gerecht sein, wenn er uns die Sünde vergibt? Stell dir vor, du bist in einem Gerichtssaal, und ein Mörder wird angeklagt. Der Richter sagt einfach: „Dir ist vergeben, du kannst gehen.“ Wäre der Richter gerecht, wenn er den Angeklagten einfach gehen lässt?
Wie kann es sein, dass Gott gerecht ist, wenn er uns die Sünde vergibt? Er ist gerecht, weil Christus bereits alles bezahlt hat. In Kolosser 2 lesen wir: „Er hat die gegen uns gerichtete Schuldschrift ausgelöscht, die uns entgegenstand, und hat sie aus dem Weg geschafft, indem er sie ans Kreuz heftete.“ Die Schuld ist beglichen.
Gott wäre ungerecht, wenn er uns für die Schuld, die Christus bereits vollständig beglichen hat, noch einmal zur Rechenschaft ziehen würde. Wenn wir die Schuld, die Christus beglichen hat, noch einmal begleichen müssten, wäre das ungerecht.
Aber Gott ist gerecht, indem er uns Jesu Gerechtigkeit zurechnet. Er ist gerecht, wenn er uns vergibt, weil Christus bereits für alles bezahlt hat.
Die Konsequenz eines busfertigen Lebensstils
Nun, was möchte Johannes hier deutlich machen? Er möchte uns zeigen, wie ein echter, wiedergeborener Christ aussieht. Wir kennen diesen Vers und er gibt uns viel Trost, aber er macht eigentlich noch viel mehr deutlich, wenn wir den ganzen Zusammenhang im ersten Johannesbrief betrachten.
Johannes beschreibt hier, dass ein echter Christ ein Leben führt, das von einem beständigen Bekenntnis seiner Sünde geprägt ist. Dieser Mensch tut immer wieder Buße, und seine Ungerechtigkeit, seine Sünde, ist alle vergeben, wie wir im Vers 9 lesen.
Die Frage ist nun: Kennzeichnet dich dieser bußfertige Lebensstil? Wenn ja, dann deshalb, weil du ein wiedergeborener Christ bist und neues, ewiges Leben in dir hast. Bist du sensibel für deine persönlichen Sünden, weil du im Licht Gottes lebst, oder bist du eher nur sensibel für die Sünden der anderen?
Wenn du jemand bist, der immer eine Ausrede für seine Sünde parat hat, der ständig die Schuld auf andere schiebt, dann kannst du noch so oft sagen, dass du errettet bist – das ist schlichtweg falsch. Du belügst dich selbst, weil du dein Leben noch immer in der Finsternis führst.
Du verhältst dich wie eine kleine Kakerlake, die sich schnell wieder in die Finsternis verdrückt, wenn der Prediger einen wunden Punkt anspricht. Du ziehst dich schnell in dein dunkles Versteck zurück, wenn dich jemand auf ein Fehlverhalten anspricht. Und du hast schnell irgendeine fromm klingende Ausrede parat, wenn deine Sünde aufgedeckt wird. Mit diesem Verhalten zeigst du, dass du eigentlich noch in der Finsternis lebst.
Das ist der Unterschied zwischen einem Nichtchristen und einem echten Christen. Ein Christ sündigt genauso wie ein Nichtchrist, aber ein Christ sündigt immer im Licht Gottes, also quasi mitten im Scheinwerferlicht Gottes. Weil er in diesem Licht lebt, erkennt er seine eigene Sünde und ist bereit, sie auch vor Gott zu bekennen.
Ein Christ kann mit David immer wieder zum Vater im Himmel gehen und sagen: „Vater, wasche mich völlig rein von meiner Schuld und reinige mich von meiner Sünde, denn ich erkenne meine Übertretungen, und meine Sünde ist allezeit vor mir.“ Warum ist sie allezeit vor ihm? Weil er allezeit im Licht Gottes lebt. Deshalb erkennt er seine Sünde immer wieder und bekennt sie dem Vater.
Weiter schreibt David: „An dir allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen.“ (Psalm 51). Das ist das Bekenntnis eines Menschen, der ewiges Leben hat. Er weiß, dass seine Sünde in erster Linie gegen Gott allein gerichtet ist, und er ist bereit, diese Sünde offen vor Gott zu legen. Er ist bereit, schonungslos mit sich selbst ins Gericht zu gehen und dieselbe Sicht auf seine Sünde zu haben, wie Gott sie hat – und sie zu bekennen.
Das ist das Kennzeichen eines echten Christen: Er hat dieselbe Sicht auf seine Sünde wie Gott und bekennt sie bereitwillig.
Aber es geht nicht nur darum, dass wir einfach ein schlechtes Gefühl haben. Das ist nicht das Bekenntnis und die Reue. Es ist nicht einfach nur ein schlechtes Gewissen – das haben viele Menschen. Es geht um eine göttliche Trauer, die auch echte Reue hervorruft. Diese Reue über die Sünde bewirkt bei einem echten Gläubigen ein starkes Verlangen, dass Gott mit der Sünde fertig wird – koste es, was es wolle, selbst wenn der Preis für einen persönlich hoch sein mag.
Wahre Gläubige sind gewohnheitsmäßige Bekenner. Ihr Leben ist davon geprägt, dass sie ihre Sünde bekennen. Damit zeigen sie, dass Gott ihnen nicht nur ihre Sünde vergeben hat und sie täglich treu von ihr reinigt, sondern dass sie echte Christen sind.
Sie zeigen damit, dass Gott sie wirklich erneuert hat und zu neuen Geschöpfen gemacht hat – mit einem heiligen Verlangen, Gottes Willen zu tun.
Die Ermutigung zur Heiligung und der Fürsprecher Jesus Christus
In unserem dritten Punkt schauen wir uns ganz kurz noch die zwei Verse im zweiten Kapitel an. Es heißt dort: „Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“
Einige Ausleger sagen, dass sich diese Aussage auf den ganzen Brief bezieht. Sie meinen, Johannes schreibt den gesamten Brief, damit die Gemeindeglieder nicht sündigen. Natürlich ist es der Wunsch von Johannes, ebenso wie der Wunsch jedes Apostels, jedes Leiters und jedes Ältesten, dass die Gemeindeglieder so wenig wie möglich sündigen. Das macht vieles auch ein bisschen einfacher.
Ich denke jedoch, dass sich diese Formulierung vor allem auf die vorherigen Verse bezieht. Johannes geht im Grunde genommen direkt – wenn auch indirekt – auf eine Frage ein, die auch der Apostel Paulus aufwirft. Diese Frage könnte dem einen oder anderen Leser kommen. Paulus schreibt im Römerbrief Kapitel 6: „Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde?“ Und dann schreibt er weiter: „Das sei ferne!“
Wenn man diese Verse, insbesondere die Verse 8 bis 10, liest, könnte die Frage auftauchen: „Hey, wenn wir doch nur unsere Schuld, unsere Sünde Gott bekennen müssen, dann ist das doch so ein bisschen wie ein Freifahrtschein zum Sündigen. Ich kann frei sündigen, Hauptsache ich bekenne es danach.“
Genau diese Frage wendet sich Johannes zu. Er macht klar: Ein Christ ist eine neue Schöpfung, er lebt im Licht Gottes und hat neues Leben. Er ist ein treuer, gewissenhafter Bekenner seiner Sünde. Es widerspricht seiner neuen Natur, Gottes Gnade zu missbrauchen, indem er sich weiter der Sünde hingibt. Es widerspricht seinem neuen Herzen.
Johannes schreibt diese Dinge auf, um uns zu ermutigen, in einer beständigen Heiligung zu wachsen. Je mehr die Gläubigen in Christus wachsen, desto größer wird ihre Abneigung gegen ihre Sünde. Gleichzeitig wird auch ihre Buße immer tiefer. Das sehen wir zum Beispiel bei Paulus. Wir sehen, wie er während seines Heiligungsprozesses – also in dem Prozess, in dem er Christus immer ähnlicher wird oder einfach gesagt, immer weniger sündigt – gleichzeitig ein immer größeres Verständnis seiner Sündhaftigkeit gewinnt. Auch hier wächst er.
In 1. Korinther 15,9 schreibt er zum Beispiel: „Denn ich bin der geringste von den Aposteln, der ich nicht wert bin, ein Apostel zu heißen.“ Einige Zeit später schreibt er dann an die Epheser: „Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen.“ Also nicht mehr nur der Geringste von den Aposteln, sondern der Geringste unter allen Heiligen, unter allen Gläubigen.
Und dann, wieder einige Zeit später, schreibt er an Timotheus: „Glaubwürdig ist das Wort und alle anderen bewährt, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten, von denen ich der größte bin.“
Wir sehen hier einen Mann, der im Licht Gottes lebt. Während er auf der einen Seite immer weniger sündigt, weil er Christus immer ähnlicher wird, erkennt er auf der anderen Seite immer mehr seine Sündhaftigkeit. Gottes Licht leuchtet immer mehr dunkle Ecken in seinem Herzen aus. Er erkennt seine Sündhaftigkeit immer tiefer.
Echte Gläubige sind Menschen, die von aller Sünde gereinigt sind und rein und heil vor Gott stehen. Trotzdem spüren sie die Gegenwart der Sünde in ihrem Leben sehr stark. Echte Gläubige sind darauf bedacht, die Sünden, die sie tun, zu bekennen und durch die Kraft des Geistes auch Versuchungen zu widerstehen und zu besiegen.
Trotzdem wird es immer wieder dazu kommen, dass man in Sünde fällt. Johannes schreibt in Vers 2 weiter: „Und wenn jemand sündigt.“ Das ist keine Formulierung im Sinne von „Sollte das jemals wieder vorkommen, dass irgendjemand von euch sündigt.“ Nein, man könnte es eigentlich auch übersetzen mit: „Wenn jemand sündigt“, und das wird ganz sicher passieren.
Dann haben wir einen Fürsprecher, einen Anwalt, einen Beistand bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
Die Rolle Jesu Christi als Fürsprecher und Sühnopfer
Bevor ich zum Schluss komme, noch eine kleine Anmerkung – oder besser gesagt, ein oder zwei Anmerkungen – zu Vers 2. Dort stoßen wir auf ein kleines Problem, wenn man den Text genauer betrachtet.
Wir lesen, dass Jesus unser Anwalt ist, der für uns vor dem Vater eintritt. Gleichzeitig ist er aber auch unser Sühnopfer, die Sühnung für unsere Sünden. Das Wort „Sühnung“ kann auch so viel wie Besänftigung oder Genugtuung bedeuten. Dieses Wort macht deutlich, dass der Tod Jesu am Kreuz die Forderungen der Gerechtigkeit Gottes vollständig erfüllt hat. Gottes heiliger Zorn über die Sünde des Gläubigen ist dadurch komplett besänftigt. Auf Grundlage dieses Todes tritt Jesus dann als Anwalt und Beistand für uns ein.
Es heißt aber auch, dass er das Sühnopfer für die ganze Welt ist. Daraus ergibt sich die Frage: Sind demnach alle Menschen errettet? Wenn Christus für jeden einzelnen auf dieser Welt das Sühnopfer dargebracht hat, dann gibt es ja nichts mehr, was gegen den Menschen spricht, oder? Lehrt Johannes hier also die Allversöhnung, wenn Christus Sühnung für die ganze Welt bewirkt hat?
Ich möchte euch dazu nur zwei Gedankenanstöße mitgeben. Zum einen müssen wir bedenken, dass Johannes, wenn er hier von „uns“ spricht, nicht uns meint, die wir hier sitzen. Er meint sich selbst und die Leser des Briefes, die Empfänger des Briefes. Er spricht von sich und seinen geistlichen Kindern, wie er sie auch im ganzen Brief immer wieder nennt.
Zum anderen müssen wir bedenken, dass Johannes aus dem Judentum kommt, wie wahrscheinlich auch ein Großteil seiner Leser. Das heißt, er verbindet mit dem Sühnopfer etwas ganz anderes als wir. Er denkt an das alljährliche Opfer, das im mosaischen Bund gebracht wurde.
Es ist also durchaus möglich – und sogar wahrscheinlich –, dass Johannes hier eigentlich sagen möchte: Dieses Sühnopfer ist ganz anders als das, was wir kennen. Es ist zum einen ein vollkommenes Sühnopfer. Es muss nicht jedes Jahr wiederholt werden, sondern ist vollkommen und einmalig. Außerdem ist es einzigartig, weil es nicht nur für das jüdische Volk bestimmt ist, sondern für die ganze Welt gilt – für alle Völker und Stämme.
Es ist so viel größer. Matthew Henry drückt es so aus: Es ist nicht auf ein Volk begrenzt, noch gilt es nur für die Vergangenheit oder für uns, die jetzigen Gläubigen, sondern auch für die Sünden aller, die in der Zukunft durch Jesus zu Gott kommen werden. Die Reichweite und der Zweck des Todes des Mittlers erstrecken sich auf alle Stämme und Völker.
Das ist es, was Johannes hier mit diesem zweiten Vers ausdrücken möchte. Er will damit nicht sagen, dass jeder auf dieser Welt, der jemals gelebt hat, dass Jesus für ihn Sühnung bewirkt hat.
Abschluss: Selbstprüfung anhand des Kriteriums des Wandels im Licht
Nun stellt sich am Ende die Frage: Wie schneidest du ab? Wie verhältst du dich im Hinblick auf das Kriterium, das Johannes hier beschreibt?
Einen echten Christen erkennt man an seinem Wandel im Licht. Dieser zeigt sich in beständiger Buße und in einer wachsenden Abneigung gegen die Sünde.
Kennzeichnet dich dieser bußfertige Lebensstil? Ist dein Leben geprägt davon, dass du deine Sünden immer wieder vor Gott bekennst? Bist du sensibel für deine persönlichen Fehler, weil du im Licht Gottes lebst und Gott dein Herz erleuchtet hat?
Oder findest du ständig Ausreden für deine Fehler, vielleicht sogar fromme Begründungen? Wie reagierst du, wenn Gott dich mit der Sünde in deinem Leben konfrontiert?
Zieht du dich dann zurück, versteckst dich wie eine Kakerlake in einer dunklen Ecke? Oder ist dein Leben geprägt von einem beständigen Bekenntnis deiner Sünde, weil du ein neues, ewiges Leben hast?
Bist du also ein echter Christ oder eher wie eine Kakerlake? Lebst du noch immer in der Finsternis oder im Licht Gottes? Amen.
