Liebe Freunde und Besucher,
Unruhe – wir kennen sie alle. Mal sind es zu viele Termine, mal zu wenige. Doch manchmal sind es gerade die wenigen Termine, die sehr schwer wiegen.
Unruhige Nachrichten tragen ebenfalls zur Unruhe bei, selbst wenn wir eigentlich ruhig sein möchten. Selbst nach ruhigen Urlaubstagen fühlen wir uns oft unruhig. Bevor die Urlaubsruhe überhaupt endet, ganz zu schweigen von der gruseligen Totenruhe.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie können wir wirklich ruhig werden, um Gott so zu begegnen, dass wir ihn hören können?
Die Bedeutung von Gottes Wort für innere Ruhe
Im fünften Buch Mose, Kapitel 17, steht das sogenannte Königsgesetz. Ihr könnt gerne nachschlagen. Im fünften Buch Mose, Kapitel 17, ungefähr Vers 17 – genau Vers 17 – heißt es:
„Wenn der König Israels auf seinem Königsthron sitzt, soll er sich eine Abschrift von diesem Gesetz anfertigen, das sich bei den Priestern aus dem Stamm Levi befindet. Diese Schriftrolle soll er stets bei sich haben und sein Leben lang täglich darin lesen, damit er es lernt, Jahwe, seinem Gott, zu fürchten.“
Wir werden nicht durch bestimmte Gefühle ruhig, um Gott hören zu können. Auch nicht, weil ein besonders charismatischer Typ hier vorne steht, der die Bühne magnetisiert. Das Mittel Gottes seid ihr bei mir. Das Mittel Gottes ist sein Wort.
Der Weg dieses Wortes ist dein und mein Zuhören, und das Ziel dieses Zuhörens ist dein Herz. Das Mittel Gottes ist sein Wort. Der Weg dieses Wortes ist dein Zuhören, und das Ziel dieses Zuhörens ist immer dein Herz. Das klingt einfach, ist aber sehr wichtig.
Während all dies geschieht, kommt ein Mensch zur Ruhe Gottes. Es ist der einzige Weg. So haben die Könige es schon im alten Israel erlebt, und so will Gott, dass wir es auch heute erleben.
Wir singen jetzt gemeinsam ein Lied: „Christus sehen“. Danach werden wir zusammen für diesen Gottesdienst beten und für die Kinderstunde. Dann folgt ein Kinderlied, und schließlich dürfen alle in den Kindergottesdienst gehen. Auch Sebastian darf dann endlich mit dem Predigen anfangen.
Wir singen und danach beten wir. Lasst uns für das Lied aufstehen und dann auch zum Gebet stehen bleiben. Ihr dürft stehen bleiben.
Himmlischer Vater, wir danken dir von ganzem Herzen, dass du das in uns so einprogrammiert hast, dass wir dir begegnen, indem wir dein Wort hören. Wir müssen nicht unsere Hände irgendwo in die Steckdose stecken, müssen auch nicht irgendwelche Treppen hoch- und runterrutschen oder auf Knien gehen – eigentlich gar nichts.
Ich denke gerade an die Gemeinde Ephesos, an die du dein Sendschreiben schickst. Die erste Aufforderung am Schluss zur Besserung lautet: Bedenke, denk nach, wovon du gefallen bist. Einfach nur nachdenken über dein Wort.
Dazu bitten wir dich, dass du das jetzt in unserem Herzen wirkst, bei den Kindern, aber auch bei uns. Dass es ein tiefes inneres Nachdenken ist, ein ernsthaftes Nachdenken – nicht nur ein gefühlsmäßiges Nachdenken, das wie ein Strohfeuer ist und danach wieder schwach wird, sondern dass es eins ist, das dazu führt, dass wir noch lange davon bewegt werden, vielleicht Jahre, vielleicht ein Leben lang, und dass es Veränderungen bringt.
Danke, dass du das wirkst, und wir rechnen mit dir, Jesus. Amen.
Jetzt dürft ihr euch setzen. Die Kinder dürfen nach vorne kommen, und wir singen gemeinsam ein Kinderlied. Danach oder mit dem Lied verabschieden wir euch in den Kindergottesdienst, und dann folgt die Predigt.
Heute gibt es übrigens – ganz sorry, ich habe mich gerade dazu entschlossen – die Möglichkeit, Wunschlieder zu äußern. Ihr dürft euch also so ein bisschen etwas wünschen. Ihr wisst schon.
Da seid ihr alle wieder bei Luft und Atem und so ruhig geworden nach dem Lied.
Die Herausforderung der Authentizität im Alltag
Ich möchte euch in eine Situation mitnehmen, die vielleicht einige Eltern kennen, und die anderen von euch vielleicht schon einmal miterlebt haben. Vielleicht erzähle ich euch jetzt ein kleines Geheimnis, das dahintersteckt.
In unserer fiktiven Familie soll es hier in der Gemeinde keine Probleme geben. Sonntagmittag sind Gäste zum Mittagessen da – und zwar solche, die ein bisschen ordentlicher im Leben unterwegs sind. Irgendwann sind die Kinder recht schnell mit dem Essen fertig und wollen aufspringen und los. Die Antwort lautet: „Wir bleiben sitzen, bis alle fertig sind.“ Das kennt man, so gehört sich das ja schließlich.
Das Problem gibt es aber in Familien, in denen diese Regel unter der Woche eher nicht gilt. Vielleicht ist sogar derjenige, der die Regel ausgesprochen hat, der Erste, der sie bricht, der Erste, der aufspringt und vom Tisch weghüpft, weil er irgendetwas zu erledigen hat. Aber es sind ja Gäste da, man will einen guten Eindruck machen und denkt sich vielleicht: „So gehört sich das.“ Ihr könnt da verschiedene andere Themen einsetzen. Irgendwie hat das Ganze ja einen gewissen Ansatz von Heuchelei. Aber es soll vorkommen.
Ich hätte die Frage an euch: Habt ihr auch schon einmal euer Verhalten an die Menschen um euch herum angepasst, damit ihr vielleicht akzeptiert werdet? Damit es gut rüberkommt, wie ihr lebt und handelt? In dem Fall wollt ihr natürlich, dass eure Kinder gut rüberkommen – das ist ja dann sowieso noch einmal wichtig – aber vielleicht auch ihr selbst.
Etwas zugespitzter gefragt: Ist das Gesicht, das ihr heute hier am Sonntagmorgen aufgesetzt habt, dasselbe wie zu Hause oder auf eurer Arbeitsstelle? Oder habt ihr vielleicht drei verschiedene Gesichter, mit denen ihr unterwegs seid? Ist es euch wichtig, was die anderen von euch denken? Und passt ihr euer Verhalten entsprechend an?
Warum fange ich mit so etwas an? In der Regel, weil es Bezug zu unserem Text hat. Wir gehen heute in die letzte Predigt zum Galaterbrief und sehen, dass Menschen auch ein anderes Gesicht aufgesetzt haben, um beim Menschen gut anerkannt zu sein und keine Nachteile zu haben.
Wir lesen Galater 6,11-18. Danach ist der Galaterbrief wirklich vorbei.
Die Motivation falscher Lehrer im Galaterbrief
Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe, mit eigener Hand! Die, die Ansehen nach dem Fleisch haben wollen, zwingen euch zur Beschneidung, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden. Denn auch sie selbst, die sich beschneiden lassen, halten das Gesetz nicht. Sie wollen nur, dass ihr euch beschneiden lasst, damit sie sich dessen rühmen können.
Sei aber fern von mir, mich zu rühmen, außer des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur. Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes.
Hinfort mache mir niemand weiter Mühe, denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leib. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder. Amen.
Ja, Paulus beginnt jetzt, dass er hier einen Abschnitt wahrscheinlich selbst schreibt. Einige meinen, er habe den ganzen Brief selbst geschrieben, aber wahrscheinlicher ist, dass er diese letzten Verse mit eigener Hand verfasst. Deshalb sagt er: „Mit welchen großen Buchstaben ich schreibe.“ Das findet sich auch an einigen anderen Bibelstellen, wo Paulus Briefe abschließt und quasi einen Gruß am Schluss schreibt.
Was er jetzt tut, ist, in ein paar wenigen Versen zusammenzufassen, worum es ihm im ganzen Galaterbrief geht. Er beginnt damit, das Problem noch einmal herauszustellen. Wenn ihr euch erinnert, wie der Galaterbrief begann: Paulus musste Petrus konfrontieren. Petrus hatte eine ähnliche Situation verursacht, die am Anfang geschildert wurde. Er war beim Essen mit den Galatern und hatte über Monate oder Jahre kein Problem damit, mit Heiden zu essen – also mit denen, die keine Juden waren und nicht nach jüdischen Riten lebten.
Dann kamen einige aus Jerusalem, die das genauer nahmen. Was machte Petrus? Er setzte sich um, wollte mit einem Teil dieser Gemeinde plötzlich nichts mehr zu tun haben. Paulus konfrontierte ihn öffentlich und wies ihn zurecht – das könnt ihr im ersten und zweiten Kapitel nachlesen. Das Problem, das ich bei Petrus angedeutet habe, ist ein ganz Grundsätzliches.
Paulus geht zu Beginn seiner Verse hier noch einmal auf das Problem bei den Galatern ein, nämlich auf diese falschen Lehrer, die die Galater wieder ins Gesetz führen wollten. Im Galaterbrief sehen wir immer wieder, dass das Thema Beschneidung und Unbeschnittensein der Streitpunkt war. Es gab Leute, die die Galater zwingen wollten, wieder die ganzen jüdischen Gesetze einzuhalten und sich beschneiden zu lassen. Paulus war entschieden dagegen.
Heute möchte ich nicht mehr in die Tiefe gehen, das haben wir ausführlich behandelt. Neu in den Versen 11 bis 13 ist, dass Paulus sich jetzt um die Motivation dieser falschen Lehrer kümmert, was er bisher nicht getan hat. Er zeigt zwei Dinge auf, die sie motiviert haben.
Das Erste ist, dass sie das Ganze nur tun, damit sie keine Nachteile haben. Die Leute glauben wahrscheinlich auch an Jesu Sterben und Auferstehen. Sie sind nicht solche, die die Botschaft vom Evangelium grundsätzlich ablehnen. Sie sind vielleicht im Judentum unterwegs, sonst kämen sie nicht in die Gemeinden. Aber sie fügen etwas hinzu. Paulus schreibt, sie tun es, damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.
Stellt euch die Situation vor: Für uns heute ist das kein Problem. Du wirst nicht verfolgt, nur weil du dich nicht beschneiden lässt. Diese Situation haben wir nicht. Aber damals war es so: Wenn du bei den Juden unterwegs warst, wurdest du abgelehnt und ausgegrenzt. Innerhalb der jüdischen Gesellschaft hatte das soziale Nachteile, wenn du nicht beschnitten warst. Auch Heiden, die zum Glauben kamen, wurden nachträglich beschnitten. Das ist hier die Forderung.
Paulus sagt also, wenn du das nicht tun würdest, hättest du Nachteile unter den Juden. Die Motivation der falschen Lehrer ist, diese Nachteile zu vermeiden. Das Zweite formuliert er fast ironisch: Sie wollen sich der Beschneidung rühmen können – oder in anderen Übersetzungen: eures Fleisches rühmen.
Das meint, dass diese falschen Lehrer stolz darauf waren, wenn wieder ein Stückchen Fleisch abgeschnitten wurde. Es geht hier nicht um das Fleisch, von dem Paulus oft spricht, das unser Leben prägt, unsere menschliche Natur, sondern wirklich um das Stückchen Fleisch, das man als Art Skalpell abtrennt. Sie konnten sagen: „Ja, ich habe wieder jemanden dazu gebracht.“
Warum? Weil das Anerkennung brachte bei denen, die versucht haben, jüdisch zu leben. „Der hat sich eingesetzt, der hat wieder ein paar zu unserer Gruppe gebracht, der hat das ausgelebt, was wir wollten.“ Zwei Motive sind also da: Anerkennung bei den Menschen um sich herum sammeln und vermeiden, Nachteile zu haben.
Wenn wir das auf der Zunge zergehen lassen, ist das ein starkes Urteil, das Paulus hier über diese falschen Lehrer spricht. Wahrscheinlich sind es Leute, die eigentlich erkannt haben, was die Botschaft vom Sterben und Auferstehen Jesu mit sich bringt. Aber damit sie in ihrer Dorfgemeinschaft, in ihrer Nation – oder für uns Jüngere in ihrer Peer Group, ihrer Clique oder wo auch immer – akzeptiert bleiben oder sogar vorne mitschwimmen können, haben sie die Botschaft vom Kreuz modifiziert.
Sie haben jede Anstößigkeit entfernt und abgemildert, also das, womit andere nichts anfangen können. Wenn wir den ganzen Galaterbrief im Kopf behalten, ist es wenig überraschend, dass Paulus ihnen sagt: Das, was sie fordern, schaffen sie selbst gar nicht zu leben. Er schreibt, sie halten das Gesetz ja selbst nicht.
Der Galaterbrief fordert von denen, die sich beschneiden lassen, das ganze Gesetz zu halten. Das schaffen sie nicht. Es ist ein bisschen wie am Essenstisch: Wenn ich von meinen Kindern fordere, sitzen zu bleiben, halte ich mich manchmal selbst nicht daran. Das ist eine Banalität, aber in vielen anderen Lebensbereichen ist es ähnlich.
In Wirklichkeit geht es ihnen darum, bei den Leuten anerkannt zu sein, bei den Menschen etwas zu gelten und mitzuschwimmen.
Die Wirkung der Botschaft des Kreuzes auf die Gesellschaft
Wer die Bibel kennt und die Botschaft von Jesus versteht, dem sollte es eigentlich nicht wundern, dass die Botschaft des Kreuzes – und wenn ich von der Botschaft des Kreuzes spreche, meine ich das Evangelium – oft zu Problemen führt. Paulus behandelt dieses Thema ausführlich im ersten Korintherbrief, und auch Jesus selbst geht immer wieder darauf ein.
Schlagen wir gemeinsam 1. Korinther 1,22-23 auf. Dort beschreibt Paulus, welche Reaktionen die Botschaft des Kreuzes in der Regel hervorruft.
„Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“
Die Botschaft des Evangeliums – dass Gott wirklich Gott ist und lebt, dass wir Sünder sind und in unserer Sünde verloren gehen, und dass allein das Sterben und Auferstehen Jesu retten kann – ruft meist zwei Reaktionen hervor.
Bei den religiösen und vermeintlich moralisch Anständigen, hier die Juden, führt sie zu Ärger. Warum sollten gerade sie Erlösung brauchen? Sie sind doch das auserwählte Volk, sie leben doch moralisch gut. Warum sollten sie auf einer Stufe mit den Sündern dieser Welt stehen und ebenfalls Erlösung nötig haben? Es ist eine Provokation, jemandem, der „ordentlich“ lebt, zu sagen, dass er ein großes Minus auf seinem Konto hat und vor Gott nicht bestehen kann.
Wenn du so etwas sagst, wird die Person nicht mit Liebe und Freude darauf reagieren. Nein, sie wird dich angreifen, denn du greifst ihre Identität an. Sie hält viel von sich und glaubt, gut zu leben. Das führt zu Ärger.
Andererseits löst die Botschaft völliges Unverständnis bei den modernen, klugen Griechen der damaligen Zeit aus. Für sie ist das eine Torheit. Wie kann man an einen Mann glauben, der mit der schlimmsten erdenklichen Folter hingerichtet wurde? Er ist tot! Wie kann man seine Hoffnung auf so jemanden setzen? Das war die Reaktion der aufgeklärten Griechen.
Nach etwa 1700 Jahren christlicher Zivilisation laufen wir heute vielleicht Gefahr, dass das Kreuz seinen Schrecken verloren hat und der Skandal hinter dieser Botschaft uns nicht mehr klar ist. Im damaligen Rom war das Kreuz sogar ein so schlimmes Symbol, dass Cicero beschreibt, wie Todesurteile nicht mit „Tod durch Kreuzigung“ formuliert wurden, sondern als „an dem unglücklichen Baum aufgehängt“. Warum? Weil man das Wort „Kreuz“ nicht aussprechen wollte. Es war zu dramatisch, zu demütigend und zu niederschmetternd.
Und genau das verkündet Paulus: Dieser Mann, der so hingerichtet wurde, ist in der Lage, dich und mich zu retten. Das erscheint rational völlig unsinnig.
Diese Reaktionen haben sich in den letzten zweitausend Jahren nicht geändert. Für die religiös Anständig Lebenden ist das Kreuz nach wie vor ein Angriff auf ihre Ehre. Jesus als der einzige Weg ist die größte Provokation für alle religiösen Leistungsspieler. Er streicht alles durch, was Menschen in sich selbst als gut ansehen.
Jesus, der Mann am Kreuz, ist seit zweitausend Jahren die Provokation schlechthin für den menschlichen Verstand. Wie kann man an ein Buch und an den Menschen glauben, der dort beschrieben wird – ein Buch, das vielleicht auch noch voller scheinbarer Widersprüche steckt? Die Reaktion darauf ist meist Kopfschütteln und Gegenwind, sobald jemand zu radikal wird und das weltliche Schlafkoma mit der Botschaft vom Kreuz stört.
Machen wir uns nichts vor: Mit der klaren Botschaft vom Kreuz sammelt man keine Bonuspunkte beim gemütlichen Grillabend unter Kollegen. Es ist nicht das, was Menschen hören wollen. Es schafft keine Freunde und bringt keine Anerkennung, wenn wir es klar formulieren.
In der Regel entstehen diese zwei Reaktionen auch in deinem Umfeld, wenn du das Evangelium weitergibst.
Eigene Erfahrungen mit der Botschaft des Kreuzes
Was bringt das mit sich? Wenn ich mein Leben betrachte, muss ich ehrlich zugeben, dass ich beim Durchlesen dieser Texte tief getroffen wurde. Klar, ich bin nicht in der Gefahr, von irgendjemandem zu fordern, sich beschneiden zu lassen. Das ist für uns kein Thema mehr. Doch die Motive hinter diesen Irrlehrern sind mir sehr vertraut.
Ich möchte die Nachteile, die die Botschaft des Evangeliums mit sich bringt, eigentlich nicht haben. Ich will nicht unbeliebt werden. Ich möchte unter Freunden und Kollegen jemand sein, der anständig ist, den man mag und mit dem man gern zusammen ist. Ich möchte anerkannt und akzeptiert sein. Deshalb stehe ich in der Gefahr, an der Botschaft des Kreuzes einige Abstriche zu machen.
Mit den konservativen, moralisch perfekten Menschen diskutiere ich gern über den Verfall der Werte und darüber, wie alles schlimmer wird. Ich schimpfe auf die Linken und beklage, dass christliche Werte – und damit meine ich vor allem Tradition und Gesetze – nichts mehr gelten. Vielleicht einigen wir uns sogar auf eine politische Partei oder Richtung. Am Ende behaupte ich sogar, ich hätte Zeugnis gegeben. Aber in dieser Runde spreche ich nicht darüber, dass wir alle – auch die, die hier vielleicht eine gute Sicht haben – schuldig unter diesem Kreuz stehen.
Ich traue mich nicht, ihnen zu sagen, dass sie zwar auf andere herabschauen und vielleicht vermeintlich besser dastehen in ihrem Leben, aber in Gottes Augen genauso schuldig sind wie der Drogenabhängige in der Bahnhofsgasse. Sie sind in Gottes Augen genauso schuldig wie derjenige, der versucht, ein Kalifat durchzusetzen oder Ähnliches. Ich vermeide diese Botschaft. Ich vermeide die Schärfe, die die Botschaft des Evangeliums mit sich bringt.
Statt mich mit dem zu beschäftigen, was für diese Menschen eigentlich zählen würde, befasse ich mich mit Nebenkriegsschauplätzen. Bei den modernen, aufgeklärten Menschen bin ich ganz leise, wenn es um Abtreibung geht und die scheinbar damit verbundenen Rechte der Frau.
Ich hatte gerade erst eine Situation, in der jemand sagte, es werde vielleicht schwieriger in den USA, wenn jemand ein behindertes Kind erwartet und es um das Thema Abtreibung geht. Ich war so perplex, dass ich nicht reagierte. Statt zu sagen, dass auch dieses Leben lebenswert ist, weil ich genau weiß, dass es eine unangenehme Diskussion geben würde und ich vielleicht blöd dastehen würde, rede ich lieber über die sozialen Errungenschaften, die das Christentum hervorgebracht hat.
Ich dachte mir: Auch die Unterstützung der rumänischen Zigeunerschule macht sich da ganz gut. Da kann ich Punkte sammeln. Das ist etwas Gutes – nicht, dass jemand das falsch versteht – aber es macht sich gut, darüber zu reden. Dafür gibt es Lob und Anerkennung, und das ist nicht schlecht.
Aber wenn ich die Sünden unserer Zeit anspreche, traue ich mich nicht, auszusprechen, welche große Schuld wir als Gesellschaft vielleicht gerade in der Frage der Abtreibung auf uns laden und wie dringend wir Vergebung nötig haben.
Letztendlich merke ich bei mir selbst, dass ich weine und mich windend bemühe, das Anstößige dieser Botschaft zu vermeiden. Gut, dass das eher die Galater betrifft und mich selbst. Du bist wahrscheinlich eher bei Paulus unterwegs, der jetzt seine Sicht der Dinge darlegt und damit eine dritte Reaktion auf die Botschaft des Kreuzes in den Raum stellt.
Die Botschaft des Kreuzes als Quelle von Gerechtigkeit und Freiheit
Bevor wir uns das genauer anschauen, möchte ich dich einladen, kurz darüber nachzudenken, was diese Botschaft des Kreuzes eigentlich für uns bedeutet. Es geht darum, vor diesem Kreuz einen Moment ruhig zu werden. Ich will das nicht vollumfänglich tun, denn dazu gäbe es deutlich mehr zu sagen. Stattdessen möchte ich uns nur ein paar Stellen aus dem Galaterbrief vorlesen, die wir in den letzten Monaten immer wieder betrachten durften.
Was für eine gute Nachricht hindert dieses Evangelium des Kreuzes? Galater 2,16 sagt: „Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes. Denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.“
Kurz zusammengefasst: Die Botschaft des Kreuzes sagt, dass du durch das Sterben und Auferstehen Jesu allein gerecht vor Gott stehst, dass du gerechtfertigt bist und dein Schuldbrief zerrissen ist.
Galater 3,13 erklärt: „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“ Du bist erlöst vom Todesurteil, das das Gesetz über dein Leben ausgesprochen hat wegen der Sünde in deinem Leben. Dieses Urteil ist weggenommen, weggetan.
Warum? Weil jemand anders am Kreuz hing und dieses Todesurteil für dich getragen hat.
Galater 3,26-27 sagt: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ Du darfst durch den Glauben Sohn oder Kind Gottes sein – was für ein Vorrecht!
In Galater 4,4-7 lesen wir: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind. Wenn aber Kind, dann auch Erbe Gottes.“
Hier sind gleich mehrere Dinge enthalten: Du bist freigekauft aus der Sklaverei der Sünde und des Gesetzes. Du darfst in eine Vater-Sohn-Beziehung mit Gott hineinkommen. Du bist Erbe Gottes.
Galater 5,1 sagt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft bringen.“ Du bist befreit, herausgerufen aus tiefer Knechtschaft.
Vielleicht berührt dich das alles nicht mehr so sehr, weil du es zu oft gehört hast. An dieser Stelle möchte ich dir Mut machen, wieder ganz neu darüber nachzudenken. Nimm dir zu Hause Zeit und stelle dir die Frage, was es für dein Leben bedeutet, dass Jesus am Kreuz für dich gestorben ist. Lass dir das wieder neu bewusst werden.
Ich glaube, wenn wir das tun, können wir die Reaktion von Paulus nachvollziehen. Er sagt: „Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“
Stolz auf das Kreuz und seine Konsequenzen
Paulus stellt sich hier in den Kontrast zu den Irrlehrern. Während diese ein Problem mit der Botschaft des Kreuzes haben und den Skandal, der damit einhergeht, kleinreden oder wegwischen wollen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen, sagt Paulus: Er ist genau auf diese Botschaft stolz. Er geht bewusst sogar so weit, mit dieser Botschaft zu provozieren.
Trotz all seiner moralischen Leistungen – die man im Philippabrief nachlesen kann, wir haben das im Hauskreis gemeinsam gelesen, Philippa 3,4-6 – erkennt Paulus für sich die Notwendigkeit, dass jemand anders für ihn stirbt. Gleichzeitig erkennt er aber auch, dass jemand tatsächlich für ihn gestorben ist und diese Strafe für ihn verbüßt hat. Paulus sieht am Kreuz Jesus, der seine Schuld auf sich nimmt.
Für Paulus ist das auch der Triumph des Gekreuzigten, denn die Auferstehung gehört für ihn untrennbar zum Kreuz dazu. Deshalb wird für Paulus der Ort der scheinbaren Niederlage zum Ort des größten Triumphes. Auf diese Botschaft ist er stolz: die Botschaft, dass Rettung möglich ist, dass Jesus Sieger ist über Sünde, Tod und Teufel.
Es gibt eine dritte Reaktion auf die Botschaft des Kreuzes: die Reaktion, dass jemand anbetend niederfällt vor dem, was Jesus dort getan hat. Wir waren vorhin im ersten Korintherbrief, wo Paulus etwas Ähnliches ausführlicher behandelt, und ich habe den Vers 24 noch nicht gelesen: 1. Korinther 1,24.
Dort ist nämlich diese dritte Reaktion beschrieben: „Denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gotteskraft und Gottesweisheit.“ Paulus sagt, für die, denen der Heilige Geist den Blick auf dieses Kreuz öffnet und die erkennen, was dort wirklich passiert ist, verliert diese Botschaft ihren Skandalkarakter und gewinnt ihren Rettungscharakter.
Warum? Sie sehen dort Gotteskraft, die in der Lage ist, Verlorenes zu retten und selig zu machen. Sie sehen Gotteskraft und Weisheit, die allen Verstand dieser Welt zerstört und kaputt macht. Neben denen, die die Botschaft ablehnen, gibt es auch die, die vor dem Kreuz niederfallen und in dem Mann am Kreuz niemand Geringeren als den Sohn Gottes sehen, der die Welt mit sich selbst versöhnt.
Während die falschen Lehrer auf ihre eigenen Taten stolz sind, ist Paulus auf die Tat eines anderen außerhalb von sich selbst stolz. Das, worauf Paulus stolz ist, hat nicht viel mit ihm zu tun. Er ist stolz auf das, was Jesus dort getan hat, und dass er einer von denen sein darf, die am Fuße dieses Kreuzes Rettung und Erlösung finden.
Paulus gibt sich keiner Illusion hin. Er weiß, dass das gleichzeitig zwei Konsequenzen für ihn mit sich bringt in seinem Verhältnis zu der Welt, in der er noch lebt. Das beschreibt er hier, indem er sagt: „Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ Was meint er damit?
Ich glaube, er beschreibt zwei Seiten dessen, was am Kreuz passiert. Erstens, diese Welt, die für ihn tot ist. All ihre Angebote, alles Ansehen, das er in ihr gewinnen könnte, verliert gegenüber dem, was er am Kreuz gewinnt, ihren Wert. Das, was er am Kreuz sieht – die Botschaft vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi – ist für ihn so viel mehr wert und so viel wertvoller, dass die Welt und ihre ganzen Angebote ihren Wert für ihn verlieren.
Das meint er damit: Die Welt ist für ihn gekreuzigt. Die Welt hat ihren Wert verloren. Er ist gepackt von der Botschaft dieses Kreuzes, von diesem Trost, dieser Kraft, diesem Sinn, den er darin findet, von der Annahme und Identität für sein Leben. Für ihn ist es die Botschaft, die zur Gotteskraft wird, und dadurch verlieren alle Verlockungen ihren Wert.
Vielleicht trägst du manchmal etwas auf deinem Rücken, aber das ist es, was bei Paulus hier ausgelöst wird: Jesus ist alles, nichts ist Jesus. Aus seiner Sicht, aus seiner Perspektive verliert er nichts. Er hat in Jesus alles. Und alles, was die Welt ihm noch bieten könnte, ist nichts mehr. Es packt alles nicht mehr dazu. Das ist die Realität seines Lebens.
Das heißt nicht, dass deswegen alles schlecht ist. Paulus lebt immer noch in der Welt. Er versteht sich offenbar auf ein gutes Glas Wein, wenn man das so sagen will, wie er es Timotheus beschreibt. Aber es gibt ihm nicht mehr den Kern. Es packt nichts mehr dazu. Solange er Jesus hat, hat er alles.
Zweitens sagt Paulus, dass er der Welt gekreuzigt ist. Was meint das? Die Welt kann mit ihm nichts mehr anfangen. Diese Welt kann mit der Botschaft des Kreuzes nichts anfangen, und sie kann in aller Regel mit den Botschaftern des Kreuzes nichts anfangen. Wer wie Paulus dieser Botschaft des Kreuzes anhängt, ist für die Welt in ihren Augen meist nicht mehr viel wert.
Warum? Weil es aus ihrer Sicht ein vergeudetes Leben ist, vielleicht ein angriffiges Leben, ein Leben, das nicht zu ihnen passt, und man will damit nichts zu tun haben. Vielleicht geben wir uns der Illusion hin, dass das funktionieren könnte, dass die Welt mit uns etwas anfangen könnte, weil wir nicht irgendwo in einer islamischen Welt leben, wo sofort der Konflikt da ist und vielleicht jemand dir wirklich an den Kragen will.
Aber eigentlich ist es auch bei uns nicht anders. Wenn du dein Leben auf diese Botschaft des Kreuzes aufbaust, dann kann diese Welt in aller Regel mit dir nicht mehr allzu viel anfangen. Das ist die normale Reaktion. Deshalb sagt Paulus hier: „Ich kann mit der Welt nicht mehr viel anfangen, und sie mit mir auch.“
Worauf er etwas anfangen kann, ist diese Botschaft vom Kreuz. Auf diese Botschaft vom Kreuz setzt er sein ganzes Leben. Diese Botschaft vom Kreuz stellt sein Leben auf den Kopf, und Paulus ist sich bewusst, dass es die normale Reaktion ist. Warum? Weil Jesus selbst es einmal verheißt, in Johannes 15,18-19:
„Wenn die Welt euch hasst, dann denkt daran, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Sie würde euch lieben, wenn ihr zu ihr gehören würdet, denn die Welt liebt ihresgleichen. Doch ihr gehört nicht zur Welt. Ich habe euch aus der Welt heraus erwählt; das ist der Grund, warum sie euch hasst.“
Das ist die Realität, die Paulus beschreibt. Er fährt weiter fort in Vers 15 und sagt: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.“
Das ist auch, was wir am Kreuz feststellen: Die Maßstäbe dieser Welt haben keine Bedeutung mehr. Warum? Das moralisch anständige Leben zählt nicht unter dem Kreuz, weil wir alle Sünder sind. Gleichzeitig zählt unter dem Kreuz aber auch nicht mehr der Sumpf der Sünde, in dem wir in der Vergangenheit steckten, weil Jesus für uns bezahlt und sie wegnimmt.
Was zählt, ist das, was ins Zentrum eines neuen Lebens rückt: das von Gott geschenkte Leben, das seinen Ursprung im Leben Jesu hat. Die zentrale Botschaft des Kreuzes ist, dass es nicht mehr um Äußerlichkeiten geht, sondern um eine Erneuerung deines Herzens.
Die Botschaft vom Kreuz will dein Leben von Grund auf neu machen. Das haben wir auch im Galaterbrief gelernt, wenn Paulus in Galater 5,6 schreibt – und es klingt sehr ähnlich zu unserem Vers: „Denn in Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“
Im ganzen Galater 5 spricht Paulus davon, dass wir aus dem Geist Gottes leben sollen und von ihm geprägt werden. Dann sehen wir, dass im Zentrum der Botschaft des Kreuzes die Aufgabe steht, unser eigenes altes Leben aufzugeben und ein neues Leben aus Jesus Christus anzunehmen.
Der Fokus liegt weder auf dem Genuss dieser Welt noch auf religiösen Traditionen, sondern auf dem Kreuz und seiner Botschaft. Es geht weder darum, diese Welt möglichst zu genießen, noch darum, hier irgendwelche äußerlichen frommen Rituale abzuhalten.
Es geht darum, in der Nachfolge Jesu zu leben, das alte Leben aufzugeben und ein neues Leben anzuziehen, wie Paulus es in Epheser 4 beschreibt – ein Leben, das so viel mehr ist, das so viel besser ist.
Es geht um ein Leben, das im Gegensatz zu dem, worauf die falschen Lehrer Bezug nehmen, nicht auf die Veränderung äußeren Verhaltens abzielt, sondern auf Herzensveränderung. Wir sollen dieses Leben vom Kreuz her leben – ein Leben, das geprägt ist von Selbstverleugnung.
Ich werde das gleich noch konkreter machen.
Die Realität und Herausforderung des Lebens mit dem Kreuz
Was haben wir also? Paulus sagt, diese Botschaft des Kreuzes ist für ihn mehr wert als alles andere. Alles, was diese Welt ihm anbieten kann, ist wirklich nichts im Vergleich dazu. Er hat alles in der Botschaft des Kreuzes.
Er sagt weiter, dass diese Botschaft unweigerlich zu einem Konflikt mit der Welt, ihren Maßstäben und den Menschen führt. Er provoziert diesen Konflikt nicht bewusst, aber er erkennt ihn als eine Realität an, die diese Botschaft zwangsläufig mit sich bringt. Dabei macht er sich keine Illusionen.
Als Letztes sagt er, dass das, was wirklich zählt und vom Kreuz her geschieht, darin besteht, für Gott zu leben. Nicht mehr für diese Welt, sondern das neue Leben, das vom Geist Gottes geprägt ist, in dieser Welt zu leben. Das beschreibt Galater 5 ausführlich.
Mir geht es so, dass ich diese Realität manchmal nicht wahrhaben will. Ich wünsche mir und versuche immer wieder, dass beides nebeneinander funktioniert: die Botschaft vom Kreuz und ein schönes, akzeptiertes Leben in dieser Welt. Aber es passt nicht zusammen.
Wie ich vorhin beschrieben habe, ist die Illusion im Westen vielleicht so verlockend, weil wir den Versuch zumindest unternehmen können. Uns setzt niemand das Messer auf die Brust, wenn wir sagen, ich bin Christ. Aber die Realität ist und bleibt, dass die Welt um uns herum mit dieser Botschaft vom Kreuz nichts anfangen kann.
Wenn wir wirklich über sie reden und nicht über Randthemen des Glaubens, dann wird sie immer eine von drei Reaktionen hervorrufen. Manchmal werden wir vielleicht erleben, dass jemand dankbar anbetend vor diesem Kreuz niederfällt. Aber häufig werden die Leute sich angegriffen fühlen oder den Kopf schütteln und uns für geistig minderbemittelt halten. Das ist die normale Reaktion.
Auch die zweite Realität, glaube ich, stimmt. Ich erkenne sie immer wieder in meinem Leben, und trotzdem laufe ich immer wieder hinein: Je mehr ich meine Identität, Genuss und Anerkennung in dieser Welt suche, desto mehr brauche ich davon. Und desto weniger fühle ich mich angenommen, akzeptiert, komme zur Ruhe und fühle mich erfüllt.
Das ist das Paradox: Diese ganzen Angebote liefern nicht das, was sie versprechen. Die Realität ist, um eine rote Linie vom letzten Sonntag zu ziehen: Tobi Sanner predigt, dass ich hier nicht zuhause bin und dass du hier nicht zuhause bist. So beschreibt es der Petrusbrief: Wir sind Fremdlinge in dieser Welt.
Diese Realität hat auch Joschafat erlebt. Um die Mittwoch-Bibelstunde noch mit einzubeziehen: Es funktioniert nicht, gemeinsame Sache mit dieser Welt zu machen. Das ist eine Illusion.
Ich rede nicht davon, dass wir in den Konflikt gehen und möglichst viel Leid auf uns laden sollen, um unbeliebt zu sein. Ich rede nur davon, dass wir, wenn wir klar zu dieser Botschaft des Kreuzes stehen, die Realität der Ablehnung erfahren.
Aber das ist nicht alles, was ich erlebe. Denn ich erlebe auch etwas anderes: Je mehr ich mich mit dem Kreuz und dem darin begründeten neuen Leben beschäftige, desto mehr stelle ich fest, dass das Kreuz mir genau das gibt, was ich mir von der Welt oft wünsche: Annahme, Identität und Anerkennung als Sohn Gottes.
So sehr, wie ich es nirgends sonst um mich herum finde. Menschen enttäuschen mich, ob in der Welt oder sogar in Gemeinden. Aber dieser Mann am Kreuz enttäuscht nicht. Er gibt das, was uns diese Welt nicht geben kann.
Ich stelle fest, wie dieses Kreuz mir Frieden und Erfüllung gibt, mehr als alles Schöne in dieser Welt. Sicherlich kann ich manches davon genießen, aber es gibt mir nie die letzte Erfüllung.
Ich stelle fest, wie ich in den größten Unruhen meines Lebens an diesem Kreuz Ruhe und Frieden finden durfte. Wie ich zur Ruhe kommen darf. Wie dieses Kreuz mir mehr gibt als alles andere.
Eine halbe Stunde zu Jesu Füßen gibt mir mehr Entspannung als drei Stunden Filmabend auf der Couch. Trotzdem laufe ich immer wieder der Illusion hinterher, dass das Meer Ruhe geben würde.
Ich stelle fest, wie dieses neue Leben eigentlich erst wirklich Leben ist. Wie dieses Leben für Jesus mehr Erfüllung gibt. Wie es wirklich stimmt, dass Jesus nicht bloß etwas, sondern wirklich alles ist.
Diese Botschaft des Kreuzes nimmt den Blick weg von mir und richtet ihn auf jemanden anderen, der alles für mich getan hat.
Ich wünsche mir, dass du dich heute nicht mit dem zufriedengibst, was diese Welt dir zu bieten hat. Ich wünsche mir, dass du mehr willst. Dass dir nicht reicht, was hier geliefert ist, sondern dass du dich ausstreckst nach dem, was Jesus zu geben hat. Denn so viel mehr ist da.
Ich habe den Traum, dass diese Botschaft vom Kreuz dein Leben und mein Leben so sehr packt, wie sie Paulus gepackt hat. Dass wir innerlich mit dieser Welt abschließen – das heißt nicht weltfremd werden, sondern einfach keine Hoffnung mehr in ihr haben.
Dass uns egal ist, was die anderen über uns denken, weil uns etwas anderes so viel wichtiger ist. Dass wir zwar in dieser Welt leben, aber dieses neue Leben leben – wie Jesus in ihr gelebt hat. Als Zeugnis für sein Reich, als Zeugen für seine Botschaft vom Kreuz.
Die Folgen des Lebens für das Kreuz
Was passiert dann? Es ist ein Wunsch, den Paulus in Galater 6,16 zum Ausdruck bringt, der aber, glaube ich, Realität ist. Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten, Friede und Barmherzigkeit über sie, über das Israel Gottes.
Hinfort mache mir niemand weiter Mühe, denn ich trage die Mahlzeichen Jesu an meinem Leib. Ich habe das zusammengefasst, weil Paulus zwei Dinge beschreibt, was das mit sich bringt, wenn wir diese Botschaft des Kreuzes leben. Ich fange mit dem Hinteren an: mit den Mahlzeichen Jesu, die Paulus an seinem Leib trägt.
Nein, ich glaube nicht, dass das irgendeine coole Jesus-Tätowierung oder eine Kreuz-Tätowierung ist. Vielmehr denke ich, dass Paulus hier von den Narben spricht, und zwar wirklich den buchstäblichen Narben, die er erfahren hat, weil er diese Botschaft des Kreuzes verkündigt hat. Vielleicht denkt er an die Steinigungen in Lystra (Apostelgeschichte 14,19), und Lystra ist vielleicht eine der Gemeinden, an die der Galaterbrief ging, wo er noch Folgen davon hat.
Vielleicht denkt er an den Katalog, den er in 2. Korinther 11,23-27 aufführt, was er alles erfahren hat: wie er geschlagen worden ist, gesteinigt worden ist, also wirklich körperliche Leiden für die Botschaft des Kreuzes. Da sind wir ja weit weg davon, wer dich auf der Arbeit niederschlägt, nur weil du das Evangelium verkündest. Das habe ich noch nicht erlebt.
Das sind Auswirkungen der Botschaft des Kreuzes. Es ist quasi das andere Bundeszeichen. Während die Beschneidung das Zeichen des alten Bundes war, hat Paulus hier ein neues Zeichen. Das ist das Zeichen der Gemeinde Christi seit 2000 Jahren: Leid und Narben für die Botschaft des Kreuzes.
Aber Vers 16 beschreibt er noch etwas anderes: Diese Botschaft des Kreuzes bringt Frieden und Barmherzigkeit über die, die bereit sind, ihr Leben für den Mann am Kreuz zu leben. Wenn du dich heute wieder ganz neu dazu herausfordern lässt, dein Leben vom Kreuz her zu leben, dann ist das kein Minusgeschäft.
Ja, vielleicht wirst du wie Paulus Narben der Nachfolge sammeln, aber du bekommst viel mehr. Trotz dieser Narben kann dein Leben zur Ruhe kommen am Kreuz, bei Jesus, bei dem liebenden Vater.
Rational ist das nicht begreifbar, rational klingt das irrsinnig. Rational ist es das, was Paulus in Philipper 4,7 sagt. Wir haben das auch vor kurzem im Hauskreis gemacht: Dann wird der Friede Gottes, der höher ist als aller Verstand, der eben nicht zu diesem rationalen Frieden passt, eure Herzen und euer ganzes Denken in Christus Jesus bewahren.
Das Paradox ist, dass, wo dieses Kreuz scheinbar Stress auslösen kann in unserem Leben, es in diesem ganzen Stress zu Ruhe und Frieden führt – Barmherzigkeit, Angenommensein und Liebe.
Der Wunsch und die Herausforderung, zum Kreuz zu stehen
Was ist mein Wunsch mit der Predigt – für mich und für dich?
Mein Wunsch ist, dass wir unsere Hoffnung begraben, dass das Kreuz im Zentrum unseres Lebens stehen kann und wir gleichzeitig in dieser Welt anerkannt und akzeptiert sind. Das ist nicht einfach. Deshalb wünsche ich mir, dass wir den Mut haben, zu unserer wahren Identität, zu diesem neuen Leben und zu der Botschaft vom Kreuz zu stehen.
Meine natürliche Reaktion, sobald ein Gespräch in die Richtung geht, dass ich etwas Unangenehmes über den Glauben sagen könnte, ist oft zurückhaltend – vielleicht kennt ihr das. Ich möchte euch ermutigen, das nächste Mal, wenn so ein Moment kommt, mutig zu sein. Auch ich will mir das vornehmen und Gott anflehen und bitten, dass ich mich anders verhalte – nicht zurückziehe, sondern bewusst Stellung beziehe.
Dabei ist es wichtig, dies ganz bewusst in den Raum zu stellen – mit dem Wissen, dass das bedeuten kann, dass ich Nachteile erleide. Vielleicht wird jemand nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, im Extremfall. Dieses Risiko bewusst einzugehen, ohne es zu suchen.
Es geht nicht darum, Ärger zu provozieren, indem ich zu jemandem unhöflich oder verletzend bin. Manchmal tun wir das auch, und dann klopfen wir uns auf die Schulter und meinen, wir tragen jetzt die Leiden Christi. In Wirklichkeit waren wir einfach nur unhöflich. Darum geht es nicht.
Es geht darum, klar und ehrlich vom Kreuz zu reden. Von der Botschaft, die aus unserer Sicht die beste Botschaft der Welt ist. Wenn wir das tun, dann werden wir am Kreuz das finden, was wir so oft in der Welt suchen: Annahme, Liebe, Identität, Barmherzigkeit, Ruhe und Frieden.
Das ist es, was nur das Kreuz geben kann. Deshalb war es Paulus im Galaterbrief so wichtig, dass diese Botschaft im Zentrum bleibt und nicht wieder durch irgendwelche Äußerlichkeiten an den Rand gedrängt wird.
Deshalb wünsche ich dir zum Schluss, was Paulus den Galatern am Ende des Briefes auch wünscht: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder.“ Amen.
