
Schönen guten Morgen, liebe Gemeinde, und auch an alle, die über den Livestream zugeschaltet sind. Es ist schön, gemeinsam mit euch Gottesdienst zu feiern. Ich möchte kurz herzliche Grüße von Frank und Andi übermitteln. Sie sind gut angekommen, wie wir bereits im Gebet von George gehört haben, und waren schon im Indianerdorf Nuevo Esperanza – „Neue Hoffnung“.
Sie haben auch die Brücke befahren, die wir vor einigen Jahren gebaut haben. Sie steht immer noch, und dafür sind wir sehr dankbar. Wir beten weiterhin für die beiden und ihre Reise, dass sie Gnade haben, mit all den Umständen dort zurechtzukommen, auch mit dem Essen, das nicht immer einfach ist.
Außerdem möchte ich ganz herzlich allen danken, die beim Kinderherbstfest geholfen haben. Es war eine Freude zu sehen, wie das Zentrum mit Kindern und Eltern gefüllt war – Freunde, Verwandte, Schulkollegen, alle möglichen waren da. Besonders schön war, dass der Neubau zum ersten Mal in die vielen Spielstationen integriert war. Dadurch war mehr Platz, und es war nicht so gedrängt. Es war eine große Freude, und über hundert Helfer haben das möglich gemacht. Euch allen ein herzliches Dankeschön dafür.
Nun wollen wir uns dem Wort Gottes zuwenden. Wir sind im Römerbrief und predigen abschnittsweise die Dinge, die uns durch den Apostel Paulus von Gott überliefert wurden. Heute sind wir im Römer Kapitel 7. Ich lade euch ein, aufzustehen und den Text zu lesen: Römer 7,7-13. Die Überschrift der Predigt lautet: „Wozu das Gesetz?“
Römer 7,7:
„Was wollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz, denn von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren. Da nahm aber die Sünde einen Anlass durch das Gebot und bewirkte in mir jede Begierde; denn ohne das Gesetz ist die Sünde tot. Ich aber lebte, als ich noch ohne Gesetz war. Als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf, und ich starb. Und eben dieses Gebot, das zum Leben gegeben war, erwies sich für mich als todbringend; denn die Sünde nahm einen Anlass durch das Gebot und verführte mich und tötete mich durch dasselbe. So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut. Hat nun das Gute mir den Tod gebracht? Das sei ferne! Sondern die Sünde hat, damit sie als Sünde offenbar werde, durch das Gute meinen Tod bewirkt, damit die Sünde überaus sündig würde durch das Gebot.“ Amen.
Jetzt dürft ihr Platz nehmen und euch freuen, was das zu bedeuten hat.
Wir erinnern uns: Bisher hat der Apostel Paulus im Römerbrief gezeigt, dass das Gesetz Gottes – wir können sagen die Gebote Gottes – keinen Menschen rechtfertigen kann. Erinnert ihr euch? Römer 3,20: „Denn aus Werken des Gesetzes wird kein Mensch vor Gott gerechtfertigt.“ Paulus hat auch erklärt, dass unsere Heiligung, also das Christus-ähnlich-Werden, nicht durch das Halten des Gesetzes erreicht werden kann. Wir haben ausführlich darüber gesprochen.
Der Schlüssel zu deiner Heiligung ist die Tatsache deines Einsseins mit Christus. Du bist in ihm der Sünde gestorben, ja, du bist in ihm begraben und in ihm auferstanden zu einem neuen Leben. Das Befolgen des Gesetzes aus eigener Kraft macht dich nicht heiliger, sondern zeigt dir nur dein Scheitern.
Paulus hat bisher erklärt: Wir können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch das Halten des Gesetzes – Christus ist unsere Rechtfertigung. Er hat uns erklärt, dass wir auch nicht heiliger werden vor Gott durch das Gesetz, denn Christus ist unsere Heiligung. Er ist von Gott, wie Paulus es in 1. Korinther 1,30 schreibt: Jesus ist für uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht worden.
Dann hat Paulus noch mehr zum Gesetz gesagt: Es kann uns nicht rechtfertigen, es kann uns nicht heiligen. Er hat sogar gesagt, dass wir dem Gesetz gestorben sind – vorletzten Sonntag, Kapitel 7, Verse 1-6. Wir sind dem Gesetz, Vers 4, getötet, und nun sind wir mit einem neuen Ehemann verheiratet, ihr erinnert euch, und das ist Jesus Christus.
Die Folge ist in Römer 7,5-6, also die Verse vor unserem heutigen Text:
„Jetzt aber sind wir vom Gesetz frei geworden, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir im neuen Wesen des Geistes dienen und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“
Wenn also das Gesetz, die Gebote Gottes, uns weder rechtfertigen noch heiligen können und wir dem Gesetz sogar gestorben sind, welchen Wert hat das Gesetz dann noch? Heißt das nicht, dass wir die Gebote über Bord werfen können, vielleicht sogar sollten? Wo ist der Nutzen des Gesetzes?
Das ist die Frage, mit der sich Paulus jetzt beschäftigt. Auch hier ist seine Antwort ähnlich wie in den vergangenen Versen sehr klar. Vers 7, erster Vers unseres Abschnitts:
„Was wollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde?“ Antwort: „Das sei ferne!“ Absolut nein und nochmals nein. Denn das Gesetz und die Gebote kommen von Gott, und da er heilig ist, ist auch sein Gesetz heilig und gut.
Aber warum sind sie denn noch da? Unser Text zeigt es uns, und ich gliedere es in drei Punkten:
Erstens: Das Gesetz offenbart die Sünde.
Zweitens: Das Gesetz weckt die Sünde.
Drittens: Das Gesetz deckt unser Scheitern auf.
Erstens: Das Gesetz ist dazu da, unsere Sünde aufzudecken. Paulus schreibt in Vers 7:
„Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz.“ Die Gebote dienen also dazu, dass wir die Sünde überhaupt als Sünde erkennen. Diese Hilfestellung brauchen wir alle dringend, denn ohne das Gesetz Gottes würden wir uns überhaupt nicht als Sünder verstehen. Wir würden unseren Zustand gar nicht begreifen oder nur vage unsere Verdorbenheit wahrnehmen.
Wir haben zwar eine Antenne für das Versagen anderer, aber für unser eigenes sind wir stumpf. Manchmal tadeln wir andere sogar, während wir dabei genau die Sünde begehen, die wir verurteilen. Uns geht es wie der Mutter, die ihrem kleinen Sohn zurechtweist: „Junge, ich habe dir schon mindestens eine Million Mal gesagt, dass du nicht immer übertreiben sollst.“ Sie sieht das Versagen ihres Kindes, und während sie ihn korrigiert, begeht sie denselben Fehltritt.
So geht es uns allen. Wir sehen den Splitter im Auge des anderen, merken aber nicht, dass wir selbst einen Balken in der Pupille haben. Selbst wenn wir irgendwann in einem lichten Moment erkennen, dass auch wir nicht alles richtig machen, würden wir das, was wir falsch machen, niemals als Sünde bezeichnen – es sei denn, wir haben das Gesetz, das uns zeigt, dass wir gerade die Gebote Gottes übertreten haben. Und das ist Sünde.
Doch weil der Mensch sich von Gott nichts vorschreiben lassen will, aber gleichzeitig merkt, dass ein Zusammenleben ohne Regeln nicht funktioniert, hat er sich selbst Regeln gemacht. Das sind dann irgendwelche Fairness-Standards oder moralische Kriterien nach menschlichem Ermessen. Dann hört man Eltern sagen: „Das Junge macht man, aber das nicht.“ Wenn jemand diese allgemein anerkannten Regeln missachtet, die der Mensch sich für sein Zusammenleben konstruiert hat, mag er sein Handeln als falsch bezeichnen, aber nicht als Sünde.
Wenn wir gegen das Gesetz unseres Landes verstoßen, erkennen wir unsere Handlung als kriminell an, aber nicht als Sünde. Erst wenn wir verstehen, dass wir mit unseren Fehltritten gegen das Gebot Gottes verstoßen, begreifen wir es als das, was es wirklich ist: Sünde.
Das Gesetz hat eine wichtige Funktion: Es offenbart unsere Sünde. Deshalb schreibt Paulus in Vers 7:
„Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz.“
Dann gibt der Apostel ein Beispiel aus seinem eigenen Leben, Vers 7, Fortsetzung:
„Denn von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren.“
Hier spricht Paulus erstmals in der ersten Person Singular von sich selbst. Offensichtlich herrschte in ihm eine Begierde, die er aber gar nicht als falsch verstand. Er begehrte, sah es als in Ordnung an. Welche Begierde, welche Habgier das war, sagt er hier nicht konkret. Aber aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass Paulus damals noch Saulus hieß und ein Eiferer des Gesetzes war. Er verfolgte die Christen mit Eifer, war rechthaberisch und hasste die Gläubigen. Er wollte sie festsetzen, töten oder vertreiben.
Hielt er sich damals für einen Sünder? Überhaupt nicht. Er dachte, alles, was er tat, sei gut, gerecht und Gott wohlgefällig. Im Gegenteil, er war überzeugt, das Richtige zu tun. Er schreibt selbst in Philipper 3,6, dass er im Hinblick auf den Eifer ein Verfolger der Gemeinde war und in Bezug auf die Gerechtigkeit im Gesetz untadelig war.
Hier beschreibt er seinen Eifer, seine Begierde, Christen mundtot zu machen, und dabei dachte er, ein Vorbild für Tugendhaftigkeit zu sein. Erst als das Gesetz Gottes, in diesem Fall das zehnte Gebot „Du sollst nicht begehren“, ihm vor Augen gemalt wurde und sein Herz die Wahrheit und Bedeutung dieses Gebotes verstand, begriff er, dass er ein Sünder war.
Die Funktion des Gesetzes ist also, die Sünde zu offenbaren, die wir ohne das Gesetz gar nicht wahrgenommen hätten – so wie bei Saulus.
Welchen Nutzen hat das Gesetz also? Es offenbart die Sünde.
Jetzt eine Anregung: Nimm dir doch einmal Zeit, heute Nachmittag oder in der Woche, ganz in Ruhe die zehn Gebote aufmerksam zu lesen – mit einem betenden Herzen. Glaube daran, dass das, was Paulus hier im Römer schreibt, wirklich wahr ist: Dieses Gebot offenbart deinen Herzenszustand.
Bitte Gott, dir zu zeigen, wo du gegen ihn gesündigt hast. Das Gesetz wird dir durch den Heiligen Geist sichtbar machen, an welcher Stelle du die Gebote Gottes gebrochen hast. Nachdem du dir dessen bewusst geworden bist, wende dich mit ehrlicher Buße und dem Bekenntnis „Ich erkenne jetzt, dass ich ein Sünder bin“ Jesus Christus, dem Sohn Gottes, zu. Bitte ihn um Vergebung, denn durch deine eigene Anstrengung wirst du das Gebot niemals halten können. Nur durch Christus wirst du gerechtgesprochen. Er ist da, um deine Sünden zu vergeben.
Aber bevor du um Vergebung bitten kannst, musst du erkennen, dass du Vergebung brauchst. Dazu will dir das Gesetz helfen: Es zeigt dir und auch mir unseren echten Zustand – so wie wir sind, schonungslos und ohne Maske. Es demaskiert uns.
Zweitens: Das Gesetz offenbart nicht nur die Sünde, sondern es weckt sie sogar. Das ist keine gefährliche, aber eine erklärungsbedürftige Aussage. Das Gesetz Gottes weckt Sünde.
Wie komme ich darauf? Paulus schreibt es hier in Vers 8:
„Da nahm aber die Sünde einen Anlass durch das Gebot und bewirkte in mir jede Begierde.“
In der Schlachter-Übersetzung heißt es:
„Die Sünde aber nahm das Gebot, also das Gesetz, zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art, denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.“
Schau mal in Vers 11, da drückt er es ähnlich aus:
„Denn die Sünde nahm einen Anlass durch das Gebot und verführte mich.“
Was bedeutet das? Wir können es auch so ausdrücken: Das Gesetz, das Gebot Gottes, gab meiner Sünde Anlass, in mir Begierden aller Art zu wecken. Wir können auch sagen: Tatsächlich ist das Gesetz hier wie ein Beschleuniger für die Sünde.
Was bedeutet das? Ganz wichtig: Es bedeutet nicht, dass das Gesetz deswegen schlecht ist. Wir müssen auf die Worte achten, die hier benutzt werden. Das hat Paulus gleich in Vers 7 klargemacht: „Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne!“ Und auch in Vers 12 macht er deutlich:
„So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, es ist gerecht und gut.“
Das ist die Basis, auf der wir stehen. Das Gebot und das Gesetz Gottes stammen von einem liebenden Vater, der es gut mit uns meint. Er ist unendlich großzügig, unendlich gütig, unendlich barmherzig, unendlich liebevoll.
Das Gebot von ihm ist keine Willkür, die uns die Freude rauben will. Es ist auch kein Instrument, mit dem Gott sich seine Macht erhält, so als Kontrollmechanismus. Nein, die Gebote dienen uns zum Besten. Sie geben uns Wegweisung, wie wir miteinander und vor Gott im Frieden leben können. Sie schützen Leben, Besitz und Familie, fördern die Wahrheit, ehren den einzig wahren Gott und führen uns und unsere ausgetrockneten Seelen zur wahren Zufriedenheit und Erfüllung – indem wir den einzig wahren Gott anbeten.
Frage an dich: Betrachtest du die Gebote Gottes auf diese Weise? Das Gebot ist gut, heilig und gerecht, und doch – oder wir können sagen: und zugleich – weckt das Gesetz offensichtlich auch Sünde in uns auf.
Die Sünde ist schon in uns. Sie kommt nicht durch das Gesetz zu uns, aber in dem Moment, wo das Gesetz uns vor Augen gemalt wird, wird die Sünde gekitzelt, geweckt. Nicht die Gebote, sondern die Sünde ist der Ursprung unseres bösen Verhaltens.
Es war die Sünde, die schon in Saulus war, die sich vom Gesetz gereizt fühlte und so in ihm noch mehr geweckt wurde. Ohne Gott – und das bezieht sich insbesondere auf Menschen, die nicht mit Gott leben – haben wir eine innere Entschlossenheit, die uns sagt, dass niemand uns vorschreiben kann, wie wir zu leben haben. Aus unserer Sicht hat nicht einmal Gott das Recht dazu.
Doch da gibt es ein Gesetz – das Gesetz Gottes –, das wir nicht abschaffen können und unter dessen Autorität wir stehen. Dieses Gesetz ist gut und kommt von Gott.
Also: Das Gesetz ist ein Beschleuniger für die Sünde, sagt Paulus. Aber das bedeutet nicht, dass das Gesetz böse ist – das haben wir verstanden.
Was heißt es aber dann, dass das Gesetz Sünde in uns weckt, in Paulus’ Fall die Begierde? Es bedeutet, dass das Gesetz in unserem bösen Herzen eine Reaktion erzeugt, die noch mehr Sünde hervorbringt.
Ein Beispiel aus dem Physikunterricht: Christian Wegert sitzt im Physikraum, Fachraum. Sein Lehrer hieß Herr Backes. Herr Backes hatte oft Schwierigkeiten, die Klasse zur Ruhe zu bringen, ihm fehlte Durchsetzungsvermögen.
Es war wieder eine Stunde begonnen, und wie so oft flogen zusammengeknüllte Brotpapiere durch den Raum. Es war ein reges Treiben, und ich habe das zu Beginn gar nicht so wahrgenommen, weil das normal war.
Erst als Herr Backes sich empört vor die Klasse stellte und laut das Gesetz aufstellte: „Du sollst nichts werfen!“, fing es in mir an zu arbeiten. Hatte ich nicht auch noch Papier von meinem Brot? Während ich das dachte, spürte ich, wie meine Hand ferngesteuert die Alufolie, in die das Brot eingewickelt war, zu einer Kugel formte.
Ich habe wirklich überlegt, ob ich das sagen soll, ich möchte niemanden lächerlich machen, das ist traurig, sehr traurig – vor allem tut es mir leid für alle Lehrer, die hier sitzen. Ich respektiere euch wirklich sehr.
Während ich die Alufolie formte, wandte ich mich zu meinem Nachbarn rechts und sagte: „Sven, wetten, ich treffe Herrn Backes auf die Backe?“ Wir saßen in der letzten Reihe.
Sven sagte: „Das schaffst du nie.“ Das weckte noch mehr Begierde in mir. Da war dieses Gebot „Du sollst nichts werfen!“ und das Böse in mir sprang darauf an.
Vorher flog alles durch den Klassenraum, und es hat mich nicht interessiert. Also nahm ich Zielwasser, warf und traf Herrn Backes auf die Wange. Die Reaktion von Herrn Backes war so heftig, dass es im Raum plötzlich mucksmäuschenstill war. Mit Zorn in den Augen – ich habe ihn so noch nie gesehen – schrie er in die Klasse: „Wer war das?“
Da habe ich überlegt, was ich jetzt mache. Ich meldete mich: „Herr Backes, ich war es!“ und ging reumütig nach vorne. Ich bekam eine kräftige Standpauke.
Was war passiert? Und das ist tatsächlich nicht lustig, einerseits humorvoll, aber andererseits gar nicht. Die Sünde war schon in mir. Doch das Gesetz „Du sollst nicht werfen!“ reizte mich, und ich musste werfen.
Ähnliches berichtet der Kirchenvater Augustinus, vielleicht kennen einige diesen Bericht aus seiner Konfession: Als Jugendlicher ging er mit Freunden in den Obstgarten eines Nachbarn und stahl dort einige Birnen.
Jahre später dachte er über seinen damaligen Diebstahl nach und sagte:
„Die Birnen im Garten unseres Nachbarn waren nicht besser als unsere, die wir im eigenen hatten. Sie waren weder saftiger noch größer. Ich hatte auch keinen Hunger. Der einzige Grund, warum ich sie stahl, war die Tatsache, dass die Birnen jemand anderem gehörten und dass es uns nicht erlaubt war, sie zu nehmen. Unsere Freude war nicht der Geschmack, sondern die Sünde. Ich habe sie nur gepflückt, um zu stehlen. Ich liebte nichts daran außer dem Stehlen.“
Das Verbot hatte sein Verlangen zu stehlen geweckt, herausgekitzelt. Und das ist es, was das Gesetz tut, das ist, was Paulus hier schreibt: Es provoziert Bosheit.
Das zeigt uns etwas: Es zeigt, wie stark die Sünde in uns ist. Sie muss sehr mächtig sein, wenn sie sogar Gottes Gebote für boshafte Dinge nutzen kann. Verstehen wir das? Es ist sehr ernüchternd und beschämend zu erkennen, wie böse wir wirklich sind.
Wir nehmen tatsächlich die guten Gebote Gottes zum Anlass, um umso mehr gegen sie zu verstoßen.
Wenn Gott uns durch Jesus Christus nicht gnädig ist, sind wir tatsächlich allesamt verloren.
Das Gesetz also offenbart erstens die Sünde, zweitens weckt es die Sünde, und drittens deckt es unser Scheitern auf.
Das Gesetz bewirkt Gutes, denn es bringt uns schließlich an unser persönliches Ende, zum Tod.
Schauen wir in den Text, Vers 9-11:
„Ich aber lebte, als ich noch ohne Gesetz war. Als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf, und ich starb. Und eben dieses Gebot, das zum Leben gegeben war, erwies sich für mich als todbringend; denn die Sünde nahm einen Anlass durch das Gebot und verführte mich und tötete mich durch dasselbe.“
Hier benutzt Paulus dreimal das Wort „Tod“ – sein geistliches Ende, bezogen auf seinen sündhaften Stand ohne Gott: Tod, todbringend, tötete mich.
Paulus, als er noch Saulus war und ein Eiferer des Buchstabens, schien zu leben, so drückt er es aus, Vers 9:
„Ich aber lebte, als ich noch ohne Gesetz war.“
Was meint er damit genau? Er lebte insbesondere seine Selbstzentriertheit. Er dachte, er hätte ein gutes Ansehen vor Gott. Er sagt mit anderen Worten – ich zitiere einen Kommentar von Hendriksen und Kistemaker:
„Es gab eine Zeit, in der ich mich sicher fühlte, ohne mir meiner Sünden bewusst zu sein. Damals war mir die volle Tragweite des Gesetzes nicht bewusst. Es war noch keine unerträgliche Last auf meinem Herzen. Ich dachte, dass ich moralisch und geistlich ganz gut dastehe. Ich lebte vor Gott in meiner eigenen Gerechtigkeit und dachte, alles sei in Ordnung.“
Aber als das Gebot kam – das heißt, als ihm klar wurde, wir können sagen, durch den Heiligen Geist klar wurde, was das Gesetz wirklich verlangte – erkannte er, was für ein großer Sünder er war. Damals starb er. Das war das Ende seiner Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit.
Anders gesagt: Als das Gebot – das ist die Rolle des Gebots, es zeigt uns unser Ende – ihm offenbar wurde, als er verstand, was der Inhalt und die Forderungen des Gesetzes wirklich sind, wurde ihm bewusst, wer er ohne Christus ist.
Da schmolzen seine Selbstgerechtigkeiten und sein Selbstvertrauen dahin. Er sagt: „Ich starb.“ Es war todbringend, es tötete ihn und seinen Stolz. Seine Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit waren an ihr Ende gekommen.
Als ihm die wahre Bedeutung des Gesetzes klar wurde, zerbrach Paulus, erkannte seine Schuld. Er verstand, dass er das Gesetz niemals vollständig halten kann, dass er selbst es auch gar nicht gehalten hat, sondern durch seinen Eifer allein schon gegen das zehnte Gebot aufbegehrt hat.
Er realisierte, dass es in seinem Wesen, in seiner Natur verankert ist, so böse zu sein, wie es ist. Er gab zu: Das Gesetz kam, und es weckte in mir noch mehr Boshaftigkeit.
Er verstand, dass plötzlich das Gesetz ihm Sünde offenbart und zeigt, wer er wirklich ist. Er erkannte, dass er das Gesetz sogar brechen wollte, von seiner eigenen Motivation heraus. Statt dass das Gebot die Sünde vertrieb, wurde sie durch das Gesetz noch mehr geweckt.
Erkennen wir diesen Zerbruch, diesen Tod des alten Egos, den das Gesetz ihm plötzlich brachte?
Und ja, liebe Schwestern und Brüder, mögen wir nie vergessen, wer wir ohne Gott waren. Dieser Text lässt uns heute Morgen in die Abgründe unserer Verdorbenheit blicken.
Nicht nur Saulus war in einem hoffnungslosen Zustand, sondern wir alle sind es. Das Gebot aber ist insofern gut, als dass es uns zeigt, wie wir wirklich vor Gott sind.
Es ist, wie Galater 3,24 sagt, unser Lehrmeister, unser Erzieher, unser Zuchtmeister. Das Gesetz zeigt uns, wer wir sind, aber es lässt uns nicht stehen, wo wir sind. Es ist unser Lehrmeister, unser Erzieher, unser Zuchtmeister, auf Christus hin, damit wir, wie es weiter heißt, aus Glauben gerechtfertigt würden.
So ist es auch mit dir und mir. Wenn das Gesetz, offenbart und lebendig gemacht durch den Heiligen Geist in unserem Herzen, uns endlich ans Ende bringt und unser alter Mensch, unser altes Ego, unsere alte Selbstzentriertheit stirbt, erst dann sind wir bereit für das Evangelium der Gnade Gottes.
Denn das Evangelium besteht immer aus zwei Seiten einer Medaille:
Einmal bist du auf ewig verloren aufgrund deiner Schuld.
Aber die andere Seite ist: Christus ist gekommen, um deine Schuld zu tragen, dir zu vergeben, dich neu zu machen und dein böses Herz zu ändern. So weckt das Gesetz nicht noch mehr Sünde in dir, sondern du sagst: „Ich mache beim Brotpapierwerfen nicht mit. Es ist gegen Gott, seine Liebe und den Respekt, den er mir aufträgt – sogar Physiklehrern gegenüber.“
Als Paulus also die Bedeutung des Gesetzes klar wurde, zerbrach er – beziehungsweise Saulus. So ist es auch wichtig für uns. Es mag schmerzhaft sein, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, aber es ist zugleich heilsam. Denn solange wir meinen, wir seien auf dem richtigen Weg, laufen wir ins Verderben.
Erst wenn wir erkennen, dass wir verloren sind, sind wir bereit für das Evangelium – die gute Nachricht von Jesus Christus, der sein Leben als Opfer für deine Schuld am Kreuz von Golgatha gegeben hat.
Unsere Hoffnung liegt nicht in unserer Anstrengung, die Gebote zu halten, sondern allein im Glauben an den Sohn Gottes, der sein Blut vergoss zur Vergebung unserer furchtbaren Boshaftigkeiten. Er reinigt, wäscht und macht uns ganz neu.
Dazu benutzt er die Gebote, um uns zu Christus zu treiben. Und dann gehen wir auf unsere Knie und sagen: „Herr, vergib mir!“ Dann wird er zu unserer Gerechtigkeit, zu unserer Heiligung. Er wird zu unserem neuen Ehemann, dem wir verpflichtet sind – aus Liebe, Dankbarkeit und Freude.
Möge Gott es in unseren Herzen schenken. Amen.
Vater, wir danken dir für deine Gnade, auch für das Gesetz, dass wir es verstehen dürfen – auch durch diesen Text. Ja, das ist ein komplexer Text, aber er beinhaltet göttliche Wahrheit.
So bete ich, dass wir in unseren Herzen das verstehen und dass jeder, der heute zugehört hat, von dir hingewiesen wird auf Punkte, wo wir Veränderung brauchen, wo wir erkennen müssen, dass wir wirklich durch und durch boshaft sind – auch in unserer Motivation, unseren Taten und Gedanken.
Ja, das ist alles offen vor dir, wie ein aufgeschlagenes Buch. So wollen wir uns durch das Gebot zu dir treiben lassen.
Herr Jesus, unsere Antwort auf unser Dilemma bist nur du, Herr! Ich bitte dich, lass dies heute in den Herzen der Zuhörer klar sein – auch bei denen, die sich noch nie dir zugewandt haben.
Bitte gib du ihnen den Glauben, dass sie sagen: „Jesus, hilf mir, sei mir Sünder gnädig.“
Wir danken dir, dass wir jetzt in das Abendmahl gehen dürfen, und bitten dich auch dafür um deinen Segen. Amen.
Die Unwirksamkeit des Gesetzes zur Rechtfertigung und Heiligung
Wir erinnern uns: Bisher hat der Apostel Paulus im Römerbrief gezeigt, dass das Gesetz Gottes – also die Gebote Gottes – keinen Menschen rechtfertigen kann. Er schreibt in Römer 3,20: „Denn aus Werken des Gesetzes wird kein Fleisch vor Gott gerechtfertigt.“
Paulus hat außerdem erklärt, dass auch unsere Heiligung, also das Christus-ähnlicher-Werden, nicht durch das Halten des Gesetzes erreicht werden kann. Wir haben ausführlich darüber gesprochen. Der Schlüssel zu deiner Heiligung liegt vielmehr in deinem Einssein mit Christus. Du bist in ihm der Sünde gestorben, ja, du bist in ihm der Sünde begraben und in ihm auferstanden zu einem neuen Leben.
Das Befolgen des Gesetzes aus eigener Anstrengung macht dich nicht heiliger, sondern zeigt dir nur dein Scheitern. Paulus hat also bisher erklärt: Wir können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch das Halten des Gesetzes, denn Christus ist unsere Rechtfertigung. Er hat uns auch erklärt, dass wir nicht heiliger werden vor Gott durch das Gesetz, denn Christus ist unsere Heiligung.
Paulus schreibt in 1. Korinther 1,30, dass Jesus für uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht worden ist.
Dann hat Paulus noch mehr zum Gesetz gesagt: Es kann uns nicht rechtfertigen, es kann uns nicht heiligen. Er hat sogar erklärt, dass wir dem Gesetz gestorben sind. Das lesen wir im Römerbrief Kapitel 7, Verse 1-6. Dort heißt es in Vers 4, dass wir dem Gesetz „getötet“ sind und nun mit einem neuen Ehemann verheiratet sind – und dieser neue Ehemann ist Jesus Christus.
Die Folge davon beschreibt Paulus in Römer 7,5-6, den Versen vor unserem heutigen Text: „Jetzt aber sind wir vom Gesetz frei geworden, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir im neuen Wesen des Geistes dienen und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“
Die Frage nach dem Nutzen des Gesetzes
Okay, also: Wenn das Gesetz, die Gebote Gottes, uns weder rechtfertigen noch heiligen können und wir dem Gesetz sogar gestorben sind, welchen Wert hat das Gesetz dann noch? Bedeutet das nicht, dass wir die Gebote über Bord werfen können – vielleicht sogar sollten? Wo liegt der Nutzen des Gesetzes?
Das ist die Frage, mit der sich Paulus jetzt beschäftigt. Auch hier ist seine Antwort, ähnlich wie in den vergangenen Versen, sehr klar. Vers 7, der erste Vers unseres Abschnitts, lautet: "Was wollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde?" Die Antwort darauf ist: "Das sei ferne, absolut nein und nochmals nein."
Denn das Gesetz und die Gebote kommen von Gott. Und da Gott heilig ist, sind auch sein Gesetz und seine Gebote heilig und gut.
Aber warum sind sie dann noch da? Unser Text zeigt es uns, und ich gliedere es in drei Punkten.
Die drei Funktionen des Gesetzes
Erstens offenbart das Gesetz die Sünde. Zweitens weckt das Gesetz die Sünde. Und drittens deckt das Gesetz unser Scheitern auf.
Erstens...
Erstens: Das Gesetz offenbart die Sünde
Das Gesetz ist dazu da, unsere Sünde aufzudecken. Paulus schreibt in Vers 7: „Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz.“ Die Gebote dienen also dazu, dass wir Sünde überhaupt als Sünde erkennen. Diese Hilfestellung brauchen wir alle dringend, denn ohne das Gesetz Gottes würden wir uns gar nicht als Sünder verstehen. Wir würden nicht begreifen, wie unser Zustand wirklich ist – oder wir hätten nur ein vages Bewusstsein unserer Verdorbenheit.
Wir haben zwar eine „Antenne“ für das Versagen anderer, aber für unser eigenes Versagen sind wir stumpf. Manchmal tadeln wir andere sogar, während wir gleichzeitig genau die Sünde begehen, die wir gerade verurteilen. Uns geht es wie einer Mutter, die ihren kleinen Sohn zurechtweist und sagt: „Junge, ich habe dir schon mindestens eine Million Mal gesagt, dass du nicht immer übertreiben sollst.“ Sie sieht das Versagen ihres Kindes und korrigiert es deswegen, begeht dabei aber selbst denselben Fehltritt. So geht es uns allen: Wir sehen den Splitter im Auge des anderen, merken aber nicht, dass wir selbst einen Balken in der Pupille haben.
Selbst wenn wir irgendwann in einem lichten Moment erkennen, dass auch wir nicht alles richtig machen, würden wir das, was wir falsch machen, niemals als Sünde bezeichnen – es sei denn, wir haben das Gesetz, das uns zeigt, dass wir gerade die Gebote Gottes übertreten haben. Und das ist was? Sünde.
Doch weil der Mensch sich von Gott nichts vorschreiben lassen will, aber gleichzeitig merkt, dass ein Zusammenleben ohne Regeln nicht funktioniert, hat er sich selbst welche gemacht. Das sind dann irgendwelche Fairness-Standards oder moralische Kriterien nach menschlichem Ermessen. Man hört Eltern sagen: „Das macht man so, aber nicht so.“ Wenn jemand diese allgemein anerkannten Regeln missachtet, die der Mensch sich für sein Zusammenleben konstruiert hat, mag er sein Handeln vielleicht als falsch bezeichnen – aber nicht als Sünde.
Wenn wir gegen das Gesetz unseres Landes verstoßen, erkennen wir unsere Handlung als kriminell an, aber nicht als Sünde. Erst wenn wir erkennen, dass wir mit unseren Fehltritten gegen das Gebot Gottes verstoßen, verstehen wir es als das, was es wirklich ist: Sünde.
Das Gesetz hat eine wichtige Funktion: Es offenbart unsere Sünde. Deswegen schreibt Paulus in Vers 7: „Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz.“ Dann gibt der Apostel ein Beispiel aus seinem eigenen Leben. In Vers 7, Fortsetzung, sagt er: „Denn von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren.“ Hier spricht Paulus erstmals in der ersten Person Singular von sich selbst. Offensichtlich herrschte in ihm eine Begierde, die er aber gar nicht als falsch verstand. Er begehrte, sah es als in Ordnung an.
Welche Begierde, welche Habgier es war, sagt er hier nicht konkret. Aber aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass er damals noch Saulus war – ein Eiferer des Gesetzes, begierig und rechthaberisch Christen verfolgte. Er hasste die Gläubigen und wollte sie festsetzen, töten oder vertreiben. Hielt er sich damals für einen Sünder? Überhaupt nicht. Er dachte, alles, was er machte, sei gut, gerecht und Gott wohlgefällig. Im Gegenteil: Er war überzeugt, das Richtige zu tun.
Er schreibt selbst in Philipper 3,6, dass er im Hinblick auf den Eifer ein Verfolger der Gemeinde war und im Hinblick auf die Gerechtigkeit im Gesetz untadelig. Hier beschreibt er seinen Eifer, seine Begierde, Christen mundtot zu machen – und dabei dachte er, er sei ein Vorbild für Tugendhaftigkeit. Er ging davon aus, alles richtig zu machen.
Erst als das Gesetz Gottes – in diesem Fall das zehnte Gebot: „Du sollst nicht begehren“ – ihm vor Augen gemalt wurde und sein Herz die Wahrheit und Bedeutung dieses Gebotes verstand, begriff er, dass er ein Sünder war. Die Funktion des Gesetzes ist es also, die Sünde zu offenbaren, die wir ohne das Gesetz gar nicht wahrgenommen hätten – wie es im Fall von Saulus war.
Welchen Nutzen hat das Gesetz also? Es offenbart die Sünde.
Und jetzt eine Anregung: Nimm dir doch mal Zeit, heute Nachmittag oder in der Woche ganz in Ruhe die zehn Gebote aufmerksam zu lesen – mit einem betenden Herzen. Glaube daran, dass das, was Paulus hier im Römerbrief schreibt, wirklich wahr ist: Dieses Gebot offenbart deinen Herzenszustand.
Bitte Gott, dir zu zeigen, wo du gegen ihn gesündigt hast. Das Gesetz wird dir durch den Heiligen Geist sichtbar machen, an welcher Stelle du die Gebote Gottes gebrochen hast. Sobald du dir dessen bewusst geworden bist, wende dich mit ehrlicher Buße und dem Bekenntnis: „Ich erkenne jetzt, dass ich ein Sünder bin“, an Jesus Christus, den Sohn Gottes, und bitte ihn um Vergebung.
Denn durch deine eigene Anstrengung wirst du das Gebot niemals halten können. Nur durch Christus wirst du gerechtgesprochen, und er ist da, um deine Sünden zu vergeben. Aber bevor du um Vergebung bitten kannst, musst du erkennen, dass du Vergebung brauchst. Dazu will dir das Gesetz helfen.
Es zeigt dir und offenbart dir – auch mir – unseren echten Zustand, so wie wir sind, schonungslos und ohne Maske. Es demaskiert uns. Zweitens...
Zweitens: Das Gesetz weckt die Sünde
Das Gesetz offenbart nicht nur die Sünde, sondern es weckt sie sogar. Das ist keine gefährliche, aber eine erklärungsbedürftige Aussage. Das Gesetz Gottes weckt die Sünde. Wie komme ich darauf? Paulus schreibt es hier: „Da nahm aber die Sünde einen Anlass durch das Gebot und bewirkte in mir jede Begierde.“ (Römer 7,8)
Das war die Schlachter-Übersetzung. Luther 84 formuliert es so: „Die Sünde aber nahm das Gebot, also das Gesetz, zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.“ Schau auch in Vers 11, wo er es ähnlich ausdrückt: „Denn die Sünde nahm einen Anlass durch das Gebot und verführte mich.“
Was bedeutet das? Wir können es auch so sagen: Das Gesetz, das Gebot Gottes, gab meiner Sünde Anlass, um in mir Begierden aller Art zu wecken. Tatsächlich sagt Paulus hier, dass das Gesetz wie ein Beschleuniger für die Sünde ist.
Was bedeutet das? Ganz wichtig: Es bedeutet nicht, dass das Gesetz deshalb schlecht ist. Wir müssen auf die Worte achten, die hier benutzt werden. Das hat Paulus gleich in Vers 7 klargemacht: „Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne!“ Und auch in Vers 12 macht er deutlich: „So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, es ist gerecht, und es ist gut.“
Das ist die Basis, auf der wir hier stehen. Das Gebot und das Gesetz Gottes stammen nämlich von einem liebenden Vater, der es gut mit uns meint. Er ist unendlich großzügig, unendlich gütig, unendlich barmherzig und unendlich liebevoll. Das Gebot von ihm ist keine Willkür, die uns die Freude rauben will.
Es ist auch kein Instrument, mit dem Gott sich seine Macht erhält, so als Kontrollmechanismus. Nein, die Gebote dienen uns zum Besten. Sie geben uns Wegweisung, wie wir miteinander und vor Gott im Frieden leben können. Sie schützen Leben, Besitz und Familie. Sie fördern die Wahrheit. Sie ehren den einzig wahren Gott und führen uns und unsere ausgetrockneten Seelen zur wahren Zufriedenheit und Erfüllung, indem wir nämlich den einzig wahren Gott anbeten.
Frage: Betrachtest du die Gebote Gottes auf diese Weise? Das Gebot ist gut, heilig und gerecht – und doch, oder wir können auch sagen: zugleich – weckt das Gesetz offensichtlich auch Sünde in uns auf.
Die Sünde ist schon in uns; sie kommt nicht durch das Gesetz zu uns. Aber in dem Moment, in dem das Gesetz uns vor Augen gemalt wird, wird die Sünde gekitzelt, geweckt. Nicht die Gebote, sondern die Sünde ist der Ursprung unseres bösen Verhaltens. Es war die Sünde, die schon in Saulus war, die sich vom Gesetz gereizt fühlte und so in ihm noch mehr geweckt wurde.
Ohne Gott – und das bezieht sich besonders auf Menschen, die nicht mit Gott leben – haben wir eine innere Entschlossenheit, die uns sagt, dass niemand uns vorschreiben kann, wie wir zu leben haben. Aus unserer Sicht hat nicht einmal Gott dazu das Recht. Doch da gibt es ein Gesetz, das Gesetz Gottes, das wir nicht abschaffen können und unter dessen Autorität wir stehen. Dieses Gesetz ist gut und kommt von Gott.
Also, das Gesetz ist ein Beschleuniger für die Sünde, sagt Paulus, aber das bedeutet nicht, dass das Gesetz böse ist – das haben wir verstanden. Was heißt es aber dann, dass das Gesetz Sünde in uns weckt, die Begierde in diesem Fall bei Paulus?
Es bedeutet, dass das Gesetz in unserem bösen Herzen eine Reaktion erzeugt, die noch mehr Sünde hervorbringt.
Ein Beispiel aus dem Physikunterricht: Christian Wegert sitzt im Physikraum, Fachraum. Sein Lehrer hieß Herr Backes. Herr Backes hatte eigentlich immer Schwierigkeiten, die Klasse zur Ruhe zu bringen; ihm fehlte Durchsetzungsvermögen.
Es war wieder eine Stunde begonnen, und wie häufig flogen zusammengeknüllte Brotpapiere durch den Physikraum. Es herrschte reges Treiben, und ich habe das zu Beginn der Stunde gar nicht so wahrgenommen, weil das eigentlich normal war. Erst als Herr Backes sich empört vor die Klasse stellte und laut und deutlich das Gesetz aufstellte: „Du sollst nichts werfen!“, fing es an, in mir zu arbeiten.
Hatte ich nicht auch noch Papier von meinem Brot? Während ich das dachte, spürte ich, wie meine Hand wie ferngesteuert die Alufolie, in die das Brot eingewickelt war, zu einer Kugel formte. Ich habe wirklich bei der Vorbereitung überlegt, ob ich das sagen soll. Ich möchte auch nicht lächerlich machen, das ist traurig, sehr, sehr traurig, vor allem.
Es tut mir leid für alle Lehrer, die hier sitzen. Ich respektiere euch alle wirklich sehr. Während ich diese Alufolie formte, wandte ich mich zu meinem Nachbarn rechts und sagte: „Sven, wetten, ich treffe Herrn Backes auf die Backe?“ Dazu muss ich sagen, wir saßen in der letzten Reihe. Sven sagte: „Das schaffst du nie.“ Das weckte noch mehr Begierde in mir.
Da war dieses Gebot: „Du sollst nichts werfen!“ – und das Böse in mir sprang darauf an. Vorher flog alles durch den Klassenraum, und es hatte mich nicht interessiert. Also nahm ich Zielwasser, warf und traf Herrn Backes auf die Wange.
Die Reaktion von Herrn Backes war so heftig, dass im Raum plötzlich Mucksmäuschenstill war. Mit Zorn in den Augen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, schrie er in die Klasse: „Wer war das?“ Da habe ich überlegt, was ich jetzt machen soll. Ich meldete mich: „Herr Backes, ich war es!“ und ging reumütig nach vorne. Dort wurde ich mit einer kräftigen Standpauke versehen.
Was war passiert? Das ist tatsächlich nicht lustig, einerseits humorvoll, aber andererseits gar nicht lustig. Die Sünde war schon in mir. Doch das Gesetz „Du sollst nicht werfen!“ reizte mich, und ich musste werfen.
Ähnliches berichtet der Kirchenvater Augustinus. Vielleicht kennen einige aus seiner Konfession diesen Bericht: Als Jugendlicher ging er mit Freunden in den Obstgarten eines Nachbarn und stahl dort einige Birnen.
Jahre später dachte er über seinen damaligen Diebstahl nach und sagte: „Die Birnen im Garten unseres Nachbarn waren nicht besser als unsere, die wir im eigenen hatten. Sie waren weder saftiger noch größer. Ich hatte auch keinen Hunger. Der einzige Grund, warum ich sie stahl, war die Tatsache, dass die Birnen jemand anderem gehörten und dass es uns nicht erlaubt war, sie zu nehmen. Unsere Freude war nicht der Geschmack, sondern die Sünde. Ich habe sie nur gepflückt, um sie zu stehlen; ich liebte nichts daran außer dem Stehlen.“
Das Verbot hatte sein Verlangen zu stehlen geweckt, herausgekitzelt. Und das ist, was das Gesetz tut. Das ist, was Paulus hier schreibt: Es provoziert Bosheit.
Das zeigt uns etwas: Es zeigt uns, wie stark die Sünde in uns ist. Sie muss sehr mächtig sein, wenn sie sogar Gottes Gebote für boshafte Dinge nutzen kann. Verstehen wir das? Es ist sehr ernüchternd und auch beschämend zu erkennen, wie böse wir wirklich sind.
Wir nehmen tatsächlich die guten Gebote Gottes zum Anlass, um umso mehr gegen sie zu verstoßen. Wenn Gott uns durch Jesus Christus nicht gnädig ist, sind wir tatsächlich allesamt verloren.
Drittens: Das Gesetz deckt unser Scheitern auf
Das Gesetz offenbart erstens die Sünde, zweitens weckt es die Sünde und drittens deckt es unser Scheitern auf. Das Gesetz bewirkt Gutes, denn es bringt uns schließlich an unser persönliches Ende, zum Tod.
Schauen wir in den Text, Verse neun bis elf. Paulus schreibt: „Ich aber lebte, als ich noch ohne Gesetz war. Als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf, und ich starb. Und eben dieses Gebot, das zum Leben gegeben war, erwies sich für mich als todbringend, denn die Sünde nahm einen Anlass durch das Gebot und verführte mich und tötete mich durch dasselbe.“
Hier benutzt Paulus dreimal sein Ende, sein geistliches Ende, bezogen auf seinen sündhaften Stand ohne Gott: Tod, todbringend, tötete mich. Paulus, als er noch Saulus war und ein Eiferer des Buchstabens, schien zu leben. So drückte er es hier aus, Vers 9: „Ich aber lebte, als ich noch ohne Gesetz war.“
Was genau meint er damit? Er lebte, insbesondere erlebte er seine Selbstzentriertheit. Er dachte, er hätte ein gutes Ansehen vor Gott. Er sagte mit anderen Worten – jetzt zitiere ich einen Kommentar von Hendriksen und Kistemaker: „Es gab eine Zeit, in der ich mich sicher fühlte, ohne mir meiner Sünden bewusst zu sein. Damals war mir die volle Tragweite des Gesetzes nicht bewusst. Es war noch keine unerträgliche Last auf meinem Herzen. Ich dachte, dass ich moralisch und geistlich ganz gut dastehe. Ich lebte vor Gott in meiner eigenen Gerechtigkeit und dachte, alles sei in Ordnung.“
Aber als das Gebot kam, das heißt, als mir klar wurde – wir können sagen, durch den Heiligen Geist wurde klar, was das Gesetz wirklich verlangte – erkannte ich, was für ein großer Sünder ich war. Damals starb ich, das heißt, das war das Ende meiner Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit.
In anderen Worten: Als das Gebot, das heißt die Rolle des Gebots, es zeigt uns unser Ende, als das Gesetz ihm offenbar wurde, verstand er, was der Inhalt und die Forderungen des Gesetzes wirklich sind. Da wurde ihm bewusst, wer er ohne Christus ist. Da schmolzen seine Selbstgerechtigkeiten und sein Selbstvertrauen dahin. Er sagt: „Ich starb, es war todbringend, es tötete mich und meinen Stolz.“
Seine Selbstherrlichkeit und seine Selbstgerechtigkeit waren an ihr Ende gekommen. Als ihm die wahre Bedeutung des Gesetzes klar wurde, zerbrach Paulus und erkannte seine Schuld. Er verstand, dass er das Gesetz niemals vollumfänglich halten kann, dass er es selbst auch gar nicht gehalten hat. Durch seinen Eifer allein schon hat er gegen das zehnte Gebot aufbegehrt.
Er realisierte, dass es in seinem Wesen, in seiner Natur verankert ist, so böse zu sein, wie es ist. Er gab zu: Das Gesetz kam, und es weckte in mir noch mehr Boshaftigkeit. Er verstand, dass plötzlich das Gesetz ihm Sünde offenbart und ihm zeigt, wer er wirklich ist. Er erkannte, dass er das Gesetz sogar brechen wollte – von seiner eigenen Motivation heraus.
Statt dass das Gebot die Sünde vertrieb, wurde sie in ihm durch das Gesetz noch mehr geweckt. Erkennen wir diesen Zerbruch, diesen Tod des alten Egos, den das Gesetz ihm plötzlich brachte.
Und ja, lieber Bruder, liebe Schwester, mögen wir es nie vergessen, wer wir ohne Gott waren. Dieser Text lässt uns heute Morgen in die Abgründe unserer Verdorbenheit blicken. Nicht nur Saulus war in einem hoffnungslosen Zustand, sondern wir alle sind es.
Das Gebot aber ist insofern gut, als dass es uns zeigt, wie wir wirklich vor Gott sind. Es ist, wie Galater 3,24 sagt, unser Lehrmeister, unser Erzieher, unser Zuchtmeister. Das Gesetz zeigt uns, wer wir sind, aber es lässt uns nicht stehen, wo wir sind. Vielmehr ist es unser Lehrmeister, unser Erzieher, unser Zuchtmeister auf Christus hin, damit wir, wie es weiter heißt in Galater, aus Glauben gerechtfertigt würden.
So ist es auch mit dir und mit mir. Wenn das Gesetz, offenbart und lebendig gemacht durch den Heiligen Geist in unserem Herzen, uns endlich ans Ende bringt und unser alter Mensch, unser altes Ego, unsere alte Selbstzentriertheit stirbt, dann sind wir bereit für das Evangelium der Gnade Gottes.
Denn das Evangelium besteht immer aus zwei Seiten der Medaille: Einmal bist du auf ewig verloren aufgrund deiner Schuld. Aber die andere Seite ist: Christus ist gekommen, um deine Schuld zu tragen, um dir zu vergeben, um dich neu zu machen, um dein böses Herz zu ändern. So dass das Gesetz nicht noch mehr Sünde in dir weckt, sondern du sagst: „Ich mache beim Brotpapierwerfen nicht mit. Es ist gegen Gott, seine Liebe und den Respekt, den er mir aufträgt, sogar Physiklehrern gegenüber zu haben.“
Als ihm also diese Bedeutung des Gesetzes klar wurde, zerbrach Paulus beziehungsweise Saulus. So ist es auch wichtig für uns. Es mag schmerzhaft sein, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, aber es ist zugleich heilsam. Denn solange wir meinen, wir seien auf dem richtigen Weg, laufen wir ins Verderben.
Erst wenn wir erkennen, dass wir verloren sind, sind wir bereit für das Evangelium – die gute Nachricht von Jesus Christus, der sein Leben als Opfer für deine Schuld am Kreuz von Golgatha gegeben hat.
Unsere Hoffnung liegt nicht in unserer Anstrengung, die Gebote zu halten, sondern allein im Glauben an den Sohn Gottes, der sein Blut vergoss zur Vergebung unserer furchtbaren Boshaftigkeiten. Er reinigt, er wäscht und er macht uns ganz neu.
Dazu benutzt er die Gebote, um uns zu Christus zu treiben. Und dann gehen wir auf unsere Knie und sagen: Herr, vergib mir. Dann wird er zu unserer Gerechtigkeit, zu unserer Heiligung. Er wird zu unserem neuen Ehemann, dem wir verpflichtet sind – und zwar aus Liebe, Dankbarkeit und Freude.
Möge Gott es in unseren Herzen schenken. Amen.
Schlussgebet und Übergang zum Abendmahl
Vater, wir danken dir für deine Gnade und auch für das Gesetz, dass wir es verstehen dürfen, auch durch diesen Text. Ja, das ist ein komplexer Text, aber Herr, er beinhaltet göttliche Wahrheit.
So bete ich, dass wir in unseren Herzen das verstehen und dass auch jeder heute, der das gehört hat, von dir hingewiesen wird auf Punkte, wo wir Veränderung brauchen. Wo wir erkennen müssen, dass wir wirklich durch und durch boshaft sind – auch unsere Motivation, unsere Taten und Gedanken. Ja, das ist alles offen vor dir wie ein aufgeschlagenes Buch.
Wir wollen uns durch das Gebot zu dir treiben lassen, Herr Jesus. Du bist unsere Antwort auf unser Dilemma, nur du, Herr!
Ich bitte dich, lass dies heute in den Herzen der Zuhörer klar sein – auch bei denen, die sich noch nie dir zugewandt haben. Bitte, Herr, gib du ihnen den Glauben, dass sie sagen: Jesus, hilf mir, sei mir Sünder gnädig.
Wir danken dir, dass wir jetzt in das Abendmahl gehen dürfen, und bitten dich auch dazu um deinen Segen. Amen.