Gott hat sich nicht klammheimlich aus dem Staub gemacht. Gott hat sich nicht auf leisen Sohlen einfach davon geschlichen. Gott ist nicht spurlos im Weltall verschwunden. Hier auf diesem grünen Planeten, der uns als Wohnplatz zugewiesen ist, hat er eine Spur hinterlassen. Jesus Christus drückte sie ganz tief in den Schmutz dieser Welt. Seit dem Jahr Null gibt es eine Spur zum Leben.
Zuerst ist sie als Fußspur zu entdecken, die das väterliche Haus in Nazareth verlässt und in Richtung Jordan geht. Für 40 Tage verliert sie sich in der Wüste, weil ihr der Teufel auf die Spur gekommen ist. Dann aber ist sie wieder in Kapernaum, um auszumachen, wo sie in Simons Haus hineinführt. Von dort geht sie als Laufspur hinaus rund um den See Genezaret. Auffallend dabei ist, dass sie durch gar kein Hindernis aufgehalten wird. Sie überwindet das Gittertor einer Lebrastation genauso wie die Hausschwelle eines Halunken. Sogar am Brunnenrand, wo sich nur ein Flittchen um etwas Wasser bemüht, ist sie zu entdecken. Später verbindet sie wie eine Wegspur das galiläische mit dem jüdischen Land. Durch Elendsquartiere und Kriegsgebiete geht sie mitten hindurch. Gar nie ist der bequemere Umweg gewählt worden. Schließlich erreicht sie Jerusalem, die heilige Stadt. Aber dort kehrt sie wider Erwarten nicht endgültig im Tempel ein, sondern zielt auf den hohepriesterlichen Palast. An diesem Ort aber schlagen sie so brutal zu, dass sich anschließend noch eine Blutspur durch die Via Dolorosa windet. Draußen auf dem Kalvarienhügel wird dem grausamen Spiel ein gewaltsames Ende gesetzt. Der Kreuzestod soll alle Spuren ein für allemal beseitigen. Aber die Schleifspur zum Tod wird die Gehspur zum Leben. Am dritten Tag führt sie aus dem Felsengrab heraus und verliert sich in jenem perspektivischen Fluchtpunkt, der außerhalb unserer sichtbaren Wirklichkeit liegt.
Warum entdecken Sie, lieber Hörer, nur die Breitspur der Gewalt, die sich in immer mehr Ländern unserer gebeutelten Erde Bahn bricht? Warum starren Sie nur auf die Schmutzspur der Schuld, die immer mehr Menschen ausrutschen und fallen lässt? Warum fixieren Sie nur die Tränenspur des Leids, die gar kein Haus und keine Familie auslässt? Warum macht uns die Schlagspur des Todes so viel zu schaffen?
Jesus zog eine Lebensspur, die alle anderen Spuren durchkreuzt. Die Evangelisten haben sie peinlich genau gesichtet. Apostel geben aufschlussreiche Kommentare dazu. Kein Staub der Vergangenheit kann sie verwischen. Kein Ereignis der Gegenwart kann sie überlagern. Keine Katastrophe der Zukunft kann sie vergessen machen. Seit der Zeitenwende gibt es eine Spur zum Leben.
Und der Apostel fordert am Schluss seines Briefes an die Galater auf, in diese Spur zu treten und in dieser Spur zu bleiben.
Um dies zu verstehen, möchte ich Sie einladen, an ein Stadion zu denken. Früher einmal war ich begeisterter Läufer. Der Starter hatte uns auf die Reise geschickt. Jeder konzentrierte sich auf die Sache. Der Lauf dauerte schon eine geraume Zeit. Jeder legte sich ins Zeug und gab sein Bestes. Noch einige Runden standen bevor. Dann kam jener Augenblick, den jeder Sportler fürchtet. Die Füße werden schwer wie Blei. Die Glieder verkrampfen sich. Der Siegeswille ist wie weggeblasen. Andere überholen. Mitläufer stürmen nach vorne, Gegner rennen dem Ziel zu. Man kämpft nur noch gegen das eigene Ich, das resigniert. Ich hänge ab. Ich gebe auf. Ich bleibe stehen.
Ist das nur im Stadion so? Unser Lebenslauf dauert schon 20 oder 40 oder 70 Jahre. Wir gehen bis an die Grenze unseres Leistungsvermögens. Noch einige Jahre stehen uns vielleicht bevor. Und dann kommen jene Augenblicke, in denen wir auch bleischwere Glieder bekommen. Das Herz verkrampft sich, der Lebenswille ist gebrochen. Andere überholen, Mitmenschen haben die Nase vorn. Zeitgenossen machen das Rennen. Verzweifelt kämpft man gegen sich selbst. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende. Ich bleibe stehen.
Und Paulus sagt, diese Spur des Lebens ist eine Fehlspur. An dieser Stelle geht es nicht weiter. Zu viele haben zu früh aufgesteckt.
Lasset uns nicht müde werden, so wie Jesus, der keinen freien Rücken hatte. Ihre Bürde, ihre Sünde, ihren ganzen Lasten hatten sie ihm aufgeschnallt. Er aber ging seines Weges.
Lasset uns nicht müde werden, so wie Jesus, der keine freie Bahn hatte. Sie warfen ihm Knüppel in den Weg, bauten sogar Hindernisse vor ihm auf. Er aber zog seine Bahn.
Lasset uns nicht müde werden, so wie Jesus, der trotz des Querbalkens auf seinem Rücken bis zum Ziel durchhielt. Das ist die Fußspur Jesu. Darin bleibt, auch wenn der Gang schwer wird, auch wenn der Mut sinken will, auch wenn der Wille immer schwächer wird.
Wissen Sie, Jesus ist nicht nur als großer Geist einmal gestern vorausgegangen. Er geht heute wieder im Geist mit und wird morgen dabei sein, wenn der Lauf zu Ende ist. Wir müssen nämlich nicht ständig laufen. Wir müssen nicht immer kämpfen. Wir müssen uns nicht ewig quälen. Einmal ist Schluss. Der Text sagt Ernte. Einmal ist Ende, einmal sind wir am Ziel.
Wenn dann zuletzt ich angelanget bin
im schönen Paradeis,
von höchster Freud erfüllet wird
der Sinn, der Mund voll Lob und Preis.
Das Halleluja reine man spielt in Heiligkeit,
das Hosianna feine ohn End in Ewigkeit.
im schönen Paradeis,
von höchster Freud erfüllet wird
der Sinn, der Mund voll Lob und Preis.
Das Halleluja reine man spielt in Heiligkeit,
das Hosianna feine ohn End in Ewigkeit.
Bis dahin, lieber Zuhörer, lassen Sie uns in diese Spur treten und in dieser Spur bleiben.

