
42: Ist dein Glaube KRISENFEST? - mit Mathias @FragenUndGlauben
Herr, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Machbar, dem Podcast für Alltagsmissionare. Beim Machbar bekommst du Tipps, wie du deinen Nächsten einen Schritt näher zu Jesus führen kannst.
Ja, ich bin Christian, und mit dabei ist heute Matthias. Herzlich willkommen!
Hallo Christian, vielen Dank für die Einladung.
Ja, cool. Heute geht es um Dekonstruktion, also das Hinterfragen und Ablehnen bisheriger Glaubensüberzeugungen. Wir wollen darüber reden, was Dekonstruktion genau ist und warum sie heutzutage immer prominenter wird.
Es geht außerdem darum, wer wie positiv oder negativ von Dekonstruktion betroffen ist und wie man richtig darauf reagieren kann.
Matthias, ich finde es richtig cool, dass du dabei bist. Ich freue mich auf das Gespräch mit dir. Mit mir? Ich sage schon „mit mir“. Jetzt denken die Zuhörer, ich wäre hier so selbstverliebt.
Nein, Matthias, du bist erst eigentlich als erwachsener Christ geworden, oder? Auf YouTube betreibst du einen Kanal, bei dem es um Aufklärungsarbeit über die Zeugen Jehovas geht. Außerdem studierst du nebenberuflich Theologie.
Und irgendwie, wenn ich das richtig verstehe, ist Evangelisation auch dein Herzensanliegen. Aber vielleicht ganz kurz, Matthias, bevor wir tiefer einsteigen: Ihr lieben Alltagsmissionare da draußen, schreibt uns unbedingt eure eigenen Erfahrungen. Wir sind ja eine Community. Als Alltagsmissionar ist man nicht alleine unterwegs, und jeder von euch hat bestimmt Storys zu erzählen, die andere ermutigen können.
Wenn ihr immer auf dem Laufenden bleiben wollt, dann abonniert auch unseren Newsletter. Schreibt uns gerne, welche Themen euch interessieren und welchen Gast wir unbedingt mal einladen sollen.
Also, ich finde es cool, Matthias, dass du da bist. Aber es geht ja weiter mit den nächsten Folgen, und ich bin sehr gespannt darauf, auch von euch zu hören und eure Ideen.
Schreibt mir gerne. Sorry, Matthias, aber das musste jetzt eben sein.
Vom postevangelikalen Leben zur lebendigen Beziehung mit Jesus
Zurück zu dir: Du bist als Erwachsener Christ geworden. Davor warst du postevangelikal, sagst du von dir selbst. Da muss ich gleich nachfragen: Was heißt das genau? Was meinst du mit postevangelikal?
Ja, das ist richtig, Christian. Ich bin mit achtundzwanzig Jahren erstmalig Christ geworden. Was meine ich damit? Also, du hast ja gerade schon erwähnt, dass du eine Vergangenheit als Zeuge Jehovas hast. Da bin ich als junger Erwachsener mit Anfang zwanzig ausgestiegen. Danach habe ich viele Jahre, so ungefähr fünf, wie jeder andere auch, „in der Welt“ gelebt.
In dieser Zeit habe ich mich selbst als Christ gesehen, der den Glauben auch ernst nimmt – ohne zu merken, dass ich gar kein Christ war. Wir möchten ja niemandem zu nahe treten, aber das, was ich in den meisten dieser Jahre geglaubt habe, nennt man postevangelikal.
Das heißt, dass man ein neues, frisch gedachtes Herangehen an die Bibel hat. Man sagt: In unserer komplexen Zeit können wir das alte Buch nicht einfach eins zu eins anwenden. Wir haben heute wirklich komplexe Herausforderungen und Probleme. Die Bibel wurde in einer einfacheren Zeit geschrieben, mit einer anderen Gesellschaft und anderen Lebensumständen.
Deswegen müssen wir uns erst einmal fragen: Wie berechtigt ist es überhaupt, zu sagen, die Bibel ist Wort für Wort Gottes Wort und soll eins zu eins im Leben angewendet werden? Vielleicht möchte die Bibel ganz anders verstanden werden, sodass wir uns selbst Gedanken machen.
Es gibt einen sehr bekannten postevangelikalen Redner, der sagt: Im Endeffekt schreibt doch jeder seine eigene Bibel. Und diese bibeltreuen Christen verehren die Bibel fast mehr, als sie Gott selbst anbeten. Das stimmt doch auch nicht.
Genau das hat mich damals sehr angesprochen: Ich muss mir erst einmal selbst Gedanken machen. Was von den biblischen Maßstäben möchte ich überhaupt in meinem Leben anwenden? Was ist sinnvoll für unsere Zeit und unsere Gesellschaft?
Ein großes Thema ist immer die biblische Sexualethik. Muss ich die wirklich eins zu eins ausleben? In der Zeit, als ich keine Verbindung mehr zu den Zeugen Jehovas hatte und „wie jeder andere“ gelebt habe, lebte ich auch eine ganz andere sexuelle Ethik – so, wie es eben viele in der Welt tun.
Irgendwann ist mir einiges aufgegangen. Ich möchte jetzt nicht meine ganze Bekehrungsgeschichte erzählen, aber vielleicht eine kleine Episode.
Bei mir kam der Stein sehr interessant ins Rollen, als ich damals einen Kunden hatte, der mir erzählte, er sei Christ, der Toni. Ich weiß nicht, ob er je zuhört, aber ich hoffe, ich schicke ihm die Folge danach.
Er hat mir erzählt, er ist Christ. Ich sagte: Ich bin auch Christ. Schnell stellten wir fest, dass er unser Christsein ganz anders versteht als ich. Er nahm die Bibel richtig ernst und sagte: Ja, natürlich ist die Bibel Gottes Wort – auch für meine Zeit und mein Leben. Wo sie wörtlich verstanden werden möchte, verstehe ich sie auch wörtlich.
Das hat zweierlei in mir ausgelöst: Zum einen hat es mich ein wenig vor den Kopf gestoßen. Ich dachte, ist das nicht wieder extrem? Das ist ja fast wie bei den Zeugen Jehovas – kein freies Denken erlaubt.
Auf der anderen Seite erzählte er mir von seiner lebendigen Beziehung zu Jesus. Er erlebt Dinge mit Gott, merkt, wie Gott ihn leitet und wie Gott durch die Bibel in sein Leben hineinspricht.
Das machte mich neugierig. Ich fragte mich: Ist mein Herangehen an die Bibel wirklich richtig? All das, was er erzählt – eine Beziehung zu Jesus, wirklich ein freudiges Christenleben – das hatte ich nicht.
Ich sah mich zwar als Christ, und es war mir wichtig, die christlichen Moralmassstäbe einzuhalten. Auch in der Sexualethik war es mir zum Beispiel wichtig, verbindliche Beziehungen zu leben. Da war schon einiges vorhanden, aber nicht so konsequent wie bei Toni.
Da habe ich angefangen, mein Herangehen an die Bibel zu hinterfragen. Es war, als würde Gott zu mir sagen: Du erlebst nichts mit mir, Matthias, weil du mein Wort gar nicht ernst nimmst.
In dieser Phase wurde mir klar: Was die Bibel über das Christsein sagt, wer ein Kind Gottes ist und dieses neue Leben in Christus erfährt – das trifft auf mich gar nicht zu. Ich bin gar nicht bekehrt.
So ist es mir aufgegangen. Ich hatte all diese postevangelikalen Glaubenssätze, dieses frische Denken, dieses „Surf and Turf“ in der Bibel. Ich möchte gar nicht abfällig darüber reden oder auf Menschen herabblicken, die so denken.
Wir kommen in der Folge noch darauf: Diese Fragen darf man stellen. Wie wörtlich soll die Bibel verstanden werden? Wo sollen wir sie wörtlich nehmen? Es gibt auch Passagen, die wir nicht wörtlich nehmen sollen. Das sind wichtige und gute Fragen.
Aber ich glaube, wenn man nicht aufpasst, kreiert man sich seinen eigenen Glauben. Man nimmt aus der Bibel nur das an, was einem gefällt. Letzten Endes ist das ein kraftloser Glaube.
Zumindest ich kann von mir sagen: Ich hatte einfach keine Beziehung zu Jesus – ohne es zu merken. Ich dachte, ich hätte eine.
Persönliche Wegbegleiter und rationale Glaubensgründe
Ja, Matthias, danke für die persönlichen Einblicke. Wer oder was außer Toni hat dir noch auf deinem Weg zu Gott, auf deinem Glaubensweg, besonders geholfen? Gab es da noch mehr?
Also tatsächlich, das ist eine recht kuriose Geschichte. Ich nenne uns jetzt immer „bibeltreue Christen“. Das ist so ein Schlagwort: bibeltreu, wiedergeboren, bekehrt – Menschen, die wirklich ernsthaft der Meinung sind, „Ich lebe in einer Beziehung mit Jesus Christus, ich nehme Gottes Wort, die Bibel, wirklich ernst“. Es soll keine Diffamierung von irgendwelchen anderen Menschen sein, die sich ein anderes Label anstecken.
Genau, genau.
Also, was hat mir geholfen? Meine Geschichte ist ein bisschen kurios, weil es immer unterstellt wird, wenn jemand so ein bibeltreuer Christ wird, dann hängt das doch damit zusammen, dass er irgendwie Kontakte im Christentum hat. Dann kommt er in eine freie Kirche, das gefällt ihm, und das überzeugt ihn.
Aber bei mir war das gar nicht so. Außer Toni hatte ich fast keine Kontakte zu Christen. Und auch zu ihm hatte ich nicht so intensiven Kontakt. Es war wirklich meine eigene Beschäftigung mit der Bibel und mit biblischen Inhalten, die mir diese Erkenntnis über mich selbst und über meinen Glauben gebracht hat.
Da gab es einige sehr wertvolle Ressourcen. Besonders geprägt hat mich tatsächlich „Josh McDowell – Die Fakten des Glaubens“. Das ist ein Buch, das auch kostenfrei online verfügbar ist. Im Englischen gibt es auch eine massiv erweiterte Variante davon: „New Evidence That Demands a Verdict“ heißt das.
Es ist ganz kurios: Ich habe mich in diesem Buch sehr angesprochen gefühlt, weil Josh McDowell offensichtlich eine Denkweise hat, die sehr der meinen entspricht. Ich habe dieses Buch gelesen und dachte mir, es ist unglaublich, wie ich auf dieses Buch gestoßen bin. Das wäre auch wieder eine interessante Geschichte. Ich glaube, ich bin mir sicher, da hatte der Herr seine Finger im Spiel.
Josh McDowell war eingefleischter Atheist. Als er studierte, ist er immer wieder wiedergeborenen bibeltreuen Christen begegnet, und die gingen ihm einfach auf die Nerven. Er hat sich gedacht: Wie kann man denn so blöd sein, die Bibel in unserer modernen Welt noch so wörtlich zu nehmen und freudig durch die Uni zu gehen und irgendwie zum Bibellesen einzuladen? Das ging ihm richtig auf die Nerven.
Er hat diese Blödheit nicht verstanden und nach Argumenten gegen die Bibel gesucht. Auf der Suche nach Argumenten gegen die Bibel ist ihm immer mehr aufgegangen: „Ich glaube, die haben Recht, die haben ja wirklich einen Punkt. Da ist ja wirklich mehr dran an der Bibel. Da kann man Gottes Hand erkennen.“
Je mehr er recherchiert hat, desto mehr kam er zur Überzeugung, die Bibel ist wahr, und er wurde letztlich selbst Christ.
Ich dachte immer in der Zeit nach meinem Ausstieg: Christentum wird ja primär emotional gelebt. Das ist ja, was man spürt – eine Beziehung zu Gott spüren, wissen, dass es wahr ist. Aber Josh McDowell war tatsächlich der Erste, der mir die Augen geöffnet hat: Du kannst auch richtig rational an alles rangehen, all deine Fragen stellen, die du hast. Du musst sie nicht verschweigen, du musst auch keine Angst vor Zweifeln haben. Du kannst sie aufarbeiten, und wenn die Bibel Gottes Wort ist, wirst du am Ende dieses Prozesses auch feststellen: Sie ist Gottes Wort.
Ich habe dieses Buch gelesen, studiert und angefangen, überhaupt wieder ein Gebetsleben zu entwickeln und Bibellesen zu betreiben. Ich habe mir auch einige Vorträge angehört und angesehen. So bin ich dann letztlich zur Erkenntnis gekommen: Ich bin ja gar nicht bekehrt.
Dann habe ich mich wirklich für mich alleine, ohne Kontakt zu Christen, bekehrt. Ich habe den Herrn gefragt: Wo soll ich jetzt hingehen? Es gibt ja auch andere Christen, die sich gerne intensiv mit der Bibel beschäftigen.
Ich kannte eher Gemeinden, die sehr worship-orientiert waren – also liebe, nette Geschwister, die ich heute noch sehr mag. Aber ich hatte das große Bedürfnis, richtig tief in die Bibel einzusteigen, Vers für Vers.
Ja, tatsächlich, nach einer sehr intensiven Gebetsphase bin ich dann plötzlich über Christen gestolpert, die genau das gemacht haben: fair, so fair ist die Bibel lesen, und alle Fragen sind erlaubt. Daher hat mich das wirklich eins zu eins dorthin geführt.
Ja, das Buch nehme ich mal an, das gibt es ja noch von Josh McDowell. Wir verlinken es euch auf jeden Fall in den Show Notes.
Dekonstruktion: Begriff, Ursprung und theologische Herausforderungen
Aber Matthias, kommen wir zum Thema Dekonstruktion. Was genau ist das, und woher kommt dieses Phänomen?
Dekonstruktion – ja, die Definitionen sind immer ein bisschen eine Schlacht um Worte. Im Folgenden wollen wir Dekonstruktion so verstehen, wie ich es bereits gesagt habe. Dekonstruktion bedeutet, dass ich den christlichen Glauben einmal auseinandernehme, meinen Verstand einschalte, wissenschaftliche Erkenntnisse hinzuziehe und dann schaue, was am Ende übrig bleibt.
Diesen Prozess an sich würde ich nicht negativ bewerten. Doch immer wenn bekehrte Christen, die ein eher wörtliches Verständnis der Bibel haben, über Dekonstruktion sprechen, ist der Begriff meist negativ konnotiert. Man sagt dann etwa, die „dekonstruierende Szene“ – nennen wir sie so – zeichnet sich dadurch aus, dass sie am Ende fast immer bei deutlich lockereren, schwammigeren, in Anführungszeichen auch universitäreren oder liberaltheologischeren Ansichten ankommt.
Deshalb wollen wir uns im Folgenden etwas näher mit diesem eher negativen Aspekt beschäftigen. Was passiert eigentlich, wenn ich die Bibel ganz kritisch durchdenke? Und was wird an theologischen Fakultäten an der Universität über die Bibel gelehrt? Das wollen wir auch einmal in die Sprache des Normalsterblichen übersetzen.
Diese Entwicklung begann in Europa irgendwann in der Aufklärung. Genau in dieser Tradition steht man im Endeffekt bei der Dekonstruktion. Man sagt zum Beispiel: Nur weil die Bibel den Eindruck erweckt, das Buch Jesaja sei viele Jahrzehnte vor der Zerstörung Jerusalems von einem Mann namens Jesaja geschrieben worden, heißt das ja nicht, dass wir das glauben müssen.
Dann wird untersucht und Theorien werden entwickelt. So ging man recht früh davon aus, dass Jesaja vielleicht von zwei Autoren geschrieben worden sein könnte. Heute ist es üblich, davon auszugehen, dass Jesaja von drei Autoren verfasst wurde – ein Teil früh, ein anderer spät.
Das Ergebnis ist oft: Das stimmt ja gar nicht, was die Bibel häufig an Selbstauskünften von sich gibt. Wenn die Bibel in vielen Bereichen eher als ein menschliches Werk verstanden wird, wo ist dann noch das Göttliche in der Bibel?
So hat sich langsam in der Theologie – oder auch von der Theologie abstrahlend – die Ansicht entwickelt, dass wir eigentlich nicht sagen sollten, die Bibel sei Gottes Wort. Es gibt dabei ganz verschiedene Varianten: Die Bibel wird zu Gottes Wort, wenn du sie auf dich wirken lässt, zum Beispiel. Oder: Im menschlichen Wort der Bibel, das voller Fehler und Widersprüche ist, schimmert immer wieder das Göttliche durch. Du musst halt unterscheiden, was eher menschlich ist und was die Funken des Göttlichen sind, die wir hier noch finden.
Genau, das wäre so das typische Herangehen. Und ich habe jetzt schon gesagt...
Zweifel, Fragen und Grenzen der Dekonstruktion
Also, da sind wir schon bei dem, Matthias, da sind wir irgendwie schon auch bei dem Ergebnis, oder? Wenn man Dekonstruktion so durchdenkt. Aber wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe – ich sage es jetzt einmal mit meinen Worten – ist es Dekonstruktion, wenn ich hergehe, nehmen wir mal als Illustration, weil mir das immer hilft, ich bin eher so ein visuell denkender Mensch: Ich habe mein Glaubenshaus. Und jetzt gehe ich her, nehme Stein für Stein und mache so einen Rückbau. Ich gucke mir jeden Stein an und hinterfrage: Gehört dieser Stein wirklich in mein Haus? Ist er tragfähig? Woher kommt der eigentlich? Am Ende komme ich ganz am Grund an und habe nur noch so einen Steinhaufen. Da ist gar nichts mehr, weil ich alles auseinandergenommen habe, alles hinterfragt habe, weil ich gar keine Grundsätze mehr habe, oder?
Einerseits ist es natürlich auch gut, Fragen zu stellen: Was glaube ich eigentlich? Warum glaube ich diese Dinge? Was ist der Unterschied? Was würdest du sagen, was ist der Unterschied zwischen Zweifeln oder normalen Fragen stellen und einer tatsächlichen Dekonstruktion? Ich will das noch ein bisschen mit dir herausarbeiten.
Also, Herr, jetzt hast du einige große Themenbereiche aufgemacht. Erst mal würden dir Postevangelikale da natürlich widersprechen, dass am Ende nichts übrig bleibt. Für sie bleibt schon etwas übrig, aber für einen bibeltreuen Christen erweckt das schon den Eindruck: Was bleibt da übrig?
Ich möchte gerne noch kurz an das anknüpfen, was ich vorhin gesagt habe, was auch viel mit deiner Frage zu tun hat. Im Endeffekt scheidet man sich an der Frage: Ist die Bibel voller Fehler und Widersprüche und menschlich? Oder ist die Bibel wirklich Gottes Wort, fehlerlos, widerspruchslos, irrtumslos?
Manche gehen dann einen etwas abgeschwächten Weg und sagen: Na ja, kann schon sein, dass sich ein Fehlerlein eingeschlichen hat, aber die Bibel ist trotzdem das voll vertrauenswürdige Wort Gottes. Das finde ich ein bisschen schade, wenn man da Abstriche macht, aber das ist natürlich jetzt ein tiefergehendes Thema.
Also ich denke, das ist schon die Kernfrage, und die kann man ja auch offen stellen. Wahrscheinlich muss man dann auch wirklich auf die Ebene gehen und sagen: Okay, du sagst, die Bibel ist voller Fehler und Widersprüche – lass uns das doch mal durchgehen. Was meinst du denn konkret? Und wenn das wirklich so ist und der Wahrheit entspricht, dass da viele Fehler und Widersprüche drin sind, dann müsste der Christ, als wahrheitsliebender Mensch, das ja auch anerkennen. Das würde ich jetzt auch so sagen.
Aber in meiner Recherche und in meiner Betrachtung der Bibel kann ich von keinem Fehler und Widerspruch berichten, weil ich dort keinen sehe. Und ich meine damit die originalen Handschriften, also die ursprünglichen Manuskripte. Natürlich, in den Abschreibungen und Übersetzungen mag sich schon mal etwas verloren haben, aber das heißt ja nicht, dass die Originale fehlerbehaftet waren.
Okay, genau, Christian, zu der Frage: Also wir haben jetzt schon festgestellt, grundsätzlich ist es ja etwas Positives, auch kritische Fragen zu stellen und auch die eigenen Zweifel zu äußern und zu formulieren und dem auf den Grund zu gehen. Hier möchte ich an der Stelle schon auch dazu ermutigen.
Ich habe gehört, dass manche Gemeinden den Eindruck erwecken, hier seien kritische Fragen nicht erlaubt. Manche Christen haben mir erzählt, bei ihnen zu Hause war das so: Kritische Fragen waren da gar nicht willkommen. Da hieß es immer nur: Ja, wir glauben das halt so.
Das finde ich schade, sehr, sehr schade, weil das nicht so sein sollte. Wir sollten eine offene Kultur haben. Wenn du etwas hinterfragst, wenn du auf etwas stößt, was dich beunruhigt, dann lass uns das doch gemeinsam aufarbeiten.
Ich denke, hier sind auch die Gemeinden in der Pflicht, zum einen so eine einladende Kultur zu schaffen. Wenn dich etwas beschäftigt, dann lass uns doch gemeinsam darüber reden. Du musst es nicht in dich hineinfressen.
Und wenn es da wirklich irgendwelche harten Dinge gäbe, wo man sagen müsste: Da sind wir Bibeltreuen wirklich falsch abgebogen, da sehen wir die Bibel viel zu ernst oder legen etwas hinein, was sie gar nicht sagen möchte, dann muss ich dir ehrlich sagen: Ich wäre der Erste, der sagt, ja, da müssen wir umdenken.
Also nur um irgendwelche Ansichten aufrechtzuerhalten, nein. Ich habe ja gerade ein paar Grundsätze genannt, bei denen wir rauskommen, wenn wir an die Bibel herangehen. Wir müssen doch nichts künstlich aufrechterhalten, was Gott gar nicht möchte, dass wir aufrechterhalten.
Genau, und diese Entspanntheit und Offenheit wünsche ich mir sehr. Und da können wir sicher auch aus der Dekonstruktionsszene etwas mitnehmen, dass wir vielleicht mal reflektieren müssen: Erwecken wir denn den Eindruck, dass man hier nicht hinterfragen darf und keine kritischen Fragen stellen darf? Oder haben wir so eine offene Atmosphäre?
Ja, voll gut, finde ich sehr gut. Kommen wir gleich auch noch ein bisschen praktischer dazu.
Aber ganz grundlegend können wir sagen: Dekonstruktion ist gut, insofern den eigenen Glauben auch zu hinterfragen. Aber sie hat Grenzen, nämlich dann, wenn man grundlegende Überzeugungen in Frage stellt. Du hast das gesagt: Ist die Bibel wirklich Gottes Wort? Ist Jesus wirklich der einzige Weg zu Gott? Wenn man diese grundlegenden Glaubenswahrheiten, um nochmal zurückzukommen auf das Glaubenshaus, die tragenden Fundamente oder tragenden Wände, einreißt, dann ist es schwierig.
Aber grundsätzlich ermutigst du auch Gemeinden und den Einzelnen: Stell ruhig Fragen. Wir müssen eine Kultur der offenen Fragestellung haben, in der man Dinge in Frage stellen darf, um zu guten, biblisch fundierten Antworten zu kommen und zu eigenen Glaubensüberzeugungen.
Grundsätzlich würde ich schon sagen, es gibt immer den passenden Rahmen. Da ist natürlich klar, dass ich jetzt in der Gebetsgemeinschaft vielleicht nicht unbedingt aufstehe und sage: Liebe Geschwister, ich habe da mal eine Frage. Wie ist das denn eigentlich mit Deutero- und Trito-Jesaja? Da habe ich was gehört und gelesen, das macht wirklich Sinn. Wie seht ihr das denn?
Das wäre nicht der passende Rahmen, logisch. Aber natürlich kann ich einen reifen Bruder oder eine reife Schwester, die fest im Glauben stehen, am besten im persönlichen Gespräch oder wenn man Kaffee trinkt, ansprechen. Das mache ich auch so.
Christian, ich frage mich: Was ist denn gewonnen, wenn wir sagen: Oh, darüber reden wir nicht, wir leben im Glauben, wir stellen doch die Bibel nicht in Frage? Und dann holt sich jemand all seine Informationen von Menschen, die ihn aus unserer Sicht vom Herrn wegziehen, die seinen Glauben irgendwo auch ersticken lassen.
Was haben wir denn damit gewonnen? Viel besser wäre es doch, wenn wir sagen: Wir thematisieren das auch offen. Wenn es da etwas gibt, natürlich muss man es nicht übertreiben. Die Sonntagspredigt ist keine Aufarbeitung des Postevangelikalismus und der Dekonstruktionsszene, das ist klar. Aber im passenden Rahmen, in der richtigen Dosis, kann man doch vieles mal ansprechen.
Und ich würde sagen, wichtig ist es, eine Perspektive zu eröffnen: Wenn du Fragen hast, es gibt Antworten auf diese Fragen.
Ich habe ja auch an einer staatlichen Universität mal studiert, weil ich nebenberuflich Theologie studiere. Da ist mir in Gesprächen immer aufgefallen, dass viele noch nie die bibeltreue Perspektive gehört haben.
Ich habe so gesprochen, wie ich es jetzt auch hier gemacht habe. Mir wurde zum Beispiel von einer Kommilitonin, ich glaube, sie war im fünften Semester, die Frage gestellt: Matthias, wie gehst du denn mit all den Fehlern und Widersprüchen in der Bibel um, wenn du so ein wörtliches Verständnis von der Bibel hast?
Ich habe dann gesagt: Was meinst du denn mit Fehlern und Widersprüchen? Ich kann ja keinen nennen. Alles, was ich untersucht habe und was mir aufgefallen ist, hat sich letzten Endes nicht als Fehler und Widerspruch entpuppt.
Zum Beispiel, dass der Hase ein Wiederkäuer sei – das stimmt doch nicht, der ist doch gar kein Wiederkäuer. Das steht doch so in der Bibel. So wird an der staatlichen Universität auf höchstem Niveau dieses Argument immer noch gewälzt.
Ich habe mir dann erlaubt, zurückzufragen: Was denkst du denn, was jetzt ein bibeltreuer Christ darauf antworten würde? Sie sagte: Keine Ahnung, deswegen frage ich dich ja.
Naja, beim Hasen ist es so: Wenn du ihn beobachtest, dann hat er zwar nicht verschiedene Mägen zum Wiederkauen, aber er kaut doch manches Mal seine Ausscheidungen wieder. In dem Sinne ist er für den menschlichen Beobachter ein Wiederkäuer.
Da kann ich doch nicht sagen: Ja, weil er nicht der modernen Definition des Wiederkäuers entspricht, hat die Bibel da einen Fehler und Widerspruch in sich selbst.
Oder das andere Beispiel: Sie sagte, in der Bibel heiße es, das Königtum Salomos sei ewig, aber Salomo ist doch gestorben.
Ja, Salomo ist ein Bild auf Christus. Das ist in diesem Text angelegt, dass sich der Leser wirklich fragt: Ist das denn ewig? Was ist da los?
Ja, weil Salomo auf einen größeren Salomo hinweist. Und das ist nicht die Ausflucht, die wir gefunden haben, um einen Fehler zu erklären. Wenn man sich das genau im Alten Testament anschaut, dann sieht man: Salomo ist wirklich als Prototyp auf den Messias angelegt. Die Beschreibungen weisen auf etwas Größeres hin.
Na ja, also das als kleiner Exkurs.
Ja, aber schöne Beispiele.
Gesellschaftlicher Zeitgeist und archäologische Befunde
Aber Matthias, was denkst du denn, inwiefern der Diktator überhaupt ein Problem der Christen oder unserer Gesellschaft ist? Oder ist es eher eine Herausforderung? Ich meine, dass genau so etwas heute an staatlichen Universitäten gelehrt wird, dass man gar nicht mehr darauf kommt, es zu hinterfragen. Was würdest du dazu sagen?
Es ist in gewisser Weise ein Zeitgeist-Phänomen, weil wir in unserer Gesellschaft gerne belächeln, was früher geglaubt wurde. Und das ist, ich muss es leider noch einmal so sagen, auch ein Relikt der Aufklärung. Dort hat es angefangen, dass man ganz wilde Theorien über die Bibel aufgestellt hat. Zum Beispiel wurde gesagt, das Johannesevangelium stamme wahrscheinlich aus dem späten zweiten Jahrhundert. Ich meine, der Herr hat Humor: Das älteste Fragment des Johannesevangeliums können wir ins späte erste Jahrhundert datieren. Da merkt man, der Herr hat wirklich bestätigt, dass es eindeutig noch in die Zeit der Augenzeugen fällt.
In diesem Mindset, in dem man den Glauben ein bisschen belächelt, sagt man zum Beispiel, Bultmann habe ja in etwa gesagt: „Wer einen Lichtschalter bedient, der kann doch nicht an die leibliche Auferstehung Jesu glauben.“ In diesem Geist und Mindset geht man an der Universität, aber auch im Postevangelikalismus und in der Dekonstruktion – ich verwende das im Folgenden als Synonym – an die Bibel heran. Man sagt: „Na ja, die Teilung des Roten Meeres, Israel in Ägypten – das sind sehr wahrscheinlich einfach nur Märchengeschichten aus dem Alten Testament. Das kann man doch wirklich nicht ernst nehmen.“
Umso erstaunlicher ist, dass in der Zeit der Aufklärung, als all diese Theorien aufkamen, tatsächlich nicht so viele archäologische Erkenntnisse vorlagen, die man hätte anführen können, um zu sagen: „Moment mal, hier gibt es doch Fakten und Indizien, dass das wirklich passiert ist beziehungsweise wirklich passiert sein könnte.“
Ich möchte mir auch wieder ein Beispiel erlauben: Man hat sich förmlich lustig gemacht über Belsazar, den Stadtkönig Babylons. Das sei ja eine erfundene Person, denn Stadtkönige habe es in der Antike doch gar nicht gegeben. Über Jahrzehnte, ja, weit über hundert Jahre, hat man sich über dieses Paradebeispiel lustig gemacht: Belsazar – na, da hat der Daniel schön was erfunden.
Im zwanzigsten Jahrhundert konnte man erst archäologisch nachweisen, dass es tatsächlich einen Besatzer gab, der Stadtkönig in Babylon war. Es gibt wirklich zahlreiche Beispiele, auch in dem Buch von Josh McDowell, der versucht hat, solche Belege zusammenzutragen. Es gibt noch viel umfassendere und tiefgehendere Bücher, die zeigen, dass man gerade im zwanzigsten Jahrhundert, im letzten Jahrhundert, erst festgestellt hat: Wir dachten immer, das hätte gar nicht so eine krasse historische Grundlage – aber es ist ganz anders.
Ein Archäologe hat sogar gesagt, er könne die Apostelgeschichte quasi wie eine Schatzkarte nehmen, um zu forschen, wo was passiert ist, weil das alles historisch sei.
Wenn man also Anfragen an gewisse biblische Berichte hat, würde ich schon sagen: Tritt vielleicht mal ein bisschen auf die Bremse, bevor du dich darüber lustig machst und sagst: „Haha, unhistorisch, kann ja gar nicht passiert sein.“
Auch bei Sachen wie Israel in Ägypten gibt es durchaus einige archäologische Hinweise. Oder es gibt zum Beispiel ein ägyptisches Papyrus, das nahezu exakt die zehn Plagen schildert. Man kann sagen, das sei ja ein großer Zufall. Man kann sich anschauen, ob es vielleicht andere Naturkatastrophen waren, die dort geschildert werden. Aber es gibt schon einiges mehr, als man in der Dekonstruktionsszene manchmal behauptet, wenn es um das Faktenfundament geht.
Altersgruppen, soziale Medien und die Freikirchenausstiegsszene
Matthias, was denkst du, welche Altersgruppen besonders betroffen sind? Gibt es Unterschiede bei den Gründen, warum jemand dekonstruiert – etwa bei Teenagern, jungen Erwachsenen oder älteren Christen?
Wenn man sich online umschaut, findet man gerade auf Social Media viele junge Leute, die postevangelikal sind und aus ihrer Freikirche ausgestiegen sind. Aber ist das repräsentativ? Grundsätzlich gibt es solche Ansichten in jeder Altersgruppe.
Du sprichst etwas an, das tatsächlich ein Phänomen eher jüngerer Menschen ist: In den letzten Jahren ist eine Art Freikirchenausstiegsszene entstanden. Menschen, die in einer evangelikal bibeltreuen Freikirche aufgewachsen sind, haben entweder in ihrer Teenagerzeit oder im Erwachsenenalter angefangen, die Bibel noch einmal neu und frisch zu überdenken. Sie fragen sich: Müssen wir wirklich alles so ernst nehmen? Stimmen die Glaubensüberzeugungen überhaupt?
Diese Menschen berichten oft von großen seelischen Verletzungen aus ihrer freikirchlichen Kindheit. Sie sagen, da liefen manche Dinge nicht gut, und Menschen waren teilweise unfreundlich zueinander – leider eine Realität, wenn Menschen zusammenkommen. Manche waren zu streng, die Eltern waren zu streng, und man durfte nicht hinterfragen. Genau das wird häufig berichtet.
Die Dekonstruktion hat für viele eine befreiende Wirkung. Sie zeigt, dass es nicht darum geht, ständig zu bangen, ob man wirklich bekehrt ist und in den Himmel kommt oder ob das Verhalten dazu passt. Vielmehr darf man freier denken und auch anders auf die eigenen Bedürfnisse reagieren. Dieser Freikirchenausstieg, der oft mit Dekonstruktion verbunden wird, wird als großer Befreiungsschlag erlebt.
Ich bedaure sehr, dass manchmal über bibeltreue Freikirchen gesprochen wird, als wären sie Hardcore-Sekten. Ich kann dir den Unterschied ganz genau benennen, zum Beispiel zwischen den Zeugen Jehovas und einer normalen bibeltreuen Freikirche.
Ja, es gibt auch in bibeltreuen Freikirchen Dinge, die manchmal total daneben sind. Es gibt auch dort Skandale – das wollen wir gar nicht leugnen. Wirklich Sachen, die besser hätten laufen können, wo man vielleicht über die Stränge geschlagen hat. Trotzdem sind die Unterschiede frappierend.
Auf den ersten Blick sieht man große Parallelen zwischen den Zeugen Jehovas und einer bibeltreuen Freikirche. Doch auf tieferer Ebene, bei einer normalen Freikirche, die sich wirklich an Christus orientiert, ist es ein großes Unrecht, von sektenähnlichen Strukturen zu sprechen.
Wenn das jemand behauptet, würde ich gerne das persönliche Gespräch suchen, um das genauer aufzuarbeiten. Denn das deckt sich nicht mit meiner Beobachtung.
Denkst du, dass das auch großen Einfluss hat? Gerade wenn jemand anfängt, das auf Social Media zu postulieren: Hat Social Media Einfluss auf die Thematik? Wie nimmst du das wahr, wenn du sagst, das ist ein jüngeres, neues Phänomen, besonders bei denen, die aus Freikirchen kommen und einen Befreiungsschlag erleben und diesen öffentlich zelebrieren? Zieht das einen Dominoeffekt nach sich, sodass viele mehr ihren Glauben auf diese Weise hinterfragen – auch aufgrund schlechter Erfahrungen in ihrer eigenen Gemeinde?
Ja, sicherlich. Besonders bei Teenagern und jungen Erwachsenen, die sich unwohl fühlen und Dinge infrage stellen. Wir haben das Problem – und leider auch das Phänomen –, dass viele Christen ihre Bibel nicht gut genug kennen. Sie kennen ihre Glaubensgrundlagen im Großen nicht ausreichend und kennen die Argumente für ihre Glaubensüberzeugungen nicht gut genug.
Ich glaube, man muss immer wieder sagen: Unser absolutes Zentrum ist die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi – das Wort vom Kreuz. Wenn man das aufarbeitet, stellt sich die Frage: Was spricht dafür, dass Jesus gelebt hat, dass er gestorben ist und dass er auferstanden ist? Es ist erstaunlich, was man dabei entdeckt.
Viele Menschen kommen zum Ergebnis, dass mehr passiert sein muss. Jesus muss wirklich von den Toten auferstanden sein, denn anders sind viele Dinge nicht erklärbar.
Ich glaube, es gab viele Versäumnisse, das immer wieder groß und herrlich in Gemeinde, Familie und persönlichem Leben herauszustellen.
Dann kommt man vielleicht in eine Phase, in der man sich unwohl fühlt und hinterfragt. Plötzlich gibt es einen Influencer, der sagt: Früher habe ich das alles vollwörtlich genommen. Dann bin ich auf dies und jenes gestoßen, und das ergab immer weniger Sinn. Am Ende musste ich eingestehen, dass ich an etwas glaube, das gar nicht wahr ist.
Was macht das mit einem Menschen, der gerade in einer Glaubenskrise steckt, kein richtiges Fundament für seinen Glauben hat und vielleicht nie eine Kultur der Offenheit erlebt hat? Wo es hieß: Wenn du auf harte Gegenargumente gegen den christlichen Glauben stößt, frag doch Bruder Kaspari, der redet gerne darüber. Er langweilt uns schon, weil er so oft darüber spricht – nur ein Beispiel mit deinem Namen. Aber vielleicht stimmt es ja trotzdem.
Wenn man das alles nicht hat, macht das natürlich etwas mit einem.
Klar, wenn man Teenager ist und in der Schule erlebt, dass jeder seine Sexualität frei auslebt, und dann kommt der biblische Maßstab: Sex nur in lebenslanger monogamer Ehe. Da fragt man sich natürlich: Muss das sein? Ist das der Wahrheit letzter Schluss? Kann man das nicht lockerer sehen?
Gerade in der Freikirchenausstiegsszene hat Sexualität einen hohen Stellenwert. Sie ist ein wichtiges menschliches Bedürfnis, das man nicht ignorieren darf. Darüber darf und soll man offen sprechen.
Wenn man gerade in einer Phase der Neuorientierung ist – wir wissen alle, wie das war, als wir Teenager waren – dann trifft das natürlich stark.
So würde ich es zusammenfassen.
Sehr gut, das hast du sehr gut auf den Punkt gebracht.
Umgang mit Dekonstruktion: Fragen, Zweifel und Gemeinde
Wie gehen wir jetzt richtig damit um? Also mit Dekonstruktion. Ich würde gerne mit dir über beide Fälle sprechen. Erstens: Wie können wir auf Fragen und Zweifel reagieren, um die negative Art der Dekonstruktion zu vermeiden, die du erwähnt hast? Und zweitens: Wie gehen wir damit um, wenn Menschen in unserem Umfeld tatsächlich anfangen zu dekonstruieren?
Was sollten wir da ganz grundlegend wissen, bevor wir nach Lösungen suchen und auf eine Situation reagieren? Vielleicht haben wir selbst, oder ihr, die ihr jetzt hier den Podcast anschaut, große Zweifel. Aber wie gehen wir selbst damit um? Und wie gehen wir mit anderen in unserem Umfeld um, die solche Zweifel haben?
Christian, es kann sein, dass meine Antwort jetzt ein bisschen ungewöhnlich ist. Aber ich glaube tatsächlich, das Wichtigste ist, eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus zu haben. Wenn du keine lebendige Beziehung zu Jesus Christus hast, wenn dein Glaube gerade ein Krampf ist, dann lebe nicht einfach so vor dich hin – über Wochen, Monate oder sogar Jahre.
Die Bibel sagt, der Christ ist ein in Christus freudiger, siegreicher Mensch. Wenn du das nicht über dich sagen kannst, dann arbeite daran für dich. Das fängt bei einem Gebetsleben an. Nimm dir Zeit fürs Gebet, zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten, mindestens jeden Tag. Ich glaube, sehr viele Christen machen das nicht. Das Gebet schläft ein. Manchmal fragt man sich: Der Herr weiß doch schon alles, ich weiß gar nicht, was ich beten soll.
Auch da gibt es ganz tolle Techniken. Meine Frau ist meine persönliche Gebetsexpertin, und sie hat mir gezeigt, wie man seine Gebetszeit problemlos vervierfachen kann, wenn man weiß, wie man biblisch ans Gebet herangeht. Aber das ist mal etwas für ein andermal.
Vielleicht darf ich einen Hinweis geben: Es gibt ein Buch, das heißt „Beten mit der Bibel“. Großartig! Es ist ganz simpel, aber mein Gebetsleben hat es wirklich beflügelt. Natürlich hat mich Tina darauf gebracht. Das ist wirklich mein wichtigstes Herzensanliegen, weil ich daran glaube, dass mein christlicher Glaube wahr ist, dass Jesus da ist und dass ich mit ihm eine Beziehung habe.
Wenn das anders wäre – wenn wir jetzt mal sagen würden, Matthias bildet sich das alles nur ein – dann darf man das auch mal in Frage stellen. Ist es denn möglich, dass ich mir das alles nur einbilde? Aber es ist wichtig, danach zu ringen, Jesus zu erleben, um Jesus zu erleben, um Jesus zu erleben. Ich habe gesagt: freudiges, siegreiches Leben.
Natürlich ist das Leben als Christ nicht immer freudig. Wir bekommen ja auch oft Gegenwind, manchmal macht man sich über uns lustig. Aber in Christus sollen wir freudig sein – dass er uns liebt, dass er uns wollte, dass wir sein Kind sind, dass er uns auch Dinge erleben lässt mit ihm. Wenn du nichts mit Jesus erlebst, dann arbeite daran. Dir ist es verheißen, als Christ etwas mit Jesus zu erleben.
Wenn wir das tun, was Jesus möchte, dass wir tun – zum Beispiel ihn bezeugen, für ihn einstehen, wirklich in Liebe zu unserem Nächsten leben und ihnen auch praktisch helfen – dann kann man Jesus wirklich lebendiger erleben. Das wäre erst mal so mein erster Hinweis.
Das Zweite ist natürlich: Kenne deine Bibel, beschäftige dich reichlich mit ihr. Als du mich eingeladen hast, habe ich darüber nachgedacht: Was kann man eigentlich biblisch so sagen? Ich finde es ganz erstaunlich, dass es in 5. Mose heißt, dass ein Vater seinen Kindern früh, mittags und abends aus der Bibel berichten und sie lehren soll.
Ich stelle mir da einen Mann oder auch eine Mutter vor, die ganz begeistert von Jesus sind und sagen: „Guck mal, was hier steht, das ist doch toll!“ Also dass man seine Kinder auch richtig indoktriniert. Nein, Christian, das ist ja wieder ... War jetzt böse. Nein, aber es ist ein berechtigter Einwand.
Mich hat sehr John Lennox geprägt, der mal sagte – ich möchte jetzt keine große John-Lennox-Geschichte erzählen –, er wurde so erzogen: Seine Eltern haben immer gesagt: „Johnny, wir glauben das so, und wir sind davon völlig überzeugt, und wir können das auch begründen. Aber was du glaubst, Johnny, das musst du für dich entscheiden. Wenn du Fragen hast, sind wir für dich da, und du darfst hinterfragen und Fragen stellen. Aber es ist dein Leben und deine Glaubensüberzeugung, zu denen du finden musst.“
Ich glaube, so sollten christliche Kinder aufwachsen – mit dieser Liebe und Offenheit. Man wird nicht bepöbelt, wenn man mal Fragen stellt und sagt: „Mensch, das fällt mir gerade irgendwie schwer“ oder „Da habe ich Fragen.“ So reden wir in dieser Familie. Nicht: „Das ist nicht die Antwort.“ Sondern: „Du erzähl doch mal.“
Ideal wäre, wenn Eltern auch selbst darüber berichten könnten: „Hey, das habe ich mich auch schon mal gefragt.“ Oder man hat Freunde, die man immer wieder einlädt, die von ihrem Glaubensweg berichten können. Wahrscheinlich ist es auch sinnvoll, wenn Kinder wissen: „Hey, in meiner Gemeinde gibt es den und die und den und die. Das ist ihre Glaubensgeschichte. Die dachten vielleicht auch vorher: ‚Die Christen, die spinnen, das ist Unfug.‘ Und heute gehen sie in die Gemeinde und sagen: ‚Ich lebe in einer Beziehung mit Jesus.‘ Was hat sie überzeugt?“
Und manches sind meistens wirklich auch Sachargumente, ein sachliches Fundament. Oder wie ich dir sage: Ich war wirklich ein flammender Postevangelikaler. Mich hat es aggressiv gemacht, wenn jemand die Bibel zu wörtlich verstand, weil ich dachte: „Das ist doch fanatisch, das ist wie bei den Zeugen Jehovas. Das darf doch nicht wahr sein. Wacht doch mal auf! Wir können doch nicht diese uralten biblischen Maßstäbe in unser 21. Jahrhundert einfach so übertragen.“
Heute sitze ich hier und sage: „Na ja, das war damals viel zu polemisch von mir.“ Den damaligen Matthias hätte ich nicht bepöbeln wollen. Den hätte ich auf einen Kaffee oder ein Bier eingeladen und gesagt: „Du, erzähl doch mal, warum siehst du es so? Darf ich dir mal zeigen, warum ich es anders sehe? Ich habe auch immer so gedacht wie du. Ich möchte jetzt gar nicht kleinreden, was du gerade denkst. Das ist vielleicht auch eine legitime Meinung, dass man zu diesem Ergebnis kommt. Aber darf ich dir erzählen, warum ich eine andere Perspektive habe?“
Das ist so die Kultur, die ich mir wünsche. Die, glaube ich, dazu führen würde, dass Teenager und junge Erwachsene sich nicht von ihrer Freikirche trennen und dann berichten: „Wir durften ja nie in Frage stellen. Es ging immer nur darum: Mach dies, mach das, mach jenes. Man durfte sich nicht offen äußern.“ Das macht mich wirklich traurig, wenn Leute so etwas berichten.
Ich glaube, das ist auch nicht wirklich repräsentativ. Und wenn doch, dann macht es mich traurig und tut mir leid, dass es in dem Fall so passiert ist.
Ja, aber das ist ein gutes Stichwort: Die Kultur. Und die beginnt ja in der eigenen Familie. Insofern ist eine christliche Familie, in der Eltern ihre Kinder so erziehen, wie du es beschrieben hast – auch von John Lennox’ Eltern –, wunderbar.
Ich habe selber die Gnade gehabt, vier Kinder zu erziehen. Sie sind mittlerweile alle erwachsen und auch mit dem Herrn unterwegs. Da stimme ich dir absolut zu. Also der Glaube: Es gibt einen Switch vom Kinderglauben zum Erwachsenenglauben. Ein junger Mensch muss mit dem Alter und der Reife zu eigenen Glaubensüberzeugungen kommen, die im Wort Gottes gegründet sind.
Er muss sich auch lösen in dem Prozess, in dem er sich von den Eltern löst und dem elterlichen Glauben und wirklich sagt: „Naja, ich weiß jetzt, das ist das, was ich glaube, und dafür stehe ich.“ Und das ist toll, wenn das geschieht und wenn Eltern das auch durch Gottes Gnade irgendwie vorbereiten konnten.
Die Fragen oder Zweifel, die einzelne haben, unterscheiden sich natürlich auch. Wie begegnet man denen? Welche Rolle spielen da für dich Archäologie, Theologie? Du studierst nebenbei Theologie oder Seelsorge. Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung mit Kindern. Es sind oft ein Mix aus allem. Gerade seelsorgerlich sollte man an die Themen herangehen.
Ich verstehe das. Und eben nicht so eine Kultur haben: „Bei uns wird im Haus nicht darüber geredet, das wird so geglaubt, weil das so ist, und fertig.“ Was würdest du sagen, wie geht man bei unterschiedlichen Fragen konkret vor? Welche Rolle spielen Archäologie, Theologie, Seelsorge usw.?
Ja, auch hier habe ich vielleicht ein bisschen ein eigenartiges Herangehen. Ich bin von meinem Naturell her ein zum Atheismus neigender, skeptischer Rationalist.
Moment, noch mal: Du bist ein was?
Ich bin von meinem Naturell her ein zum Atheismus neigender, skeptischer Rationalist. Das heißt, ich bin extrem auf der Sachebene und möchte nichts glauben, was nicht wahr ist.
Jetzt bin ich Mitte dreißig. Wenn mir jemand glaubhaft zeigen würde: „Matthias, du bildest dir das alles nur ein“, zum Beispiel dass es Gott gibt oder dass die Bibel Gottes Wort ist, dann würde ich sagen: „Mensch, was habe ich denn für einen Käse geglaubt, schade um die Jahre.“ Aber ich bin mittlerweile zu alt, um zu sagen: „Nein, weil ich mir so wünsche, dass es wahr ist, bleibe ich trotzdem dran und lebe mein restliches Leben eine Lüge.“
Mit Anfang zwanzig, eben auch durch meine Zeugen-Jehovas-Vergangenheit, habe ich mir vielleicht viele Dinge hingebogen. Aber jetzt in meinen dreißigern will ich mir nichts hinbiegen. Ich will die Dinge so annehmen, wie sie sind.
Wenn der christliche Glaube wahr ist, dann nehme ich ihn als wahr an. Wenn er offensichtlich nicht wahr ist oder manche Aspekte davon nicht wahr sind, dann möchte ich sie nicht als wahr annehmen.
So ist mein konkretes Herangehen. Wenn mir irgendwas unterkommt, untersuche ich: Was spricht dafür, was spricht dagegen? Ich bin zum Ergebnis gekommen, dass die klassisch bibeltreue Perspektive für mich absolut Sinn ergibt und besser begründet ist als die, ich nenne sie mal „liberaltheologische, universitäre, postevangelikale Perspektive“, die man zu manchen Themen hat.
Vielleicht darf ich ein kleines Beispiel nennen, ein lebensnahes Beispiel: Im Postevangelikalismus ist es sehr verbreitet zu sagen, dass in biblischer Zeit Sexualität ganz anders gelebt wurde. Man wurde in Teenagerjahren zwangsverheiratet, beziehungsweise um es netter auszudrücken: Die Ehen wurden arrangiert.
Die Mädchen waren vielleicht zwölf, die Jungs vierzehn, und da wurden die Ehen arrangiert. In dieser Zeit findet man die Sexualethik der Bibel, die uns dann lebenslange Monogamie verordnet.
Heute, in unserer Gesellschaft, heiraten wir vielleicht mit Mitte, Ende zwanzig, manche erst mit Mitte dreißig. Können wir diesen Maßstab eins zu eins heute noch anwenden? Wenn man das hört, würde man sagen: „Ja, stimmt, das ist auch ein gutes Argument. Vielleicht ist dieser Maßstab ja gar nicht für unsere Zeit gedacht.“
Wenn ich allerdings einen Textmarker nehme und die ganze Bibel einmal durchlese, was sie über Sexualität und Ehe sagt, stelle ich Folgendes fest: Die Liebesheirat ist das große Ideal der Bibel.
Wir haben ein ganzes Buch in der Bibel, das eine Lobeshymne darauf singt: das Hohelied. Das ist keine Lobeshymne auf die arrangierte Ehe, sondern auf die leidenschaftliche Liebesheirat.
Eine Frau, die sich offensichtlich den Avancen eines Königs verwehrt, um bei einem anderen zu bleiben, weil sie ihn liebt und sagt: „Den will ich heiraten.“ Das ist wunderschön.
Oder 1. Korinther 7: Paulus sagt, wenn du kannst, bleib Single für den Herrn, weil du viel mehr Freiheit hast. Wenn du und deine Partnerin von Leidenschaft entflammt seid und gar nicht anders könnt, dann ist es besser, zu heiraten.
Klingt das nach einer arrangierten Ehe? Klingt das danach, dass der Maßstab „Sex nur in der Ehe“ aus einer anderen Zeit stammt? Nein, da merkt man, dass es auch damals gar nicht so viel anders war wie heute. Gerade 1. Korinther 7 spricht genau in unsere Zeit und in unser Leben hinein.
So kann man verschiedene Fragen auch ganz nüchtern und sachlich aufarbeiten. Wie ich gesagt habe, wird die Antwort meistens dadurch deutlich, dass man sich intensiv mit der Bibel beschäftigt.
Man muss nicht jedem Gegenargument auf den Grund gehen – unser Leben ist kurz –, aber wenn mich etwas wirklich wurmt und ich es genau wissen will, dann sollte ich das definitiv machen.
Statt zu sagen: „Ich habe zwar gar nicht die Zeit, das jetzt im Detail zu untersuchen, aber ich nehme es einfach mal als wahr an, weil das klingt logisch und gefällt mir besser als das, was ich bisher geglaubt habe.“ Das ist nicht rational.
Ich habe eine gewisse krankhafte Rationalität in mir, die mich dazu hinleitet.
Wie gehen wir also konkret um? Ich habe vorhin schon gesagt, die Wichtigkeit ist das eigene Glaubensleben, das eigene Glaubensfundament und die Beschäftigung mit der Bibel.
Wenn es Fragen gibt, gerade bei wichtigen Themen: Was ist da dran? Über all diese Themen sind endlos viele Bücher geschrieben worden.
Ich weiß nicht, ob du ihn schon mal eingeladen hast, aber zum Beispiel Doktor Markus Till hat sich einen Namen gemacht. Er hat die ganze postevangelikale Dekonstruktionsszene aufgearbeitet, mit einem Blog gestartet und sehr große Videos gemacht, in denen er auch Hauptvertreter dieser Strömung – das sind ja alles Individuen, es gibt keine große Dachorganisation der Postevangelikalen – im Detail biblisch analysiert.
Was ist denn an diesen Argumenten dran? Oder zum Beispiel Theologieprofessor Doktor Armin Baum hat im Detail Stellung bezogen zu sexualethischen Argumenten, die aus dem postevangelikalen Bereich häufig vorgebracht werden, und hat eine biblische Sichtweise dazu gegeben.
Und wie immer im Leben, Christian, ist es so: Schau dir beide Seiten an, aber bitte bete auch darüber: „Herr, bitte zeig mir, was davon wahr ist.“ Gleiche es mit der Bibel ab.
Das Beste, was du machen kannst, ist, die komplette Bibel einmal unter einem Gesichtspunkt zu lesen, wenn du Klarheit gewinnen willst. Ich habe gerade ein Beispiel dazu gemacht.
Dann hast du diese beiden Ansichten nebeneinander liegen. Ich glaube daran, unser Herr ist da, er leitet uns, er hört unsere Gebete, wenn wir zu ihm beten, und er kann uns auch aufzeigen, wenn wir gerade die Frage haben: Weg A oder Weg B? Wenn wir aufrichtig vor ihm sind, wird er das Richtige aufzeigen.
Das ist für uns – auch für euch, die ihr zuhört – ein guter Rat, wie wir mit eigenen Glaubenszweifeln umgehen können.
Danke dir.
Liebevolle Gesprächskultur und Umgang mit Zweifeln
Wir haben schon ein bisschen darüber gesprochen, über das Thema Kultur – wie wir Kultur verstehen und welche Kultur gut wäre. Eine Kultur, die auffängt und es ermöglicht, frei Fragen zu stellen. Wenn wir uns verschiedene Szenarien anschauen, zum Beispiel: Mein Kind hat Zweifel oder meine Freundin hat Zweifel, fängt vielleicht an, in Richtung Dekonstruktion zu gehen. Oder jemand in der Gemeinde hat Zweifel. Wie gehe ich da als Elternteil, als Freund oder als Gemeindeverantwortlicher richtig damit um? Und wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Herangehensweisen, je nachdem, welche Beziehung ich zu der betroffenen Person habe?
Ich würde erst mal sagen: Wichtig ist es, ganz liebevoll zu sein. Wir sehen nirgendwo in der Bibel eine Berechtigung, auf den Tisch zu hauen und klare Kante zu zeigen. Gerade wenn wir die Lehrbriefe lesen, aber auch beispielsweise die Sprüche, finden wir immer den Rat: Sei sanftmütig, ermahne in Liebe. Wenn du also etwas Kritisches sagen musst, dann mahne nicht mit dem Holzhammer, sondern in Liebe und mit Geduld. Dieses „Man muss auch mal eine klare, harte Ansage machen“ ist da wirklich fehl am Platz.
Eine liebevolle Art ist wichtig, bei der man den anderen wahrnimmt und ihm überhaupt mal zuhört: Was ist denn gerade deine große Frage? Was ist die Glaubensnot, die du hast? Erzähl doch mal! Und sich da wirklich Zeit zu nehmen.
Dann ist es auch berechtigt zu sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Vorwand und einem Einwand. Es gibt einen Spruch, der mich sehr geprägt hat: Wenn jemand Jesus nicht nachfolgen will, wird er immer einen guten Grund dafür finden. Das wäre der sogenannte Vorwand. Der Mensch trifft oft emotionale Entscheidungen, die nachträglich mit sachlichen Argumenten gestützt werden. Die eigentliche Entscheidung ist aber schon gefallen.
Es gibt allerdings auch den berechtigten Einwand, bei dem jemand sagt: Da gibt es eine Frage, die mich wirklich wurmt. Beim Vorwand ist eher das Seelsorgerische wichtig: Was geht denn in dir gerade vor? Warum spricht dich das an? Warum tendierst du gerade in eine andere Richtung? Und was sagst du eigentlich zur bibeltreuen Perspektive dazu?
Der Einwand ist eine ehrlich gestellte Frage, bei der jemand sagt: Hey, dieses oder jenes ergibt für mich keinen Sinn. Oder: Das Argument habe ich gehört, und es lässt mich nicht mehr los. Da ist dann eher die volle Sachlichkeit angebracht.
Ein guter Zuhörer kann unterscheiden zwischen Einwand und Vorwand. Das ist auch hilfreich für uns als Alltagsmissionare, wenn wir unterwegs sind im Gespräch – vielleicht auch mit solchen, die christlich sozialisiert sind, postevangelikal oder wie auch immer – die ich ansprechen möchte. Sehr hilfreich, das zu unterscheiden.
Wenn ich noch ergänzen darf, Herr Christian: Menschen, die einen Vorwand benutzen, wollen eigentlich gar keine Antwort hören. Sie wollen oft einfach nur jemandem zu verstehen geben, dass sie jetzt eine andere Entscheidung getroffen haben und dafür gute Gründe sehen. Manchmal sind sie gar nicht interessiert, die Antwort zu hören.
Dann passiert auch dieses klassische Themenhopping. Man sagt zum Beispiel: Ich kann mit einem wörtlichen Verständnis der Bibel nichts mehr anfangen. Dann redet man über ein Argument, dann geht es zum nächsten Argument, zum nächsten und zum nächsten. Man kann endlos viele Argumente wälzen. Das ist ein komplexer Gedanke, aber es ist auch eine Entscheidung. Die Entscheidung sollte jedoch ein gutes Fundament haben.
Ja, das verstehe ich. Das ist hilfreich für mich als jemand, der das Gespräch führt, initiiert, fragt oder im Gespräch ist, dass ich das unterscheiden kann: Hier ist jemand, der wirklich einen Einwand hat, und hier jemand, der eher einen Vorwand sucht und eigentlich eine rebellische Haltung Gott und dem christlichen Glauben gegenüber hat. Oder es gibt jemanden, der ein intellektuelles Problem hat, weil er sagt: Ich verstehe es einfach nicht, das ist ein Widerspruch. Dann ist es wichtig, da den Unterschied zu machen.
Das Ganze war sehr wichtig: Dein erster Punkt war liebevoll, auf Augenhöhe miteinander. Ich verstehe das. Wir schauen uns an, was die Bibel dazu sagt, und so weiter.
Wenn ich noch etwas dazu sagen darf: Ich finde es ganz schlimm, wenn man abfällig redet. Zum Beispiel: „Oh, die Postevangelikalen, ganz schlimm“ oder „An der Uni spinnen ja alle.“ So sollten wir zum einen nicht über andere Menschen reden. Zum anderen erreichst du dadurch doch keinen.
Wir wollen doch als Menschen friedlich und respektvoll miteinander umgehen. Ich erlaube mir zu sagen: Es geht hier um ein Ringen um Wahrheit. Das ist auch der Anspruch, den der Postevangelikale an sich hat. Er sagt: Ich möchte eigentlich das glauben, was wahr ist. Lass uns doch darum ringen.
Dieses Herabblicken und Böbeln bringt gar nichts. Im besten Fall bringt es nichts, schlimmer noch, es schadet. Wenn wir schon bei Fehlern sind, die man unbedingt vermeiden sollte als Alltagsmissionar unterwegs als Christ, was würdest du noch sagen, außer Herabblicken, das ist ein No-Go?
Ich glaube, das zweite große No-Go ist, die Leute zuzutexten. Es ist ein menschliches Phänomen, dass wir lieber reden als zuhören. Blaise Pascal hat gesagt: Menschen lassen sich eher von Argumenten überzeugen, die sie selbst entdeckt haben, als von denen, die man ihnen vorsagt.
Das heißt, du magst die besten Argumente der Welt haben und das Streitgespräch gewinnen. Gleichzeitig verlierst du dabei den Menschen. Man kann ja auch fragen: Darf ich dir mehr darüber erzählen? Ist gerade der richtige Zeitpunkt?
Man könnte sagen: Oh, das habe ich für mich schon intensiv aufgearbeitet. Ich würde dir das gerne mal in zehn Minuten erzählen. Wie sieht es aus? Wollen wir das mal machen?
Dann überlasse ich dem anderen die Entscheidung: Hast du überhaupt gerade den Kopf dafür, das zu hören? Oder sagt derjenige: Ach, gerade bin ich mental mit anderen Sachen beschäftigt, aber in zwei Wochen können wir uns treffen.
Das ist viel besser, als wenn ich sage: Er muss es jetzt hören, ich muss die Informationen in ihn reinklopfen. Denn normalerweise besitzt der Mensch die Fähigkeit, plötzlich zuzuhören oder dich abzuweisen. Das bringt nichts.
Ich glaube, es ist besser, die Informationen etwas schmaler zu halten, aber sich dafür weiterhin gerne im Leben zu begegnen. Als einmal jemandem zuzutexten, der dann sagt: Boah, da schaue ich gleich in die andere Richtung, wenn ich dem beim Einkaufen begegne.
Um auf diese letzte Gruppe zurückzukommen: Gemeindeverantwortliche, Gemeindeleiter und so weiter. Was sind langfristige Folgen, wenn Gemeinden oder christliche Leiter Dekonstruktion entweder völlig ignorieren oder sogar unkritisch befürworten?
Meines Erachtens – und hier möchte ich niemandem zu nahe treten – ist das Ergebnis ein schwacher Glaube des Einzelnen und eine schwache Gemeinde. Jesus wirkt dann nicht mehr in der Form und Lebendigkeit, wie wir es uns wünschen und wie es die Bibel aufzeigt.
Wir Christen haben den Auftrag, Licht in der Welt zu sein und Menschen in eine lebendige Beziehung mit unserem Schöpfer, mit Jesus Christus einzuladen. Wenn dieser Auftrag ernst genommen wird, wenn ich Feuer für Jesus habe und von Leidenschaft entflammt bin, dann beißt sich das oft mit den typisch postevangelikalen Glaubenssätzen.
Manche sagen zum Beispiel: Evangelisation ist eh übergriffig. Oder: Warum sollte nicht auch ein Muslim, der seinen Glauben ernst nimmt, zu Gott in den Himmel kommen? Oder: Wer sagt denn, dass Jesus das zu hundert Prozent wörtlich gemeint hat, dass er der einzige Weg ist?
Wichtige Fragen, wichtige Themen, die man ganz entspannt besprechen und biblisch aufarbeiten sollte. Aber das ist nicht das normale, bibeltreue Verständnis des Evangeliums.
Wir sagen: Das Großartigste, was du als Mensch erleben kannst, ist, in eine Beziehung mit Jesus Christus einzutreten und zu erleben, dass er dich zu etwas Neuem gemacht hat. Das kannst du nach meinem Bibelverständnis in anderen Religionen nicht erleben.
Jesus hat sich am Kreuz offenbart – uns Menschen und in diesem Buch, der Bibel. Wenn wir alle eifrig dabei sind, unsere Mitmenschen einen Schritt näher zu Jesus zu bringen, dann passt es meiner Meinung nach nicht, dass die große Dekonstruktion gerade in der Gemeinde stattfindet.
Denn durch die Dekonstruktion kommen meistens auch Ansichten herein, die dem entgegenstehen. Sie führen zu einem anderen Blick auf Alltagsmission und Evangelisation.
Jetzt ist nicht jeder Alltagsmissionar auch Apologet oder so gut belesen wie du und kann sich so gut ausdrücken und argumentieren wie du, Matthias. Welche Verantwortung und Möglichkeiten haben wir da als Einzelne, die nicht Matthias heißen, um auf typische Argumente der Dekonstruktivisten zu antworten?
Zum einen glaube ich nicht, dass wir alle möglichst geschliffene Apologeten sein müssen, die rhetorisch bewandert sind. Klar, es gibt tolle Vortragsveranstaltungen. Aber ich glaube, der Herr wirkt anders.
Der Herr wirkt primär durch unser persönliches Lebenszeugnis und durch die Bibel. Egal, wer ich bin, ich kann immer sagen: Du, mit der Frage habe ich mich noch nicht beschäftigt. Aber ich habe eine Freundin, die da richtig tief im Thema ist. Die kann dir viel darüber berichten, weil sie sich viel damit beschäftigt hat.
Ich als einfacher Christ kann sagen: Ich habe Jesus Christus in meinem Leben erlebt, und ich lade dich herzlich ein, mal mit mir zusammen die Bibel zu lesen – einfach mal ein Kapitel im Johannesevangelium. Du sagst mir, wie das auf dich wirkt, ich sage dir, warum ich glaube, dass das von Gott ist. Das kann jeder Christ.
Wenn ich dann unterschieden habe, was derjenige meint – möchte er wirklich eine Antwort auf seine Frage? Wenn ich es nicht selbst weiß, kann ich mich schlau machen. Ich kann eine Ressource teilen, ein Video, einen Artikel, ein Buch vielleicht. Oder ich kann auf jemanden verweisen, der mehr darüber weiß.
Gerade in der Alltagsbegegnung sind das eigentlich gar nicht die Dinge, die uns bewegen. Das, was das Christsein herrlich macht, ist doch, dass wir erleben: Das ist nicht unsere Einbildung, sondern Jesus ist wirklich da und hat uns neu gemacht. Er hat uns am Kreuz erlöst und die Sündenschuld vergeben.
Egal wie kritisch die Anfragen sind, ist das das Wichtigste, was man demjenigen mitgeben kann, der kritische Anfragen an die Bibel hat. Dann kann man eine Perspektive eröffnen, je nachdem, was ihn interessiert.
Ich habe gehört und es auch schon erlebt, dass manche Fragen, wie „Ist XY aus der Bibel ein Widerspruch oder nicht?“, dann uninteressant werden, wenn man merkt: Hey, da passiert wirklich etwas, wenn ich anfange zu beten und die Bibel zu lesen.
Diese kritischen Fragen schiebt man dann ein bisschen zurück. Die kritischen Anfragen an die Bibel möchte man sich mal wann anders anschauen. Man muss erst mal am Gebet und Bibellesen dranbleiben.
Auch das habe ich schon erlebt, wo man merkt, dass die Bibel Kraft entfaltet. Ich glaube, Spurgeon hat es so gesagt, als er gefragt wurde, was man tun soll, wenn die Bibel angegriffen wird. Er sagte in etwa: Das Wort Gottes ist wie ein Löwe, den wir aus dem Käfig lassen müssen. Das hat mehr Kraft als der weltbeste Apologet.
Abgesehen davon, dass ich nicht der weltbeste Apologet bin – ich wäre es gerne, bin es aber nicht – hat die Bibel immer mehr Kraft als der beste Apologet.
John, der gerade bei uns bei Heuckelbach von The World One to One zu Besuch ist, hat gestern Morgen in der Andacht gesagt: Wenn ich apologetisch argumentiere, wirke ich richtig clever. Aber ich will gar nicht clever sein, ich will Gottes Wort vertrauen. Deshalb will ich Gottes Wort anwenden, weil ich weiß, dass Gottes Wort Kraft hat.
Das fand ich richtig cool. Man kann Menschen intellektuell überzeugen, apologetisch. Aber der Glaube ist doch eine Herzenssache, ein Beziehungsding und nicht nur das.
Es geht darüber hinaus, und es ist total wichtig. Wir haben viel darüber gesprochen, wie wichtig Argumente sind. Du bist ja auch ein rationaler Mensch. Es braucht eine Basis des Glaubens. Der Glaube ist im Wort Gottes begründet – im wahrsten Sinne des Wortes.
Jetzt gehen wir zum letzten Part: Matthias, inwiefern gibt es einen Weg zurück aus der Dekonstruktion? Was ist dafür notwendig?
Wenn ich jemanden treffe, der da angekommen ist und Stein für Stein alles in Frage gestellt hat, was sind die Hauptgründe, warum Menschen, die ihren Glauben dekonstruiert haben, nicht zurückkommen? Gibt es da ein Muster?
Ich möchte mal mit einem Zitat von Josh McDowell starten. Er hat gesagt: Nur ein rational befriedigter Verstand ist auch offen für den christlichen Glauben.
Ich glaube, man sollte die Perspektive eröffnen und sagen: Wenn es wirklich Fragen gibt, die dich vom christlichen Glauben weggebracht haben, möchte ich dir gerne eine Antwort darauf geben.
Ich möchte auch mitteilen, dass ich mich nicht scheue, mich diesen Fragen zu stellen. Das wird uns in der Freikirchenausstiegsszene oft unterstellt: Die stellen sich nicht den kritischen Anfragen, sondern tun uns gleich ab. Das stimmt nicht.
Wir stellen uns den Anfragen. Vielleicht nicht jeder im gleichen Maß, weil nicht jeder das gleiche Wissen oder die gleiche Recherche hat. Aber in jeder Gemeinde gibt es sicher jemanden, der sich den Anfragen stellt.
Ich glaube, es ist eher eine emotionale Sache, wenn wir jemandem begegnen, der – ich benutze den Begriff bewusst – einen Freikirchenausstieg hinter sich hat.
Erst mal ist es wichtig, ihm wirklich Liebe zu zeigen, zuzuhören und ihn von der Seele erzählen zu lassen. Oft sind es emotionale Verletzungen, die erlebt wurden.
Was ist da genau passiert? Es tut mir wirklich von Herzen leid, dass dir das passiert ist.
Aber bitte erlaube mir auch zu sagen: Das ändert nichts daran, dass sich Gott in Jesus Christus offenbart hat und er für unsere Sünde gestorben ist.
Dann ist die Frage: Wo steht derjenige? Vielleicht sagt er: Ich kann zwar mit Freikirchen nichts mehr anfangen, aber das glaube ich immer noch.
Das ist etwas anderes, als wenn jemand sagt: Ich kann weder mit Freikirchen noch mit dem Glauben etwas anfangen. Ich glaube, das Grab war nicht leer, das wurde alles nachträglich erdichtet.
Dann ist es wirklich eine Herausforderung. Vielleicht einfach das Angebot machen: Ich würde dir gerne meine Perspektive geben, warum ich glaube, dass das wirklich geschehen ist.
Das Faktenfundament für die Historizität der Auferstehung Jesu ist phänomenal. Es ist verrückt.
Heuckelbach hat die Website darumostern.de ins Leben gerufen, um allgemeinverständlich auf den Punkt zu bringen, welche Fakten dafür sprechen, dass Jesus wirklich auferstanden ist.
Es gibt sehr dicke Bücher, die diese Fakten zusammengetragen haben. Da wäre es eine Herausforderung, wenn jemand sagt: Nein, ich glaube nicht daran.
Jeder ernstzunehmende Historiker ist sich einig, dass Jesus wirklich gelebt hat. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten positiv entwickelt. Bei der Auferstehung ist man sich allerdings nicht einig.
Wenn man aber die Argumente sichtet – was spricht dafür, was dagegen? Wo kommst du am Ende raus?
Ich würde jeden dazu einladen, der diesen wichtigsten Glaubenspunkt in Frage stellt, das mal zu machen. Oder überhaupt mal zu fragen: Hast du das für dich schon mal gemacht? Wie war das Ergebnis?
Was sagst du zu den Argumenten, auch zu den außerbiblischen Zeugnissen?
Jesus, der Pazifist und Frauenversteher, Jahrzehnte später – und nicht nur Jahrzehnte später, sondern direkt danach – Zehntausende, später Hunderttausende von Menschen lassen sich hinrichten, sterben als Märtyrer für diesen Glauben.
Was ist da genau passiert? Was ist deiner Meinung nach passiert? Warum hatte das so eine Strahlkraft auf die Menschen, wenn doch nichts Übernatürliches passiert ist und sich die verbleibenden Elf Apostel einfach nur verschworen haben, um eine tolle Geschichte zu erfinden?
Sie haben bis in den Tod durchgehalten und sind für etwas gestorben, von dem sie wussten, dass es frei erfunden war?
Es gibt historisch gewichtige Anfragen und große Indizien, die wir nicht ignorieren können. Es ist zu einfach zu sagen: An die Auferstehung kann ich nicht glauben, alles Blödsinn. Und die Argumente der Bibeltreuen sind ganz einfach widerlegbar.
So einfach ist es nicht. Ich glaube, die Glaubensfundamente und Argumente, die wir vorbringen, sind sehr überzeugend.
Danke auch für den Hinweis auf darumostern.de. Das ist eine sehr coole Webseite und Kampagne, die Matthias gerade erwähnt hat und die auch jetzt wieder zu Ostern stattfindet. Man kann sich dort Materialien anschauen, bestellen, weitergeben oder die Seite teilen. Sehr hilfreich.
Zurück zur Frage: Es gibt einen Weg zurück aus der Dekonstruktion. Notwendig ist, sich sachlich mit den Argumenten auseinanderzusetzen und die Wahrheit zu suchen.
Ich glaube, ich hatte dich schon gefragt, was aus deiner Sicht die Hauptgründe sind, warum Menschen, die einmal dekonstruiert haben, eher nicht zurückkommen. Oder kommen sie zurück? Hast du da Erfahrungen? Kennst du Geschichten von Menschen, die diesen Weg gegangen sind und dann wieder rekonstruiert haben und im Glauben sind?
Beides gibt es. Leider viele, die bis dato nicht zurückgekehrt sind, aber auch Menschen, die zurückgekehrt sind.
Ein prominentes Beispiel in unseren christlichen Kreisen ist Markus Voss. Er war ein voller Dekonstruktivist, komplett postevangelikal und liberaltheologisch. Irgendwann war es bei ihm ein ähnlicher Prozess wie bei mir, nur dass er nicht vorher in einer christlichen Sekte war.
Solche Fälle gibt es.
Ich denke, wir haben es auch mit einem Phänomen zu tun: Wenn du zeitlichen Abstand hast, ist es emotional manchmal noch schlimmer als damals.
Man baut eine Barriere auf, und es wird immer schlimmer.
Wenn dir im Laufe der Jahre keine Christen begegnen, die dir eine andere Perspektive geben oder Verständnis zeigen – dass manches vielleicht nicht toll lief und sie das schade finden – wird die Barriere größer.
Wenn du dann einem Christen begegnest, der dich bepöbelt, weil du „den Glauben verlassen“ hast, statt liebevolles Interesse wie Jesus zu zeigen, macht das die Sache noch schwieriger.
Grundsätzlich glaube ich aber, der Weg ist immer offen.
Wir sind mit fundamentalen Fragen konfrontiert, wenn wir krank werden oder jemand in unserem Umfeld stirbt. Dann kehren wir immer wieder zu den Basics zurück: Wie wörtlich kann ich das nehmen, was Jesus über das Leben nach dem Tod sagt? Gibt es eine Auferstehung? Gibt es das Leben bei Gott im Himmel?
Dann kommen Impulse aus dem Leben, die jemanden veranlassen können, sich frisch mit der Bibel zu beschäftigen oder zum Ergebnis zu kommen: Vielleicht lief manches schief, aber manche Glaubensüberzeugungen waren damals auch richtig, obwohl ich sie abgelegt habe.
Bevor ich es vergesse, Christian, ich wollte dir noch etwas von Jay Warner Wallace erzählen. Er ist Jurist und war nicht gläubig. Er hat akribisch untersucht, ob die Evangelien über Jesus glaubwürdig sind.
Das ist nicht nur interessant, was er veröffentlicht hat und welche Gründe ihn überzeugt haben, sondern er sagt auch: Christen argumentieren oft emotional, zum Beispiel mit dem, was sie erlebt haben.
Wenn ich einen Muslim, Mormonen oder jemanden aus einer anderen Glaubensrichtung frage, warum sie glauben, sind es oft die gleichen Argumente: Sie haben etwas Tolles Übernatürliches erlebt.
Jay Warner Wallace sagt, es ist klüger, die Gründe zu nennen, warum wir glauben, dass Gott sich in Jesus Christus als die Wahrheit, der Weg und das Leben offenbart hat.
Nicht so ein bisschen hier und da in der Religion oder in Glaubensströmungen, sondern was der Grund dafür ist, dass ich wirklich glaube, dass Gott sich in Jesus Christus ein für alle Mal offenbart hat, so wie es in der Bibel steht.
Das ist der Anker, an dem wir uns festhalten wollen.
Was ist der Grund, warum ich das glaube? Kann ich das überhaupt begründen? Wenn nein, sollte man die Gründe mal aufarbeiten. Was bleibt übrig?
Wenn ich in so einem Gespräch bin: Ich spreche mit einem Mormonen, der erzählt, er habe übernatürliche Erfahrungen gemacht, die ihn überzeugt haben.
Okay, was ist meine Begründung, warum ich glaube? Habe ich auch übernatürliche Erfahrungen gemacht, die mich überzeugt haben?
Irgendwo ist es das Faktenfundament, das entscheidend ist, warum ich etwas als wahr annehme oder nicht.
Matthias, wir kommen zur letzten Frage. Im Kontext der Dekonstruktion liest man immer wieder von dem Dreiklang: Dekonstruktion, Rekonstruktion, Konstruktion.
Was hältst du von diesem Ansatz, auch mit Blick auf apologetisches Grundwissen und die Wahrheitssuche jedes einzelnen Gläubigen?
Dieser Dreiklang impliziert erst mal: Geh den Sachen auf den Grund, und dann schau, was am Ende übrig bleibt.
Das ist ein Grundsatz, den ich unterstütze und gut finde.
Natürlich weiß ich, dass in der Dekonstruktion oft etwas anderes gemeint ist. Man will implizieren: Sei erstaunt, wie wenig übrig bleibt.
Ich beziehe das auf unsere bibeltreue Szene: Es muss nicht so sein.
Tatsächlich war das quasi der Schlüssel in meiner Bekehrungsgeschichte. Gott hat mir gesagt: Egal, wie kritisch du mein Wort, die Bibel, untersuchst, du wirst am Ende immer dabei rauskommen: Es ist mein Wort.
Mein Credo, mein Leitsatz ist: Die Bibel ist Gottes Wort auch für meine Zeit und mein Leben.
Das kann man in Frage stellen und darüber diskutieren. Aber es ist immer das Ergebnis, zu dem ich komme, egal wie kritisch ich mich bisher damit auseinandergesetzt habe.
Ich habe das sehr kritisch getan, auch wenn ich mir diesen Satz erlauben darf, weil ich nicht von der einen Sekte in die nächste landen wollte.
Ich möchte glauben, was wahr ist, und ich glaube, dass die Wahrheit in Jesus Christus offenbart wurde.
Amen. Vielen Dank, Matthias.
Empfehlungen, Herausforderungen und praktische Tipps
Ich habe noch drei Schnellfragen am Ende. Welches Buch kannst du für unsere Alltagsmissionare empfehlen? Hast du da etwas? Außer der Bibel, die darfst du nicht nennen – die versteht sich von selbst. Aber kannst du ein Buch empfehlen, gerade zum Thema, über das wir jetzt gesprochen haben?
Ich glaube, ich würde noch ein zweites Buch neben Josh McDowell „Die Fakten des Glaubens“ nennen: „Warum Gott?“ von Timothy Keller. Das ist eine gute Mischung. Es ist kompakt, aber gleichzeitig doch richtig tiefgehend und geht auch auf sehr harte Fragen an den christlichen Glauben ein. Cool.
Und was ist deine eigene größte Herausforderung bei dem Thema Dekonstruktion?
Das ist ja eine sehr gute Frage, Christian. Darüber habe ich, glaube ich, noch nie wirklich nachgedacht. Ich glaube, die größte Herausforderung für mich – und ich denke auch für die meisten Christen – ist, den Glauben wirklich lebendig zu erhalten. Gerade in Momenten, in denen es kein Glaubenskampf mehr ist, sondern eher ein Glaubenskrampf. Dann ist es wichtig, zurückzukehren ans Kreuz und zu sagen: „Ich fühle mich gerade so, als wäre der Glaube nicht mehr lebendig. Das war doch auch schon mal anders, und ich wünsche mir, dass es wieder anders wird. Bitte, Herr, leite mich dahin, dass ich die Dinge in meinem Leben bereinige, die vielleicht in letzter Zeit nicht so gut waren. Denn ich möchte eine freudige, siegreiche, lebendige Beziehung zu dir haben – ein siegreiches Christenleben.“
Ich glaube, das ist die größte Herausforderung.
Schön. Und die letzte Frage: Welchen praktischen Tipp hast du noch für unsere Podcast-Hörer, den sie am besten gleich sofort umsetzen können?
Der praktische Tipp wäre: Bemühe dich darum, auf Menschen, die eine völlig konträre Sichtweise zu deiner haben, nicht mit Aggression zu reagieren, sondern mit Liebe. Nicht zu sagen: „Ah Mann, wie kann man denn so einen Blödsinn glauben?“ Sondern in der persönlichen Begegnung lieber so: „Erzähl doch mal, wie kam es, dass du das so siehst? Ich sehe das ganz anders, und ich würde das wirklich gerne verstehen. Du bist ein netter, interessanter Mensch.“
So reagiert man auf etwas, das uns eigentlich angreifen würde, mit Liebe.
Sehr gut, Matthias, vielen herzlichen Dank! Auch euch vielen Dank fürs Zuhören und Zuschauen. Wie immer: Empfehlt gerne den Podcast weiter. Wenn du denkst: „Boah, das muss der unbedingt hören“ oder „diejenige“, dann teile ihn einfach, abonniere den Newsletter, und ich sage: Bis zum nächsten Mal, tschüss!