
55: Tipps aus 70 JAHREN Jesusnachfolge & Evangelisation – mit Ulrich Parzany
Einführung in das Thema Evangelisation und persönliche Erfahrungen
Die Jugendlichen hatten das Recht, ernst genommen zu werden. Das ist, finde ich, das tiefste Geheimnis aller Evangelisationen.
In der Jugendarbeit war sofort klar, warum wir diesen achtzehn- oder neunzehnjährigen Studenten, Arbeitern oder ähnlichen zugehört haben. Sie haben sich um vierzehn- oder fünfzehnjährige Jungen gekümmert, uns ernst genommen und eingeladen. Sie haben mit uns Sport betrieben und uns etwas beigebracht.
Ich sehe noch einen etwa zwei Meter großen Typen vor mir, der uns gezeigt hat, wie man im Handball den Sprungwurf am Kreis macht. Wenn du als 14-Jähriger merkst, dass du von so einem Kerl ernst genommen wirst, dann spürst du nicht, dass du nichts bist oder nur ein Kind. Stattdessen hast du Respekt. Du schaust zu ihm auf und lässt dir etwas von ihm sagen.
Dasselbe gilt bei der Verkündigung des Evangeliums. Da kam nicht plötzlich ein Pastor eingeflogen. Es waren dieselben Leute, die vorher mit uns Sport gemacht hatten. Schweißgebadet, nach der Pause, nach dem Sport, zogen sie ein Neues Testament heraus. Sie lasen ein Wort und erklärten uns, warum sie an Jesus glauben, wer er ist und warum sie wirklich meinen, dass wir das auch verstehen sollten.
Vorstellung des Podcasts und des Gastes
Ja, hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von machbar, dem Podcast für Alltagsmissionare. Ich bin Christian, und mein heutiger Gast ist Pfarrer und Evangelist Ulrich Parzany. Ulrich, herzlich willkommen, schön, Sie zu hören.
Ja, danke für die Einladung.
Bei machbar bekommst du Tipps, wie du deinen Nächsten einen Schritt näher zu Jesus führen kannst. Heute geht es darum, wie Ulrich Evangelist geworden ist. Wir wollen ein bisschen Rückschau halten und auch darüber sprechen, wie er die Veränderung in unserer Gesellschaft erlebt hat.
Als Evangelist kennt er beides: die Menschenmassen bei ProChrist-Veranstaltungen, die bereitwillig kamen, um von Jesus zu hören, aber auch den heute doch recht niedrigen Grundwasserspiegel der Evangelisation, der vieles kleinschrittiger und mühsamer macht.
Wir reden darüber, was er in Jahrzehnten als Evangelist gelernt hat, welche Möglichkeiten er heute für Evangelisation sieht und natürlich über sein brandneues Buch „Jesus unsere Hoffnung“.
Biografische Eckdaten von Ulrich Parzany
Ulrich, du bist zum ersten Mal hier im Machbar-Podcast. Dein Name wird vielen unserer Hörer bekannt sein, und jeder weiß vielleicht, wer du bist – aber trotzdem nicht genau. Deshalb ein paar Fakten über dich. Ich habe ein bisschen was zusammengetragen, du kannst mich gerne korrigieren, falls etwas nicht stimmt.
Du bist evangelischer Theologe, Pfarrer, Prediger, vielfacher Autor und Evangelist. Deine Frau Regine und du seid seit 1967 verheiratet. So ist es, oder? Eben haben wir darüber gesprochen, dass 1967 auch das Jahr war, in dem Werner Heukebach heimgegangen ist. Das war also das Jahr, in dem ihr geheiratet habt.
Ihr habt drei Kinder. Du warst gut zwanzig Jahre beim CVJM tätig, unter anderem als Generalsekretär. Von 1997 bis 2009, glaube ich, warst du Hauptredner bei ProChrist, einer der größten Evangelisationskampagnen Europas. Dort hast du Millionen von Menschen mit dem Evangelium erreicht.
Noch etwas, bevor wir loslegen: Wir verlosen hier an euch drei Exemplare von dem Buch „Jesus unsere Hoffnung“. Das Buch ist recht frisch auf dem Markt, seit Juli oder August, meinst du? Bleibt bis zum Ende dran, dann erfahrt ihr, wie ihr eins davon hier bei uns ergattern könnt.
Ja, so muss man das machen, Ulrich – das ist ja die heiße Sache!
Definition und Verständnis von Evangelisation
Ulrich, wenn wir uns ein wenig anschauen, wie du zu dieser Aufgabe, zu dieser Berufung als Evangelist gekommen bist: In deinem Vortrag bei Offenbader zitierst du einen Missionstheologen, ich glaube, es war David Bosch, der gesagt hat, es gäbe 79 verschiedene Definitionen von Evangelisation und Mission.
Was ist Evangelisation für dich? Was sagst du? Kannst du das irgendwie auf den Punkt bringen?
Das ist ganz einfach: Menschen, die noch nicht an Jesus glauben, zu erzählen, wer Jesus ist, und sie einzuladen, ihm zu vertrauen und ihm zu folgen. Das ist es. Ja, das ist es. Also das ist der klare Inhalt: Jesus ist der Inhalt. In ihm kommt Gott zu uns, er versöhnt uns mit Gott und gibt unserem Leben damit eine neue Richtung – in Zeit und Ewigkeit.
Jesus muss man kennenlernen. Ihm zu vertrauen, das heißt Christ sein. Und wie sollen die Leute ihm vertrauen, wenn sie ihn nicht kennen? Also müssen wir Menschen auf alle nötigen Weisen informieren darüber. Ob man das im Gespräch unter vier Augen, in kleinen Gruppen oder in großen Versammlungen macht, mit oder ohne Musik, das ist völlig egal. Der Inhalt muss stimmen.
Jesus muss den Leuten bekannt werden, und sie sollen eine Entscheidung treffen: „Dem will ich folgen.“
Persönliche Lebensgeschichte und Beginn der Evangelisation
Was bedeutet es für dich, Evangelist zu sein? Meine Lebensgeschichte ist eng damit verbunden. Ich bin in einer Jugendarbeit in Essen dabei gewesen und durch den Pfarrer Wilhelm Busch zum Glauben gekommen.
Das Erste, was ich begriffen habe, war: Viel Sport, Boxen, Fußball und so weiter. Junge Leute haben jungen Leuten das Evangelium gesagt. Ich habe auf Wilhelm Busch gehört, das hat mich beeindruckt, aber der eigentliche Knackpunkt war, dass es junge Leute im Alter von sechzehn, siebzehn, achtzehn Jahren waren, die uns Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen das Evangelium vermittelt haben.
Diese jungen Leute haben uns beigebracht, wie man Fußball spielt, wie man Handball spielt, wie man boxt. Dann haben sie die Bibel herausgeholt und erklärt, warum sie Jesus folgen. Die meisten von ihnen kamen nicht aus christlichen Familien. Das war für mich der entscheidende Punkt. Ich hatte christliche Eltern und war sehr beeindruckt davon, hier junge Leute zu treffen, die nicht christlich erzogen worden waren.
Man denkt ja oft, man müsse da irgendwie hineingewachsen sein – das ist aber nicht wahr. Diese jungen Leute hatten von Jesus gehört, sich bekehrt und eine klare Entscheidung getroffen. Sie hatten sofort verstanden: Wir müssen jetzt anderen jungen Leuten das weitersagen.
Das war bei mir genauso. Als ich die Entscheidung traf, Jesus zu folgen, war sofort klar, dass ich in das Team, in die Mannschaft im Stadtbezirk einbezogen werde. Wir besuchten andere junge Leute, die weder Pfarrer noch Kirche erreichten. Wir luden sie zu unseren Treffen ein – zum Sport, aber auch zum Bibellesen. Wir sagten ihnen, wer Jesus ist. Das ist Evangelisation.
Evangelisation bedeutet, anderen, die Jesus noch nicht folgen – weil sie ihn nicht kennen oder nicht wollen –, zu sagen, wer Jesus ist. Und ihnen zu sagen: Komm, geh mit, du brauchst ihn, und er ruft dich.
Das war mir gleich klar. Ich wusste sofort, dass das so ist. Ich hatte es ja selbst so erfahren.
Wie bin ich zum Glauben gekommen? Ich hatte ein gutes Fundament, sehr glaubwürdige Eltern. Aber wenn man in die Pubertät kommt, stellt man sich die Frage: Mache ich das alles nur, weil ich so erzogen worden bin? Man sucht nach der eigenen Identität, fragt sich, ob das alles Einbildung ist.
Meine Erfahrungen mit der Kirche an sich waren nicht besonders verlockend. Es war ein bisschen langweilig, und das will ich gar nicht weiter ausführen.
Der entscheidende Punkt war, dass ich erfahren habe, wie andere engagierte junge Christen ihr Herz geöffnet haben. Sie haben mich besucht, eingeladen und wirklich Zeit investiert. Das war es.
Diese jungen Christen haben Beziehungen aufgebaut und meine Langeweile bekämpft. Für einen Teenager ist das das Allerwichtigste. Sie hatten sich das Recht erworben, gehört zu werden.
Das ist, finde ich, das tiefste Geheimnis aller Evangelisation: Du musst das Recht erwerben, gehört zu werden.
So war es bei mir. Man hörte ihnen einfach zu. Sie waren rhetorisch nicht besonders begabt, aber sie hatten sich das Recht erworben, gehört zu werden. Sie waren gute Sportler, sie haben sich gekümmert und so weiter.
Theorie brauchte ich nicht. Ich hatte verstanden, warum ich zu Jesus gekommen bin: Andere hatten es mir glaubwürdig erklärt. Und ich wusste, dass daraus eine Verantwortung wächst.
Als sie sagten: „Wir brauchen dich jetzt im Team, mach mit, wir besuchen andere Jungs, wir brauchen alle Mitarbeiter“, da war mir klar: So geht’s.
So bin ich hineingewachsen. Wir haben das gar nicht Evangelisation genannt, aber wir wussten es. Wilhelm Busch ging auch auf Tournee, hielt Veranstaltungen und sprach zu vielen Leuten. Das war für uns mehr so nebenbei.
Die eigene Erfahrung war: Junge Leute haben jungen Leuten das Evangelium gesagt. Und da mache ich jetzt mit und wachse hinein.
Das Recht, gehört zu werden, als Schlüsselprinzip
Du hast gesagt, man muss sich das Recht, gehört zu werden, verdienen. Erwerben. Ja, aber man muss es gewinnen. Das ist so.
Das heißt, du gehst als Christ – als Christ –, also würdest du sagen, jeder Christ ist ein Evangelist? Da bin ich zurückhaltend, weil Evangelist sein auch ein bestimmtes Charisma ist, also eine besondere Begabung. Zum Beispiel die Fähigkeit, echtes Interesse an noch nicht Christen zu haben, sich wirklich für sie zu interessieren: Was denken sie? Wie kann ich ihnen das plausibel machen?
Ich glaube nicht, dass jeder ausdrücklich diese Gabe hat. Jeder ist ein Zeuge und jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten anderen erzählen, was er mit Jesus erlebt hat. Dadurch lädt er ein. Insofern schon.
Aber gerade in der wichtigsten Form – und das ist die wichtigste Form der persönlichen Vermittlung des Evangeliums – ist es so, dass nicht alle uns ja freiwillig zuhören. Ich hatte keinen Sinn darin, Leute zu bequälen, die mich nicht hören wollen, ihnen auf die Nerven zu gehen.
Und deshalb sagen wir: Man muss das Recht erwerben, also die Glaubwürdigkeit gewinnen, damit die Leute Interesse haben und sagen: Dem möchte ich zuhören.
In der Jugendarbeit war das sofort klar. Warum haben wir diesen achtzehn- oder neunzehnjährigen Studenten, Arbeitern oder so zugehört? Weil sie sich um uns gekümmert haben, um vierzehn- oder fünfzehnjährige Jungen. Sie haben uns ernst genommen, eingeladen, mit uns Sport gemacht und uns etwas beigebracht.
Ich sehe noch so einen zwei Meter großen Typ vor mir, der uns beigebracht hat, wie man einen Sprungwurf am Kreis im Handball macht. Wenn du als Vierzehnjähriger merkst, dass du von so einem Kerl ernst genommen wirst, und sie dir nicht das Gefühl geben, du kannst nichts, du bist nichts, du bist noch klein, du bist noch ein Kind, dann hast du Respekt.
Du schaust zu ihm auf, und dann lässt du dir auch etwas von ihm sagen.
Und weißt du, bei der Verkündigung des Evangeliums kam dann nicht ein Pastor eingeflogen, sondern das waren dieselben Leute. Schweißgebadet, nach dem Sport, dann war Pause, Schluss mit dem Sport, und sie haben ein Neues Testament herausgezogen, ein Wort gelesen und gesagt: Jetzt erklären wir euch, warum wir an Jesus glauben, wer er ist und warum wir wirklich meinen, dass du das auch kapieren musst.
Da war es gar nicht wichtig, ob sie rhetorisch gut waren, sondern sie hatten einfach den Respekt gewonnen. Du hast sie geschätzt, weil sie sich so um dich gekümmert hatten. Und damit war die Bereitschaft da: Was die sagen, das höre ich mir an.
Das ist ein ganz wichtiges Prinzip. Ich denke, das gilt für alle, selbst wenn man dann predigt: Du musst dir das Recht erwerben, von den Leuten überhaupt gehört zu werden.
Also sagen sie: Okay, dem glaube ich, es lohnt sich, jetzt Zeit zu investieren und zuzuhören.
Persönlicher Glaube und Berufung zum Evangelisten
Ganz kurz nochmal zurück: Wie bist du denn selber zum Glauben gekommen? Du hast das gerade nur ganz kurz angeschnitten.
Nun ja, ich habe ja gesagt, ich hatte eigentlich ein ganz gutes Fundament aus meiner Familie. Dann war es schlicht so, dass ich eingeladen wurde, in die Jugendarbeit zu kommen. Das war hier ziemlich in der Gegend. Nach Pfingsten, ich weiß genau, in der Woche nach Pfingsten 1955, haben wir mit fünf Freunden eine Radtour gemacht. Monti, der später Pfarrer in Köln wurde, war damals auf dem Bau. Wir haben vorgelernt, er studierte Theologie, und er hatte uns eingeladen.
Dann sind wir fünf Tage hier durchs Bergische Land gefahren. In der Jugendherberge in Kürten, das ist gar nicht so weit weg, saßen wir abends zusammen und haben die Bibel gelesen. Plötzlich hat er mich ganz unvermittelt gefragt: "Ulrich, weißt du eigentlich, ob du zu Jesus gehörst?" Das hat mich so überrascht, ich war darauf nicht vorbereitet. Aus Schreck habe ich Ja gesagt, weil ich dachte, wenn ich jetzt Nein sage, müsste ich das begründen, und dann hätte ich eine Diskussion. So hatte ich meine Ruhe. Er war auch irgendwie zufrieden, weil die richtige Antwort gegeben war.
Aber danach dachte ich: Was habe ich da eigentlich gesagt? Ich merkte, ich weiß eine Menge durch meine Eltern. Beten war ganz selbstverständlich, Tischgebete, und meine Eltern gingen wirklich in den Gottesdienst. Sie lebten ein fröhliches Christsein zuhause, ohne Enge und Verbote. Das war alles ganz positiv. Aber ich merkte plötzlich, dass ich da so mit in irgendeiner Tradition schwimme. Ich hatte nie für mich geklärt, ob dieser Jesus eigentlich lebt, ob das echt ist, ob es nur Tradition ist und wie ich persönlich dazu stehe.
Als er mich gefragt hatte, war plötzlich alles für mich offen. Ich nutzte dann die Tage auf dieser Fahrradtour, um in den Gesprächen all das zu klären. Interessanterweise erst, als wir nach Hause gekommen sind, bin ich in mein Zimmer gegangen, auf die Knie gefallen und habe gebetet. Ich sagte mir: "Jesus, ich habe jetzt kapiert, es muss eine Entscheidung her, nicht aus Tradition, nicht aus Erziehung, sondern ich weiß, wer du bist. Du hast mir das erklärt. Von jetzt an will ich dir folgen." Das war eine sehr grundlegende Entscheidung.
Damals war ich 14 Jahre alt. Was weiß man da schon? Man weiß eigentlich nichts. Dann beginnt ein Weg: Man ist Schüler von Jesus, er ist der Freund. Im Teenageralter war das eigentlich so. Das ist die Erfahrung: Jesus ist der gute und große Freund. Aber ich habe erst später verstanden, dass ich wirklich verloren bin, was Sünde ist, warum er am Kreuz mein Retter ist und dass es nicht nur eine Freundschaft ist, die man auch wieder kündigen kann, wenn die Stimmung nicht mehr gut ist.
Das ist alles danach gewachsen. Aber damals, in der Woche nach Pfingsten 1955, war die Entscheidung. Seitdem folge ich ihm.
Schön, schön. Dann bist du irgendwann in den Dienst berufen worden und bist Evangelist geworden. Wie war das?
Nun ja, ich wurde von den Mitarbeitern der Jugendgruppe Schattbezirk Weigelaus sofort berufen: "Du machst jetzt mit, wir machen Hausbesuche sonntags, du gehst mit." Das war dann mit 14 Jahren schon so. Das ging sofort los.
Krass!
Wir hatten einen Bibelkreis. Du bist einfach mitgegangen.
Ja, die sagten ja, okay, das ist da auch logisch. Diese Unterscheidung zwischen Christsein und Mitarbeitersein habe ich nie verstanden. Denn in der Bibel heißt es ja: Wenn du zu Jesus gehörst, bist du ein Körperteil am Leib Jesu Christi. Und jedes Körperteil hat eine Aufgabe. Das heißt, wenn du zu Jesus gehörst, hast du sofort eine Mitwirkungsmöglichkeit im Leib Jesu Christi.
Das war toll. Diese ehrenamtlichen Leiter in der Jugendgruppe haben die jungen Leute, die sich zu Jesus bekehrten, sofort beteiligt. Zum Beispiel hatten wir so ein Netz mit fünf Fußbällen. Die Bälle mussten gepflegt werden, das waren damals Lederbälle. Die mussten gefettet und gut aufgepumpt sein. Denn sie sagten: "Pass auf, es macht keinem Spaß, wenn er mit einem schlappen Fußball spielt." Deine Aufgabe war es, die Bälle zu pflegen, aufzupumpen und dafür zu sorgen, dass sie pünktlich da sind, wenn wir montags anfangen.
So wusstest du: Das ist mein Dienst für Jesus und für die Freunde, die wir einladen. Du kriegst kleine Aufgaben, die deinen Gaben entsprechen. Du wirst gefordert, und da waren Leute, die sagten: "Pass auf, wir rechnen mit dir, dass du zuverlässig bist." Denn was man lernen muss, ist bis heute Treue im Kleinen. Wir nannten das "Tick".
Tick? Was heißt das?
T-I-K: Treue im Kleinen. Also sei pünktlich, mach das richtig. Hauptsache, du hast einen Tick. Das fand ich toll. Das haben sie uns dann in so einer Jugendbibelstunde beigebracht.
So bin ich aufgewachsen als Christ. In der Nachfolge von Jesus bist du Empfänger. Du spürst diese Liebe, die Vergebung der Sünden, und das ist toll. Du hast einen großen Freund, der Herr aller Herren ist, und er braucht dich als Mitarbeiter. Du wirst deine Gaben einsetzen, wirst nicht überfordert, aber kannst etwas beitragen.
So bin ich reingewachsen und habe dann selbst Aufgaben übernommen, in der Verkündigung, zum Beispiel in Jungschargruppen, wie wir das nannten. Das heißt, biblische Geschichten erzählen für Zehn- bis Zwölfjährige, die nicht zuhören wollen. Das war ein Drama.
Das haben sie mir zugemutet. Ich habe dann geübt, wie ich die Berufung Abrahams, also 1. Mose 12, in so einer Jungsgruppe erzählen sollte. Dreißig Jungs, eine wilde Horde. Donnerstags war das, und ich habe die Woche vorher im Essener Stadtwald die Geschichte laut geübt. Ich wusste nicht, wie man das macht. Ich hatte zwanzig Minuten Zeit. Als dann die Stunde der Wahrheit kam, war ich in zwei Minuten fertig – eine Katastrophe.
Aber der Mitarbeiter sagte: "Zum nächsten Donnerstag machst du die Fortsetzung." So bin ich da reingewachsen. Er glaubte einfach daran, dass ich Talent hätte. Ich selbst hätte das nach dem ersten Desaster nie wieder gemacht, aber er sagte: "Gut, du musst das üben, mach das nochmal, dann trainierst du das."
So bin ich in solche Aufgaben hineingewachsen. Dann hatte ich bei einem Mitarbeiterkurs wirklich eine Erfahrung. Ich wollte nie Pfarrer werden, ich wollte nie hauptamtlich etwas werden. Ich wollte Ingenieur werden, wie mein Vater, der Wasserkraftwerke baute. Das hat mich sehr beeindruckt. Er war ein ganz tüchtiger Mann, und das war in den Fünfzigerjahren ein aufstrebender Beruf.
Ich hatte eine Stunde, in der ich genau wusste: Jetzt hat Gott mich für den vollzeitlichen Dienst berufen. Das geschah durch eine Auslegung aus dem Hebräerbrief 11, nämlich dass Mose die Schmach des Volkes Gottes mehr liebte als den Reichtum und das Ansehen des Pharaos.
Als jemand das auslegte, wusste ich genau: Gott spricht zu meinem Gewissen. Ich soll in den hauptamtlichen Dienst gehen – das hieß für mich Pfarrer werden.
Anschließend, nach dem Bibelabend, bin ich zu dem Leiter unserer Gruppe gegangen, Hartwig Lücke, der später Generalsekretär der Studentenmission Deutschland (SMD) wurde. Damals war er Jugendgruppenleiter. Ich sagte ihm: "Hartwig, ich weiß, dass Gott mich berufen hat, aber ich habe die Sorge, diese Berufung zu verraten, weil ich nicht Pfarrer werden will." Ich hatte Pfarrer verachtet, ich hatte keine gute Einstellung dazu.
Er hat mich ernst genommen. Ich war damals auf dem Gymnasium, altsprachig, neun Jahre Latein, sechs Jahre Griechisch, Englisch und Französisch auch, und drei Jahre Hebräisch. Ich hatte das Abitur in der Tasche und konnte sofort an die Universität gehen, um Theologie zu studieren.
Neben Theologie in Göttingen und Tübingen habe ich noch Volkswirtschaft studiert. Eines Tages kam Hartwig zu mir und sagte: "Bau dir du nicht einen Fluchtweg?" Da musste ich das noch einmal prüfen. Ich sagte: "Nein, ich wollte mich nur ein bisschen anders orientieren, weil ich dachte, Theologie sei zu eng. Mit Volkswirtschaft lernst du ganz andere Typen kennen."
Dort habe ich viel gelernt. Ich hörte tolle Leute, zum Beispiel Ralf Dahrendorf, später europäischer Kommissar und ein guter Soziologe. Da habe ich viel mitgenommen.
So bin ich in den hauptamtlichen Dienst gekommen. Ich wollte eigentlich nur ein ganz normaler Gemeindepfarrer werden. Das habe ich aber nie wirklich tun dürfen. Denn ich wurde von meiner Kirchenleitung nach Jerusalem geschickt, ein Jahr lang als Vikar in der deutschen Gemeinde dort auf der Westbank. Damals studierte ich viel über den Islam, ahnte aber nicht, wie wichtig das später werden würde.
Dann dachte ich, ich gehe in eine Gemeinde. Ich hatte immer den Traum, eine ganz normale Gemeinde zu haben. Als evangelischer Pfarrer kannst du Hausbesuche machen, die Leute werfen dich nicht raus, die meisten zahlen Kirchensteuer, keiner hat eine Ahnung von Jesus, und du darfst ihnen sagen, wer Jesus ist. Toll!
Aber ich wurde dann berufen in die Essener Jugendarbeit, als Nachfolger von Wilhelm Busch und Herbert Dämmer. Ich habe eigentlich nur Dienste gemacht, die ich selbst nicht gesucht habe, sondern zu denen andere mich berufen haben. Ich musste immer längere Zeit kämpfen, um ein Ja dazu zu finden. Doch ich war immer sehr gewiss und froh, am richtigen Platz zu sein.
So war ich 17 Jahre in Essen in der Jugendarbeit tätig, dann 21 Jahre im CVJM. Nebenbei stellte sich dann die Frage, wie ich zur Evangelisation gekommen bin.
Formen und Erfahrungen der Evangelisation
Ja gut, eigentlich war Evangelisation für mich immer das persönliche Mitteilen des Evangeliums in persönlichen Gesprächen und kleinen Gruppen. Meistens in der Jugendarbeit waren die wichtigsten Formen nicht irgendwelche Vortragsveranstaltungen, sondern Sommerlager, Wochenendfreizeiten und zweiwöchige Sommercamps. Orte wie der Sorpesee, Schützenhallen oder die Ranch Ponderosa boten ein wildes Abenteuerleben nur mit Jungs – und die Bibel stand dabei im Mittelpunkt. Dort bekehrten sich junge Leute.
Ich glaube, bis heute sind solche Camps und Freizeiten, bei denen man miteinander lebt, die biblische Botschaft teilt und sehr persönlich miteinander spricht, eine der wirksamsten Formen der Evangelisation.
Später wurde ich oft eingeladen – das war nie mein Hauptberuf –, nachdem ich Pfarrer wurde, was seit 1964 der Fall ist. Ich wurde zu Vortragswochen eingeladen. Später wurde das mit Pro Christ groß, und ich mache das bis heute. Letzte Woche hatte ich in Bielefeld sieben Veranstaltungen, sogenannte Seitenstegale, jeden Abend mit ungefähr viertausend Leuten.
Es gibt kleine Veranstaltungen und große Veranstaltungen. Und das habe ich natürlich auch mit großer Liebe und Leidenschaft getan. Solche Versammlungsevangelisation war aber immer eher eine Randform, auch in früheren Zeiten.
Die wirksameren Formen waren die persönlichen Kontakte, Sommerlager, Wochenendfreizeiten und offene Gesprächskreise, also Bibelkreise, in denen nicht nur Christen unter sich saßen. Man lud auch Nichtchristen oder noch Nichtchristen als Gäste ein. Das waren immer die wirksameren Dinge, die regelmäßig stattfanden.
Veränderungen in der Gesellschaft und Evangelisation heute
Was würdest du sagen, hat sich im Laufe der Jahre verändert, besonders zum Thema Evangelisation? Großveranstaltungen gibt es zwar heute auch noch, und du machst auch weiterhin solchen Dienst. Aber wie beobachtest du die Entwicklung der Evangelisation über die Jahre? Oder gibt es aus deiner Sicht keine Veränderung?
Doch, natürlich. Die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft verändern sich. Eine Veränderung kann man in Deutschland deutlich beobachten. Vor 50 Jahren konnte man davon ausgehen, dass auch Menschen, die nicht bewusst Jesus nachfolgten, ziemlich viel Information über ihn hatten. Es gab eine kirchliche Tradition: Viele wurden als Kinder getauft, dann konfirmiert und besuchten zwei Jahre lang den Konfirmandenunterricht. Es gab Religionsunterricht, und selbst in vielen Familien wurde noch etwas an biblischer Tradition gepflegt.
Das heißt, es gab ein Wissen, eine Information über Jesus. Dieses Wissen war oft tot, es war nur im Kopf vorhanden. Aber die Evangelisten konnten daran anknüpfen. Man hatte sozusagen das ganze trockene Stroh, das da war als totes Wissen, und legte Feuer daran. Dann brannte es in Flammen.
Das hat sich radikal geändert. Die Leute wissen einfach nichts mehr. Sie können mit dem Namen Jesus nichts anfangen. Was sie wissen, stammt oft aus dritter oder vierter Hand und ist so verzerrt, dass es fast schlimmer ist, als wenn sie nichts wüssten. Viele wissen einfach nichts.
Das ist aber auch eine Chance. Es ist nichts Aufregendes, jetzt einfach zu erzählen, wer Jesus ist, so wie es in den Evangelien geschildert wird. Was hat er gesagt, was hat er getan? Wie ist das mit seiner Geburt? Warum ist das so mit Kreuz und Auferstehung? Du musst erzählen, so wie die ersten Missionare Paulus und Petrus es taten. Niemand hatte je von Jesus gehört, und sie wollten einladen, Jesus zu vertrauen. Also mussten sie erst einmal erzählen, wer er ist.
Wenn du fragst, was sich geändert hat, weiß ich nicht genau, ob das wirklich eine Veränderung ist oder ob es nur deutlicher durchschlägt. Aber ich meine, dieses Nichtwissen ist nicht neutral.
Mir ist aufgegangen, wenn ich in Asien oder anderswo in der Welt, zum Beispiel in Afrika, vor Leuten das Evangelium verkünden konnte, bei denen ich wusste, dass sie wenig oder nichts davon gehört hatten, dann begegnet man in diesen Kulturen überall einer enormen Neugier. Die Menschen wollen einfach informiert werden. Es ist erstaunlich, wie groß der Hunger nach Wahrheit ist.
Bei uns in Europa ist das Nichtwissen ebenfalls weit verbreitet. Aber die Menschen haben trotzdem den Eindruck, das Christentum sei Schnee von gestern, kalter Kaffee. Sie haben ein negatives Vorurteil. Sie sagen, entweder hätten die Kirchen immer mit den Mächtigen gehalten, oder sie denken an den ganzen Missbrauch und so weiter. Sie verbinden das Christentum mit Langeweile. Das heißt, du hast nicht diese hungrige Neugier, die es leicht macht, das Evangelium zu verkünden.
Deshalb müssen wir in der Verkündigung immer darauf achten, dass du die Leute mit den ersten Sätzen gewinnst. Wie fängst du an? Ich überlege mir immer, dass der erste Satz eine Überraschung für die Leute sein muss.
Noch ein Beispiel: Das ist eher individuell, auch persönlich und situationsabhängig. Ich kann es auch negativ machen. Wenn zum Beispiel ein Prediger oder Pastor im Weihnachtsgottesdienst beginnt und sagt: „Liebe Gemeinde, heute ist Weihnachten.“ Das wissen alle. Dann braucht er den Rest der Predigt eigentlich nicht mehr zu halten, denn die erste Botschaft, die er vermittelt hat, ist der Offenbarungsgehalt, der Neuigkeitsgehalt der Predigt – und der ist hier nicht vorhanden. Jeder weiß, dass heute Weihnachten ist. Warum sagt er das?
Wenn man das überprüft, mit welchen Banalitäten Predigten in Gottesdiensten oft beginnen, ist die Wirklichkeit oft schlimmer als jede Karikatur. Die Leute spüren das gar nicht, und die Prediger wissen oft nicht, dass sie damit ein Vorurteil bedienen – in der sogenannten postchristlichen Gesellschaft. Das ist die Gesellschaft, in der man nichts vom Christentum weiß, aber meint, das habe man hinter sich. Sie denken, das sei langweilig, das reize niemanden mehr, man wisse schon alles, es gebe nichts Neues.
Das heißt, was du in Indien gar nicht brauchst, brauchst du, wenn du predigst oder evangelistisch verkündigst, auch im normalen Gottesdienst: Du musst dir überlegen, wie du einsteigst. Die ersten Sätze entscheiden, ob du die Aufmerksamkeit der Leute gewinnst.
Dann musst du natürlich anschaulich sein. Ich kann sehr gut verstehen, dass Prediger ihre Predigten einfach vom Blatt ablesen, oft klein gedruckt. Für mich ist Verkündigung ein Gespräch. Ich muss den Leuten in die Augen schauen. Deshalb rede ich frei. Das kostet viel Vorbereitung.
Ich muss mich sehr vorbereiten. Ich sage mir: Wenn ich das, was ich den Leuten sagen will, nicht im Kopf behalten kann, wie kann ich dann erwarten, dass sie etwas behalten, das sie nur einmal hören?
Ich möchte gerne in die Gesichter schauen. Ich sehe ihr Stirnrunzeln oder wenn sie mich anschauen, weiß ich, dass sie zuhören. Wenn du so frei sprichst, bist du vorbereitet und hast dir überlegt, was du sagst. Es entsteht nicht einfach so.
Natürlich ist das viel mehr Arbeit. Ich muss das so innerlich drin haben, dass in mir dieser Film läuft. Unvorbereitet irgendetwas hinzuschwatzen, geht überhaupt nicht. Es kostet viel mehr Mühe.
Ich kann zum Beispiel keine Manuskripte vorlesen. Manche können das, sie sind gute Prediger. Sie bereiten eine Predigt minutiös vor, schreiben ein Manuskript und können wie gute Schauspieler exakt formulierte Texte so vortragen, dass es nicht wie abgelesen klingt. Ich kann Texte nicht so auswendig lernen. Dann denke ich immer, ich vergesse etwas oder bleibe stecken.
Deshalb brauche ich nur Stichworte. Die Geschichte muss ich sehen wie einen Film. Dann erzähle ich diese Geschichte, diesen Gedankenaufbau. Das kostet sehr intensive Vorbereitung.
Vor jedem Vortrag und jeder Predigt brauche ich viel Konzentration. In der Regel habe ich in meiner Bibel nur ein Blatt mit Stichworten, weil ich Sorge habe, dass mir der Faden reißt. Dann will ich ein Stichwort zur Absicherung haben. Meist brauche ich das nicht, aber zur Sicherheit.
Mir geht es darum, im Gespräch zu sein. Bei der Vorbereitung führe ich ein innerliches Gespräch mit den Zuhörern. Nachdem ich den Bibeltext gründlich studiert habe, überlege ich, wer meine Zuhörer sind, ob sie das verstehen, ob sie zustimmen oder widersprechen werden, was sie denken könnten – soweit ich sie kenne und mich hineinversetzen kann.
Das ist der Vorgang in der Vorbereitung. Das spiegelt sich im Vollzug wider, wenn ich mit den Menschen rede. Dann schaue ich den Leuten in die Augen, die vor mir sitzen.
Du siehst, ob sie dich offen anschauen. Wenn sie nicht mehr zuhören, schauen sie weg. Das kann jeder Redner heilig wissen: Wenn einen keiner mehr anschaut und die Köpfe gesenkt sind, weiß er, dass die Zuhörer hoffen, dass es bald vorbei ist.
Persönliche Evangelisation im Gespräch
Okay, aber jetzt zu dir: Ich meine die klassische Evangeliumsvorkündigung von der Kanzel oder vortragsmäßig. Im persönlichen Gespräch bist du ja nicht darauf vorbereitet, dass du da einen inneren Film hast. Natürlich kennst du das Evangelium, aber du lässt dich mehr darauf ein. Bist du da eher der konfrontative Typ oder eher so …?
Ja, also das ist auch für unsere Zuhörer ganz wichtig, aber auch für mich persönlich: Die persönliche Evangelisation im Gespräch hat eine ganz andere Struktur als ein Vortrag oder eine Veranstaltung.
Wenn ich zu einem Vortrag eingeladen bin, weiß ich, dass Leute dazu eingeladen wurden. Wenn sie die Einladung annehmen und kommen, haben sie schon eine tolle Entscheidung getroffen. Das ist heute nicht selbstverständlich. Es kommen ja nur die richtigen Leute, nicht weil sie den Prediger hören wollen — den kennt ja keiner — sondern weil Freunde aus der Gemeinde ihre Freunde eingeladen haben. Die kommen dann und sagen: „Gut, wenn der mich einlädt, ich weiß ja nicht, was das ist, aber dem zu Gefallen komme ich.“
Das heißt, ich weiß, ich werde Leute vor mir haben, die sich schon entschieden haben, mir zuzuhören. Die erwarten von mir, dass ich etwas sage, und da will ich das so gut vorbereiten, dass es möglichst hilfreich für sie ist.
Im Gespräch ist die Situation ganz anders. Da rate ich auch den Christen: Nehmt für die persönliche Evangelisation nicht uns Prediger als Vorbild. Denn viele machen einen großen Fehler. Viele denken, wir hätten so tolle Formulierungen und sie müssten jetzt erst mal so eine Kurzbotschaft raushauen und dem anderen das Evangelium gesagt haben. Dann wundern sie sich, dass Funkstille herrscht und kein Gespräch zustande kommt. Kein Dialog.
Ja, wie soll das auch gehen? Wenn mich jemand bepredigt und ich eine volle Ladung ins Gesicht geblasen bekomme, muss ich darauf antworten? Wenn das etwas ist, was mir neu oder fremd ist, finde ich das eher peinlich.
Deshalb würde ich im Gespräch immer sagen: Die Chance ist, mit Fragen einzusteigen und den anderen reden zu lassen. Das ist ja toll. Wir haben vorhin gesagt, das Recht, gehört zu werden, funktioniert ja auch im Gespräch.
Wenn ich also sage: „Pass mal auf, wir hatten in der Mittagspause eine Diskussion über eine Erdbebenkatastrophe. Jetzt sind wieder mal irgendwo tausend oder zweitausend Leute verschüttet worden, und jemand sagt: ‚Wie kann Gott so etwas zulassen?‘“ — die ganze Frage ist plötzlich da.
Jetzt kannst du natürlich eine Predigt halten und sagen: „Jetzt bin ich als Christ gefordert.“ Aber du kannst auch einsteigen und fragen: „Was ist denn deine Meinung dazu? Glaubst du, dass Gott da etwas mit zu tun hat? Wie siehst du das?“ Dann höre ich zu oder frage nach und lasse ihn erzählen.
Wenn er lang genug erzählt, wird er vielleicht von sich aus auf den Gedanken kommen und sagen: „Was denkst du denn? Was sagst du?“ Oder ich stelle Fragen. Wenn ich mich echt für das interessiere, was er denkt, habe ich auch die Möglichkeit, passgenauer eine Antwort zu geben.
Das ist besser, als blind einfach irgendeine Botschaft abzusenden und zu schauen, was als Reaktion kommt.
Also: Im persönlichen Gespräch keine Kurzpredigt rausblasen, sondern Anknüpfungspunkte suchen. Wenn man Freunde, Bekannte oder Kollegen hat, die man öfter trifft, muss man ja nicht in fünf oder fünfzehn Minuten alles erledigen.
Und wenn ich auf eine Frage selbst keine Antwort habe, muss ich mich nicht genieren zu sagen: „Da muss ich noch mal drüber nachdenken. Vielleicht muss ich ein Buch lesen oder jemanden fragen.“
Mein Rat für die persönliche Evangelisation ist: Fragt mehr, hört länger zu und erklärt das Evangelium dann passgenauer und hilfreicher für den Einzelnen, wenn ihr gefragt werdet.
Ja, das ist selbstverständlich. Auch das ist natürlich für eine Gesprächsstruktur wichtig. Wenn man zusammen beim Kaffee sitzt oder in der Pause, ist das nie so, dass alles logisch aufgebaut ist. Jeder wirft ins Gespräch, was ihm wichtig ist.
Oft entdeckt man dann nachher: „Ach, da war ein schöner Anknüpfungspunkt.“
Diese klassische Sache, dass Leute Phrasen haben wie „Ach Gott“ oder „Mein Gott“. Ich habe das oft einfach so laufen lassen oder mich nachher nur geärgert. Aber jetzt habe ich mir vorgenommen …
Und wenn jemand sagt: „Mein Gott“, dann sage ich: „Ach, du betest?“ Kannst du Gift drauf nehmen! Ich sage: „Wieso?“ „Du hast gesagt ‚Mein Gott‘, kennst du ihn? Du sagst ‚Mein Gott‘, gehört er dir?“
Das ist eine normale Art, Anknüpfungspunkte im Gespräch zu suchen.
Meine Erfahrung ist, ich habe so oft diese Chancen verpasst und war danach traurig und dachte: „Mensch, blöd, da hättest du eigentlich mal einsteigen können.“
Aber wenn dir das mal passiert ist, dass du so eine Sache verschlafen hast, dann arbeitet das ja auch nach und sagt: „Vielleicht kommt das wieder.“ Und dann weiß ich, wie ich reagiere.
Umgang mit Widerstand und Motivation im Dienst
Ulrich, du hast viele Jahre durch deinen Dienst auch als Evangelist in der Öffentlichkeit gestanden. Dabei hast du bestimmt auch Gegenwind bekommen für das, was du sagst und tust. Ich glaube, du bist so jemand, der keine Kompromisse macht und frei sagt, was er glaubt. Die Bibel ist Gottes Wort, und das ist die Autorität und so weiter.
Was treibt dich an oder gibt dir Kraft und Freude, um auch Widerstand auszuhalten und trotzdem weiterzumachen?
Also, das eine ist erst mal: Der Widerstand kommt ja in der Regel gar nicht bei mir an. Er kommt nicht an. Die Leute reden – ich höre eigentlich von anderen, dass Leute das vielleicht kritisieren oder so, sie reden über mich. Aber ich habe das relativ selten erlebt. Ich liebe das eigentlich, ich diskutiere gerne, denn ich bin kein Freund der steilen Behauptungen, die man unbegründet in die Welt setzt. Wenn du sagst, ja gut, mir ist völlig klar, das Evangelium ist sperrig – das ist ja nichts Neues.
Paulus musste damit leben, dass die einen ihm gesagt haben, das ist doch dummes Zeug, was du da von Jesus, dem Gekreuzigten, erzählst. Die anderen sagen, das ist ja ein Skandal, so kann man nicht von Gott reden und so weiter. Das sagen sie heute auch. Ich sage zum Beispiel: Kreuz, das ist ja göttlicher Kindesmissbrauch. Was ist das für ein Gott, der es nötig hat, dass sein Sohn so schrecklich gequält wird, um uns gnädig zu sein? Glaubst du ernsthaft, Gott konnte das nicht anders machen? Er ist ja die Liebe.
Das heißt also: Der Widerstand gegenüber der Botschaft des Evangeliums, dass Jesus, der gekreuzigte Retter, war immer so und ist heute auch so. Das fordert mich heraus. Wenn ich zu dieser Botschaft stehe und sie verkünde, muss ich sie erläutern und begründen. Und das tue ich. Da versuche ich auch viel Energie reinzustecken, um Brücken zu bauen und auch dem Kritiker diese Botschaft verständlich zu machen.
Ich weiß zwar, dass ich ihn nicht zwingen kann. Wenn er das nicht annehmen will, wird er Widerstand leisten. Aber da kann ich mitleben. Ich lebe nicht vom Applaus der Leute. Es schmerzt mich, aber ich habe mir auch vorgestellt: Da gibt es diese berühmte Geschichte im Neuen Testament von dem reichen jungen Mann, der zu Jesus kommt und gefragt wird, was er tun muss, um ewiges Leben zu haben.
Jesus liebt ihn, erklärt ihm das. Und als er ihm erklärt, vertraue mir, verkaufe, was du hast, gib es den Armen, da kapiert er das, wird sauer und geht weg. Ich habe immer mit Schrecken gesehen, dass Jesus ihm nicht nachläuft. Er hätte doch sagen können: Hör mal, kaum einer hat so gescheit gefragt wie du. Du bist wirklich auf einem guten Weg. Lass uns doch noch mal drüber reden, dann wirst du es doch begreifen.
Nein, Jesus lässt ihn gehen und sagt dann: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes.“ Das heißt, wer bin ich, der sich nicht akzeptieren muss? Jesus war sicher traurig. Aber es gibt keine Methode, jeden zu nötigen. Wir bitten an Christus die Menschen: Lasst euch versöhnen mit Gott. Bitten kann man ablehnen. Das macht uns traurig, aber das müssen wir respektieren.
Es gibt keine Methode, jeden zur Zustimmung zu gewinnen. Wenn wir das Evangelium anbieten und bitten, Jesus schildern, sagen, er hat alles für uns gegeben, dann öffnet Jesus den Entscheidungsspielraum. Ein Mensch kann ja sagen, aber auch nein.
Du hast gesagt, dass es dir sehr wichtig ist, kein Freund von steilen Thesen zu sein, die du behauptest, aber nicht begründest. Das heißt, es ist dir wichtig, zu begründen, damit Menschen es auch verstehen, auch intellektuell verstehen. Und das, was natürlich dann im Herzen passiert, das muss Gott irgendwie wirken. Es ist klar, wie der Mensch dann mit Glauben darauf reagiert.
Aber was würdest du sagen: Was hilft dir in Gesprächen, auch in persönlichen Gesprächen mit Menschen, die Christus noch nicht kennen, fokussiert zu bleiben und sich nicht über kontroverse Themen zu verlieren, in blöden Streitfragen, in Randthemen und so weiter?
Na ja, gut, es kommt darauf an. Da spielt der andere natürlich eine Rolle, wenn er das will. Wenn du das Ziel hast: Ich möchte den anderen ja Jesus präsentieren und ihn einladen, dass er ihm vertraut. Das weiß ich, das braucht er, das braucht er im Leben und im Sterben. Nichts anderes wird ihm helfen.
Da ich das ja im Blick habe, kann ich das Gespräch auch an langer Leine führen. Da würde ich, wenn es darauf ankommt, tausend Umwege gehen, wenn ich merke, dem anderen ist das wichtig. Aber dann auch überlegen, wie kriege ich ihn zurück?
Also wenn zum Beispiel einer ewig und drei Tage über die Kirche schimpft, dann sage ich irgendwann: Also, ich kenne den Laden von innen, ich kann dir noch ein paar Themen nennen, wie unappetitlich das sein kann. Aber ehrlich, wenn alle Bäcker Gangster wären, würdest du doch vielleicht gerne Brot essen. Lass uns mal über das Brot reden.
Also irgendwie würde ich versuchen, wenn die andere Thematik so zur Ausflucht wird, ob man das wieder aufs Eigentliche lenken kann. Aber es hängt wirklich von der Situation ab. Pauschallösungen gibt es nicht.
Also ich würde auf keinen Fall jemandem sagen: Solche Fragen darfst du nicht stellen oder das ist alles Mist. Ich meine, jeder hat das Recht, das für wichtig zu halten, was er für wichtig hält. Und ich habe das Recht, andere Sachen für wichtig zu halten. Und dann gucken wir mal, wo wir bleiben.
Humor spielt auch immer eine Rolle, finde ich. Humor ist wichtig. Na ja, wenn einer keinen hat, kannst du ihn nicht stehlen, dann ist er arm dran. Aber verbissen und fanatisch dürfen Gespräche nicht sein. Sondern manches Schwierige in Gesprächen kann man auch ein bisschen mit Humor abfedern, finde ich. Humor ist wichtig.
Die Rolle des Gebets in der Evangelisation
Was noch wichtig ist, oder die Frage, ob das für dich wichtig ist, betrifft deine persönliche Definition von Gebet. Welche Rolle spielt Gebet?
Nichts ohne Gebet, nichts ohne Gebet – das ist das Leben. Das ist das Leben jeden Tag. Eigentlich ist ja die Verbindung zu Jesus eine Online-Verbindung. Du bist ja nie mehr offline. Aber es braucht auch feste Gebetszeiten. Das habe ich übrigens schon als 14-Jähriger in der Jugendarbeit gelernt. Damals nannten wir das Morgenwache, als Studenten dann stille Zeit.
Das Erste, was ich dabei lernte, war: Weil ich morgens so gut schlief, sagten sie, ich solle mir einen Wecker kaufen, der ziemlich laut ist. Dann sollte ich mir eine Viertelstunde Zeit nehmen, einen kurzen Bibeltext lesen und ein Gespräch mit Gott darüber führen. Von diesen festen Gebetszeiten lebt dann, dass man im Laufe des Tages eigentlich immer online im Gespräch sein kann.
Das finde ich auch sehr wichtig im Gespräch mit Menschen. Während ich dem anderen zuhöre, kann ich innerlich beten: „Herr Jesus, ich danke dir, dass du ihn liebst.“ Das verändert meine Einstellung zu ihm, meine Sicht auf die Person.
Und auch wenn er mir ein bisschen auf den Keks geht, sage ich: „Ja, du hast doch ein großes Herz, und ich glaube nicht, dass du ihn jetzt verachtest. Hilf mir, dass ich diese respektvolle Sicht wiedergewinnen kann, die du wahrscheinlich hast.“
Ich finde das eigentlich toll, dass man das so machen kann. Ein Freund von mir nannte so etwas Trialog – ein Gespräch als Trialog verstehen. Wir reden jetzt miteinander, und außerdem, da uns jetzt Leute zuhören, die den Podcast hören, können wir davon ausgehen, dass der Herr Jesus uns auch zuhört und jetzt dabei ist.
Es ist eigentlich schön, wenn man sich zwischendurch wieder klar machen kann: Beide sind nicht allein. So ist jeder Dialog eigentlich ein Trialog.
Wichtige Lektionen aus dem Dienst als Evangelist
Ja, sehr schön, das muss ich mir merken. Ulrich, wenn du auf deinen Dienst als Evangelist zurückblickst, was war die wichtigste Lektion, die du gelernt hast? Gab es eine solche wichtige Lektion?
Na ja, es gab mehrere, es gibt mehrere Lektionen. Natürlich, je länger ich diesen Dienst tue, desto mehr wächst eine einzige große Angst in mir: dass ich rede und Gott schweigt. Das ist ja ein Albtraum.
Was meinst du damit?
Ja, das ist doch gar nicht selbstverständlich. Es ist doch der Herr, Jesus, der versprochen hat: „Wer euch hört, der hört mich.“ Das ist die Verheißung. Von Jesus zu reden, sei es im Gespräch oder in einer Verkündigung vor mehreren Menschen – das Schrecklichste wäre, über Jesus und Gott zu reden, und er schweigt.
Das ist Gericht Gottes, dass er einfach sagt: „Ich will nichts mehr.“ Das hat er mit falschen Propheten und falschen Irrlehrern gemacht. Die reden und quasseln ohne Ende über Gott, und Gott schweigt und lässt sie quasseln. Das ist furchtbar.
Das Zweite ist, Paulus sagt in 1. Korinther 13: Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen rede, aber keine Liebe habe, dann bin ich wie ein klingendes Erz oder eine lärmende Schelle. Das ist besonders wichtig, wenn du merkst, dass das Evangelium oft auch kritische Dinge anspricht, die gegen den Trend dessen sind, was Menschen zu denken oder zu wissen glauben.
Dann frage ich mich: Sage ich diese kritischen Dinge, die ich sagen muss, um der Wahrheit willen aus Liebe, oder ist das meine Wut, die ich hier abreagiere? Das ist ein Kampf, den du in deinem Herzen führen musst. Das ist keine äußere Stilfrage, und keiner von außen kann das so richtig beurteilen. Aber es ist eine Frage der geistlichen Hygiene.
Das ist mir wichtig, das ist eine Lektion.
Und dann, was soll ich sagen? Der Satz „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – ich will mal sagen, ich habe das am eindrücklichsten bei Billy Graham gelernt. Und zwar, als er 1993 in Essen bei ProChrist 93 in der Krügerhalle gepredigt hat, mit Satellitenübertragung damals. Das war der Beginn der Serie von ProChrist mit Satellitenübertragungen, wo ich dann später die Fortsetzung machen durfte.
Aber bei den fünf Abenden damals in Essen war Billy Graham sehr krank. Er hatte Parkinson, die Medikation war schlecht eingestellt, und er musste eigentlich den ganzen Tag im Bett liegen. Man wusste nicht, ob er abends predigen kann. Er wurde in viele Sprachen übersetzt, die Übersetzer warteten auf Themen und Stichworte, aber es kamen ganz verschiedene. Abends hat er dann etwas ganz anderes gepredigt.
Seine Mitarbeiter sagten, die Predigten waren so schwach. Er ist aufgestanden – das war ein Wunder. Er hat eine Stunde mit Übersetzung gepredigt, war danach steif wie ein Stock, konnte keine Treppe mehr gehen. Deshalb war hinter der Bühne eine Rampe gebaut, damit er sich überhaupt noch bewegen konnte, ins Auto und ins Hotel, ins Bett.
Das heißt, ich habe eine Woche lang diesen totalen Gegensatz erlebt. Graham wurde gesehen als Superstar, als einer von den Rampensäulen, den Großen und Starken. Ich habe ihn aber total zerbrochen erlebt, bis ins Körperliche hinein, völlig abhängig.
Und was das bedeutet: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Er hat seine Predigt gehalten, selbst seine Mitarbeiter hielten sie für schwach und schlecht, aber sie war voller Macht, und viele Menschen bekehrten sich in großer Zahl.
Das ist eine Lektion, die lernst du nicht im Seminar und nicht theoretisch. Ich habe sie dort als enger Beobachter erlebt, und da tut dir das richtig weh. Und da kapierst du: So macht Gott das. Er sorgt dafür, dass du dich nicht stark fühlst.
Wir müssen uns als Boten nicht stark fühlen, weil wir die Botschaft von einem starken Reiter zu verkünden haben. Diese Spannung, dieser Zwiespalt, dass wir selbst eigentlich in uns zerbrochen sind und dass Gott uns gerade dann gebraucht als Werkzeuge, um anderen seine rettende Kraft spüren zu lassen – das ist ein tiefes Geheimnis.
Es ist eine schwere Lektion, und man braucht die Bereitschaft, sie anzunehmen. Denn viele haben die Sehnsucht, sich auch stark zu fühlen, wenn sie eine starke Botschaft verkünden. Und wenn ich mich nicht stark fühle, dann kann ich nicht… Nein, ich muss mich nicht stark fühlen. Man muss sich abhängig wissen.
Ja, und es geht. Ich habe Freude daran, das Evangelium zu verkünden, auch wenn ich weiß, dass ich innerlich, körperlich oder seelisch gerade nicht gut drauf bin. Der Herr weiß es.
Veränderungen in der Reaktion auf das Evangelium
Ulrich, sprechen wir ein wenig über Evangelisation früher und heute. Du hast viele Jahre, sogar Jahrzehnte evangelisiert. Wie hat sich die Reaktion von Nichtchristen auf das Evangelium verändert? Gibt es da eine Veränderung?
Ich glaube nicht. Ich habe mein Leben lang sowohl in der persönlichen Evangelisation, in der Studenten- und Jugendarbeit als auch in der Versammlung der Öffentlichen erlebt, dass Menschen das Evangelium ablehnten oder annahmen und sich bekehrten. Und ich erlebe das bis heute.
Ich bin erstaunt, was ich heute erlebe: Leute, die keinerlei kirchlichen Hintergrund haben und auch keinerlei Beziehung zu Gemeinden, die ihnen helfen könnten. Gerade heute habe ich wieder ein Beispiel erlebt. Ein intellektueller, gebildeter Mann, der mit der Kirche gebrochen hatte. Aufgrund von Krankheit und schlaflosen Nächten hörte er sich auf YouTube Vorträge von mir an, weil er irgendwo darauf gestoßen war. So kam er zum Glauben und suchte Kontakt.
Ich dachte, das kann gar nicht sein. Wie soll das überhaupt funktionieren? Bisher dachte ich immer, es müssten persönliche Kontakte sein, es müssten Gemeindebeziehungen bestehen oder so. Doch dieser Mann hatte eigentlich überhaupt keine. Was da war, waren negative Erfahrungen mit der Kirche. Er war krank und hatte schlaflose Nächte. Stundenlang hörte er diese Vorträge, entschied sich klar und räumte in seinem Leben auf. Er bekehrte sich – klassischer geht es gar nicht mehr. Er brach richtig mit seiner gottlosen Vergangenheit.
Es gibt also kein Schema F. Das war aber schon immer so. Heute ist es genauso wie früher: Bekehrung von den Götzen zum lebendigen Gott.
Die gleiche Frage in Bezug auf Christen: Siehst du eine Veränderung, wie heute Menschen, die Christus noch nicht kennen, auf Christen reagieren oder wie Christen auf evangelisierende Christen reagieren?
Ja, ich meine heute erleben wir insbesondere nach der Corona-Zeit einen Bruch darin, dass Christen sich aufraffen, erstens zusammenzuarbeiten – über Kirchengrenzen und Denominationsgrenzen hinweg – um in die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist nach wie vor so. Die Leute lieben große Festivals, die Fußballstadien sind voll. Die zahlen ja irre Preise, um bei einem Rockkonzert im Stadion mit 30.000 oder 40.000 Leuten dabei zu sein. Was da für Preise gezahlt werden!
Große Veranstaltungen und Festivals sind absolut in. Nur muss man sie organisieren. Dazu müssen sich Gemeinden zusammentun. Es müssen Leute da sein, die nicht popelig arbeiten.
Ich habe das jetzt erlebt in der Seidenstickerhalle in Bielefeld, ich habe das mit Franklin Graham beim Festival of Hope in der Krügerhalle vor kurzer Zeit erlebt. Die Billy-Graham-Gesellschaft investiert sehr, sehr viel, und ich war dabei. Proppevolle Krügerhalle, sieben Leute überfüllt, junge Leute, buntes Volk – ich habe gestaunt, wer da war. Es geht.
Was ich vermisse, ist heute ein Mangel an Mut unter Christen. Sie sagen immer wieder, das war wie bei Wilhelm Busch, der in den 1950er Jahren sagte, er sei wieder auf einer Pfarrkonferenz gewesen, und da wurde gesagt: „Die Zeit der Evangelisation ist vorbei.“ Dieser Unsinn wurde schon vor 80 Jahren gesagt und wird heute wieder gesagt.
Du meinst mit Veranstaltungserfahrung?
Ja, natürlich, das wurde damals schon gesagt. Nein, damals wie heute sind Christen zu faul, zu bequem und nicht mutig genug, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Denn nur das, was in der Öffentlichkeit wirklich sichtbar ist, löst persönliche Gespräche aus.
Wir haben heute enorme Möglichkeiten über die Medien – nicht nur Fernsehen, sondern YouTube und so weiter, Podcasts und alle möglichen Dinge. Wir erreichen ja, wir haben mit den elektronischen Medien heute Möglichkeiten wie nie zuvor. Aber wir wissen auch: Der Schritt von dem, „wir machen jetzt den Podcast, und Leute hören uns zu und sind vielleicht innerlich bewegt“, zu dem Schritt von der digitalen Wirklichkeit – also sich den Podcast anzuhören oder eine Fernsehsendung zu sehen – und dann zu sagen: „Ich habe kapiert, ich will Jesus folgen, ich suche jetzt eine Gemeinde“ – dieser Schritt findet immer analog statt.
Christusnachfolge findet immer analog statt, also mit Körper. „Preiset Gott mit eurem Körper“, heißt es da. Wir nutzen gerne all die digitalen Möglichkeiten. Sie sind eine große Hilfe und Unterstützung, aber sie sind kein Ersatz fürs echte körperliche Leben.
Wir merken heute einfach, die Leute sind leichter zu erreichen, das merke ich auch bei der Fernseharbeit und auf YouTube. Nie haben so viele Menschen über moderne Medien diese Botschaft gehört. Ich nutze das ja auch. Aber ich merke, dass viele sich schwer tun, den Schritt ins echte Leben zu tun.
Und den braucht man, denn nur dort wachsen wir im Glauben. Die anderen brauchen mich körperlich mit meinen Gaben, ich brauche die anderen körperlich. Nun, preist Gott mit Herzen, Mund und Händen – also Herzen, Mund und Händen, und das geht mit dem Körper.
Insofern hat sich da etwas geändert, aber ich würde sagen, nicht zum Schlechteren. Die Möglichkeiten zu säen sind heute groß und gigantisch. Warum sitzen wir in diesem Studio und nutzen das nicht? Wir nutzen diese tollen Chancen.
Die Probleme haben sich verlagert. Sie sind nicht weniger als früher, aber es ist auch nicht einfacher geworden.
Veranstaltungen und deren Wirkung
Jetzt noch einmal ganz kurz zu Veranstaltungen.
Veranstaltungen sind vor allem dann wirksam, wenn Menschen daran teilnehmen, die bereits ein Stück weit vorbereitet sind. Das heißt, wenn sie zum Beispiel durch Christen in Beziehung gebracht wurden, eingeladen wurden oder gemeinsam mit Christen hingehen. Dann schenkt jemand schon sein Vertrauen und ist bereit zuzuhören. Der Schritt, zu einer solchen Veranstaltung zu gehen, ist aber entscheidend.
Wer geht heute noch in eine Gemeinde, wenn er nichts mit Kirche zu tun hat? Wer vielleicht sogar verächtlich auf Kirche, Christentum oder Christen schaut? Eigentlich kaum jemand.
Doch wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei Billy Graham etwa 30 Prozent der Teilnehmer keinen Gemeindekontakt hatten. Warum? Weil er in den Medien präsent war und kontrovers auftrat. Ähnlich habe ich es bei Franklin Graham beim Festival of Hope erlebt. Die Medien haben ihn zerrissen, selbst Christen haben ihn beschimpft, weil sie seine Unterstützung für Trump nicht gutgeheißen haben. Viele haben ihn wirklich kritisiert.
Das Ergebnis war: Leute sind aus Neugier gekommen.
Normalerweise kommen bei unseren Veranstaltungen nur Leute, die durch Gemeindeglieder eingeladen wurden. Das können aber auch Menschen sein, die einfach aus Neugier ohne Gemeindekontakt kommen, weil ein Freund sie eingeladen hat und sie ihn mögen. Da muss nicht viel Vorgeschichte sein.
Wenn es uns gelingen würde, wieder vermehrt evangelistische Events zu organisieren – na ja, bei Konzerten erleben wir das ja schon. Dort treten internationale Musikgruppen auf, auch christliche Musiker, die eine Anziehungskraft haben. Menschen kommen aus Neugier, weil sie die Musik hören möchten. So etwas zu nutzen, ist doch großartig.
Auch im Sport gibt es solche Möglichkeiten. Ich habe in der Jugendarbeit mit Sportlern wie Helmfried Rieker, einem Trial-Motorradfahrer, oder mit „Athletes in Action“ gearbeitet, die mit Weltmeistern zusammenarbeiten. Viele junge Leute kommen einfach aus Neugier.
Auch die brasilianischen Fußballspieler waren eine Zeitlang die besten Evangelisten.
Zurzeit, während wir sprechen, ist eine der besten Evangelistinnen in Deutschland Jemisi. Sie ist Goldmedaillengewinnerin im Kugelstoßen aus Karlsruhe, hat bei den letzten Weltmeisterschaften in Paris 20 Meter gestoßen und auf Pressekonferenzen Gospel gesungen. Das wurde sogar in säkularen Fernsehsendern nicht herausgeschnitten. Sie ist so fröhlich dabei, dass sie Menschen mit dem Evangelium erreicht wie kaum jemand sonst – diese wunderbare, starke Frau.
Solche Evangelisten durchbrechen Grenzen in der Öffentlichkeit.
Jugendarbeit damals und heute
Ja, sehr schön. Ulrich, wir haben eben schon kurz darüber gesprochen: Jugendarbeit und wie du als junger Mann dazugekommen bist. Was würdest du sagen? Von den Sechzigern bis in die Zweitausender hinein – kann man Jugendarbeit heute noch so machen, mit Sport, Klopperei und dann Bibel aufschlagen?
Das Prinzip ist doch nach wie vor Beziehungsarbeit. Wie wir am Anfang gesagt haben: Das ist übrigens ein Satz aus der US-amerikanischen Jugendarbeit „Young Life“ – „to gain the right to be heard“, also das Recht erwerben, gehört zu werden. Das ist eine Jugendarbeit, die Kontaktarbeit an Schulen macht und gerade junge Leute sucht, Teenager, die keine Anbindung an christliche Gemeinden haben.
Ich glaube, das ist das Einzige, was überhaupt funktioniert, egal in welcher Form das geschieht. Es gibt heute viel bessere Möglichkeiten. Wir mussten Hausbesuche machen. Ich hätte damals viel darum gegeben, in der Jugendarbeit eine WhatsApp-Gruppe aufmachen zu können. Heute hast du viel bessere Mittel. Klar, ich weiß, dass das auch negative Seiten hat und vielleicht Barrieren aufbaut. Aber das Grundprinzip bleibt: Mit ein bisschen Programmangebot konntest du noch nie junge Leute gewinnen.
Wenn man sich das Leben von Jugendlichen anschaut, wird es geprägt – und dann bietest du einmal in der Woche anderthalb Stunden ein Jugendgruppenprogramm an. Kannst du da erwarten, dass junge Leute in ihrem Leben von diesem Programm geprägt werden? Nein, das war doch noch nie so.
Mein Vater hat mich damals angemotzt und gesagt: „Du kannst auch dein Bett noch im Weiglerhaus einstellen.“ Denn von den vorhandenen sieben Abenden in der Woche sind wir da immer hingegangen. Du hast die Beziehung gesucht und Mitarbeiter gefunden, die nicht nur eine Stunde in der Woche dabei waren. Sie haben Freundschaft angeboten und sich in diese Zeit reingebuttert. Das hat immer schon einen hohen Preis gekostet – und das ist heute genauso.
So eine Jugendarbeit kannst du nicht mit Sozialarbeitern machen, die nur nach der Uhr dabei sind. Du brauchst Ehrenamtliche, die Freundschaften schließen und über diese Freundschaftsbrücke gehen.
Sport ist nach wie vor die beste Möglichkeit, denn die verbale Kommunikation ist nur für eine kleinere Schicht junger Leute interessant. Das sind meist diejenigen, die schon früh gefordert wurden, die schon im Mutterleib zum Batikkurs mitgeschleppt wurden. Die sind dann später auch in Teestuben gegangen. Aber die meisten Jungs haben keine Lust, zu irgendwelchen Themen Gespräche zu führen.
Für viele geht der Kontakt nach wie vor über den Sport. Ich wurde schon beschimpft, schon zu meiner Zeit in der Jugendarbeit, weil wir so rau angegangen sind. Heute beobachte ich, dass in Städten mit schwierigen Gangs und Jugendgruppen Leute einen Boxklub eröffnen. Profiboxer bieten an, zu zeigen, wie man boxt. Das ist zwar noch keine Evangelisation, aber sie sagen: „Wir wollen ihnen wenigstens beibringen, dass es Regeln gibt, wenn man Sport macht.“ Vielleicht können sie so Einfluss nehmen.
Alle arbeiten mit diesen Methoden, weil sie wissen, dass man mit reiner Gesprächsführung die meisten schwierigen Jugendlichen nicht erreicht.
Gedanken zu Erweckung und Buße in der Gemeinde
Urich, du hast letztes Jahr in einem Vortrag über Erweckung gesprochen und Olaf Latzel zitiert, der gesagt hat, Erweckungsbewegungen beginnen immer mit der Buße in der Gemeinde. Wie siehst du die Gemeindelandschaft in Deutschland? Wofür müssen wir auch als Gemeinde vielleicht sogar flächendeckend Buße tun?
Mir fällt es schwer, das pauschal zu beantworten, denn Buße ist in einer Gemeinde immer auch eine persönliche Angelegenheit der einzelnen Christen. Es kann jedoch sehr wohl sein, dass das dann dazu führt, dass andere in der Gemeinde davon angesteckt werden und ebenfalls erkennen: Das betrifft mich auch.
Ob es dann der Geiz und die Habgier sind und der Umgang mit Geld – das ist natürlich immer ein Problem – oder ob es die alten Fragen der Sexualität und Beziehung sind, und die galoppierenden Nöte der Pornografie, die heute so dramatisch sind. Christen sind davon keineswegs verschont. Das hat alles eine wahnsinnige Tendenz, verdrängt zu werden. Man spricht nicht darüber und tut so, als ob es gar nicht existierte.
Der Heilige Geist rührt unsere Herzen an. Die beiden Bereiche von Habgier, Reichtum und Besitz sowie Sexualität und Beziehungen sind schon im Neuen Testament die heißesten Themen gewesen – genauso wie heute. Aber es kann natürlich vieles dazugehören, vieles, worauf man achten muss, auch in unserer Gesellschaft.
Im Augenblick grassiert der Judenhass. Wir sollten ein waches Herz haben, denn in unserer Geschichte war es schon einmal so, dass selbst fromme Christen „Heil Hitler“ gerufen haben. Angeblich hätten sie nicht wahrgenommen, dass die Juden weggeführt und vergast wurden. Nachher sagten sie, sie hätten nichts gewusst. Das stimmt aber nicht. Alle haben es gewusst.
Und es könnte sein, dass, wo sich gerade wieder weltweit ein Judenhass ausbreitet und alle sagen: „Aber wer darf denn noch Israel kritisieren?“, es ganz schnell wieder so sein könnte, dass wir das Alte erleben: „Wer sich einem jüdischen Volk vergreift, tastet den Augapfel Gottes an.“ Das ist das Prophetenwort aus Sacharja 2,12. Diese Wahrheit gilt.
Es kann also immer wieder Dinge geben, die wir zugedeckt haben, über die man nicht spricht, wo wir im Lichte Gottes Sünde bekennen und Buße tun müssen.
Erweckung ist nicht einfach nur ein bisschen mehr Betrieb machen, ein bisschen Gemeindewachstum mehr, ein bisschen mehr Propaganda oder Werbung. Erweckungsbewegungen sind immer Bußbewegungen, in denen vor Gott Sünde erkannt wird und es zu Auseinandersetzungen kommt.
In allen Erweckungsbewegungen wird berichtet, dass die Erweckungsprediger viel Druck bekamen, weil sie offen die Sünden beim Namen nannten. Den Hörern gefiel das oft nicht.
Ermutigung zur Mission im Alltag und persönliche Verantwortung
Was bedeutet das für uns Christen? Was bedeutet das für die Hörer, die jetzt zuhören und sagen: „Ja, ich möchte gerne Mission im Alltag leben, da, wo Gott mich hingestellt hat, auch ein Zeuge sein. Ich sehne mich nach Erweckung in meiner Nachbarschaft, in meiner Stadt, in Deutschland“?
Nun, Erweckung können wir nicht selbst machen. Das ist ein Gebetsanliegen. Ich kann immer noch sagen: „Zünde dein Feuer, Herr, in meinem Herzen an, fang bei mir an.“ Natürlich wünsche ich mir auch, dass es Kreise zieht. Aber ich gehöre nicht zu denen, die eine Methode verkünden könnten, wie Erweckung passieren kann. Das hat sich Gott vorbehalten.
Wenn man zurückblickt in die Geschichte, stellt man fest, dass oft Jahre und Jahrzehnte Menschen im Verborgenen gebetet haben, um neue Aufbrüche. Häufig haben sie die Erhöhung ihrer Gebete selbst nicht erlebt, die dann passiert sind. Wir wünschen uns, dass wir das wieder neu erleben – in unserer Lebenszeit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wahre Zeiten der Erweckung. Die Kirchen waren voll, das stimmt, das habe ich auch erlebt. Die Menschen waren betrogen, belogen und niedergeschlagen, viele hatten Fragen. Doch sehr schnell kam in Deutschland das Wirtschaftswunder, der Reichtum, und der Götze Geld hat den Hunger nach dem Evangelium verdrängt. So sagen viele: Wir brauchen Gott nicht.
Ich glaube nicht, dass Erweckung automatisch durch Not entsteht. Not lehrt nicht immer beten, sondern ebenso oft auch fluchen. Erweckung geschieht durch den Heiligen Geist. Darüber können wir beten und sagen: „Ja, ich will bei mir anfangen.“ Die Veränderung beginnt nicht bei Äußerlichkeiten, sondern in unserem Herzen.
Es fängt an bei Habgier und Geiz. Das sind nach wie vor Sünden, die am besten als Tugenden getarnt werden können. Geiz und Habgier werden oft als Sparsamkeit dargestellt. Deshalb sprechen wir auch nicht gerne darüber. Aber heute ist ganz offenkundig, dass Habgier und Geiz das eine sind, Lüge und Betrug das andere. Der Ehrlichste ist oft der Dumme.
Es sind auch die Fragen der Beziehungen, die sehr heikel sind – auch unter Christen. Es gilt oft: „Wenn ich mich gut fühle, bin ich gut, auch wenn ich Ehebruch begehe oder meine Sexualität auf eine bestimmte Weise lebe.“ Wenn ich mich gut fühle, muss es doch gut sein. Nein, das ist Götzendienst. Gottes Gebote gelten. Gefühle sind nicht Gott.
Das ist Selbstanbetung. Karl Trumann hat das den „Siegeszug des modernen Selbst“ genannt – die Anbetung des Selbst. „Ich bin, was ich fühle, und wenn ich mich gut fühle, ist das gut.“ Das ist perfekter Götzendienst der Selbstanbetung.
Deshalb bedeutet Bekehrung heute die Abkehr vom Götzen der Selbstanbetung. Man muss nur mal den Satz sagen: Viele sagen „Höre auf dein Herz.“ Nein, sagt Jesus. Aus dem Herzen des Menschen kommen böse Gedanken, Hass, Mord, Ehebruch (vgl. Matthäus 15,19). Darin steckt unsere Heilserwartung nicht. Besser nicht darauf hören.
Stattdessen heißt es: „Bekehr dich von dem Gottlosen der Selbstanbetung hin zum lebendigen Gott, der in Jesus sein Herz gezeigt hat und in seinen Geboten den Maßstab gibt, an dem du dich messen kannst.“ Das ist ein heißes Thema.
In vielen Gemeinden darf man heute angeblich nicht darüber reden: Wie ist das mit Ehebruch? Wie ist das mit gleichgeschlechtlicher Praxis? Gibt es mehrere Geschlechter? Nein. Zur Offenbarung Gottes gehört, dass das Evangelium das Ebenbild Gottes als Mann und Frau geschaffen zeigt. Das ist eine stabile Gottesoffenbarung.
Das verkündige ich gerne, denn das ist das Elend des Menschen, wenn er seine Identität darauf gründet, was er fühlt. Das hat kein Fundament, das ist nicht einmal Sumpf. Gefühle sind nie stabil. Vielleicht ist das auch eine Chance, denn man hört aus England und teilweise auch aus Deutschland, dass gerade junge Leute, die das verstanden haben, dass das kein Fundament ist, sich nach etwas Stabilem sehnen.
Sie sagen: „Vielleicht gibt es diesen Gott wirklich.“ Sie sehnen sich nach einem Fundament, nach Wahrheiten, die absolut sind. Ich glaube, diese Sehnsucht ist da, ganz sicher. Deshalb muss das Evangelium angeboten werden.
Heute ist das eine wunderbare Botschaft: Jeder Mensch, ganz egal, was er denkt oder glaubt, ist ein Geschöpf Gottes, geschaffen nach seinem Ebenbild. Das heißt: Der Mensch ist das einzige Geschöpf im Universum, dem Gott in die Augen schauen will und sagt: „Du bist mein Gegenüber, keine Marionette. Ich spreche zu dir, du bist gewürdigt, antworte mir. Ich beauftrage dich, mach dir die Erde untertan, sei fruchtbar, baue und bewahre, erfüllt mit dem Geist Gottes als Mann und Frau.“
Auch die Geschaffenheit als Ebenbild Gottes in der Polarität und Gemeinschaft von Mann und Frau gehört zur Schöpfungsoffenbarung. Das ist eine Botschaft des Evangeliums. In Matthäus 19 sagt Jesus, der Messias: „Habt ihr nicht gelesen, dass der am Anfang den Menschen schuf, ihn als Mann und Frau schuf?“ (Matthäus 19,4)
Wir verkündigen dieses Evangelium und sagen: Wenn du Gott nicht kennst, die Offenbarung und den Schöpfer nicht kennst, dann musst du dich fragen: Wer bin ich? Und dann landest du vielleicht bei Facebook und musst überlegen: „65 Geschlechter – was bin ich heute?“ Das ist eine Verlorenheit, ein Durcheinander und Wirrwarr.
Die Sehnsucht nach einer soliden Verwurzelung unseres Lebens im Schöpfer, im Vaterherzen Gottes, kann nur entstehen, wenn wir den Menschen diese Botschaft und Möglichkeit verkünden. Wir sagen: „Das gilt. Du bist geschaffen, ob du es weißt oder nicht. Du wirst ihn treffen. Er ist der Richter.“ Das werden wir alle erleben.
Es hängt nicht davon ab, ob wir es glauben. Es ist aber gut zu wissen, dass es passiert. Du kannst dich darauf einstellen.
Vielfalt der Wege zu Gott
Also, das ist toll. Wir sagen ja oft, die Menschen haben Gott vergessen. Deshalb ist es kein Thema für sie, und sie interessieren sich nicht dafür. Wunderbar, sage ich, meine Aufgabe ist es, zu sagen: Hallo, ich habe eine gute Nachricht – Gott hat dich nicht vergessen. Ich erzähle dir die Geschichte, die er mit dir schon immer hatte.
Ja, du hast auf der Go-Konferenz 2021 gesagt: Es gibt nur einen Weg zu Gott, nämlich Jesus. Aber es gibt Millionen Wege zu den Herzen der Menschen. Was meinst du damit? Welche Wege sind das?
Na ja, gut, du kannst ja ganz schlicht und einfach mal einen Test machen in jeder beliebigen Christenversammlung. Dort soll doch jeder bitte mal erzählen, wie er zum Glauben an Jesus gekommen ist. Dann findest du in jeder Gemeinde von Christen nicht zwei gleiche Geschichten – jeder anders, ganz individuell. Das meine ich ganz einfach.
Das heißt, es gibt nur einen Weg zu Gott: Versöhnung mit Gott, Gott zu erkennen und mit ihm als Vater verbunden zu sein – das ist allein durch Jesus möglich. Aber wie wir Jesus kennenlernen, wie wir die Informationen über ihn erhalten, wie wir die Einladung zu ihm und die Entscheidung für ihn finden, da hat jeder seinen eigenen Weg.
Deshalb macht es keinen Sinn, über Evangelisationsmethoden zu streiten. Ja, die Phantasie ist die Tochter der Liebe, und wir sollen Wege zu den Herzen der Menschen suchen. Dabei gibt es so verschiedene Dimensionen, so verschiedene Wege.
Vorstellung des neuen Buches „Jesus unsere Hoffnung“
Sehr gut, ja. Bevor wir zum Buch kommen, habe ich noch eine kurze Information für euch, die zuhören oder zuschauen. Wenn ihr noch mehr Tipps und Angebote für eure Alltagsmission möchtet, abonniert unbedingt unseren Newsletter. Diesen könnt ihr auch konfigurieren, je nachdem, in welcher Alltagswelt ihr euch bewegt und für welchen Kontext das für euch relevant ist. Ihr findet den Newsletter auf der Webseite und auch hier in den Shownotes.
Ulrich, kommen wir zu deinem neuen Buch „Jesus unsere Hoffnung“, das gerade erschienen ist. Wir haben es hier vor uns liegen. Was hat dich dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben? Und was hat es mit dem Titel auf sich? Wer Wilhelm Busch kennt, denkt vielleicht an „Jesus unser Schicksal“. Da habe ich sofort an „Jesus unsere Hoffnung“ gedacht. War das irgendwie so eine Intention, dass ihr jetzt mal ein würdiges Nachfolgebuch zu dem Klassiker braucht?
Die Geschichte ist ganz einfach: Die Idee stammt gar nicht von mir, sondern vom Verlag, der es herausgegeben hat, Werbum Medien. Die sind mit diesem Wunsch an mich herangetreten. Es gibt dieses tolle Buch, und ich habe gleich gesagt, dafür kann man keine Nachfolge machen, das ist ein Phänomen. Wilhelm Busch hätte das Buch ja nie selbst geschrieben, es ist erst nach seinem Tod erschienen. Es sind abgeschriebene Evangelisationsvorträge, die im Sommer, wenige Monate nach seinem Tod, als Buch mit dem Titel „Jesus unser Schicksal“ veröffentlicht wurden.
Der Titel „Jesus unser Schicksal“ war die Überschrift von Evangelisationswochen in Essen in den 1930er Jahren. Damals hatten die Nazis das Wort Schicksal für sich beansprucht – der Führer und so. Und die Verantwortlichen um Wilhelm Busch haben damals mit Evangelisationswochen und vielen Evangelisten im Ruhrgebiet den Begriff der Nazis aufgegriffen und gesagt: Nein, Jesus ist unser Schicksal, er entscheidet.
„Destiny“ heißt das im Englischen, und das ist ein Phänomen. Ich glaube, das Buch ist in über vierzig Sprachen erschienen. Nein, ich meine, der Verlag hatte vielleicht solche Assoziationen und Wünsche, die ich kaum teilen kann. Aber die Aufforderung war, ein kurzes, knappes Buch zu schreiben, in dem die Grundlagen des Evangeliums vermittelt werden: Jesus ist unsere Hoffnung und die Schlüsselfigur, so dass man das weitergeben kann. Das Buch sollte zugespitzt sein.
Das habe ich natürlich gerne gemacht, denn ich fand es eine Herausforderung. Die einzelnen Artikel behandeln provozierend positive Themen wie: Gott will unser Glück, das Leben hat Sinn, die Wahrheit tut gut, Angst wird besiegt und so weiter. Das ist immer ein bisschen herausfordernd positiv. Das Buch ist auch gewachsen aus manchen Vortragswochen der letzten Jahre, in denen wir mit diesen Themen gearbeitet haben.
Ich fand es herausfordernd, so zu schreiben, dass es einfach ist, keine Voraussetzungen braucht, aber trotzdem an der biblischen Botschaft orientiert ist. Jeder kann die Bibeltexte im Buch nachlesen. Das Ziel ist, dass ein Mensch versteht: Aha, dieser Jesus verdient mein Vertrauen, und ich möchte mein Leben ihm anvertrauen. Das ist auch der Kerngedanke, den ich mir wünsche, dass die Leser ihn mitnehmen.
Genau, so endet das Buch ja auch. Zum Schluss biete ich an, dass ich natürlich hoffe, dass die Leute nicht mit dem Buch allein bleiben, sondern Christen und Gemeinden finden, mit denen sie diese Entscheidung treffen und den Weg gehen können. Das ist natürlich immer wichtig. Aber eigentlich kann man das Buch so lesen, um die Einladung zu Jesus zu verstehen und dann eine Entscheidung zu treffen.
Man kann es auf jeden Fall empfehlen, sich das Buch zu besorgen und auch weiterzugeben als Alltagsmissionar. Herr Falach hat es ja einfach gemacht, und es ist nicht zu teuer. Wenn man mehrere Exemplare zum Verschenken nimmt, gibt es sogar Rabatte. Früher nannte man so etwas ein Traktat, das man weitergibt. Das Buch hat ein paar Seiten mehr, aber es ist auch nicht zu viel. Wenn Leute nicht gerade 500 Seiten lesen, können sie diese paar Seiten gut schaffen.
Verlosung und Einladung zur Teilnahme
Jetzt wird es für euch spannend. Ich habe es ja am Anfang schon angekündigt: Wir verlosen hier drei Exemplare von "Jesus – unsere Hoffnung".
Da wir ein Podcast für Alltagsmissionare sind, möchten wir von euch wissen, wem in eurem Umfeld ihr dieses Buch weitergeben würdet. Schreibt uns dazu einfach eine kurze Nachricht an machbar@heugebach.org.
Sagt uns kurz, warum ihr das Buch weitergeben möchtet. Die schnellsten drei Einsendungen erhalten jeweils ein Exemplar, denn ich habe nur drei Stück hier.
Natürlich könnt ihr das Buch auch kaufen. In den Shownotes findet ihr Informationen dazu, wo ihr es bei Werbemedien oder im Buchhandel bekommt.
Also, jetzt seid ihr dran: Schreibt uns eure Vorschläge! Ich könnte mir vorstellen, ihr kauft gleich 200 Exemplare und verschenkt sie. Da wären wir dann pleite! Du machst uns arm mit diesem Vorschlag. Nein, ist gut.
Einstieg ins Buch mit den Seligpreisungen
Kommen wir zurück zum Buch Ulrich. Du beginnst in dem Buch mit den Seligpreisungen. Warum gerade dieser Einstieg? Was macht die Bergpredigt zu einem so starken Ausgangspunkt für die Evangeliumsverkündigung?
Ich habe reingeschaut und zwei Gründe gefunden. Das Erste ist, dass ich die Bergpredigt, Matthäus 5–7, als eine Art Regierungserklärung von Jesus sehe. Sie beginnt mit den Seligpreisungen. So fasst Jesus zusammen, wie ein Bundeskanzler bei einer Regierungserklärung: Das ist mein Ziel, das wollen wir machen, so soll es passieren – das Wichtigste.
Das Zweite ist, dass das erste Thema das Glück ist. Eigentlich heißt die Seligpreisung ja: Gratulieren kann man dem, glücklich zu preisen sind die, die selig sind. Im Lutherdeutsch heißt das „selig“ – also glücklich zu preisen. Im Griechischen steht „makarios“ dafür.
Ich finde, Jesus macht hier ein totales Kontrastangebot. Natürlich ist Lebenszufriedenheit, Glück, das große Ziel der Menschen. Jedes Jahr wird ein Glücksatlas herausgegeben, der die Lebenszufriedenheit beschreibt. Ich wollte einfach an den Anfang stellen: Wem gratuliert Jesus? Wen preist er glücklich? Was ist sein Angebot?
Das ist schon erstaunlich, wie das im Kontrast steht zu dem, was wir so für Vorstellungen haben. Deshalb ist das meine erste Einladung: Prüft, ob bei unserer Hauptsehnsucht, glücklich zu werden, Jesus nicht wirklich das konkurrenzlos beste Angebot hat.
Wenn man das so liest, denkt man vielleicht: Was ist das jetzt hier? Wohlstandsevangelium? Hauptsache du bist glücklich? Aber das muss man genauer anschauen. Wie definiert Jesus denn Glück?
Gott zu kennen ist Glück. Das ist erfülltes Leben. Es gibt kein größeres Leben, als zu wissen: Ich bin geliebt, ich bin geschaffen, ich bin begabt – auch mit meinen Begrenzungen. Ich bin getragen, auch in meinen Schwächen und meiner Gebrochenheit. Für mein Versagen ist gesorgt. Ich habe ein Ziel, das niemand kaputt machen kann. Deshalb habe ich eine Hoffnung über den Tod hinaus. Ich werde ihn sehen in Herrlichkeit. Das strahlt hinein und gibt mir eine Tüchtigkeit und einen Mut zum Leben, den niemand kaputt machen kann.
Jesus beginnt seine Seligpreisung mit der Gratulation der geistlich Armen – wer vor Gott mit leeren Händen dasteht, dem kann man gratulieren. Warum? Nicht weil Armut schön ist, sondern weil Arme sich beschenken lassen. Ihnen gehört die Königsherrschaft Gottes.
Gottes Nähe und Gottes Wirksamkeit bekommt man geschenkt. Das gilt für jeden. Man kann sie nicht erarbeiten oder kaufen. Man bekommt sie geschenkt. Dabei ist nicht monetäre Armut gemeint, sondern das Bedürftigsein. Ich habe nichts, ich brauche – aber ich bekomme.
Das ist die einzige Voraussetzung, die ich brauche: Das Geschenk der Gnade, der Zuwendung Gottes ist jedem gegeben, der leere Hände ausstreckt. Also: entweder Bettler sein. Wer das Bettlerbild peinlich findet, weil er sagt: „Herr, Bettler, schäme ich mich, Almosen“, dem nimmt Jesus noch einmal das Bild des Kindes.
Wer umgekehrt wird wie die Kinder, kann nicht ins Reich Gottes kommen. Kinder haben die Fähigkeit, sich wirklich beschenken zu lassen, ohne sich anzustellen. Hast du was mitgebracht? Kinder können sich beschenken lassen. Sie müssen nicht die wichtigtuerische Haltung haben: Ich muss mich bemühen, ich muss nachweisen, dass ich es verdient habe.
Deshalb sagt Jesus: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder – oder wenn du wie ein Bettler leere Hände ausstreckst –, dann hast du die Nähe, die Kraft und die Liebe Gottes. Du darfst in der Lebensgemeinschaft mit ihm leben. Darin darf sich dein Leben entfalten. Du hast eine Zukunftsperspektive.
Nach den Seligpreisungen sagt Jesus gleich als Zuspruch: „Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid das Salz der Erde.“
Glaube und Wissen
Ja, sehr gut. Du schreibst hier, ein Kapitel heißt „Der Glaube schafft Wissen“. Das ist eine steile These in einer Zeit, in der Glaube und Wissen oft als Gegensätze angesehen werden.
Ich zeige darin, dass viele Leute denken, der Glaube fängt da an, wo das Wissen aufhört. Umgangssprachlich benutzen wir „glauben“ oft so, dass wir sagen: „Ich glaube, es ist halb vier“, wenn wir es nicht genau wissen. Es ist schon viertel vor vier, und wir sind schon lange hier. Das heißt, umgangssprachlich bedeutet „ich glaube“ oft „ich weiß es nicht genau, ich vermute es“.
Aber eigentlich heißt Glaube: „Ich glaube jemandem, ich vertraue ihm.“ Ich sage dann immer ganz drastisch: Wir beide teilen – abgesehen vom Glauben an Jesus, in diesem Fall im Moment – auch den Glauben, dass dir die Lampe nicht auf den Kopf fällt. Nicht nur die Lampe, sondern die Decke. Weder du noch ich haben die Statik des Raumes geprüft. Du arbeitest schon lange in diesem Haus, ich bin heute zum ersten Mal hier. Du sagst, das hat bisher gehalten, aber ich sage immer: Alle Decken, die eingestürzt sind, haben bis dahin gehalten.
Das heißt, du steigst bei jemand anderem ins Auto und glaubst ihm, dass er dich nicht vom Baum fährt und dass er auch gut fahren kann. Du riskierst Vertrauen, hast keine Gewissheit. Wenn die Fahrt heil zu Ende kommt und du am Ziel ankommst, ist aus dem Glauben und Vertrauen Wissen geworden.
Wenn ich hier heil aus diesem Studio rauskomme, dann weiß ich hundertprozentig, dass die Decke hält. Das ist ganz normal, so funktioniert das Leben. Ich habe dieses Wasser getrunken und dir geglaubt, dass du kein Arsen hineingetan hast. Ich habe es nicht vorher getestet. Es ist keines drin. Gut, das könnte sich langfristig noch zeigen, das weiß ich jetzt nicht.
Ich sage den Leuten ganz einfach: Das Leben funktioniert so – durch Glauben bis hinein in die Wissenschaft. Nur in der Wissenschaft muss ich nicht alle Experimente selbst machen, sondern ich kann andere sie machen lassen. Dann wird das aufgeschrieben, von anderen gegengeprüft, und dann weiß ich, dass es bewiesen ist.
Bei Menschen ist das anders. Ich kann niemanden für mich testen lassen, ob meine Frau mich liebt. Das muss ich selbst testen. Schon zwischen Menschen gibt es keine Erkenntnis der Wahrheit, wenn ich nicht selbst Vertrauen wage.
Jesus sagt in Johannes Kapitel 6 zu seinen Jüngern, als viele weggehen, weil sie nicht einverstanden sind mit dem, was er sagt – Blut essen, Blut trinken, Fleisch essen. Sie sind ja keine Kannibalen. Jesus spricht vom Brot des Lebens, und da gehen alle weg. Jesus fragt den engsten Kreis: „Wollt ihr nicht auch weggehen?“ Da sagt Petrus: „Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist.“
Das Verfahren mit Jesus läuft genauso wie im Leben ab. Einer sagt: „Ich liebe dich.“ Du fragst dich: „Soll ich dem glauben?“ Du kannst das beim Menschen nicht mit Chemie testen. Du musst dich öffnen, du wagst es. Mit vielen Wagnissen dieser Art kommt am Ende heraus, dass die Liebe nicht echt war, weil viele Beziehungen kaputtgehen, Ehen scheitern. Aber die Wahrheit erkennst du nur, wenn du das Vertrauenswagnis eingehst.
Ich erkläre hier, dass das, was Jesus von den Menschen erwartet, das Normalste von der Welt ist. So funktioniert das Leben. Lies die Bergpredigt und wende das, was du verstanden hast, praktisch an. Dann wirst du erkennen, wie Petrus sagt: „Wir haben geglaubt, wir haben uns dir anvertraut, wir haben es praktisch ausprobiert und angewandt und erkannt, dass in dir der lebendige Gott ist.“
Das gehört zu der Erklärung, dass es Sinn macht, was die Bibel sagt. Es kann immer noch jemand sagen: „Ich will das aber nicht, beweist du mir das?“ Dann sage ich, das ist dumm. Denn du erwartest von mir, dass Gott sich verhält wie ein Stück Salz oder Metall, und ich soll dir das Experiment vormachen, während du nur Zuschauer bleibst.
Schon bei einem Menschen würdest du wissen, dass das nicht geht. Du kannst nur Gewissheit über Vertrauen und Liebe gewinnen, wenn du selbst das Wagnis des Vertrauens eingehst. Warum behandelst du Gott wie ein Stück Metall? Du solltest kapieren, dass er mindestens wie eine Person zu behandeln ist. Sicherlich ist er anders als ein Mensch, aber er ist mindestens eine Person und nicht ein Stück Material. Das klingt logisch.
So ist Jesus. Das kann man alles im Johannes-Evangelium Kapitel 6 nachlesen.
Empfehlung für lesefaule Leser
Was würdest du sagen: Wenn jetzt jemand lesefaul ist und nur ein Kapitel lesen möchte, welches sollte er unbedingt lesen? Vielleicht dieses hier. Je nachdem, wie jemand gestrickt ist, kann das variieren.
Wer eher intellektuell veranlagt ist, sollte dieses Kapitel lesen. Viele Menschen leiden heute auch unter Angst. In diesem Zusammenhang finde ich besonders bemerkenswert, wie die Angst besiegt wird. Siehe dazu Seite 51 und folgende.
Es ist überraschend, wie Jesus diesen Satz formuliert: „In der Welt habt ihr Angst.“ Er sagt nicht: „Keine Angst!“ Sondern: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid mutig, ich habe die Welt besiegt.“ Danach geht er nach Gethsemane, wo er selbst Angst hat, so sehr, dass er Blut schwitzt.
Wie kann er also der Sieger über die Angst sein, wenn er selbst diesen Weg der Angst geht? Genau das beschreibe ich in diesem Kapitel.
Persönliche Eindrücke beim Schreiben des Buches
Welches Kapitel war für dich persönlich am wichtigsten oder am bewegendsten zu schreiben?
Dabei kann ich keinen Unterschied machen, denn die Jesuslinie ist ja der rote Faden. Es geht mir nicht um irgendeinen Sachverhalt, sondern um die Person von Jesus.
Im christlichen Glauben steht die Person des Mensch gewordenen Gottes im Mittelpunkt: Jesus, geboren von der Jungfrau Maria, seine Predigten, seine Heilungen, sein Leiden und Sterben am Kreuz, seine Auferstehung und seine Erhöhung zur Rechten Gottes. Er wird in Herrlichkeit kommen, um die Lebenden und die Toten zu richten.
Es geht also um Jesus, ihn zu kennen und ihm zu vertrauen.
Drei schnelle Fragen zum Abschluss
Ulrich, bevor wir zum Schluss kommen, noch drei schnelle Fragen. Welches Buch kannst du empfehlen, bei dem du sagst: Das musst du unbedingt lesen?
Ich hätte jetzt sagen sollen: Außer der Bibel nur die Bibel. Es gibt so viele. Ich habe so viele Bücher, ich lese so viele Bücher und gerade lese ich auf Englisch von John Stott „Das Kreuz Christi“, also „The Cross of Christ“, und genieße das noch einmal. Es gibt immer so kostbare Bücher, aber ich kann kein einzelnes empfehlen, weil die Menschen auch so verschieden sind. Also: Bibel, Bibel, Bibel.
Was ist deine eigene größte Herausforderung beim Thema persönliche Evangelisation?
Also, ich bin ja gar nicht der Typ, der so gerne bei anderen mit der Tür ins Haus fällt. Manchmal ist es nicht so, dass ich, wo auch immer ich bin, sofort ein Gespräch über Jesus anfange. Ich bin da eher zögerlich und warte, bis sich eine Tür auftut. Und da denke ich mir manchmal: Mein Predigen, da bin ich immer gern dabei, da ist die Tür ja auch offen. Aber so im persönlichen Gespräch könnte ich vielleicht ein bisschen zupackender sein, mehr Initiative selber entwickeln, anstatt darauf zu warten, dass andere mir den Ball zuspielen. Aber vielleicht ist das auch meine Natur.
Welchen Tipp hast du für unsere Hörer, den sie gleich in dieser Woche umsetzen können in Bezug auf persönliche Evangelisation, Alltagsmission?
Jeden Morgen beten: Herr, wenn du eine Gelegenheit schaffst, mach mich wach, dass ich sie nicht verpasse.
Abschluss und Dank
Sehr gut. Ulrich, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Du hast uns tiefe Einblicke in dein Leben gegeben, wie du zum Glauben gekommen bist und über deinen Dienst als Evangelist gesprochen. Man merkt deutlich, dass dein Herz für Jesus schlägt und dass die Botschaft nach wie vor weitergegeben wird.
Ich habe die Zeit und das Gespräch mit dir hier sehr genossen. Ich freue mich über das Buch, das ich unbedingt selbst lesen werde. Ich habe es ja erst heute bekommen und abgeholt und weiß auch schon, wem ich es weitergeben kann.
Ich hoffe, viele von euch konnten ermutigt werden, dran zu bleiben und den Blick für den Nächsten zu haben. Das Evangelium soll auch dort weitergegeben werden, wo du bist – auf eine Art und Weise, die neugierig macht, indem du Fragen stellst und Interesse am Nächsten zeigst. Darüber haben wir auch viel gesprochen. Das ist ein Schlüssel, um in das Leben der Menschen hineinzukommen. Wie hast du es genannt? Das Recht zu erwerben, gehört zu werden. Ganz genau, das Recht zu erwerben, gehört zu werden.
Vergesst nicht: Wir verlosen drei Exemplare davon. Schreibt schnell an machbar@heukerbach.org. Alle Infos dazu findet ihr in den Shownotes.
An dieser Stelle sage ich vielen Dank noch einmal, Ulrich. Es war mir ein Vergnügen, dich auf diese Weise kennenzulernen. Vielen Dank auch an euch fürs Zuschauen und Zuhören. Macht’s gut, bis zum nächsten Mal!