Joseph verlangt nach Benjamin
Wir kommen zum letzten Teil. Also wir sind zum Abschluss der Zeit des
Überflusses gekommen. Nun kommt die Zeit der Not. Die Brüder Josephs suchen
Zuflucht in Ägypten. Und Joseph sieht nach so langen Jahren seine Brüder
wieder. Er erkennt sie, sie erkennen ihn nicht. Er spricht mit ihnen nicht
mehr hebräisch, er spricht ägyptisch und unterhält sich nur mittels eines
Dolmetschers mit ihnen. Das war ein unvorstellbarer Moment, nach all den
Jahren seine Brüder, diese gestandenen Männer, wiederzusehen. Und sie
verbeugen sich vor ihm, selbstverständlich, vor dem Mann Nr. 2 in Ägypten.
Joseph gibt sich nicht sofort zu erkennen. Joseph möchte zuerst prüfen, ob
in der Zwischenzeit etwas mit ihnen geschehen sei. Und so erkundigt er sich
eigenartigerweise, dieser hohe ägyptische Beamte, nach dem Wohlergehen
ihres Vaters in Kanaan. Und er fragt nach: Habt ihr noch einen weiteren
Bruder? Wie kommt er auf die Idee nach einem weiteren Sohn zu fragen? Das
sind ja schon viele Kinder, oder? Sie sagen dann: Ja, wir haben noch einen
Bruder. Und Joseph will, dass sie diesen auch mitbringen. Und sie werden
ganz unruhig und sagen: Nein, das können wir unserem Vater unmöglich antun,
dass er vielleicht auch noch diesen Sohn verliert. Er hat schon einen Sohn
verloren. Das können wir ihm nicht antun. Und da merkt Joseph, dass sie
nicht mehr so wie früher sind. Sie können es akzeptieren, dass es einen
jüngeren Bruder gibt, an dem der Vater speziell hängt. Da ist etwas
geschehen mit ihnen.
Joseph besteht darauf, dass sie diesen jüngsten Sohn auch mitbringen und
lässt sie gehen. Das bringt sie in gewaltige Not und Jakob kann das nicht
akzeptieren. Er will nicht, dass ihm auch noch Benjamin genommen wird. Und
wir müssen ja bedenken, dass Benjamin der zweite und letzte Sohn von Rahel
ist. Also jetzt hätte Benjamin die Stelle des Erstgeborenen über die
Lieblingsfrau Rahel bekommen können. Das könnt ihr mir unmöglich antun,
sagte er. Seine Söhne aber sagten ihm: Der Mann hat aber gesagt, wir müssen
Benjamin mitbringen. Ruben setzt sich ein und sagt: Ich bin bereit dir
meine Söhne zu geben, wenn wir ihn dir nicht wiederbringen. Ruben ist also
bereit, auch seinen Erstgeborenen herzugeben. Wir sehen auch, wie sich Juda
gegenüber Joseph ganz besonders für Benjamin einsetzt. Er will sich sogar
als Sklave zum Austausch anbieten für seinen Bruder Benjamin.
Und interessant ist, dass, in der ganzen weiteren Geschichte des Volkes
Israel, Benjamin und Juda aufs engste verbunden gewesen sind. Denn später,
als das zwölf-Stämme-Reich gespalten wurde in zehn Stämme im Norden und
zwei im Süden, da blieb Juda und Benjamin zusammen. Und schon bei der
Landverteilung unter Josua waren das die benachbarten Stämme. Ganz
eindrücklich ist auch die Verbindung von Juda und Benjamin in Jerusalem.
Die Stammesgrenze zwischen Juda und Benjamin verläuft nämlich gemäß dem
Buch Josua den Berg Zion hinauf bis zur Bergspitze. Das ist übrigens der
Fels in der Omar-Moschee. Dort geht nach dem Buch Josua die Grenze
hindurch. Und später, als der Tempel gebaut worden war, da befand sich der
Altar noch im Gebiet Benjamin, während das eigentliche Tempelhaus zum
Stammesgebiet von Juda gehörte. Das nur nebenbei um die tiefe Verbundenheit
zwischen Juda und Benjamin aufzuzeigen, die auch geblieben ist.
Joseph sieht also, dass in seinen Brüdern effektiv etwas vorgegangen ist.
Er sieht einen Gesinnungswandel. Darum prüft er zuerst ihr Verhalten
gegenüber dem Liebling Benjamin. Und all die Gewissensnot und die
Schwierigkeiten, die die Brüder dort erlebt haben, bringen sie zu folgender
Aussage. Das wollen wir jetzt miteinander nachlesen in 1. Mose 42, 20:
«Euren jüngsten Bruder aber bringt zu mir, damit eure Worte sich als wahr
erweisen, und dann sollt ihr nicht sterben! Und sie handelten danach. Sie
sagten aber zueinander: Wahrlich, wir sind schuldig wegen unseres Bruders!
Denn wir sahen die Drangsal seiner Seele, als er uns [um Erbarmen]
anflehte; wir aber hörten nicht auf ihn. Darum ist diese Drangsal über uns
gekommen!»
Die Brüder denken: Der Ägypter versteht ja kein Hebräisch. Und sie
sprechen so miteinander und Joseph hört alles, er versteht alles, aber er
bleibt hart. Nicht weil er ein harter Mensch war, der jetzt gewissermaßen
einmal die Rache auskosten wollte, sondern er wollte, dass es keine billige
Versöhnung gab. Und deshalb hatte er Zeit, er wollte, dass es zu einer
wirklichen Heilung kommen sollte. Und so wird es auch sein, wenn Israel in
der Zukunft nach der Entrückung der Gemeinde in die sieben Jahre der Not
hineinkommen wird. Nach dem prophetischen Wort sind es ja genau sieben
Jahre nach Daniel 9. In dieser Not werden viele aus Israel sich die Frage
stellen: Warum kommt eine solche Katastrophe über uns? Und sie denken
zurück im Sinne von Vers 21: «Wahrlich, wir sind schuldig wegen unseres
Bruders! Denn wir sahen die Drangsal seiner Seele, als er uns [um Erbarmen]
anflehte; wir aber hörten nicht auf ihn. Darum ist diese Drangsal über uns
gekommen!» Sie verstehen, es ist Gottes züchtigende Hand, um sie zur Umkehr
und zur Einsicht zu führen. Und so wird in der Zukunft der Überrest Israels
entstehen.
Der Überrest
Ich lese eine Stelle zum Überrest, man kann ja mal selber suchen alle
Stellen des Alten Testaments mit einer Konkordanz, aber eine
Schlüsselstelle ist Jesaja 10, 20: «Und es wird geschehen: An jenem Tag
wird der Überrest Israels und das, was vom Haus Jakobs entkommen ist, sich
nicht mehr auf den stützen, der ihn schlägt, sondern er wird sich in
Wahrheit auf den HERRN verlassen, auf den Heiligen Israels. Ein Überrest
wird sich bekehren, der Überrest Jakobs zu dem starken Gott. Denn wenn dein
Volk, o Israel, wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur ein Überrest
von ihm sich bekehren; denn Vertilgung ist beschlossen, die einherflutet in
Gerechtigkeit. Denn ein Vertilgen, und zwar ein festbeschlossenes, wird der
Herrscher, der HERR der Heerscharen, inmitten der ganzen Erde ausführen.»
Das erinnert uns sogar an die Sprache Josephs bei der Traumdeutung, wo er
sagt, dass die Sache von Seiten des Herrn fest beschlossen ist. Und hier
wird diese Gerichtszeit auch als festbeschlossen beschrieben inmitten der
ganzen Erde. Aber ein Überrest wird in dieser Zeit umkehren. Der Ausdruck
hier «ein Überrest wird umkehren», heißt auf Hebräisch «schear jaschuv».
Ein Sohn von Jesaja bekam diesen Namen, als Gedenkname im Blick auf die
zukünftige Umkehr des Überrestes aus Israel.
Wir haben viele Psalmen, viele Gebete, die gerade die Gefühle ausdrücken
von diesem Überrest, der durch die größte Not hindurchgeht. Man liest die
Psalmen auf ganz neue Art, wenn man sich vergegenwärtigt, aus welcher
schrecklichen Situation heraus sie geschrieben sind, was sie einmal
bedeuten werden. Und dann kann man sie auch wieder besser auf sich selber
übertragen und sehen, dass sie durch eine viel schlimmere Zeit
hindurchgehen werden, als ich es gerade tue. Und sie schreien auch auf
diese Art zu Gott.
Joseph offenbart sich
Joseph sieht Gottes Werk in ihren Herzen. Und als das alles so deutlich
geworden ist, wie sie bereit sind, sich voll einzusetzen für den Liebling,
da merkt er schließlich beim zweiten Besuch, jetzt ist der Zeitpunkt, an
dem ich mich offenbaren kann. Da lesen wir etwas aus Kapitel 45. Ich lese
schon ab Kapitel 44, 32: «Denn dein Knecht hat sich bei meinem Vater für
den Knaben verbürgt und versprochen: Wenn ich ihn dir nicht wiederbringe,
so will ich vor meinem Vater die Schuld tragen mein ganzes Leben lang!
Darum will nun dein Knecht als Sklave meines Herrn hier bleiben anstatt des
Knaben; der Knabe aber soll mit seinen Brüdern hinaufziehen. Denn wie
könnte ich zu meinem Vater hinaufziehen, ohne dass der Knabe bei mir wäre?
Ich möchte das Leid nicht sehen, das meinen Vater träfe! Da konnte sich
Joseph nicht länger bezwingen vor allen, die um ihn herstanden, und er
rief: Lasst jedermann von mir hinausgehen! Und es stand kein Mensch bei
ihm, als Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen gab. Und er weinte laut, so
dass die Ägypter und das Haus des Pharao es hörten. Und Joseph sprach zu
seinen Brüdern: Ich bin Joseph! Lebt mein Vater noch? Aber seine Brüder
konnten ihm nicht antworten, so bestürzt waren sie vor ihm.
Da sprach Joseph zu seinen Brüdern: Tretet doch her zu mir! Als sie nun
näher kamen, sprach er zu ihnen: Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach
Ägypten verkauft habt! Und nun bekümmert euch nicht und macht euch keine
Vorwürfe darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur
Lebensrettung hat mich Gott vor euch her gesandt! Denn dies ist das zweite
Jahr, dass die Hungersnot im Land herrscht, und es werden noch fünf Jahre
ohne Pflügen und Ernten sein. Aber Gott hat mich vor euch hergesandt, um
euch einen Überrest zu sichern auf Erden, und um euch am Leben zu erhalten
zu einer großen Errettung. Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt,
sondern Gott: Er hat mich dem Pharao zum Vater gesetzt und zum Herrn über
sein ganzes Haus und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten.
Zieht nun schnell zu meinem Vater hinauf und sagt ihm: So spricht dein
Sohn Joseph: Gott hat mich zum Herrn über ganz Ägypten gesetzt; komm zu mir
herab, zögere nicht! Und du sollst im Land Gosen wohnen und nahe bei mir
sein, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, deine Schafe und deine
Rinder und alles, was dir gehört! Ich will dich dort mit Nahrung versorgen - denn es sind noch fünf Jahre Hungersnot -, damit du nicht verarmst, du
und dein Haus und alles, was dir gehört! Und siehe, eure Augen sehen es und
die Augen meines Bruders Benjamin, dass mein Mund es ist, der zu euch
redet. Darum verkündet meinem Vater all meine Herrlichkeit in Ägypten und
alles, was ihr gesehen habt, und bringt meinen Vater schnell hierher! Und
er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte
auch an seinem Hals. Und er küsste alle seine Brüder und umarmte sie unter
Tränen, und danach redeten seine Brüder mit ihm.»
So ergreifend diese Geschichte. Und bemerken wir wieder die Parallele zu
Sacharja 12 und 13, die Wehklage des Überrestes in Israel. Das führt uns
nun zur vierten Periode hin, 1. Mose 46-50. Nach der reuigen Buße der
Brüder Josephs kam Gottes voller Segen über die ganze Sippe Israels. Sie
kommen alle herab nach Ägyptenland und zwar nach Gosen. Gosen ist ein
relativ kleiner Fleck im Nildelta. Das ist ein fruchtbares Gebiet. Man muss
ja bedenken, dieses Land des Todes besteht zu ca. 96 Prozent aus Wüste.
Aber Gosen ist ein ganz grünes Gebiet. Ausgerechnet den besten Flecken
bekommt die Familie Jakobs. Also der volle Segen kommt über diese Familie,
genau so, wie Gott in der Zukunft den vollen Segen über den Überrest
Israels bringen wird nach der großen Trübsal. Und es ist so schön: Joseph
tröstet seine Brüder. Und so wird der Messias Israel über all die Not, die
sei erlitten haben, trösten. So beginnt ja auch das Jesajatrostbuch,
Kapitel 40: nachamu, nachamu ammi jomar Eloheichäm, - tröstet, tröstet mein
Volk, spricht euer Gott. Das ist der messianische Aufruf zum Trost Israels
nach all der erlittenen Not in der Vergangenheit.
Jesaja 40, 1-2: «Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet zum
Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre
Schuld abgetragen ist; denn sie hat von der Hand des HERRN Zweifaches
empfangen für alle ihre Sünden." Und es heißt dann in Vers 5: Und die
Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander
wird sie sehen; denn der Mund des HERRN hat es geredet.» Das erinnert uns
an Joseph, der sagt: Erzählet meinem Vater all meine Herrlichkeit in
Ägypten.
Jakob kommt
Und was so eindrücklich ist, da kommt dieser alte Jakob, dieser
verschlagene Fersenhalter, der so viel Schreckliches durchgemacht hat in
seinem Leben. Aber Gott hat ihn nicht fallen lassen. Durch all diese
Umstände und Umwege die er gegangen ist, wie er sehen musste, wie es ist,
wenn man selber betrogen wird, führt Gott ihn zum Ziel. Und da kommt dieser
Hirte aus Kanaan nach Ägypten vor den Pharao – und was tut er? Er geht hin
und segnet den Pharao. Ich lese 47, 7: «Und Joseph brachte seinen Vater
Jakob herein und stellte ihn dem Pharao vor; und Jakob segnete den Pharao.»
Das ist gewaltig. Und wir merken das vielleicht nicht unbedingt, denn wir
sind zu wenig gewöhnt an das Prinzip von Hebräer 7, 7. Dort wird erklärt:
Melchisedek hat ja damals Abraham gesegnet und es ist immer der Größere,
der den Geringeren segnet. Nicht umgekehrt. Das Gleiche sehen wir übrigens
ganz eindrücklich in Lukas 2, als Maria und Joseph das Kind zum Freikauf in
den Tempel bringen, da gehen sie in das Tor für die Erstgeborenen und da
kommt der Priester Simeon. Und da heißt es in Lukas 2, 34 Simeon segnete
sie, das heißt die Eltern, nicht das Kind. Er weiß, das Kind ist größer als
er, darum segnet er es nicht.
Und hier haben wir jetzt Jakob, den Gott zum Ziel führt und er kann die
Nr. 1 der alten Welt segnen. Er weiß ganz genau: Ich bin zwar nur ein
Hirte, aber ich bin der Träger der messianischen Hoffnung. Er ist größer
als der Pharao, er segnet ihn. So wird auch in der Zukunft das Volk Israel
zum Segen werden für alle Völker. Gott führt Jakob zum Höhepunkt und da
wollen wir noch besonders schauen auf 1. Mose 47, 31: «Und Israel betete an
am Kopfende des Bettes.» Er wird zum Anbeter. Aber wir müssen dazu die
Parallelstelle in Hebräer 11 anschauen, dann machen wir noch eine Lektion
über Widersprüche in der Bibel. Unter den Glaubenshelden wird genau diese
Szene erwähnt, Hebräer 11, 21. Ich lese ab Vers 20: «Durch Glauben segnete
Isaak den Jakob und den Esau im Hinblick auf zukünftige Dinge. Durch
Glauben segnete Jakob, als er im Sterben lag, jeden der Söhne Josephs und
betete an, auf seinen Stab gestützt. Durch Glauben gedachte Joseph bei
seinem Ende an den Auszug der Söhne Israels und traf Anordnungen wegen
seiner Gebeine.»
Der Höhepunkt Jakobs ist die Anbetung über der Spitze seines Stabes. Der
Verschlagene endet als Anbeter Gottes. Aber in 1. Mose haben wir gelesen,
dass er zu den Häuptern des Bettes betete. Was stimmt denn jetzt? Das
Problem liegt darin, dass im Hebräischen Stab und Bett gleich geschrieben
werden. Es sind also genau die gleichen Konsonanten, nur die Vokale
unterscheiden sich. Diese werden aber nicht geschrieben. Bett heißt «mitah»
und Stab «mateh». Den ursprünglichen Text kann man also als Kopf des Bettes
oder Kopf des Stabes übersetzen. Die Rabbiner im Mittelalter haben ja den
hebräischen Text mit Strichen und Punkten versehen, so dass sie damit die
Vokale angedeutet haben, um zu zeigen, wie man die Wörter aussprechen soll.
Sie haben hier die Vokale für mitah, Bett, eingesetzt. Aber der
Hebräerbrief sagt uns, dass die andere Lesart die richtige ist, dass es
Stab heißen sollte. Das hat also nichts damit zu tun, dass die
Bibelüberlieferung ungenau wäre, sondern es ist nur eine Frage der
Aussprache des Textes. Diese Fälle sind an sich selten, denn der Kontext
klärt normalerweise die Lesart.
Ein anderes berühmtes Beispiel ist Mose, der vom Berg herabkommt und sein
Gesicht strahlt. Je nachdem man die Vokale einsetzt heißt es dann, sein
Gesicht war gehörnt. Und da weiß man auch warum Michelangelo so hässliche
Hörner gemalt hat bei Mose. Ich habe einmal eine Mosedarstellung in der
Kathedrale von Lausanne gesehen, die ist aus Holz und dort wurden dann
später die Hörner abgesägt. Es ist so, in der Vulgata, der lateinischen
Übersetzung, hat man das anders gelesen und da heißt es dann tatsächlich:
Das Gesicht Mose war gehörnt. Aber in 2. Korinther 3, 7 wird klar gesagt,
dass das Gesicht Mose strahlend war und deswegen zog er eine Decke über
seinen Kopf. Also das ist auch so ein Parallelfall. Sie sind relativ
selten, kann aber schon einmal vorkommen.
Jakob wird zum Ziel geführt durch Gott, durch all die Not hindurch. Dann
ist noch ein wichtiger Punkt: Jakob segnete die zwei Söhne Josephs und
adoptierte sie gewissermaßen als seine eigenen Kinder. Das ist eine ganz
eigenartige Handlung. Warum hat er das getan? Weil Joseph das doppelte Erbe
bekommen sollte. Dazu eine Stelle aus 5. Mose 21. Das ist ein Text aus dem
Familienrecht. Vers 15: «Wenn jemand zwei Frauen hat, eine, die er liebt,
und eine, die er verschmäht, und sie ihm Söhne gebären, beide, die Geliebte
und die Verschmähte, und wenn der Erstgeborene von der Verschmähten ist,
und die Zeit kommt, dass er seinen Söhnen seinen Besitz als Erbe austeilt,
so kann er nicht dem Sohn der Geliebten vor dem erstgeborenen Sohn der
Verschmähten das Erstgeburtsrecht verleihen; sondern er soll den
Erstgeborenen, nämlich den Sohn der Verschmähten, anerkennen, indem er ihm
von allem, was vorhanden ist, zwei Teile gibt; denn dieser ist der Erstling
seiner Kraft, und das Recht der Erstgeburt gehört ihm.» Jetzt haben wir
genau den Fall später im Gesetz geregelt. Ruben war der Erstgeborene, der
Sohn der Verschmähten, Lea und Joseph der Sohn der Geliebten, Rahel. Er
kann es nicht einfach so ändern. Aber weil Ruben diese Schandtat begangen
hatte, konnte Jakob das Erstgeburtsrecht verschieben. Die anderen Kinder
kamen nicht in Frage, denn es waren Kinder von Nebenfrauen und diese hatten
kein Erbrecht.
Außerdem sehen wir im Gesetz, dass der Erstgeborene zwei Teile bekam.
Jakob nimmt die beiden Söhne Josephs, Ephraim und Manasse, und adoptiert
sie gewissermaßen als seine Söhne und segnet sie. Dadurch wird Joseph zu
zwei Stämmen gerechnet. Und die Nachkommen daraus, die aus dem Stamm
Manasse und die aus dem Stamm Ephraim, die bekamen nach dem Buch Josua
später je ein Stammeserbteil. Und so hatte Joseph das Erstgeburtsrecht
bekommen, die zwei Teile.
Aber es ist auch noch eigenartig, dass Jakob beim Segen die Hände
gekreuzt hat, so dass der zweite zum Erstgeborenen wurde. Joseph wollte das
nicht. Aber Jakob, obwohl er blind war, hatte hier den besseren Durchblick.
Und so sollte es sein, dass später Ephraim der Führungsstamm der zehn
Stämme im Norden wurde. Deshalb wird auch später das Zehnstämme-Reich
Ephraim genannt, eben wegen des Erstgeburtsrechts, das ihm gegeben wurde.
Dass es trotzdem immer noch zwölf Stämme sind, wird so geregelt, indem zum
Beispiel in der Aufzählung der Stamm Levi, der als Priesterstamm kein
Erbteil hatte im Land, nicht mitgezählt wurde. Also es gibt verschiedene
Zählmethoden, so dass man immer auf zwölf kommt, obwohl im Prinzip mit
dreizehn Stämmen zu rechnen ist.
Der Segen Jakobs
Dann kommt das gewaltige Kapitel 49. Der Segen Jakobs dort zeigt
prophetisch die ganze Geschichte Israels bis in die Endzeit. Das wäre ein
Thema für sich. Also alles, was er den zwölf Söhnen sagte, der Reihe nach,
das ist Segen und Erfahrung, die Israel von Anfang bis in die Zukunft
durchmacht. Wir haben schon gesehen, in Verbindung mit Ruben, da wird
diesem das Erstgeburtsrecht abgesprochen. Dann kommt in Vers 5 Simeon und
Levi: «Simeon und Levi sind Brüder, Waffen der Gewalt sind ihre Schwerter!
Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, und meine Ehre vereine sich
nicht mit ihrer Versammlung! Denn sie haben Männer gemordet in ihrem Zorn
und Stiere verstümmelt in ihrer Willkür. Verflucht sei ihr Zorn, weil er so
heftig, und ihr Grimm, weil er so hart ist! Ich will sie verteilen unter
Jakob und zerstreuen unter Israel.» 1. Mose 34 haben diese beiden Söhne ein
gewaltiges Unrecht den Hethitern angetan.
Hier bringt Jakob nun einen Fluch über die beiden. Und das bedeutet nach
Vers 7, dass sie verteilt werden in Jakob und zerstreut werden in Israel.
Beides hat sich erfüllt. Der Stamm Levi hat später kein Erbteil bekommen,
aber Städte zum wohnen ganz verstreut unter den Stämmen Israels. Und Simeon
selbst wurde zerstreut innerhalb des Südreiches. Später wurde aber der
Fluch gegen Levi in einen Segen umgewandelt. Nach dem Auszug aus Ägypten
war die Sache mit dem goldenen Kalb. Während alle anderen Stämme sich
verschuldet hatten, hatte sich der Stamm Levi durch Standhaftigkeit
ausgezeichnet. Sie haben dem Götzendienst Widerstand geleistet und deshalb
wurde zu diesem Zeitpunkt Levi zum Priesterstamm. Natürlich wurden sie
zerstreut in ganz Israel, aber nun in Verbindung mit ihrem Priestertum. Und
so hat Gott den Fluch in Segen umgewandelt.
Simeon kam nicht in Frage für das Erstgeburtsrecht. Der nächste Anwärter
wäre Levi gewesen und der hat zum Teil auch Erstgeburtsrecht bekommen. Denn
das Erstgeburtsrecht umfasste doppelten Segen und doppeltes Erbteil. Das
hat Joseph bekommen. Das Erstgeburtsrecht bedeutete aber auch
Priesterdienst in der Familie und das bekam Levi.
Nach Levi kam aber noch Juda. Und Juda bekam den dritten Segen des
Erstgeborenen. Denn der dritte Segen des Erstgeborenen war, dass er über
die Brüder herrschen sollte. Das kennen wir schon von Jakob und Esau. Und
diese Herrschaft bekam der Stamm Juda, denn aus dem Stamm Juda sollte die
Königslinie kommen. So wurde also Juda als nächstem Anwärter auch noch
etwas abgegeben von dem Erstgeburtsrecht. Und darum ist es nun interessant:
In Verbindung mit Juda wird auch das Kommen des Königs Messias erwähnt. 1.
Mose 49, 10: «Es wird das Zepter nicht von Juda weichen, noch der
Herrscherstab von seinen Füßen, bis der Schilo kommt, und ihm werden die
Völker gehorsam sein. Er wird sein Füllen an den Weinstock binden und das
Junge seiner Eselin an die Edelrebe; er wird sein Kleid im Wein waschen und
seinen Mantel in Traubenblut; seine Augen sind dunkler als Wein und seine
Zähne weißer als Milch.»
Der Stamm Juda sollte also ein nationaler Staat sein bis der Messias
kommt. Und im Jahr 70 nach Christus ging der Judenstaat unter. Das jüdische
Volk wurde zerstreut in alle Welt, eine tragische Zeit der Staatenlosigkeit
und der ewigen Verfolgung kam. Aber nach dieser Stelle sollte Schilo, der
Friedensbringer, noch vorher kommen. Und tatsächlich: Jesus Christus ist
vor dem Jahr 70 gekommen, vor dem Untergang des Judenstaates. Und ihm
werden die Völker gehorchen! Speziell die Heiden sollen sich dann dem
Messias anschließen. Der Judenstaat ging unter und das Evangelium ging in
die Heidenwelt in alle fünf Kontinente.
Noch etwas Interessantes. Im Jahr 6 haben die Römer den Juden das Recht
auf Verhängung der Todesstrafe abgenommen. Das kennen wir, denn die
jüdischen Führer sagen zu Pilatus, als er ihnen sagt, richtet ihr ihn, dass
sie dies nicht können, da sie die Todesstrafe nicht ausüben dürften. Darum
haben sie ihn den Römern übergeben. Aber der Talmud sagt, als die Römer
ihnen die Hoheit über die Todesstrafe weggenommen hatten, da gab es eine
Wehklage in Israel und man hat getrauert und gesagt: Wehe uns, das Zepter
ist von Juda gewichen und Schilo ist nicht gekommen. Dabei war er in der
Zwischenzeit ein kleiner Junge, der geboren worden war in Bethlehem. Schilo
war schon da. Aber das steht im Talmud, wehe uns, das darf nicht sein.
Darum musste der Messias ein Jude sein, aus dem Herrscherstamm Juda kommen.
Auch wieder ein Erstgeburtssegen für Juda. Dieser Juda, der sich am Ende so
für Benjamin eingesetzt hatte. So sehen wir die geistlichen Zusammenhänge.
Schließlich stirbt Joseph mit 110 Jahren. Wir lesen 1. Mose 50, 24: «Und
Joseph sprach zu seinen Brüdern: Ich sterbe; aber Gott wird euch gewiß
heimsuchen und euch aus diesem Land hinaufführen in das Land, das er
Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen hat. Und Joseph nahm einen Eid von
den Söhnen Israels und sprach: Gewisslich wird Gott euch heimsuchen, und
ihr sollt dann meine Gebeine von hier hinaufbringen! Und Joseph starb, 110
Jahre alt; und man balsamierte ihn ein und legte ihn in einen Sarg in
Ägypten.» Joseph sagte, es wird die Zeit kommen, da werdet ihr aus Ägypten
hinausziehen. Woher wusste er das? Weil Gott das schon längst seinem
Vorfahren Abraham vorausgesagt hatte, in 1. Mose 15 schon. War alles schon
geregelt.
Ich lese 1. Mose 15, 13: «Da sprach Er zu Abram: Du sollst mit Gewißheit
wissen, dass dein Same ein Fremdling sein wird in einem Land, das ihm nicht
gehört; und man wird sie dort zu Knechten machen und demütigen 400 Jahre
lang. Aber auch das Volk, dem sie dienen müssen, will ich richten; und
danach sollen sie mit großer Habe ausziehen. Und du sollst in Frieden zu
deinen Vätern eingehen und in gutem Alter begraben werden. Sie aber sollen
in der vierten Generation wieder hierherkommen; denn das Maß der Sünden der
Amoriter ist noch nicht voll.» Joseph wusste längst um die Unterdrückung in
einem fremden Land und dann dem Auszug mit großer Habe. Joseph wusste das
und er glaubte. Und so sagte er ihnen und ließ sie schwören, dass sie seine
Gebeine von Ägypten nach Kanaan überführen werden, wenn der Exodus
stattfinden würde. Und darum haben wir in Hebräer 11 gelesen, dass Joseph
glaubend Befehl gab wegen seiner Gebeine.
Und so kam es dann auch in 2. Mose 13, 18: «Darum führte Gott das Volk
einen Umweg durch die Wüste am Schilfmeer. Und die Kinder Israels zogen
gerüstet aus dem Land Ägypten. Und Mose nahm die Gebeine Josephs mit sich;
denn der hatte einen Eid von den Kindern Israels genommen und gesagt: Gott
wird sich gewiß euer annehmen; dann führt meine Gebeine mit euch von hier
herauf!» Und dann in Josua 24, 32; «Und die Gebeine Josephs, welche die
Kinder Israels aus Ägypten heraufgebracht hatten, begruben sie in Sichem in
dem Stück Land, das Jakob von den Kindern Hemors, des Vaters Sichems, um
100 Kesita gekauft hatte, und es wurde den Kindern Josephs zum Erbteil.»
Joseph wurde also begraben im Land Kanaan. Trotz all der Herrlichkeit in
Ägypten war sein Herz in Kanaan geblieben. Er glaubte also an den Exodus
und er glaubte auch an die Auferstehung. Er wollte auferstehen im
verheißenen Land.
Aber wo im verheißenen Land? In Sichem. Er glaubte an die Landverheißung.
Sichem ist heute Nablus, eine der größten Palästinenserstädte im
Westjordanland. Ausgerechnet dort in Nablus war Josephs Herz, denn er
wusste, dieses Land gehört Israel. Wir merken also wie diese
Josephsgeschichte eine Explosionskraft und Bedeutung hat bis in unsere Zeit
hinein. Denn da geht es um die Frage: Wem gehört Nablus? Joseph glaubte an
die Verheißung des Exodus und er glaubte auch, dass Sichem Israel gehören
sollte. Ein Glaubensmann, der uns wirklich zu Herzen geht. Und das
einerseits wegen seiner persönlichen Treue und andererseits wegen dieser
überwältigenden Hinweise auf unseren Erlöser, den Messias Jesus, diese
vielen Parallelen.

