Serie•Teil 1 / 2Einführung in den Kolosserbrief
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Einordnung des Briefes und erste Beobachtungen
Das Blatt, das ihr bekommen habt, zeigt die überragende Herrlichkeit der Person Jesu als wahren Gott und wahren Menschen auf. Wer den Sohn Gottes kennt und die Stellung des Christen in ihm, darf deutlich feststellen, dass all die verführenden Angebote mystischer und judaisierender Bewegungen neben dem, was ein Gläubiger in Christus als reines Geschenk besitzt, völlig wertlos verblassen müssen.
Der Autor dieses Briefes ist Paulus, wie aus der Begrüßung hervorgeht: Kolosser 1,1-2. Paulus, Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, und der Bruder Timotheus an die heiligen und treuen Brüder in Christus in Kolossä. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Also, der Brief ist von dem Apostel Paulus. Seine apostolische Autorität wird in diesem Brief gleich zu Beginn betont. Die Adressaten, das wäre Punkt zwei auf unserem Blatt, sind die Kolosser, die Gemeinde in Kolossä. Die Entstehungsgeschichte dieser Gemeinde ist so, dass sie offensichtlich nicht durch den Dienst des Paulus entstanden ist, sondern durch Epaphras.
Die Gemeinde in Kolossä und ihr geistlicher Hintergrund
Ich lese die Verse drei bis acht, und hier haben wir ein Gebet. Es ist ein Dankgebet des Paulus für die Kolosser.
Wir danken dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, indem wir allezeit für euch beten, da wir gehört haben von eurem Glauben an Christus Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, um der Hoffnung willen, die euch aufbewahrt ist im Himmel. Von ihr habt ihr zuvor gehört durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, das zu euch gekommen ist. Wie es auch in der ganzen Welt ist und Frucht bringt, so wie auch in euch, von dem Tag an, da ihr von der Gnade Gottes gehört und sie in Wahrheit erkannt habt. So habt ihr es ja auch gelernt von Epaphras, unserem geliebten Mitknecht, der ein treuer Diener des Christus für euch ist, der uns auch von eurer Liebe im Geist berichtet hat.
Also, dieser Epaphras hat offensichtlich das Evangelium dort verkündigt, und so ist die Gemeinde entstanden. Colossae befindet sich in der Provinz Asia, der heutigen Westtürkei. Das ist eine Provinz, die etwa so groß ist wie die Schweiz.
Paulus hat auf seinen Missionsreisen dort einen besonders intensiven Dienst getan, aber eben nicht in Kolossä, sondern in Ephesus, Apostelgeschichte 19. Da sind wir auf der dritten Missionsreise. Und da lese ich etwas über diesen Dienst des Paulus dort, Apostelgeschichte 19,9: Als aber etliche sich verhärteten und nicht glaubten, es geht um Juden in Ephesus, hundertfünfzig Kilometer entfernt von Colossae, und vor der Menge Übelredeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen ab und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als Griechen, das Wort des Herrn hörten.
Also, Paulus hatte seine Missionsaufgabe in der Stadt Ephesus, in dieser Provinz Asia. Und da hat er tagtäglich, kann man sagen, Bibelklasse gegeben, biblischen Unterricht in der Schule des Tyrannus. Das hat nun nicht dazu geführt, dass die Christen dadurch etwa passiv geworden wären im Blick auf Evangelisation, sondern diese systematische Unterweisung hat sie so motiviert, dass in zwei Jahren alle, ganz Asia, die ganze Provinz so groß wie die Schweiz, evangelisiert wurde. Sowohl Juden als Griechen haben da das Wort des Herrn gehört.
Und so kann man sich eben auch die Entstehung der Kolossergemeinde als eine Folge von dem Dienst des Paulus in Ephesus erklären. Andere haben dann eben gewirkt in der ganzen Provinz, Epaphras. Er hat in Kolossä gewirkt.
Überörtliche Verbindungen und die Lage der Abfassung
Dieser Epaphras wird dann auch in Kapitel 4, Vers 12 im Kolosserbrief weiter erwähnt, und zwar in den Grüßen: Es grüßt euch Epaphras, der einer der Euren ist, ein Knecht des Christus, der alle Zeit in den Gebeten für euch kämpft, damit ihr feststeht, vollkommen und zur Fülle gebracht in allem, was der Wille Gottes ist. Denn ich gebe ihm das Zeugnis, dass er großen Eifer hat um euch und um die in Laodizea und in Hierapolis.
Hier wird deutlich: Die Kolossergemeinde ist durch Epaphras entstanden, wie wir in Kapitel 1 sehen. Epaphras war dort in der Gemeinde in Kolossä tätig. Aber sein Dienst war auch überörtlich. Er hat ebenfalls im Blick auf die Gemeinden in Laodizea und Hierapolis gewirkt.
Nun haben wir gesehen, wie in Kolosser 1,3-6 der geistliche Zustand der Kolosser gelobt wird. Das ist die Frucht der Arbeit von Epaphras. Aber Epaphras hat auch in anderen Städten gewirkt. So kann man sagen, dass diese drei Städte, Kolossä, Laodizea, die in Kapitel 2, Vers 1, 4,13 und zweimal in 4,16 erwähnt wird, und Hierapolis, das wir hier in 4,13 haben, eine Städtedreiheit im Lykustal bildeten, in der Provinz Asia. Sie lagen also ziemlich nahe beieinander.
Über den Dienst von Epaphras bestand deshalb eine überörtliche Gemeinschaft unter diesen Gemeinden. Das ist ein wichtiger Punkt, weil hier deutlich wird, dass im Neuen Testament Gemeinden nicht einfach unabhängig für sich dastehen, sondern dass es eine überörtliche Gemeinschaft von Gemeinden gibt. Nicht als eine Organisation, sondern durch diesen lebendigen Bezug und die Sorge füreinander, eben gerade durch den überörtlichen Dienst von Epaphras.
Zeit, Ort und Übermittlung der Briefe
Nun fragen wir uns einiges in Bezug auf Zeit und Ort der Abfassung. Man kann sagen, dass der Kolosserbrief etwa um 62 nach Christus geschrieben worden ist, also anlässlich der ersten Gefangenschaft des Paulus in Rom. Das ist die Gefangenschaft, die am Ende der Apostelgeschichte, in Apostelgeschichte 28,16-31, beschrieben wird.
Und tatsächlich sehen wir im Kolosserbrief, dass Paulus als Gefangener schreibt. In Kolosser 4,3 betet er zugleich auch für uns: „damit Gott uns eine Tür öffne für das Wort, um das Geheimnis des Christus auszusprechen, um dessen Willen ich auch gefesselt bin, damit ich es so offenbar mache, wie ich reden soll.“ Und weiter in Vers 10: „Es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgefangener, und Markus, der Vetter des Barnabas.“ Also wird hier von einem Mitgefangenen gesprochen. Und in Vers 18 heißt es: „Der Gruß mit meiner des Paulus Hand. Gedenkt an meine Fesseln. Die Gnade sei mit euch. Amen.“
Paulus ist gefangen. Es geht hier um die Gefangenschaft in Rom. Wir haben bereits von Aristarchus gelesen, und das war in Vers 10. Aber auch Lukas wird erwähnt, in Vers 14: „Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas.“ Wenn wir in Apostelgeschichte 27,1-2 schauen, da beginnt die Romreise des Paulus, die dann zur Gefangenschaft in Rom, zur ersten Gefangenschaft in Rom, führt. Und da werden Lukas und Aristarchus ausdrücklich als Begleiter des Paulus erwähnt. Nun, diese werden hier auch im Kolosserbrief als Grüssende genannt.
Vergleichen wir noch eine Bemerkung im Philemonbrief. Philemon 1,24: „Es grüßen dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, Markus, Aristarchus, Demas, Lukas, meine Mitarbeiter.“ Wir werden gleich noch sehen: Der Philemonbrief richtet sich an einen Gläubigen in Kolossä, dessen Sklave Onesimus entlaufen war. Dieser kam mit Paulus in Rom in der Gefangenschaft zusammen und konnte so zum Glauben geführt werden. Dieser Onesimus wurde nun zurückgeschickt, und als Begleitbrief schrieb Paulus den Philemonbrief.
Nun sehen wir: Der Philemonbrief und der Kolosserbrief haben eine enge Beziehung. Dazu dann gleich mehr. Aber zunächst unser zweiter Punkt unter Zeit und Ort der Abfassung: Der Übermittler dieses Briefes war Tychikus.
Tychikus, Onesimus und die Briefgruppe aus Rom
In Kolosser 4,7 wird er genannt: „Alles, was mich betrifft, wird euch Tychikus mitteilen, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitknecht im Herrn, den ich eben deshalb zu euch gesandt habe, damit er erfährt, wie es bei euch steht, und damit er eure Herzen tröstet, zusammen mit Onesimus, dem treuen und geliebten Bruder, der einer der Euren ist. Sie werden euch alles mitteilen, was hier vorgeht.“
Ja, jetzt sehen wir also, dass der Kolosserbrief durch Tychikus übermittelt wurde. Aber Tychikus nahm nicht nur den Kolosserbrief mit, sondern auch den Philemonbrief. Und Onesimus, den entlaufenen Sklaven, bringt er ebenfalls zurück.
Das war also eine ganz sensible Mission. Ein entlaufener Sklave wird zusammen mit dem Kolosserbrief und dem Philemonbrief in die Heimat zurückgeführt. Sensibel deshalb, weil Onesimus nach römischem Recht die Todesstrafe verdient hatte. Aber er wird zurückgebracht, damit er eine ganz neue Beziehung zu seinem früheren Herrn bekommen kann.
Auch der Epheserbrief wurde durch Tychikus übermittelt. Das zeigt nun, wie einige Briefe im Neuen Testament eine sehr enge Beziehung zueinander haben.
Epheser 6,21: „Damit aber auch ihr wisst, wie es mir geht und was ich tue, wird euch Tychikus alles mitteilen, der geliebte Bruder und treue Diener im Herrn, den ich eben darum zu euch gesandt habe, dass ihr erfahrt, wie es um uns steht, und dass er eure Herzen tröste.“
Also brachte dieser Tychikus den Epheserbrief nach Ephesus, den Kolosserbrief 150 Kilometer entfernt nach Kolossä und eben auch den Philemonbrief.
Briefe aus der ersten Gefangenschaft und die spätere Chronologie
Unter dem vierten Punkt habe ich hier Briefe der ersten Gefangenschaft aufgeführt. Das ist also der Epheserbrief. Paulus stellt sich auch dort als Gefangener vor: Epheser 3,1; 4,1; 6,20.
Aber auch der Philipperbrief wurde in der Gefangenschaft in Rom geschrieben. Philipper 1,7 sowie die Verse 12 bis 13 und 17 zeigen Paulus als Gefangenen in Rom, von wo aus er dann den Philipperbrief geschrieben hatte.
Beim Kolosserbrief haben wir die Stellen über die Gefangenschaft schon gesehen. Zusätzlich heißt es in Kolosser 1,24: Jetzt freue ich mich in meinen Leiden, die ich um euretwillen erleide. Und ich erfülle meinerseits in meinem Fleisch, was noch an Bedrängnissen des Christus aussteht, um seines Leibes willen, welcher die Gemeinde ist.
Paulus hat also seine Gefangenschaft und sein Leiden in Rom als ein Leiden im Dienst für die Gemeinden, für die Gemeinde, gesehen. Und zwar deshalb: Paulus kam ja ins Gefängnis nach Rom, weil man ihm in Jerusalem unterstellt hatte, er habe Heiden in den inneren Bereich des Tempels hineingeführt. Also gewissermaßen hätte er Heiden ins Judentum hineingeführt, ohne dass sie Juden geworden waren.
Das hat er allerdings nicht gemacht, wie wir deutlich in Apostelgeschichte 21 und 22 sehen. Das war eine Verleumdung. Aber der Kern der Sache war eben der: Paulus hat das Evangelium unter den Heiden verkündigt. Sie kamen zur Bekehrung, und er hat sie nicht ins Judentum hineingeführt. Er hat ihnen nicht gesagt: Ihr müsst euch jetzt beschneiden, und jetzt könnt ihr anfangen, die jüdischen Feste zu feiern und den Sabbat zu beobachten usw.
Das hat er alles nicht gemacht. Er hat es ganz grundsätzlich abgelehnt. Das sehen wir im scharfen Galaterbrief, wo er deutlich macht, dass Menschen, die außerhalb des Judentums zum Glauben kommen, sich auch nicht unter diese Dinge des Gesetzes stellen dürfen. Ganz scharf verteidigt er diese Position im Galaterbrief. Dadurch wurde deutlich: Die Gemeinde ist nicht eine Bewegung innerhalb des Judentums. Sie ist nicht jüdisch, aber sie ist auch nicht heidnisch. Sie ist etwas ganz Neues im Ratschluss Gottes.
Darum war es sehr wichtig, dass die Heiden eben nicht ins Judentum hineingeführt wurden. Aber das war ein Ärgernis für die Juden damals. Hätte er das gemacht, wäre es kein Problem gewesen. Dann wären neben Pharisäern, Sadduzäern und Essenern und so weiter die Nazaräer eine Bewegung innerhalb des Judentums gewesen, mit so besonderen Ansichten. Es wäre alles geschluckt worden.
Aber das hat er nicht getan, und darum musste er diese Verfolgung erleiden und kam deswegen auch ins Gefängnis nach Rom. Aber das war gewissermaßen ein Leiden für das Evangelium, das Menschen aus den Heidenvölkern einen direkten Zugang zu Gott ermöglicht, ohne Vermittlung oder Umweg über das Judentum zu gehen. Das war völlig neu, denn im Alten Testament war es normal, dass Heiden, die wirklich voll und ganz dem Gott Israels dienen wollten, ins Judentum als Proselyten übertraten.
Paulus’ Gefangenschaft, Freilassung und spätere Reisen
Nun, das also zu diesen Leiden in Rom.
Im Philemonbrief sehen wir in Kapitel 1, Vers 9: So will ich um der Liebe willen vielmehr eine Bitte aussprechen, in dem Zustand, in dem ich bin, nämlich als der alte Paulus und jetzt auch ein Gefangener Jesu Christi, also gefangen für Jesus Christus.
Und dann im gleichen Brief, Vers 10: Ich bitte dich für mein Kind, das ich in meinen Fesseln gezeugt habe, Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist. Ich sende ihn hiermit zurück; du aber nimm ihn auf wie mein eigenes Herz.
Paulus ist gefesselt. Onesimus kam in Rom zum Glauben. Sein Name bedeutet nützlich, aber er war einst unnütz und ist jetzt nützlich geworden durch die Bekehrung. Und schließlich im gleichen Brief, Vers 22: Zugleich aber bereite mir auch eine Herberge, denn ich hoffe, dass ich euch geschenkt werde durch eure Gebete.
Paulus stand also hier am Schluss der Gefangenschaft in Rom von zwei Jahren und rechnete bereits damit, dass er bald freikommt und dann nach Kolossä kommen würde. Man sollte schon eine Herberge für ihn bereit machen.
Es ist nämlich so: In der Apostelgeschichte steht am Schluss, dass Paulus zwei volle Jahre gefangen war in Rom. Und dieser ausdrucksvolle Hinweis auf zwei volle Jahre war ein wichtiger juristischer Begriff. Im römischen Recht kannte man diese Gefangenschaft von zwei vollen Jahren, und wenn im Verlauf dieser Zeit die Ankläger nicht vor Gericht auftraten, wurde der Angeklagte freigesprochen.
Und es war so, dass die führenden Priester in Jerusalem, die Paulus eben umbringen wollten, nie nach Rom gekommen sind, um vor Kaiser Nero Anklage zu erheben. Nach Verlauf dieser zwei Jahre war für Paulus klar: Jetzt kommt der Tag, an dem ich frei werde, und dann komme ich nach Kolossä.
Aber noch zuvor sollten der Kolosserbrief, der Philemonbrief, der Epheserbrief und der Philipperbrief versandt werden. Ich habe das letzte Mal ein bisschen ausführlicher in Verbindung mit dem Epheserbrief auch den Hebräerbrief erklärt. Aber darauf gehe ich jetzt nicht näher ein.
Hebräer 13,24 wird nämlich deutlich, dass dieser Brief auch aus Italien geschickt wurde. Wir können den Vers noch lesen: Hebräer 13,23: Ihr sollt wissen, dass der Bruder Timotheus freigelassen worden ist. Wenn er bald kommt, will ich euch mit ihm besuchen. Grüßt alle eure Führer und alle Heiligen. Es grüßen euch die von Italien.
Ja, auch aus Italien geschrieben, und der Schreiber will dann die Hebräer besuchen.
Weitere Briefe, spätere Dienste und das Ende des Apostels
Nun ist es so, dass die älteste Paulusbrief-Handschrift, der P46, nach neuester Datierung aus dem letzten Viertel des ersten Jahrhunderts stammt, also aus der Zeit von 75 bis 100 nach Christus. Dort ist der Hebräerbrief eingeordnet, und zwar nach dem Römerbrief und vor dem 1. Korintherbrief. Das ist ein klares Zeugnis dafür, dass die Christen, die diese Handschrift aus Ägypten im ersten Jahrhundert kannten, ganz klar wussten, dass dieser Brief von Paulus stammt.
Auch diesen Hebräerbrief muss man auf die Zeit um 62 nach Christus ansetzen. Er hat also ebenfalls einen Zusammenhang mit dieser ganzen Briefgruppe. Paulus ist offensichtlich wieder frei geworden und konnte dann seinen Wunsch erfüllen, den er in Römer 15,24 geäußert hatte, nämlich die Reise nach Spanien, die er dort erwähnt. Es gibt auch ein frühchristliches Zeugnis, das davon spricht, dass Paulus das Evangelium bis ans äußerste Ende des Westens verkündigt habe, und das war Spanien.
Als er das tatsächlich noch erfüllt hat, spielt Spanien in der Apostelgeschichte, in den vier Missionsreisen, keine Rolle. Das muss also nach der ersten Gefangenschaft geschehen sein. Im Titusbrief spricht er darüber, wie er Titus in Kreta zurückgelassen hat, Titus 1,5. Das kann man nicht unterbringen in der Apostelgeschichte, in den vier Missionsreisen. Also gehört auch das in die Zeit nach der ersten Gefangenschaft.
Dann erwähnt Paulus in Titus 3,12 sein Vorhaben, in Nikopolis zu überwintern. Das ist ebenfalls eine Ortschaft, in der er in der Apostelgeschichte nie überwintert hat. Das gehört also ebenfalls in diese Zeit der Missionstätigkeit nach der ersten Gefangenschaft in Rom. Auch in 1. Timotheus 1,3 gibt es diesen Moment, in dem er Timotheus in Ephesus zurückgelassen hat. Ich kann das kurz aufschlagen: 1. Timotheus 1,3. „Ich habe dich ja bei meiner Abreise nach Mazedonien ermahnt, in Ephesus zu bleiben.“ Auch diese Verhältnisse beziehen sich auf die Zeit nach der ersten Gefangenschaft. Paulus geht nach Ephesus, Timotheus bleibt in Mazedonien, und offensichtlich wurde Paulus dann ein zweites Mal verhaftet und nach Rom geführt.
In 2. Timotheus 4,13 spricht er noch von dem Mantel, den er in Troas zurückgelassen hat, als er seinen Brief aus der Todeszelle verfasst. Das deutet darauf hin, dass Paulus in Troas verhaftet wurde, dann erneut in die Gefangenschaft nach Rom kam. Das war um 66, 67 nach Christus, und schließlich erlitt er dort den Märtyrertod durch Enthauptung. Kaiser Nero hat ihn geköpft.
Davon schreibt Paulus in 2. Timotheus 4,6-8, dass jetzt sein Lauf vollendet ist und dass er damit rechnet, dass der gerechte Richter ihm zur Vergeltung die Krone der Gerechtigkeit geben wird. Das hilft uns also ein wenig, diese Briefe in die Chronologie des Neuen Testaments einzuordnen.
Der Aufbau des Kolosserbriefes
Einen Strukturplan des Kolosserbriefes.
Der Kolosserbrief zerfällt in zwei große Hauptteile, also in vier Kapitel. Der erste Teil ist die Lehre von der Erhabenheit des Sohnes Gottes, Kapitel 1 bis 2. Dann folgen die praktischen Konsequenzen dieser Lehre, Kapitel 3 und 4.
Also zuerst die reine Belehrung und dann die Frage: Wie muss man diese Belehrung auf das praktische Christenleben anwenden? Das ist ein Prinzip, das man im Neuen Testament durchgehend immer wieder findet: zuerst die reine Belehrung und dann die Anwendung.
Und zwar muss man in Kolosser 3 ein Wörtchen beachten, Vers 1: Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, so sucht das, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes; trachtet usw. Das Wörtchen nun ist die Schlussfolgerung aus der Belehrung von Kapitel 1 und 2. Also: Wenn das so ist, dann hat das folgende Bedeutung.
Sucht, was droben ist, trachtet nach dem, was droben ist, Vers 2. Und dann Vers 5: Tötet daher eure Glieder. Vers 8: Nun aber legt auch ihr das alles ab. Vers 9: Lügt einander nicht an. Und Vers 12: So zieht nun als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen usw. an. Vers 13: Ertragt einander, vergebt einander.
Also ein Befehl nach dem anderen, eine praktische Befehlsfolge. Das ist alles die Schlussfolgerung aus der reinen Belehrung von Kapitel 1 und 2.
Belehrung und Praxis im Neuen Testament
Das ist sehr wichtig, weil viele Christen heute sagen: Mich interessiert Belehrung nicht, ich will Praxis. Aber die Praxis folgt aus der Belehrung. Alles, was wir tun, hat eigentlich eine Lehre, ein System, das dahintersteht.
Ich mache das mal spontan aus dem Leben gegriffen: Als ich Musik studierte, sollte ich einen Kurs über Eutonie besuchen. Das ist eine Entspannungslehre, die Ähnlichkeit mit Yoga hat und so weiter. Und weil ich nie Stunden geschwänzt habe, bin ich hingegangen, obwohl mich das von Anfang an angeekelt hat.
Dann hat die Lehrerin gesagt: So, jetzt könnt ihr mal alle auf dem Boden liegen, und so weiter. Und da begann das mit der Praxis. Dann bin ich zu ihr gegangen und habe gesagt: Ich habe gedacht, es sei eine Information darüber, was Eutonie ist und so weiter. Und ich kann das aus ideologischen Gründen, wegen der ideologischen Hintergründe, nicht praktizieren.
Dann sagte sie: Es hat keine Ideologie dahinter. Ich habe gesagt: Doch, alles, was man macht, hat immer zuerst eine Lehre dahinter. Es geht nicht einfach nur um die Praxis. Die Praxis kommt immer aus einem System. Und da hat sie gesagt: Ja gut, entweder machen Sie mit, oder dann gehen Sie.
Dann war es klar, dann konnte ich gehen. Das hatte später Konsequenzen. Der Direktor hat dann nach einer Pädagogikprüfung, bei der ich durchgefallen war, bei der Nachbesprechung gesagt: Sie sind ja sowieso gegen Yoga und Eutonie. Gegen Yoga, hat er gesagt.
Also da hat man hinten durch natürlich darüber gesprochen. Gut, das hat dann ein Semester mehr gekostet, aber das habe ich bis heute überwunden.
Aber hinter jeder Praxis steht eine Belehrung, und das ist auch im Christentum so. Aus der biblischen Belehrung wissen wir, was wir zu tun haben, warum wir etwas tun und warum wir etwas nicht anders tun.
Der praktische Teil der Briefe als Folge der Lehre
Nun haben wir das auch zum Beispiel in Römer 12,1. Nachdem Paulus im Römerbrief die ganze Lehre des Heils systematisch entfaltet hat und auch im Zusammenhang damit die Stellung Israels im Heilsplan, Kapitel 9 bis 11, kommt dann der praktische Teil ab Kapitel 12,1: Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes.
Diese Barmherzigkeit Gottes wurde in Kapitel 1 bis 11 aufgezeigt. Und nun kommt die Ermahnung, aber eben als Schlussfolgerung all dieser konkreten praktischen Anweisungen. Da könnte man einen Katalog zusammenstellen und sich fragen: Was gibt es da alles an praktischen, konkreten Anweisungen und Befehlen?
Es gibt ja viele Christen, die sagen: Was muss man eigentlich tun? Es gibt ja keine Gesetze im Neuen Testament. Hier muss man nur all diese Befehle zusammenzählen. Es heißt nicht einfach: du sollst, du sollst. Es ist eine ganz andere Sprache: tötet, legt ab, zieht an.
Ja, das „du sollst“ hat nämlich den Unterton des Gesetzes. Das Gesetz richtet sich ja an Menschen, von denen die große Zahl gar nicht wiedergeboren war. Du sollst, das sollte der Mensch. Aber Gott weiß, dass der Mensch es aus sich heraus gar nicht kann. Die Sprache des Neuen Testaments an Wiedergeborene ist dagegen: zieht an, trachtet, suchet. Denn Gott erwartet, dass man es kann, durch seine Kraft, durch das neue Leben.
So muss man einmal Römer 12 bis 16 lesen. Aber das Wörtchen nun zeigt die Schlussfolgerung.
Desgleichen im Epheserbrief: Nachdem der Apostel diese erhabenen Lehren über die Gemeinde und ihre Stellung vorgetragen hat, kommt Kapitel 4,1: So ermahne ich euch nun. Kapitel 4 bis 6 ist die praktische Schlussfolgerung aus der Belehrung von Kapitel 1 bis 3. Also eine sehr wichtige Sache.
Gebet um Wachstum und die vollkommene Rettung
Wir haben im Kolosserbrief bereits bis Kapitel 1,8 gelesen. Wir hatten als Unterstruktur unter I die Lehre von der Erhabenheit des Sohnes Gottes, Kapitel 1 bis 2. Dabei hatten wir die Begrüßung, 1,1 bis 2, dann ein Gebet, den Dank für die Kolosser, 1,3 bis 8, und jetzt kommt wieder ein Gebet: die Bitte um geistliches Wachstum der Kolosser, 1,9 bis 15.
Hören wir auch seit dem Tag, da wir es vernommen haben, nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, damit ihr des Herrn würdig wandelt und ihm in allem wohlgefällig seid, in jedem guten Werk fruchtbar und in der Erkenntnis Gottes wachsend, mit aller Kraft gestärkt gemäß der Macht seiner Herrlichkeit, zu aller Standhaftigkeit und Langmut mit Freuden, indem ihr dem Vater Dank sagt, der uns tüchtig gemacht hat, teilzuhaben am Erbe der Heiligen im Licht. Er hat uns errettet aus der Herrschaft der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben, die Vergebung der Sünden, durch sein Blut.
Also: Paulus dankt für die Bekehrung der Kolosser, 1,3 bis 8, und betet jetzt, dass sie geistlich wachsen und vorwärtskommen. Dieses geistliche Wachstum ist wichtig, um würdig dem Herrn zu wandeln. Dieser Punkt des geistlichen Wachstums ab der Bekehrung ist im Zusammenhang mit dem Kolosserbrief ganz wichtig. Wir werden sehen, dass die Kolosser mit einer Irrlehre konfrontiert waren, in der man ihnen im Grunde erklärte: Es ist schön, dass ihr bekehrt seid, aber das reicht nicht. Ihr müsst noch in eine höhere geistliche Sphäre aufsteigen, ihr braucht noch eine zweite Erfahrung.
Genau das wird nun im Kolosserbrief gründlich zerschlagen und widerlegt. Hier wird gezeigt: Nein, der Erlöste hat mit der Bekehrung und Wiedergeburt alles in Christus. Er braucht keine zweite Erfahrung. Er hat bereits alles. Das steht jedoch nicht im Widerspruch dazu, dass wir geistlich tagtäglich im Glauben wachsen müssen. Das schon, aber nicht in dem Sinn, dass wir noch ein zweites Erlebnis oder eine zweite Einweihung in höhere Erkenntnis brauchen. Auf keinen Fall.
Darum ist dieses Gebet hier ganz wichtig. Paulus betet um das gesunde, fortschreitende geistliche Wachstum der Kolosser. Und dieses Wachstum ist begründet in der Tatsache der völligen Errettung.
Die Stellung des Gläubigen und die Bedeutung der Rettung aus der Finsternis
Darum wird in Vers 12 gedankt, indem er dem Vater Dank sagt, der uns tüchtig gemacht hat, teilzuhaben am Erbe der Heiligen im Licht.
Und dann heißt es in Vers 13: Er hat uns errettet aus der Herrschaft oder Gewalt der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe.
Im Griechischen sind das Aoristformen, die eine vollendete Handlung in der Vergangenheit beschreiben. Das ist so wichtig. Der Gläubige muss wissen: Durch die Bekehrung und Wiedergeburt bin ich als abgeschlossener Akt in der Vergangenheit errettet aus der Gewalt der Finsternis. Das Reich der Schlange hat überhaupt kein Anrecht mehr an einen. Das ist abgeschlossen.
Und das ist sehr wichtig zu betonen, weil viele Gläubige verunsichert sind und denken: Ja, irgendwie habe ich noch Bindungen, die müssen zuerst gelöst werden durch meine Vorfahren, es sind noch Flüche da usw. Ich bin irgendwie noch teilweise im Reich der Finsternis gefangen. Aber der Vers sagt hier: Nein, ihr sollt dem Vater danken, er hat uns errettet, vollendet, abgeschlossen aus der Herrschaft der Finsternis.
Und das Nächste ist auch ein Aorist. Es ist abgeschlossen und hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe. Das ist nicht ein Prozess, wir kommen langsam ins Reich des Sohnes seiner Liebe hinein, sondern der Gläubige ist herausgerettet aus dem Reich der Schlange und er gehört jetzt ins Reich des geliebten Sohnes Gottes.
Übrigens bedeutet „der Sohn seiner Liebe“: der geliebte Sohn. Warum sagt dann Paulus nicht einfach „der geliebte Sohn“? Das ist eine Redewendung, die dem Hebräischen entspricht. Im Hebräischen gibt es im Vergleich zum Deutschen oder zum Griechischen sehr wenig Adjektive. Es gibt sie schon, aber nur wenige. Und dann ist man im Ausdruck eingeschränkt. Stattdessen umschreibt man mit Hauptwörtern im Genitiv. Zum Beispiel das Wort „seiner Macht“: Das ist sein mächtiges Wort, so in Hebräer 1. Christus trägt alles durch das Wort seiner Macht, also durch sein mächtiges Wort.
Und hier: „der Sohn seiner Liebe“ bedeutet: sein geliebter Sohn. Aber für das Empfinden damals in der Sprache hatte das etwas Feierliches. Es ist also irgendwie würdiger, wenn man sagt: „der Sohn seiner Liebe“, anstatt nur: „der geliebte Sohn“. Und darum drückt sich der Apostel Paulus auch an anderen Stellen oft so aus, mit diesem Hauptwort im Genitiv, das die Bedeutung eines Adjektivs hat.
Also: Diese Errettung, diese vollständige Errettung, ist geschehen durch seinen geliebten Sohn, den Sohn des Vaters. In ihm haben wir die Erlösung als gegenwärtigen Besitz, in Vers 14: indem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden.
Also ganz wichtig: Wir haben die Befreiung, wir haben die Vergebung.
Die völlige Trennung vom alten Bereich und die neue Zugehörigkeit
Ja, aber dann schreibt mir jemand: „Aber es heißt doch in 2. Mose, dass Gott doch reicht bis ins dritte und vierte Glied.“
Ja, das steht dort. Aber worauf bezieht sich das? 2. Mose 20,5. Es geht um Götzendienst, und das ist ein wichtiger Teil des Okkultismus: „Bete sie nicht an und diene ihnen nicht; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied.“
Aber bitte: Wer jetzt stoppt, liest die Bibel nicht genau. Es heißt dort: „der mich hassen“. Also wenn jemand auf demselben Weg wie seine Vorfahren weitergeht, im Götzendienst, in der Gottlosigkeit, im Okkultismus usw., dann erfüllt sich dieses Wort an denen, die mich hassen.
Aber weiter heißt es, dass er Gnade erweist an vielen Tausenden, oder auf Tausende hin, das heißt über Tausende von Generationen. So viele gab es gar nicht seit Adam, die mich lieben und meine Gebote halten.
Also bezieht sich dieses Rächen bis ins dritte und vierte Glied auf Menschen, die in der Gottlosigkeit weitergehen. Aber wer sich bekehrt hat, der ist aus dem Reich der Finsternis errettet, und er ist versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe.
Und nun bildet das den Ausgangspunkt für eigentlich den Höhepunkt des Kolosserbriefes.
Die Erhabenheit Christi als Gott und Mensch
Und das sind die Verse 16 bis 23, der nächste Abschnitt auf unserem Strukturplan: die Erhabenheit Christi als Gott und Mensch. Jetzt zeigt der Apostel Paulus, wer dieser Sohn der Liebe des Vaters ist, der uns ein so vollkommenes und vollendetes Heil geschenkt hat, das wir heute in Besitz haben. Und es gilt, das auch wirklich im Glauben zu ergreifen.
Jemand, der denkt, da sei immer noch ein Fluch, und da sei immer noch etwas, wird wackelig, obwohl er errettet ist. Er ist dann wackelig auf seinen Beinen. Und da hat der Feind natürlich einen gelegenen Ansatzpunkt. Aber dem dürfen wir nicht nachgeben, sondern wir müssen uns da ganz klar auf Kolosser 1,12-13 abstützen. Das sind Stellen, die ich immer wieder in der Seelsorge benutze, gerade für Gläubige, die auf diesem Gebiet Probleme haben. Da müssen sie sich festklammern. Das steht hier: errettet, abgeschlossen; versetzt, abgeschlossen. Wir haben die Erlösung, also keine Bindung mehr, und dafür sollen wir danken, Vers 12, indem ihr dem Vater Dank sagt.
Aber das ist alles geschehen durch diesen wunderbaren Sohn seiner Liebe, und wer dieser Sohn ist, das wird nun erklärt.
Die einzigartige Grösse des Sohnes Gottes
Ich habe auf der Rückseite einen neuen Titel gesetzt: Kolosser 1,16-20, die gewaltige Größe des Sohnes Gottes. Das ist also nach den Elberfeldern, nach der alten Elberfelder, etwas bearbeitet von mir. Zusätzlich habe ich alle Wörter, die im Grundtext betont sind, die man aber im Deutschen nicht unbedingt als solche erkennt, hier fett und schwer gedruckt.
Da sieht man plötzlich, wenn man den Text so liest, wie er im Griechischen zu verstehen ist, welcher Akzent darauf gelegt wird: auf die Erhabenheit und Größe der Person Jesu Christi, der einzigartig dasteht.
Unter dem Titel Besonderheiten heißt der erste Punkt: Der Name Kolosse, wo die Gemeinde war, heißt auf Griechisch Kolossai. Dieses Wort kommt von dem griechischen Adjektiv kolossaios. Es bedeutet riesengroß, gigantisch, gewaltig. In Kolosse gibt es gigantische Felsformationen; das hat wohl den Namen der Stadt geliefert.
Aber ausgerechnet im Kolosserbrief finden wir diese Beschreibung: die gewaltige Größe des Herrn Jesus Christus. Also kommt unser Wort kolossal von kolossaios.
Christus als Schöpfer, Erhalter und Herr über die Engelwelt
Durch den Text, wie er da auf dem Blatt abgedruckt ist, denn durch ihn sind alle Dinge erschaffen worden, ist betont. Dieser Sohn der Liebe ist der Schöpfer, und kein anderer. Er ist das, durch ihn sind alle Dinge erschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren. Es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alle Dinge sind durch ihn, durch ihn und für ihn geschaffen. Also, er ist der Schöpfer aller Dinge, sichtbar und unsichtbar.
Und es ist so: Wir haben hier drei Ausdrücke. Alle Dinge sind in ihm. So bin ich wörtlich bei Vers 16, denn durch ihn in der Fußnote steht wörtlich in ihm, das heißt in der Kraft seiner Person. In ihm und dann am Schluss des Verses durch ihn, das ist ein anderes Wort, dia auf Griechisch, durch ihn. Und was bedeutet das? In ihm bedeutet, es ist in der Kraft seiner Person geschehen. Er hat in seiner Macht gewirkt in der Schöpfung. Durch ihn bedeutet, dass der Sohn Gottes auch wirklich der Ausführende war in der Schöpfung. Und für ihn bedeutet, dass die ganze Schöpfung zur Verherrlichung seiner Person ins Dasein gerufen worden ist. Und jedes Mal wird betont: in ihm, durch ihn, für ihn, kein anderer. Das ist der Sohn seiner Liebe. Also wirklich gewaltig.
Es wird bei den unsichtbaren Dingen betont: es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten. Das sind Ausdrücke, die öfters im Neuen Testament an verschiedenen Stellen vorkommen, und sie bezeichnen Engel, aber verschiedene Abstufungen und Funktionen der Engel. Zum Beispiel Throne, das bezeichnet die Cherubim, die Gottes Thron flankieren. In der Stiftshütte der Bundeslade wurde ja so hergestellt als Fußschemel Gottes, dass zwei Cherubimengel waren, ein Stück Gold mit dem Versöhnungsdeckel der Bundeslade. Und im Salomonstempel gab es dann noch zwei weitere Cherube aus Olivenholz, überzogen mit Gold. Und so waren hier vier lebendige Wesen, die Gottes Thron flankierten. Gott thronte zwischen den Cherubim. Psalm 80: Der du thronst zwischen den Cherubim, strahle hervor. Und in der Offenbarung finden wir den Thron Gottes im Himmel, Offenbarung 4, und da finden wir wieder vier lebendige Wesen. Das sind also Cherubgestalten, die Gottes Thron gewissermaßen flankieren und Gottes Ehre in seiner Herrschaft verteidigen. Das sind diese Thronengel. Aber dann wird auch gesprochen über Herrschaften, Fürstentümer, Gewalten. Also die ganze Engelwelt ist das Werk des Sohnes Gottes.
Warnung vor Engelverehrung und die Antwort des Neuen Testaments
Das war wichtig, weil diese Irrlehre, die nach Kolossä gekommen war, die Engelverehrung mitgebracht hat. In Kapitel 2, Vers 18 heißt es:
„Lasst nicht zu, dass euch irgendjemand um den Kampfpreis bringt, indem er sich in Demut und Verehrung von Engeln gefällt und sich in Sachen einlässt, die er nicht gesehen hat, wobei er ohne Grund aufgeblasen ist von seiner fleischlichen Gesinnung und nicht festhält an dem Haupt, von dem aus der ganze Leib usw. unterstützt zusammengehalten wird.“
Also: Verehrung von Engeln. Paulus sagt, die Engel sind einfach Geschöpfe Gottes. So mächtig die Engel auch sein mögen, sie sind einfach Geschöpfe des Sohnes Gottes. Engel dürfen nicht verehrt und nicht angebetet werden.
Es ist aber sehr eindrücklich, wenn man das Neue Testament einmal nur daraufhin studiert, um zu sehen, welche Dinge später in der Kirchengeschichte gekommen sind. Sie sind alle im Neuen Testament bereits widerlegt. Das ist eindrücklich. Durch die ganze Kirchengeschichte kann man nicht hindurchgehen, aber auf jedem Irrweg hat man bereits im Neuen Testament die Antwort und die Widerlegung.
Und in der katholischen Kirche ist dann ja die Lehre, das Dogma der Engelverehrung, bis heute aufgebracht worden, dass Engel angerufen werden können. Ein abscheulicher Götzendienst. Und der Kolosserbrief zerschlägt ihn gleich bereits im ersten Jahrhundert, im Jahr 62, noch lange bevor die römische Kirche überhaupt entstanden ist. Das ist das Eindrückliche.
Ja, wir sparen uns den Rest auf für nach der Pause. Wir haben jetzt die große Pause bis ... Ach nein, wir haben ja erst 15.30 Uhr. Nein, wir machen noch weiter.
Die ewige Gegenwart Christi und seine Macht über die Schöpfung
Kolosse 1,17: Und er ist vor allem, und alle Dinge werden durch ihn zusammengehalten.
Es ist unbedingt so sichtbar zu machen, dass hier speziell betont wird, nicht einfach: „Und er ist vor allen“, sondern: „Er ist vor allen“, um ihn abzugrenzen gegen alle anderen, die irgendwie konkurrieren möchten.
Nun, was bedeutet dieses „Und er ist vor allen“? Ja, wir würden es vielleicht so schreiben: „Und er war vor allen.“ Es geht um seine Präexistenz. Aber weil er der ewige Sohn Gottes ist, der ewige Gott, wird die zeitlose Gegenwart verwendet. Er ist, er ist schlicht der Seiende. Er ist vor allem.
Also: Er hat alles erschaffen, es gibt nichts, was nicht durch ihn erschaffen worden wäre. Aber er selber ist der Ewige, der nicht der Zeit unterworfen ist. Und das entspricht ja genau der Bedeutung des Gottesnamens Yahweh im Alten Testament. Yahweh, der häufigste Gottesname, kommt circa siebentausend Mal im Alten Testament vor. Man schreibt ihn auf Hebräisch J H W H, und diese drei Konsonanten, H W H, Havah, bedeuten sein, to be. Also bedeutet Yahweh: der Seiende, der da ist, der ewig Seiende und Unwandelbare, der eben nicht Raum und Zeit unterworfen ist.
Auch die Engel sind ja Raum und Zeit unterworfen. Satan stellt in Hiob 1 die Frage: Woher kommst du? Vom Durchstreifen der Erde. Also, er machte Weltreisen, aber war nicht überall gleichzeitig.
Ein Engel in Daniel 10 entschuldigt sich, nachdem Daniel drei Wochen gebetet und gefastet hat, dass er nicht schon am ersten Tag gekommen war. Denn das Gebet war von Anfang an erhört, aber er sagt, der Fürst von Persien habe ihm Widerstand geleistet, und jetzt sei er gekommen. Das war also ein Engelfürst, der an der Spitze von Persien steht, ein gefallener Engel. Der hatte diesem Engel Gottes drei Wochen lang Widerstand geleistet, und darum kam er zu spät.
Also: Engel sind Raum und Zeit unterworfen, wenn sie sich auch viel schneller bewegen können als wir. Zum Beispiel der gefallene Engel, der zum Satan geworden war, sagt in Jesaja 14,12, er wollte aufsteigen zum Thron Gottes, und er wollte aufsteigen zu den Sternen. Das zeigt auch die Beweglichkeit im Weltall, und diese haben wir nicht. Wir sind ein bisschen über die Erde gesprungen in der Weltraumfahrt, nicht wahr?
Also: Engel sind auch Raum und Zeit unterworfen. Aber von dem Herrn Jesus heißt es: Und er ist vor allem. Er ist Yahweh.
Christus als Erhalter, Kreuzträger und der wahre Mittelpunkt der Welt
Und weiter: Alle Dinge werden durch ihn zusammengehalten. Also, der Herr Jesus ist nicht nur der Schöpfer aller Dinge, hier sehen wir, er ist auch der Erhalter aller Dinge.
In diesem üblen Buch Dr. Faust von Goethe wird die Frage gestellt, was denn die Welt im Innersten zusammenhält. Ja, das war die grosse Frage der Philosophie, und man kann sie nicht beantworten ohne die Offenbarung des Wortes Gottes. Was die Welt im Innersten zusammenhält, das ist der Sohn Gottes. Und das bedeutet, dass auch die Atome, die Materie, durch ihn zusammengehalten werden.
In 2. Petrus 3 sagt Petrus, dass der Tag kommen wird, an dem die Elemente, Stochäa, aufgelöst werden. Die Griechen meinten ja, die Elemente seien Atomos, Atomoi, unteilbar. Aber der Petrusbrief braucht nicht das falsche Wort Atom, das wir immer noch brauchen, obwohl wir heute wissen, dass die Grundelemente ja spaltbar sind. Er braucht das Wort Stochäia, das bedeutet Grundelemente der Materie. Und er sagt, die werden aufgelöst, und Himmel und Erde werden in Brand zerschmelzen, sogar die Kernfusion ist darin enthalten.
Vor 2000 Jahren schreibt ein Fischer aus Galiläa unter Inspiration des Heiligen Geistes. Also: Wir wissen heute, dass die Atome spaltbar sind, aber sie halten heute. Die Welt wird zusammengehalten, und der Tag wird kommen, wo alles aufgelöst wird, wo der Sohn Gottes sie nicht mehr zusammenhalten wird. Das wird der Weltuntergang sein, aber erst nach dem Tausendjährigen Reich. Wir warten nicht auf den Weltuntergang, wir warten auf die Wiederkunft Christi. Aber er hält alles zusammen.
Heute wissen wir, welche kleineren Teile in den Atomen wirken. Man weiss genau, wie gross die Ladung eines Elektrons ist, aber kein Physiker kann uns erklären, was ein Elektron ist. Das Wesen dieser Dinge ist uns völlig unbekannt. Man kann nur damit rechnen und arbeiten, aber im Grunde genommen weiss niemand, was das ist. Im tiefsten Wesen ist es völlig unbekannt. Aber wir wissen: Das sind Kräfte, die zusammenhalten. Doch im Innersten ist das das aktive Wirken des Sohnes Gottes.
Darum können wir auch sagen: Die Naturgesetze sind nicht so zu verstehen, dass Gott am Anfang alles geschaffen hat und jetzt ist die Welt selbständig. Das war der Wunsch der Deisten in der Aufklärungszeit. Die Deisten haben gesagt: Natürlich gibt es Gott, irgendwie muss ja das alles begonnen haben, aber Gott hat sich zurückgezogen, hat nichts mehr zu tun mit dieser Welt. Darum gibt es auch keine Wunder, und die Wunder in der Bibel können wir alles vergessen, das gibt es gar nicht. Es gibt nur natürliche Abläufe, die sind alle fix festgelegt.
Aber die Bibel sagt: Nein, der Sohn Gottes hält alles fortdauernd zusammen. Das heisst, die Naturgesetze sind nichts anderes als die Umschreibung des üblichen Handelns des Sohnes Gottes in der Natur. Gott ist ein Gott der Ordnung, und darum können wir damit rechnen, wenn wir auf den dritten Stock springen, dass das eben nicht gut ist für unsere Gesundheit. Das sollen wir nicht tun, weil diese Naturgesetze wirklich das übliche Handeln Gottes beschreiben. Aber es ist nicht so, als hätte sich Gott zurückgezogen. Er hält alles zusammen.
Es ist auch so, dass Daniel dem König Belsazar sagen konnte: Du hast Gott geschmäht, den Gott, dessen Odem in dessen Hand dein Odem ist. Gott hat unseren Lebensatem in der Hand, und wenn er loslässt, dann sterben wir. Und da kann man immer noch sagen: Ja, da hat man ein falsches Herz erwischt. Aber es ist wirklich so, dass Gottes Sohn die Todesstunde bestimmt. In seiner Hand ist unser Odem. Und natürlich gibt es das menschliche Versagen, aber über allem steht der Sohn Gottes.
Und wenn man die Natur eben so sieht, sieht man sie ganz anders. Wir sind in der Schule beeinflusst worden durch die Aufklärung, durch die Deisten und Atheisten usw. Das können wir also abstreifen und können wieder eine wahre Weltsicht gewinnen aus dem Lesen des Kolosserbriefes, aus dem Lesen der Bibel. Alle Dinge werden durch ihn zusammengehalten.
Das bedeutet, ich habe das auch schon einmal anders erklärt: Als der Herr Jesus als kleines Kind in den Armen von Maria war, abhängig von seiner Mutter, da war er gleichzeitig der, der Maria die Kraft gegeben hat, ihn zu tragen. Er hat nie aufgehört, Gott der Schöpfer und der Erhalter des Weltalls zu sein. Gott ist Mensch geworden, aber er konnte nicht seine Gottheit aufgeben, sonst wäre er ja nicht Gott. Gott ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Und was noch eindrücklicher ist: Als der Sohn Gottes am Kreuz hing und die Menschen ihn geschmäht haben: Wenn du Gottes Sohn bist, so steige vom Kreuz herab! Im gleichen Moment war er es, der den Atomen des Holzes die Kraft gab, ihn zu tragen, und den Atomen der metallenen Nägel die Kraft gab, ihn zu halten. Wenn man das so sieht, das ist so beeindruckend. Er wollte am Kreuz bleiben, weil anders wäre die Erlösung dann nicht möglich geworden, durch sein Leiden in den drei Stunden der Finsternis.
Das, was die Menschen ihm angetan haben, das hat ja keine Sünde weggebracht. Das war nur die Offenbarung der Bosheit der Menschen. Aber das sühnende Leiden war nur das Leiden vonseiten Gottes in den drei Stunden der Finsternis, wo Gott ihn, den mit Schuld Beladenen, verlassen hat. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und dieses Leiden ist unvergleichbar mit allen körperlichen Leiden, die die Menschen ihm zugefügt haben. Aber Gott hat eine Finsternis darübergezogen, weil er nicht wollte, dass die Menschen das schmerzentstellte Gesicht des Sohnes Gottes sehen würden, als er der Sündenträger war und Gott ihn verlassen hatte.
Und gleichzeitig war er der, der den Elementen die Kraft gab, ihn am Kreuz zu halten. Das ist schon eindrücklich. Das ist unser Herr, das ist eben dieser Sohn seiner Liebe, dem wir diese volle Erlösung verdanken.
Die Antwort auf Irrlehren durch die Grösse Christi
Und darum ist es Paulus so wichtig zu zeigen, wer er ist, weil die Kolosser so dumme Lehren zugespielt bekommen haben.
Ich habe die Erfahrung gemacht, auch mit kleinen Kindern. Wir haben ja einige zuhause gehabt, und sie werden immer größer. Wenn sie etwas Ungünstiges in der Hand haben und man muss ihnen das aus Sicherheitsgründen wegnehmen, dann ist es nicht unbedingt das Idealste, wenn wir ihnen das aus der Hand reißen. Dann machen sie so ein Gezeter, obwohl wir natürlich versucht haben, sie gut zu erziehen. Aber sie machen so ein Gezeter und weinen und heulen. Es ist so schrecklich.
Man muss ihnen nur etwas Besseres geben, dann lassen sie das Dumme fallen.
Und so ist es auch: Wie werden Irrlehren im Neuen Testament widerlegt? Immer und immer wieder sehen wir, dass dann die Größe des Sohnes Gottes gezeigt wird, damit wir sehen, wie unsinnig, wie unsinnig.
Und darum ist es wichtig, in allen Aufklärungen, die wir tun, immer die Größe des Sohnes Gottes vor die Herzen zu stellen, damit die Herzen von ihm bewegt werden. Dann sind sie bereit, all den Unsinn auch wegzugeben.
Das ist genau das, was wir hier so im Kolosserbrief finden, aber auch anderswo im Neuen Testament gezeigt werden kann.
Christus als Haupt der Gemeinde und Ursprung des neuen Lebens
Wir fahren weiter in Vers 18, und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde. Wieder betont er: kein anderer, nicht der Papst von Rom, nicht die Königin von England. Ja, sie ist ja das Oberhaupt der englischen Kirche. Dann vergisst man, dass das antichristlich ist.
„Anti“ heißt ja nicht nur gegen, sondern anstelle von. Also wer sich als Haupt der Kirche bezeichnet, der nimmt den Platz von Christus ein oder will ihn einnehmen. Das ist antichristlich. Darum: der Vikarius Dei und das Oberhaupt der Kirche, das ist antichristlich. Und eben auch die Stellung der Königin von England, das ist antichristlich.
Er ist das Haupt der Gemeinde. Nur er hat das Sagen in der Gemeinde, niemand anders. Hier wird nun über den Leib Christi gesprochen. Wir haben letztes Mal hier in Reckenbach doch den Epheserbrief behandelt. Dort haben wir sehr viel gefunden über den Leib Christi. Zwischen dem Kolosserbrief und dem Epheserbrief, die ja zur gleichen Zeit geschickt wurden, bestehen sehr, sehr viele inhaltliche Parallelen. Also bis in die Wortwahl hinein lohnt es sich, die nebeneinander zu vergleichen, alle Parallelen im Kolosser- und Epheserbrief. Aber da muss man auf die Unterschiede achten.
Wir müssen also nicht jetzt eine Synopsis machen, so wie man die vier Evangelien in einem Einheitsbrei zusammenführen möchte. Das soll man nicht, höchstens so zum Studium. Aber man soll die Eigenart jedes Evangeliums sehen und auch so Epheser- und Kolosserbrief. Der Epheserbrief legt die Betonung auf den Leib, also gibt die Belehrung: Was ist der Leib Christi? Er besteht aus allen wahren Gläubigen aus den Juden und den Gläubigen aus den nichtjüdischen Völkern. Zusammengeführt zu einem Leib.
Aber im Kolosserbrief wird die Betonung gelegt auf das Haupt. Wer ist das Haupt dieses Leibes? Das ist das Hauptthema im Kolosserbrief. Und darum wird hier betont: Und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde, welcher der Anfang ist. Anfang, archē, hat im Griechischen verschiedene Bedeutungen: Anfang oder Ursprung. Also der Herr Jesus ist, wie wir sehen, in Kolosser 1,16 der Ursprung aller Dinge. In der Schöpfung und dann auch in der Erlösung der Gemeinde ist er der Ursprung. Alles kommt aus ihm hervor. Er ist der Anfang, der Ursprung.
Und dann der Erstgeborene aus den Toten. Zuerst der Begriff des Erstgeborenen: Der Erstgeborene im Alten Testament war der, der eine besondere Stellung in der Familie hatte und auch das größere Erbe bekam. Der Erstgeborene hatte immer Anrecht auf den doppelten Anteil. Aber man konnte auch Erstgeborener werden. Es war nicht unbedingt immer der, der als Erster in der Familie geboren war. Das war üblicherweise so, aber nicht unbedingt.
Der Vorrang des Auferstandenen und die besonderen Titel Christi
Zum Beispiel: Der älteste Sohn von Adam war Kain, der seinen jüngeren Bruder Abel ermordete. Aber der Fortführer der messianischen Linie, der Erbe, war dann Seth, nicht Kain.
Und bei Noah: Noah hatte drei Söhne. Der älteste war Japheth, der jüngste Ham, aber Sem wurde der Fortführer der messianischen Linie, also der zweite.
Und später finden wir bei Isaak die Söhne Esau und Jakob, Zwillinge. Esau war der Erste, der herauskam, vollständig, ja, das war der Erstgeborene. Aber schliesslich hat Gott Jakob zum Erstgeborenen gemacht.
Und später hatte Jakob zwölf Söhne. Der Erstgeborene war Ruben, aber weil er sich so übel verhalten hat, bis hin zur Blutschande, wurde er enterbt. Und so bekam Josef das Erstgeburtsrecht, was das doppelte Erbe anbetrifft, denn seine Nachkommen wurden immer als zwei Stämme gerechnet, Ephraim und Manasse. Und so bekamen sie das doppelte Erbteil im Land. Das Vorrecht der Herrschaft bekam der Stamm Juda. Und das Vorrecht des Priesterdienstes in der Familie bekam der Stamm Levi. Dort wurde es sogar aufgesplittet.
Aber wir sehen: Das hat sogar ein System in der Bibel. Es muss nicht unbedingt der zeitlich Erste, der Erstgeborene, sein. Also der Erstgeborene heisst derjenige, der den ersten Rang hat, den Vorrang. Es kann zeitlich sein, muss aber nicht zeitlich bedeuten. Im Vordergrund steht jedenfalls immer der Vorrang.
Denn der Herr Jesus ist der Erstgeborene aus den Toten. Da ist es auch zeitlich. Er ist der erste Mensch, der auferstanden ist und nicht mehr stirbt. Römer 6 sagt, er stirbt nicht mehr. Alle, die früher schon auferweckt worden waren im Alten Testament, die sind alle wieder gestorben. Auch im Neuen Testament ist Lazarus wieder gestorben. Darum wird in Hebräer 11 von Menschen gesprochen, die eine bessere Auferstehung wollten. Das ist also die Auferstehung, bei der man nachher nicht wieder stirbt, sondern bleibend auferstanden ist.
So ist der Herr Jesus der Erstgeborene aus den Toten, aber er ist auch der Erstrangige von allen, die je auferstehen werden, denn er hat sich selber auferweckt. Ach, so steht es doch in Johannes 10, sagt der gute Hirte, Johannes 10,17: Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen.
Als Gekreuzigter ist der Herr Jesus nicht irgendwie in Schwäche gestorben, wie so viele eben auf diese Weise am Kreuz verendet sind. Er stiess noch kurz vor seinem Tod einen lauten Schrei aus. Das kann man nicht mehr, wenn jemand völlig am Verenden ist am Kreuz. Dann kann er nicht mehr einen lauten Schrei ausstossen. Und so war es, dass der Herr Jesus schliesslich sein Leben selber hingelegt hat: Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Und so hat er sich am dritten Tag wieder selber auferweckt.
Natürlich finden wir in Römer 6, dass Christus auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters. Wir finden in 1. Petrus 3, dass der Herr Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes auferweckt worden ist. Der dreieine Gott war am Wirken, und es war auch der dreieine Gott, der in der Schöpfung gewirkt hat. Aber wir finden eben den Herrn Jesus als den Ausführenden in der Schöpfung, der auch in seiner eigenen Kraft gehandelt hat. Und wir finden in der Erlösung eben, dass der Herr sein Leben selber hingelegt hat und es wieder genommen hat.
Das Johannesevangelium betont eben die Gottheit Christi und seine Gottessohnschaft, darum finden wir das hier so ausdrücklich. Und so ist er der Erstgeborene aus den Toten.
Weitere einzigartige Bezeichnungen und der Vorrang Christi in allem
Wir haben unter den Besonderheiten als zweiten Punkt die Titel und Namen Jesu Christi, die nur im Kolosserbrief vorkommen.
Der Sohn seiner Liebe, 1,13.
Das Bild des unsichtbaren Gottes oder das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, 1,15.
Der Erstgeborene aller Schöpfung, 1,15.
Das Haupt des Leibes, der Gemeinde, 1,18.
Der Erstgeborene aus den Toten.
Das soll heißen: der Erstgeborene aus den Toten. Man vergleiche dazu in der Fußnote Offenbarung 1,5: Ja, der Erstgeborene der Toten. Der Erstgeborene der Toten bedeutet nicht genau dasselbe wie in Kolosser 1,18: der Erstgeborene aus den Toten. Kolosser 1,18 bedeutet, dass er der Herrlichste von denen ist, die je auferstanden sind. Aber der Erstgeborene der Toten bedeutet, dass er der Herrlichste ist, der je gestorben ist, weil er nicht wegen seiner eigenen Schuld gestorben ist, sondern als Stellvertreter. Niemand konnte ihm das Leben nehmen, sondern er hat es gewissermaßen als Opfer vor Gott auf den Altar gelegt.
Also sehr kostbare Titel.
Und dann haben wir weiter auf dem Blatt: Der Christus Jesus, der Herr. Auch das ist ein Titel, der nur dort vorkommt. Die Fußnote erklärt, das bedeutet: der Messias, Jesus, der Herr.
Dann das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt, Kolosser 2,10. Er ist also nicht nur das Haupt der Gemeinde, sondern die ganze unsichtbare Engelwelt steht unter ihm.
Und schließlich haben wir Christus, unser Leben, Kolosser 3,4, und dann der Herr Christus, Kolosser 3,24, also der Herr Messias.
Das sind so besondere Titel, die wir nur im Kolosserbrief finden. Und gerade da, in unseren Versen, die wir behandeln, finden wir ein Konzentrat von solchen ganz besonderen, einzigartigen Titeln im Neuen Testament.
Also, wir stehen immer noch in Kolosser 1,18, und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde, welcher der Anfang ist oder Ursprung ist, der Erstgeborene aus den Toten, auf dass er in allem den Vorrang habe. Das ist Gottes Wille. Christus hat in allem den Vorrang und soll ihn haben. Also durch niemand und durch nichts darf es streitig gemacht werden.
Die Fülle Gottes in Christus und die Versöhnung aller Dinge
Das sind alles Schläge gegen diese Irrlehre, die nach Colossee gekommen war, wo Engel und Engelmächte und geistige Mächte eine wichtige Rolle spielen sollten, neben Christus weitere Vermittler, genauso wie sich das in der katholischen Kirche später so ausgeprägt entwickelt hat, mit all diesen Heiligen, die wie Götter verehrt werden, oder der ganze Marienkult.
In Wirklichkeit verbergen sich hinter diesen Heiligen gefallene Engel, Dämonen, die so verehrt werden, wie das überhaupt ist beim Götzendienst. Es stehen immer Dämonen dahinter. Aber der Herr Jesus hat in allem den Vorrang, das ist Gottes Wille.
Gehen wir weiter zu Vers 19, denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen. Wieder betont das „in ihm“. Was ist die Fülle? Der Ausdruck kommt noch einmal vor, in Kapitel in Kolosser 2,8. Die Fußnote erklärt das, dort heißt es die Fülle der Gottheit.
Die Fülle der Gottheit ist der dreieine Gott. Es gibt nur einen Gott, aber in der Gottheit offenbart uns die Bibel drei Personen: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, vollkommen gleich, von Ewigkeit her, ewig, allwissend, allgegenwärtig.
Nun wird hier gesagt, es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, der Gottheit, des Dreieinen Gottes, in ihm zu wohnen. Das heißt, in dem Menschen Jesus zu wohnen. Also indem der Herr Jesus hier als Mensch war, begegnete man so dem Dreieinen Gott. Es geht ja hier um die Herrlichkeit Christi als Gott und Mensch in diesen Versen, und darum wird das hier so betont: in ihm. Es gibt keinen anderen.
Und dann Vers 20: Und durch ihn alle Dinge mit sich zu versöhnen, indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes, durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln.
Also nur er ist der Erlöser, es gibt keinen, der irgendwie Erlöser oder Miterlöser oder Miterlöserin ist, ja? Das ist ja auch eine Lehre, die man in der katholischen Kirche findet, Maria als Miterlöserin. Nein, durch ihn, niemand anders, nur durch ihn, alle Dinge zu versöhnen, indem er eben als Mensch sein Blut am Kreuz gegeben hat. Und da wird nochmals betont: durch ihn seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln.
Was bedeutet das, die Versöhnung aller Dinge? Wir müssen das gut lesen, das heißt nicht die Versöhnung aller Menschen, aller Dinge. Und wenn wir aufschlagen in Hebräer 1: Und die Himmel sind Werke deiner Hände. Sie werden untergehen, du aber bleibst, und sie alle werden veralten wie ein Kleid, und wie ein Gewand wirst du sie zusammenwickeln, und sie werden verwandelt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht vergehen.
Also hier ist Christus der Schöpfer, aber alle Dinge, die er erschaffen hat, die werden einmal verwandelt werden. Ich habe schon erklärt, 2. Petrus 3, die Auflösung der Schöpfung. Und was tut Gott dann, wenn die Erde aufgelöst ist? Dann erfolgt die Verwandlung zum neuen Himmel und zur neuen Erde, und davon mehr nach der Pause.
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