I. Das gespaltene Leben
Mit grosser Selbstverständlichkeit geht Paulus davon aus, dass wir in
einer anderen Welt leben. Für ihn gibt es Menschen die drinnen und
Menschen die draussen sind.
Christen sind drinnen und Menschen die nicht an Jesus glauben sind
draussen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das uns Christen etwas
unangenehm ist. Wir möchten ja nicht besser sein als andere Menschen. Wir
möchten nicht überheblich wirken. So neigen wir gerne dazu diesen
Unterschied herunterzuspielen.
Aber ob wir das wollen oder nicht: Jesus sagt im Gespräch mit seinem
Vater:
Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst; denn
sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. / Ich
bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie
bewahrst vor dem Bösen. (Joh 17,14-15)Wir leben eigentlich in einer fremden Umgebung. Wir passen da nicht so
richtig hin. Das kann in gewissen Zeiten ganz ungemütlich werden. So sagt
Jesus seinen Jüngern:
Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber
nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe,
darum hasst euch die Welt. (Joh 15,19)
Anwendung
Als Christen müssen wir in dieser Wirklichkeit leben.
Einige Christen neigen nun dazu sich völlig von der Welt fernzuhalten.
Möglichst wenig Kontakt mit Menschen pflegen, die keine Christen sind,
mit der Zeit ziehen sie sich auch noch von den Christen zurück. Wäre das
Gottes Idee gewesen, dann hätte er die Christen gleich von der Erde
nehmen können.
Wenn wir uns weise gegenüber den Menschen verhalten sollen, die noch
nicht Christen sind, dann müssen wir mit ihnen in Kontakt stehen. Das war
für Paulus absolut selbstverständlich, denn wer sich abkapselt muss nicht
weise, sondern stur sein.
In Jesus hatte die Gemeinde das herausragende Beispiel, was es heisst in
einer Welt zu leben, in die man nicht so richtig hineinpasst. Jesus
scheute sich nämlich nicht mit Menschen in engen Kontakt zu treten, die
weit weg von den religiösen Normen lebten. Pharisäer und Schriftgelehrte
nahmen sehr Anstoss an der Lebensführung von Jesus.
Die Pharisäer und die Gesetzeslehrer murrten und sagten: »Er lässt das
Gesindel zu sich! Er isst sogar mit ihnen!« (Lk 15,2)Es ist wichtig, dass wir mit Menschen in Beziehung stehen. Wer im Beruf
dazu wenig Gelegenheit hat, kann ja etwas machen, das ihm Freude macht
z.B.: Englischkurse, Sportvereine, Wahlbürodienst.
Das wir Menschen von einer anderen Welt sind, soll sich dadurch
auszeichnen, dass wir äusserlich absondern, sondern darin dass wir andere
Wertmassstäbe haben. Wie wir in der Bibel unterwiesen werden:
Passt euch nicht den Massstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von
Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr
euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes
entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig
und vollkommen ist. (Röm 12,2) Ihr kennt die Gebote: »Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube
niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.« Diese
Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefaßt: »Liebe
deinen Mitmenschen wie dich selbst.« (Röm 13,9) Bleibt niemand etwas schuldig - ausser der Schuld, die ihr niemals
abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den
Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert. (Röm 13,8)
II. Die Gelegenheit beim Schopf packen
Die Weisheit im Leben als Christ benötigen wir um die Zeit auszukaufen.
Vielleicht schalten jetzt gleich einige von uns auf Durchzug. Wir wissen
ja was jetzt kommt. Man hört es überall: Ein Vortrag über die richtige
Zeiteinteilung, man muss Ziele haben und dafür einen konkreten Zeitplan
ausdenken. Man muss den Tag strukturieren, damit keine Zeit unnütz vertan
wird usw. usf.
Aber bevor Du ganz auf Durchzug schaltest warte noch einen kleinen
Moment. Es ist nicht ganz so. Und wenn man diesen Vers als Referenzstelle
für ein effektives Zeitmanagement verwendet, so hat man sich definitiv
geirrt.
Die griechische Sprache kennt zwei Begriffe mit denen sie zwei
verschiedene Aspekte der Zeit charakterisiert. Der eine heisst Chronos.
Das bezeichnet mehr die fortlaufende Zeit. Die Chronologie der Zeit.
Würde dieses Wort hier stehen, müsste ich eher über die richtige
Zeiteinteilung sprechen.
Paulus verwendet aber das andere Wort: Kairos. Das bezeichnet mehr die
rechte Zeit, die rechte Stunde oder den günstigen Augenblick.
Kairos ist eine Gestalt in der Antike...
Diese Darstellungen sind Nachbildungen der Kairosstatue des Lysipp[1];
von ihm dargestellt war vermutlich ein nackter jugendlicher Ephebe[2]
mit Fussflügeln, auf den Fussspitzen vorüberhuschend ... Als Attribute
hatte er ausser den Fussflügeln nur eine auffällige Frisur, Stirnlocke
bei ganz kurzem Haar am Hinterkopf". Dies letztere Kennzeichen
bestätigt, dass der Kairos auch in der religiösen Betrachtung den
Entscheidungscharakter mindestens ursprünglich hat: die Haarlocke
deutet symbolisch an, dass man die günstige Gelegenheit beim Schopfe
packen" dass der Mensch durch den Kairos zum Handeln gefordert ist.
(Kittel, III,458, 30ff).
Wir sollen die Gelegenheiten beim Schopf packen.
So sagt Jesus über Jerusalem:
Sie werden dich und deine Bewohner völlig vernichten und keinen Stein
auf dem andern lassen. Denn du hast den Tag (kairos) nicht erkannt, an
dem Gott dir zu Hilfe kommen wollte.« (Lk 19,44)
Evangelisation
So gibt es auch im Leben so Gelegenheiten, die man beim Schopf packen
muss. Ich denke da auch an Menschen, die das Evangelium verstanden haben
und eigentlich wissen, dass es wahr ist, aber sie tun den Schritt zu
Jesus nicht.
Sie verschieben diesen Schritt auf irgendwann später. Das kann eben die
verpasste Gelegenheit sein.
Wenn Du das schon mal gemacht hast, so lass das nächste Mal diese
Gelegenheit nicht nochmals vorbeigehe. Entscheide Dich und folge Jesus
nach.
Anwendung
Die Zeit auskaufen heisst also nicht in endloser Betriebsamkeit sich
ergeben, jede Minute minuziös geplant habe, sondern bedeutet, die
Gelegenheit, die sich bieten beim Schopf packen.
z.B.
- Einem Nachbarn der krank ist meine Hilfe anbieten
- Arbeitskollege unterstützen und helfen
- Jemanden der mich auf den Glauben anspricht oder eine Bemerkung macht, wo ich einhaken kann.
- Einer Schulkameradin eine Glückwunschkarte zum Geburtstag schreiben
Oft sind wir so engagiert und betriebsam, dass wir vor lauter
Betriebsamkeit die besten Gelegenheiten verpassen. Oder wenn wir sie noch
erkennen würden, fehlt uns die Kraft, weil wir einfach keine Reserven
mehr haben.
Das gilt auch für uns als Gemeinde. Es geht nicht in erster Linie darum
Ziele zu formulieren und eine Strategie zu deren Erreichung zu
entwickeln. Das ist nicht falsch und wir tun das auch und es kann sehr
hilfreich sein. Aber das kann man auch völlig überbewerten.
Viel wichtiger ist es, dass wir die Gelegenheiten entdecken und sie
voll und ganz nutzen.
Denn was wissen wir, was in fünf oder zehn Jahren wirklich sein wird. Der Herr allein weiss es. Aber wir können heute die Gelegenheit entdecken, die sich uns bieten und sie nutzen.
Ein Wörterbuch beschreibt die Intension vom auskaufen der Gelegenheit
folgendermassen.
Wenn sich die Gelegenheit bietet, soll sie unter Aufwand von Kosten,
von Anstrengungen, restlos ausgenützt", werden.[3]
Schluss
Macht ernst damit - und das erst recht, weil ihr wisst, was die Stunde
geschlagen hat! Es ist Zeit (kairos) für euch, aus dem Schlaf
aufzuwachen. Denn unsere endgültige Rettung ist nahe; sie ist uns jetzt
näher als damals, als wir zum Glauben kamen. (Röm 13,11)
Amen
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[1] Lysipp (Lysippos von Sikyon), griechischer Bronzebildner des
4.ÿðJahrhunderts v.ÿðChr., Hofbildhauer Alexanders d.ÿðGr. Von Lysipps
Götter- und Menschenstatuen sind nur kaiserzeitliche Marmorkopien, u.ÿða.
der Apoxyomenos (Vatikan, um 325 v.ÿðChr.), der Farnesische Herakles
(Nchischer Bronzebildner des 4.?Jahrhunderts v.?Chr., Hofbildhauer
Alexanders d.?Gr. Von Lysipps Götter- und Menschenstatuen sind nur
kaiserzeitliche Marmorkopien, u.?a. der Apoxyomenos (Vatikan, um 325
v.?Chr.), der Farnesische Herakles (Neapel) und das Alexanderbildnis
(»Azara Herme«, Louvre) überliefert. Mit seinem bewegten Stil wurde Lysipp
zum Wegbereiter der hellenistischen Kunst.
[2] Epheben [griechisch], in der griechischen Antike die jungen Männer
zwischen 18 und 20 Jahren, die seit dem 4.Jahrhundert v.Chr. nach
athenischem Vorbild von Staats wegen eine militärische Erziehung erhielten.
[3] Kittel: I,128,17ff
